Star Wars. Schatten der Vergangenheit (Die Hand von Thrawn Band 1)

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Buch:  Im  ersten  Band  der  neuen  Star  Wars‐Serie  »Die  Hand  des  Thrawn« versucht Prinzessin Leia verzweifelt die lockere Koa‐ lition  der  Neuen  Republik  so  lange  zusammenzuhalten,  bis  das feindliche Imperium endgültig zerschlagen ist. Die unsta‐ bilen  Machtverhältnisse  werden  weiter  erschüttert,  als  Han  Solo  und  Luke  Skywalker  entdecken,  daß  die  Besatzung  der  Piratenschiffe,  die  die  Transportflotte  der  neuen  Republik  überfallen,  aus  Klonen  besteht.  Das  Kommando  der  Piraten  führt  ein  geheimnisvoller  Krieger,  der  sich  als  Großadmiral  Thrawn ausgibt, einst mächtigster Kriegsherr des Imperiums –  doch Thrawn kam angeblich vor zehn Jahren ums Leben.  Thrawns Plan, die zerbrechliche Neue Republik zu zerstören,  scheint zu gelingen – es sei denn, Han, Leia und Luke können  ihn stoppen…     

Autor  Timothy  Zahn  ist  einer  der  bekanntesten  Science  Fiction‐ Autoren  der  Gegenwart  und  gilt  als  unumschränkter  Meister  der Star Wars‐Romane. So schrieb er unter anderem die große  Star  Wars‐Saga.  Für  seine  Arbeit  wurde  er  bereits  mit  dem  Hugo  Award  ausgezeichnet.  Timothy  Zahn  lebt  in  Oregon,  USA. 

TIMOTHY ZAHN 

   

Die Hand von Thrawn  Band 1   

Schatten der Vergangenheit      Aus dem Amerikanischen  von Ralf Schmitz             

  WILHELM HEYNE VERLAG  MÜNCHEN 

Heyne allgemeine Reihe  Nr. 01/10219  Titel der amerikanischen Originalausgabe  »The Hand of Thrawn I – Specter of the Past«  erschien 1997 bei Bantam Books,  a division of Bantam Doubleday Dell Publishing Group, Inc.                            ® TM & © 1997 by Lucasfilm Ltd.  All rights reserved  Used under authorization  Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung  Copyright Promotion GmbH, Ismaning  Copyright © 2000 der deutschen Ausgabe  by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München  Printed in Germany 2000  Umschlagillustration: Drew Struzan  Umschlaggestaltung: Atelier Ingrid Schütz, München  Satz: Buch‐Werkstatt GmbH, Bad Aibling  Druck und Bindung: Elsnerdruck, Berlin    ISBN 3‐453‐17153‐5 

1. Kapitel    Langsam  und  geräuschlos  glitt  der  imperiale  Sternzerstörer  Schimäre durch den Weltraum.  Durch leeren Raum. Bedrückend schwarzen Raum. Die Posi‐ tionslichter waren nur ein schwaches Glimmen von Leben in‐ mitten der Finsternis. Das Schiff trieb, viele Lichtjahre entfernt  von den nächsten winzigen Inseln, den Sternsystemen der Ga‐ laxis, am Rand der Grenzlinie zwischen den Welten des Äuße‐ ren  Rands  und  jenen  Weiten,  die  man  die  Unbekannten  Re‐ gionen nannte. Am äußersten Rand des Imperiums.  Oder  besser:  am  Rand  der  bemitleidenswerten  Überreste  dessen, was einst das Imperium gewesen war.  Admiral Pellaeon, der Oberkommandierende der Imperialen  Flotte,  stand  an  einer  der  großen  seitlichen  Sichtluken  der  Schimäre und blickte in die Leere hinaus; das Gewicht zu vieler  Jahre  lastete  schwer  auf  seinen  Schultern.  Zu  viele  Jahre,  zu  viele Schlachten, zu viele Niederlagen.  Vielleicht spürte die Brückenbesatzung der Schimäre die Last  ebenso  wie  er. Auf  jeden  Fall  schienen  die  Geräusche der  Be‐ triebsamkeit  in  seinem  Rücken  heute  gedämpfter  als  sonst.  Aber  vielleicht  lag  das  auch  nur  daran,  daß  sie  so  weit  drau‐ ßen waren. So weit weg von irgendeinem bestimmten Ort.  Nein. Das mußte es sein. Die Männer der Schimäre waren die  besten, die die Flotte zur Verfügung stellen konnte. Imperiale  Offiziere und Mannschaftsgrade; und Imperiale gaben niemals  auf. Niemals. 

Er  hörte  einen  vorsichtigen  Schritt  an  seiner  Seite.  »Admi‐ ral?«  sagte  Captain  Ardiff  leise.  »Wir  können  jetzt  anfangen,  Sir.«  Einen  Moment  lang  erinnerte  sich  Pellaeon  an  einen  ähnli‐ chen Augenblick vor zehn Jahren. Damals hatten er selbst und  Großadmiral  Thrawn  hier  auf  der  Kommandobrücke  der  Schimäre  gestanden  und  den  abschließenden  Test  des  Proto‐ typs  eines  Tarnfelds  beobachtet,  das  Thrawn  unter  den  Tro‐ phäen  des  Imperators  im  Innern  des  Mount  Tantiss  entdeckt  hatte.  Pellaeon  wußte  noch,  wie  aufgeregt  er  gewesen  war  –  trotz der Ressentiments, die er gegen den  wahnsinnigen Jedi‐ Klon C’baoth hegte –, als er zusah, wie Thrawn dem Imperium  mit eigener Hand neues Leben und Energie einhauchte.  Aber  Mount  Tantiss  gab  es  nicht  mehr;  Agenten  der  Neuen  Republik  sowie  C’baoths  Wahnsinn  und  Verrat  hatten  alles  zerstört. Großadmiral Thrawn war tot.  Und das Imperium starb.  Mühsam schüttelte Pellaeon die Schatten der Vergangenheit  ab.  Er  war  ein  Offizier  des  Imperiums,  und  Imperiale  gaben  niemals auf. »Danke«, wandte er sich an Ardiff. »Handeln Sie  nach Ihrem Ermessen, Captain.«  »Jawohl, Sir.« Ardiff drehte sich zur Seite und gab dem Ge‐ fechtskoordinator  im  Backbord‐Mannschaftsschacht  ein  Zei‐ chen. »Signal zum Angriff«, befahl er.  Der Offizier bestätigte den Befehl und gab nun seinerseits ei‐ nem  seiner  Untergebenen  einen  Wink.  Pellaeon  richtete  seine  volle Aufmerksamkeit wieder auf die Aussichtsluke…  … gerade rechtzeitig, um acht SoroSuub‐Sternjäger der Prey‐ bird‐Klasse  in  enger  Formation  mit  hoher  Geschwindigkeit 

hinter ihnen auftauchen zu sehen. Sie sausten haarscharf über  die Kommandoaufbauten der Schimäre hinweg, passierten den  Bugkamm  des  Schiffs  und  beharkten  es  mit  schwachem  Blas‐ terfeuer  –  dann  löste  sich  die  Formation  lautlos  auf.  Die  acht  Jäger entfernten sich in Spiralbahnen und feuerten weiter, bis  sie  die  primäre  Angriffszone  des  Sternzerstörers  hinter  sich  gelassen hatten. Dann wendeten sie in weit ausholenden Keh‐ ren und gruppierten sich neu.  »Admiral?« soufflierte Ardiff.  »Gönnen wir ihnen noch einen Versuch«, erwiderte Pellaeon.  »Je mehr Flugdaten der Predictor verarbeiten kann, desto bes‐ ser sollte er funktionieren.« Er fing den Blick eines der Offizie‐ re im Mannschaftsschacht auf. »Schadensbericht?«  »Geringe  Schäden  am  Bugkamm,  Sir«,  meldete  der  Offizier.  »Eine  Sensorenphalanx  ist  ausgefallen,  also  müssen  fünf  Tur‐ bolaser ohne Zielerfassungsdaten auskommen.«  »Verstanden.« All diese Schäden existierten natürlich nur in  der  Theorie  und  waren  unter  der  Voraussetzung  berechnet  worden, daß die Preybirds hochenergetische Turbolaser einge‐ setzt  hätten,  wie  sie  an  Bord  von  Großkampfschiffen  üblich  waren. Pellaeon hatte diese Art Kriegsspiele in seinen jüngeren  Jahren  geliebt;  er  hatte  Geschmack  an  der  Möglichkeit  gefun‐ den,  ohne  die  Risiken  einer  wirklichen  Schlacht  mit  Technik  und  Taktik  zu  spielen.  Doch  irgendwann  im  Laufe  der  Jahre  war  ihm  diese  Begeisterung  abhanden  gekommen.  »Steuer‐ mann, bringen Sie uns zwanzig Grad nach steuerbord«, befahl  er. »Die Steuerbord‐Turbolaser werden sie bei ihrem nächsten  Anflug mit Streufeuer belegen.«  Die  Preybirds  kehrten  nun  in  geschlossener  Formation  zu‐

rück und näherten sich einmal mehr ihrem Ziel. Die Turbola‐ ser  der  Schimäre  eröffneten  das  Feuer,  als  sie  angriffen;  ihr  schwacher  Beschuß  prasselte  auf  die  überlappenden  Deflek‐ torschilde der Preybirds ein. Ein paar Sekunden lang beschos‐ sen  die  Gegner  einander,  dann  lösten  die  Preybirds  abermals  die  Formation  auf  und  entfernten  sich  voneinander  wie  die  Fingerspitzen einer sich öffnenden Hand. Sie rasten über und  unter der Schimäre hinweg und suchten das Weite.  »Schadensbericht?« rief Pellaeon.  »Drei  Turbolaser‐Batterien  an  Steuerbord  ausgefallen«,  gab  der  Offizier  zurück.  »Außerdem  haben  wir  einen  Traktor‐ strahlprojektor und zwei Ionenkanonen verloren.«  »Feindschäden?«  »Ein  Angreifer  scheint  seine  Deflektorschilde  eingebüßt  zu  haben,  und  zwei  weitere  melden  verminderte  Turbolaser‐ Kapazitäten.«  »Das  kann  man  kaum  als  Schäden  bezeichnen«,  murmelte  Ardiff.  »Aber  natürlich  ist  die  Situation  hier  nicht  ganz  fair.  Raumschiffe  von  dieser  Größe  und  Manövrierfähigkeit  wür‐ den  in  Wirklichkeit  niemals  über  die  Schilde  oder  die  Feuer‐ kraft verfügen, die wir ihnen zugedacht haben.«  »Wenn Sie Fairplay wollen, stellen Sie ein Schockball‐Turnier  auf die Beine«, versetzte Pellaeon ätzend. »Suchen Sie nicht im  Krieg danach.«  Ardiffs Wangen röteten sich. »Es tut mir leid, Sir.«  Pellaeon seufzte. Die besten Männer, die die Imperiale Flotte  zur Verfügung stellen konnte… »Behalten Sie das Tarnfeld im  Auge,  Captain«,  befahl  er  jetzt  und  beobachtete  den  fahlen  Rückstrahl der Preybirds, die sich in einiger Entfernung aber‐

mals formierten. »Aktivierung auf mein Kommando!«  »Ja, Admiral.«  Es gab ein plötzliches Flimmern des Rückstrahls, das teilwei‐ se von den Preybirds verdeckt wurde, als der Feind auf hohe  Geschwindigkeit beschleunigte. »Sie kommen«, sagte Pellaeon  und  sah  zu,  wie  der  einzelne  glühende  Punkt  sich  in  acht  in  geschlossener  Formation  fliegende  Schiffe  aufteilte.  »Koppeln  Sie  den  Predictor  mit  der  Feuerleitstelle.  Tarnfeld  bereithal‐ ten.«  »Predictor und Tarnfeld bereit«, bestätigte Ardiff.  Pellaeon nickte. Seine ganze Aufmerksamkeit galt den Prey‐ birds. Sie hatten jetzt fast den Punkt erreicht, an dem sie beim  letzten  Mal  die  Formation  aufgelöst  hatten…  »Tarnfeld…  Jetzt!«  Und mit einem kurzen Aufflackern der Brückenbeleuchtung  verschwanden  die  Sterne  und  die  sich  nähernden  Preybirds,  als das Tarnfeld die Schimäre in tiefe Finsternis hüllte.  »Tarnfeld aktiviert und stabil«, meldete Ardiff.  »Steuermann,  dreißig  Grad,  Strich  acht  backbord«,  befahl  Pellaeon.  »Vorwärtsbeschleunigung  null  Komma  eins.  Turbo‐ laser… Feuer!«  »Verstanden«, rief einer der Offiziere. »Turbolaser feuern.«  Pellaeon trat einen Schritt  näher an die Sichtluke heran und  ließ den Blick über die Flanken der Schimäre wandern. Die fah‐ len  Detonationen  des  schwachen  Beschusses  waren  gut  sich‐ tbar. Sie spieen ihr Feuer ein Stück weit von dem Sternzerstö‐ rer  in  den  Raum  und  verschwanden,  als  sie  den  sphärischen  Rand des Tarnfelds durchdrangen. Die Schimäre, die von eben 

der Vorrichtung, die sie vor ihren Gegnern schützte, gleichsam  geblendet  war,  feuerte  unkontrolliert,  in  dem  Versuch,  die  Angreifer zu vernichten.  Oder vielleicht doch nicht ganz so unkontrolliert. Wenn der  Predictor so zuverlässig arbeitete, wie dessen Erfinder hofften,  hatte das Imperium in diesem Krieg vielleicht doch noch eine  echte Chance.  Es verging viel Zeit, bis die Turbolaser der Schimäre ihr Feuer  einstellten. Viel zuviel Zeit. »War es das?« fragte er Ardiff.  »Ja,  Sir«,  antwortete  der  andere.  »Fünfhundert  Schüsse,  wie  vorgesehen.«  Pellaeon  nickte.  »Deaktivieren  Sie  das  Tarnfeld.  Lassen  Sie  uns sehen, was wir ausrichten konnten.«  Wieder  flackerte  das  Licht  an  Bord,  und  die  Sterne  kehrten  zurück. Pellaeon drückte sich innerlich die Daumen und blick‐ te durch die Aussichtsluke.  Im  ersten  Moment  sah  er  gar  nichts.  Dann  entdeckte  er  an  Steuerbord  die  näher  kommenden  Glühpunkte.  Sieben  von  ihnen.  »Ein  Signal  des  Feind‐Commanders,  Admiral«,  rief  ihm  der  Komoffizier  zu.  »Ziel  Nummer  drei  meldet  den  Erhalt  eines  Ausfalltreffers und hat sich abgemeldet; alle übrigen Ziele ha‐ ben  nur  unbedeutende  Schäden  erlitten.  Man  erwartet  Ihre  Befehle.«  Pellaeon verzog das Gesicht. Eines. Von acht Zielen hatte es  die  Schimäre  lediglich  geschafft,  eines  zu  treffen.  Und  diese  Meisterleistung hatte fünfhundert Schüsse erfordert.  Das  war’s  also.  Der  wunderbare  computergesteuerte  Ge‐

fechtspredictor,  der  von  seinen  Schöpfern  und  Sponsoren  als  der beste Weg zur praktischen Nutzung des Tarnfelds angep‐ riesen wurde, hatte soeben seinen ersten echten Test durchlau‐ fen.  Und,  um  gerecht  zu  sein,  es  war  immerhin  besser  gewe‐ sen, als einfach ins Blaue zu schießen.  Aber nicht als sehr viel besser. Nicht annähernd.  »Informieren  Sie  den  Feind‐Commander,  daß  die  Übung  vorbei ist«, wies Pellaeon den Komoffizier an. »Ziel drei kann  seine Systeme reaktivieren; alle Schiffe sollen zur Schimäre zu‐ rückkehren. Ich wünsche binnen zwei Stunden ihre Berichte.«  »Jawohl, Sir.«  »Ich bin sicher, man wird die Leistung noch verbessern kön‐ nen, Sir«, sagte Ardiff, der neben Pellaeon stand. »Das war nur  der erste praktische Test. Sie werden die Leistung ganz sicher  noch verbessern.«  »Wie?« gab Pellaeon scharf zurück. »Indem man dem Predic‐ tor beibringt, allwissend zu sein? Oder indem man ihn einfach  lehrt, die Gedanken unserer Feinde zu lesen?«  »Sie  hatten  lediglich  zwei  Durchgänge  angeordnet,  um  die  Flugmuster der Ziele zu studieren«, erinnerte Ardiff ihn. »Bei  weiteren  Daten  hätte  der  Predictor  ihre  Bewegungen  besser  vorhersehen können.«  Pellaeon  schnaubte  verhalten.  »Eine  nette  Theorie,  Captain,  die in bestimmten kontrollierten Situationen sogar funktionie‐ ren könnte. Aber eine Schlacht kann man kaum als kontrollier‐ te Situation bezeichnen. Es gibt viel zu viele Variable und Un‐ bekannte;  vor  allem  wenn  man  die  vielen  hundert  nichtmen‐ schlichen Spezies  und  deren Kampfstile  in Betracht  zieht, mit  denen wir uns auseinandersetzen müssen. Ich wußte von An‐

fang  an,  daß  diese  Predictor‐Idee  ein  Schlag  ins  Wasser  sein  würde. Aber wir mußten es trotzdem versuchen.«  »Nun,  dann  fangen  wir  eben  wieder  bei  Null  an«,  meinte  Ardiff, »und lassen uns etwas anderes einfallen. Es muß doch  irgendeinen praktischen Nutzen für dieses Tarnfeld geben.«  »Selbstverständlich  gibt  es  den«,  pflichtete  Pellaeon  ihm  nachdrücklich bei. »Großadmiral Thrawn hat allein drei davon  hinterlassen.  Aber  leider  gibt  es  im  Imperium  niemanden  mehr mit seinem militärischen Genie.« Er seufzte. »Nein, Cap‐ tain. Es ist vorbei. Alles ist vorbei. Wir haben verloren.«  Einen langen Moment war das gedämpfte Murmeln der Ge‐ spräche im Hintergrund das einzige Geräusch auf der Brücke.  »Das kann nicht Ihr Ernst sein, Admiral«, sagte Ardiff schließ‐ lich.  »Und,  wenn  ich  das  sagen  darf,  Sir,  das  sind  nicht  die  Worte,  die  das  Oberkommando  der  Imperialen  Streitkräfte  wird hören wollen.«  »Und  wieso  nicht?«  konterte  Pellaeon.  »Die  Tatsachen  sind  für niemanden zu übersehen.«  »Das  ist  ganz  sicher  nicht  der  Fall,  Sir«,  erwiderte  Ardiff  steif.  »Wir  halten  noch  immer  acht  Sektoren  –  das  sind  über  tausend  bewohnte  Systeme.  Wir  haben  die  Flotte,  fast  zwei‐ hundert Sternzerstörer. Wir sind immer noch eine Streitmacht,  mit der zu rechnen ist.«  »Sind wir das?« wollte Pellaeon wissen. »Sind wir das wirk‐ lich?«  »Natürlich«,  insistierte  Ardiff.  »Wie  könnten  wir  uns  sonst  gegen die Neue Republik halten?«  Pellaeon schüttelte den Kopf. »Wir halten uns allein deshalb,  weil  die  Neue  Republik  zur  Zeit  viel  zu  sehr  mit  ihren  inter‐

nen Querelen beschäftigt ist, um sich mit uns zu befassen.«  »Was uns unmittelbar zum Vorteil gereicht«, entgegnete Ar‐ diff. »Es verschafft uns die Zeit, die wir brauchen, um uns zu  reorganisieren und neu zu bewaffnen.«  »Neu bewaffnen?« Pellaeon runzelte fragend die Stirn. »Ha‐ ben  Sie  auch  nur  einen  flüchtigen  Blick  auf  das  Material  ge‐ worfen, mit dem wir hier arbeiten?« Er deutete auf den Raum  vor der Sichtluke, auf die Preybirds, die auf ihrem Weg in den  Hangar  des  Sternzerstörers  soeben  unter  dem  Rand  der  Schiffshülle  verschwanden.  »Sehen  Sie  sich  die  Schiffe  doch  an,  Captain.  SoroSuub‐Preybirds.  Wir  haben  nichts  mehr  als  SoroSuub‐Preybirds.«  »An den Preybirds ist doch nichts auszusetzen, Sir«, erwider‐ te Ardiff stur. »Sie sind recht zuverlässige mittelgroße Sternjä‐ ger.«  »Der springende Punkt ist bloß, daß sie nicht vom Imperium  hergestellt wurden«, sagte Pellaeon. »Wir haben sie uns prak‐ tisch  von  überall  her  zusammengeschnorrt  –  wahrscheinlich  von  irgendwelchen  Randpiraten  oder  Söldnern.  Und  schnor‐ ren  mußten  wir  deshalb,  weil  wir  nur  noch  über  eine  einzige  große Schiffswerft verfügen, die unsere Nachfrage nach Groß‐ schiffen  –  ganz  zu  schweigen  von  Sternjägern  –  unmöglich  befriedigen  kann.  Jetzt  erzählen  Sie  mir  mal,  wie  Sie  uns  neu  zu bewaffnen gedenken.«  Ardiff  starrte  aus  der  Aussichtsluke.  »Es  ist  trotzdem  noch  nicht vorbei, Sir.«  Doch  das  war  es.  Und  Pellaeon  war  sich  sicher,  daß  Ardiff  dies tief in seinem Innern ebensogut wußte wie er selbst. Noch  tausend  Systeme  –  von  einem  Imperium,  das  dereinst  eine 

Million Systeme umspannte. Noch zweihundert Sternzerstörer  –  von  einer  Flotte,  die  einmal  aus  über  fünfundzwanzigtau‐ send Einheiten bestanden hatte.  Und, was vielleicht am meisten besagte: Hunderte von Stern‐ systemen, die früher eine vorsichtige Neutralität gewahrt hat‐ ten,  suchten  nunmehr  um  Aufnahme  in  die  Neue  Republik  nach.  Auch  sie  wußten,  daß  der  Ausgang  des  Krieges  nicht  länger ungewiß war.  Großadmiral  Thrawn  wäre  vielleicht  dazu  fähig  gewesen,  die verbliebenen Funken zu einem imperialen Siegesfeuer an‐ zufachen. Aber Großadmiral Thrawn war tot.  »Lassen  Sie  den  Navigator  einen  Kurs  zum  Bastion‐System  setzen«, wandte sich Pellaeon an Ardiff. »Senden Sie Botschaf‐ ten an alle Muftis, instruieren Sie sie, bei Mufti Disra mit mir  zusammenzutreffen.  Wir  starten,  sobald  alle  Preybirds  an  Bord sind.«  »Jawohl, Admiral«, nickte Ardiff. »Soll ich den Muftis mittei‐ len, worum es bei dem Treffen geht?«  Pellaeon  betrachtete  durch  die  Sichtluke  die  fernen  Sterne.  Sterne,  die  das  Imperium  einst  sein  eigen  genannt  hatte.  Sie  hatten so viel besessen… und irgendwie war ihnen alles durch  die Finger geglitten. »Sagen Sie ihnen«, erwiderte er mit leiser  Stimme, »daß es an der Zeit ist, einen Unterhändler zur Neuen  Republik  zu  entsenden…  um  über  die  Bedingungen  unserer  Kapitulation zu verhandeln.« 

2. Kapitel    Die  Konsole  des  Millennium  Falken  gab  ein  letztes  pfeifendes  Annäherungssignal  von  sich  und  riß  Han  Solo  aus  einem  leichten  Schlummer.  Er  streckte  die  Arme,  dehnte  die  müden  Glieder  und  warf  einen  kurzen  Blick  auf  die  Anzeigen.  Sie  waren  fast da.  »Mach  schon,  Chewie,  komm  zu  dir«,  sagte  er  und  versetzte  dem  Wookiee  hinter  ihm  in  schneller  Folge  ein  paar aufmunternde Schläge mit dem Handrücken.  Chewbacca  schreckte  aus  dem  Schlaf  auf  und  grollte  eine  Frage. »Wir sind da, das ist los«, erklärte Han und riß für einen  Moment  die  Augen  auf,  um  den  Blick  zu  klären.  Er  umfaßte  die  Hebel,  die  den  Hyperantrieb  steuerten,  und  sah  zu,  wie  der  Countdown  lief.  »Klar  bei  Sublichtantrieb.  Und…  los  geht’s!«  Der  Zähler  sprang  auf  null,  und  er  drückte  die  Hebel  lang‐ sam nach vorne. Jenseits der Pilotenkanzel des Falken verwan‐ delte sich der gesprenkelte Himmel des Hyperraums zuerst in  Lichtstreifen, die schließlich zu Sternen kollabierten. Sie hatten  ihr  Ziel  erreicht.  »Genau  auf  den  Punkt«,  bemerkte  Han  und  nickte  in  Richtung  des  bläulichroten  planetaren  Halbkreises,  der vor ihnen lag.  Neben ihm knurrte Chewbacca. »Ja, klar, um Iphigin ist im‐ mer  eine  Menge  los«,  entgegnete  Han  und  betrachtete  die  Hundertschaften  winziger  Antriebslichter,  die  sich  um  den  Planeten  bewegten  wie  ein  durchgedrehter  Mückenschwarm.  »Der  Planet  ist  der  wichtigste  Umschlagplatz  des  gesamten 

Sektors  und  mindestens  noch  zwei  weiterer  dazu.  Das  ist  wahrscheinlich  auch  der  Grund  dafür,  daß  Puffers  das  Mee‐ ting hier anberaumt hat: Man fängt nicht an zu schießen, wenn  das eigene Material in die Schußlinie geraten könnte.«  Chewbacca  knurrte  verärgert.  »Na  ja,  Verzeihung«,  ent‐ schuldigte  sich  Han  sarkastisch,  »dann  eben  Präsident  Gavri‐ som.  Ich  wußte  ja  nicht,  daß  du  so  ein  großer  Fan  von  ihm  bist.«  Das  Kom  meldete  sich  mit  einem  Signalton.  Chewbacca  schlug  mit  seiner  gewaltigen  Pranke  auf  den  Schalter  und  nahm den Ruf brüllend entgegen.  »He,  Chewie«,  drang  Luke  Skywalkers  Stimme  aus  dem  Lautsprecher.  »Ihr  seid  pünktlich  auf  die  Minute.  Der  Falke  muß zur Abwechslung mal ohne Probleme geflogen sein.«  »Außer  einem  Komschalter  ist  nichts  kaputt«,  grummelte  Han und warf dem Wookiee einen finsteren Blick zu. »Chewie  hat bloß versucht, das Ding zu plätten. Wo steckst du, Luke?«  »Ich  nähere  mich  von  der  Nachtseite«,  antwortete  Luke.  »Was hat Chewie denn?«  »Nicht  viel«,  gab  Han  zurück.  »Wir  hatten  nur  eine  kleine  politische Meinungsverschiedenheit, sonst nichts.«  »Aha«,  sagte  Luke  wissend,  »du  hast  Präsident  Gavrisom  mal wieder Puffers genannt, richtig?«  »Jetzt fang du nicht auch noch an«, brummte Han und starrte  düster auf den Komiautsprecher.  Chewbacca  kollerte  eine  Frage.  »Also,  zum  einen  scheint  er  niemals etwas anderes zu tun als reden«, erklärte Han.  »Das  können  Calibops  eben  am  besten«,  stellte  Luke  fest. 

»Sieh es endlich ein, Han: Heutzutage sind Worte das passen‐ de Handwerkszeug.«  »Ich  weiß,  ich  weiß«,  erwiderte  Han  und  schnitt  eine  Gri‐ masse.  »Leia  hat  mir  das  ein  für  allemal  eingebleut.«  Seine  Stimme wurde unversehens zu einer beinahe unbewußten Pa‐ rodie seiner Frau: »Wir sind nicht länger die Rebellen‐Allianz,  die  mit  nur  einer  Handvoll  Kämpfer  den  ganzen  Laden  schmeißt  –  wir  sind  jetzt  Unterhändler  und  Vermittler,  und  wir sind hier, um den Regierungen der Systeme und Sektoren  dabei zu helfen, hübsch artig miteinander umzugehen.«  »Hat Leia das wirklich so ausgedrückt?«  »Ich  habe  es  ein  bißchen  ausgeschmückt.«  Han  blickte  mit  einem  Stirnrunzeln  aus  der  Kanzel  des  Falken  und  sah  dann  wieder auf die Anzeigen. »Bist du das in dem X‐Flügler?«  »Das bin ich«, bestätigte Luke. »Wieso? Glaubst du, ich habe  vergessen, wie man so ein Ding fliegt?«  »Nein, ich dachte bloß, du benutzt mittlerweile meistens eine  der Lambda‐Fähren der Akademie.«  »Das tue ich nur, weil ich für gewöhnlich nicht allein fliege«,  erwiderte  Luke.  »Schüler  und  so.  R2  war  mit  mir  auf  Yavin,  um  ein  paar  Daten  durchs  Raster  laufen  zu  lassen,  und  als  dein Ruf kam, sind wir sogleich in unsere alte Stumpfhose ge‐ stiegen und losgeflogen. Worum geht es eigentlich?«  »Worum  es  auf  dieser  Seite  des  Galaktischen  Kerns  immer  geht«,  konterte  Han  säuerlich.  »Die  Diamala  und  die  Ishori  sind mal wieder soweit.«  Luke seufzte. Das Geräusch drang als leises Zischen aus dem  Lautsprecher. »Laß mich raten: Handels und Rohstoff Streitig‐ keiten?« 

»Nah dran«, versetzte Han. »Aber dieses Mal geht es um die  Sicherheit  ihrer  Schiffe.  Den  Diamala  gefällt  es  nicht,  sich  auf  lokale  Patrouillenschiffe  verlassen  zu  müssen,  wenn  sie  die  Raumhäfen  der  Ishori  anfliegen;  die  Ishori  auf  der  anderen  Seite  wollen  keine  bewaffneten  Diamala‐Raumer  in  ihre  Sys‐ teme hineinlassen.«  »Hört sich vertraut an«, meinte Luke. »Hat Gavrisom irgen‐ deine Idee, wie man dieses Problem lösen kann?«  »Falls  ja,  hat  er  mir  nichts  davon  gesagt«,  antwortete  Han.  »Er  hat  mich  bloß  auf  Wayland  verständigt  und  gesagt,  ich  solle  mich  wie  der  Blitz  hierherbegeben.  Um  dabei  zu  helfen,  daß alle hübsch artig miteinander umgehen, schätze ich.«  »Gavrisom hat dich gebeten, als Vermittler aufzutreten?«  Han zog eine Schnute. »Na ja… nicht ganz. Er denkt irgend‐ wie, daß Leia bei uns ist.«  »Ah.«  »Sieh mal, Luke, ich bin ein offizieller Verbindungsmann der  Assoziation  Unabhängiger  Transportschiffer«,  rief  Han  ihm  gereizt in Erinnerung. »Es ist also nicht so, als hätte ich so et‐ was nicht schon früher gemacht. Und Leia hat schon seit lan‐ ger Zeit keine richtigen Ferien mehr gehabt – sie und die Kin‐ der  brauchen  einfach  ein  bißchen  Freizeit  miteinander.  Und  dieses  eine  Mal  lasse  ich  es  nicht  zu,  daß  sie  zu  irgendeiner  stupiden diplomatischen Angelegenheit abberufen wird – vor  allem dann nicht, wenn sie eigentlich offiziell beurlaubt ist. Sie  hat was Besseres verdient.«  »Darüber läßt sich nicht streiten«, räumte Luke ein. »Schließ‐ lich waren die letzten Male, da sie von der Präsidentschaft be‐ urlaubt  war,  nicht  gerade  erholsam.  Obwohl  ich  mir  persön‐

lich  nicht  vorstellen  kann,  daß  Wayland  auf  irgend  jemandes  Liste der beliebtesten Ferienorte besonders weit oben steht.«  »Du  wärst  überrascht«,  entgegnete  Han.  »Es  ist  dort  nicht  mehr so wie damals, als wir auf dem Weg zum Mount Tantiss  durch die Wälder gestapft sind. Nicht mit all den Noghri, die  sich dort niedergelassen haben.«  »Ich  nehme  dich  beim  Wort«,  versprach  Luke.  »Also,  wie  kann ich helfen?«  »Ich habe einen Plan«, sagte Han. »Du weißt ja selbst, wie die  Diamala sich gebärden, wenn sie nachdenken: ruhig, kalt, oh‐ ne  Emotionen,  nicht  wahr?  Nun,  das  fällt  in  dein  Metier  als  Jedi  und so; du könntest dir also ihre Delegation vornehmen.  Die  Ishori  sind  genau  das  Gegenteil:  Sie  können  über  nichts  reden, ohne gleich aus der Haut zu fahren und sich gegensei‐ tig anzuschreien.«  »Aber sie meinen es ja nicht so«, warf Luke ein. »Es ist hor‐ monell  bedingt,  eine  unwillkürliche  Reaktion  nennt  man  das,  glaube ich.«  »Ja, ich weiß, ich weiß«, sagte Han, der angesichts der Beleh‐ rung  einen  Anflug  von  Verärgerung  empfand.  Jedi‐Meister  hin oder her, Luke besaß nicht einmal die Hälfte seiner Erfah‐ rung, wenn es darum ging, in der Galaxis herumzufliegen und  mit  fremden  Spezies  zurechtzukommen.  »Der  Punkt  ist,  die  können  soviel  brüllen,  wie  sie  wollen,  einen  Wookiee  kratzt  das  nicht  im  geringsten.  Chewie  wird  also  mit  ihrer  Gruppe  verhandeln. Dann kommen wir alle drei zusammen, präsentie‐ ren eine Lösung, und das war’s.«  »Das ist ein ganz neuer Ansatz – das muß ich zugeben«, sag‐ te Luke mit nachdenklicher Stimme. »Ich persönlich würde es 

immer  noch  vorziehen,  wenn  Leia  hier  wäre.  Sie  besitzt  die  natürliche Gabe der Versöhnung.«  »Ein weiterer Grund, ihr diese Sache abzunehmen«, erwider‐ te Han dunkel. »So wie die Dinge da draußen liegen, könnten  Gavrisom und der Hohe Rat sie für den Rest ihres Lebens von  einem  Ort  zum  andern  springen  lassen,  um  sämtliche  Busch‐ feuer höchstpersönlich auszutreten.«  »Die Neue Republik scheint in der Tat mehr als die üblichen  Wachstumsschmerzen  zu  erleiden«,  stimmte  Luke  ihm  nüch‐ tern  zu.  »Vielleicht  sind  das  nur  die  normalen  Anpassungs‐ schwierigkeiten  nach  dem  Zusammenbruch  der  imperialen  Herrschaft.«  »Das, oder die Überreste des Imperiums rühren noch in der  Suppe«,  sagte  Han  und  verzog  das  Gesicht.  »Komm,  laß  uns  irgendwo runtergehen. Je eher wir in die Gänge kommen, des‐ to schneller sind wir wieder zu Hause.«    Sie setzten in einer Andockbucht von doppelter Größe auf, die  für sie im nördlichen Raumhafenkomplex der Hauptstadt vor‐ bereitet worden war. Han und Chewbacca standen am Fuß der  Landerampe des Falken und sprachen bereits mit einer Dreier‐ gruppe  weißmähniger  Diamala,  während  Luke  seinen  X‐ Flügler  noch  in  ein  Landemanöver  zwang,  das  nur  andeu‐ tungsweise verriet, daß er ein wenig aus der Übung war.  Er  hatte  die  Repulsoren  noch  nicht  abgeschaltet,  als  er  auch  schon spürte, daß es Ärger geben würde.  »Du  bleibst  beim  Schiff,  R2«,  befahl  er  dem  Droiden,  wäh‐ rend er die Kanzel aufklappte und den Helm abnahm. »Behal‐ te alles im Auge, ja?« 

R2  gab  ein  zustimmendes  Trillern  von  sich.  Luke  ließ  Helm  und Handschuhe auf den Pilotensitz fallen, grätschte leichtfü‐ ßig über die Flanke des X‐Flüglers auf den Boden und ging auf  die  Gruppe  zu,  die  ihn  unter  dem  Falken  erwartete.  Die  drei  Diamala,  so  stellte  er  unbehaglich  fest,  faßten  ihn  genau  ins  Auge…  und  ihr  Gesichtsausdruck  kam  ihm  nicht  sonderlich  freundlich vor.  »Ich  grüße  Sie«,  begann  er  und  nickte  höflich,  als  er  neben  Han trat. »Ich bin Luke Skywalker.«  Der  Diamala,  der  Han  am  nächsten  stand,  rührte  sich.  »Wir  grüßen  Sie  ebenfalls,  Jedi‐Meister  Skywalker«,  sagte  er  mit  flacher  und  emotionsloser  Stimme.  Das  an  Leder  erinnernde  Gesicht blieb undurchdringlich. »Aber wir heißen Sie zu dieser  Unterredung nicht willkommen.«  Luke  blinzelte.  Er  warf  Han  einen  Blick  zu  und  registrierte  Anspannung in den Mienen und Gedanken des anderen, dann  sah er wieder den Diamala an. »Ich verstehe nicht.«  »Dann  will  ich  deutlicher  werden«,  antwortete  der  Nicht‐ mensch,  dessen  linkes  Ohr  einmal  zuckte.  »Wir  wünschen  nicht, daß Sie an diesen Verhandlungen teilnehmen. Wir beab‐ sichtigen  nicht, irgendeine  der  anstehenden Fragen mit  Ihnen  zu  erörtern.  Wir  würden  es  sogar  vorziehen,  wenn  Sie  dieses  System ganz verließen.«  »Jetzt aber mal halblang«, mischte sich Han ein. »Er ist mein  Freund, klar? Ich habe ihn hergebeten, und er kommt von weit  her, um uns zu helfen.«  »Wir wollen seine Hilfe nicht.«  »Nun, aber ich will sie«, schoß Han zurück. »Und ich werde  ihn nicht auffordern, von hier wegzugehen.« 

Es entstand ein Augenblick peinlichen Schweigens. Luke ließ  die Diamala nicht aus den Augen und dachte darüber nach, ob  er  die  Meinungsverschiedenheit  durch  seine  Abreise  einseitig  beenden  sollte.  Wenn  sie  ihn  hier  wirklich  nicht  haben  woll‐ ten…  Der  Sprecher  der  Diamala  ließ  abermals  sein  Ohr  zucken.  »Also  schön«,  sagte  er,  »der  Jedi‐Meister  mag  bleiben.  Aber  nur  als  Ihr  Berater,  der  bei  den  eigentlichen  Verhandlungen  nicht anwesend sein wird. Die Diamala werden keine der ans‐ tehenden Fragen in seinem Beisein diskutieren.«  Han  verzog das Gesicht, doch dann  nickte  er. »Wenn  Sie  es  denn so haben wollen – gut. Warum zeigen Sie uns jetzt nicht  unsere Quartiere, damit wir beginnen können.«  Der  Diamala  machte  eine  Geste,  und  einer  seiner  Begleiter  reichte Chewbacca einen Datenblock. »Man hat Ihnen eine Sui‐ te  im  Kontrollbereich  des  Raumhafens  zugewiesen«,  erklärte  er.  »Dieser  Plan  weist  Ihnen  den  Weg.  Die  Ishori  haben  sich  bereits  im  Versammlungssaal  eingefunden.  Wir  fangen  an,  sobald Sie bereit sind.«  Die drei Nichtmenschen drehten sich wie ein Mann um und  überquerten die Landeplattform in Richtung einer Treppe, die  ins Freie führte. »Nun, das war eine interessante Begegnung«,  sagte Luke leise, während er zusah, wie sie davongingen. »Ir‐ gendeine Idee, was das sollte?«  »Ja‐ah«, gab Han zurück. »Na ja, so ungefähr.«  »Ungefähr? Was soll das heißen?«  Han  warf  Luke  einen  Seitenblick  zu;  seine  Miene  schien  ebenso merkwürdig bewegt wie seine Gedanken. »He, verges‐ sen  wir  das  mal  für  den  Moment,  ja?  Sie…  na  ja,  sie  können 

dich eben nicht leiden. Belassen wir es dabei.«  Luke starrte den Rücken der davonmarschierenden Diamala  nach,  deren  glänzende  Mähnen  leicht  im  Wind  flatterten.  Er  mußte  es  natürlich  keineswegs  dabei  belassen,  er  konnte  auf  der Stelle mit der Macht hinausgreifen und das nötige Wissen  aus ihnen herausholen. Aber bestimmt war das Problem, was  immer  es  sein  mochte,  auf  irgendein  Mißverständnis  zurück‐ zuführen,  zu  dessen  Aufklärung  er  kaum  beitragen  konnte,  solange er nicht wußte, worum es ging. Ja, das war es, was er  tun sollte.  Und doch…  Er sah Han an. Han erwiderte den Blick, und noch immer lag  der  seltsam  bewegte  Ausdruck  auf  seinem  Gesicht.  Vielleicht  fragte  er  sich,  ob  Luke  sein  Vorhaben  in  die  Tat  umsetzen  würde.  Nein.  Er  würde  es  ihnen,  Hans  Bitte  folgend,  durchgehen  lassen.  Für  den  Moment.  »Also  gut«,  sagte  er.  »Wie  sieht  die  neue Strategie aus?«  »Chewie  und  ich  führen  die  Gespräche«,  antwortete  Han  und wandte sich dem Wookiee zu. Obwohl er seine Miene zu  beherrschen  versuchte,  war  der  Anflug  von  leiser  Erleichte‐ rung  in  seinen  Gefühlen  nicht  zu  übersehen.  »Wenn  es  dir  nichts ausmacht zu warten, bis wir fertig sind, kannst du uns  vielleicht  dabei  helfen,  den  Handel  zu  einem  Abschluß  zu  bringen.«  »Sicher.«  Luke  blickte  in  die  Richtung,  in  die  die  Diamala  verschwunden waren. »Er hat gesagt, ich könnte dein Berater  sein. Also werde ich dich wohl beraten.«  Er drehte sich wieder um und stellte fest, daß Han sein Ge‐

sicht  studierte.  »Das  hier  gefällt  dir  nicht,  oder?«  fragte  der  ältere Mann.  Luke  zuckte  die  Achseln.  »Na  ja,  das  ist  nicht  gerade  der  Höhepunkt des Tages für mich«, gab er zu. »Es ist immer ein  wenig peinlich, wenn man jemandem seine Hilfe anbietet und  zurückgewiesen  wird.  Aber  ich  vermute,  ein  wenig  Ratlosig‐ keit dann und wann hat noch niemandem geschadet.«  »Ja«, sagte Han. »Manchmal hilft sie sogar.«  Luke fand dies eine ziemlich seltsame Bemerkung. Aber ehe  er nachfragen konnte, war Han schon neben Chewbacca getre‐ ten und nahm den Datenblock, den der Diamala diesem über‐ geben  hatte.  »Hast  du  herausgefunden,  wo  wir  hingehen  sol‐ len?« erkundigte er sich.  Der  Wookiee  knurrte  eine  Bestätigung  und  wies  mit  einem  zottigen  Finger  auf  das  Display  des  Datenblocks.  »Ja,  alles  klar«, nickte Han und gab den Block zurück. »Du gehst vor.«  Er  grinste  schief  in  Lukes  Richtung.  »Niemand  scheucht  dir  die Leute so gut aus dem Weg wie ein Wookiee.«  »Dir ist doch klar, daß es noch eine andere Möglichkeit gibt«,  sagte Luke mit gesenkter Stimme, während sie sich in Marsch  setzten, um die Landebucht zu durchqueren. »Sie könnten uns  zu trennen versuchen, um uns irgendwie anzugreifen.«  Han schüttelte den Kopf. »Ich denke nicht, daß es das ist.«  »Ich  würde  deine  Verhandlungen  trotzdem  gerne  im  Auge  behalten«,  beharrte  Luke.  »Es  sollte  mir  möglich  sein,  deiner  Präsenz von jedem Ort aus zu folgen, an den sie uns schicken.  Auf diese Weise kann ich jederzeit zu dir stoßen, falls du mich  brauchst.«  »Aber nur meiner Präsenz, ja?« 

Luke runzelte die Stirn. »Natürlich. Ich würde niemals ohne  Erlaubnis in deine Gedanken eindringen. Das weißt du.«  »Ja«, nickte Han. »Sicher.«    Es erwies sich, daß Luke die Macht gar nicht einsetzen mußte,  um  über  den  Fortgang  der  Ereignisse  auf  dem  laufenden  zu  bleiben.  Ihre  Iphigini‐Gastgeber  hatten  irgendwie  davon  er‐ fahren,  daß  die  Diamala  seine  Teilnahme  an  der  Zusammen‐ kunft abgelehnt hatten, und als Han und  Chewbacca mit den  Verhandlungen  begannen,  hatten  sie  längst  eine  Monitorver‐ bindung  zwischen  Lukes  Suite  und  dem  Konferenzraum  in‐ stalliert, die es ihm gestattete, das Meeting unmittelbar zu be‐ obachten.  Er benötigte zwei Stunden, um herauszufinden, daß die Ge‐ spräche  nirgendwo  hinführten.  Es  dauerte  eine  weitere  Stun‐ de, bis Han zu dem gleichen Ergebnis gelangte – oder wenigs‐ tens, bis er bereit war, dies auch offen auszusprechen.  »Die sind verrückt«, brummte Han und warf eine Handvoll  Datenkarten auf einen niedrigen Tisch in der Raummitte, als er  und  Chewbacca  sich  Luke  in  dessen  Suite  anschlossen.  »Die  ganze verdammte Bande. Total verrückt.«  »Ich  würde  nicht  sagen  verrückt«,  wies  Luke  ihn  zurecht.  »Starrsinnig und stur vielleicht, aber nicht verrückt.«  »Vielen  Dank«,  knurrte  Han  düster.  »Das  hilft  mir  wirklich  weiter.«  Chewbacca grollte eine Warnung. »Mir gehen keineswegs die  Nerven  durch«,  teilte Han  ihm steif mit. »Ich  habe mich  voll‐ kommen unter Kontrolle.« 

Luke  sah  seinen  Freund  an  und  verbarg  wohlweislich  ein  Lächeln. In diesem Moment war Han wieder ganz der alte: der  naßforsche,  selbstsichere  Schmuggler,  dem  er  und  Obi‐Wan  damals in der Mos‐Eisley‐Bar zum ersten Mal begegnet waren.  Der  sich  freudig  in  unbekannte  Situationen  stürzte  und  sich  dabei  in  den  meisten  Fällen  bis  zum  Hals  in  Schwierigkeiten  brachte. Es war gut zu wissen, daß Han auch als respektabler  Familienvater und verantwortungsvoller Amtsträger der Neu‐ en  Republik  seinen  Wagemut,  der  seine  Freunde  dem  Wahn‐ sinn einstmals ebenso nahe gebracht hatte wie die Imperialen,  noch nicht völlig verloren hatte. Han funktionierte einfach am  besten, wenn er bis zum Hals in Schwierigkeiten steckte. Viel‐ leicht  hatte  ihn  die  Gewohnheit  dahin  gebracht,  daß  er  sich  nur in diesem Zustand wirklich wohl fühlte.  »Also gut«, sagte er jetzt und ließ sich in einen Sessel fallen,  der  Luke  auf  der  anderen  Seite  des  Tisches  gegenüberstand.  »Gehen wir die Sache mal durch. Es muß doch einen Ausweg  geben.«  »Wie  wär’s,  wenn  du  eine  dritte  Partei  ins  Spiel  bringst?«  schlug  Luke  vor.  »Vielleicht  kann  die  Neue  Republik  die  Si‐ cherheit  der Diamala‐Frachter gewährleisten, wenn  diese sich  in den Systemen der Ishori aufhalten.«  Chewbacca  brachte  brüllend  die  offensichtliche  Schwierig‐ keit  dabei  vor.  »Ja,  ich  weiß,  wir  können  nicht  viele  Raum‐ schiffe entbehren«, sagte Luke, »aber der Hohe Rat wird schon  irgendwas auftreiben.«  »Nicht  genug,  um  irgendwie  von  Nutzen  zu  sein«,  meinte  Han  und  schüttelte  den  Kopf.  »Die  Diamala  betreiben  Schif‐ fahrt im großen Stil, und ich glaube, dir ist nicht bewußt, wie 

dünn unsere Hardware da draußen gesät ist.«  »Aber  es  wäre  auf  lange  Sicht  immer  noch  billiger  als  die  Kosten, die entstünden, wenn wir die Diamala und die Ishori  trennen  müßten,  sobald  sie  erst  einmal  aufeinander  zu  schie‐ ßen angefangen haben«, wandte Luke ein.  »Wahrscheinlich«, gab Han zu und spielte mit einer der Da‐ tenkarten herum. »Das Problem ist bloß, ich glaube nicht, daß  die  Diamala  dieses  Angebot  annehmen  würden,  selbst  wenn  wir  genug  Schiffe  dafür  abstellen  könnten.  Ich  glaube  nicht,  daß sie bereit sind, irgend jemandem ihre Sicherheit anzuvert‐ rauen.«  »Nicht mal der Neuen Republik?«  Han schüttelte den Kopf, sein Blick zielte eine Sekunde lang  verstohlen  auf  Lukes  Gesicht  und  huschte  dann  ebenso  pfeil‐ schnell weiter. »Nein.«  Luke  legte die Stirn in Falten.  In  diesem Moment fing  er ei‐ nen  Anflug  der  gleichen  angespannten  Stimmung  auf,  die  er  bereits beim Falken gespürt hatte. »Verstehe.«  »Ja«,  sagte  Han,  der  sich  wieder  ganz  geschäftsmäßig  gab.  »Hat jemand noch andere Ideen?«  Luke  warf  Chewbacca  einen  kurzen  Blick  zu  und  suchte  nach einem diplomatischen Weg, seine nächsten Worte anzub‐ ringen. Aber es gab keinen. »Du weißt, Han, es ist noch nicht  zu spät, Leia hinzuzuziehen. Wir können  Wayland verständi‐ gen und die Noghri bitten, sie herzubegleiten.«  »Nein«, versetzte Han entschieden.  Chewbacca indes äußerte seine Übereinstimmung mit Luke.  »Ich  habe  nein  gesagt«,  wiederholte  Han  und  starrte  den 

Wookiee an. »Wir schaffen das hier auch allein.«  Die  in den Tisch eingebaute Konsole ließ  ein  Trillern  hören.  Luke  sah  Han  an,  der  jedoch  immer  noch  mit  Chewbacca  in  einem  Wettstreit  im  gegenseitigen  Anstarren  lag.  Er  griff  mit  der  Macht  hinaus  und  drückte  die  entsprechende  Taste.  »Skywalker«, meldete er sich.  Über dem Holoblock in der Mitte des Tischs erschien die auf  ein  Viertel  seiner  Größe  reduzierte  Abbildung  eines  jungen  Iphigini, dessen geflochtener Lippenbart das Symbol des Iphi‐ ginischen Raumhafendirektoriums am Hals nicht ganz zu ver‐ decken vermochte. »Ich bitte um Verzeihung, daß ich Ihre Be‐ ratungen  unterbreche,  Jedi  Skywalker«,  sagte  er  mit  einer  Stimme, die weit melodischer war, als das zerklüftete Gesicht  und der kantige Körperbau vermuten ließen, »aber wir haben  eine Mitteilung von der Handelskammer der Neuen Republik  erhalten, nach der sich ein sarkanischer Frachter auf dem Weg  hierher befindet, der dem Zollstatus Rot unterliegt.«  Luke  sah  Han  an.  Zollstatus  Rot:  eine  Warnung,  der  zufolge  das  Schiff  illegale  und  hochgefährliche  Fracht  an  Bord  hatte.  »Konnte die Handelskammer den Captain und die Crew iden‐ tifizieren?«  »Nein«, erwiderte der Iphigini. »Man sagte uns eine weitere  Übertragung zu, die bislang jedoch noch nicht eingetroffen ist.  Der  verdächtige  Frachter  nähert  sich  Iphigin,  und  wir  haben  die  Vorhut  unserer  Zollfregatten  und  Patrouillenschiffe  in  Marsch  gesetzt,  um  ihn  abzufangen.  Der  Gedanke  kam  auf,  daß  Sie  und  Captain  Solo  als  Repräsentanten  der  Neuen  Re‐ publik vielleicht wünschen, den Vorgang zu beobachten.«  Plötzlich  kam  es  zu  einer  Veränderung  in  Hans  Emotionen. 

Luke  warf  ihm  einen  Blick  zu  und  sah,  daß  sein  Freund  ge‐ dankenverloren  an  die  Decke  starrte.  »Wir  wissen  die  Einla‐ dung  zu  schätzen«,  sagte  Luke  und  wandte  sich  wieder  dem  Hologramm zu. »Im Augenblick allerdings…«  »Woher  kommt  dieser  Sarkan‐Frachter?«  fiel  ihm  Han  ins  Wort.  »Sektor  Drei‐Besch.«  Das  Abbild  des  Iphigini  wurde  durch  eine  schematische  Darstellung  von  Iphigin  und  dem  umge‐ benden  Weltraum  ersetzt.  Ein  paar  Grad  jenseits  einer  Linie,  die den Planeten Iphigin mit seiner Sonne verband, blinkte ein  roter  Punkt;  fast  zwanzig  blinkende  grüne  Punkte  näherten  sich  ihm  vom  Planeten  sowie  aus  dem  Raum  ringsum.  »Wie  Sie  sehen  können,  haben  wir  uns  entschlossen,  eine  ganze  Streitmacht  zu  entsenden,  die  dazu  in  der  Lage  ist,  jedweden  Widerstand zu brechen.«  »Ja‐ah«, sagte Han langsam. »Und  Sie  sind  ganz  sicher,  daß  es sich um ein sarkanisches Raumschiff handelt?«  »Wir  haben  die  Transponderkodes  überprüft«,  erklärte  der  Iphigini. »Das Schiff ist eine corellianische Action‐Keynne XII,  ein Schiffstyp, den man in diesem Teil des Kerns nur selten zu  Gesicht bekommt, es sei den unter sarkanischer Führung.«  Luke pfiff lautlos durch die Zähne. Er hatte einmal Gelegen‐ heit  gehabt,  mit  einer  Action‐Keynne  XII  zu  fliegen,  und  war  tief  beeindruckt  gewesen  von  der  luxuriösen  Ausstattung  im  Innern  sowie  den  Batterien  vielfältiger  äußerer  Bewaffnung.  Der Raumer, der zum Transport wertvollster Güter entwickelt  worden  war,  konnte  fast  schon  als  kapitales  Kriegsschiff  ge‐ lten.  Das war wahrscheinlich auch der Grund dafür, daß die Iphi‐

gini so viele Einheiten losschickten, um ihn abzufangen. Falls  der Captain beschloß, nicht zu kooperieren, waren die Iphigini  zum Kampf bereit.  »Das  hört  sich  allerdings  nach  einem  Sarkan‐Raumer  an«,  stimmte  Han  zu,  dessen  Stimme  ein  wenig  zu  gleichgültig  klang.  »Machen  Sie  weiter  und  fangen  Sie  Ihr  Schiff  ab.  Viel‐ leicht kommen wir nach und sehen uns die Sache mal an.«  »Danke,  Captain  Solo«,  sagte  der  Iphigini.  »Ich  werde  die  Beamten unterrichten, daß Sie sich ihnen anschließen werden.  Leben Sie wohl.«  Das  Hologramm verschwand.  »Verlaß dich  lieber nicht  dar‐ auf«,  murmelte  Han,  sammelte  die  Datenkarten  ein,  die  er  über  den  Tisch  verstreut  hatte  und  ging  sie  rasch  durch.  »Chewie,  bewege  dich  zu  dieser  Konsole  und  sieh  zu,  ob  du  eine  komplette  Aufstellung  aller  Verkehrsbewegungen  da  draußen aufrufen kannst.«  »Was ist denn los?« wollte Luke wissen, der Han mit einem  Stirnrunzeln ansah und versuchte, seine Stimmung zu ergrün‐ den.  Das  frühere  Unbehagen  war  mit  einem  Mal  verflogen  und  einer  Art  kaum  verhohlener  Erregung  gewichen.  »Du  kennst diesen Schmuggler?«  »Das ist kein Schmuggler«, antwortete Han. Er fand die Kar‐ te,  nach  der  er  gesucht  hatte,  und  schob  sie  in  seinen  Daten‐ block. »Hast du es, Chewie? Sehr gut. Lade alles auf das Holo‐ feld da drüben.«  Chewbacca grollte bestätigend, und über dem Tisch erschien  eine  vollständigere  schematische  Darstellung.  Han  richtete  zuerst den Blick darauf und schaute dann auf den Datenblock  in seiner Hand. »Großartig. Okay, komm her und hilf mir mal 

hierbei.«  »Was gibt es denn?« fragte Luke.  »Hier sind die Liste der Bodenstationen sowie die Orbitalda‐ ten  ihrer  Golan‐I‐Verteidigungsplattform«,  erklärte  Han  und  winkte mit dem Datenblock, während Chewie zurück an seine  Seite schlurfte. »Mal sehen…«  Eine  Minute  lang  steckten  die  beiden  die  Köpfe  zusammen,  blickten  angestrengt  entweder  auf  das  Holo  oder  auf  Hans  Datenblock und unterhielten sich mit gesenkter Stimme. Luke  studierte derweil die schematische Darstellung, betrachtete die  farbkodierten  Transporter  und  anderen  Raumschiffe,  die  an  und abflogen, und fragte sich, worum es hier eigentlich ging.  »Also schön«, sagte Han endlich. »Von dort also werden sie  hereinkommen.  Also  müssen  wir  bloß  irgendwo  in  der  Mitte  von  diesem  Kegel  sitzen  und  abwarten.  Ausgezeichnet.  Geh  zurück  zum  Falken  und  mach  das  Schiff  startklar.  Ich  komme  gleich nach.«  Chewbacca  knurrte  zustimmend  und  stapfte  mit  schnellen  Wookiee‐Schritten  durch  die  Tür.  »Werde  ich  jetzt  erfahren,  was hier los ist?« wollte Luke wissen.  »Klar doch«, antwortete Han, sammelte die Datenkarten ein  und verstaute sie wieder. »Piraten sind auf dem Weg hierher.«  »Piraten?« Luke blinzelte. »Hierher?«  »Sicher. Wieso auch nicht?«  »Ich  hatte  nicht  erwartet,  daß  Piratenbanden  so  weit  im  In‐ nern des Galaktischen Kerns operieren, das ist alles«, erklärte  Luke. »Das Sarkan‐Schiff ist also nur eine Finte.«  »Ja«, erwiderte Han und kam auf die Füße. »Das wissen die 

an  Bord  bloß  nicht.  Ein  uralter  Trick:  Man  provoziert  einen  Alarm wegen irgendeines Raumschiffs, das sich von der Son‐ nenseite  her  nähert,  dann  schlägt  man  bei  einem  Ziel  auf  der  Nachtseite  zu,  während  der  Zoll  weit  entfernt  beschäftigt  ist.  Der einzige knifflige Teil ist, dafür zu sorgen, daß die Boden‐  und Orbitalverteidigung einem nichts anhaben kann. Und vor  allem, sich zu überlegen, wie man den Alarm fingiert. Komm,  laß uns aufbrechen.«  »Sollten  wir  nicht  zuerst  die  Iphigini  verständigen?«  fragte  Luke und griff nach dem Kom.  »Wozu?« fragte Han zurück. »Du, Chewie und ich sollten fä‐ hig sein, damit allein fertig zu werden.«  »Was? Mit einer ganzen Piratenbande?«  »Klar,  wieso  denn  nicht?  Die  Banden,  die  in  diesem  Sektor  arbeiten,  sind  alle  ziemlich  klein  –  höchstens  zwei  oder  drei  Schiffe.«  Hans  Mundwinkel  zuckten.  »Eigentlich  brauchst  du  uns nicht mal dazu.«  »Ich weiß dein Vertrauen zu schätzen«, versetzte Luke eisig.  »Aber  ich  werde  mich  nicht  so  ohne  weiteres  ganz  allein  mit  ihnen anlegen, vielen Dank.«  Han hob die Hände. »He, nichts für ungut.«  »Keine Ursache.« Luke deutete auf das Hologramm und die  Patrouillenschiffe, die ihr Netz um den sich nähernden sarka‐ nischen  Frachter  webten.  »Ich  denke  immer  noch,  wir  sollten  die Iphigini hinzuziehen.«  »Das  können  wir  nicht«,  sagte  Han.  »Die  Piraten  haben  wahrscheinlich  längst  einen  Spion  hier.  Das  geringste  Anzei‐ chen eines Alarms, und sie blasen den Überfall einfach ab. Am  Ende  stehen  wir  mit  dummem  Gesicht  da,  und  die  Meinung 

der  Diamala  über  die  Neue  Republik  sinkt  noch  ein  bißchen  tiefer.  Und  wenn  das  geschieht,  wird  der  Hohe  Rat  mir  das  Fell über die Ohren ziehen.«  Luke  seufzte.  »Alles  war  so  viel  einfacher,  als  die  militäri‐ schen Aktivitäten der Allianz sich nicht jedesmal in der Politik  verhedderten.«  »Wem  sagst  du das?« brummte Han. »Wir  müssen jetzt los.  Bist du dabei oder nicht?«  Luke zuckte die Achseln. »Ich bin dabei«, sagte er und griff  nach seinem Komlink. »R2?«    R2‐D2 gefiel diese Sache nicht. Ganz und gar nicht. Die Worte,  die  über  den  Computerbildschirm  des  X‐Flüglers  rollten,  lie‐ ßen daran nicht den geringsten Zweifel.  »Ach,  komm  schon,  R2«,  schalt  ihn  Luke,  »wir  haben  einen  ganzen Krieg zusammen durchgemacht und gegen die mäch‐ tigste  Kriegsmaschinerie  gekämpft,  die  die  Galaxis  jemals  ge‐ sehen  hat.  Da  wirst  du  mir  doch  nicht  weismachen,  daß  du  dich  vor  ein  paar  zusammengeflickten  Piratenschiffen  fürch‐ test, oder?«  Der  Droide  schnarrte  beleidigt.  »Schon  besser«,  sagte  Luke  beifällig. »Halt bloß die Augen offen, und uns wird nichts ge‐ schehen.«  R2, der offenbar noch nicht überzeugt war, trillerte abermals  und  verstummte  dann.  Luke  spähte  aus  dem  Cockpit  des  X‐ Flüglers  und  versuchte  die  eigenen  nagenden  Zweifel  abzu‐ schütteln:  das  seltsame  Unbehagen,  das  immer  wieder  an  die  Oberfläche  von Hans  Emotionen  stieg, die  unerklärliche  Wei‐ gerung  der  Diamala,  ihn  an  den  Verhandlungen  teilnehmen 

zu lassen… all das gesellte sich zu der merkwürdigen Unruhe,  die  seit  den  vergangenen  zwei  Wochen  in  ihm  schwelte  und  wuchs.  Er hatte bereits zweimal mit Leia darüber gesprochen, da er  hoffte,  ihre  Einsicht  und  Erfahrung  würden  ihm  helfen,  das  vage  Flimmern  in  ein  scharfes  Bild  zu  verwandeln.  Aber  ihr  war  auch  nicht  mehr  eingefallen  als  die  Vermutung,  daß  es  sich  dabei  um  eine  Art  unterschwelliger  Regung  der  Macht  selbst handelte. Sie nahm an, daß Luke irgend etwas Bestimm‐ tes tun oder vielleicht gerade nicht hin sollte.  Auf  ihr  Drängen  hatte  er  in  letzter  Zeit  mehr  Stunden  auf  Meditationen  verwendet,  in  der  Hoffnung,  die  Selbstversen‐ kung  in  der  Macht  würde  ihm  helfen.  Doch  bisher  hatte  er  damit auch nichts erreicht.  »Luke?« ließ sich Hans Stimme in seinem Helm vernehmen.  »Wo bist du?«  Luke  schüttelte  die  Gedanken  ab  und  wandte  sich  den  ans‐ tehenden  Aufgaben  zu.  »Über  dir  und  ein  Stück  weit  back‐ bord«,  antwortete  er.  »Ich  sehe  hier  draußen  nichts,  das  wie  ein Piratenschiff aussieht. Du?«  »Noch  nicht«,  sagte  Han.  »Keine  Sorge.  Wenn  sie  kommen,  wirst du es erfahren.«  »Stimmt.«  Luke  drehte  langsam  den  Kopf  und  betrachtete  das  Glühen  der  Antriebsdüsen  und  die  Positionslichter  der  unterschiedlichsten Frachtraumer.  Und im nächsten Moment waren sie da.  Allerdings waren es nicht bloß zwei oder drei Schiffe. Nicht  weniger  als  acht  Raumschiffe  fielen  aus  der  Lichtgeschwin‐ digkeit, keines von ihnen war gekennzeichnet, und alle waren 

mit Turbolaser‐Batterien gespickt.  Hinter Luke erklang ein alarmiertes Schrillen. »Keine Panik,  R2«, beruhigte Luke den Droiden. »Erzähl mir lieber was über  sie!«  R2 piepste unsicher, und dann erschien eine Liste auf Lukes  Sensoranzeigen.  Zwei  ramponiert  aussehende  corellianische  Kanonenboote,  ein  alter,  aber  dennoch  beeindruckend  großer  Kaloth‐Schlachtkreuzer  mit  einer  gleichermaßen  alten  KDY‐a‐ 4‐Ionenkanone,  die  mehr  schlecht  als  recht  an  den  Bug  des  Raumschiffs geschweißt worden war, sowie fünf Angriffsjäger  der  Korsar‐Klasse.  Die  Gruppe  bewegte  sich  in  einer  Um‐ klammerungsformation  und  näherte  sich  einem  Paar  mittel‐ schwerer  Transporter,  das einige Kilometer  vor  und  unter  ih‐ nen flog.  Die Transporter trugen die Insignien der Neuen Republik.  »Han?« rief Luke.  »Ja, ich sehe sie«, antwortete Han knapp. »Okay. Was willst  du tun?«  Luke  hielt  nach  den  näher  kommenden  Piraten  Ausschau  und  fühlte,  wie  sich  sein  Magen  plötzlich  zusammenzog.  Es  gab  natürlich  viele  Möglichkeiten:  Er  konnte  mit  der  Macht  hinausgreifen,  die  Kontrollen  an  den  Tragflächen  der  Schiffe  beschädigen und  sie damit lähmen; er könnte  vielleicht sogar  ganze  Platten  aus  den  Schiffshüllen  reißen  oder  die  Waffen‐ bänke deformieren, sie allein mit der Macht zerfetzen; oder er  könnte  einfach  in  die  Gedanken  der  Besatzungen  eindringen,  sie in ohnmächtige Beobachter verwandeln oder gar zur Kapi‐ tulation zwingen. Für einen Jedi‐Meister, dessen Alliierter die  Macht war, gab es keine Grenzen. Absolut keine Grenzen. 

Und dann erstarrte er plötzlich, sein Atem schien ihm in der  Kehle zu gefrieren. Genau vor ihm hoben sich vor der Schwär‐ ze des Weltraums matt die Abbilder des Imperators Palpatine  und Exar Kuns ab, zwei der stärksten Brennpunkte der Dunk‐ len Seite, denen er sich jemals hatte stellen müssen. Und jetzt  standen sie vor ihm und starrten ihn an.  Und lachten.  »Luke?«  Hans Stimme schreckte ihn auf, und im gleichen Augenblick  lösten  sich  die  Gespenster  auf.  Der  eisige  Schrecken  jedoch  blieb. Etwas Bestimmtes, das er tun sollte…  »Luke! He, komm zu dir, Kumpel!«  »Ich bin voll da«, brachte Luke heraus. Sein Mund, so stellte  er  fest,  war  mit  einem  Mal  wie  ausgedörrt.  »Ich…  du  über‐ nimmst besser die Führung, Han.«  »Bist du in Ordnung? Kannst du fliegen?«  Luke schluckte. »Ja. Es geht mir gut.«  »Sicher«,  entgegnete  Han,  offenbar  nicht  recht  überzeugt.  »Hör  zu,  du  bleibst  besser  zurück.  Chewie  und  ich  kommen  schon klar.«  »Nein«, rief Luke. »Nein, ich begleite dich. Sag mir bloß, was  ich tun soll.«  »Also gut, wenn du sicher bist, daß du es schaffst, kannst du  mir  Deckung  geben«,  antwortete  Han.  »Wir  müssen  zuerst  mal die Ionenkanone ausschalten.«  Luke atmete tief durch, entspannte seinen Geist und griff hi‐ naus  nach  der Macht. Zwei Schiffe gegen  acht.  Es  war  wie  in  den alten Tagen, als die Rebellen‐Allianz gegen die ehrfurcht‐

gebietende  Macht  des  Imperiums  gekämpft  hatte.  Er  war  da‐ mals  nicht  annähernd  so  stark  in  der  Macht  gewesen.  Im  Grunde  kaum  stark  genug,  um  seine  natürlichen  Talente  als  Kämpfer und Pilot zu erweitern.  Und doch kamen ihm die Erinnerungen an jene Tage seltsam  rein vor. Reiner als sein Geist sich seit langer Zeit gefühlt hat‐ te.  Etwas Bestimmtes, das er tun sollte…  Na schön, beschied er den Erinnerungen, sehen wir das hier als  eine Art Prüfung. »Schieß los«, wandte er sich an Han. »Ich bin  direkt hinter dir.«  Es war in der ersten Minute nicht ersichtlich, ob die Piraten,  die  sich  weiter  auf  ihre  ursprüngliche  Beute  konzentrierten,  den  alten  YT‐1300‐Frachter  und  den  X‐Flügel‐Sternjäger,  die  längsseits flogen, überhaupt bemerkten. Doch es war mehr als  deutlich, daß ein plötzlicher Angriff von außerhalb ihrer Um‐ klammerung  das  letzte  war,  womit  sie  rechneten.  Der  Falke  schoß zwischen zwei der Korsare hindurch, ohne das geringste  Feuer  auf  sich  zu  ziehen,  bis  er  sie  hinter  sich  gelassen  hatte.  Sie  feuerten  eine  einige  ungenaue  Turbolaser‐Salve  ab,  bevor  Luke  sich  unbemerkt  hinter  sie  setzte  und  je  einen  Protonen‐ torpedo  in  ihren  Antriebssektionen  plazierte.  Es  gab  einen  leuchtenden Doppelblitz, und sie schieden ein für allemal aus  dem Kampf aus.  Der X‐Flügler schoß zwischen ihnen hindurch und schraubte  sich aus der Schußlinie der handlungsunfähigen Schiffe in die  Höhe. Doch jetzt richtete der Schlachtkreuzer seine Geschütz‐ türme auf die Angreifer…  Hinter Luke ließ sich  unversehens ein warnendes Kreischen 

vernehmen.  »Ich  sehe  sie,  R2«,  sagte  er  und  lenkte  den  X‐ Flügler in eine Spirale, die ihm den Magen umstülpte und ihn  von dem Schlachtkreuzer wegbrachte, als auch schon zwei der  verbliebenen  Korsare  an  ihm  vorbeisausten.  Als  er  sich  um‐ drehte, nahm er aus den Augenwinkeln einen Lichtblitz wahr:  Er  wandte  sich  ganz  herum  und  sah,  wie  der  Bug  des  Schlachtkreuzers zu Schrapnell zerbarst. »Han? Alles klar?«  »Klar«, gab Hans Stimme zurück. »Ich habe die Ionenkanone  erwischt.  Allerdings  konnte  sie  vorher  noch  einen  Schuß  auf  einen der Transporter abgeben. Keine Ahnung, ob der getrof‐ fen wurde oder nicht. Wie sieht’s bei dir aus?«  »Bisher keine Probleme«, erwiderte Luke. Sein Gefahrensinn  flackerte auf, und er ließ den X‐Flügler in eine neue steile Keh‐ re  sinken,  als  eine  zerstörerische  Bahn  aus  Laserfeuer  den  Punkt im Raum schnitt, den er soeben verlassen hatte. Er stieg  auf,  wendete  und  setzte  sich  hinter  einen  der  angreifenden  Korsare. Es war lange her, seit er so etwas gemacht hatte, doch  er  schien  bei  weitem  nicht  so  eingerostet,  wie  er  befürchtet  hatte. »Diese Dinger sind besser gepanzert  als TIE‐Jäger, aber  längst nicht so wendig.«  Die Worte waren kaum über seine Lippen gekommen, als sie  ihm auch schon fast wieder in die Kehle gerammt wurden. Im  nächsten  Moment  zog  der  Korsar  vor  ihm  scharf  nach  steuer‐ bord,  drehte  sich  aus  Lukes  Schußlinie  und  versuchte,  hinter  ihn  zu  gelangen.  Luke  biß  die  Zähne  zusammen  und  folgte  dem Manöver, und ein paar Sekunden lang jagten sie einander  in  einem  engen  Kreis,  wobei  jeder  auf  einen  sauberen  Schuß  hoffte.  Luke  obsiegte  nur  um  die  Länge  eines  einzigen  Herz‐ schlags, und der Korsar detonierte in Feuer und Schrott. 

Aus seinem Kom drang ein besorgtes Wookiee‐Knurren. »Ich  bin okay, Chewie«, versicherte Luke und griff hinaus nach der  Macht,  um  Ruhe  zu  finden.  Das  war  ein  wenig  zu  nah  dran  gewesen. »Bei euch auch noch alle klar?«  »Bis jetzt noch«, warf Han ein. »Sei auf der Hut – die werden  jetzt wahrscheinlich erst richtig sauer.«  Luke  lächelte  schief  und  schaute  sich  rasch  um.  Die  beiden  letzten Korsare kamen jetzt mit Höchstgeschwindigkeit auf ihn  zu,  aber  ihm  blieben  noch  ein  paar  Sekunden,  ehe  er  irgend  etwas  gegen  sie  unternehmen  mußte.  In  näherer  Entfernung  konnte  er  den  Schlachtkreuzer  erkennen,  der  wie  rasend  auf  den viel kleineren Falken feuerte, der wiederum wie ein Moski‐ to  um  den  Rumpf  des  großen  Schiffs  sauste  und  dabei  syste‐ matisch Turbolaser‐Bänke ausschaltete. Auf der anderen Seite  war  es  zu  einem  Schußwechsel  zwischen  den  beiden  Kano‐ nenbooten  und  den  Transportern  der  Neuen  Republik  ge‐ kommen,  die  eindeutig  besser  bewaffnet  waren,  als  es  zu‐ nächst  den  Anschein  gehabt  hatte.  Der  übrige  Frachtverkehr  rings um sie verließ das Kampfgebiet, so schnell es irgendwie  ging.  Luke  runzelte  die  Stirn  und  konzentrierte  sich  wieder  auf  den Schlachtkreuzer. Mit seiner Entscheidung, auf den Einsatz  des ganzen Potentials der Macht gegen die Freibeuter zu ver‐ zichten,  schien  sich  ein  großer  Teil  der  Konfusion  und  Ans‐ pannung seines Geistes gelöst zu haben.  Und  jetzt,  inmitten  des  Schweigens,  konnte  er  etwas  Seltsa‐ mes  um  jenes  große  Raumschiff  dort  draußen  spüren.  Etwas  Seltsames, das er seit langer Zeit nicht mehr gespürt hatte…  R2  schrillte  eine  weitere  Warnung.  »Alles  klar«,  antwortete 

Luke  und  schüttelte  die  Empfindung  ab.  Die  beiden  Korsare  kamen schnell auf ihn zu, der Flügelmann flog backbord und  ein Stück hinter dem Führer. »Hier ist mein Plan«, teilte Luke  dem Droiden mit. »Auf mein Zeichen gibst du volle Leistung  auf  den  obere  Steuerbordantrieb  und  beide  Bremsventile  an  Backbord.  Vier  Sekunden  danach  schließt  du  die  Ventile  und  lenkst halbe Kraft in alle Maschinen. Verstanden?«  Der Droide pfiff bestätigend. Lukes Daumen ruhten auf den  Abzugsschaltern der Protonentorpedos; er sah zu, wie die Kor‐ sare  auf  ihn  zugeschossen  kamen  und  griff  mit  der  Macht  hi‐ naus, um den Geist der beiden Crews zu berühren. Nicht um  sie  zu  kontrollieren  oder  zu  beugen,  sondern  nur  um  die  Struktur ihrer Gedanken zu erfassen. Er hielt Kurs und warte‐ te… »Jetzt«, rief er R2 zu. Das Zwitschern des Droiden wurde  von  dem  plötzlichen  Aufbrüllen  der  Triebwerke  verschluckt,  und  in  der  nächsten  Sekunde  drehte  sich  der  X‐Flügler  wie  wild  um  den  eigenen  Schwerpunkt.  Mit  halb  geschlossenen  Augen  überließ  es  Luke  der  Macht,  den  richtigen  Zeitpunkt  für seinen Schuß auszuwählen…  Und  dann,  als  der  Sternjäger  eine  neue  Flugbahn  einschlug  und widerstrebend in gerader Linie aus seiner Drehbewegung  heraus startete, wurde er in seinen Sitz gepreßt. Luke blinzelte  gegen  das  plötzliche  Schwindelgefühl  an  und  schaute  sich  nach den Korsaren um.  Der  Schachzug  war  gelungen.  Während  sie  sich  noch  auf  seine  Kreiselbewegungen  konzentrierten  und  vorherzusehen  versuchten,  in  welche  Richtung  er  sich  wenden  würde,  wenn  er  diese  beendete,  hatten  sie  die  sich  nähernden  Protonentor‐ pedos  wahrscheinlich  nicht  einmal  bemerkt,  bevor  es  zu  spät  war. 

»Luke?« drang Hans Stimme aus der Komeinheit. »Sieht aus,  als würden sie abziehen.«  Luke  brachte  sein  Innenohr  zur  Räson  und  wendete  den  X‐ Flügler  abermals.  Der  Schlachtkreuzer  strebte  den  Tiefraum  an, die beiden Kanonenboote folgten ihm. Eines der Boote, so  stellte er fest, wies beachtliche Schäden auf. »R2, gib mir deine  Einschätzung der Schäden«, sagte Luke und stellte seine Kom‐ kontrollen  auf  eine  der  offiziellen  Frequenzen  der  Neuen  Re‐ publik ein. »Transporter, hier spricht der X‐Flügler AA‐589 der  Neuen Republik«, meldete er sich. »Wie ist Ihre Lage?«  »Wesentlich  besser  als  noch  vor  ein  paar  Minuten«,  kam  prompt  die  Antwort  zurück.  »Danke  für  die  Hilfe,  X‐Flügler.  Brauchen Sie oder Ihr Freund Unterstützung?«  R2s  Schadensbericht  erschien  soeben  auf  dem  Computer‐ schirm.  »Nein,  bei  mir  ist  alles  in  Ordnung«,  erwiderte  Luke.  »Han?«  »Keine  Probleme  hier«,  sagte  Han.  »Wir  eskortieren  Sie  bis  nach unten, wenn Sie wollen.«  »Das hört sich gut an«, gab der Transporter‐Captain zurück.  »Nochmals vielen Dank.«  Die  beiden  Transporter  setzten  ihre  Reise  nach  Iphigin  fort.  Luke  ließ  den  X‐Flügler  auf  ihren  Kurs  einschwenken  und  schaltete  wieder  auf  die  private  Frequenz  um.  »Wie  in  den  alten Zeiten«, wandte er sich ironisch an Han.  »Jaah«, entgegnete Han, dessen Stimme irgendwie abgelenkt  klang.  »Hast  du  irgendwelche  Symbole  oder  Kennzeichen  an  den Schiffen gesehen?«  »An  den  Korsaren  war  überhaupt  nichts  zu  erkennen«,  ant‐ wortete  Luke.  »An  die  anderen  bin  ich  nicht  nahe  genug  he‐

rangekommen,  um  etwas  ausmachen  zu  können.  Wieso?  Glaubst du, das waren vielleicht gar keine Piraten?«  »Oh, das waren schon Piraten«, antwortete Han. »Das Prob‐ lem ist nur, die meisten Freibeuter stehen darauf, Riesenklau‐ en  oder  Feuerbälle  überall  auf  ihre  Schiffe  zu  pinseln.  Damit  versuchen  sie  ihre  Opfer  dermaßen  einzuschüchtern,  daß  sie  kampflos aufgeben. Der einzige Grund, warum sie sich so be‐ deckt  halten,  besteht  gewöhnlich  darin,  daß  sie  für  jemand  anders arbeiten.«  Luke blickte aus der Kanzel auf die Lichter der übriggeblie‐ benen Frachter ringsum, die langsam und eher zaghaft wieder  den normalen Verkehr aufnahmen. Hundert exotische Ladun‐ gen,  von  hundert  verschiedenen  Welten…  und  trotzdem  hat‐ ten  sich die Piraten  für jenes Paar republikanischer Transpor‐ ter  entschieden.  »Freibeuter  also«,  überlegte  er,  »die  vom  Im‐ perium angeworben wurden.«  »Ich würde sagen, das ist ein guter Tip«, pflichtete Han ihm  grimmig bei. »Ich frage mich, zu welcher Bande sie gehörten?«  »Oder woher das Imperium die Mittel hat, sie anzuwerben«,  warf Luke nachdenklich ein. Er griff mit der Macht hinaus und  rief  sich  die  Erinnerung  an  die  seltsame  Empfindung  zurück,  die  ihm  der  Schlachtkreuzer  beschert  hatte.  »Ich  weiß  noch,  wie  Leia  mir  mal  erzählt  hat,  was  Freibeuter  damals  gekostet  haben,  als  die  Allianz  sie  anheuerte,  um  die  imperiale  Schif‐ fahrt zu treffen. Die sind nicht gerade billig.«  »Jedenfalls nicht die guten«, schnaubte Han. »Was nicht hei‐ ßen soll, daß dieser Haufen was Besonderes war.«  »Ich bin mir da nicht so sicher«, gab Luke zu bedenken und  richtete  seine  gesamte  Aufmerksamkeit  auf  jene  Erinnerung. 

Er  hatte  so  etwas  ganz  bestimmt  früher  schon  einmal  ge‐ spürt…  Und dann rastete der richtige Gedanke ein. »Ich könnte mich  irren,  Han«,  sagte  er,  »aber  ich  glaube,  an  Bord  des  Schlachtkreuzers befand sich eine Gruppe Klone.«  Das Kom blieb für einen langen Moment stumm. »Bist du si‐ cher?«  »Die  Sinneswahrnehmung  war  genau  wie  jene  damals,  als  wir die Klon‐Krieger von Großadmiral Thrawn um die Katana  jagten.«  Han  seufzte  gedankenvoll  in  die  Komeinheit.  »Schrecklich.  Ich frage mich bloß, wo das Imperium die Klone während der  vergangenen  zehn  Jahre  versteckt  hat.  Ich  dachte,  sie  hätten  bereits so ziemlich alle gegen uns in Marsch gesetzt.«  »Das dachte ich auch«, erwiderte Luke. »Vielleicht haben sie  eine neue Kloning‐Fabrik in Betrieb genommen.«  »Oh,  das  ist  wirklich  mal  ein  erfreulicher  Gedanke«,  grum‐ melte Han. »Hör zu, wir sollten uns nur einer Krise auf einmal  annehmen.  Wir  sehen  zu,  daß  wir  hier  fertig  werden,  setzen  dann den Geheimdienst auf diese Sache an.«  »Ich hatte den Eindruck, daß der Geheimdienst nicht beson‐ ders  viel  Geschick  darin  bewiesen  hat,  die  Banden  festzuna‐ geln.«  »Nein, hat er nicht«, räumte Han ein. »Das gleiche gilt übri‐ gens  für  meine  Kontakte  zu  den  Unabhängigen  Transport‐ schiffern.«  »Das klingt, als brauchten wir hier jemanden, der über besse‐ re  Verbindungen  zum  Rand  verfügt.«  Luke  zögerte.  »Jeman‐

den wie Talon Karrde zum Beispiel.«  Am  anderen  Ende  entstand  ein  kurzes  Schweigen.  »Das  klang jetzt nicht ganz aufrichtig«, unterstellte Han. »Schererei‐ en?«  »Nein,  nicht  wirklich«,  antwortete  Luke  und  wünschte  sich,  den Mund gehalten zu haben. »Es ist bloß… nein, nichts.«  »Laß mich raten. Mara?«  Luke verzog das Gesicht. »Es ist nichts, Han. Okay? Belassen  wir es dabei.«  »Klar  doch«,  versicherte  Han.  »Kein  Problem.  Sobald  wir  hier fertig sind, kannst du zurück nach Yavin fliegen und das  alles  vergessen.  Chewie  und  ich  können  mit  Karrde  reden.  Einverstanden?«  »Einverstanden«, gab Luke zurück. »Danke.«  »Kein  Problem.  Laß  uns  noch  mal  mit  den  Diamala  reden.  Mal  sehen,  ob  das  hier  ihre  Haltung  gegenüber  dem  Schutz  durch die Neue Republik vielleicht geändert hat.«  »Wir können es versuchen.« Luke zögerte. »Han, was ist es,  was die Diamala an mir nicht mögen? Ich muß es wissen.«  Es  gab  eine  kurze  Pause.  »Nun,  um  es  mal  so  zu  umschrei‐ ben… Sie trauen dir nicht.«  »Warum nicht?«  »Weil du zu mächtig bist«, antwortete Han. »Sie behaupten,  daß Jedi, die über so große Macht verfügen wie du, am Ende  immer auf die Dunkle Seite abgleiten.«  Ein unbehagliches Gefühl machte sich in Lukes Magengrube  breit. »Denkst du, sie haben recht?« wollte er wissen.  »He,  Luke,  ich  verstehe  überhaupt  nichts  von  diesen  Din‐

gen«, protestierte der andere. »Ich habe dich ein paar ziemlich  schräge  Dinge  tun  sehen,  und  ich  gebe  zu,  daß  ich  mir  manchmal  Sorgen  mache.  Aber  wenn  du  mir  sagst,  daß  du  alles  unter  Kontrolle  hast,  dann  reicht  mir  das.  Und  du  hast  dich heute hier draußen ganz bestimmt nicht auffällig verhal‐ ten.«  »Nein,  das  habe  ich  nicht«,  pflichtete  Luke  ihm  ein  wenig  abwehrend  bei. Denn Han  hatte ja recht: Er hatte sich bei an‐ deren Gelegenheiten in der Vergangenheit tatsächlich ein we‐ nig auffällig verhalten. Eigentlich sehr häufig.  Aber  nur,  wenn  es  erforderlich  gewesen  war,  und  nur  um  ein  großes  und  nobles  Ziel  zu  erreichen.  Seine  Fähigkeiten  in  der Macht hatten ihm unzählige Male das Leben gerettet und  Hans  Leben  sowie  das  Leben  zahlloser  anderer  Wesen.  Und  bei keiner dieser Gelegenheiten hatte er eine andere Wahl ge‐ habt.  Und doch…  Luke blickte aus der Pilotenkanzel auf die fernen Sterne. Da  war  auch  noch  Obi‐Wan  Kenobi,  sein  erster  Mentor  in  der  Macht. Ein machtvoller Jedi, der gleichwohl zugelassen hatte,  auf dem ersten Todesstern niedergestreckt zu werden, anstatt  Vader und seine Sturmtruppen mit einer Handbewegung ein‐ fach hinwegzufegen.  Und Yoda, der gewiß tiefere Einsicht in die Macht besaß als  irgend jemand sonst in der jüngeren Geschichte. Wenn Lukes  eigener  gegenwärtiger  Wissensstand  ihn  nicht  trog,  so  hätte  Yoda den Imperator mit Sicherheit auch alleine besiegen kön‐ nen. Doch er hatte statt dessen beschlossen, diese Aufgabe Lu‐ ke und der Rebellen‐Allianz zu überlassen. 

Und es gab Callista. Eine Frau, die er einmal geliebt hatte…  und die ihn verlassen hatte, weil seine Fähigkeiten sie irgend‐ wie einschüchterten und ängstigten.  »Sieh mal, Luke, es muß ja gar nichts bedeuten«, drang Hans  Stimme  in  seine  Gedanken.  »Du  weißt  doch,  wie  die  Gehirne  von Nichtmenschen manchmal funktionieren.«  »Ja«, murmelte Luke. Aber dies war etwas, das er nicht ein‐ fach so abtun konnte. Er würde dieser Frage nachgehen müs‐ sen, er würde darüber meditieren und mit seiner Familie und  den engsten Freunden darüber sprechen müssen.  Er erschauerte; die entsetzliche Vision des lachenden Impera‐ tors  geisterte  wieder  durch  seine  Erinnerung.  Er  würde  sich  besser bald damit befassen.  Doch wie Han gesagt hatte: nur eine Krise auf einmal. Er zog  die Nase des X‐Flüglers hoch und ließ sich in die Eskortforma‐ tion an der Seite der beiden Transporter fallen. 

3. Kapitel    Einen  langen  Augenblick  stand  Leia  Organa  Solo  einfach  nur  da  (die  nie  rastenden  Winde  der  Wälder  von  Wayland  zer‐ zausten  ihr  Haar)  und  blickte  den  goldenen  Protokolldroiden  an, der nervös vor ihr herumzappelte. Es gab, so überlegte sie  vage,  nur  noch  sehr  wenige  Dinge  in  der  Galaxis,  die  ihr  die  Sprache  verschlagen  konnten.  Han  Solo,  ihr  Gatte  und  Vater  ihrer drei Kinder, gehörte anscheinend auch dazu. »Er hat was  getan?«  Das war natürlich nur eine rhetorische Frage. Möglicherwei‐ se auch ein Weg, sich zu vergewissern, daß ihre Stimme noch  funktionierte. C‐3PO erkannte das entweder nicht oder wollte  nicht das Risiko eingehen, falsch zu raten. »Er und Chewbacca  sind nach Iphigin gereist, Euer Hoheit«, wiederholte der Droi‐ de  mit  kläglicher  Stimme.  »Vor  einigen  Stunden,  kurz  nach‐ dem Sie zu Ihrer Rundreise aufgebrochen sind. Ich habe noch  versucht,  sie  aufzuhalten,  aber  er  wollte  nicht  hören.  Bitte,  schalten Sie mich nicht ab.«  Leia schöpfte mit Bedacht Atem, griff nach der Macht hinaus,  um sich zu beruhigen – offenbar sah sie wütender aus, als sie  in  Wahrheit  war  –,  und  versuchte  nachzudenken.  Han  war  unterdessen  sicher  auf  Iphigin  und  wahrscheinlich  in  einen  Dialog mit den Delegationen von Diamalan und Ishori verwi‐ ckelt.  Sie  könnte  ihre  Ehrengarde  veranlassen,  sie  mit  einem  ihrer Raumschiffe dorthin zu fliegen, zuvor einen Funkspruch  absetzen  und  Han  auffordern,  bis  zu  ihrer  Ankunft  eine  Un‐

terbrechung der Gespräche anzuberaumen. Die Kinder konnte  sie  hier  zurücklassen.  Die  Noghri  würden  sich,  bis  sie  und  Han  zurückkamen,  um  sie  kümmern.  Die  Alternative  war,  Kontakt  mit  Präsident  Gavrisom  aufzunehmen,  damit  dieser  jemand anderen dorthin entsandte, um zu übernehmen.  Aber jeder dieser Wege würde Hans Bemühungen zu einem  offensichtlich peinlichen Fehlschlag machen, was kaum zu den  Dingen  zählte,  welche  die  ohnehin  niedrige  Meinung  der  Diamala  über  die  Fähigkeiten  der  Neue  Republik  verbessern  konnten. Je nachdem wie ernst die Diamala die Angelegenheit  nehmen  wollten,  konnte  dies  sogar  alles  noch  schlimmer  ma‐ chen, als wenn sie Han einfach gewähren ließ.  Außerdem  war  er  ein  Held  der  Rebellion,  und  sowohl  die  Diamala  als  auch  die  Ishori  wußten  dergleichen  zu  schätzen.  Und nach all den Jahren, in denen er beobachtet hatte, wie sie  derartige Verhandlungen führte, mußte er eigentlich den einen  oder anderen Kniff aufgeschnappt haben.  »Oh,  und  noch  etwas«,  ergriff  3PO  zögerlich  wieder  das  Wort.  »Captain  Solo  hat  noch  einen  weiteren  Anruf  getätigt,  bevor er und Chewbacca starteten. Ich glaube, er war an Mas‐ ter Luke gerichtet.«  Leia  lächelte  ironisch; ihr erstes echtes Lächeln,  seit  3PO ihr  die Neuigkeiten hinterbracht hatte. Sie hätte wissen sollen, daß  Han  sich  nicht  einfach  Hals  über  Kopf  allein  in  diese  Sache  stürzte. Er hatte Luke dazu gebracht, ihn zu begleiten.  3PO  stand  immer  noch  vor  ihr  und  sah  nervös  aus.  »3PO«,  beruhigte  sie  ihn,  »wenn  Han  sich  erst  einmal  etwas  in  den  Kopf  gesetzt  hat,  gibt  es  nichts,  das  ihn  aufhalten  könnte.  Er  und Luke kommen schon zurecht.« 

Der  Droide  schien  vor  Erleichterung  förmlich  in  sich  zu‐ sammenzusinken. »Danke, Euer Hoheit«, murmelte er.  Leia  wandte  sich  von  ihm  ab  und  ließ  den  Blick  abermals  über  die  Lichtung  schweifen.  Ihr  jüngster  Sohn,  Anakin,  kauerte neben einem der schlanken Luftgleiter, mit denen die  kleine  Gruppe  unlängst  hier  eingetroffen  war,  und  sogar  aus  dieser Distanz vermochte sie die Mischung aus Ernsthaftigkeit  und Erregung in der Stimme des Achtjährigen zu vernehmen,  während  dieser  mit  dem  Noghri‐Piloten  über  die  Feinheiten  der  Konstruktion  stritt.  Ein  wenig  abseits  davon,  neben  den  Mobquet‐Düsenschlitten,  die  sie  begleitet  hatten,  standen  die  Zwillinge Jacen und Jaina und sahen mit dem Ausdruck stra‐ pazierter Geduld zu, der naturgemäß auf die Tatsache zurück‐ zuführen war, daß sie eineinhalb Jahre älter waren als ihr jün‐ gerer  Bruder.  Um  die  Kinder  und  die  Fahrzeuge  hatten  sich  die  kleinwüchsigen  grauen  Gestalten  ihrer  Noghri‐Eskorte  versammelt, deren Aufmerksamkeit indes größtenteils auf die  Umgebung gerichtet war. Sogar hier, am Rande einer Noghri‐ Siedlung, blieben sie stets wachsam und auf Gefahren gefaßt.  Hinter ihnen, hoch über den Wald aufragend, konnte Leia den  Gipfel des Mount Tantiss ausmachen.  »Willkommen zurück, Lady Vader«, ließ sich plötzlich an ih‐ rer Seite das rauhe Maunzen eines Noghri vernehmen.  »Oh, du meine Güte!« rief 3PO und fuhr zurück.  Allein ihre lange Erfahrung – sowie die Fähigkeit zur Gelas‐ senheit, die ihr die Macht verlieh – hielt Leia davon ab, seinem  Beispiel zu folgen. Selbst dann, wenn sie sich nicht darum be‐ mühten,  besonders  leise  zu  sein,  waren  die  Noghri  kaum  zu  hören.  Einer  der  zahlreichen  Gründe,  warum  es  Großadmiral 

Thrawn – und vor ihm Darth Vader – so nach ihren Diensten  als private Todeschwadronen des Imperiums gelüstet hatte.  Sie  hatten  diese  Dienste  so  sehr  begehrt,  daß  sie  Honoghr,  die  Heimatwelt  der  Noghri,  mutwillig  verwüsteten  und  die  Noghri permanent am Rande einer Katastrophe hielten. Einer  Katastrophe, die sorgfältig arrangiert und vorbereitet war, um  sie in ewige Knechtschaft zu zwingen.  Leia hatte ihnen geholfen, die Wahrheit über die Täuschung  des Imperiums zu erkennen. Aber obwohl dies die Noghri zu  entschiedenen Verbündeten der Neuen Republik gemacht hat‐ te, blieb der Sieg für alle Beteiligten letztlich wertlos. Ungeach‐ tet  aller  Anstrengungen,  die  während  der  vergangenen  zehn  Jahre  in  das  Wiederaufbauprojekt  der  Neuen  Republik  inves‐ tiert  worden  waren,  schwanden  die  Hoffnungen,  Honoghr  jemals  wieder  zum  Leben  erwecken  zu  können,  mit  jedem  neuen Tag. Und obwohl die Noghri mit ihren neuen Siedlun‐ gen  auf  Wayland  einigermaßen  zufrieden  zu  sein  schienen,  konnte  Leia  die  stille  Trauer  in  ihren  Stimmen  hören,  wann  immer sie von ihrer Heimat sprachen.  Alderaan,  ihre  eigene  Heimatwelt,  war  vom  ersten  Todes‐ stern  vor  ihren  Augen  zu  Staub  zermalmt  worden.  Honoghr  war  auf  subtilere,  aber  nicht  weniger  gründliche  Weise  zer‐ stört worden. Und überall in der Galaxis waren unzählige an‐ dere  Lebewesen  im  Verlauf  des  Krieges  gegen  das  Imperium  schrecklichen Heimsuchungen ausgesetzt gewesen.  Viele  dieser  Wunden  würden  lange  nicht  heilen.  Andere  niemals.  »Ich grüße Sie, Cakhmaim clan Eikh’mir«, wandte sie sich an  den Noghri, der neben ihr stand. »Ich hoffe, es ist alles in Ord‐

nung?«  »Alles  ist  in  Ordnung  und  ruhig«,  antwortete  Cakhmaim  ernst  und  verneigte  sich  nach  Noghri‐Art  respektvoll  vor  ihr.  »Mit einer kleinen Ausnahme vielleicht.«  »Ich weiß«, sagte Leia. »Han und Chewie sind aufgebrochen,  während wir unterwegs waren.«  Cakhmaim runzelte die Stirn. »Sollte er denn nicht fliegen?«  wollte  er  mit  plötzlich  düsterer  Stimme  wissen.  »Er  hat  uns  gesagt, er wäre eingeladen.«  »Es  ist  alles  gut«,  gab  Leia  rasch  zurück.  Die  Beziehungen  zwischen  Han  und  den  Noghri  waren  nie  ganz  so  entspannt  gewesen,  wie  sie  es  gerne  gesehen  hätte,  und  sie  hegte  kei‐ neswegs  den  Wunsch,  diesen  Vorfall  irgend  jemandes  Nega‐ tivliste  hinzuzufügen.  »Er  hätte  zuerst  mit  mir  reden  sollen,  aber das ist schon in Ordnung. Er wollte wahrscheinlich bloß,  daß  ich  mir  mal  eine  Weile  keine  Sorgen  um  die  Politik  der  Neuen Republik machen muß.«  Cakhmaim schielte zu ihr hinauf. »Wenn ich das sagen darf,  Lady Vader, so stimme ich in dieser Hinsicht mit Captain Solo  überein.  Die  Berichte  Ihrer  Ehrengarde  lassen  keinen  Zweifel  daran,  daß  Sie  zu  wenig  Zeit  auf  dringend  notwendige  Ent‐ spannung verwenden.«  »Da  kann  ich  nicht  widersprechen«,  gab  Leia  zu.  »Das  kommt daher, daß ich sowohl eine Familie als auch einen Job  habe  und  nur  eine  begrenzte  Anzahl  Stunden  pro  Tag,  um  mich zwischen beiden aufzuteilen. Vielleicht wird jetzt, nach‐ dem  Ponc  Gavrisom  für  eine  Weile  die  Präsidentschaft  über‐ nommen hat, alles ein bißchen leichter.«  »Vielleicht«, erwiderte Cakhmaim, der sich indes auch nicht 

überzeugter  anhörte,  als  Leia  sich  fühlte.  »Doch  solange  das  Volk der Noghri lebt, werden Sie unter uns immer einen Platz  finden,  zu  dem  Sie  sich  zurückziehen  können.  Sie  und  Ihre  Kinder und deren Kinder. Immer.«  »Ich  weiß  das  zu  schätzen,  Cakhmaim«,  sagte  Leia  und  meinte es auch so. Es gab nur sehr wenige Orte in der Galaxis,  an denen sie die Sicherheit fand – für sich selbst und für ihre  Kinder – die ihr eine Noghri‐Siedlung bot. »Aber Sie erwähn‐ ten ein Problem. Erzählen Sie mir davon.«  »Ich zögere jetzt, Sie damit zu behelligen, Lady Vader«, ent‐ gegnete Cakhmaim unsicher. »Sie sind hergekommen, um sich  auszuruhen,  nicht  um  Streitigkeiten  zu  schlichten.  Außerdem  möchte ich Sie nur ungern von Ihren Söhnen und Ihrer Toch‐ ter trennen.«  »Den Kindern geht es da, wo sie sind, prächtig«, versicherte  Leia ihm  und drehte  sich nach  der  kleinen Schar um. Anakin  lag  mittlerweile  halb  unter  dem  Luftgleiter;  ein  Paar  Noghri‐ Beine ragte neben den seinen unter dem Fahrzeug hervor. Die  Zwillinge  zeigten  noch  immer  jene  angespannt‐geduldigen  Mienen, während sie sich leise miteinander unterhielten, doch  Leia  konnte  sehen,  wie  Jainas  Hand  sehnsüchtig  den  Sattel  eines der Düsenschlitten streichelte. »Anakin hat die  Vorliebe  seines  Vaters  für  Geduldsspiele  geerbt«,  erklärte  sie  Cakh‐ maim,  »und  die  Zwillinge  sind  nicht  annähernd  so  gela‐ ngweilt, wie sie vorgeben. Erzählen Sie mir von dem Streit.«  »Wie Sie wünschen«, erwiderte Cakhmaim. »Bitte folgen Sie  mir.«  Leia nickte. »3PO, du solltest besser hierbleiben.«  »Selbstverständlich, Euer Hoheit«, sagte der Droide. Der Un‐

terton  von  Erleichterung in  seiner Stimme war nicht  zu über‐ hören. 3PO haßte Streitigkeiten.  Die beiden legten eine kurze Strecke unter den Bäumen hin‐ durch zurück bis zu einer zweiten Lichtung, die den Hauptteil  der  Mount‐Tantiss‐Siedlung  der  Noghri  barg.  Hier  standen  vielleicht dreißig Häuser dicht gedrängt beieinander, die nach  der  gleichen  Grundbauweise  wie  die  Häuser  errichtet  waren,  die  Leia  auf  Honoghr  gesehen  hatte,  obwohl  sie  den  lokalen  Baumaterialien  angepaßt  worden  waren.  In  der  Mitte  befand  sich das längere und ein wenig schmalere dukha‐Clanzentrum.  Andere  Nogri‐Niederlassungen  auf  Wayland  hatten  ihre  uralten Clan‐dukhas von Honoghr mitgebracht und sie auf die‐ ser Welt ebenso zu den kultisch verehrten Brennpunkten ihrer  Dörfer  gemacht  wie  in  der  alten  Heimat.  Doch  die  Mount‐ Tantiss‐Siedlung  war  für  eine  besondere  Mission  ausersehen,  und ein Teil dieser Mission bestand darin, niemals zu verges‐ sen,  was  das  Imperium  und  der  Imperator  dem  Volk  der  Noghri genommen hatten. Ihr Clanzentrum, das aus Holz und  Steinen von dieser Welt neu erbaut worden war, erhob sich als  ein ständiges und anschauliches Mahnmal ihres Verlustes.  Die dukha‐Tür war von einem Paar Noghri‐Kindern mit stei‐ fem  Rücken  flankiert,  die  ihren  Torwächterpflichten  mit  der  Ernsthaftigkeit  über  Generationen  tradierter  Gewohnheiten  und Rituale nachkamen. Eines der Kinder zog die Tür auf, und  Cakhmaim und Leia traten ein.  Das  zylindrische  Clanzentrum  bestand  aus  einem  einzigen  großen Raum, der mit schweren Holzbalken gedeckt war und  an dessen Wänden man damit begonnen hatte, die Geschichte  und Genealogie der Niederlassung einzuschnitzen. Nach zwei 

Dritteln des Längsschnitts erhob sich der an einen Kaiserstuhl  erinnernde Thronsessel, der einzige Stuhl im ganzen Raum.  Und  am  Fuße  des  Thronsessels  saß  auf  dem  Boden  in  kot‐ bespritzten Kleidern ein Devaronianer. »Ah«, sagte er und be‐ ehrte  Cakhmaim  mit  einem  dünnen  Lächeln,  während  er  auf  die  Beine  kam,  »mein  freundlicher  Gastgeber.  Ich  hoffe,  Sie  haben  Essen  mitgebracht.  Ich  werde  langsam  hungrig.«  Er  wandte  seine  Aufmerksamkeit  Leia  zu.  »Und  Sie,  nehme  ich  an, sind der wandernde Schlichter, der mir angekündigt wur‐ de?«  »Dies  ist  Leia  Organa  Solo,  Mitglied  des  Hohen  Rats  der  Neuen  Republik«,  stellte  Cakhmaim  sie  mit  schneidender  Stimme vor. »Sie werden respektvoll mit ihr sprechen.«  »Natürlich«,  sagte  der  Devaronianer  trocken  und  berührte  das rechte seiner beiden Stirnhörner mit den Fingerspitzen der  rechten  Hand.  »Ich  würde  niemals  anders  mit  einem  Reprä‐ sentanten der Neuen Republik sprechen.«  »Natürlich nicht«, erwiderte Leia in demselben Tonfall, wäh‐ rend sie nach der Macht hinausgriff. Männliche Devaronianer  waren  passionierte  Reisende  und  ein  vertrauter  Anblick  in  allen Raumhäfen der Galaxis, aber es hatte (wenn überhaupt)  nur  sehr  wenige  von  ihnen  in  der  Rebellen‐Allianz  gegeben,  und  sie  war  dieser  Spezies  persönlich  nur  selten  begegnet.  »Und Ihr Name?« fragte sie und versuchte zugleich, seine Ge‐ danken und Gefühle zu erkunden.  »Ich bin Lak Jit, Rätin. Ein einfacher Sucher nach Wissen und  Wahrheit.«  Leia  lächelte.  »Natürlich«,  nickte  sie  und  konzentrierte  sich  ein  wenig  intensiver  auf  seine  Gedanken.  Sie  konnte  keine 

Veränderung“ feststellen, die ein Hinweis auf eine Lüge gewe‐ sen wäre, aber das mochte in Anbetracht ihrer Unkenntnis je‐ ner  Spezies  nicht  viel  bedeuten.  Höchstwahrscheinlich  war  seine Antwort ohnehin nichts weiter als eine Verdrehung oder  Ausschmückung der Tatsachen. »Berichten Sie mir von diesem  Streit, Cakhmaim.«  »Dieser Fremde wurde von einem unserer Säuberungsteams  in der Nähe des Mount Tantiss entdeckt«, erklärte Cakhmaim,  der den Devaronianer nicht aus den Augen ließ. »Er grub den  Boden  im  Innern  des  Sperrbezirks  auf  und  war  bereits  auf  sechs Datenkarten gestoßen. Als das Team sie ihm abnehmen  wollte,  beanspruchte  er  gemäß  der  Debble‐Übereinkunft  das  Besitzrecht.«  »Wirklich?« sagte Leia und betrachtete den Devaronianer mit  neu  erwachtem  Interesse.  Die  Debble‐Übereinkunft  war  ein  der Gunst des Augenblicks abgerungener Kompromiß, den sie  selbst  zwischen  den  Säuberungsteams  der  Noghri,  die  ge‐ schworen hatten, jede Erinnerung an die Gegenwart des Impe‐ rators  auf  Wayland  auszulöschen,  und  Garv  Debble,  einem  Archäologen  der  Neuen  Republik,  ausgehandelt  hatte,  der  darauf  bestand,  daß  Gegenstände,  die  von  anderen  Welten  geraubt worden waren, ihren rechtmäßigen Besitzern zurück‐ gegeben  werden  mußten.  Dieses  Abkommen  war  informell  und  mehr  oder  minder  unter  der  Hand  getroffen  worden,  so  daß  ein  Gelegenheitsschatzsucher  kaum  darüber  Bescheid  wissen  konnte.  »Verraten  Sie  mir,  Lak  Jit,  woher  Sie  von  der  Debble‐Übereinkunft wissen?«  »Ganz  ehrlich,  Rätin,  ich  versichere  Ihnen«,  antwortete  der  Devaronianer, »ich stehe in Verbindung mit einem Menschen,  der,  wie  ich  glaube,  hin  und  wieder  mit  der  Neuen  Republik 

zu tun hatte. Talon Karrde.«  »Ich  verstehe«,  erwiderte  Leia  mit  ausdrucksloser  Stimme  und Miene. Zu sagen, Talon Karrde habe hin und wieder mit  der Neuen Republik zu tun gehabt, war eine maßlose Untert‐ reibung.  Der  Schmugglerboß  und  Informationsmakler  Talon  Karrde,  der  eine  Organisation  unterhielt,  welche  die  gesamte  erschlossene Galaxis umspannte, hatte sich während der mas‐ siven,  von  Großadmiral  Thrawn  angeführten  Gegenoffensive  zunächst nur widerwillig mit der Neuen Republik eingelassen.  Später  hatte  er  eine  bunte  Allianz  von  Schmugglern  zusam‐ mengebracht,  die  eine  bedeutende  Rolle  spielte,  als  Thrawns  Vormarsch gestoppt und dieser endgültig besiegt worden war.  Die Schmuggler‐Allianz war im Lauf der Jahre auseinanderge‐ fallen,  doch  Leia  hatte  sich  stets  darum  bemüht,  mit  Karrde  selbst in Kontakt zu bleiben.  Eine Präsenz streifte ihre Gedanken, und sie drehte sich um,  als  Jacen  den  Raum  betrat.  »Mom,  wann  gehen  wir  zu  dem  Berg?«  wollte  er  wissen  und  warf  einen  gleichgültigen  Blick  auf den Devaronianer. »Du hast gesagt, daß wir uns nach dem  letzten Ausflug den Berg ansehen würden.«  »Bald, mein Schatz«, erwiderte Leia. »Ich muß hier nur noch  eine Kleinigkeit erledigen.«  Jacen  runzelte  die  Stirn.  »Ich  dachte,  wir  hätten  hier  nichts  Wichtiges zu erledigen.«  »Ich brauche nur eine Minute«, versprach Leia.  »Aber mir ist langweilig«, sagte er beharrlich. Wieder sah er  Lak Jit an, und Leia konnte die Anstrengung spüren, als er mit  seinen beschränkten Fähigkeiten in der Macht nach ihm taste‐ te. »Sind Sie, was meine Mom noch erledigen muß?« fragte er. 

»Ja«, antworte Lak Jit mit einem weiteren schmallippigen Lä‐ cheln.  »Und  sie  hat  recht:  Es  wird  nur  eine  Minute  dauern.  Rätin  Leia  Organa  Solo,  es  sollte  außer  Zweifel  stehen,  daß  historische  Datenkarten  exakt  zu  jener  Sorte  von  Artefakten  zählen,  zu  deren  Schutz  die  Debble‐Übereinkunft  getroffen  wurde. Und daher…«  »Wir  haben  lediglich  Ihre  Behauptung,  daß  diese  Datenkar‐ ten historisch sind«, warf Cakhmaim ein. »Wir müssen sie zu‐ nächst einmal selbst überprüfen.«  »Dem  stimme  ich  zu«,  sagte  Leia,  bevor  der  Devaronianer  etwas einwenden konnte. Unglücklicherweise konnte eine de‐ rartige  Überprüfung  Stunden  dauern,  und  die  Kinder  warte‐ ten schon. »Hier ist mein Angebot, Lak Jit. Ich nehme die Da‐ tenkarten an mich und gebe Ihnen sofort fünfhundert als An‐ zahlung.  Nachdem  ich  sie  geprüft  habe,  überweist  Ihnen  die  Neue Republik, was immer sie wert sein mögen.«  »Und wer befindet über ihren Wert?« wollte Lak Jit wissen.  »Ich«, entgegnete Leia. »Oder wenn Sie das vorziehen, kann  ich  die  Datenkarten  auch  mit  nach  Coruscsant  nehmen  und  Rat  Sien  Siev  oder  einen  anderen  Historiker  bitten,  sie  zu  schätzen.«  »Und wenn ich mich weigere?«  Leia  nickte  in  Richtung  Cakhmaim.  »Würden  Sie  es  vorzie‐ hen, daß ich die Noghri den Preis festsetzen lasse?«  Lak Jit verzog das Gesicht zu einem Ausdruck, der lediglich  an ein weiteres devaronianisches Lächeln erinnerte, das indes  noch  dünner  ausfiel.  »Ich  scheine  keine  andere  Wahl  zu  ha‐ ben.« Er trat vor und streckte ihr einen Stapel Datenkarten hin.  »Also gut. Schätzen Sie sie. Da Sie mir nichts zu essen brach‐

ten, haben Sie und Ihre Gastgeber sicher nichts dagegen, wenn  ich  mir  was  zu  futtern  suche,  während  Sie  sich  an  die  Arbeit  machen.«  »Du hast gesagt, nur eine Minute, Mom«, mischte sich Jacen  ein.  »Still,  Jacen«,  versetzte  Leia,  nahm  mit  spitzen  Fingern  den  Stapel  Datenkarten  und  zählte  sie  rasch  durch.  Sechs  Stück,  gut, und genauso schäbig und schmutzig wie Lak Jits Kleider.  Sie  waren  wahrscheinlich  mit  der  Wolke  aus  Schutt  und  Trümmern  aus  dem  Mount  Tantiss  geschleudert  worden,  als  Chewbacca und Lando Calrissian den Energiereaktor der Basis  in die Luft jagten, und hatten seither unter der Oberfläche von  Wayland geruht.  Lak Jit räusperte sich. »Darf ich…?«  »Ja, gehen Sie«, schnitt Leia ihm das Wort ab. Sie hatte nicht  gewußt, daß Devaronianer sich ihre Nahrung suchten, und sie  verspürte  absolut  keine  Neigung,  Einzelheiten  darüber  zu  er‐ fahren.  »Jacen,  sei  still.  Es  dauert  nur  noch  eine  Minute,  ver‐ sprochen.«  »Beeilen Sie sich, bitte«, sagte Lak Jit und verschwand durch  die Tür.  »Mom…«  »Wieso fragst du Cakhmaim nicht, ob er dir die historischen  Schnitzereien  hier  an  den  Wänden  zeigt,  wenn  du  dich  lang‐ weilst?«  schlug  Leia  vor  und  kratzte  vorsichtig  an  der  Schmutzkruste, die die oberste Datenkarte überzog. »Oder geh  und schließ dich den Noghri‐Kindern beim Kampftraining an.  Ich glaube, Mobvekhar bringt ihnen heute Hebelgriffe bei.«  Jacen zog die Nase hoch. »Jedi brauchen so etwas nicht. Wir 

haben die Macht.«  »Du  bist  aber  noch  kein  Jedi«,  rief  Leia  ihm  ins  Gedächtnis  und sah ihn streng an. Sie war ohnehin nicht besonders glück‐ lich  über  die  Unterbrechung  ihrer  Ferien,  aber  dieses  Gezeter  war  nur  dazu  angetan,  alles  noch  viel  schlimmer  zu  machen.  »Wenn du einer wärst,  wüßtest du,  daß der Besitz der Macht  nicht  bedeutet,  den  Zustand  deines  materiellen  Körpers  ver‐ nachlässigen  zu  können.  Das  Kampftraining  der  Noghri  ist  eine gute Übung.«  »Genauso  wie  eine  Bergbesteigung«,  konterte  Jacen.  »Wann  gehen wir also?«  »Wenn ich fertig bin«, antwortete Leia mit Nachdruck, been‐ dete ihre Säuberungsarbeit und musterte die Beschriftung der  Datenkarte.  Übersicht  über  die  Vierte  Pestoriv‐Konferenz  stand  dort. Also nichts von  Bedeutung: Die Pestoriv‐Konferenz war  uneingeschränkt  öffentlich  gewesen  und  überdies  vollständig  dokumentiert.  Es sei denn, der Imperator hatte seine eigene private Version  dessen  besessen,  was  sich  dort  zugetragen  hatte.  Sie  würde  sich später damit beschäftigen, da die Datenkarte ohnehin erst  einmal  gründlich  gereinigt  werden  mußte,  ehe  sie  es  wagen  konnte, sie in ihren Datenblock zu schieben. Sie schob die Kar‐ te unter den Stapel und warf einen Blick auf die Beschriftung  der  zweiten.  Ähnlich  harmlos:  irgend  etwas  über  Ri’dar‐ Paarungstänze. Die dritte Datenkarte…  Sie starrte das Etikett an; ein plötzlicher Schauer lief ihr über  den Rücken. Vier Worte, vom Schmutz befreit.  Die Hand von Thrawn.  »Mom?«  fragte  Jacen,  seine  Stimme  war  kaum  mehr  als  ein 

Flüstern.  Obwohl  er  noch  jung  war  und  unerfahren  in  der  Macht, war er seiner Mutter doch eng verbunden, fast so eng  wie seiner Schwester Jaina. »Was hast du?«  Leia  griff nach der Macht hinaus und faßte  sich.  »Ich  bin  in  Ordnung«, versicherte sie ihrem Sohn. »Etwas auf dieser Karte  hat mir einen Schrecken eingejagt, das ist alles.«  Jacen reckte den Hals, um einen Blick darauf zu werfen. »Die  Hand von Thrawn. Was bedeutet das?«  Leia schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht.«  »Oh.« Jacen sah mit gerunzelter Stirn zu ihr auf. »Und war‐ um hast du dann solche Angst?«  Das  war  eine  gute  Frage,  mußte  Leia  zugeben.  Konnte  das  schlichte,  wenn  auch  unerwartete  Auftauchen  von  Thrawns  Namen  sie  so  getroffen  haben?  Dies  schien  ihr  nicht  sehr  wahrscheinlich.  »Auch  das  weiß  ich  nicht,  Jacen«,  entgegnete  sie.  »Vielleicht  habe  ich  mich  nur  an  die  Vergangenheit  erin‐ nert.«  »Oder in die Zukunft geblickt«,  sagte Cakhmaim leise. »Die  Mal’ary’ush haben große Macht.«  »Ich weiß«, sagte Jacen ernst. »Sie ist meine Mom.«  »Vergiß  das  bloß  nicht«,  ermahnte  Leia  ihn  mit  gespieltem  Ernst,  während  sie  ihm  durchs  Haar  fuhr.  »Jetzt  sei  aber  mal  eine  Minute  still  und  laß  mich  herausfinden,  worum  es  hier  geht.« Sie zog den Datenblock aus ihrer Tasche, gab mit einem  Mal nichts mehr um mögliche Verschmutzungen durch Staub  und schob die Datenkarte in den Schacht.  »Was ist drauf?« fragte Cakhmaim ruhig.  Leia  schüttelte  den  Kopf.  »Nichts«,  erklärte  sie.  »Zumindest 

nichts  Lesbares.«  Sie  versuchte  es  mit  einer  anderen  Sektion  der Karte, dann mit noch einer anderen. »Anscheinend ist die  gesamte  Datenkarte  irgendwie  nicht  mehr  zu  entziffern;  ich  schätze, nachdem sie zehn Jahre der Erde ausgesetzt war, kann  das leicht passieren. Vielleicht können die Experten auf Corus‐ cant…«  Sie  verstummte.  Jacens  Gesicht,  seine  Gedanken…  »Mom!«  platzte er auch schon heraus. »Jaina und Anakin!«  »Es ist Lak Jit«, rief sie atemlos, griff hinaus nach der Macht  und  erhaschte  den  plötzlichen  Anflug  von  Furcht,  der  ihre  Kinder  erfaßt  hatte.  Dann  sah  sie  ein  zweites  Bild:  den  Deva‐ ronianer,  der  über  die  Lichtung  stürmte,  sowie  eine  Wolke  unerwartet aufsteigenden weißen Qualms. »Cakhmaim!«  Doch  Cakhmaim  war  schon  zur  Tür  hinaus  und  alarmierte  die  anderen  mit  dem  trillernden  Kampfruf  der  Noghri.  Leia  stopfte den Datenblock und die übrigen Karten in ihre Hüftta‐ sche, packte Jacens Hand und folgte Cakhmaim nach draußen.  Sie trat soeben ins Freie, als tremolierend eine Antwort durch  die Bäume hallte. »Sie sind unversehrt«, berichtete Cakhmaim.  Grimmige Erleichterung ließ seine Stimme eisig klingen. »Der  Devaronianer hat bloß einen Düsenschlitten gestohlen.«  Als Antwort auf Cakhmaims Warnruf strömten ringsum be‐ waffnete Noghri aus ihren Häusern.  »Welchen  Weg  hat  er  eingeschlagen?«  wollte  Leia  wissen,  während  sie  rasch  die  Siedlung  durchquerten.  Links  und  rechts  von  ihnen  nahmen  Noghri  ihre  Schutzpositionen  ein.  Vor ihnen konnte Leia zwischen den Bäumen den sich allmäh‐ lich  auflösenden  Rauch  erkennen.  Mit  Hilfe  der  Macht  über‐ mittelte sie ihren Kindern ermutigende Gedanken. 

Cakhmaim trillerte abermals und erhielt Antwort, als sie den  Rand der Niederlassung erreichten. »Unbekannt«, meldete er.  »Sie konnten nicht sehen, wie er startete.«  Der  Rauch  hatte  sich  größtenteils  verzogen,  als  sie  eine  Mi‐ nute  später  auf  die  Lichtung  kamen.  Von  den  neun  Noghri,  die  Leia  dort  zurückgelassen  hatte,  waren  noch  sechs  da  und  bildeten  einen  engen  Abwehrkreis  um  die  Kinder.  »Jaina,  Anakin«, stieß sie atemlos hervor, ließ sich neben ihnen auf ein  Knie fallen und zog sie beide kurz, aber fest an sich. Es bedurf‐ te  keiner  Frage,  ob  es  ihnen  gut  ging;  ihre  Jedi‐Sinne  hatten  sich längst davon überzeugt. »Khabarakh, was war hier los?«  »Er  hat  uns  überrumpelt,  Lady  Vader«,  antwortete  der  Noghri.  Sein  Gesicht  zeigte  die  stille  Pein  des  Kriegers,  der  seine  Pflicht  nicht  erfüllt  hatte.  »Er  kam  einfach  so  auf  die  Lichtung  und  ließ  sein  Grabwerkzeug  zwischen  uns  auf  den  Boden  fallen.  Ein  Teil  des  Griffs  war  eine  getarnte  Rauchgra‐ nate, die beim Aufprall explodierte. Wir konnten hören, wie er  einen  der  Düsenschlitten  anließ,  aber  ich  wollte  niemandem  gestatten,  in  all  dem  Qualm  die  Verfolgung  aufzunehmen.  Hätte ich mich anders verhalten sollen?«  »Nein«,  versicherte  Cakhmaim  entschieden.  »Die  Maschine  ist  nicht  von  Bedeutung.  Es  kommt  allein  auf  die  Sicherheit  der Kinder von Lady Vader an. Deine Ehre steht außer Frage,  Khabarakh clan Kihm’bar.«  Jaina  zupfte  an  Leias  Ärmel.  »Warum  ist  er  geflohen,  Mut‐ ter? Hatte er Angst vor den Noghri?«  »Auf  gewisse  Weise  ja,  Süße«,  antwortete  Leia  grimmig.  Plötzlich,  mit  dem  klaren  Blick  der  Rückschau,  lag  das  ganze  Täuschungsmanöver offen zutage. Sie zog die Datenkarten des 

Devaronianers  aus  ihrer  Hüfttasche  und  fächerte  sie  in  ihrer  Handfläche auf.  Wie  sie  sofort  feststellte,  hatten  sie  alle  schmutzige  Kanten;  an einer allerdings waren nur die Kanten verschmutzt.  »Lady Vader?«  Leia  drehte  sich  um.  Im  Unterholz  am  Rand  der  Lichtung  halfen  zwei  Noghri  einem  verwirrt  anmutenden  3PO  auf  die  Beine.  »Oh, du meine Güte«, stieß der Droide hervor. »Ich muß ei‐ nen Fehltritt getan haben.«  »3PO!« kreischte Anakin, duckte sich zwischen seiner Mutter  und  Cakhmaim  hindurch  und  rannte  los,  um  zu  helfen.  »Bist  du okay?«  3PO untersuchte kurz seine Arme. »Ich scheine unbeschädigt  zu  sein,  Master  Anakin,  vielen  Dank«,  versicherte  er  dem  Kind.  »Wir  müssen  ihn  finden«,  sagte  Leia,  wandte  sich  wieder  Cakhmaim und Khabarakh zu und hielt die saubere Datenkar‐ te  hoch.  »Er  besitzt  immer  noch  eine  der  Datenkarten,  die  er  am Berg gefunden hat.«  »Ich  werde  weitere  Sucher  aussenden«,  versprach  Cakh‐ maim und zückte sein Komlink. »Vielleicht kann ich sogar ei‐ ne unliebsame Überraschung für unseren Dieb arrangieren.«  »Euer Hoheit?« rief 3PO. »Ich weiß nicht, ob Ihnen dies von  Nutzen  ist  –  oder  ob  Sie  es  überhaupt  schon  wissen  –,  aber  bevor ich stolperte und hinstürzte…«  »Rede endlich«, schnappte Cakhmaim.  3PO schrak ein wenig zurück. »Ich habe gesehen, wie der ge‐

stohlene  Düsenschlitten  in  diese  Richtung  verschwunden  ist…«, stellte er fest.  »He«, rief Anakin, »3PO war außerhalb des Qualms.«  »Er  hielt  auf  die  Nordwand  des  Mount  Tantiss  zu«,  sagte  Cakhmaim  bestimmt.  »Ohne  Zweifel  dahin,  wo  er  sein  Schiff  abgestellt hat. Khabarakh, deine Gruppe nimmt die Luftgleiter  sowie  die  übrigen  Düsenschlitten  und  folgt  ihm.  Ich  bringe  Lady Vader und die Kinder zurück in die Siedlung.«  »Nur die Kinder, Cakhmaim«, verbesserte ihn Leia und ging  auf einen der Luftgleiter zu. »Ich fliege mit Khabarakh.«  Dreißig  Sekunden  später  befand  sich  der  Suchtrupp  in  der  Luft. »Haben wir irgendeine Ahnung, wo sein Raumschiff sein  könnte?«  erkundigte  sich  Leia,  während  die  Fahrzeuge  über  die Landschaft rasten.  »Die  Myneyrshi  werden  es  wissen«,  antwortete  Khabarakh.  »Sie  behalten  alle  Bewegungen  in  der  Nähe  des  verbotenen  Bergs  im  Auge.  Vielleicht  ist  das  die  Überraschung,  von  der  Cakhmaim gesprochen hat.«  Leia  zog  ein  Nahsichtgerät  aus  dem  Ausrüstungsfach  des  Gleiters, und einige Minuten lang scannte sie den Wald unter  sich in Flugrichtung. Nichts. »Wahrscheinlich hält er sich dicht  in Bodennähe«, meinte sie dann.  »Dadurch  wird  er  langsamer«,  erwiderte  Khabarakh.  »Aber  wenn  wir  sein  Schiff  nicht  finden,  kann  er  vermutlich  trotz‐ dem starten, ehe wir ihn zu fassen bekommen.«  Und wenn die Noghri‐Luftgleiter zu diesem Zeitpunkt nicht  das Glück hatten, genau über ihm zu sein, würde er innerhalb  weniger  Sekunden  außer  Schußweite  sein.  Leia  drückte  das  Gesicht  fester  gegen  das  Nahsichtgerät  und  griff  in  dem  Ver‐

such,  Lak  Jits  Präsenz  zu  orten,  so  weit  wie  möglich  in  die  Macht hinaus.  Doch sie konnte in den Wäldern, die vor ihnen lagen, absolut  nichts  entdecken.  Als  sie  ihre  Gedanken  jedoch  noch  mehr  bündelte, spürte sie, daß ganz in ihrer Nähe etwas aufflacker‐ te.  Etwas  Unerwartetes  und  doch  unzweifelhaft  Vertrautes,  das  immer  näher  kam.  Sie  senkte  das  Nahsichtgerät,  schloß  halb die Augen und versuchte sich auf die Wahrnehmung zu  konzentrieren…  »Festhalten!«  rief  Khabarakh,  und  der  Luftgleiter  legte  sich  in eine scharfe Linkskurve. Leia griff nach einem Halt und hät‐ te um  ein Haar  das Nahsichtgerät  losgelassen.  Vor  und unter  ihnen  war  über  den  Baumwipfeln  ein  betagter  Gymsnor‐2‐ Frachter  aufgetaucht.  Wieder  senkte  sie  halb  die  Lider  und  griff mit der Macht nach dem Frachter – und schließlich erfaß‐ te sie die Präsenz des Devaronianers. »Das ist er«, bekräftigte  sie. »Können wir ihn aufhalten?«  »Wir werden es versuchen«, erwiderte Khabarakh.  Leia  verzog  das  Gesicht.  Tu  es  –  oder  tu  es  nicht.  Es  gibt  kein  Versuchen.  Luke  hatte  dieses  Jedi‐Diktum während  ihrer  Aus‐ bildung immer und immer wieder zitiert.  Und  es  wurde  rasch  klar,  daß  es  auch  hier  kein  Versuchen  gab.  Obwohl  die  Luftgleiter  mit  Höchstgeschwindigkeit  flo‐ gen, setzte sich der Gymsnor stetig von seinen Verfolgern ab.  Und vor ihm befand sich nichts: keine Raumschiffe, keine Hü‐ gel,  keine  Hindernisse  irgendwelcher  Art,  nichts,  das  seine  Flucht hätte aufhalten können. Schon hatte das Schiff die ma‐ ximale  Flughöhe  der  Düsenschlitten  überschritten;  nur  noch  wenige Minuten, und es würde auch die Luftgleiter hinter sich 

lassen.  Aus  dem  Lautsprecher  der  Komeinheit  drangen  maunzend  rauhe Noghri‐Worte. Khabarakh antwortete, und im nächsten  Augenblick bremsten die Luftgleiter ab. Leia wandte sich ihm  zu  und  öffnete  den  Mund,  um  ihn  zu  fragen,  warum  sie  die  Jagd aufgaben…  …  als mit  einem  unbeschreiblichen Getöse  auf ihrer  rechten  Seite ein Raumschiff an ihnen vorbeischoß und direkt auf den  Gymsnor zuhielt.  »Khabarakh!«  keuchte  Leia  und  zuckte  zusammen,  als  sich  der Luftgleiter im Sog des anderen Schiffs aufbäumte.  »Alles in Ordnung, Lady Vader«, versicherte Khabarakh ihr.  »Ein Verbündeter.«  »Ein  Verbündeter?« wiederholte  Leia und blickte  dem  Neu‐ ankömmling  mit  einem  Stirnrunzeln  nach:  ein  corellianischer  Action‐VI‐Schwertransporter, so wie es aussah. Fast viermal so  groß wie Lak Jits Schiff, und wenn das Tempo, mit dem er sich  dem Devaronianer näherte, nicht trog, so war der Antrieb des  Raumers  einer  grundlegenden  Aufbesserung  unterzogen  worden.  Lak Jit war anscheinend zu einem ähnlichen Schluß gelangt.  Er scherte hart nach rechts aus und trat den Senkflug zwischen  die  Bäume  an;  dann  stieg  er  wieder  steil  auf  und  wendete,  schlug  einen  neuen  Kurs  ein  und  versuchte  verzweifelt,  den  Weltraum zu erreichen.  Ein  Manöver,  dessen  Einsatz  Leia  während  des  Krieges  ge‐ gen das Imperium unzählige Male erlebt hatte und das gegen  einen  größeren  und  unbeweglicheren  Verfolger  fast  immer  zum Erfolg  führte. In  diesem Fall  jedoch tat es  das  nicht.  Der 

Action‐VI  reagierte  bereits  entsprechend,  ehe  Lak  Jit  sein  Wendemanöver  eingeleitet  hatte,  und  als  der  Gymsnor  auf  Kurs  ging,  war  das  größere  Schiff  schon  wieder  hinter  und  über ihm und zwang ihn, den Steigflug entweder abzubrechen  oder  eine  Kollision  in  der  Atmosphäre  zu  riskieren.  Langsam  und  unerbittlich  wurde  der  Devaronianer  nach  unten  ge‐ drängt.  »Gut gemacht«, kommentierte Khabarakh.  »Ja«, murmelte Leia… und schließlich begriff sie die sonder‐ bare Wahrnehmung, die sie vor wenigen Minuten hatte. »Das  ist  also  die  Überraschung,  die  Cakhmaim  uns  versprochen  hat.«  »Ja«, antwortete Khabarakh. »Die Wild Karrde mit Ihren Ver‐ bündeten  Talon  Karrde  und  Mara  Jade  an  Bord.«  Er  warf  ihr  einen beinahe verstohlenen Blick zu. »Ich hoffe, Sie sind darü‐ ber nicht ungehalten.«  Leia  lächelte.  Talon  Karrde,  der  kultivierte  Schmugglerboß  und einstige Alliierte der Neuen Republik, der von der Mehr‐ heit des Hohen Rats stets als wenig vertrauenswürdig einges‐ tuft worden war; und Mara Jade, die frühere Agentin des Im‐ perators, Karrdes »zweiter Offizier« und – abgesehen von Leia  – Lukes erster Versuch, jemanden auf den Weg der Macht zu  fuhren.  Auch  sie  galt  als  nicht  besonders  vertrauenswürdig.  »Nein, Khabarakh, ich bin keineswegs ungehalten«, versicher‐ te Leia. »Genau wie die Noghri ehre ich die Vergangenheit.«    Der  Gymsnor  kauerte  gleichsam  auf  der  Lichtung  und  ruhte,  ein wenig zu einer Seite geneigt, auf einer eingeknickten Lan‐ dekufe;  die  Ladeluke  stand  offen  und  war  von  einer  Gruppe 

Noghri  umstellt.  »Ich  hätte  nicht  geglaubt,  daß  Sie  ein  Schiff  auf diese Weise zum Landen zwingen können«, bemerkte Leia  und  ließ  einen  kritischen  Blick  über  den  Frachter  wandern,  »ohne es dabei halb zu zerstören.«  Neben  ihr  zuckte  Talon  Karrde  bescheiden  die  Achseln.  »Cakhmaim  sagte:  relativ  unbeschädigt«,  erklärte  er.  »Und  wir  sind stets um zufriedene Kunden bemüht.«  »Sie  haben  damit  im  allgemeinen  Erfolg«,  stimmte  Leia  zu.  Ein  Noghri‐Paar  erschien  in  der  Ladeluke  und  besprach  sich  kurz  mit  den  anderen,  die  draußen  Wache  hielten,  dann  ver‐ schwanden die beiden wieder im Innern des Raumschiffs. »Ich  bin sehr froh, daß Sie zufällig auf Wayland sind. Was führt Sie  eigentlich hierher?«  »Geschäfte«,  erklärte  Karrde.  »Ich  habe  versuchsweise  Noghri  angeheuert,  um  meine  Verbindungsleute  in  den  ge‐ fährlicheren und unsicheren Teilen der Galaxis zu schützen.«  Leia legte die Stirn in Falten. »Davon ist mir nichts zu Ohren  gekommen.«  »Wir haben das nicht an die große Glocke gehängt«, erwider‐ te  Karrde.  »Ich  bin  zur  Zeit  auf  Coruscant  nicht  besonders  gern  gesehen,  und  in  Anbetracht  Ihrer  engen  Beziehung  zu  den  Noghri  wollten  wir  durch  diese  Verbindung  Ihren  Ruf  und Einfluß nicht beschädigen.«  »Ich  weiß  Ihre  Besorgnis  zu  schätzen«,  sagte  Leia,  »aber  ich  kann selbst auf meinen Ruf achtgeben, vielen Dank. Und was  die Gastfreundschaft der Neuen Republik anbetrifft, so gibt es  immer noch eine Handvoll von uns, die nicht vergessen haben,  welchen Anteil Sie daran hatten, Großadmiral Thrawn aufzu‐ halten.« 

»Ich glaube auch nicht, daß irgendeiner der Hohen Räte und  Senatoren  dies  wirklich  vergessen  hat«,  konterte  Karrde.  Ein  untypischer  Anflug  von  Bitterkeit  stahl  sich  in  seine  Stimme  und sein Gebaren. »Es ist nur so, daß viele von ihnen, als wir  die Unterstützung meiner Organisation anboten, diese bereits  damals ablehnten.«  Leia  blickte  zu  ihm  auf.  Sie  bemerkte  den  verhärmten  Ge‐ sichtsausdruck ebenso wie die Härte in seinen Empfindungen.  Es  war  ihr  bewußt,  daß  sich  die  offiziellen  Bande  zwischen  Karrdes Schmugglerfreunden und der Neuen Republik in den  vergangenen zwei Jahren immer weiter gelockert hatten, aber  es war ihr nicht klar gewesen, daß er darüber so verbittert war.  »Es tut mir leid«, war alles, was ihr dazu einfiel. »Wie kann ich  helfen?«  Er  beschied  das  Angebot  mit  einer  abschlägigen  Geste,  und  noch während er das tat, ging  die  Bitterkeit in eine Art ironi‐ scher Resignation über. »Versuchen Sie es gar nicht erst«, sagte  er.  »Wir  Schmuggler  gehören  zum  Rand,  so  wie  die  Söldner  und  Knastbrüder  und  Piraten.  Wenn  Sie  uns  zu  verteidigen  versuchen,  werden  sie  nur  erreichen,  daß  Sie  am  Ende  im  Schlamassel stecken.«  »Wie ich schon sagte, mein Ruf geht nur mich etwas an.«  »Außerdem«,  fuhr  Karrde  leise  fort,  »würde  ich  bloß  die  Noghri  in  Gefahr  bringen,  wenn  ich  zu  diesem  Zeitpunkt  die  öffentliche  Aufmerksamkeit  auf  mich  lenken  würde.  Oder  meinen Sie nicht auch, daß einige Mitglieder des Hohen Rates  es  für  eine  unangemessene  Handlungsweise  halten  würden,  sich an einen Schmuggler zu verkaufen?«  Leia  zog  eine  Grimasse.  Er  hatte  recht.  Und  da  die  Noghri 

noch immer unter der selbstauferlegten Buße wegen ihrer Jah‐ re währenden Dienste für das Imperium lebten, würden auch  die  Dynasten  der  Clans  auf  derartige  Vorwürfe  außerordent‐ lich  empfindlich  reagieren.  »Es  hat  mir  leid«,  sagte  sie  noch  einmal.  »Das  muß  es  nicht«,  empfahl  Karrde.  »Wenn  die  Neue  Re‐ publik  mich  nicht  braucht,  brauche  ich  sie  ganz  gewiß  auch  nicht. Ah, es ist soweit.«  Leia drehte sich nach dem Frachtschiff um. Eine neue Grup‐ pe  war  soeben  aus  der  Ladeluke  getreten:  drei  Noghri,  ein  verdrießlich  dreinschauender  Lak  Jit  sowie  Mara  Jade,  deren  rotgoldenes  Haar  im  Sonnenlicht  glänzte.  Sie  hielt  eine  schmutzverkrustete  Datenkarte  in  der  Hand.  »Übrigens,  was  ist  eigentlich  aus  Maras  unabhängiger  Handelsgesellschaft  geworden?« erkundigte sich Leia. »Ich habe gehört, sie sei ge‐ scheitert, konnte jedoch nie den Grund dafür erfahren.«  »Sie  ist  keineswegs  gescheitert,  sie  wurde  ganz  einfach  ge‐ schlossen«,  entgegnete  Karrde.  »Die  Gesellschaft  war  aber  auch nie als ständige  Einrichtung gedacht.  Ich wollte,  daß sie  Erfahrungen in der unmittelbaren Leitung einer kleinen Firma  sammelt,  also  richteten  wir  ihr  eine  ein.  Das  Ganze  war  bloß  ein Teil ihrer Vorbereitung darauf, eines Tages meine Organi‐ sation zu übernehmen.«  Die  Gruppe  überquerte  die  Lichtung  und  kam  auf  Karrde  und  Leia  zu,  die  sie  erwarteten.  Leia  war  ganz  und  gar  nicht  überrascht, als der Devaronianer zuerst das Wort ergriff. »Ich  protestiere  nachdrücklich  gegen  diese  Behandlung«,  sagte  er  bissig;  seine  Augen  glänzten  ebenso  vor  Wut  wie  seine  Hör‐ ner. »Ich habe kein Verbrechen begangen, das es Ihnen, Rätin 

Leia  Organa  Solo,  gestatten  würde,  das  Feuer  auf  mich  zu  eröffnen und mein Raumschiff zu beschädigen. Seien Sie ver‐ sichert, daß ich eine formelle Beschwerde beim Hohen Rat der  Neuen  Republik,  dem  Senat,  der  Vertretung  des  Ojoster‐ Sektors und der Corellianischen Händlergilde einlegen werde  – sowie…«  »…  bei  Ihrem  Arbeitgeber  Talon  Karrde?« schlug  dieser  lie‐ benswürdig vor.  »Selbstverständlich  auch  bei  Talon  Karrde«,  stimmte  Lak  Jit  ihm begeistert zu. »Ich verlange die unverzügliche Rückerstat‐ tung meines Eigentums…«  Er verstummte und richtete zum ersten Mal den Blick auf Ta‐ lon Karrde. Leia griff in die Macht hinaus und spürte das auf‐ geschreckte Auflodern des Erkennens. »Sie sind…?«  »Ja«, nickte Karrde. Seine Stimme klang mit einem Mal eisig.  Er  streckte  eine  Hand  aus, und  Mara  legte  die  Datenkarte  hi‐ nein. »Verraten Sie mir mal, wo Sie damit hinwollten.«  »Ich  wollte  sie  natürlich  zu  Ihnen  bringen«,  antwortete  Lak  Jit.  Leia  sah  Mara  an,  die  ein  Stück  hinter  dem  Devaronianer  stand,  ihre  Rechte  ruhte  wie  zufällig  auf  dem  Lichtschwert,  das  an  ihrem  Gürtel  befestigt  war.  Sie  erwiderte  Leias  Blick;  auf ihrem Gesicht zeichnete sich ein wissendes und zynisches  Halblächeln ab. Sie hatten beide das Erbeben von Lak Jits Geist  gespürt.  Mara  ließ  den  Blick  weiter  zu  Karrde  wandern  und  neigte  den  Kopf  ein  wenig  auf  die  linke  Seite.  »Das  war  die  erste  Lüge,  Lak  Jit«,  teilte  Karrde  dem  Devaronianer  mit  und  hob  warnend  den  Finger.  »Noch  eine,  und ich  benachrichtige  die  Corellianische  Händlergilde,  daß  Sie  illegal  in  ihrem  Na‐

men reisen.« Die Temperatur in seiner Stimme sank noch wei‐ ter.  »Bei  der  dritten  Lüge  bekommen  Sie  es  mit  mir  persönlich  zu tun. Nun, wo wollten Sie hin?«  Der Devaronianer schien zu schrumpfen. »Ich wollte die Da‐ tenkarte verkaufen«, brummte er. »An die meistbietenden Par‐ tei.« Er warf Leia einen heimlichen Blick zu. »Diese Leute be‐ zahlen wesentlich besser als sie.«  »Und  wer  sind  diese  großzügigen  Interessenten?«  wollte  Karrde wissen.  Lak  Jit  zuckte  mit  seinem  linken  Horn,  dann  mit  dem  rech‐ ten.  Die  Geste  entsprach  dem  menschlichen  Achselzucken.  »Das werden Sie wissen, sobald Sie das da lesen. Aber seien Sie  vorsichtig  damit  –  als  ich  es  versuchte,  habe  ich  fast  meinen  Datenblock ruiniert. Die Karte ist extrem verschmutzt.«  »Ja,  das  ist  mir  aufgefallen.«  Karrde  blickte  Mara  an.  »Hast  du sein Schiff gründlich durchsucht?«  »Die Noghri schnüffeln noch überall herum, aber das hier ist  ohne Frage die richtige Karte«, antwortete Mara.  »Also  gut.«  Karrde  wandte  sich  wieder  dem  Devaronianer  zu. »Sobald Sie fertig sind, können Sie von hier verschwinden.  Ob Sie dann immer noch meiner Organisation assoziiert sind,  hängt davon ab, was wir auf dieser Datenkarte finden. Ihr üb‐ licher Kontakt wird es Sie wissen lassen.«  Lak  Jit  verneigte  sich  ausführlich.  »Sie  sind  wie  immer  ein  überaus  großzügiger  Master«,  sagte  er.  In  seiner  Stimme  lag  nicht  genug  Sarkasmus,  um  beleidigend  zu  sein.  Er  sah  Leia  an.  »Ich  glaube,  es  war  von  fünfhundert  Kredits  Vorauszah‐ lung die Rede.«  Leia  und  Karrde  wechselten  einen  ungläubigen  Blick.  »Ich 

denke,  Sie  haben  jedes  Anrecht  darauf  verwirkt,  als  Sie  die  Rauchgranate  auf  meine  Kinder  geworfen  haben«,  teilte  sie  dem Devaronianer mit. »Aber wir zahlen Ihnen nach wie vor,  was diese Datenkarten unseres Erachtens nach wert sind, bloß  daß Sie sich jetzt gedulden müssen.«  »Sie  mag  Sie  bezahlen«,  ergänzte  Karrde,  »aber  ich  sollte  darüber  nachdenken,  ob  ich  nicht  auch  eine  Bezahlung  als  Honorar dafür annehme, daß ich Sie aufgehalten habe.«  Lak  Jit  lächelte  dünn.  »Wie  ich  schon  sagte,  ein  überaus  großzügiger Master.«  »Sie sollten dafür dankbar sein, daß Sie diese Nummer nicht  bei  einem  Hutt  abgezogen  haben«,  konterte  Karrde.  »Hauen  Sie ab.«  Der  Devaronianer  verbeugte  sich  noch  einmal  und  begab  sich zurück zu seinem Schiff. Die drei Noghri begleiteten ihn.  »Ich glaube, die gehört Ihnen,«, sagte Karrde und reichte Leia  die  Datenkarte.  »Wir  haben  die  nötigen  Geräte  an  Bord  der  Wild Karrde, um sie zu reinigen, falls Sie Gebrauch davon ma‐ chen wollen.«  »Was Ihnen die Möglichkeit eröffnen würde, mir dabei über  die Schulter zu schauen«, unterstellte Leia trocken.  Karrde lächelte. »Wir könnten das als mein Honorar betrach‐ ten. Es sei denn, Sie meinen, ich hätte keines verdient.«  Leia schüttelte in  gespielter  Resignation den Kopf.  »Ich  ver‐ gesse  zuweilen,  wie  es  ist,  mit  Ihnen  Geschäfte  zu  machen,  Karrde. Gehen Sie vor.«    Die  letzte  leserliche  Seite  rollte  zum  zweiten  Mal  über  den 

Bildschirm und gab den Blick frei auf die wahllos aufeinander  folgenden  Bits und Leerstellen  der  zerstörten  Sektion  der  Da‐ tenkarte.  Leia  plazierte  den  Datenblock  vorsichtig  auf  einer  Ecke  von  Karrdes  Schreibtisch.  Das  Herz  schlug  ihr  bis  zum  Hals.  Der  private  Arbeitsraum,  der  ihr  vor  Minuten  noch  so  behaglich und warm erschienen war, wirkte plötzlich frostig.  Eine  Bewegung  erregte  ihre  Aufmerksamkeit,  während  sie  ins  Leere  blickte:  Karrde,  der  in  dem  Sessel  mit  der  hohen  Rückenlehne auf der anderen Seite des Schreibtischs Platz ge‐ nommen  hatte,  griff  nach  dem  Datenblock.  »Tja«,  sagte  er  nüchtern und drehte das Gerät in seine Richtung, »nun wissen  wir wenigstens, weshalb unser Bothan‐Freund Fey’lya so sehr  auf die völlige Zerstörung von Mount Tantiss aus war.«  Leia  nickte  schweigend.  Jene  zehn  Jahre  zurückliegende  Be‐ gebenheit  kam  ihr  schlagartig  wieder  in  den  Sinn:  Rat  Borsk  Fey’lya,  der  in  der  Hauptstadt  des  Imperiums  Coruscant  vor  der  Wild  Karrde  stand  und  Karrde  beinahe  anflehte,  sie,  Leia,  nach Wayland zu bringen, um Han und den anderen dabei zu  helfen, die Schatzkammer des Imperators im Mount Tantiss zu  zerstören.  Seine  düsteren  Warnungen,  daß  Dinge  in  dieser  Schatzkammer ruhten, die, falls sie gefunden wurden, die Bo‐ thans und die gesamte Galaxis ins Unglück stürzen konnten…  Lak  Jit  war  dahintergekommen;  und  Fey’lya  hatte  recht  ge‐ habt.  »Ich nehme an, es besteht keine Möglichkeit, daß es sich bei  dieser Aufzeichnung um eine Fälschung handelt«, fuhr Karrde  fort und starrte den Datenblock nachdenklich an. »Um etwas,  das  der  Imperator  in  der  Absicht  in  die  Welt  gesetzt  haben  könnte, die Bothans eines Tages damit zu erpressen.« 

»Das  bezweifle  ich«,  erwiderte  Leia.  »Die  Königliche  Biblio‐ thek auf Alderaan besaß eine Vielzahl von Informationen über  den Angriff, bei dem Caamas eingeäschert wurde; Details, die  niemals an die Öffentlichkeit gelangt sind.«  »Es fällt mir schwer zu glauben, daß überhaupt irgend etwas  über  Caamas  geheimgehalten  werden  konnte«,  warf  Karrde  ein. »Die Entrüstung reichte damals jedenfalls weit genug. Die  Lage  war  sogar  noch  dramatischer  als  bei  der  Vernichtung  Ihrer Heimat Alderaan.«  Leia nickte mechanisch; ihr inneres Auge wurde gegen ihren  Willen von den Holobildern angezogen, die sie als Kind in den  historischen  Chroniken  gesehen  hatte.  Die  Verwüstung  von  Caamas  hatte  sich  vor  ihrer  Zeit  zugetragen,  aber  die  Bilder  standen so lebendig vor ihr, als hätte sie die Folgen des Ereig‐ nisses mit eigenen Augen gesehen.  Der  Angriff  war  unerwartet  erfolgt;  seine  Bösartigkeit  hatte  sogar  noch  die  umfassenden  Zerstörungen  der  Klon‐Kriege  übertroffen,  die  ihm  vorangegangen  waren.  Vielleicht  hatten  die  Angreifer  damit  gerechnet,  daß  die  kriegsmüde  Bevölke‐ rung  emotional  zu  abgestumpft  sein  würde,  um  überhaupt  Notiz davon zu nehmen und sich um das Schicksal einer ein‐ zelnen Welt zu kümmern.  Doch  wenn  dies  tatsächlich  ihre  Strategie  gewesen  war,  so  erwies  sie  sich  als  schwerwiegende  Fehlkalkulation.  Die  Caa‐ masi  waren  ein  gutes  und  edles  Volk  gewesen,  das  sich  der  Kunst  und  Philosophie  widmete  und  sich  so  den  tiefen  Res‐ pekt selbst seiner Widersacher erworben hatte. Ihr unerschüt‐ terlicher Glaube an Friedfertigkeit durch moralische Festigkeit  hatte  die  politischen  Philosophien  zahlreicher  Welten,  darun‐

ter  auch  Alderaan,  maßgeblich  beeinflußt,  während  ihre  standhafte  Unterstützung  der  Prinzipien  der  Alten  Republik  sie  in  den  politischen  Wirren  jener  Ära  zu  einem  festen  Halt  für alle übrigen Befürworter dieser Werte gemacht hatte.  Noch  immer  wußte  man  nicht,  wer  die  Angreifer  gewesen  waren,  die  plötzlich  aus  dem  Nirgendwo  aufgetaucht  waren,  um den Planeten systematisch und ohne Skrupel in Flammen  aufgehen zu lassen. Keiner der politischen Gegner der Caama‐ si  hatte  dafür  jemals  die  Verantwortung  übernommen  –  im  Gegenteil, sie schlossen sich, zumindest verbal, samt und son‐ ders der universellen Verurteilung der Untat an –, und die er‐ haltenen Aufzeichnungen der Caamasi über die Schlacht war‐ en  zu  lückenhaft,  um  für  die  Identifizierung  der  Täter  von  Nutzen zu sein.  Doch  mit  Lak  Jits  Datenkarte  war  nunmehr  wenigstens  ein  Teil des Rätsels gelöst.  »Sie waren ein beliebtes Volk«, seufzte Leia und richtete ihre  Aufmerksamkeit wieder auf die Gegenwart. »Und für die we‐ nigen, die noch übrig sind, gilt das noch immer.« Sie blinzelte  gegen Tränen an. »Sie wissen es wahrscheinlich nicht, aber als  ich  aufwuchs,  gab  es  auf  Alderaan  eine  große  Gruppe  von  Caamasi‐Flüchtlingen, die unter dem Schutz meines Vaters im  geheimen  auf  den  Südlichen  Inseln  lebten.  Sie  hofften,  eines  Tages,  wenn  sie  wieder  stark  genug  wären,  nach  Caamas  zu‐ rückkehren zu können, um ihre Welt wieder aufzubauen.«  »Interessant«, murmelte Karrde und strich sich geistesabwe‐ send  über  den  Bart.  »Zufällig  wußte  ich  über  diese  Gruppe  sehr wohl Bescheid. Ich habe damals Lebensmittel und Medi‐ zin  geschmuggelt,  die  sie  brauchten  und  die  auf  Alderaans 

Liste verbotener Importgüter standen. Ich habe mich jedesmal  gefragt,  wieso  Ihre  Zollbeamten  mich  nie  zu  bemerken  schie‐ nen.«  »Mein Vater  wollte nicht,  daß  irgend etwas  Offizielles  in  ir‐ gendwelchen  Importlisten  auftauchte«,  entgegnete  Leia.  »Er  hatte  Palpatine  in  Verdacht,  in  die  Zerstörung  von  Caamas  verwickelt  zu  sein,  entweder  unmittelbar  oder  durch  Stroh‐ männer; vor allem als klar wurde, in welche Richtung Palpati‐ ne  die  Republik  drängen  wollte.  Die  Caamasi  hätten  sich  das  niemals so einfach gefallen lassen, und sie hätten die Verände‐ rung viel schneller bemerkt als wir auf Alderaan.«  »Also mußten sie eliminiert werden«, sagte Karrde schweren  Herzens.  »Wie  man  so  sagt:  Im  nachhinein  ist  man  immer  schlauer.« Er deutete auf den Datenblock. »Aber ich hätte nie  gedacht, daß auch Bothans darin verwickelt waren.«  »Das  wird  für  jedermann  eine  Riesenüberraschung  sein«,  sagte Leia zusammenzuckend. »Und die Neuigkeit könnte uns  zu  keinem  schlechteren  Zeitpunkt  ereilen,  bei  all  den  Span‐ nungen  und  Buschfeuern,  die  überall  in  der  Neuen  Republik  auflodern. Ich bin nicht einmal vollkommen sicher, ob wir ge‐ genwärtig  überhaupt  dazu  fähig  sind,  mit  so  etwas  auf  ratio‐ nelle Weise umzugehen.«  Vor  dem  Arbeitsraum  flackerte  eine  Präsenz  auf,  und  Leia  drehte  sich  um,  als  die  Tür  aufging.  »Die  Warnung  ist  raus«,  berichtete  Mara, betrat  den  Raum und setzte sich neben Leia.  »An  alle  unsere  Raumschiffe  und  Bodenstationen.  Außerdem  habe ich mit Mazzics und Clyngunns Leuten gesprochen. Falls  Lak  Jit  einem  von  ihnen  zu  nahe  kommt,  haben  wir  ihn.«  Sie  nickte in Richtung des Datenblocks. »War sonst noch was auf 

der Datenkarte?«  »Nichts  Lesbares«,  erklärte  Leia.  »Vielleicht  können  die  Techniker auf Coruscant noch mehr herausholen. Obwohl ich  das bezweifle.«  »Wir  haben  gerade  Gedanken  über  Caamas  und  die  Folgen  ausgetauscht«, sagte Karrde. »Du hast dem nicht zufällig noch  etwas hinzuzufügen, oder?«  Mara  warf  ihm  einen  kalten  Blick  zu.  »Du  meinst  zum  Bei‐ spiel  die  Namen  und  Clans  der  Bothans,  die  den  planetaren  Schildgenerator von Caamas sabotiert haben?«  »Das wäre ein guter Anfang«, nickte er.  Mara schnaubte leise. »Darauf wette ich. Unglücklicherweise  weiß ich auch nicht mehr, als was auf dieser Datenkarte ist. Im  Grunde  noch  weniger,  da  ich  keine  Ahnung  hatte,  daß  ir‐ gendwelche  Bothans  in  die  Sache  verwickelt  waren.  Vergiß  nicht,  Caamas  war  schon  lange  vergessen,  als  der  Imperator  mich fand und zu seiner Hand machte.«  »Und er hat den Überfall niemals erwähnt?« wollte Leia wis‐ sen.  »Damit  geprahlt  oder  sich  damit  gebrüstet?  Irgend  et‐ was?«  Mara schüttelte den Kopf. »Nicht mir gegenüber. Das einzige  Mal,  daß  er  die  Caamasi  überhaupt  erwähnt  hat,  war,  als  er  fest daran glaubte, sie würden Bail Organa gegen ihn aufwie‐ geln,  und  daran  dachte,  mich  zu  entsenden,  um  etwas  dage‐ gen  zu  unternehmen.  Doch  dann  hat  er  es  sich  anders  über‐ legt.«  Leia fühlte, wie sich ihr das Herz im Leib zusammenzog. »Er  muß damals zu dem Schluß gelangt sein, daß er etwas Besse‐ res besaß, um ein Exempel zu statuieren: den Todesstern.« 

Eine  Minute  lang  sprach  niemand.  Dann  regte  sich  Karrde.  »Was wollen Sie jetzt mit dieser Datenkarte anfangen?« fragte  er.  Leia  drängte  unter  Mühen  die  Erinnerung  an  ihre  zerstörte  Heimat  und  die  verlorenen  Familienmitglieder  und  Freunde  zurück. »Ich habe gar keine Wahl«, teilte sie ihm mit. »Lak Jit  hat sie bereits gelesen, und er ist darauf aus, die Geschichte zu  verbreiten,  und  sei  es  aus  schierer  Boshaftigkeit.  Ich  kann  le‐ diglich  versuchen,  Coruscant  zu  verständigen,  bevor  das  ge‐ schieht.  Damit  gebe  ich  dem  Hohen  Rat  wenigstens  ein  biß‐ chen Zeit, um sich auf den bevorstehenden Aufruhr vorzube‐ reiten.«  Karrde sah Mara an. »Und was sehen unsere Pläne vor?«  »Jede Menge«, antwortete sie. »Aber wir haben noch Zeit, sie  vorher abzusetzen.«  »Wenn  Sie  eine  Mitfahrgelegenheit  suchen,  so  haben  Sie  ei‐ ne«, sagte Karrde an Leia gewandt. »Da Solo und der Wookiee  mit  dem  Falken  irgendwo  auf  Achse  sind,  bleibt  Ihnen  wohl  auch kaum etwas anderes übrig, nehme ich an.«  Leia  schnitt  ein  Gesicht.  »War  ich  eigentlich  die  letzte  auf  dem ganzen Planeten, die erfahren hat, daß Han weg ist?«  Karrde  lächelte.  »Vermutlich.  Andererseits  sind  Informatio‐ nen mein Geschäft.«  »Ich weiß noch, wie ich in derselben Branche tätig war«, er‐ widerte Leia seufzend. »Ja, ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn  Sie  mich  mitnähmen.  Haben  Sie  auch  noch  Platz  für  meine  Kinder und Khabarakhs Team?«  »Ich  bin  sicher,  wir  können  sie  irgendwo  reinquetschen«,  versicherte  ihr  Karrde  und  langte  über  den  Schreibtisch  nach 

seinem Kom. »Dankin? Machen Sie unser Schiff startklar. Wir  nehmen  bei  der  Mount‐Tantiss‐Siedlung  der  Noghri  die  Kin‐ der  und  die  Ehrengarde  der  Rätin  Leia  Organa  Solo  an  Bord  und verlassen anschließend den Planeten.«  Er  erhielt  die  Bestätigung  und  unterbrach  die  Verbindung.  »Cakhmaim sagte, Lak Jit hätte sechs Datenkarten gefunden«,  sagte er dann und faßte Leia aufmerksam ins Auge. »War auf  einer davon etwas von ähnlicher Tragweite?«  »Auf  einer  vielleicht«,  antwortete  Leia  mechanisch.  Ein  Ge‐ danke durchfuhr sie plötzlich wie ein Messer: Mara Jade, einst  eine geheime und mächtige Agentin des Imperators… bekannt  als die Hand des Imperators.  Sie richtete den Blick auf Mara und fand, daß die strahlenden  grünen  Augen  sie  mit  der  gleichen  Intensität  anstarrten.  Die  Hand des Imperators. Die Hand von Thrawn…  Eine  Erinnerung  flammte  auf:  Vor  zehn  Jahren,  kurz  nach  der  Geburt  von  Jacen  und  Jaina,  waren  die  beiden  Frauen  ei‐ nander  in  einem  kleinen  Raum  im  Innern  des  Imperialen  Pa‐ lastes begegnet. Leia hatte damals in dieselben grünen Augen  geblickt,  während  Mara  in  aller  Ruhe  ihre  Absicht  kundtat,  ihren Bruder Luke zu töten.  Schon  zu  diesem  Zeitpunkt  hatte  sie  Maras  Fähigkeiten  in  der Macht entdeckt. Und jetzt, nach zahlreichen Übungen und  manchen  Unterweisungen  durch  Luke,  lag  ihr  Potential  noch  offener  zutage.  Sie  konnte  spüren,  wie  Maras  Gedanken  ihre  eigenen erforschten, ihren Geist auf die Probe stellten und zu  erkennen  versuchten,  was  sie  so  unvermittelt  beunruhigte.  Und dann kam es ihr so vor – oder drängte sich ihr vielmehr  wortlos  auf  –,  als  wüßte  Mara  mit  ihrem  einzigartigen  impe‐

rialen  Hintergrund  möglicherweise  längst,  wer  oder  was  mit  der Hand von Thrawn gemeint war.  Doch sie konnte sie unmöglich einfach fragen. Nicht jetzt. Sie  betrachtete  Mara  und  Karrde  als  Freunde,  doch  dies  war  et‐ was, worüber der Hohe Rat der Neuen Republik zuerst unter‐ richtet werden mußte. »Ich kann nichts darüber sagen«, erklär‐ te sie daher. »Noch nicht.«  »Ich verstehe«, gab Karrde zurück, dessen Augen nachdenk‐ lich  zwischen  den  beiden  Frauen  hin  und  her  huschten.  Er  wußte,  daß  sich  unter  der  Oberfläche  irgend  etwas  abspielte,  war  jedoch  zu  rücksichtsvoll,  um  darauf  herumzureiten.  Au‐ ßerdem  würde  er  ohnehin  später  von  Mara  erfahren,  worum  es ging. »Fragen kostet nichts.«  Er  senkte  den  Blick  auf  den  Datenblock.  »Ich  habe  den  Ein‐ druck,  daß  wir  uns  vielleicht  viel  zu  große  Sorgen  um  diese  Caamas‐Sache machen. Das war vor langer Zeit, und es könnte  gut sein, daß es niemanden mehr interessiert, wer damals die  Schuld trug.«  Leia schüttelte den Kopf. »Daran glaube ich keine Minute.«  »Ich ebensowenig«, warf Mara ein.  Karrde verzog das Gesicht. »Nein, ich eigentlich auch nicht.« 

4. Kapitel    Er setzte es ihnen auseinander, ohne etwas auszulassen, jedes  schmerzliche Detail… und als er geendet hatte, waren sie, wie  er es erwartete, außer sich.  »Sie  machen  wohl  Witze,  Admiral  Pellaeon«,  sagte  Mufti  Andray mit eisiger Stimme.  »Ganz meine Meinung«, fügte Mufti Bemos hinzu und spiel‐ te mit dem breiten codoranischen Ring an seinem Finger. »Wir  sind  das  Imperium,  Admiral.  Und  das  Imperium  kapituliert  nicht.«  »Dann  wird  das  Imperium  sterben«,  entgegnete  Pellaeon  unverblümt. »Es tut mir leid, Exzellenzen, aber darauf läuft es  unweigerlich hinaus. Das Imperium ist geschlagen. Mit einem  ausgehandelten Friedensvertrag könnten wir wenigstens…«  »Ich habe genug gehört«, geiferte Mufti Hort, fegte mit gro‐ ßer Geste die Datenkarten vom Tisch in seine Hand und stieß  den  Sessel  nach  hinten.  »In  meinem  Sektor  erwarten  mich  wichtige Geschäfte.«  »Das gleiche gilt für mich«, schloß sich ihm Mufti Quillan an  und erhob sich ebenfalls. »Wenn Sie mich fragen, so sollte ein  solcher  Mann  nicht  über  unsere  militärischen  Kräfte  gebie‐ ten…«  »Setzen Sie sich!« befahl eine ruhige Stimme. »Alle beide.«  Pellaeon  richtete  seine  Aufmerksamkeit  auf  den  Mann,  der  soeben  gesprochen  hatte  und  der  am  anderen  Ende  des  Ti‐

sches  saß.  Er  war  klein  und  schlank,  hatte  zurückweichendes  silbernes  Haar,  durchdringende,  gelb  gesprenkelte  blaue  Au‐ gen  und  Hände  wie  Klauen,  die  weit  kräftiger  waren,  als  es  zunächst den Anschein hatte. Sein Gesicht war vom Alter und  von  Bitterkeit  gezeichnet,  und  den  Mund  entstellten  Grau‐ samkeit und brennender Ehrgeiz.  Dieser  Mann  war  Mufti  Disra,  der  Chefadministrator  des  Braxant‐Sektors  und  Herrscher  über  die  neue  imperiale  Zent‐ ralwelt,  die  den  Kodenamen  Bastion  trug.  Er  war  ihr  Gastge‐ ber  und  hatte  sie  in  diesem  Konferenzsaal  in  seinem  Palast  willkommen  geheißen.  Und  von  den  acht  noch  verbliebenen  Muftis traute Pellaeon ihm am wenigsten.  Auch  Quillan  und  Hort  sahen  Disra  an;  ihr  beabsichtigter  großer Abgang war geplatzt. Hort schien etwas sagen zu wol‐ len,  doch  dann  nahmen  beide  schweigend  wieder  ihre  Plätze  ein.  »Danke.« Disras Augen glitten weiter zu Pellaeon. »Bitte fah‐ ren Sie fort, Admiral.«  »Danke,  Euer  Exzellenz.«  Pellaeon  ließ  den  Blick  um  den  Tisch  wandern.  »Ich  kann  es  niemanden  von  Ihnen  verübeln,  über meine Empfehlung erzürnt zu sein. Ich bin nicht leichten  Herzens  zu  diesem  Entschluß  gelangt.  Aber  ich  sehe  keinen  anderen  Ausweg.  Ein  Friedensvertrag  würde  uns  wenigstens  das Territorium sichern, über das wir zur Zeit noch verfügen.  Ohne  einen  solchen  Vertrag  werden  wir  mit  Sicherheit  ver‐ nichtet.«  »Würden  wir  unser  Territorium  wirklich  halten  können?«  wollte  Mufti  Edan  wissen.  »Die  Neue  Republik  hat  stets  die  Lüge  aufrechterhalten,  unsere  Herrschaft  gründe  auf  Terror 

und  Gewalt.  Würden  ihre  Vertreter  nicht  mit  oder  ohne  Ver‐ trag auf unserer Vernichtung bestehen?«  »Das denke ich nicht«, antwortete Pellaeon. »Ich glaube hin‐ gegen,  daß  wir  selbst  die  fanatischsten  unter  ihnen  davon  überzeugen  können,  daß  die  Welten,  die  gegenwärtig  unter  imperialer  Herrschaft  stehen,  auf  eigenen  Wunsch  bei  uns  bleiben.«  »Nicht alle«, brummte Mufti Sander. »Einige in meinem Sek‐ tor würden sofort abfallen, wenn sie nur die Wahl hätten.«  »Wie  werden  bestimmt  ein  paar  Systeme  verlieren«,  sagte  Pellaeon.  »Auf  der  anderen  Seite  gibt  es  ohne  Zweifel  auch  Systeme, die gegenwärtig innerhalb der Schranken der Neuen  Republik existieren, die es vorziehen würden, nach den Geset‐ zen des Imperiums zu leben, wenn sie die Wahl hätten. So wie  die  Dinge  liegen,  können  wir  für  diese  Systeme  nichts  tun  –  wir besitzen weder die Raumschiffe oder das nötige Personal,  um ihre Rechte zu verteidigen, noch können wir Versorgungs‐ routen  zu  ihnen  unterhalten.  Mit  einem  Friedensvertrag  je‐ doch  könnten  wir  diese  Welten  auffordern,  sich  uns  wieder  anzuschließen.«  Quillan ließ ein unterdrücktes Schnauben hören. »Lächerlich.  Glauben Sie denn wirklich, die Neue Republik würde ihre ge‐ raubten Systeme widerstandslos an uns zurückgeben?«  »Ganz im Gegenteil, Quillan, sie haben in dieser Angelegen‐ heit  gar  keine  andere  Wahl«,  warf  Mufti  Vered  trocken  ein.  »Sie  gründen  ihren  Führungsanspruch  einzig  und  allein  dar‐ auf, daß die Systeme der Neuen Republik ihre Führung freiwil‐ lig akzeptieren. Wie könnten sie da eine Kehrtwendung vollzie‐ hen und es anderen Systemen verbieten, ihre Führung auszu‐

schlagen?«  »So  ist  es«,  nickte  Pellaeon.  »Vor  allem  nicht  angesichts  der  Vielzahl  begrenzter  Konflikte,  die  in  jüngster  Zeit  ausgebro‐ chen  sind.  Wenn  sie  bestimmten  Systemen  den  Austritt  aus  der Neuen Republik verwehrten, würden sie uns eine mächti‐ ge  Propagandawaffe  in  die  Hand  geben.  Der  Almania‐ Zwischenfall ist mit Sicherheit noch in frischer Erinnerung.«  »Aber  weshalb  müssen  wir  überhaupt  etwas  unternehmen,  wenn die Lage dort so unsicher ist?« erwog Bemos. »Wenn wir  den  richtigen  Zeitpunkt  abwarten,  besteht  doch  die  reelle  Chance, daß die Neue Republik von alleine zusammenbricht.«  »Ich würde sagen, diese Chance ist sogar mehr als nur reell«,  meinte Andrey. »Das war die ganze philosophische Grundlage  der  Neuen  Ordnung  des  Imperators.  Von  allen  Angehörigen  des Imperialen Senats hatte er allein erkannt, daß derart viele  unterschiedliche Spezies und Kulturen unmöglich zusammen‐ leben  können,  ohne  von  einer  starken  Hand  gemaßregelt  zu  werden.«  »Einverstanden«,  erwiderte  Pellaeon.  »Aber  dieses  Argu‐ ment  ist  derzeit  irrelevant.  Die  Selbstzerstörung  der  Neuen  Republik könnte Jahrzehnte dauern – und lange bevor sie sich  selbst zerstört hätten, würden sie dafür sorgen, daß die Über‐ reste  des  Imperiums  zu  Staub  zerrieben  werden.«  Er  hob  die  Augenbrauen.  »Und  es  ist  müßig,  das  zu  sagen,  aber  wir  wä‐ ren dann alle tot. Im Kampf getötet oder gemäß ihrer jeweili‐ gen Gerichtsbarkeit exekutiert.«  »Nachdem man uns unter den Augen zahlloser Mindermen‐ schen  als  Kriegsbeute  vorgeführt  hätte«,  murmelte  Sander.  »Höchstwahrscheinlich  unserer  Kleider  entledigt  und  in  Ket‐

ten gelegt…«  »Es  besteht  keine  Veranlassung  für  derart  drastische  An‐ schaulichkeit,  Sander«,  knurrte  Hort  und  starrte  den  anderen  Mufti finster an.  »Man  darf  das  aber  nicht  außer  acht  lassen«,  widersprach  Sander.  »Der  Admiral  hat  recht:  Dies  ist  genau  der  richtige  Zeitpunkt, um in Verhandlungen einzutreten. Solange wir sie  noch  davon  überzeugen  können,  daß  die  Einstellung  der  Feindseligkeiten auch ihren eigenen Interessen dient.«  Die Debatte dauerte noch eine weitere Stunde. Doch schließ‐ lich  –  jedermann  ließ  die  gleiche  tiefe  Abscheu  erkennen,  die  auch Pellaeon selbst empfand – kam es zu einer Einigung.    Der  einsame  Posten,  der  vor  der  reich  verzierten  Doppeltür  stand, die in Mufti Disras privates Arbeitszimmer führte, war  groß,  jung  und  von  kräftiger  Statur  –  das  genaue  Gegenteil  von  Disra  selbst,  dachte  Pellaeon  respektlos,  während  er  auf  ihn zuging. »Admiral Pellaeon«, gab er sich zu erkennen. »Ich  wünsche, Mufti Disra zu sprechen.«  »Seine Exzellenz hat davon nichts…«  »Es gibt überall in diesem Korridor Überwachungskameras«,  fiel  ihm  Pellaeon  brüsk  ins  Wort.  »Er  weiß  also,  daß  ich  hier  bin. Öffnen Sie!«  Die  Mundwinkel  des  Wächters  zuckten  nervös.  »Jawohl,  Admiral.«  Er  trat  zwei  Schritte  zur  Seite,  und  im  selben  Mo‐ ment schwangen die Türflügel schwerfällig auf.  Der Raum dahinter war ebenso reich mit Zierrat ausgestattet  wie  die  Doppeltür.  Pellaeon  hatte  diese  Art  verschwenderi‐

schen  Luxus  seit  den  Tagen,  da  sich  der  Imperator  auf  dem  Zenit seiner Macht befand, nicht mehr gesehen. Disra saß hin‐ ter  einem  spiegelglatten  weißen  Schreibtisch  in  der  Mitte  des  Zimmers; hinter ihm stand  ein  jungenhafter  militärischer  Ad‐ jutant mit kurzgeschnittenem dunklen Haar und den Insignien  eines  Majors.  Der  Adjutant  hielt  einen  Stapel  Datenkarten  in  der  Hand  –  anscheinend  war  er  soeben  eingetreten  oder  schickte sich gerade zu gehen an.  »Ah,  Admiral  Pellaeon«,  rief  Disra  und  winkte  ihn  heran.  »Treten  Sie  ein.  Ich  dachte,  Sie  wären  vollauf  damit  beschäf‐ tigt, Ihren Friedensgesandten zu instruieren.«  »Das  hat  noch  Zeit«,  versetzte  Pellaeon  und  ließ  den  Blick  durch  den  Raum  schweifen,  während  er  auf  den  Schreibtisch  zuhielt.  Im  Geist  addierte  er  den  Wert  der  einzelnen  Einrich‐ tungsgegenstände. »Den Berichten unseres Geheimdiensts zu‐ folge  wird  General  Bel  Iblis  nicht  binnen  der  nächsten  zwei  Wochen bei der Morishim‐Sternjäger‐Basis eintreffen.«  »Ich  verstehe«,  entgegnete  Disra  sarkastisch.  »Vor  Bel  Iblis  zu  kapitulieren,  erscheint  Ihnen  aus  irgendeinem  Grund  ver‐ lockender,  als  vor  einem  anderen  aus  diesem  Pöbelhaufen  zu  Kreuze zu kriechen, nicht wahr?«  »Ich  hege  großen  Respekt  vor  General  Bel  Iblis,  ja«,  nickte  Pellaeon  und  blieb  einen  Meter  vor  dem  Schreibtisch  stehen,  der,  wie er  feststellte,  aus eigens gezüchteten  Ivrooy‐Korallen  gemacht  war  –  der  Farbe  nach  zu  urteilen  stammten  diese  wahrscheinlich  noch  aus  der  Zeit  vor  den  Klon‐Kriegen.  Sehr  kostspielig. »Die Aussicht auf Frieden scheint Sie mit Bitterkeit  zu erfüllen.«  »Ich  habe  nichts  gegen  Frieden«,  widersprach  Disra.  »Es  ist 

der  Gedanke  daran,  kriechen  zu  müssen,  der  mir  den  Magen  umdreht.«  Der Adjutant räusperte sich. »Wenn Sie mich entschuldigen,  Euer  Exzellenz«,  murmelte  er,  plazierte  seinen  Stapel  Daten‐ karten auf dem Tisch und wandte sich zum Gehen.  »Nein,  bleiben  Sie,  Major«,  sagte  Disra  und  hob  eine  Hand,  um ihn aufzuhalten. »Ich möchte, daß Sie das hören. Sie ken‐ nen  meinen  Adjutanten,  Admiral,  nicht  wahr?  Major  Grodin  Tierce.«  Tierce’s  Mundwinkel  mochte  abermals  gezuckt  haben,  aber  Pellaeon  konnte  es  nicht  mit  Sicherheit  sagen.  »Ich  glaube  nicht,  daß  wir  einander  bereits  begegnet  sind«,  sagte  er  und  nickte dem Major höflich zu.  »Ah,  mein  Fehler«,  fiel  Disra  ein.  »Nun,  wir  sprachen  über  die Kapitulation, glaube ich.«  Pellaeon  erwiderte  Tierce’s  Blick.  Doch  nach  jenem  unbes‐ timmten  Zucken  zeigte  sein  Gesicht  nun  wieder  vollkomme‐ nen  Gleichmut  und  gab  keinen  Hinweis  auf  seine  Gedanken.  »Ich bin jederzeit offen für Vorschläge, Euer Exzellenz.«  »Sie kennen meinen Vorschlag bereits, Admiral«, sagte Disra  bissig.  »Entsenden  Sie  Teams,  um  die  ständig  zunehmenden  Zwistigkeiten auf den Planeten und in den Sektoren der Neu‐ en Republik zu schüren; benutzen Sie Ihr Tarnfeld, um Streit‐ kräfte dort zu stationieren, wo es diesen möglich ist, im vollen  Umfang  Vorteil  aus  diesen  Auseinandersetzungen  zu  ziehen;  erweitern Sie unsere militärische Macht auf jede nur mögliche  Weise und setzen Sie alle verfügbaren Mittel ein.«  Pellaeon  spürte,  daß  seine  Lippen  zitterten.  Das  hatten  sie  nun immer und immer wieder durchdiskutiert. »Wir sind die 

Imperiale  Flotte«,  belehrte  er  Disra  steif.  »Wir  heuern  keine  Söldner und Piratenbanden an, die dem Rand angehören, da‐ mit sie unsere Schlachten schlagen.«  »Ich  nehme  an,  Sie  haben  Ihre  Geschichtslektion  rekapitu‐ liert,  Admiral«,  schoß  Disra  zurück.  »Das  Imperium  hat  sich  diesen  Abschaum  zu  jeder  Zeit  zu  Nutzen  gemacht.  Muftis  haben solche Leute ebenso angeworben  wie Großmuftis  – so‐ gar Lord Darth Vader hat dies getan, wenn es seinen Zwecken  dienlich  war;  und  auch  die  Führungsoffiziere  Ihrer  ach  so  kostbaren  und  rechtschaffenen  Flotte.  Kommen  Sie  mir  also  nicht  mit  dieser  allzu  frommen  Denkungsart.«  Er  schnippte  ungeduldig  mit  den  Fingern.  »Ich  bin  ziemlich  beschäftigt,  und  Sie,  Admiral,  müssen  sich  darauf  vorbereiten,  zu  Kreuze  zu kriechen. Hatten Sie irgend etwas auf dem Herzen?«  »Ein oder zwei Dinge, ja«, antwortete Pellaeon und gab sich  alle Mühe,  nicht  die  Fassung zu verlieren.  »Ich wollte mit Ih‐ nen über die SoroSuub‐Preybirds sprechen, mit denen Sie die  Flotte ausgerüstet haben.«  »Ja«,  nickte  Disra  und  lehnte  sich  in  seinem  Sessel  zurück.  »Exzellente  kleine  Sternjäger,  nicht  wahr?  Psychologisch  viel‐ leicht nicht ganz so eindrucksvoll wie TIE‐Jäger, aber auf ihre  eigene Weise absolut verläßlich.«  »Immerhin  so  verläßlich,  daß  ich  mich  gefragt  habe,  warum  wir in den vergangenen Jahren nicht mehr von ihnen gesehen  haben«, sagte Pellaeon. »Also bin ich der Sache auf den Grund  gegangen.  Dabei  hat  sich  herausgestellt,  daß  SoroSuub  das  Preybird‐Projekt  niemals  wirklich  in  Angriff  genommen,  son‐ dern die Produktion  bereits nach wenigen Prototypen einges‐ tellt  hat.  Was  uns  zu  einer  interessanten  Frage  führt:  Woher 

haben Sie diese Jäger?«  »Ich sehe nicht, aus welchem Grund die Bezugsquelle irgend  jemanden  etwas  angehen  könnte,  Admiral«,  sagte  Disra,  »so‐ lange die Maschinen über die gewohnten SoroSuub‐Qualitäten  verfügen…«  »Ich will wissen, mit  wem das Imperium Geschäfte macht«,  schnitt Pellaeon ihm das Wort ab. »Mit wem ich Geschäfte ma‐ che.«  Die Augen unter Disras silbernen Brauen schienen aufzublit‐ zen.  »Eine  private  Investorengruppe  hat  die  Fertigungsstraße  für  die  Preybirds  aufgekauft  und  wieder  in  Betrieb  genom‐ men«, brummte er. »Ich  habe eine  geschäftliche  Übereinkunft  mit diesen Leuten.«  »Ihre Namen und Herkunft?«  »Es  handelt  sich  um  eine  Gruppe  privater  Investoren«,  wie‐ derholte  Disra  und  betonte  jedes  Wort  so  sorgfältig,  als  spre‐ che er mit einem Kleinkind.  »Das  ist  mir  gleich«,  entgegnete  Pellaeon  und  schlug  den  nämlichen Ton an. »Ich will über ihre Namen, ihre Heimatsys‐ teme und ihre Geschäftsverbindungen Bescheid wissen – und  über die Mittel, aus denen Sie diesen Handel finanzieren.«  Disra fuhr in die Höhe. »Wollen Sie damit andeuten, daß ir‐ gend etwas daran unlauter ist?«  »Nein,  selbstverständlich  nicht.«  Pellaeon  ließ  den  Blick  os‐ tentativ  durch  den  Raum  schweifen.  »Ein  Mann  von  Ihrem  offensichtlichen  Vermögen  hat  sicher  Zugriff  auf  eine  große  Zahl von Geldquellen.« Dann sah er wieder den Mufti an. »Ich  möchte  mich  lediglich  davon  überzeugen,  daß  das  ganze  Im‐ perium von diesem Handel profitiert.« 

Er  hatte  mehr  oder  minder  damit  gerechnet,  daß  Disra  ihm  diese Bemerkung übelnehmen würde. Doch der Mufti lächelte  nur. »Seien Sie dessen versichert«, sagte er sanft. »Das gesamte  Imperium wird davon profitieren.«  Pellaeon blickte ihn an und spürte, wie sich seine Stirn leicht  in  Falten  legte.  Etwas  an  diesem  Gesichtsausdruck  gefiel  ihm  nicht  –  etwas  Selbstsüchtiges  und  irgendwie  Unheilverkün‐ dendes. »Ich will die Namen Ihrer Investoren!.«  »Ich werde die Liste an die Schimäre übermitteln lassen«, ver‐ sprach Disra. »Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen, Ma‐ jor Tierce und ich haben zu arbeiten.«  »Natürlich«,  entgegnete  Pellaeon  und  versuchte,  einen  Anf‐ lug von Herablassung in seine Stimme zu legen. Es war nicht  gut,  wenn  der  Oberkommandierende  der  imperialen  Streit‐ kräfte  den  Eindruck  erweckte,  einfach  ohne  viel  Federlesen  entlassen  werden  zu  können.  Nicht  einmal  von  einem  Mufti.  Nicht  ohne  daß  er  zuvor  selbst  zu  gehen  beschlossen  hatte.  »Guten Tag, Euer Exzellenz.«  Er drehte sich um und marschierte auf die große Doppeltür  zu. Ja, er würde den Geheimdienst einen Blick auf die Namen  von  Disras  Privatinvestoren  werfen  lassen  –  er  würde  Com‐ mander  Dreyf  und  sein  Team  unverzüglich  darauf  ansetzen.  Und  da  er  gerade  dabei  war,  würde  er  sie  auch  die  persönli‐ chen  Vermögensverhältnisse  des  Mufti  überprüfen  lassen.  Vielleicht  gab  es  da  ein  paar  höchst  aufschlußreiche  Verbin‐ dungen aufzudecken.  Doch in der Zwischenzeit mußte er eine diplomatische Mis‐ sion  vorbereiten  –  und,  wenn  er  Glück  hatte,  einen  Krieg  be‐ enden. 

  Die  Flügel  der  Doppeltür  schlossen  sich  hinter  Pellaeon,  und  für einen Moment gestattete es Disra seinen Zügen, einen klei‐ nen  Teil  der  Geringschätzung  zu  offenbaren,  die  er  für  den  scheidenden  Admiral  empfand:  Geringschätzung  für  den  Mann Pellaeon und den imperialen Offizier; Geringschätzung  für  dessen  Unfähigkeit,  gegen  jene  zusammengewürfelte  Auswahl  rebellischer  Alien‐Freunde  den  Sieg  davonzutragen;  Geringschätzung  für  seine  rückgratlose  Beschwichtigungshal‐ tung.  Der Moment zog vorüber. Es gab dringendere Angelegenhei‐ ten, um die er sich kümmern mußte, Angelegenheiten, die ei‐ nen  klaren  Kopf  erforderten.  Außerdem  würde  Pellaeon,  so‐ fern  alles  nach  Plan  verlief,  schon  bald  aufs  Abstellgleis  ge‐ schoben  werden.  Er  schwang  seinen  Sessel  halb  herum  und  blickte zu Major Tierce auf. »Interessante Unterhaltung, finden  Sie nicht auch, Major?« erkundigte er sich sanft. »Schildern Sie  mir Ihre Eindrücke.«  Tierce löste mit sichtlichem Kraftaufwand den Blick von der  Tür,  durch  die  Pellaeon  soeben  hinausgegangen  war.  »Es  tut  mir leid, Euer Exzellenz, aber ich weiß es wirklich nicht«, sagte  er. Die Demut eines Mannes, der sich seiner Grenzen bewußt  ist,  hatte  seine  Schultern  leicht  gebeugt,  seine  Miene  verriet  Aufrichtigkeit  und  Einfalt.  »Ich  bin  bloß  ein  Flottenadjutant;  ich verstehe nicht viel von diesen politischen Dingen.«  Ein  außergewöhnlich  überzeugendes  Beispiel  schauspieleri‐ scher  Begabung,  mußte  Disra  zugeben,  einer  Begabung,  die  während  der  zurückliegenden  fünfzehn  Jahre  offenbar  Dut‐ zende  ziviler  und  militärischer  Führer  an  der  Nase  herumge‐

führt  hatte,  darunter auch ihn  selbst.  Doch inzwischen  wußte  er es besser… und  die  Vorstellung sollte  im  nächsten  Augen‐ blick  ein  abruptes  Ende  nehmen.  »Ich  verstehe«,  sagte  Disra.  »Dann lassen Sie die Politik außer acht und geben Sie mir die  militärische  Einschätzung  eines  militärischen  Offiziers.  Sie  haben meinen Vorschlag gehört, wie das Imperium dieser Ka‐ pitulation, die der Admiral so dringend zu wünschen scheint,  entgehen könnte. Kommentare?«  »Nun,  Euer  Exzellenz,  Admiral  Pellaeon  ist  der  Oberkom‐ mandierende«, erwiderte Tierce widerstrebend. Der phlegma‐ tische Ausdruck lag noch immer auf seinem Gesicht, doch Dis‐ ra  konnte  sehen,  wie  die  Haut  um  seine  Augen  sich  andeu‐ tungsweise zusammenzog. Hegte er einen Verdacht, daß Disra  Bescheid wußte? Wahrscheinlich nicht. Und es hätte auch kei‐ nen Unterschied gemacht. »Man sollte meinen, daß er am bes‐ ten über unsere strategische Lage unterrichtet ist«, fuhr Tierce  fort.  »Noch  einmal,  ich  fürchte,  auch  meine  Kenntnisse  hin‐ sichtlich großer strategischer Konzepte sind sehr beschränkt.«  »Ah.« Disra schüttelte den Kopf und langte an die Seite des  Schreibtischs, um den persönlich kodierten Schalter zu betäti‐ gen. Es klickte, und die verborgene Schublade, die in die Un‐ terseite  der  Schreibfläche  eingelassen  war,  glitt  auf.  »Sie  ent‐ täuschen  mich,  Major«,  sagte  er,  während  seine  Finger  das  halbe Dutzend Datenkarten darin durchwühlten; seine Augen  ruhten  unentwegt  auf  Tierces  Gesicht.  »Ich  hatte  angenom‐ men, der Imperator würde ausschließlich auf die besten Män‐ ner setzen.«  Diesmal  war  kein  Irrtum  möglich:  Tierces  Augen  verengten  sich.  Aber  er  war  noch  nicht  bereit,  die  Charade  aufzugeben.  »Der  Imperator,  Euer  Exzellenz?«  fragte  er  und  zwinkerte 

verwundert.  »Ausschließlich  die  besten  Männer«,  wiederholte  Disra,  wählte eine der Datenkarten aus und hielt sie in die Höhe, so  daß  Tierce  sie  in  Augenschein  nehmen  konnte,  »um  sie  für  seine Imperiale Ehrengarde zu verpflichten.«  Disra hatte erwartet, der andere würde mit einem Ausbruch  von Überraschung oder Verwunderung aus seinem schauspie‐ lerischen  Repertoire  aufwarten,  aber  Tierce  stand  einfach  nur  da; sein Blick war unentwegt auf Disras zwillingsgleiche Tur‐ bolaser‐Batterien  gerichtet.  Disra  hielt  dem  Blick  stand  und  kämpfte  einen  leichten  stechenden  Zweifel  nieder.  Wenn  er  sich verrechnet hatte – oder wenn Tierce zu dem Schluß kam,  daß  der  Fortbestand  seiner  Anonymität  die  Ermordung  eines  imperialen Mufti rechtfertigte…  Tierce atmete leise aus. Es klang wie das Zischen einer Gift‐ schlange.  »Ich  nehme  an,  es  hat  keinen  Zweck,  in  lautes  Pro‐ testgeschrei auszubrechen, nicht wahr?« sagte er dann. Er rich‐ tete sich aus seiner gewöhnlichen gebeugten Haltung zu seiner  vollen Größe auf…  …  und  Disra  ertappte  sich  dabei,  wie  er  sich  unwillkürlich  gegen  die  Rückenlehne  seines  Sessels  preßte.  Der  zurückhal‐ tende und nur mäßig begabte Major Tierce, der ihm acht Mo‐ nate  lang  als  militärischer  Adjutant  gedient  hatte,  war  plötz‐ lich verschwunden.  Und an seiner Stelle stand ein Krieger.  Disra hatte einmal jemanden sagen hören, daß ein aufmerk‐ samer  Beobachter  einen  Sturmtruppler  oder  Imperialen  Gar‐ disten jederzeit erkennen würde, ob dieser nun in voller Rüs‐ tung  vor  ihm  stand  oder  entblößt  auf  dem  Sterbebett  lag.  Er 

hatte  diese  Dinge  stets  als  kindische  Mythen  abgetan.  Doch  diesen Fehler würde er niemals mehr wiederholen.  »Wie haben Sie  mich erkannt?«  fragte  Tierce in  das  Schwei‐ gen hinein.  Disra  brauchte  einen  weiteren  Moment,  um  seine  Stimme  wiederzufinden. »Ich habe das Archiv der Imperialen Zentral‐ bibliothek  durchforstet,  nachdem  diese  hierher  nach  Bastion  verlegt worden war«, erklärte er. »Dort werden unter anderem  Duplikate  der  persönlichen  Aufzeichnungen  des  Imperators  aufbewahrt, und es ist mir gelungen, mir Zugang zu verschaf‐ fen.«  Tierce wölbte eine Augenbraue. »Wirklich? Diese Dokumen‐ te galten als absolut sicher.«  »Es  gibt  in  Wahrheit  keine  absolute  Sicherheit«,  entgegnete  Disra.  »Offenbar nicht«, gab Tierce zurück. »Nun, und was jetzt?«  »Nicht  das,  was  Sie  erwarten«,  versicherte  ihm  Disra.  »Ich  habe  nicht  vor,  Sie  als  Deserteur  zu  denunzieren,  falls  ich  überhaupt  jemanden  mit  der  nötigen  Autorität  auftreiben  könnte, um Sie zu verraten. Das Imperium kann es sich kaum  leisten,  seine  besten  Leute  zu  vergeuden.«  Er  hob  eine  Braue.  »Da  wir  gerade  davon  sprechen,  muß  ich  Sie  einfach  fragen:  Wie konnten Sie der Zerstörung des zweiten Todessterns ent‐ gehen?«  Tierce  zuckte  die  Achseln,  hob  dabei  kaum  die  Schultern.  »Ganz einfach, ich war gar nicht dort. Wir von der Imperialen  Ehrengarde rotierten in periodischen Abständen zu regulären  Sturmtruppeneinheiten, um unsere Kampfbereitschaft zu trai‐ nieren.  Ich  war  zu  jener  Zeit  auf  Magagran,  weit  draußen  im 

Äußeren  Rand,  und  habe  dabei  geholfen,  eine  Rebellen‐Zelle  zu knacken.«  »Und der Rest Ihrer Einheit wurde vernichtet?«  »Von  einer  einzelnen  Rebellen‐Zelle?«  Tierce  schnaubte  ver‐ ächtlich.  »Wohl  kaum.  Nein,  wir  brachten  unsere  Mission  zu  Ende und wurden anschließend zurückbeordert. Damals wur‐ de darüber spekuliert, ob der Imperator bei Endor ums Leben  gekommen war oder nicht, daher bin ich im gleichen Moment,  da  wir  Coruscant  erreichten,  aus  dem  Schiff  gesprungen  und  habe mich umgeschaut, ob ich irgendwie zur Beruhigung der  Lage beitragen könnte.«  Disra spürte, daß seine Lippen bebten. »Ich erinnere mich an  jene Monate: das reine Chaos; die Rebellen brauchten nur die  Scherben  aufzusammeln,  die  wir  ihnen  auch  gleich  auf  dem  Präsentierteller hätten überreichen können.«  »Ja«,  nickte  Tierce  mit  Bitterkeit  in  Stimme  und  Miene.  »Es  war,  als  würde  das  gesamte  Imperium  von  der  Spitze  an  in  sich zusammenfallen.«  »Vielleicht tat es das wirklich«, pflichtete ihm Disra bei. »Pel‐ laeon  sprach  einmal  davon,  daß  Großadmiral  Thrawn  eine  Theorie darüber hatte.«  »Ja, daß der Imperator die Macht dazu eingesetzt hatte, seine  Truppen  anzutreiben«,  sagte  Tierce.  »Ich  erinnere  mich  an  gleichlautende  Diskussionen  an  Bord  der  Schimäre.  Vielleicht  hatte er ja recht damit.«  Disra runzelte überrascht die Stirn. »Sie waren auf der Schi‐ märe!«  »Natürlich«, antwortete Tierce. »Gibt es einen besseren Platz  für einen Imperialen Gardisten als an der Seite eines Großad‐

mirals? Ungefähr einen Monat nachdem er von seinem Dienst  in  den  Unbekannten  Regionen  zurückkehrte,  gelang  es  mir,  meine Versetzung zum Sturmtruppenkommando der Schimäre  zu bewirken.«  »Aber dann…«, tastete sich Disra vor.  »Weshalb  er  starb?«  Tierce  biß  die  Zähne  zusammen.  »Weil  ich falsch geraten habe. Ich rechnete mit einem Angriff auf den  Großadmiral, als er bei den Bilbringi‐Schiffswerften auf uner‐ wartet  große  feindliche  Kräfte  stieß.  Aber  ich  erwartete  den  Überfall  in  Form  eines  Kommandos,  das  die  Schimäre  in  der  Konfusion  der  Schlacht  entern  würde.  Luke  Skywalker  war  schon einmal auf diese Weise in das Schiff eingedrungen, um  den  Schmuggler  Talon  Karrde  zu  retten,  und  ich  dachte,  sie  würden es noch einmal versuchen. Also stationierte ich meine  Sturmtruppeneinheit in der Nähe der Hangarbuchten.«  »Ah.«  Disra  nickte.  Die  historischen  Details  dieser  Schlacht  fielen ihm wieder ein. »Also war es Ihre Einheit, die den Nogh‐ ri‐Verräter  Rukh  abfing  und  tötete,  nachdem  er  den  Großad‐ miral ermordet hatte?«  »Ja. Wenngleich das nur ein schwacher Trost war.«  »Hm.«  Disra  betrachtete  sein  Gegenüber.  »Wußte  Thrawn  über Sie Bescheid?«  Tierce  zuckte  abermals die  Achseln. »Wer  könnte jemals sa‐ gen,  was  ein  Großadmiral  weiß  und  was  nicht?  Ich  kann  nur  sagen,  daß  ich  mich  ihm  niemals  zu  erkennen  gegeben  habe  und  daß  er  mich  niemals  mit  meiner  Vergangenheit  konfron‐ tiert hat.«  »Weshalb  gaben  Sie  sich  nicht  zu  erkennen?«  wollte  Disra  wissen.  »Ich  dachte,  ein  Angehöriger  der  Imperialen  Ehren‐

garde hat ein Anrecht auf bestimmte – äh – Spezialaufträge.«  »Unterstellen  Sie  so  etwas  niemals  wieder,  Disra«,  sagte  Tierce  mit  tödlich  ruhiger  Stimme.  »Denken  Sie  nicht  einmal  daran.  Ein  Imperialer  Gardist  strebt  unter  keinen  Umständen  nach  Privilegien.  Niemals.  Sein  einziges  Ziel  im  Leben  ist  es,  dem Imperator zu dienen, und der Neuen Ordnung, die er ins  Leben gerufen hat. Sein Lebensziel und sein letzter Wunsch im  Tod.«  »Ja«,  brummte  Disra,  der  darüber  unwillkürlich  bestürzt  war.  Es  wurde  immer  deutlicher,  daß  die  Reputation  der  Im‐ perialen Ehrengarde – ein Ruf, den er immer für das reichlich  ausgeschmückte  Produkt  der  Propagandisten  des  Imperators  gehalten  hatte  –  in  Wahrheit  ehrlich  verdient  war.  »Ich  bitte  um Verzeihung, Ehrengardist.«  »Major«, korrigierte ihn Tierce. »Nur Major. Die Ehrengarde  existiert nicht länger.«  »Ich bitte nochmals um Verzeihung, Major«, sagte Disra, ein  Anflug  von  Verärgerung  stahl  sich  in  seine  Verlegenheit.  Er  hatte dieses Gespräch eigentlich dominieren wollen, doch satt  dessen verlor er mit jeder weiteren Wendung mehr die Kont‐ rolle  darüber.  »Und meine  korrekte  Anrede  lautet  Euer  Exzel‐ lenz.«  Tierce legte die Stirn in Falten, und einen qualvollen Moment  lang hielt  Disra  den Atem  an. Doch dann bogen  sich  die Lip‐ pen  des  anderen  zu  einem  ironischen  Lächeln.  »Natürlich«,  entgegnete er trocken. »Euer Exzellenz.  Haben Sie  Ihrer  Neu‐ gierde nun ausreichend Genüge getan, Euer Exzellenz?«  »Das habe ich«, sagte Disra nickend. »Die Vergangenheit ist  vergangen, Major. Wenden wir uns nunmehr der Zukunft zu. 

Sie haben die Vorschläge gehört, die ich Admiral Pellaeon un‐ terbreitet habe. Was halten Sie davon?«  Tierce  schüttelte  den  Kopf.  »Der  Admiral  hatte  recht:  Es  würde nicht funktionieren. Unsere Chancen stehen einfach zu  schlecht.«  »Auch  dann,  wenn  die  Neue  Republik  mit  Dutzenden  von  internen Konflikten beschäftigt ist?«  »Ja.«  Tierce  wies  auf  Disras  Schreibtisch.  »Nicht  einmal  in  Anbetracht des interessanten Berichts, der auf der dritten Da‐ tenkarte von unten unter Lak Jit abgelegt ist.«  »Oh?«  Disra  runzelte  die  Stirn  und  zog  die  entsprechende  Karte  unter  dem  Stapel  hervor,  den  Tierce  vorhin  gebracht  hatte.  Diese  Berichte  galten  ohne  Ausnahme  als  privat  und  waren  nach  einem  speziellen  imperialen  Kode  verschlüsselt,  der allein Geheimdienstoffizieren sowie den Muftis selbst vor‐ behalten  war.  Offenbar  war  Disra  nicht  der  einzige  hier,  der  auf hohem Niveau herumgeschnüffelt hatte. Er schob die Da‐ tenkarte  in  sein  Lesegerät  und  tippte  die  Entschlüsselungsse‐ quenz ein.  Es  handelte  sich  um  einen  Geheimbericht  aus  den  Händen  eines devaronianischen Gelegenheitsspitzels namens Lak Jit, in  dem  es  um  die  Entdeckung  eines  lückenhaften  Reports  über  die Zerstörung von Caamas in den Ruinen von Mount Tantiss  ging.  »Das  ist  perfekt«,  wandte  er  sich  an  Tierce,  während  er  den Bericht überflog. »Genau, was wir brauchen.«  Tierce schüttelte den Kopf. »Es ist sicher von Nutzen, aber es  reicht nicht aus.«  »Ah,  aber  ja,  das  tut  es«,  wandte  Disra  ein,  der  spürte,  wie  ein dünnes Lächeln an seinen Lippen zog, während er die ent‐

scheidenden Stellen noch einmal las. »Ich glaube nicht, daß Sie  wirklich begriffen haben, in welcher politischen Lage sich die  Neue Republik gegenwärtig befindet. Ein Brocken wie Caamas  wird das Faß zum Überlaufen bringen – vor allem angesichts  der  Beteiligung  der  Bothans.  Besonders  dann,  wenn  wir  den  Stein gehörig ins Rollen bringen.«  »Nicht die Situation der Rebellen ist von ausschlaggebender  Bedeutung«,  widersprach  Tierce  kalt,  »sondern  der  Zustand  des Imperiums – was Sie nicht zu begreifen scheinen. Die Zer‐ splitterung  der  Rebellion  allein  genügt  nicht,  um  die  Neue  Ordnung  des  Imperators  wiederherzustellen.  Wir  brauchen  einen Fokus, einen Führer, um den sich die imperialen Streit‐ kräfte scharen können. Admiral Pellaeon kommt einer derarti‐ gen Führungsfigur noch am nächsten, doch er hat den Willen  zum Kampf offenbar verloren.«  »Vergessen  Sie  Pellaeon«,  schnaubte  Disra.  »Nehmen  wir  einmal  an,  ich  könnte  Ihnen  einen  solchen  Führer  bieten.  Würden Sie sich uns dann anschließen?«  Tierce betrachtete ihn neugierig. »Von wem sprechen Sie?«  »Wenn Sie sich uns anschlössen, wären wir bereits zu dritt«,  entgegnete Disra. »Drei Personen, die um das Geheimnis wis‐ sen, das ich Ihnen zu offenbaren bereit bin. Ein Geheimnis, das  die gesamte Flotte auf unsere Seite bringen wird.«  Tierce lächelte spöttisch. »Vergeben Sie mir, Euer Exzellenz,  aber ich nehme an, Sie könnten sogar einem betäubten Bantha  blinden Gehorsam einflößen.«  Disra  spürte  eine  plötzliche  Aufwallung  von  Zorn.  Wie  konnte dieser einfache Soldat es wagen…?  »Nein.« Er spuckte das Wort förmlich zwischen zusammen‐

gebissenen  Zähnen  hindurch  aus.  Tierce  war  schließlich  kein  gemeiner Soldat; und was noch wichtiger war, Disra brauchte  einen  Mann  von  seinen  Fähigkeiten  und  mit  seiner  Ausbil‐ dung.  »Ich  wäre  lediglich  die  politische  Macht  hinter  dem  Thron  –  und  natürlich  der  Lieferant  des  militärischen  Geräts  und der nötigen Truppen.«  »Aus den Beständen der Flotte des Braxant‐Sektors?«  »Sowie  anderen  Bezugsquellen«,  sagte  Disra.  »Sie  würden,  sofern Sie sich einreihen, als Architekt unserer Gesamtstrategie  dienen.«  »Ich verstehe.« Falls Tierce das Wort dienen irgendwie störte,  zeigte er dies nicht. »Und die dritte Person?«  »Sind Sie dabei?«  Tierce musterte ihn. »Erzählen Sie mir zuerst mehr.«  »Ich  werde  etwas  Besseres  tun  als  das.«  Disra  stieß  seinen  Sessel zurück und stand auf. »Ich zeige es Ihnen.«  Dem Ausbleiben einer  Reaktion  nach zu  urteilen,  stellte der  vermeintlich  geheime  Gang,  der  das  Privatbüro  mit  Disras  Unterkunft verband, für den ehemaligen Gardisten längst kei‐ ne  Überraschung  mehr  dar;  der  getarnte  Eingang  auf  halber  Strecke indes schon. »Eingebaut von den früheren Bewohnern  des  Palastes«,  erklärte  Disra,  während  sie  durch  einen  engen  Durchgang  schritten, der zu einer nicht  minder engen Turbo‐ liftkabine führte. »Es geht fünfzig Meter nach unten. Von dort  aus  kann  man  dann  entweder  zu  den  Folterkammern  unter‐ halb des Kerkerbezirks oder zu einem geheimen Fluchttunnel  unter den Hügeln im Norden hindurch gehen. Manchmal fra‐ ge  ich  mich,  welche  Richtung  er  wohl  häufiger  eingeschlagen  hat.« 

»Und  in  welche  Richtung  gehen  wir  heute?«  wollte  Tierce  wissen, während sich die Turboliftkabine nach unten in Bewe‐ gung setzte.  »Zu  den  Folterkammern«,  antwortete  Disra,  »dem  abge‐ schiedensten  und  sichersten  Ort  des  Palastes.  Oder  eigentlich  auf ganz Bastion. Das dritte Mitglied unserer Gruppe erwartet  uns dort.«  Die  Kabine  hielt  an,  und  die  Türen  glitten  auf.  Zwei  enge,  grob  in  den  Fels  getriebene  Gänge  zweigten  von  dem  Hohl‐ raum  vor  dem  Turbolift  ab.  Disra  wischte  einen  verirrten  Strang  Spinnweben  zur  Seite  und  ging  den  Weg  durch  den  rechten Tunnel voran, der schließlich vor einer staubigen Me‐ talltür  mit  einem  Rad  in  der  Mitte  endete.  Er  griff  nach  dem  Rand  des  Rades,  drehte  daran,  und  die  Tür  schwang  mit  ei‐ nem  Quietschen  auf,  das  unheimlich  durch  die  engen  Gänge  hallte.  Der frühere Besitzer hätte seine einstige Folterkammer kaum  wiedererkannt.  Die  Instrumente  der  Qual  und  des  Terrors  waren  entfernt,  Wände  und  Böden  gereinigt  und  mit  Teppi‐ chen isoliert worden; anschließend hatte man die Ausstattung  eines voll funktionsfähigen modernen Apartments installiert.  Doch  im  Augenblick  interessierte  sich  Disra  nicht  für  die  Kammer;  seine  ganze Aufmerksamkeit war  auf Tierce gerich‐ tet, als der ehemalige Gardist den Raum betrat.  Er ging hinein… und entdeckte den einzigen Bewohner, der  genau  in  der  Mitte  in  der  Kopie  eines  Kommandosessels  an  Bord eines Sternzerstörers saß.  Tierce  erstarrte,  seine  Augen  weiteten  sich  vor  Entsetzen;  sein  ganzer  Körper  versteifte  sich,  als  hätte  ihn  soeben  ein 

Energiestrom  durchzuckt.  Sein  Blick  zielte  auf  Disra,  dann  wieder  auf  den  Kommandosessel,  schoß  im  Raum  umher,  als  suche er nach Beweisen für eine Falle oder Halluzination oder  vielleicht sogar dafür, daß er selbst wahnsinnig geworden war,  dann  richtete  er  sich  wieder  auf  den  Sessel.  Disra  hielt  den  Atem an…  Und dann straffte sich Tierce mit einem Mal und nahm Hal‐ tung  an  wie  auf  dem  Exerzierplatz.  »Großadmiral  Thrawn,  Sir«,  bellte  er  mit  laserstrahlscharfer  militärischer  Förmlich‐ keit. »Sturmtruppler TR‐889 meldet sich zum Dienst«  Disra wandte seine Aufmerksamkeit dem Bewohner des un‐ terirdischen  Raums  zu,  als  dieser  sich  langsam  erhob:  der  blauen  Haut,  dem  blauschwarzen  Haupthaar,  den  glühenden  roten Augen und der  weißen Uniform des Großadmirals. Die  glühenden  Augen  trafen  Disras  Blick,  dann  wandten  sie  sich  wieder  Tierce  zu.  »Ich  heiße  Sie  im  Dienst  willkommen,  Sturmtruppler«, sagte er gemessen. »Doch ich fürchte, ich muß  Ihnen mitteilen…« Er warf Disra abermals einen Blick zu. »…  daß ich nicht der bin, für den Sie mich halten.«  Das erste Anzeichen eines Stirnrunzelns schlich sich in Tier‐ ce’s Miene. »Sir?«  »Erlauben  Sie«,  warf  Disra  ein  und  durchschritt  den  Raum.  Er griff nach einem weißen Uniformärmel und zog den Mann  ein  wenig  näher  an  Tierce  heran.  »Major  Tierce,  erlauben  Sie  mir, Ihnen meinen Partner Flim vorzustellen?«  »Ein außerordentlich talentierter Schwindler.«  Einen  andauernden  Moment  lang  war  der  Raum  von  einer  zerbrechlichen  Stille erfüllt. Tierce starrte  den Betrüger in der  weißen  Uniform  an;  auf  seinem  Gesicht  zeigten  sich  neben 

Unglaube  und  Enttäuschung  auch  Zorn  und  das  Gefühl,  ver‐ raten  worden  zu  sein.  Disra  beobachtete  das  Spiel  der  Emp‐ findungen,  das  Blut  pochte  ihm  unangenehm  im  Hals.  Wenn  Tierce seinen Stolz die Oberhand gewinnen ließ – wenn er be‐ schloß,  wegen  der  Täuschung,  der  er  hier  aufgesessen  war,  gekränkt  zu  sein  –,  würden  weder  er  selbst  noch  Flim  diesen  Raum lebend verlassen.  Tierce richtete den Blick auf Disra; der Widerstreit der Emo‐ tionen zog sich hinter eine steinerne Maske zurück. »Erklären  Sie dies«, forderte er düster.  »Sie  haben  selbst  gesagt,  daß  das  Imperium  einen  Führer  braucht«, erinnerte Disra ihn. »Wer wäre besser geeignet, un‐ ser Führer zu sein, als Großadmiral Thrawn?«  Langsam, widerstrebend, drehte sich Tierce zu dem falschen  Großadmiral um. »Wer sind Sie?« wollte er wissen.  »Wie  Euer  Exzellenz  Ihnen  bereits  verraten  hat,  lautet  mein  Name  Flim«,  antwortete  der  andere.  Seine  Stimme  hatte  sich  kaum merklich verändert, sein Benehmen entsprach nicht län‐ ger  dem  machtvollen,  beinahe  königlichen  Gehabe  des  Groß‐ admirals. Das hier war exakt die gleiche Verwandlung, wurde  Disra plötzlich klar, die Tierce selbst noch vor ein paar Minu‐ ten  oben  in  seinem  Privatbüro  durchlaufen  hatte,  wenn  auch  in entgegengesetzter Richtung.  Vielleicht  bemerkte  Tierce  das  auch.  »Interessant«,  stellte  er  fest,  trat  einen  Schritt  vor  und  betrachtete  Flims  Gesicht  aus  nächster  Nähe.  »Wirklich  unheimlich.  Sie  sehen  genauso  aus  wie er.«  »Das  sollte  er  wohl«,  sagte  Disra.  »Ich  habe  schließlich  fast  acht Jahre gesucht, um jemanden zu finden, mit dem ich eine 

derartige  Maskerade  inszenieren  konnte.  Ich  habe  dies  schon  seit langem geplant.«  »Das sehe ich.« Tierce machte eine Geste. »Wie haben Sie die  Augen hinbekommen?«  »Kontaktlinsen«, gab Disra zurück. »Mit eigener Energiever‐ sorgung,  um  das  rote  Glühen  zu  gewährleisten.  Der  Rest  ist  bloß Haut‐ und Haarfärbung plus einer bemerkenswerten Be‐ herrschung  der  Stimme  sowie  natürlicher  schauspielerischer  Begabung.«  »Ich habe schon zahlreiche solcher Imitationen gemacht«, er‐ klärte  Flim.  »Das  hier  ist  bloß  eine  von  vielen.«  Er  lächelte.  »Allerdings  mit  der  Aussicht  auf  eine  weit  größere  Beloh‐ nung.«  »Bemerkenswert«, fand Tierce und sah wieder Disra an. »Es  gibt da nur ein Problem: Thrawn ist tot, und jedermann weiß  es.«  Disra  wölbte  die  Augenbrauen.  »Ja,  ist  das  so?  Sicher,  er  wurde für tot erklärt, aber das muß überhaupt nichts bedeuten.  Vielleicht  lag  er  nach  der  Verletzung  durch  Rukhs  Dolch  nur  im  Koma;  vielleicht  wurde  er  an  irgendeinen  geheimen  Ort  gebracht, wo er sich all die Jahre erholt hat.« Er nickte Flim zu.  »Oder vielleicht war es in Wahrheit  ein Schwindler wie Flim,  der auf der Brücke der Schimäre starb. Sie sagten doch, Sie hät‐ ten bei Bilbringi einen Überfall auf ihn erwartet; vielleicht hat  Thrawn  das  auch  getan  und  daraufhin  auf  eigene  Faust  ein  paar Arrangements getroffen.«  Tierce schnaubte. »Weit hergeholt.«  »Natürlich«,  stimmte  Disra  ihm  zu,  »aber  darauf  kommt  es  gar  nicht  an.  Wir  müssen  lediglich  Thrawn  präsentieren,  und 

unsere frommen Wünsche sorgen für alles übrige. Das gesam‐ te Imperium wird sich darum reißen, an ihn zu glauben – von  Admiral Pellaeon an abwärts.«  »Ist das Ihr Plan?« hakte Tierce nach. »Sie wollen den Groß‐ admiral  Pellaeon  präsentieren,  ihn  zurück  auf  die  Brücke  der  Schimäre  bringen  und  als  Integrationsfigur  für  das  Imperium  benutzen?«  »Im Grunde, ja«, nickte Disra und machte ein besorgtes Ge‐ sicht. »Warum?«  Tierce blieb einen Moment lang stumm. »Sie sagten, Sie ver‐ fügen  über  andere  Bezugsquellen  außer  der  Flotte  des  Bra‐ xant‐Sektors«, fuhr er dann fort. »Welche sind das?«  Disra warf Flim einen Blick zu. Doch der Schwindler betrach‐ tete lediglich Tierce voller Interesse. »Ich habe ein Abkommen  mit den Cavrilhu‐Piraten«, teilte er dem Gardisten mit, »einer  großen und äußerst kultivierten Gruppe, die aus…«  »Ich  kenne  Captain  Zothips  Bande«,  warf Tierce  ein. »Diese  Leute  sind  zwar  nicht  besonders  kultiviert,  wenn  ich  mich  recht  besinne,  aber  es  gibt  ohne  Zweifel  genug  von  ihnen.  Welche Art Abkommen?«  »Eines  im  gegenseitigen  Interesse«,  antwortete  Disra.  »Ich  greife  auf  imperiale  Geheimdienstberichte  zurück,  um  loh‐ nende  Transporte  der  Neuen  Republik  herauszupicken,  die  Zothip daraufhin überfällt. Er nimmt jede Prise, die er kriegen  kann,  und  wir  erreichen  so  eine  weitere  Destabilisierung  des  Feindes.«  »Sowie einen Anteil an den SoroSuub‐Preybirds, die Zothips  Produktionsanlage verlassen?« vermutete Tierce.  Disra  schürzte  die  Lippen.  Entweder  wußte  Tierce  wesent‐

lich  besser  über  die  Geheimnisse  des  Mufti  Bescheid,  als  er  sollte, oder er war um einiges scharfsinniger, als Disra erwar‐ tet hatte. Wie auch immer, er war sich nicht sicher, ob ihm dies  gefiel. »Wir erhalten in Wahrheit alle Preybirds«, sagte er. »Zo‐ thip besitzt so viele Sternjäger, wie er braucht.«  »Wie bezahlen Sie ihn dafür?«  »Mit  jener  Art  besonderer  Unterstützung,  die  Zothip  sonst  nirgendwo  bekommen  kann«,  erläuterte  Disra  und  bedachte  den anderen mit einem gerissenen Lächeln. »Ich stelle ihm ei‐ ne Handvoll ganz spezieller Militärberater zur Verfügung, die  sich aus Thrawns Mount‐Tantiss‐Klonen rekrutieren.«  Das  trug  ihm  die  Genugtuung  ein,  Tierce’s  Kiefer  ein  Stück  nach  unten  sacken  zu  sehen.  »Es  gibt  also  immer  noch  einige  von ihnen?«  »Es  gibt  sogar  noch  ganze  Nester  von  ihnen«,  verriet  Disra  ihm säuerlich. »Unser cleverer kleiner Großadmiral hat ganze  Gruppen  unter  strengster  Geheimhaltung  über  die  Neue  Re‐ publik  verstreut.  Ich  habe  keine  Ahnung,  was  er  mit  ihnen  vorhatte; darüber stand nichts von Belang in seinen Aufzeich‐ nungen…«  »Sie  haben  Thrawns  Aufzeichnungen  gefunden?«  fiel  ihm  Tierce  ins  Wort.  »Ich  meine,  seine  persönlichen  Aufzeichnun‐ gen?«  »Natürlich«,  erwiderte  Disra  und  runzelte  leicht  die  Stirn.  Eine Sekunde lang war unvermittelt etwas Elektrisiertes in die  Züge des Gardisten gefahren. »Wie sonst, denken Sie, hätte ich  herausfinden können, wo er all die Klone versteckt hielt?«  Das kurze Aufflackern von Interesse war bereits wieder hin‐ ter Tierce’s Maske verschwunden. »Natürlich«, sagte er gelas‐

sen. »Was haben Sie noch darin gefunden?«  »Den  Entwurf  eines  großen  strategischen  Plans«,  gab  Disra  zurück  und  ließ  ihn  nicht  aus  den  Augen.  Doch  was  immer  jenes  elektrisierte  Aufflackern  angefacht  haben  mochte,  war  jetzt  erstickt.  »Seine  Pläne  hinsichtlich  neuer  Kampagnen  ge‐ gen die Neue Republik. Unglaublich detailliert und heutzuta‐ ge unglücklicherweise vollkommen nutzlos.«  »Ich wäre vorsichtig damit, irgend etwas, das Thrawn jemals  unternommen hat, als nutzlos zu erachten«, tadelte Tierce ihn  milde. »Noch etwas?«  Disra  zuckte  die  Achseln.  »Persönliche  Erinnerungen  und  dergleichen.  Nichts,  das  mir  als  militärisch  interessant  aufge‐ fallen  wäre.  Wenn  Sie  wollen,  können  Sie  sich  später  alles  selbst ansehen.«  »Danke«, sagte Tierce. »Ich glaube, das will ich.«  »So wie ich das sehe«, mischte sich Flim ein, »denken Sie an  etwas viel Ehrgeizigeres, als meinen Thrawn bloß als Integra‐ tionsfigur einzusetzen.«  Tierce  beugte  leicht  das  Haupt  vor  dem  Schwindler.  »Über‐ aus  scharfsinnig,  Admiral«,  sagte  er.  »Ja,  ich  denke,  wir  kön‐ nen mehr tun als das. Viel mehr. Gibt es hier unten ein Com‐ puterterminal?  Ah,  ausgezeichnet.  Ich  benötige  die  Datenkar‐ ten, die wir auf Ihrem Schreibtisch zurückgelassen haben, Euer  Exzellenz. Würde es Ihnen etwas ausmachen, sie zu holen?«  »Ganz  und  gar  nicht«,  murmelte  Disra.  »Ich  bin  gleich  zu‐ rück.«  Tierce,  der  sich  bereits  eifrig  an  dem  Computerterminal  zu  schaffen machte, hielt sich nicht mit einer Antwort auf. Einen  Moment  lang  starrte  Disra  seinen  Hinterkopf  an  und  fragte 

sich, ob er sich womöglich doch verrechnet haben mochte. Ma‐ jor  Tierce,  der  ehemalige  Angehörige  der  Imperialen  Ehren‐ garde, sollte ihm ein nützlicher Diener sein und nicht etwa ein  Master.  Doch  im  Augenblick  brauchten  sie  einander.  Er  würgte  die  Entgegnung  hinunter  und  seinen  Stolz,  trat  hinaus  in  den  Tunnel und ging zurück zum Turbolift. 

5. Kapitel    Rat Borsk Fey’lya blickte von einem Datenblock auf, seine Au‐ gen weiteten sich, das cremefarbene Fell lag dicht am Körper.  »Es ist also schließlich doch ans Licht gekommen«, flüsterte er.  »Ja, das ist es«, nickte Leia. »Und es verlangt nach einer Er‐ klärung.«  Fey’lya schüttelte den Kopf. »Da gibt es nichts zu erklären«,  erwiderte er leise. »Es ist wahr.«  »Ich verstehe«, sagte Leia und spürte, wie sich eine schwere  Last  auf  ihre  Schultern  legte.  Ihr  war  nicht  bewußt  gewesen,  wie  sehr  sie  gehofft  hatte,  daß  Karrde  mit  seiner  Vermutung,  die  Caamas‐Akte  sei  eine  Fälschung,  recht  haben  könnte.  »Sind Sie sicher?«  »Ja«,  antwortete  Fey’lya.  Sein  Blick  glitt  von  Leia  zurück  zu  dem Datenblock.  »Dann wissen Sie auch, wer darin verwickelt war.«  »Nein«, gab Fey’lya zurück. »Das ist der Kern des Problems,  Rätin Organa Solo. Und der Grund dafür, warum wir so lange  über  diese  Angelegenheit  geschwiegen  haben.  Wir  wissen  le‐ diglich,  was  auch  Sie  jetzt  herausgefunden  haben:  daß  eine  Gruppe von Bothans Senator Palpatines Agenten dabei gehol‐ fen hat, sich Zugang zum Schildgenerator von Caamas zu ver‐ schaffen.  Wir  wissen  nicht  einmal,  welcher  Clan  daran  betei‐ ligt war, geschweige denn welche Einzelpersonen.«  »Haben Sie es denn herauszufinden versucht«, fragte Leia. 

Fey’lyas  zog  die  Lippen  kraus.  »Natürlich  haben  wir  das.  Aber  Palpatine  hat  seine  Spuren  viel  zu  sorgfältig  verwischt.  Erst  lange  nach  dem  Ereignis,  in  den  frühen  Tagen  nach  der  Rebellion,  haben  die  Führer  der  wichtigsten  Clans  von  der  Mittäterschaft  bei  Caamas  erfahren.  Es  war  im  Grunde  der  Schock dieser Enthüllung, der uns dazu bewogen hat, uns und  unser  Volk  der  Rebellen‐Allianz  anzuschließen  und  Palpatine  zu stürzen. Aber die Spur war schon damals zu alt, um sie zu‐ rückverfolgen zu können.«  Leia seufzte. »Ich verstehe.«  »Sie glauben mir doch, oder?« fuhr Fey’lya unbeirrt fort. »Sie  müssen mir glauben.«  Eine  Zeitlang  sagte  Leia  nichts.  Sie  starrte  in  sein  Gesicht,  griff mit der Macht hinaus und suchte, so gut sie konnte, nach  irgendeinem  Hinweis  auf  Unaufrichtigkeit.  Doch  wenn  es  ei‐ nen gab, so vermochte sie ihn nicht zu finden. »Ich glaube, Sie  sagen die Wahrheit – zumindest soweit Sie diese kennen«, teil‐ te sie dem Bothan mit. »Doch unglücklicherweise bin ich nicht  die einzige, die Sie davon überzeugen müssen.«  Fey’lya erschauerte, hier und da richteten sich ganze Büschel  seines  Fells  auf.  »Nein«,  stimmte  er  ernüchtert  zu,  »es  wird  viele  geben,  die  glauben,  daß  wir  die  Übeltäter  lediglich  im  Namen der Bothan‐Solidarität schützen.«  Leia  hob  den  Datenblock  auf  und  versagte  es  sich,  angewi‐ dert  das  Gesicht  zu  verziehen.  Damit  hatte  er  ganz  sicher  recht. Das Betragen der Bothans hinsichtlich der interstellaren  Politik  war  weitaus  widerborstiger  und  sprunghafter,  als  es  den meisten Mitgliedern der Neuen Republik lieb sein konnte.  Sogar Spezies, die nicht vor direkten physischen Auseinander‐

setzungen  untereinander  zurückschreckten,  versuchten  ge‐ wöhnlich,  sich  moderater  zu  verhalten,  sobald  sie  es  mit  Au‐ ßenseitern  zu  tun  hatten.  Der  Umstand,  daß  die  Bothans  ent‐ weder  unfähig  oder  nicht  willens  waren,  es  diesen  gleichzu‐ tun,  hatte  ihnen  in  diplomatischen  Kreisen  ein  hohes  Maß  an  Feindschaft  eingetragen.  »Ich  stimme  Ihnen  zu«,  sagte  Leia.  »Ein  Grund  mehr,  diese  Angelegenheit  so  rasch  wie  möglich  aufzuklären.«  »Aber wie?« wollte Fey’lya wissen. »Die Bothans haben lan‐ ge  und  intensiv  nach  einer  Auflistung  der  Verantwortlichen  gesucht  –  sowohl  in  den  offiziellen  Clanbibliotheken  auf  Bo‐ thawui  als  auch  auf  unseren  sämtlichen  Kolonialwelten  und  Enklaven –, aber es existiert keine solche Liste.«  »Hierauf hat sie existiert«, stellte Leia fest und nahm die Kar‐ te aus dem Datenblock. »Davon bin ich überzeugt. Wir wollen  feststellen,  ob  die  Techniker  sie  rekonstruieren  können;  falls  nicht,  müssen  wir  eben  irgendwo  eine  andere  Kopie  auftrei‐ ben.  Wenigstens  wissen  wir  jetzt,  wonach  wir  suchen  müs‐ sen.«  »Wir  können  es  immerhin  versuchen«,  erwiderte  Fey’lya  zweifelnd. »Doch was haben Sie in der Zwischenzeit vor?«  Leia drehte die Datenkarte zwischen den Fingern. »Ich kann  die  ganze  Affäre  nicht  einfach  vergessen,  Rat  Fey’lya  –  das  müssen  Sie  verstehen.  Ich  muß  sie  wenigstens  den  übrigen  Mitgliedern des Hohen Rates vortragen. Doch ich tue, was ich  kann, um Präsident Gavrisom davon zu überzeugen, daß dies  hier  nicht  an  die  Öffentlichkeit  gebracht  werden  sollte.  Zu‐ mindest  so  lange  nicht,  bis  die  Techniker  Zeit  genug  hatten  herauszufinden,  ob  sie  etwas  mit  den  zerstörten  Datensektio‐

nen anfangen können.«  »Ich  verstehe«,  sagte  Fey’lya.  Sein  Fell  sträubte  sich  ebenso  wie sein inneres Gefühl. »Ob die Techniker Stillschweigen be‐ wahren, ist natürlich eine andere Frage. Und was noch wichti‐ ger ist: Was ist mit dem Schmuggler Talon Karrde? Sie sagten,  er weiß auch Bescheid.«  »Er hat versprochen, nichts zu sagen«, erklärte Leia. »Und er  hat  eine  Nachricht  an  seine  Leute  abgesetzt,  auf  den  Devaro‐ nianer  achtzugeben,  der  die  Datenkarte  gefunden  hat.  Viel‐ leicht  erwischen  sie  ihn,  bevor  er  noch  irgend  jemandem  da‐ von erzählt.«  Fey’lya rümpfte die Nase. »Glauben Sie wirklich, er hat noch  niemanden  eingeweiht?  So  wie  Sie  und  Karrde  mit  ihm  um‐ gesprungen sind?«  »Wir  taten  nur,  was  wir  zu  dem  Zeitpunkt  für  notwendig  hielten«,  entgegnete  Leia  und  kämpfte  die  plötzliche  Aufwal‐ lung von Ärger über den Bothan nieder. »Wäre es Ihnen lieber,  er hätte Wayland mit der Datenkarte verlassen?«  »Um  offen  zu  sein,  ja«,  erwiderte  Fey’lya  steif.  »Wir  waren  eindeutig  seine  vorgesehenen  Empfänger.  Er  hätte  eine  enor‐ me Summe  Geldes von  uns  gefordert, wir  hätten ihn  bezahlt,  und alles wäre vorbei gewesen.«  Leia  seufzte.  »Es  wäre  keineswegs  vorbei  gewesen,  Rat.  Es  wird  nicht  vorbei  sein,  ehe  nicht  die  ganze  Wahrheit  heraus‐ kommt und die Verantwortlichen bestraft werden.«  »Das  ist  allerdings  alles,  was  uns  jetzt  noch  zu  hin  bleibt«,  sagte Fey’lya und stand auf. »Ich danke Ihnen für Ihr höfliches  Entgegenkommen,  mir  diese  persönliche  Unterredung  zu  ge‐ währen,  Rätin  Organa  Solo.  Ich  werde  Sie  nun  verlassen,  um 

meine Verteidigungsrede vorzubereiten.«  »Sie stehen hier nicht vor Gericht, Rat«, erinnerte Leia ihn.  »Aber das werde ich«, sagte er leise. »Ebenso wie die gesam‐ te Bothan‐Rasse. Sie werden sehen.«    Das Dona Laza  war  ungefähr  so  überfüllt, wie  Shada  D’u‐kal  es  in  den  besten  Zeiten  erlebt  hatte:  von  Wand  zu  Wand  mit  Lebewesen  eines  Dutzends  verschiedener  Spezies  und  jedes  sozialen  Rangs  von  der  unteren  Mittelschicht  an  abwärts  buchstäblich  vollgestopft.  »Eine  Menge  Zulauf  heute  abend«,  sagte sie zu ihrem Boß, der dicht neben ihr am Tisch saß.  »Die sind hier mit dem an wechselnden Orten stattfindenden  Boga‐Minawak‐Turnier  an  der  Reihe«,  erläuterte  Mazzic  und  streichelte  müßig  über  Shadas  Handrücken.  »Du  würdest  nicht glauben, wie verrückt sie hier nach diesem Spiel sind.«  »Denken  Sie,  daß  er  diesen  Ort  deshalb  ausgewählt  hat?«  fragte Shada. »Wegen all der Leute?«  »Mach dir keine Sorgen, Cromf wird ihn schon  hierherbrin‐ gen«,  beruhigte  Mazzic  sie.  »Bezahl  ihm  genug  Geld,  und  er  wird  richtig  zuverlässig,  vor  allem  dann,  wenn  die  zweite  Hälfte der Bezahlung erst bei Lieferung erfolgt.«  Shada betrachtete die Wesen, die sich um ihren Tisch dräng‐ ten. »Ich mache mir eher Gedanken, ob es uns unter den Au‐ gen  all  dieser  Leute  gelingt,  ihn  unauffällig  wieder  hier  he‐ rauszuschaffen.«  »Das hat keine Eile«, meinte Mazzic. »Wenn man den ganzen  Ärger  bedenkt,  den  wir  hatten,  sollten  wir  uns  das  düstere  Geheimnis,  von  dem  er  uns  berichten  will,  wenigstens  mal 

anhören. Danach können wir immer noch sehen, wie wir ihm  die Daumenschrauben anlegen.«  Shada sah ihn aus dem Augenwinkel an. »Karrde wird dar‐ über  aber  nicht  glücklich  sein«,  warnte  sie  ihn.  »Er  legte  gro‐ ßen Wert darauf, daß Lak Jit mit niemandem redet.«  »Wir stehen nicht auf Talon Karrdes Gehaltsliste«, rief Maz‐ zic ihr ätzend ins Gedächtnis. »Was ist mit Cromfs Finderlohn;  so  wie  die  Dinge  liegen,  werden  wir  nicht  mal  den  sparen  können.  Wenn  dieses  kleine  Geheimnis  irgendeinen  Markt‐ wert besitzt, verdienen wir unseren Anteil daran.«  Shada  wandte  sich  von  ihm  ab.  Eine  Woge  von  Schwärze  rollte  über  ihre  ohnehin  bereits  düstere  Stimmung  hinweg.  Darauf lief es in der Welt des Schmuggels immer hinaus: Profit  und noch mehr Profit, und um soviel wie irgend möglich da‐ von einzustreichen, verhielt man sich stets so vorausschauend  und  hinterhältig,  wie  es  erforderlich  war.  Vorstellungen  wie  Loyalität und Ehre…  »Oh,  komm  schon,  Shada«,  rügte  sie  Mazzic  und  streichelte  abermals ihre Hand, »diese Anwandlungen von Schuldgefüh‐ len müssen aufhören. So wird das Spiel eben gespielt. Und du  weißt das.«  »Sicher«,  murmelte  Shada.  Ja,  sie  wußte  es.  Und  was  am  meisten weh tat, war, daß sie während der vergangenen zwölf  Jahre  eine  willige  Mitspielerin  gewesen  war.  Willig  und  sehr  begabt.  Aber manchmal, mitten in der Nacht, fragte sie sich, was aus  der  Galaxis  geworden  war.  Oder  vielleicht  ging  es  auch  nur  um sie selbst.  Am  Rand  der  Menge  tauchte  jetzt  ein  junger  Garooser  auf 

und  manövrierte  sich  und  sein  beladenes  Tablett  behutsam  zwischen  einem  Paar  lärmender,  wild  gestikulierender  Ishori  hindurch. Er schaffte es, ohne die Drinks zu verschütten, und  ließ  sich  ermattet  auf  den  Stuhl  gegenüber  Mazzic  sinken.  »Puuiih«, pfiff er halb, nahm eines von vier Gläsern vom Tab‐ lett,  während  seine  blaß  purpurfarbenen  Nasenflügel  bei  je‐ dem Atemzug rhythmisch erbebten. »Nicht gedacht, ich wür‐ de schaffen.«  »Und gut hast du es auch noch gemacht, Cromf«, versicherte  Mazzic  ihm,  wählte  unter  den  übrigen  Gläsern  zwei  aus  und  stellte eines davon vor Shada ab. »Schon irgendeine Spur von  unserem Opfer?«  »Nicht  gesehen«,  antwortete  Cromf,  nahm  vorsichtig  einen  Schluck  von  seinem  Drink  und  blickte  sich  nervös  um.  Eine  seiner Ohrtrauben öffnete sich kurz, als jemand in der Nähe in  ein  heiseres  Lachen  ausbrach,  und  schloß  sich  dann  sofort  wieder. »Gefällt mir nicht, Maz’k. Zu viele Zuschauer hier.«  »Keine  Sorge«,  sagte  Mazzic  besänftigend.  »Du  bringst  ihn  nur an unseren Tisch. Den Rest erledigen wir.«  Neben Shadas linkem Ohr gab eine der dekorativen lackier‐ ten  Nadeln,  die  in  ihr  Haar  gesteckt  waren,  ein  zweimaliges  leises Klicken von sich. »Das Signal von Griv«, teilte sie Maz‐ zic mit. »Mögliche Sichtung.«  »Gut«,  nickte  Mazzic.  »Geh  und  hol  ihn  her,  Cromf.  Seiten‐ eingang.  Konzentriere  dich  einfach  auf  die andere  Hälfte  dei‐ nes Finderlohns.«  Der  Garooser  ließ  ein  weiteres  halbes  Pfeifen  hören,  als  er  vom  Tisch  aufstand  und  wieder  in  der  Menge  verschwand.  Shada  holte  tief  Luft,  nahm  Kampfstellung  ein  und  unterzog 

die  Umgebung  einer  letzten  Prüfung.  Falls  der  Devaronianer  den  Ärger  roch  und  plötzlich  zu  verschwinden  versuchte,  würde er sich wahrscheinlich nach links wenden…  Und dann war Cromf wieder da, mit einem gehörnten Deva‐ ronianer im Schlepptau. »Puuiih«, pfiff er halb und setzte sich  neben  Mazzic.  »Viel  los  hier.  Das  Lak  Jit.  Das  Schmuggler  Maz’k.«  »Schön,  Sie  zu  sehen«,  sagte  Mazzic  und  bot  dem  Neuling  das vierte  Glas von dem Tablett an. »Sie mögen Vistulo  Mar‐ kenbier, hoffe ich.«  »Wenn  jemand  anders  dafür  bezahlt«,  gab  Lak  Jit  zurück  und nahm gegenüber Mazzics Stuhl Platz. »Ich möchte Sie zu‐ nächst  folgendes  wissen  lassen,  Mazzic:  Ich  bin  mir  darüber  im  klaren,  daß  ich  Sie,  obwohl  das,  was  ich  Ihnen  berichten  will,  der  Wahrheit  entspricht,  im  Gegenzug  unmöglich  um  Geld  bitten  kann.  Ich  besitze  keinen  greifbaren  Beweis,  außer  dem Zeugnis meiner eigenen Augen.«  »Ich verstehe«, sagte Mazzic und plazierte eine Hand in der  Mitte des Tischs. Dann zog er sie wieder zurück und gab einen  kleinen Stapel Münzen mit hohem Nennwert frei. »Gleichwohl  sollte  ein  respektabler  Gentleman  stets  gewillt  sein,  für  eine  erhaltene Ware auch zu bezahlen.«  Lak Jit lächelte sein dünnes devaronianisches Lächeln, langte  nach den Münzen…  … und fand sein Handgelenk in der festen Umklammerung  von  Mazzics  Griff.  »Für  eine  erhaltene  Ware«,  erinnerte  dieser  ihn kalt. Er streckte die andere Hand aus und schob den Stapel  Münzen zurück an den Rand des Tisches vor ihm. »Und jetzt«,  sagte er und ließ das Handgelenk des Devaronianers los, »las‐

sen Sie uns hören, was Sie haben.«  Lak Jit machte sich krumm, um sich  über den  Tisch  beugen  zu können. »Sie müssen verstehen, daß das, was ich Ihnen be‐ richten werde,  sowohl vertraulich  als  auch exklusiv  ist«, flüs‐ terte  er.  »Niemand  außerhalb  der  Regierung  der  Neuen  Re‐ publik weiß darüber Bescheid.«  »Das  versteht  sich  von  selbst«,  sagte  Mazzic  trocken.  Der  Klang seiner Stimme verriet Shada, daß er ebensowenig daran  glaubte wie sie selbst. Der Devaronianer hatte dieselbe »exklu‐ sive«  Information  höchstwahrscheinlich  bereits  an  ein  halbes  Dutzend andere Interessenten verhökert. »Lassen Sie hören.«  Lak Jit warf Blicke um sich und beugte sich noch weiter vor.  »Es geht um Caamas«, begann er. »Es existieren Beweise, daß  es wirklich Agenten des damaligen Senators Palpatine waren,  die die Verwüstung des Planeten in die Wege leiteten.«  Shada  spürte,  wie  sich  ihre  Hand  unter  dem  Tisch  zu  einer  harten Faust krümmte. Caamas. Es war lange her, daß sie zu‐ letzt an diese Welt gedacht hatte – seit sie versucht hatte, ihren  Namen  und  die  Kindheitserinnerungen  an  ihre  eigene  Hei‐ matwelt  Emberlene  aus  ihrem  Gedächtnis  zu  verdrängen.  Doch jetzt kam mit einem Mal alles zurück.  Sie  hatte  nicht  ernsthaft  damit  gerechnet,  daß  Mazzic  glei‐ chermaßen  bewegt  sein  würde.  Und  das  war  er  auch  nicht.  »Das sind wirklich mal erschütternde Neuigkeiten«, meinte er  achselzuckend.  »Das  ist  praktisch  die  führende  Theorie,  seit  die  letzte  Feuersbrunst  auf  Caamas  sich  von  alleine  erschöpft  hatte.«  »Aber hier ist der Beweis«, beharrte Lak Jit. »Eine Aufzeich‐ nung, die aus der persönlichen Schatzkammer des Imperators 

auf Wayland geborgen wurde.«  »Ein Dokument, das sich zufällig nicht in Ihrem Besitz befin‐ det.«  »Aber  es  gibt  noch  mehr«,  zischte  der  Devaronianer  und  beugte  sich  so  weit  vor,  daß  seine  Hörner  beinahe  Mazzics  Stirn  berührten.  »Wir  wissen  jetzt,  wie  es  dazu  kam,  daß  der  Planet so leicht zerstört werden konnte. Die Schildgeneratoren  waren  mutwillig  sabotiert  worden.«  Um  seine  Worte  zu  un‐ terstreichen,  tippte  er  mit  einem  Finger  auf  die  Tischplatte.  »Von einer Gruppe Bothans.«  Mazzic  warf  Shada  einen  raschen  Blick  zu.  »Tatsächlich?«  sagte  er.  Seine  Stimme  klang  noch  immer  nonchalant,  doch  darunter  deutete  sich  untrüglich  ein  Anzeichen  von  Interesse  an. »Kennen Sie ihre Namen?«  »Bedauerlicherweise  nicht«,  antwortete  Lak  Jit.  »Dieser  Teil  des  Dokuments  war  zu  schwer  beschädigt,  um  von  meinem  bescheidenen  Datenblock  entziffert  werden  zu  können.«  Er  lehnte  sich  in  seinem  Stuhl  zurück.  »Aber  ich  vermute,  das  spielt keine Rolle. Die Bothans sehen so oder so äußerst unru‐ higen  Zeiten  entgegen.  Ein  gewiefter  Geschäftsmann  sollte  eigentlich dazu in der Lage sein, aus dem Wissen um eine be‐ vorstehende  Instabilität  solchen  Ausmaßes  Kapital  zu  schla‐ gen.« Er wies auf den Stapel Münzen vor Mazzic. »Finden Sie  nicht auch?«  »Das finde ich in der Tat«, erwiderte Mazzic, der Shada an‐ sah und mit einer Augenbraue zuckte. »Nun gut, Shada, wür‐ dest du unserem Freund behilflich sein?«  »Nicht  nötig«,  warf  Lak  Jit  ein.  Er  beugte  sich  wieder  über  den Tisch, griff nach den Münzen… 

Shada erhob sich halb von ihrem Stuhl und hieb die Knöchel  ihrer rechten Faust auf die Basis seines linken Stirnhorns.  Lak  Jit  sackte  ohne  ein  Wimmern  zusammen  und  fiel  mit  dem Gesicht voran auf den Tisch; sein linkes Horn stieß dabei  um ein Haar Mazzics Drink um. Eine Barabel und ein Duros‐ Paar warfen einen Blick in ihre Richtung und sahen dann weg.  Ohnmächtige  Kunden  waren  im  Dona  Laza  anscheinend  ein  alltäglicher Anblick. »Puuiih!« pfiff Cromf halb und glotze die  erschlaffte  Gestalt  aus  vorstehenden  Augen  an.  »Ist  er  nicht…?«  »Natürlich nicht«, sagte Mazzic und streckte eine Hand aus,  um  dreimal  auf  den  nadelförmigen  Signalgeber  in  Shadas  Haar zu tippen. »Niemand bezahlt uns dafür, daß wir jeman‐ den töten.«  Griv  bahnte  sich  rücksichtslos  einen  Weg  durch  die  Menge  und erschien vor ihrem Tisch. »Fertig?« wollte er wissen.  »Fertig«, nickte Mazzic und raffte die Münzen zusammen. Er  gab Cromf vier davon und ließ den Rest in seine Innentasche  gleiten. »Schafft ihn raus zum Gleiter.«  Griv  wuchtete  sich  den  Devaronianer  auf  die  Schulter  und  stürzte  sich  abermals  in  die  Menge.  »Tja,  das  war  reine  Zeit‐ verschwendung«,  bemerkte  Mazzic,  stand  auf  und  reichte  Shada höflich eine Hand. »Vielleicht können wir das Kopfgeld  für Karrde ein wenig in die Höhe treiben. Um wenigstens oh‐ ne Verlust aus der Sache herauszukommen.«  »Werden  wir  hiermit  denn  gar  nichts  anfangen?«  wollte  Shada wissen.  »Sei nicht töricht«, tadelte er sie, nahm ihren Arm und führte  sie unter die Leute. »Wer schert sich schon um einen Planeten, 

der vor fast einem halben Jahrhundert verwüstet wurde?«  Shadas Magen zog sich zusammen. Caamas… und Emberle‐ ne.  »Niemand«,  pflichtete  sie  ihm  bitter  bei.  »Absolut  nie‐ mand.«    Es  dauerte  eine  Weile  –  mindestens  zwei  komplette  Durch‐ gänge,  schätzte  Disra,  während  er  hinter  seinem  Ivrooy‐ Schreibtisch  auf  und  ab  schritt  und  eher  ungeduldig  als  furchtsam  auszusehen  versuchte.  Doch  schließlich  beendete  der letzte der vier imperialen Captains seine Lektüre und hob  die  Augen  von  dem  Datenblock.  »Bei  allem  schuldigen  Res‐ pekt, Euer Exzellenz, ich finde diesen Vorschlag unglaublich«,  sagte Captain Trazzen von der Obliterator, dessen sanfte Stim‐ me seinen Ruf, besonders bösartig zu sein, Lügen strafte. »Ih‐ nen  ist  sicher  klar,  daß  sie  nicht  einfach  so  vier  imperiale  Sternzerstörer  aus  einem  Sektor  abziehen  und  erwarten  kön‐ nen,  daß  die  verbliebenen  Kräfte  ihr  Territorium  angemessen  verteidigen.«  »Ich stimme dem zu«, warf Captain Nalgol von der Tyrannic  ein  und  spielte mit  dem Kuat‐Siegelring,  den  er stets am Fin‐ ger trug. »Obendrein – und ebenso mit schuldigem Respekt –  würde ich sogar noch weiter gehen und Ihre Autorität in Frage  stellen,  diese  beiden  Missionen  überhaupt  durchzuführen  zu  können.  Jedes  Eindringen  in  den  Raum  der  Neuen  Republik  hat unter dem direkten Befehl des Oberkommandierenden der  Flotte, Admiral Pellaeon, zu erfolgen.«  »Vielleicht«,  sagte  Disra.  »Vielleicht  aber  auch  nicht.  Lassen  wir  das  mal  einen  Augenblick  außer  acht.  Gibt  es  sonst  noch  Fragen?« 

»Ich  habe  eine«,  meldete  sich  Captain  Dorja  von  der  Relent‐ less  zu  Wort.  »Diese  Mission  nach  Morishim,  zu  der  Sie  mich  entsenden  wollen.  Was  ist  das  für  ein  Kurierschiff,  das  Sie  mich abzufangen baten?«  Disra hob die Augenbrauen. »Baten, Captain? Baten?«  »Ja,  Euer  Exzellenz«,  erwiderte  Dorja  steif.  »Captain  Nalgol  hat vollkommen recht: Sie sind der Oberbefehlshaber der Flot‐ te des Braxant‐Sektors und damit allein zu Operationen inner‐ halb  der  Grenzen  des  Braxant‐Sektors  berechtigt;  Missionen  nach  Morishim  oder  Bothawui  fallen  nicht  in  Ihre  Zuständig‐ keit.«  »Ich  verstehe.«  Disra  blickte  den  vierten  Captain  an.  »Sie  sind ziemlich schweigsam, Captain Argona.«  »Die  Eisenfaust  unterstellt  sich  selbstverständlich  Ihrem  Kommando,  Euer  Exzellenz,  und  wir  gehen  an  jeden  Ort,  an  den  Sie  uns  schicken«,  antwortete  Argona  leise.  »Gleichwohl  muß  ich  Captain  Trazzens  Einschätzung  beipflichten.  Man  schickt  nicht  leichten  Herzens  vier  der  insgesamt  dreizehn  Sternzerstörer der Sektoren‐Flotte auf derart ferne Missionen.«  »Vor allem nicht drei davon auf diese Langzeitmission in das  Bothawui‐System«, fügte Trazzen hinzu, »deren Natur, wie ich  Sie  erinnern  darf,  jede  Möglichkeit  eines  schnellen  Rückrufs  von vornherein ausschließt.«  »Allerdings«,  sagte  Argona.  »Sie  müßten  praktisch  Kuriere  in  Marsch  setzen,  um  dort  draußen  Kontakt  mit  uns  aufzu‐ nehmen.  Im  Notfall  könnten  sich  die  zusätzlichen  Tage,  die  das dauern würde, als verheerend erweisen.«  »Nichts von Wert wurde jemals ohne Risiko erworben«, stell‐ te Disra kalt fest. »Ich beginne jedoch zu denken, daß ich mich 

möglicherweise  falsch  entschieden  habe,  als  ich  Ihnen  diese  Missionen antrug. Falls Sie es vorziehen, sich von einer histo‐ rischen militärischen Operation zu beurlauben…«  »Nein.«  Die Stimme kam aus der Richtung  von  Disras  Geheimgang.  Die Captains drehten sich um…  … und Großadmiral Thrawn betrat den Raum.  Jemand  keuchte  vernehmlich.  Der  Laut  erstickte  und  wich  einem  betäubten  Schweigen.  »Entschuldigen  Sie,  Admiral?«  fragte Disra bedächtig.  »Ich  sagte,  Sie  werden keinesfalls von  dieser  Mission freiges‐ tellt«,  sagte  Thrawn  mit  ruhiger,  kühler  Stimme,  während  er  zum  Schreibtisch  ging  und  sich  in  Disras  Sessel  niederließ.  »Ich hatte meine Gründe für die Auswahl dieser Sternzerstörer  und  ihrer  Captains.  An  diesen  Gründen  hat  sich  nichts  geän‐ dert.«  Einen  Moment  lang  richteten  sich  seine  glühenden  Augen  auf die Captains, die, unübersehbar verwirrt, Haltung vor ihm  angenommen  hatten,  und  maßen  und  musterten  einen  nach  dem  anderen.  Dann  lehnte  er  sich  in  dem  Sessel  zurück  und  lächelte  dünn.  »Beachten  Sie,  Euer  Exzellenz«,  sagte  er  und  blickte zu Disra auf, während er eine abschätzige Geste in die  Richtung  der  vier  Captains  machte,  »wie  mein  unerwartetes  Erscheinen sie vollständig paralysiert – obwohl sie sich inzwi‐ schen schon wieder weitgehend erholt haben. Eine rasche und  dehnbare Auffassungsgabe in  Kombination mit unverbrüchli‐ cher  Treue  zum  Imperium.  Das  ist  die  Kombination,  die  ich  brauche. Die Kombination, die ich bekommen werde.«  »Selbstverständlich, Admiral«, sagte Disra. 

Thrawn wandte seine Aufmerksamkeit wieder den Captains  zu.  »Natürlich  haben  Sie  Fragen«,  fuhr  er  fort.  »Bedauerli‐ cherweise kann ich die eine Frage, die Ihnen vor allem auf der  Seele brennt, zu diesem Zeitpunkt nicht beantworten. Solange  ich  Vorbereitungen  treffe,  wieder  offen  das  Kommando  zu  übernehmen,  muß  die  Methode,  die  es  mir  erlaubte,  den  Mordanschlag  vor  zehn  Jahren  zu  überleben,  ein  Geheimnis  bleiben.  Ich  muß  Sie  überdies  darum  bitten,  daß  Sie  meine  Rückkehr  für  den  Moment  geheimhalten  und  nur  Ihre  Füh‐ rungsoffiziere einweihen und das auch nur, nachdem Sie den  imperialen  Raum  verlassen  haben.  Andernfalls…«  Er  neigte  den Kopf ein wenig zur Seite. »Ich nehme an, Sie haben Fragen  zur Befehlskette.«  »Keine Fragen, Admiral«, sagte Trazzen; seine Stimme klang  beinahe ehrfürchtig. »Jetzt nicht mehr.«  »Gut.« Thrawn hob eine blauschwarze Braue und sah Nalgol  an.  »Ich  entnehme  Ihrem  Gesichtsausdruck,  Captain  Nalgol,  daß Sie nicht mit Ihren Kollegen übereinstimmen.«  Nalgol  räusperte  sich  befangen  und  drückte  den  Ring  am  Finger,  als  wolle  er  Selbstvertrauen  aus  dem  eingravierten  Familienwappen herausquetschen. »Ich stelle ganz sicher nicht  Ihre  Autorität  in  Frage,  Admiral  Thrawn«,  sagte  er,  »aber  ich  wäre  Ihnen  für  Aufklärung  wirklich  sehr  verbunden.  Ich  bin  mit  dem  Bothawui‐System  vertraut,  und  ich  kann  mir  keinen  Grund  denken,  warum  es  für  das  Imperium  von  ernsthaftem  militärischen  Interesse  sein  sollte.  Jedenfalls  ist  es  nicht  wert‐ voll genug, um drei Sternzerstörer zu binden.«  »Ihre  Einschätzung  ist  korrekt«,  stimmte  Thrawn  ihm  zu.  »Doch  es  ist  nicht  das  System,  das  mich  interessiert,  sondern 

bestimmte  Ereignisse,  die  sich  in  naher  Zukunft  über  der  Heimatwelt  der  Bothans  zutragen  werden;  Ereignisse,  die  ich  in einen Vorteil des Imperiums verwandeln will.«  »Jawohl, Sir«, sagte Nalgol. »Aber…«  »Alles wird zur rechten Zeit deutlich werden«, fügte Thrawn  hinzu.  »Für  den  Augenblick  muß  ich  Sie  darum  bitten,  auf  mein Urteilsvermögen zu vertrauen.«  Nalgol reckte sich zu seiner vollen Größe. »Jederzeit, Admi‐ ral.« Er trat vor und streckte über den Schreibtisch hinweg sei‐ ne Hand aus. »Und wenn ich das sagen darf: Willkommen da‐ heim! Das Imperium hat Ihre Führung schmerzlich vermißt.«  »So  wie  ich  das  Privileg  der  Befehlsgewalt«,  sagte  Thrawn,  kam  auf  die  Beine  und  ergriff  kurz  die  dargebotene  Hand.  »Die  Neuausrüstung  Ihrer  drei  Sternzerstörer  ist  bereits  im  vollen  Gange  und  sollte  binnen  zwei  Tagen  abgeschlossen  sein.« Er richtete sein Augenmerk auf Dorja. »Was Ihre Mission  anbetrifft, Captain Dorja, so wird das Kurierschiff, das Sie bei  Morishim abfangen sollen, in zwanzig Stunden starten. Bleibt  Ihnen  da  genug  Zeit,  um  auf  die  Relentless  zurückzukehren  und das System vor ihm zu erreichen?«  »Mit  Leichtigkeit,  Admiral.«  Dorjas  Lippen  verzogen  sich  zuckend  zu  der  Miene,  die  man  ihm  mittlerweile  als  Lächeln  durchgehen ließ. »Und wenn Sie erlauben, möchte ich in Cap‐ tain  Nalgols  Sentimentalität  einstimmen:  Ich  fühle  mich  geehrt, einmal mehr unter Ihrem direkten Kommando zu die‐ nen.«  Disra  sah  Dorja  an;  die  Brust  wurde  ihm  unversehens  eng.  Dorja hatte unter Thrawn gedient?  »Ich  bin  hoch  erfreut,  Sie  noch  einmal  zu  führen,  Captain«, 

gab  Thrawn  gravitätisch  zurück.  »Während  meiner  Zeit  auf  der  Schimäre  gewann  ich  häufig  den  Eindruck,  daß  Sie  über  größere  Führungsqualitäten  verfügten,  als  die  Umstände  Ih‐ nen  zu  entwickeln  erlaubten.  Vielleicht  haben  wir  dieses  Mal  Gelegenheit, diese Einschätzung als richtig zu bestätigen.«  Dorja  glühte  förmlich.  »Ich  werde  mein  Bestes  tun,  um  Sie  nicht zu enttäuschen, Sir.«  »Ich kann nicht mehr als Ihr Bestes erwarten«, sagte Thrawn.  »Und  werde  nichts  weniger  akzeptieren«,  fügte  er  hinzu  und  faßte  nacheinander  jeden  einzelnen  Captain  ins  Auge.  »Sie  kennen Ihre Order. Wegtreten.«  »Jawohl, Admiral«, antwortete Trazzen stellvertretend für al‐ le. Sie wandten sich ab und schritten, wie es Disra vorkommen  wollte, wesentlich schwungvoller hinaus, als sie sein Büro vor  gut  einer  halben  Stunde  betreten  hatten.  Die  Doppeltür  fiel  schwer hinter ihnen ins Schloß…  »Eine  feine  Gesellschaft«,  verkündete  Flim  und  grub  einen  Finger  unter den Kragen der weißen  Uniform des Großadmi‐ rals. »Ein wenig leichtgläubig vielleicht, aber nichtsdestoweni‐ ger eine feine Gesellschaft.«  »O ja, das sind sie in der Tat«, knurrte Disra und starrte die  Geheimtür an, durch die der Schwindler so großspurig einget‐ reten  war.  »Sie  sind  darüber  hinaus  außerordentlich  gefähr‐ lich. Tierce? Wo stecken Sie?«  »Hier«, sagte Tierce und trat aus der verborgenen Tür. »Was  gibt es?«  »Was  es  gibt?«  schnappte  Disra.  »Schlimm  genug,  daß  drei  der vier Captains, die  Sie für diese Missionen ausgewählt ha‐ ben, nicht besonders loyal zu mir stehen, aber jemand, der un‐

ter Thrawn gedient hat? Sind Sie übergeschnappt?«  »Werden  Sie  nicht  beleidigend«,  erwiderte  Tierce  kaltblütig  und  kam  zu  den  anderen  an  den  Schreibtisch.  »Ich  mußte  je‐ manden  wie Dorja bei diesem Unternehmen  dabei haben; ein  Taktikstudent im ersten Semester könnte Ihnen das erklären.«  »Ich  denke  nicht  taktisch«,  schoß  Disra  zurück.  »Zumindest  nicht Ihrer Meinung nach. Deshalb ist Ihre Sachkenntnis ja von  so großer Wichtigkeit, schon vergessen?«  »Beruhigen Sie sich, Euer Exzellenz«, ging Flim dazwischen,  während er vorsichtig die glühende rote Kontaktlinse aus sei‐ nem  linken  Auge  springen  ließ.  »Es  war  unvermeidlich,  daß  ich  früher  oder  später  jemandem  begegnen  würde,  der  Thrawn  persönlich  kannte.  Könnte  es  dafür  einen  besseren  Zeitpunkt oder Ort geben als jetzt und hier, wo wir, falls nötig,  mit allen vier Captains still und diskret verfahren könnten?«  »Genau«,  sagte  Tierce.  »Und  was  meine Auswahl  der  Kom‐ mandeure  angeht,  so  sind  jene,  die  Ihnen  nicht  treu  ergeben  sind,  genau  die,  an  denen  sich  Flims  Zauberkraft  bewähren  muß.«  »Haben  Sie  auch  bedacht,  was  sie  tun  könnten,  sobald  sie  sich  nicht  mehr  im  Wirkungsbereich  dieses  Zaubers  aufhal‐ ten?« konterte Disra. »Was, wenn sie zu dem Schluß gelangen,  trotz  allem  nicht  wirklich  überzeugt  zu  sein,  und  Nachfor‐ schungen anstellen?«  »Oh, das werden sie«, versicherte Tierce. »Deshalb wollte ich  Nalgol  ja  in  der  ersten  Gruppe  haben.  Er  entstammt  einem  alten Geschlecht des Kuati‐Adels, daher wußte ich, daß er sei‐ nen Giftinjektorring tragen würde.«  Flim hielt mitten in seinen Bemühungen inne, auch die zwei‐

te Linse zu entfernen. »Seinen was?«  »Seinen  Giftinjektorring«,  wiederholte  Tierce.  »Seine  Feinde  zu vergiften, ist dort eine jahrhundertealte Tradition. Oh, ent‐ spannen Sie sich, Nalgol trägt schon seit Jahren kein Gift mehr  in seinem Ring mit sich herum.«  »Ich  bin  froh,  daß  Sie  das  glauben«,  versetzte  Flim  gereizt  und  unterzog  seine  Hand  dort,  wo  Nalgol  sie  berührt  hatte,  einer  genauen  Prüfung.  »Es  war  nicht  Ihre  Hand,  nach  der  er  gegriffen hat, und…«  »Ich  sagte,  entspannen  Sie  sich«,  verlangte  Tierce  noch  ein‐ mal,  und  diesmal  lag  eine  gewisse  Schärfe  in  seiner  Stimme.  »Er hat Ihnen nichts verabreicht, er hat etwas entnommen.«  »Eine  winzige  Hautprobe,  um  genau  zu  sein«,  warf  Disra  ein, der allmählich kapierte. »Die er  zweifellos auf  kürzestem  Wege zu den Archiven trägt, um sie mit dem genetischen Pro‐ fil in Thrawns Personalakte zu vergleichen.«  »So  ist  es«,  nickte  Tierce.  »Und  wenn  er  erst  einmal  über‐ zeugt ist – und er wird seine Erkenntnisse gewiß mit den an‐ deren teilen –, wird es buchstäblich nichts mehr geben, das sie  nicht für uns tun werden.«  »Ich hatte mich schon gefragt, warum Sie so hartnäckig dar‐ auf bestanden,  daß  wir  letzte  Nacht  diese  Personalakte  mani‐ pulierten«, sagte Disra. »Damit besteht fürwahr keine wesent‐ liche Fehlerquelle mehr bei dieser Operation.«  »Vor allem wenn man bedenkt, daß wir beide das ganze Ri‐ siko tragen«, sekundierte Flim, der noch immer seine Hand an  sich preßte. »Sie waren nicht mal mit uns im gleichen Raum.«  »Beruhigen Sie sich, alle beide«, entgegnete Tierce mit einem  Hauch Verachtung in der Stimme. »Wir haben noch eine lange 

Wegstrecke  zurückzulegen.  Ich  hoffe,  Sie  verlieren  nicht  be‐ reits jetzt die Nerven.«  »Machen  Sie  sich  um  unsere  Nerven  keine  Sorgen,  Major«,  schnappte Disra. »Sehen Sie lieber zu, daß Ihre Strategie auch  aufgeht.«  »Das  wird  sie«,  versicherte  ihm  Tierce.  »Vertrauen  Sie  mir.  Wo auch immer das Vorgeplänkel stattfindet, die Eröffnungs‐ schlacht des letzten Bürgerkriegs der Rebellion wird über Bo‐ thawui  geschlagen  werden.  Dafür  wird  das  Caamas‐ Dokument  sorgen.  Und  wir  wollen  die  Einzelheiten  dieser  Eruption orchestrieren so gut wir können; und wir wollen die  Gegenwart  des  Imperiums  bei  Bothawui,  um  sicherzugehen,  daß  die  Verluste  auf  beiden  Seiten  so  hoch  sind  wie  irgend  möglich.«  »Nun, was wir auch unternehmen, wir sollten es rasch tun«,  warnte Disra. »Pellaeon hat bereits drei Viertel des Weges zu‐ rückgelegt,  meine  Verbindung  zu  den  Cavrilhu‐Piraten  und  deren  Komplizen  aufzudecken.  Falls  er  eine  Überprüfung  anordnet  und  herausfindet,  daß  in  meiner  Sektorenflotte  vier  Sternzerstörer fehlen, wird er mir ans Leder wollen.«  »Auf  den  zeitlichen  Ablauf  haben  wir  kaum  Einfluß«,  erin‐ nerte  Tierce  ihn.  »Die  drei  Schiffe,  die  ins  Bothawui‐System  fliegen,  werden  erst  in  einigen  Wochen  in  Angriffsposition  sein.«  »Dann  sollten  wir  den  Kometenaspekt  vielleicht  lieber  ver‐ gessen«, meinte Disra. »Sie können sich auch um einen ande‐ ren Zielpunkt formieren.«  »Es gibt keinen anderen«, gab Tierce geduldig zurück. »We‐ nigstens keinen, der Ihnen ausreichend Sicherheit bieten wür‐

de.  Sie  müssen  eben  bis  dahin  auf  Ihren  natürlichen  Charme  zurückgreifen, um Pellaeon in Schach zu halten.«  »Ich tue mein Bestes«, versetzte Disra sarkastisch. »Und wel‐ che  Sorte  Charme  sollte  ich  Ihrer  Meinung  nach  bei  Captain  Zothip zur Anwendung bringen?«  »Was stimmt nicht mit Captain Zothip?« wollte Flim wissen.  »Major Tierce hat ihn angerufen und ihm mitgeteilt, daß wir  seinen  Klon‐Nachschub  unterbrechen«,  grollte  Disra.  »Zothip  ist darüber einigermaßen aufgebracht.«  »Das sind  wir doch  bereits alles durchgegangen«,  erwiderte  Tierce  mit  einem  Unterton  arg  strapazierter  Geduld.  »Wir  brauchen diese Klone ab jetzt selbst. Und Zothip hat keine Ur‐ sache, sich zu beklagen – er profitiert in ausreichendem Maße  von  denen  an  Bord  seiner  Raumschiffe.  Worüber  machen  Sie  sich überhaupt Sorgen? Daß er  herkommen und Genugtuung  fordern könnte?«  »Sie kennen Zothip nicht«, sagte Disra bedeutungsvoll.  »Er ist Abschaum aus dem Rand«, befand Tierce und tat den  Freibeuter  mit  einem  verächtlichen  Zucken  seiner  Lippen  ab.  »Kaufen Sie sich frei oder bringen Sie ihn zur Vernunft – mir  ist das ganz gleich.«  »Ich sorge mich weniger um Zothip als um Ihre Einstellung«,  konterte Disra. »Von nun an werden Entscheidungen von sol‐ cher  Tragweite  nur  noch  gemeinsam  getroffen.  Ich  will  nicht,  daß Sie alles, was ich aufgebaut habe, einreißen und mir dann  die  Bruchstücke  überlassen,  damit  ich  sie  wieder  zusammen‐ setze.«  Tierce  sah  ihn  einen  langen  Augenblick  nur  an.  »Lassen  Sie  uns  eines  ein  für  allemal  klarstellen,  Disra«,  sagte  er  schließ‐

lich.  Seine  Stimme  war  kalt  wie  Eis.  »Ich  habe  die  Befehlsge‐ walt in allen militärischen Belangen dieser Operation. In allen.  So lautete Ihr Angebot, und so habe ich es angenommen. Ihre  Rolle zu diesem Zeitpunkt – Ihre einzige Rolle – besteht darin,  die  Raumschiffe  und  Besatzungen  bereitzustellen,  die  ich  be‐ nötige, und sich um  alle politischen Schwierigkeiten  zu  küm‐ mern, die eventuell auftreten könnten.«  Disra starrte ihn abermals an. Doch er spürte bereits, wie die  Schärfe  seines  Blicks  stumpf  wurde.  Welche  Art  Ungeheuer  hatte  er  hier  bloß  erschaffen?  »Ist  das  alles,  was  ich  für  Sie  bin?« fragte er Tierce kleinlaut. »Ihr Versorgungsoffizier?«  Tierce  lächelte.  Ein  kaltes  Zucken  der  Mundwinkel.  »Fürch‐ ten Sie, die Kontrolle über den Plan zu verlieren, den Sie ent‐ worfen haben? Aber nicht doch. Mein Ziel – mein einziges Ziel  –  ist  es,  den  Tod  des  Imperators  zu  rächen  und  die  Rebellion  auszuradieren. Danach wird meine Arbeit getan sein. Die Herr‐ schaft  über  das  neue  Imperium,  das  dann  entstehen  wird,  ist  ganz allein Ihre Sache.«  Disra  betrachtete  ihn  einen  Moment  lang,  versuchte  hinter  seine  steinerne  Miene  zu  blicken  und  seine  Gedanken  nicht  von Wunschdenken trüben zu lassen. Falls dieser Mann log…  Nein. Tierce war Soldat, ein außergewöhnlich fähiger Soldat,  dennoch  ein  Soldat,  nichts  weiter.  Er  besaß  nicht  annähernd  das  politische  Talent  oder  die  Erfahrung,  über  die  Disra  ver‐ fügte. Selbst wenn er Gefallen am Geschmack der Macht fand,  würde er Disra nach dem Ende der Kämpfe immer noch brau‐ chen.  »Die  meisten  Triumvirate  sind  instabil,  Euer  Exzellenz«,  er‐ griff Flim das Wort. »Ich weiß das; ich habe unter den Piraten 

und  Schmugglerorganisationen  des  Rands  viele  von  ihnen  aufsteigen  und  untergehen  sehen.  Aber  hier  liegen  die  Dinge  anders.  Niemand  von  uns  kann  seine  Ziele  ohne  die  beiden  anderen erreichen.«  »Er  hat recht«, stimmte Tierce  zu.  »Also unterlassen  Sie  das  Jammern  und  leisten  Sie  Ihren  Beitrag.  Oder  wir  landen  alle  drei in den Strafkolonien.«  »Einverstanden«,  sagte  Disra  widerstrebend.  »Ich  bitte  um  Verzeihung, Major. Es wird nicht wieder vorkommen.«  »Gut«,  entgegnete  Tierce  forsch.  »Wenden  wir  uns  wieder  dem  Geschäft  zu.  Ich  benötige  eine  Kopie  des  Entschlüsse‐ lungsalgorithmus,  den  sie  benutzt  haben,  um  sich  in  die  per‐ sönlichen  Aufzeichnungen  Thrawns  und  des  Imperators  ein‐ zuschleichen.«  Disra runzelte die Stirn. »Wozu das?«  »Damit  ich  eine  vollständige  Liste  der  Schläfer  aufstellen  kann, die Thrawn in die Rebellion eingeschleust hat«, erklärte  Tierce.  »Wir  werden  alle  ausgebildeten  imperialen  Soldaten  und Piloten brauchen, die wir kriegen können.«  Das schien durchaus vernünftig. »In Ordnung«, nickte Disra,  »aber die Liste kann ich für Sie zusammenstellen.«  »Es wäre nützlich, wenn ich selbst Zugang zu diesen Akten  hätte,  wann  immer  es  für  mich  notwendig  ist«,  stellte  Tierce  fest.  »Es wäre nicht minder nützlich für mich, ein paar Dinge zu  wissen,  von  denen  Sie  keine  Ahnung  haben«,  widersprach  Disra. »Nur wegen des Ausgleichs und so.«  Tierce  schüttelte  den  Kopf.  »Fein.  Spielen  Sie  nur  weiterhin 

Ihre kleinen Spielchen. Besorgen Sie mir nur diese Liste!«  Disra  neigte  den  Kopf  zu  einer  ironischen  Verbeugung.  »Umgehend, Major.«  Nein, es würde keine weiteren Ausbrüche geben, nahm sich  Disra vor, während er das Büro durchquerte und einmal mehr  den geheimen Tunnel betrat. Aber  das  bedeutete keineswegs,  daß  er  seine  Partner  in  diesem  Triumvirat  nicht  auch  weiter  genau im Auge behalten würde. Und wenn sie ihn auch fortan  noch brauchen würden, so kam doch der Zeitpunkt, da er ih‐ rer nicht länger bedurfte.  Darüber würde er nachdenken müssen. 

6. Kapitel    Sie war kleinwüchsig, sie war pelzig, sie war laut, und sie war  darauf  aus,  ihm  eine  Melone  zu  verkaufen.  »Sorry«,  sagte  Wedge Antilles und entfernte sich, so gut er es im dichten Ge‐ dränge  des  Marktplatzes  auf  Morishim  vermochte,  wobei  er  die  Handflächen  abwehrend  nach  außen  kehrte.  »Ich  habe  heute kein Interesse an Wk’ou‐Melonen, danke.«  Entweder verstand die weibliche Morish kein Basic, oder sie  war  noch  nicht  bereit,  sich  geschlagen  zu  geben.  Jedenfalls  folgte sie ihm, streckte ihm das blaßrote Doppelrund der Me‐ lone  hin  und  plapperte  ohne  Unterlaß  in  ihrer  Muttersprache  weiter.  »Heute  nicht«,  wiederholte  Wedge  mit  Nachdruck,  blickte  sich  um  und  versuchte  einen  seiner  Kameraden  des  Renegaten‐Geschwaders  unter  den  zahlreichen  Käufern  zu  entdecken.  Janson  und  Tycho  sollten  eigentlich  ein  paar  Bro‐ cken der Morish‐Sprache beherrschen, doch keiner der beiden  war irgendwo zu sehen.  Doch plötzlich tat sich im Gewühl der Fußgänger neben ihm  eine  Lücke  auf.  »Vielleicht  morgen«,  rief  er  der  Wk’ou‐ Verkäuferin zu und trat die Flucht an.  »Für  einen  großen  bösen  X‐Flügler‐Kämpfer  kannst  du  ver‐ flucht  schlecht  nein  sagen«,  ließ  sich  Jansons  Stimme  hinter  ihm vernehmen.  »Ich  habe  sie  nicht  gekauft,  oder?«  gab  Wedge  zurück  und  drehte  sich  zu  seinem  grinsenden  Teamkollegen  um.  »Wo  steckt du bloß immer, wenn ich dich brauche?« 

»Oh,  ich  habe  das  meiste  von  deinem  Auftritt  mitbekom‐ men«,  sagte  Janson  und  grinste  noch  breiter.  »Besonders  gut  hat  mir  der  Teil  gefallen,  wo  du  ihr  die  Handflächen  entge‐ gengestreckt hast.«  Wedge spürte, daß er die Augen  zusammenkniff. »Bedeutet  das hier denn nicht nein?«  »Nicht  ganz«,  antwortete  Janson,  dem  das  Ganze  unüber‐ sehbar  Spaß  machte.  »Es  bedeutet,  daß  du  nicht  bereit  bist,  ihren Preis zu bezahlen, aber daß sie ruhig ein neues Angebot  vorlegen soll.«  »Oh,  vielen  Dank,  daß  du  mir  das  jetzt  erzählst«,  brummte  Wedge. »Kein Wunder, daß sie mich nicht in Ruhe lassen woll‐ te.«  »Die Galaxis ist groß«, meinte Janson philosophisch. »Es gibt  da draußen so viel zu lernen. Komm mit, ich habe dort drüben  einen alten Freund von dir getroffen.«  »Solange  er  mir  nichts  anzudrehen  versucht«,  grummelte  Wedge,  während  Janson  ihnen  einen  Weg  durch  die  Käufer‐ massen bahnte. »Irgendeine Nachricht von der Basis?«  »Wohl kaum«, erwiderte Janson über die Schulter. »Das Tref‐ fen hat erst vor einer halben Stunde begonnen. Mit einem Ge‐ neral  von  Bel  Iblis’  Standfestigkeit  haben  sie  wahrscheinlich  nicht  mal  die einleitenden  Höflichkeitsfloskeln hinter sich ge‐ bracht. Wir sind da. He, General!«  Ein  paar  Passanten  im  Umkreis  eines  distinguiert  anmuten‐ den Mannes in einem schwarzen Umhang drehten sich um…  »Sieh  an,  sieh  an«,  rief  Wedge,  schob  sich  sanft  durch  die  Menge und bot dem Mann die Hand. »General Calrissian.« 

»Jetzt nur noch Calrissian«, korrigierte ihn Lando Calrissian,  klemmte  sich  die  Wk’ou‐Melone,  die  er  trug,  unter  den  Arm  und  ergriff  Wedges  Hand.  »Meine  Tage  beim  Militär  liegen  hinter mir. Schön, Sie wiederzusehen, Wedge.«  »Ganz  meinerseits«,  entgegnete  Wedge.  »Was  treiben  Sie  in  diesem Teil der Galaxis?«  »Ich hoffe auf eine Chance, mit General Bel Iblis sprechen zu  können«,  erklärte  Lando  und  nickte  in  Richtung  der  pyrami‐ denförmigen  Startrampen  der  republikanischen  Sternjäger‐ Basis, die jenseits der Stadt aufragten. »Wir müssen dringend  etwas gegen die Aktivitäten der Piraten in der Nähe von Varn  unternehmen.«  »Sie  haben  auch  Ihre  Schiffe  angegriffen,  nicht  wahr?«  er‐ kundigte sich Wedge.  »Das, und außerdem potentielle Kunden vergrault«, antwor‐ tete Lando. »Ich weiß ja nicht, ob Sie es gehört haben, aber ich  habe in die Deep Pockets ein Kasino und eine Aussichtsprome‐ nade eingebaut.«  »Das klingt wie eine echt große Sache«, warf Janson trocken  ein.  »Sie wären überrascht, wie interessant es ist, beim Unterwas‐ serbergbau zuzuschauen«, teilte Lando ihm mit. »Und bei vol‐ ler  Nutzung  könnte  das  Kasino  vermutlich  für  die  Unkosten  der  gesamten  Operation  aufkommen.  Allerdings  nicht,  wenn  jedermann Angst hat, dorthin zu reisen.«  »Die  Piratenbanden  kriechen  zur  Zeit  aus  allen  Mauerrit‐ zen«,  nickte  Wedge.  »Sogar  in  den  Kernsystemen.  Haben  Sie  mal versucht, mit Coruscant zu reden?«  »Bis  mir  die  Stimme  versagte«,  erwiderte  Lando  säuerlich. 

»Hat  mir  gar  nichts  eingebracht.  Die  bürokratischen  Erbsen‐ zähler  dort  sind  genauso  schlimm  wie  die,  die  wir  während  des Imperiums hatten.«  Janson  schnaubte.  »Einige  von  ihnen  sind  immer  noch  die‐ selben.«  »Die  letzte  Neuorganisation  der  Politik  sollte  helfen«,  sagte  Wedge  in  dem  Versuch,  die  Unterhaltung  von  einem  Thema  abzulenken,  das  ein  ständiger  Streitpunkt  zwischen  ihm  und  seinen Geschwaderkameraden war. »Den Hauptteil der politi‐ schen Macht an die Systeme und Sektoren zurückzugeben, ist  ohne  Zweifel  der  richtige  Weg.  Das  Imperium  hat  längst  be‐ wiesen,  daß  der  zentralistische  Kurs  keine  Lösung  ist.«  Er  blickte  in  den  klaren  blauen  Himmel  über  ihnen.  »Schon  ko‐ misch,  wie  alles  sich  entwickelt,  was?  Ich  weiß  noch,  wenn  man sich früher in einem System so nahe am Rand des impe‐ rialen  Raums  befand,  dann  mußte  man  in  seinem  X‐Flügler  pennen.  Statt  dessen  schlendern  wir  jetzt  hier  herum,  als  wä‐ ren wir auf Svivren oder Ord Mantell.«  »Ich  würde  an  deiner  Stelle  nicht  so  zuversichtlich  sein«,  warnte ihn Janson. »Das Imperium ist noch nicht tot. Sie kön‐ nen  immer  noch  ziemlich  hart  zuschlagen,  wenn  sie’s  drauf  anlegen.«  »Und  dabei  schienen  sie  schon  kurz  davor  zu  stehen,  ihre  Karten  auf  den  Tisch  legen  zu  müssen«,  ergänzte  Lando.  »Erinnern  Sie  sich  noch,  wie  alles  war,  bevor  Großadmiral  Thrawn aus seinem Versteck auftauchte?«  »Wedge?«  erhob  sich  eine  Stimme  über  den  allgemeinen  Lärm. »He, Wedge!«  Wedge  spähte  über  die  Köpfe  der  Leute  hinweg  und  er‐

haschte einen Blick auf zerzaustes braunes Haar und eine hoch  erhobene Hand. »Hier drüben!«  »Wer ist das?« wollte Lando wissen und reckte den Hals.  »Sein  Name  ist  Tycho  Celchu«,  erklärte  Wedge.  »Einer  von  meinen  Leuten  aus  dem  Renegaten‐Geschwader.  Keine  Ah‐ nung, ob Sie ihm jemals begegnet sind.«  Tycho erreichte sie jetzt. »He, Wedge, du mußt dir unbedingt  diesen Typ anhören«, verkündete er mit düsterer Stimme und  ebensolchem Gesicht. »Kommt mit, er ist da drüben.«  Er führte sie quer über den Marktplatz zu einer kleinen Bu‐ de, in der ein verschrumpelter Morish saß. »Hier ist er«, sagte  Tycho  und  versammelte  die  anderen  vor  der  Marktbude.  »Wsimi p’rotou!«  »M’rish’kavish  F’oril«,  zischte  der  Morish.  »Wshisht  C’aama’  por Kri’vres’mi B’oth.«  Janson pfiff leise durch die Zähne.  »Worum geht’s?« wollte Wedge wissen.  »Er  sagt,  daß  neue  Informationen  über  die  Zerstörung  von  Caamas  ans  Licht  gekommen  sind«,  antwortete  Tycho  grim‐ mig. »Und daß die Bothans dafür verantwortlich waren.«  Wedge starrte Tycho an. »Du machst wohl Witze«, sagte er.  »Sehe ich aus, als würde ich scherzen?« schnappte Tycho zu‐ rück; in seinen blauen Augen brannte Feuer. »Das paßt, nicht  wahr? Endor, Borleias… und jetzt das.«  »Bleib auf dem Teppich«, sagte Wedge und legte einen Anf‐ lug  von  Exerzierplatzschärfe  in  seine  Stimme.  »Borleias  ging  nicht allein auf das Konto der Bothans.«  Tycho  schob  unbehaglich  die  Schultern  vor.  »Nicht  ganz, 

immerhin«, gab er widerwillig zu.  Wedge sah Lando an. »Haben Sie etwas über neue Informa‐ tionen hinsichtlich Caamas gehört?«  »Keinen  Ton«,  erwiderte  Lando  und  beäugte  mißtrauisch  den Morish. »Fragen Sie ihn mal, woher er das hat.«  »Genau.«  Tycho  sprach  abermals  mit  dem  Morish  und  er‐ hielt Antwort. »Er sagt, die Nachricht kam von dem Alten Ein‐ siedler«, übersetzte er. »Er lebt in einer Höhle im Hochtatma‐ na. Anscheinend weiß er über alles Bescheid, was in der Gala‐ xis geschieht.«  Wedge  drehte  sich  nach  den  Tatmanabergen  um,  deren  ge‐ zackte Gipfel sich jenseits der dem Stützpunkt der Neuen Re‐ publik abgewandten Seite der Stadt in der Ferne erhoben. An‐ gesichts dieser Berge schien es absurd zu glauben, daß  irgen‐ dein  heimischer  alter  Eremit  auch  nur  wissen  sollte,  was  sich  hier unten in der Stadt zutrug, ganz zu schweigen von der viel  größeren Galaxis über den Gipfeln seines Gebirges.  Doch andererseits trieb sich Wedge nun bereits lange genug  mit Luke Skywalker herum, um zu wissen, daß es eine Menge  unerklärlicher Dinge in dieser Galaxis gab. Vielleicht war die‐ ser Alte Einsiedler einer jener latent Machtsensitiven, die Luke  stets zu finden trachtete.  Und es war ja nicht so, daß sie zur Zeit besonders viel zu tun  hatten. »Frag ihn, wo wir diesen Alten Einsiedler finden kön‐ nen«, instruierte er Tycho.  »Sie  wollen  da  rauf?«  fragte  Lando,  während  Tycho  wieder  mit dem Morish zu sprechen begann. »Wozu, um alles in der  Welt?«  »Neugierde«,  klärte  Wedge  ihn  auf.  »Und  wir  haben  Zeit  – 

der General wird uns mindestens für ein paar weitere Stunden  nicht brauchen. Kommen Sie mit uns?«  Lando seufzte. »Nach Ihnen.«    Die drei X‐Flügler neigten sich leicht in den Wind und setzten  sanft auf den Klippen hoch über der Stadt auf. »Kein Problem  für euch«, murmelte Lando vor sich hin und maß in Gedanken  den  Gesteinsbrocken,  den  die  anderen  ihm  zur  Landung  der  Glücksdame überlassen hatten. Es würde eng werden, aber sein  Stolz verbot es ihm, jetzt noch einen Rückzieher zu machen. Er  brummte noch etwas und steuerte die Yacht sanft auf die Fel‐ sen zu.  Die Landung war wahrhaftig eine heikle Angelegenheit, die  durch den Wind nur noch kniffliger wurde. Aber er schaffte es  ohne  allzu  große  Schwierigkeiten  und,  was  noch  wichtiger  war, ohne in Verlegenheit zu geraten. Er schaltete den Antrieb  in  den  Bereitschaftsmodus,  kletterte  die  Leiter  direkt  hinter  der  Kanzel  hinunter  und  eilte  auf  die  Ausstiegsrampe  der  Raumyacht zu.  Wedge,  Janson  und  Tycho  erwarteten  ihn  am  Fuß  der  Lan‐ dekufen  der  Glücksdame.  »Frisch  hier  oben«,  kommentierte  Lando und griff nach dem Saum seines Umhangs, um zu ver‐ hindern, daß dieser wild um ihn flatterte. »Ich hoffe bloß, die  Höhle dieses Alten Einsiedlers ist beheizt.«  »Zumindest  wird’s  da  drin  nicht  so  windig  sein«,  stimmte  Janson  ein  und  wies  auf  einen  schmalen,  zwei  Meter  hohen  Spalt in der Felswand. »Das muß es sein. Gehen wir.«  Die  Höhle  war  viel  tiefer,  als  Lando  angesichts  der  verhält‐ nismäßig  bescheidenen  Ausmaße  ihres  Eingangs  vermutet 

hatte.  Darüber  hinaus  war  es  im  Innern  überraschend  warm.  »Da  oben  scheint  irgendwas  zu  glühen«,  meinte  Wedge,  des‐ sen  Stimme  sich  in  dem  geschlossenen  Raum  irgendwie  selt‐ sam anhörte. »Hinter dieser Biegung.«  »Ich  frage  mich,  ob  wir  uns  nicht  lieber  anmelden  sollten«,  sagte  Lando  und  sah  sich  beklommen  um.  In  engen  Raum‐ schiffen  zu  fliegen,  hatte  ihm  nie  das  geringste  ausgemacht,  aber  einen  schmalen  Gang  zu  durchqueren  und  dabei  gleich‐ sam das Gewicht des Berggipfels auf den Schultern zu spüren,  war etwas vollkommen anderes.  Vielleicht lag es aber auch daran, daß dieser Ort ihn zu sehr  an  das  Innere  des  Mount  Tantiss  erinnerte.  Wie  auch  immer,  als sie um die Ecke bogen, bemerkte er, daß seine rechte Hand  auf dem Griff des Blasters lag…  …  wodurch  der  Anblick,  der  sich  ihren  Augen  bot,  nur  um  so  ernüchternder  anmutete:  Im  Hintergrund  einer  Erweite‐ rung der Höhle saß ein einzelner uralter Morish, älter noch als  jener, mit dem sie vor der Marktbude gesprochen hatten, und  zupfte  wie  versunken  an  den  straff  gespannten  Saiten  eines  unbekannten  Musikinstruments.  Rechts  von  ihm  befand  sich  eine  kompakte  Arbeitslampe  aus  Militärbeständen,  auf  der  Linken  ein antiker  Holzbrenner. Auf beiden Seiten der  Höhle  konnte  man  im  matten  Schein  der  Arbeitslampe  so  gerade  noch  eine  Kollektion  von  Gegenständen  erkennen,  bei  denen  es sich offenbar um die Haushaltsgerätschaften des Alten Ein‐ siedlers  handelte.  Hinter  ihm  hing  ein  handgearbeiteter  Vor‐ hang  aus  schwer  wirkendem  Stoff,  der  die  Rückwand  der  Höhle nicht ganz bedeckte.  Falls  der  Alte  Einsiedler  überrascht  war,  sie  zu  sehen,  so 

zeigte  er  es  nicht.  Er  studierte  sie  einen  Augenblick  schwei‐ gend,  während  sie  bis  auf  wenige  Meter  an  ihn  herantraten,  dann  fiel  sein  Blick  wieder  auf  das  Instrument,  und  er  mur‐ melte etwas in seiner Muttersprache.  »Er  begrüßt  uns«,  übersetzte  Tycho.  »Mehr  oder  weniger.  Außerdem will er wissen, was wir wollen.«  »Sag  ihm,  wir  hätten  gehört,  daß  er  etwas  über  die  Zerstö‐ rung  von  Caamas  weiß«,  sagte  Wedge.  »Und  daß  wir  gerne  mehr darüber hören würden.«  »Er wird Geld verlangen«, warnte Janson.  »Stimmt«, nickte Tycho. »Ich versuche ihm fünfzig anzubie‐ ten.«  Darauf  rührte  sich  der  Morish.  »Dreihundert«,  sagte  er  in  verständlichem  und  beinahe  akzentfreiem  Basic.  »Diese  Ge‐ schichte ist dreihundert wert.«  »Ja, ja«, bemerkte Wedge trocken, »soviel  zum Lokalkolorit.  Ich hatte mir schon gedacht, daß sie besser Basic sprechen, als  sie vorgeben. Ich gebe dir einhundert.«  »Dreihundert«,  erwiderte  der  Alte  beharrlich.  »Oder  keine  Geschichte.«  »Hundertfünfzig«,  bot  Wedge.  »In  der  Währung  der  Neuen  Republik. Das ist alles, was ich habe.«  »Dreihundert. Nicht weniger.«  »Ich  stehe  dafür  gerade«,  meldete  sich  Lando  zu  Wort  und  sah  sich  in  der  Höhle  um.  Irgend  etwas  an  diesem  Ort  war  sonderbar.  Etwas,  das  äußerst  unerfreuliche  Erinnerungen  wachrief…  »Also  gut«,  seufzte  Wedge.  »Dreihundert.  Aber  die  Ge‐

schichte sollte besser jeden einzelnen Kredit wert sein.«  »Das  ist  sie«,  versicherte  ihm  der  Alte  Einsiedler.  »Als  sich  die dunkle Schlachtflotte vor Caamas versammelte…«  Und  plötzlich  rastete  etwas  ganz  hinten  in  Landos  Gedäch‐ tnis  ein.  Er  trat  um  den  Holzbrenner  herum  und  griff  nach  dem Rand des Vorhangs…  »Ka’aleel«  kreischte  der  Morish,  stieß  sein  Musikinstrument  von sich und machte einen Satz auf das Arbeitslicht zu. Seine  Hand fuhr unter die Lampe…  »Keine  Bewegung!«  schnappte  Wedge.  Die  drei  Piloten  des  Renegaten‐Geschwaders  waren  in  die  Hocke  gegangen  und  hatten Kampfpositionen eingenommen; ihre Blaster hielten sie  auf den Morish gerichtet. »Zeig mir deine Hand«, befahl Wed‐ ge. »Leer.«  Der Alte Einsiedler starrte die Männer an und brachte lang‐ sam  seine  Hand  zum  Vorschein.  Janson  trat  zu  der  Arbeits‐ lampe,  ging  in  die  Knie  und  richtete  sich  mit  einem  kleinen,  aber gemein aussehenden Blaster in der Hand wieder auf.  »Also  gut«,  sagte  Wedge,  während  Janson  an  Tychos  Seite  zurückkehrte.  »Du bleibst  jetzt  schön  brav  da  sitzen.  Und  laß  deine  Hände  da,  wo  wir  sie  sehen  können.«  Er  stieß  seinen  Blaster ins Holster zurück und trat zu Lando. »Was haben Sie  gefunden?«  »Die Ursache seiner Allwissenheit«, antwortete Lando düster  und zog den Vorhang zur Seite. »Sehen Sie sich das an.«  Wedge  stieß  einen  verhaltenen  Pfiff  aus,  und  sogar  Lando,  der mehr oder minder gewußt hatte, was sie erwartete, mußte  zugeben, daß er ehrlich beeindruckt war. Zwischen den Wän‐ den  eines  breiten,  vom  Boden  bis  zur  Decke  reichenden  Fels‐

spalts  in  der  Rückwand  der  Höhle  befand  sich  ein  voll  ein‐ satzbereites  imperiales  Kommunikationszentrum,  komplett  mit Ver‐ und Entschlüsselungsmodulen, Anschlußbuchsen für  eine  Vielzahl  unterschiedlicher  Droiden  und  Sensoreingänge,  einem  Weltraum/Planeten‐Monitormodul  sowie  einem  sich  selbst  steuernden  Generation‐III‐Energiegenerator.  »Alle  Achtung«, bemerkte Wedge. »Netter Fund, Lando. Was hat Sie  drauf gebracht?«  »Der  Geruch«,  erklärte  Lando.  Unwillkürlich  lief  ihm  ein  Schauer  über  den  Rücken.  »Verstaubte  Elektronik  riecht  wie  sonst  nichts  im  Universum.  Die  Kammer  mit  den  Spaarti‐ Zylindern im Mount Tantiss hat genauso gestunken.«  »Wahrscheinlich haben sie diese Anlage installiert, bevor wir  ihnen  Morishim  wieder  abgenommen  haben«,  vermutete  Jan‐ son. »Sie müssen sie dazu benutzt haben, unserer Basis auszu‐ kundschaften.«  »Und  für die  propagandistische  Beeinflussung  und  Aufwie‐ gelung der hiesigen Bevölkerung«, sagte Wedge. Er schob den  Vorhang ganz zur Seite, um besser sehen zu können. »Hier ist  ein direkter Zugang zur imperialen Nachrichtenagentur – und  einer zu den stündlichen News von Coruscant.«  »Es  könnte  interessant  sein,  wenn  mal  jemand  die  jüngsten  historischen  Aufzeichnungen  durchgehen  würde«,  warf  Lan‐ do ein, »um zu sehen, bei welchen Ereignissen die Imperialen  ihre Hand im Spiel hatten.«  »Ja«, pflichtete Wedge ihm bei. »Sie müssen die Anlage in al‐ ler  Eile  im  Stich  gelassen  haben,  wenn  sie  so  viel  Zeug  hier  zurückließen…«  Er  schlenderte  weiter  und  runzelte  angesichts  der  Anzeigen 

des  Weltraummonitors  die  Stirn.  »Tycho,  mach  dich  auf  den  Weg zu deinem X‐Flügler und verständige die Basis. Sieht aus,  als wäre eine corellianische Korvette auf dem Weg hierher, die  eine imperiale ID sendet…«  Plötzlich  erstarrte  er.  »Vergiß  es!«  bellte  er  dann,  ließ  den  Vorhang  fallen  und  stürmte  an  dem  Alten  Einsiedler  vorbei.  »Zu den Jägern – aber zügig!«  Die anderen Piloten fielen hinter ihm in Trab, und die Grup‐ pe  verschwand  um  die  Biegung  des  Höhlengangs.  »Was  ist  denn los?« wollte der Alte voller Sorge wissen. »Du – Mensch  – was ist los?«  Lando  benötigte  nur  einen  einzigen  Blick  auf  die  Anzeige.  »Ein  imperialer  Sternzerstörer«,  antwortete  er.  »Er  ist  direkt  hinter der Korvette aus dem Hyperraum gefallen…  … und kommt hierher.«    »Lando?«  Wedges Stimme  drang  aus der Konsole  der Glücks‐ dame. »Hören Sie mich?«  »Laut und deutlich«, erwiderte Lando und nahm eine letzte  Einstellung der Lautsprecherkontrolle vor.  »Bleiben  Sie  längsseits«,  warnte  Wedge.  »Der  Trick  mit  den  wechselnden  Frequenzen  richtet  gegen  ihre  Zerhacker  nichts  mehr aus, sobald wir uns zu weit voneinander entfernen.«  »Verstanden«, bestätigte Lando und warf einen Blick auf die  chaotischen  Anzeigen  seiner  Komeinheit.  Sein  Kommumka‐ tionssystem war so ziemlich auf der Höhe der Zeit, einschließ‐ lich  einiger  exotischer  Ergänzungen,  dennoch  war  es  kaum  dazu  geeignet,  es  mit  den  Frequenzen  und  Kodierungen  der 

Neuen Republik aufzunehmen. Doch bis jetzt schien der Not‐ behelf,  den  er  für  diesen  Flug  zusammengewürfelt  hatte,  zu  halten.  »Ich  bin,  während  Sie  sich  fertiggemacht  haben,  zur  Basis  durchgekommen«,  berichtete  Wedge.  »Der  Rest  des  Renega‐ ten‐Geschwaders  ist  schon  unterwegs,  gemeinsam  mit  jedem  Sternjäger, den unser Stützpunkt aufbieten konnte.«  Eine  Handvoll  X‐  und  A‐Flügler‐Staffeln  gegen  einen  impe‐ rialen  Sternzerstörer.  Großartig.  »Was  ist  mit  dem  Wanderfal‐ ken  und  der  Angriffsfregatte,  mit  der  Admiral  Vriss  herge‐ kommen ist?«  »Der Wanderfalke ist auf dem Weg. Das Schiff muß jedoch zu‐ erst  noch  um  die  abgewandte  Seite  des  Planeten  herumflie‐ gen«,  gab  Wedge  zurück.  Dann  stahl  sich  ein  scharfer  Hauch  von  Geringschätzung  in  die  kühle  Professionalität  seiner  Stimme.  »Die  Angriffsfregatte  wird  bedauerlicherweise  nicht  dabeisein.  Anscheinend  haben  sie  ihre  Systeme  ein  bißchen  über Stand‐by hinaus heruntergefahren.«  »Schlamperei«, knurrte Lando. »Wer hat das Kommando?«  »Ein  Bagmim‐Komitee«,  klärte  Wedge  ihn  auf.  »Die  Besat‐ zung besteht größtenteils aus Bagmims, Menschen und Pova‐ narianern.«  »Bagmims sind ziemlich gute Kämpfer, wenn man sie reizt.«  »Dann hätten sie besser ein bißchen gereizter bleiben sollen«,  entgegnete Wedge. »So nutzen sie uns jedenfalls gar nichts.«  »Es  ist  zu  spät,  sich  darüber  zu  grämen«,  sagte  Lando,  der  mit  Bedacht  davon  absah,  Wedge  daran  zu  erinnern,  daß  er  selbst  vorhin  erst  davon  gesprochen  hatte,  wie  entspannt  die  politische Großwetterlage mittlerweile sei. »Wie sieht der Plan 

aus?«  »Wir  versuchen  sie  aufzuhalten«,  antwortete  Wedge.  »Der  Wanderfalke  ist  unterwegs,  und  der  General  hat  zwei  Stern‐ kreuzer  von  Haverling  hierher  beordert.  Bis  die  hier  ankom‐ men, sind wir auf uns selbst gestellt.«  Die  drei  X‐Flügler‐Sternjäger  und  die  Raumyacht  stiegen  weiter auf – und da waren sie: der ehrfurchtgebietende Rumpf  des  imperialen  Sternzerstörers  und  die  Korvette,  die  diesen  auf den Planeten zuführte.  Lando runzelte plötzlich die Stirn. »Wedge?«  »Ich  sehe  es«,  brummte  Wedge.  »Renegat  Sieben,  geben  Sie  mir eine kurze Analyse.«  »Kein  Irrtum  möglich,  Renegaten‐Führer«,  kam  prompt  Ty‐ chos  Stimme.  »Das  sind  keine  zufälligen  Fehlschüsse…  der  Sternzerstörer  feuert  definitiv  auf  die  Korvette.  Die  Korvette  hält  Fluchtgeschwindigkeit;  ihre  Deflektorschilde  sind  oben.  Sie wird gejagt, kein Zweifel.«  »Sie stören außerdem ihre Übertragungen«, ergänzte Janson.  »Die Vorausberechnung ihres Kurses zeigt, daß sie genau auf  den  Rand  des  Energieschirms  unserer  Basis  zuhält.  Sieht  aus,  als hätten wir es hier mit einem Überläufer zu tun.«  »Könnte  sein«,  gab  Wedge  argwöhnisch  zurück.  »Könnte  aber  auch  ein  Trick  sein,  um  uns  dazu  zu  bringen,  ein  nicht  überprüftes  Raumschiff  unter  unseren  Schutzschirm  zu  las‐ sen.«  »Was also machen wir?« wollte Janson wissen.  »Versuchen  wir  eine  kleine  Störung«,  antwortete  Wedge.  »Renegat  Zwei,  Renegat  Fünf,  fliegen  Sie  um  die  Steuerbord‐

seite  der  Korvette  herum  und  versuchen  Sie,  die  Aufmerk‐ samkeit des Sternzerstörers auf sich zu lenken. Ich übernehme  die andere Seite. Achten Sie auf Traktorstrahlen – die könnten  versuchen, die Korvette damit einzufangen.«  »Verstanden, Renegaten‐Führer.«  Die beiden X‐Flügler schwenkten sanft von Wedge und Lan‐ do weg. »Und was ist mit mir?« wollte Lando wissen.  »Sie  bleiben  besser  hier  zurück«,  wies  Wedge  ihn  an  und  fuhr die eigenen Maschinen hoch. »Ihre Yacht ist nicht für de‐ rartige Manöver gebaut. Außerdem könnte es sein, daß wir sie  als Relais zwischen uns und unserer Verstärkung brauchen.«  Die Worte waren kaum über seine Lippen gekommen, als bei  der  Korvette  ein  gedämpfter  Blitz  zu  erkennen  war,  auf  den  eine  Trümmerwolke  folgte.  »Die  oberen  Sensorgruppen  wur‐ den getroffen«, meldete Janson. »Feuer an Bord… wahrschein‐ lich müssen sie den Hauptreaktorkern abschalten.«  Was  bedeutete,  daß  sie  ohne  Antrieb  und  damit  ohne  Hoff‐ nung auf Entkommen sein würden. Lando unterdrückte einen  Fluch  und  aktivierte  sein  sekundäres  Komsystem,  um  sich  durch  die  Frequenzen  zu  schalten.  Statik  knisterte  aus  allen  Kanälen, die von den Imperialen gestört wurden.  »Traktorstrahl  aktiviert«,  meldete  Tycho  knapp.  »Verbin‐ dung wird etabliert… sie haben sie.«  »Da kommt was von achtern«, warf Janson ein. »Der Rest des  Renegaten‐Geschwaders,  plus  drei  A‐Flügler‐Staffeln  und  zwei Gruppen X‐Flügler. ETA bei etwa fünf Minuten.«  Wedges Seufzen war das leisere Echo des Knisterns der Zer‐ hacker. »Zu wenig, zu spät«, konstatierte er widerwillig. »Ab‐ drehen. Wir können hier im Augenblick nichts ausrichten.« 

Lando  sah  aus  der  Kanzel  nach  der  Korvette  und  stieß  vor  Enttäuschung  verhalten  die  Faust  gegen  seine  Kontrollkonso‐ le.  Gleichermaßen  zum  Schweigen  verurteilt  und  hilflos  wür‐ de die Korvette genommen oder vernichtet werden, ohne daß  jemand erfuhr, wer sich an Bord befand oder weshalb sie hier  war.  Es sei denn…  »Wedge?«  rief  er.  »Ich  habe  eine  Idee.  Fahren  Sie  sämtliche  Sendefrequenzen, die Sie kriegen können, bei voller Kraft hoch  und geben Sie alles an Verschlüsselungssequenzen drauf, was  Sie haben. Vielleicht können wir ihre Zerhacker wenigstens so  weit  schwächen,  daß  wir  irgendwas  aus  der  Korvette  auffan‐ gen können.«  »Das  ist  einen  Versuch  wert«,  erwiderte  Wedge.  »Machen  wir’s, Renegaten.«  Lando schwang zur Komkonsole herum und aktivierte eines  seiner exotischen Extras, für die er das ganze schöne Geld aus‐ gegeben hatte. Vermutlich würde es ohnehin nicht funktionie‐ ren.  Es  würde  sogar  mit  ziemlicher  Sicherheit  nicht  klappen;  und  der  Versuch  würde  ausreichen,  um  die  Imperialen  mit  Leichtigkeit abzulenken und zu einem tödlichen Schlag gegen  ihn  zu  verleiten.  Aber  auf  diese  Weise  unternahmen  sie  we‐ nigstens etwas. Er blickte auf die Anzeigen des Kom und hielt  den Atem an…  Und  dann  drang  –  zum  Erstaunen  des  gewieften  Spielers  –  ein unsicheres Krächzen durch die Statik. »Volle Leistung bei‐ behalten«,  rief  er  Wedge  und  den  anderen  zu  und  hieb  wie  verrückt auf die Tasten der Konsole ein. Das unstete Krächzen  wurde stärker, verging und wurde wieder stärker… 

… und brach unvermittelt ab. Lando blickte gerade rechtzei‐ tig  auf,  um  noch  das  letzte  Anzeichen  der  Pseudobewegung  zu  erkennen,  als  der  Sternzerstörer  im  Hyperraum  ver‐ schwand. »Tja, das war’s wohl«, kommentierte Tycho.  »Ich  habe  nicht  hingesehen«,  sagte  Lando.  »Haben  Sie  die  Korvette mitgenommen?«  »Sie  haben  sie  in  einen  Hangar  gezogen  und  sich  aus  dem  Staub  gemacht«,  erklärte  Wedge.  »Haben  Sie  was  aufgefan‐ gen?«  »Weiß  nicht.«  Lando  drückte  die  Wiederholungstaste.  »Mal  hören.«  Es  kam  zunächst  zu  einer  Eruption  statischen  Rauschens;  und dann, fast unhörbar hinter dem Knistern, waren ein paar  schwache  Worte  zu  verstehen.  »…  ist  Colo…  zh  Ver…  Ge‐ sandter von… miral… hierher entsendet, um Kontakt mit Ge‐ ne…  el  Iblis…  Befugnis…  ich…  ce  tre…  be…  Imperium  und  der Neuen Republik… den angegriffen… verräterische Elem…  Imperium…  erwarte  nicht…  überleben.  Wenn  die  Neue  Re…  solche…  Admi…  Pel…  bei  dem  verlassen…  Bergbauzent‐ rum…  itiin  in…  mit…  zu  treffen…  erhole:  Dies  ist…  nel…  Me… Vermel…«  Die  Aufzeichnung  war  zu  Ende.  »Nicht  gerade  viel«,  be‐ merkte Wedge.  »Nein«, gab Lando zu. »Und was jetzt?«  »Sie fliegen am besten zurück und übergeben die Aufnahme  General Bel Iblis«, antwortete Wedge. »Ich schätze, wir bleiben  noch eine Weile hier draußen.«  »Für den Fall, daß dies hier nur der erste Akt war?« vermute‐ te Lando. 

»Kann man nie wissen.«  Lando starrte auf den Punkt im Raum,  wo die  Korvette  das  Rennen  um  ihre  Sicherheit  verloren  hatte;  ein  unbehaglicher  Schauer rieselte ihm über den Rücken. Das Ganze ähnelte sehr  –  auf  verstörende  Weise,  um  ehrlich  zu  sein  –  dem  Rennen,  das Prinzessin Leia Organas Konsularschiff über dem Planeten  Tatooine vor nunmehr fast zwei Jahrzehnten gegen Darth Va‐ ders  Sternzerstörer  verloren  hatte.  Der  Wettlauf  damals  war  ein Wendepunkt im Kampf gegen die Tyrannei des Imperiums  gewesen,  wenngleich  das  zu  dem  Zeitpunkt  noch  niemand  wußte.  Und  jetzt  war  diese  Szene  hier  über  Morishim  noch  einmal  aufgeführt worden. Konnte sich dahinter etwas verbergen, das  vergleichbare  Konsequenzen  zeitigen  würde?  »Wedge?«  rief  Lando.  »Ja?«  »Es  sind  nicht  zufällig  irgendwelche  Rettungskapseln  von  der Korvette abgeworfen worden?«  »Daran habe ich auch zuerst gedacht«, gab Wedge nüchtern  zurück. »Aber, nein, es gab keine.«  »Hatte ich auch nicht wirklich erwartet«, meinte Lando und  schüttelte die Gespenster der Vergangenheit ab. Die Geschich‐ te  wiederholte  sich  schließlich  niemals  wirklich.  Alles  sprach  dafür, daß es so war, wie Janson bereits gesagt hatte: ein simp‐ ler Überläufer.  Und außerdem  sprach alles  dafür, daß sie es niemals genau  wissen würden.   

Offiziell  hieß  der  Planet  Muunilinst;  inoffiziell  wurde  er  von  vielen jedoch Moneylend genannt. Und wenn Bastion der poli‐ tische  Mittelpunkt  des  Imperiums  war,  so  wurde  Muunilinst  als dessen zentrale Finanzwelt betrachtet.  Die Gründe für diesen Status waren zahlreich und vielfältig  und reichten weit in die Tage der Alten Republik zurück. Die  Tatsache,  daß  der  Planet  seine  Bedeutung  auch  in  diesen  dunkleren  Zeiten  behielt,  war  ebenso  ein  Sieg  der  Trägheit  und  der  Gewohnheit  wie  eine  Folge  der  beiden  Golan‐III‐ Verteidigungsplattformen, die hoch zu Häupten der Welt ihre  schläfrigen Kreise zogen.  Pellaeon  stand  am  Fenster  des  Konferenzraums  und  spähte  in den Himmel, als eine dieser Plattformen Muunilinsts Sonne  passierte und deren Licht für einen Moment trübte. Er erinner‐ te sich, daß Mufti Disra damals, als die Hauptstadt des Impe‐ riums  nach  Bastion  verlegt  worden  war,  versucht  hatte,  auch  die beiden Golan‐III‐Stationen dorthin zu überführen. Er hatte  argumentiert, daß das Regierungszentrum des Imperiums den  Schutz mehr verdiente als die Kreditscheffler – eine von Disras  seltenen  Fehleinschätzungen  und  eine  der  peinlichsten  Nie‐ derlagen seiner politischen Karriere.  Jemand hinter Pellaeon hüstelte diskret. »Ja?« fragte Pellaeon  und wandte sich wieder dem Tisch zu.  Alle  sechs  Führungsoffiziere,  die  um  den  Tisch  versammelt  waren,  hatten  sich  nach  ihm  umgedreht.  »Ich  nehme  an,  Ad‐ miral«,  sagte  der  General  Suut  Ramie  leise,  »daß  Sie  und  die  Muftis  sich  bereits  über  dieses  Angebot  geeinigt  haben,  nicht  wahr?«  Einen Augenblick lang musterte Pellaeon die Züge des ande‐

ren.  General  Ramie,  der  Kommandant  einer  der  Golan‐ Stationen dort oben, war sowohl hinsichtlich seiner Erfahrung  und  des  Respekts,  der  ihm  zuteil  wurde,  als  auch  aufgrund  seines  Alters  der  Nestor  der  Defensivstreitkräfte  von  Muuni‐ linst.  Wenn  er  sich  dafür  entschied,  das  Friedensabkommen  abzulehnen,  würden  die anderen  sich  ihm  höchstwahrschein‐ lich anschließen.  Aber  nein.  Die  Frage  war  keine  Kampfansage  –  eigentlich  kaum eine Frage. »Die Muftis haben es gebilligt, ja«, erwiderte  er. »Aber wenn Sie mich fragen, so machte sie die Vorstellung  nicht glücklicher als irgendeinen von uns.«  »Ich dachte, Sie wären derjenige, der den Vorschlag auf den  Tisch  gelegt  hat«,  warf  General  Jaron  Kyte  ein,  seine  Stimme  und  Augen  dunkel  von  Mißtrauen.  »Wie  können  Sie  da  be‐ haupten, daß Sie jetzt dagegen sind?«  »Ich  habe  nicht  gesagt,  daß  ich  dagegen  bin«,  verbesserte  Pellaeon ihn. »Ich sagte, es gefällt mir nicht. Aber meiner pro‐ fessionellen Auffassung nach bleibt uns einfach nichts anderes  übrig.«  »Mir war so, als könnten wir mit der baldigen Inbetriebnah‐ me  revolutionärer  neuer  Systeme  und  Ausrüstungen  rech‐ nen«, sagte Ramie.  In  perfekter  zeitlicher  Abstimmung  flammte  eines  der  Leuchtsignale  an  Pellaeons  Komlink  auf.  »Einige  dieser  Sys‐ teme  haben  sich  als  nicht  so  praktikabel  erwiesen,  wie  ihre  Erbauer  gehofft  hatten«,  gab  er  zurück  und  beugte  sich  vor,  um  die  Taste  zu  drücken,  mit  der  er  die  Nachricht  entgegen‐ nehmen  konnte. »Und was die  Ausrüstung angeht,  nun, eini‐ ges  davon  wurde  durch  entschlossene  verräterische  Aktivitä‐

ten in Mitleidenschaft gezogen.« Die Tür des Konferenzraums,  die Pellaeon gegenüberlag, glitt zur Seite…  …  und  ein  dünner  Mann,  der  den  traditionellen  Umhang  und Anhänger der Muunilinsti‐Banker trug, trat ein.  Seine Reaktion auf einen Raum voller Offiziere hätte interes‐ sant  sein  können,  doch  Pellaeon  sah  nicht  zu  ihm  hin.  Statt  dessen  ruhte  sein  Blick  auf  den  Offizieren,  als  der  Ausdruck  von  Verblüffung  und  Entrüstung  auf  ihren  Gesichtern,  her‐ vorgerufen  durch  seine verschleierte  Anschuldigung, von der  unerwarteten  Störung  jäh  abgeschnitten  wurde.  Sie  wandten  sich um – die meisten von ihnen verärgert –, um zu sehen, wer  es wagte, sich in Flottenangelegenheiten einzumischen.  An der linken Flanke des Tisches zuckte General Kyte nervös  zusammen.  Es  handelte  sich  um  keine  sehr  deutliche  Reaktion,  kaum  mehr als ein leichtes Rucken des Kopfes und ein Erschrecken,  das über sein Gesicht ging, ehe er die Selbstbeherrschung wie‐ dergewann. Doch vor dem Hintergrund der mehr oder weni‐ ger  gleichgültigen  Neugier  der  übrigen  fiel  sie  auf  wie  das  Signalfeuer einer Landebucht.  »Ah,  Lord  Graemon«,  sagte  Pellaeon  und  faßte  den  Bankier  schließlich doch ins Auge. »Ich danke Ihnen für Ihr Kommen.  Wenn  Sie  nebenan warten  wollen;  ich werde  in Kürze  bei Ih‐ nen sein.«  »Wie Sie wünschen, Admiral Pellaeon«, erwiderte Graemon.  Seine Augen, so bemerkte Pellaeon, flogen einmal kurz zu Ky‐ te,  während  er  den  Raum  zur  inneren  Kammer  durchquerte  und in dieser verschwand.  »Und was sollte das jetzt wieder?« fragte Ramie. 

Der  Mann  war  gewieft,  und  er  hatte  ohne  Frage  begriffen,  daß  die  Unterbrechung  durch  den  Bankier  kein  Zufall  war.  »Ich  sprach  soeben  von  Verrat«,  nahm  Pellaeon  den  Faden  wieder  auf  und  deutete  mit  einem  Wink  auf  die  innere  Kam‐ mer.  »Lord  Graemon  ist  eines  der  Glieder  in  dieser  Kette  des  Verrats.«  Ein  neuerliches  Aufwallen  von  Überraschung  durchlief  den  Rest des Kreises. Ramie selbst zuckte nicht einmal zusammen.  »Können Sie das beweisen?« wollte er wissen.  »Genug  davon«,  gab  Pellaeon  zurück.  »Er  ist  einer  der  Geldmänner,  die  dabei  helfen,  Mittel  des  Imperiums  an  ein  Konsortium weiterzuleiten, das jene Preybirds konstruiert, die  inzwischen  die  Bestände  der  traditionelleren  TIE‐Jäger  an  Bord unserer Großkampfschiffe ergänzen.«  »Ich  vermag  darin  keinen  Verrat  zu  erkennen«,  schnaubte  jemand.  »Ich  habe  vielmehr  den  Eindruck,  das  Imperium  be‐ kommt mit den Preybirds etwas, das durchaus sein Geld wert  ist.«  »Der Verrat liegt darin, daß dieser Handel außerhalb der üb‐ lichen  Kanäle  eingefädelt  wurde«,  antwortete  Pellaeon.  »Und  darin,  daß  bestimmte  hochrangige  imperiale  Offiziere  einen  beachtlichen  Prozentsatz  der  bereitgestellten  Geldmittel  zu  ihrem  eigenen  Vorteil  abzweigen.«  Er  richtete  seinen  Blick  vorsätzlich  auf  Kyte.  »Und  schließlich  darin,  daß  der  Handel  die  Lieferung  imperialer  Ausrüstung  und  Mannschaften  an  verschiedene Piratenbanden beinhaltet.«  Kyte hielt seinem Blick ohne zu blinzeln stand, doch sein Ge‐ sicht  wurde  merklich  blasser.  Pellaeon  wußte  also  Bescheid;  und jetzt wußte Kyte, daß er es wußte. 

»Und wie soll Ihr Vertrag mit der Neuen Republik dies Ihrer  Meinung nach unterbinden?« erkundigte sich Ramie.  »Kooperation und offene Kommunikationswege würden uns  in  die  Lage  versetzen,  die  Beteiligten  wirkungsvoller  aufzu‐ spüren«, erklärte Pellaeon. »Und diese Beteiligten wären nicht  länger  fähig,  so  zu  tun,  als  dienten  sie  auf  ihre  eigene,  sagen  wir, kreative Weise lediglich den Interessen des Imperiums.«  »Dann  vermuten  Sie  also,  daß  Angehörige  der  Flotte  darin  verwickelt sind«, fragte einer der anderen.  »Das vermute ich nicht«, versetzte Pellaeon. »Ich weiß es.«  Eine  Zeitlang  sprach  niemand.  Pellaeon  ließ  das  Schweigen  fortdauern und sich härten, dann deutete er auf die Datenblö‐ cke, die vor ihnen lagen. »Aber darum geht es hier und heute  gar nicht. Sondern es geht um den vorgeschlagenen Friedens‐ vertrag und darum, ob Sie diesen Vorschlag unterstützen. Ich  rege an, daß wir uns für etwa eine Stunde vertagen, damit Sie  Zeit  haben,  sämtliche  Einzelheiten  zu  bedenken.  Streiten  Sie  darüber  untereinander,  wenn  Sie  wollen;  ich  werde  hier  sein,  wenn  Sie  Fragen  haben,  die  Sie  mir  unter  vier  Augen  stellen  wollen.« Er sah jeden von ihnen einzeln an. »Nach Ablauf ei‐ ner Stunde kommen wir wieder zusammen, dann erwarte ich  Ihre Antwort. Noch Fragen? Nun gut. Weggetreten!«  Er wandte sich wieder dem Fenster zu, kehrte dem Tisch den  Rücken,  während  die  anderen  ihre  Datenblöcke  aufnahmen  und  leise  den  Raum  verließen.  Die  Tür  glitt  zu,  und  Pellaeon  atmete  behutsam  aus.  »Ihre  Meinung?«  fragte  er  und  drehte  sich wieder um.  Ramie hatte sich nicht von seinem Platz gerührt. »Ich stimme  absolut  nicht  mit  Ihnen  überein«,  sagte  der  Hochgeneral  frei‐

heraus.  »Die  Neue  Republik  wird  sich  selbst  zerstören  –  das  wissen  Sie  ebensogut  wie  ich.  Die  Frage  lautet  lediglich,  wie  gewaltsam diese Explosion sein wird und ob der Auslöser die‐ se Caamas‐Sache sein wird, von der wir derzeit immer wieder  hören,  oder  irgend  etwas  anderes.  Es  besteht  überhaupt  kein  Anlaß, uns vor Nichtmenschen und ihren Freunden auf diese  Weise zu erniedrigen.«  »Ich verstehe Ihren Standpunkt«, erwiderte Pellaeon. »Ist das  Ihr letztes Wort?«  Ramie  preßte  kurz  die  dünnen  Lippen  aufeinander.  »Ich  werde  Ihren  Vertrag  nicht  unterstützen,  Admiral«,  sagte  er  und stand auf. »Aber ich bin ein imperialer Offizier und werde  meinen Vorgesetzten gehorchen. Sie und die Muftis haben sich  geeinigt; falls die Order ergeht, alle Feindseligkeiten einzustel‐ len, werde ich ihr Folge leisten.«  Ein  Teil  des  Gewichtes,  das  auf  Pellaeons  Schultern  lastete,  fiel von ihm ab. »Danke, General«, sagte er leise.  »Danken  Sie  meiner  Familie  und  ihrer  Tradition  aufrechten  Einsatzes«, konterte Ramie. »Sie hat mir den Sinn für Pflichter‐ füllung und Treue mit auf den Weg gegeben.« Er machte sich  daran,  seine  Datenkarten  einzusammeln.  »Glauben  Sie  denn,  die  Neue  Republik  nimmt  Ihr  Angebot  an,  Verhandlungen  aufzunehmen?«  »Das werden wir früh genug erfahren«, entgegnete Pellaeon.  »Colonel Vermel müßte das Morishim‐System in diesen Minu‐ ten erreichen.«  »Ja«, murmelte Ramie. Er blickte auf die Tür, hielt inne und  drehte sich noch einmal um. »Sind Sie sicher, daß Piratenban‐ den in dies alles verwickelt sind?« 

»Daran kann es überhaupt keinen Zweifel geben«, versicher‐ te Pellaeon ihm. »Nach allem, was ich zusammentragen konn‐ te,  werden  sie  angeworben,  um  bestimmte  republikanische  Schiffstransporte  anzugreifen.  Sie  bekommen  die  Beute,  das  Imperium  profitiert  durch  ein  gewisses  Ausmaß  an  Unord‐ nung  und  Unsicherheit  innerhalb  der  Neuen  Republik.  Und  jene  Teilhaber  im  Schatten,  die  genau  wissen,  welche  Trans‐ porte es treffen wird, verdienen auch bei dem Geschäft – eine  Hand wäscht die andere.«  Ramie  zuckte  die  Achseln.  »Abgesehen  von  dem  letzten  Punkt hört sich das Ganze wie wohlüberlegtes Freibeutergeba‐ ren an.«  »Vielleicht«, räumte Pellaeon ein. »Es ist nur so, daß die Ent‐ scheidungsbefugnis, welche Transporte überfallen werden, bei  den  Schattenpartnern  liegt,  nicht  etwa  beim  Oberkommando  oder  dem  Geheimdienst  des  Imperiums.  Überdies  gibt  es  schwerwiegende  Hinweise  darauf,  daß  die  von  Großadmiral  Thrawn  aufgebauten  Schläfer  dazu  mißbraucht  werden,  die  Mannschaften der Banden aufzufüllen.«  »Falls  diese  angeblichen  Schläfer  wirklich  existieren«,  brummte Ramie. »Ich selbst bin davon  niemals überzeugt ge‐ wesen.«  »Wenn  die  Kämpfer  sich  nicht  aus  Schläfern  rekrutieren,  dann  erhalten  die  Verschwörer  sie  von  anderer  Seite«,  erwi‐ derte  Pellaeon.  »Und  die  einzige  andere  Möglichkeit  besteht  darin,  daß  sie  sie  von  den  regulären  Kampfverbänden  abzie‐ hen.«  Ramies  Züge  verhärteten  sich.  »Wenn  sie  das  tun,  helfe  ich  Ihnen  persönlich,  die  Verantwortlichen  auszupeitschen.  Nach 

Lage  der  Dinge  fehlt  es  uns  überall  an  Soldaten  und  Mann‐ schaften.«  Seine  Augen  verengten  sich  ein  wenig.  »Und  wen  von  uns  haben  Sie  im  Verdacht,  mit  Lord  Graemon  gemein‐ same Sache zu machen?«  »General Kyte war der einzige, der auf sein Eintreten reagiert  hat«, antwortete Pellaeon. »Daher ist er mein Hauptverdächti‐ ger. Mit ein wenig Glück gerät er in Panik und führt mein Ge‐ heimdienstteam zu ein paar der übrigen Beteiligten.«  »Kyte wird bestimmt nicht in Panik geraten«, meinte Ramie.  »Aber er wird es für klug halten, die anderen zu warnen.«  »Was  mir  ebensogut  paßt«,  sagte  Pellaeon.  »Wenn  Sie  mich  jetzt entschuldigen wollen, ich muß mich ein paar Minuten mit  Lord Graemon beschäftigen.«  »Um ein weiteres Glied aus der Kette zu lösen?«  Pellaeon lächelte grimmig. »Etwas in der Art, ja. Ich sehe Sie  und die anderen in einer Stunde.«  »Jawohl,  Sir.«  Einen  Moment  lang  studierte  Ramie  das  Ge‐ sicht des anderen. »Ich möchte Ihnen raten, Vorsicht walten zu  lassen. Jede Kette hat ein Ende… und wer auch immer am En‐ de  dieser  Kette  steht,  könnte  leicht  zu  dem  Schluß  gelangen,  das  Imperium  brauche  mit  einem  Friedensvertrag  in  Arbeit  vielleicht keinen Oberkommandierenden der Flotte mehr. Vor  allem keinen, der Glieder aus seiner Kette reißt.«  Pellaeon  warf  einen  Blick  zu  der  Kammer,  in  der  Lord  Graemon  wartete.  »Ja«,  erwiderte  er  leise,  »dieser  Gedanke  kam mir auch schon.«    Die  Geheimtür  ging  auf,  und  Disra  blickte  auf,  als  Tierce  in 

den  Raum  schlenderte.  »Nun«,  wollte  er  wissen,  »haben  Sie  Dorja erreicht?«  »Am  Ende,  ja«,  nickte  Tierce.  »Er  meldet,  daß  die  Mission  mehr oder weniger erfolgreich war.«  »Mehr oder weniger?«  Tierce zuckte die Achseln. »Dorja sagt, daß er von dem Mo‐ ment  an,  da  er  aus  dem  Hyperraum  kam,  über  das  gesamte  Spektrum Zerhacker gelegt hat, aber daß trotzdem ein Teil von  Colonel  Vermels  Signal  durchgekommen  ist,  bevor  er  seine  Korvette an Bord nahm.«  Disra  stieß  ein  Zischen  zwischen  den  Zähnen  hervor.  »Schlamperei.«  »So hat das unser Großadmiral ebenfalls kommentiert«, stell‐ te Tierce fest. »Anscheinend trieben sich vor Morishim zufällig  ein paar X‐Flügler und eine nicht identifizierte Raumyacht im  Anflugvektor  der  Korvette  herum,  als  Dorja  aus  dem  Hyper‐ raum fiel.«  Disra  schnaubte.  »Nach  meiner  Erfahrung  treiben  sich  X‐ Flügler nicht einfach irgendwo herum.«  »Da  stimme  ich  Ihnen  durchaus  zu«,  nickte  Tierce.  »Nach  meiner Einschätzung haben sie die ankommenden Raumschif‐ fe irgendwie bemerkt und sind aufgestiegen, um sie sich anzu‐ sehen.  Möglicherweise  haben  sie  die  alte  imperiale  Spionage‐ einrichtung  benutzt,  die  wir  auf  der  Oberfläche  zurückgelas‐ sen  haben,  wenngleich  ich  nicht  weiß,  wie  sie  die  gefunden  haben können.«  »Hatte  Dorja  irgendeine  Ahnung,  wieviel  von  Vermels  Bot‐ schaft durchgekommen sein könnte?« 

»Höchstens  ein  paar  Worte«,  versicherte  Tierce.  »Das  heißt,  daß eines oder mehrere der Raumschiffe in der Nähe ein ent‐ sprechendes  Equipment  an  Bord  gehabt  haben  müßte  –  was  ziemlich ungewöhnlich wäre.«  Disra dachte darüber nach. »Ja«, gab er dann zu. »Und selbst  wenn,  erregen  ein  paar  Worte  noch  keine  Aufmerksamkeit.  Jedenfalls bei niemandem, auf den es ankommt.«  »Vor allem wenn man bedenkt, wie viele Krisen sich zur Zeit  über ihren Köpfen zusammenbrauen«, stimmte Tierce zu.  »Richtig«, sagte Disra. »Was haben Sie Dorja mit dem Schiff  und seiner Besatzung anstellen lassen?«  »Er  ist  zur  Zeit  auf  dem  Rückweg  hierher  und  führt  wäh‐ renddessen  bereits  ein  kurzes  Verhör  durch.  Der  größte  Teil  der Crew hatte vermutlich keine Ahnung, auf welcher Mission  sich Vermel befand; diese Leute können wir mit vagen Andeu‐ tungen  darüber,  daß  Vermel  es  auf  irgendeinen  Verrat  abge‐ sehen  hatte,  wieder  in  Dienst  stellen.  Was  Vermel  selbst  an‐ geht, so…« Er zuckte die Schultern. »Ich denke, wir sollten ihn  fürs  erste  irgendwo  einsperren.  Später  können  wir  dann  ir‐ gendeine Verwendung für ihn finden.«  »Klingt  vernünftig«,  meinte  Disra.  »Irgendwelche  Neuigkei‐ ten von Trazzen und den anderen?«  »Wir  haben  soeben  ihren  jüngsten  Einsatzbericht  empfan‐ gen«, antwortete Tierce. »Sie werden von jetzt an keinen Kon‐ takt mehr aufnehmen, bis wir sie rufen.«  »Hm«, brummte Disra. Alles schien sich nach Plan zu entwi‐ ckeln.  Und doch, diese Sache mit Vermel und seiner möglicherwei‐ se durchgesickerten Nachricht bereitete ihm einiges Kopfzerb‐

rechen.  Bestimmt  hatte  niemand  irgend  etwas  aufgefangen;  und selbst wenn dies jemandem gelungen sein sollte, so wür‐ de  dieser  jemand  die  Nachricht  ohne zu zögern Schmugglern  zuschreiben  oder  sie  als  einen  fehlgeschlagenen  Versuch  ab‐ tun, die Fronten zu wechseln. »Ich habe den Eindruck, Major«,  sagte  er  langsam,  »wir  sollten  unseren  Zeitplan  ein  wenig  straffen. Nur für alle Fälle.«  Es  entstand  ein  langes  Schweigen.  »Ich  denke,  das  wäre  durchaus möglich«, entgegnete Tierce dann. »Aber ich glaube  eigentlich  nicht,  daß  dies  notwendig  ist.  Niemand  wird  dem  Zwischenfall über Morishim Beachtung schenken.«  Disra blickte ihn an. »Sind Sie sich dessen sicher?«  Tierce lächelte dünn. »Ich garantiere sogar dafür.«    Die Aufnahme lief nun zum dritten Mal bis zum Ende durch,  und schließlich schaltete General Garm Bel Iblis das Gerät aus.  »Ungefähr so klar wie aufgerührter Morast«, wandte er sich an  Lando. »Trotzdem hätte ich darauf gewettet, daß Sie nicht mal  so  viel  durch  all  die  Störsender  hindurch  auffangen  könnten.  Wirklich gute Arbeit.«  »Ich  wünschte  bloß,  wir  hätten  mehr«,  gab  Lando  zurück.  »Janson meinte, daß es sich bloß um einen gescheiterten Über‐ läufer handelte.«  »Ja,  sieht  ganz  so  aus«,  erwiderte  Bel  Iblis  und  strich  sich  nachdenklich  über  den  Schnurrbart.  »Aber  irgendwie  glaube  ich nicht so recht daran.«  Lando betrachtete ihn aufmerksam. »Was dann?«  »Das  weiß  ich  noch  nicht«,  antwortete  Bel  Iblis.  »Aber  be‐

denken  Sie nur die Fakten: Das Imperium besitzt  kaum mehr  genug  Sternzerstörer,  um  einen  davon  für  eine  einfache  Ver‐ folgungsmission abzustellen… und sie wollten ihn lebend; und  sie wollten nicht, daß er mit irgend jemandem redet.«  »Und  er  wußte,  daß  Sie  hier  sind«,  stellte  Lando  fest.  »Die  Worte General Bel Iblis waren halbwegs verständlich.«  »Ja«,  pflichtete  ihm  Bel  Iblis  bei.  »Meinen  Aufenthaltsort  in  Erfahrung  zu  bringen,  ist  allerdings  keine  große  Sache  mehr.  Wir  sind  heute  nicht  mehr  so  streng  auf  Geheimhaltung  be‐ dacht wie noch vor fünf Jahren.«  Er  zog  seinen  Computer  zu  sich  heran  und  drückte  einige  Tasten.  »Mir  kam  es  so  vor,  als  wäre  auch  der  Name  Vermel  gefallen. Wenn ich mich recht erinnere, gab es einen imperia‐ len Offizier dieses Namens in Admiral Pellaeons Stab.«  Lando  blickte  aus  der  Sichtluke  auf  den  gekrümmten  Hori‐ zont des Planeten unter ihnen und auf die fernen Leuchtpunk‐ te  der  X‐Flügler,  die  noch  immer  ihre  Kreise  zogen.  »Das  klingt für mich, als würde es eher die Überläufer‐Theorie un‐ terstützen«,  überlegte er.  »Sie  wollten  jemanden  dieses Rangs  nicht  einfach  umbringen,  und  sie  wollten  ganz  sicher  nicht,  daß wir erfahren, daß er die Fronten zu wechseln versuchte.«  »Vielleicht.«  Bel  Iblis  faßte  die  Anzeigen  ins  Auge.  »Ja,  hier  ist er: Colonel Meizh Vermel.«  Lando spreizte die Hände. »Da haben wir’s.«  Bel  Iblis  strich  sich  abermals  über  den  Schnurrbart.  »Nein«,  sagte er bedächtig. »Mein Instinkt sagt immer noch nein. War‐ um  sollte  man  eine  corellianische  Korvette  benutzen,  wenn  man  überlaufen  will?  Warum  kein  schnelleres  Schiff  oder  ein  schwerer  bewaffnetes?  Oder  eine  kleinere  Besatzung  anfor‐

dern  –  es  sei  denn,  die  ganze,  aus  über  hundert  Mann  beste‐ hende Crew wollte geschlossen überlaufen?«  »Ich weiß es nicht.«  »Ich  auch  nicht.«  Bel  Iblis  ließ  die  Datenkarte  mit  Landos  Aufnahme aus dem Schacht gleiten. »Aber ich schätze, ich las‐ se ein paar Kopien hiervon anfertigen und versuche es heraus‐ zufinden.«  Lando hob eine Augenbraue. »Und das während Ihrer reich‐ lich bemessenen Freizeit?«  Der  General  zuckte  die  Achseln.  »Ich  war  ohnehin  auf  der  Suche nach einem Hobby.« 

7. Kapitel    Der  Große  Tagungssaal  des  Senats  der  Neuen  Republik  war  erst  vor  drei  Monaten  fertig  geworden;  der  Neubau  war  not‐ wendig  geworden,  nachdem  Kuellers  Bomben  das  Gebäude  der  alten  Senatshalle  irreparabel  beschädigt  hatten.  Und  ob‐ wohl  die  Anlage  noch  des  letzten  Schliffs  bedurfte,  war  der  Gesamteindruck  doch  so  staunenswert,  wie  die  Architekten  versprochen  hatten.  Die  alte Anordnung  bei der die  Sitze der  Delegierten  in  konzentrischen  Halbkreisen  gestaffelt  waren,  die  zu  einem  erhöhten  Rednerpult  hin  abfielen  –  war  durch  eine  Reihe  von  unterschiedlich  großen  und  unterschiedlich  geformten  Sitzblöcken  ersetzt  worden,  die  durch  kurze  Trep‐ pen  oder  Rampen  miteinander  verbunden  waren.  Scheinbar  zufällig  angeordnet,  bewahrten  sie  dennoch  durchgängig  Ebenmaß und Stil. Die Sitzgruppen waren durch transparente  Glaswände, geschnitztes Gitterwerk oder auch nur durch kur‐ ze Geländer voneinander geschieden, die, je nachdem, wie den  Designern  der  Sinn  stand,  ein  oder  zwei  Meter  in  der  Höhe  maßen.  Jeder Sitzblock gewährte freie Sicht auf  das Podest in  der Mitte und besaß außerdem ein Display, das so verstellbar  war,  daß  man  entweder  einen  näheren  Blick  auf  das  Redner‐ pult oder auf irgendeinen der übrigen Sitzblöcke im Saal wer‐ fen konnte.  Der  Neubau  erinnerte  Leia  in  vielerlei  Hinsicht  an  das  gro‐ ßartige  Corioline‐Marlee‐Theater  auf  Alderaan,  einen  weithin  berühmten  Kunstpalast,  den  sie  in  ihrer  Vorstellung  stets  mit  Sittlichkeit,  Kultur  und  Zivilisation  gleichgesetzt  hatte.  Sie 

hegte  die  geheime  Hoffnung,  daß  die  Bauweise  des  Großen  Saals dabei helfen würde, diese Qualitäten auch in den Senato‐ ren wachzurufen, die sich zukünftig hier versammeln sollten.  Doch an diesem Tag würde es dazu gewiß nicht kommen.  »Lassen Sie mich sichergehen, daß ich Sie richtig verstanden  habe, Präsident Gavrisom«, hallte die rauhe Stimme eines Op‐ quis aus der Lautsprecheranlage des Versammlungssaals. »Sie  teilen uns mit, daß die Bothans für die Zerstörung von Caamas  sowie  den  fast  vollständigen  Genozid  am  Volk  der  Caamasi  verantwortlich waren. Doch gleichzeitig sagen Sie uns, daß Sie  keine  rechtliche  Vergeltung  dieses  abscheulichen  Aktes  ans‐ treben?«  »Das ist ganz und gar nicht das, was ich Ihnen mitgeteilt ha‐ be,  Senator«,  entgegnete  Präsident  Ponc  Gavrisom  milde,  schlug  einmal  kurz  mit  dem  Schwanz  auf  und  ließ  diesen  dann wieder an seinen Hinterbeinen zur Ruhe kommen. »Ge‐ statten  Sie  mir,  mich  zu  wiederholen:  Eine  kleine  Gruppe  –  eine  kleine Gruppe  – von  bislang  nicht  identifizierten  Bothans  war in der Tat in diese Tragödie verwickelt. Wenn es uns ge‐ lingt, ihre Namen zu erfahren, werden wir sie die ganze Härte  der Gerechtigkeit spüren lassen, nach der es uns alle verlangt.  Bis dahin jedoch können wir einfach nichts unternehmen.«  »Wieso  nicht?«  wollte  ein  Nichtmensch  mit  zottigem  blau‐ grünen Fell und einem langen, schmalen Gesicht wissen. Eine  Forshul, wie Leia das weibliche Wesen unter Vorbehalt identi‐ fizierte, das die siebenundachtzig bewohnten Welten des Ymi‐ nis‐Sektors  im  Äußeren  Rand  repräsentierte.  »Rat  Fey’lya  streitet doch gar nicht ab, daß Bothans darin verwickelt waren.  Na schön, dann bestrafen wir sie doch angemessen für diesen 

ungeheuerlichen Anschlag auf die galaktische Zivilisation.«  Leias  Blick  suchte  über  das  Rednerpult  hinweg  nach  Borsk  Fey’lya,  der  am  anderen  Ende  der  Reihe  unter  den  Ratsmitg‐ liedern saß. Die Gesichtszüge sowie das Fell des Bothan unter‐ lagen einer rigiden Selbstkontrolle, aber ihre Jedi‐Sinne hatten  keine  Mühe,  das  Aufwallen  von  Furcht  hinter  seiner  Miene  aufzuspüren.  Er  hatte,  so  wußte  sie,  eine  lange  Unterredung  mit den Oberhäuptern der Vereinten Clans auf Bothawui hin‐ ter sich, die dieser Zusammenkunft unmittelbar vorausgegan‐ gen  war.  Die  Strenge  seines  Ausdrucks  verriet  ihr,  daß  diese  Unterredung nicht besonders erfreulich verlaufen war.  »Ich habe Verständnis für Ihre Gefühle, Senator«, sagte Gav‐ risom.  »Aber  ich muß  darauf hinweisen, daß die gesetzlichen  Richtlinien der Neuen Republik mit den traditionellen Kodizes  der  Forshuliri‐Rechtsprechung  nichts  gemein  haben.«  Er  ent‐ faltete  die  Flügel  über  dem  langgestreckten  Rücken  und  klappte sie nach vorne. Die Greifspitzen des Gefieders berühr‐ ten eine der Tasten am Rednerpult, und auf der Anzeige über  seinem Kopf erschien ein Ausschnitt aus dem Strafgesetzbuch  der Neuen Republik. »Diese Richtlinien erlauben es uns nicht,  das gesamte Volk der Bothans für das Verbrechen weniger zu  bestrafen.«  »Und weshalb kennen wir die Identität dieser angeblich we‐ nigen  nicht?«  rief  der  Ishori‐Senator  aus.  »Ich  sehe  dort  Rat  Fey’lya zu ihrer Rechten sitzen. Was hat er zu alledem vorzub‐ ringen?«  Gavrisom wandte den Kopf, um Fey’lya über seinen Wider‐ rist hinweg anzuschauen. »Rat Fey’lya, wollen Sie darauf ant‐ worten?« 

Der Bothan, der sich sichtlich wappnete, stand auf. »Ich ver‐ stehe  den  Zorn,  den  diese  Enthüllung  bei  vielen  von  Ihnen  hervorgerufen hat«, begann er. »Ich versichere Ihnen, daß wir  Bothan‐Clanführer  den  gleichen  Zorn  empfinden  wie  Sie  –  und  den  gleichen  Wunsch,  die  für  dieses  furchtbare  Verbre‐ chen  Verantwortlichen  der  Gerechtigkeit  zuzuführen.  Und  seien  Sie  weiter  versichert,  daß  wir  uns,  wenn  wir  nur  genau  wüßten, wer diese Übeltäter waren, ihrer schon vor langer Zeit  angenommen  hätten.  Das  Problem  ist  jedoch,  daß  wir  genau  das nicht wissen.«  Darauf  erhob  sich  ein  kurzer  schriller  Schrei.  Leia  machte  unwillkürlich  einen  Satz  und  erkannte  den  haarsträubenden  Laut  erst  verspätet  als  das  Ayrou‐Äquivalent  eines  mißtrau‐ ischen  Schnaubens.  »Erwarten  Sie  etwa  von  uns,  Ihnen  zu  glauben…?«  »Präsident Gavrisom, ich möchte Sie bitten, den Senator des  Moddell‐Sektors  einmal  mehr  zu  ermahnen,  diesen  Lärm  zu  unterlassen«,  fiel  ihm  ein  anderer  Senator  wutentbrannt  ins  Wort. »Diese Obertöne haben mich in dieser Saison schon zwei  Eier  gekostet,  und  wenn  ich  mein  jährliches  Gelege  nicht  planmäßig  austragen  kann,  werde  ich  unweigerlich  sowohl  meinen Status als auch jede Möglichkeit einbüßen, erneut von  meiner Versammlung aufgestellt zu werden.«  »Was  mich  betrifft,  so  wäre  das  eine  echte  Erleichterung«,  warf  jemand  ein,  bevor  Gavrisom  darauf  antworten  konnte.  »Einige von uns haben entschieden genug davon, daß Sie Ihre  kostbaren Eier als Entschuldigung für alles nutzen, was Ihnen  nicht paßt…«  Gavrisoms  Flügelspitzen  berührten  eine  weitere  Taste,  und 

die Stimme wurde unterbrochen, als er die Lautsprecheranlage  abschaltete.  Eine  weitere  Minute  lang  waren  noch  wütende  Stimmen zu vernehmen, die undeutlich aus unterschiedlichen  Abschnitten  des  Großen  Saals  aufstiegen,  ehe  sie  widerwillig  verstummten, als die Rufer erkannten, daß keine ihrer Stiche‐ leien  mehr  bis  zu  dem  jeweils  ausersehenen  Empfänger  durchdrang.  Gavrisom  wartete  noch  ein  paar  Minuten,  bevor  er die Lautsprecheranlage wieder aktivierte. »Die Vorrede zur  Charta  der  Neuen  Republik«,  fuhr  er  gelassen  fort,  »ruft  alle  Mitgliedswelten  nachdrücklich  dazu  auf,  einander  auf  geeig‐ nete und zivilisierte Weise zu begegnen. Sollen die Mitglieder  dieses  Senats  sich  etwa  an  einem  geringeren  Standard  mes‐ sen?«  »Sie sprechen von Zivilisation, Präsident Gavrisom«, rief ein  hochgewachsener Bagmim düster, »aber wie können wir Sena‐ toren  der  Neuen  Republik  uns  für  zivilisiert  erachten,  wenn  wir  unsere  Abscheu vor  jenem  schrecklichen  Verbrechen,  das  an den Caamasi verübt wurde, nicht offen zeigen?«  Leia räusperte sich. »Darf ich den Senat daran erinnern«, sag‐ te  sie,  »daß  es  –  welche  Rolle  einige  Bothans  dabei  auch  ge‐ spielt  haben  mochten  –  keinen  Hinweis  auf  die  Beteiligung  irgendwelcher  Bothans  an  der  eigentlichen  Verwüstung  von  Caamas  gibt.  Doch  darauf,  so  scheint  es  mir,  sollten  wir  das  Hauptaugenmerk  unseres  Zorns  und  unserer  Strafverfolgung  lenken.«  »Wollen  Sie  die  Bothans  auf  diese  Weise  etwa  entschuldi‐ gen?« wollte ein Senator wissen, den sie nicht kannte.  »Abgesehen davon waren die eigentlichen Verantwortlichen  ohne Zweifel Agenten des damaligen Senators Palpatine«, füg‐

te jemand von der gegenüberliegenden Seite der Kammer hin‐ zu. »Und diese Agenten wurden während des beschwerlichen  langen Krieges gegen das Imperium bestimmt alle vernichtet.«  »Sind  Sie  sich  dessen  sicher?«  schaltete  sich  eine  weitere  Stimme  ein.  »Wir  erfahren  immer  mehr  über  den  Betrug  des  Imperators  Palpatine  an  den  Völkern  der  Galaxis.  Wer  kann  sagen, ob seine Agenten nicht immer noch unter uns sind?«  »Erheben Sie Anklage gegen einen von uns?«  »Was  kann  ich  dazu,  wenn  Sie  sich  den  Schuh  anziehen?«  schoß  der  andere  zurück.  »Es  gibt  jedenfalls  Gerüchte  über  Agenten des Imperiums, die noch immer unter uns leben…«  Wieder  berührte  Gavrisom  den  Aus‐Schalter,  und  wieder  wurde die Debatte auf  ein paar ferne gedämpfte  Stimmen re‐ duziert,  die  einander  ohne  Sinn  anschrien.  Leia  lauschte  dem  verklingenden  Streit  und  dankte  der  Macht  zum  x‐ten  Mal  dafür, daß sie zumindest vorübergehend nicht mehr für dieses  Irrenhaus verantwortlich war.  Die Stimmen verebbten allmählich zu einer gespannten Stil‐ le. Gavrisom berührte abermals die Taste. »Ich bin sicher, der  Senator  des  Chorlian‐Sektors  hat  lediglich  in  übertragenem  Sinne  gesprochen«,  sagte  er  mit  seiner  gewohnten  unerschüt‐ terlichen Gelassenheit. »Diese Aussprache hat jedenfalls längst  den  Punkt  überschritten,  an  dem  sie  irgendeinen  Nutzen  ha‐ ben könnte, und wird daher fürs erste vertagt. Wenn das Do‐ kument,  das  Rätin  Organa  Solo  mitgebracht  hat,  so  weit  wie‐ derhergestellt  werden  kann,  daß  man  Namen  aufzudecken  vermag,  werden wir die  Diskussion  fortsetzen.  Bis dahin  gibt  es  genügend  andere  Angelegenheiten,  die  unsere  Aufmerk‐ samkeit verdienen.« 

Er warf einen Blick auf sein Display und hob den Blick nach  rechts.  »Wir  beginnen  mit  dem  Bericht  des  Wirtschaftsaus‐ schusses. Senator Quedlifu?«    Der  Bericht  des  Wirtschaftsausschusses  fiel  länger  aus  als  ge‐ wöhnlich;  zwei  Gesetzesvorlagen  wurden  der  Vollversamm‐ lung des Senats zur Beratung vorgelegt. Das allein war bereits  einigermaßen ungewöhnlich: Da jeder Senator im Jahr nur eine  Gesetzesvorlage  vorbringen  durfte  und  eine  klare  Mehrheit  erforderlich  war,  um  die  Vorlage  durch  die  Beratungsaus‐ schüsse  zu  bringen,  fanden  die  meisten  der  vorgeschlagenen  Gesetzentwürfe  niemals  die  Unterstützung,  die  notwendig  war,  um  sie  vor  die  Senatsversammlung  zu  bringen.  Und  obendrein überstand nur ein Bruchteil jener wenigen Vorlagen  die Prüfung durch den Senat und wurde tatsächlich geltendes  Recht.  Und genauso sollte das System auch funktionieren. Bei einer  Zahl von nahezu tausend Senatoren – deren jeder fünfzig oder  gar  zweihundert  Welten  vertrat  –  war  es  völlig  unmöglich,  daß  Coruscant  sich  der  Interessen  sämtlicher  Lebewesen  an‐ nahm, aus denen die Neue Republik sich zusammensetzte. Die  jüngste  Satzungsänderung  des  Senats  hatte  dessen  Rolle  auf  wenig  mehr  als  die  einer  Institution  beschränkt,  die  für  die  allgemeine Verteidigung sowie die Vermittlung in Streitigkei‐ ten der in ihr vertretenen Sektoren Sorge trug. Mit um so grö‐ ßerer  Selbstverständlichkeit  wurde  das  politische  Tagesge‐ schäft seither direkt innerhalb der einzelnen Sektoren, Systeme  oder auf der Ebene der Planeten, Regionen, Distrikte und Städ‐ te erledigt. 

Eine  Handvoll  Senatoren,  die  sich  der  glorreichen  Tage  der  Alten  Republik  erinnerten,  murrten  bisweilen  darüber,  daß  der Senat ihrer Auffassung nach zu kaum mehr als einem ge‐ hobenen  Debattierklub  zurechtgestutzt  worden  war.  Die  Mehrheit jedoch erinnerte sich weit lebhafter an die Dominanz  Coruscants  während  der  finsteren  Zeit  des  Imperiums.  Eine  verhältnismäßig  schwache  Zentralregierung  war  daher  genau  das, was sie sich wünschten.  Wie sich herausstellte, war der Wirtschaftsausschuß der ein‐ zige,  der  irgendwelche  Gesetzesvorlagen  vorzustellen  oder  überhaupt  irgend  etwas  Neues  vorzutragen  hatte.  Gavrisom  wandte  sich  mit  geübter  Leichtigkeit  und  ohne  Umwege  der  Reihe  nach  den  übrigen  Ausschüssen  zu  und  beendete  die  Versammlung weniger als zwei Stunden nach ihrem Beginn.  Und  doch,  sogar  als  Leia  sich  dem  Strom  der  anderen  an‐ schloß,  die  die  Kammer  verließen,  argwöhnte  sie  noch,  daß  keiner  der  Senatoren  oder  Hohen  Räte  sich  an  diesem  Nach‐ mittag  mit  den  üblichen  Tagesgeschäften  befassen  würde.  Caamas würde jedem von ihnen im Kopf herumspuken. Caa‐ mas – und die Frage der Gerechtigkeit.  Oder vielleicht der Vergeltung.  »Euer  Hoheit?«  erhob  sich  eine  verzagte  Stimme  über  das  Summen der Gespräche.  Leia hielt inne und hob eine Hand. »Hier, 3PO.«  »Ah«, rief der Droide und bahnte sich vorsichtig einen Weg  durch  das  Gedränge  bis  zu  ihr.  »Ich  hoffe,  die  Versammlung  verlief gut?«  »So  gut  wie  unter  den  gegebenen  Umständen  zu  erwarten  war«, teilte Leia ihm mit. »Gibt es Neuigkeiten von den Tech‐

nikern über die Datenkarte?«  »Ich  fürchte,  nein«,  antwortete  3PO  bedauernd.  »Aber  ich  habe Neuigkeiten von Captain Solo. Er ist zurückgekehrt und  erwartet Sie.«  Leia  spürte,  wie  ihr  Herzschlag  sich  beschleunigte.  »Hat  er  irgendwas über die Iphigin‐Mission gesagt?«  »Ich fürchte, nein«, entschuldigte sich 3PO abermals. »Hätte  ich ihn danach fragen sollen?«  »Nein, schon gut«, versicherte Leia.  »Er schien nicht geneigt, allzuviel zu sagen«, besann sich der  Droide.  »Er  hätte  womöglich  nicht  einmal  geantwortet,  wenn  ich ihn gefragt hätte.«  Leia  lächelte.  »Vermutlich  nicht«,  stimmte  sie  zu,  während  ihr  gleichzeitig  hundert  liebevolle  Erinnerungen  an  ihren  Mann  in  den  Sinn  kamen.  Sie  hatte  vorgehabt,  auf  direktem  Wege ihr Büro aufzusuchen, um sich durch den Berg von Da‐ tenmaterial zu wühlen, der auf ihrem Schreibtisch auf sie war‐ tete, doch jetzt entschied sie, daß dies noch warten konnte. In  ihrem Quartier würde statt dessen Han auf sie warten…  »Rätin  Organa  Solo?«  sprach  sie  eine  Stimme  von  der  Seite  an.  Leia  drehte sich um und spürte, wie  ihr das Herz im Busen  sank. Die Stimme, das mentale Profil…  Sie hatte recht. Es handelte sich tatsächlich um Ghic Dx’ono,  den Ishori‐Senator. »Ja, Senator Dx’ono?«  »Ich  will  mit  Ihnen  reden,  Hohe  Rätin«,  sagte  der  andere  nachdrücklich. »In Ihrem Büro. Jetzt.«  »Natürlich«,  erwiderte  Leia,  ihr  Herz  sank  noch  ein  wenig 

weiter.  Die  Gefühle  des  Nichtmenschen  ließen  auf  Beunruhi‐ gung schließen, doch das war auch schon alles, was sie wahr‐ zunehmen vermochte. »Folgen Sie mir.«  Gemeinsam  durchquerten  sie  den  Strom  der  Individuen,  während C‐3PO Schritt zu halten versuchte, und betraten den  gekrümmten Seitengang, an dem die Büros der Ratsmitglieder  lagen.  Leia  erhaschte  einen  Blick  auf  Fey’lya,  der  soeben  in  seinem  Arbeitszimmer  verschwand,  dann  traten  sie  um  die  Biegung…  Leia  blieb  abrupt  stehen;  ehe  sie  es  verhindern  konnte,  ent‐ fuhr ihren Lippen ein leises Keuchen. In Gedanken versunken  und  mit  Dx’onos  irgendwie  übermächtiger  Präsenz  an  ihrer  Seite, hatte sie davon abgesehen, ihre Machtsinne in den Kor‐ ridor hinein auszudehnen. Drei Wesen standen vor der Tür zu  ihrem  Büro:  einer  von  Dx’onos  Beratern  sowie  zwei  hagere  Gestalten,  die  von  Kopf  bis  Fuß  in  Kapuzenmäntel  gehüllt  waren.  »Sie  wünschen  mit  Ihnen  zu  reden«,  sagte  Dx’ono  schroff.  »Werden Sie sie anhören?«  Leia schluckte; ihre Erinnerung flog zurück zu ihrer Kindheit  auf Alderaan und zu jenem Tag, als ihr Stiefvater Bail Organa  es  ihr  gestattet  hatte,  ihn  auf  eine  Reise  zu  den  Südlichen  In‐ seln zu begleiten…  »Ja«, beschied sie Dx’ono mit leiser Stimme. »Es wird mir ei‐ ne Ehre sein, Ihre Caamasi‐Freunde anzuhören.«    Angesichts  des  Verlaufs,  den  Senatsversammlungen  üblicher‐ weise nahmen, rechnete Han damit, sich noch mindestens eine  weitere  Stunde  in  Leias  Arbeitszimmer  aufhalten  zu  müssen, 

ehe  sie  zurückkommen  würde.  Er  war  daher  gelinde  über‐ rascht,  als  ein  Anflug  entweichenden  Luftdrucks  darauf  hin‐ deutete,  daß  sich  die  Tür  des  äußeren  Büros  soeben  öffnete,  nachdem  er  es  sich  im  inneren  Amtsraum  seiner  Frau  gerade  erst leidlich bequem gemacht hatte.  Er  nahm  die  Füße  von  der  Kante  ihres  Schreibtischs  und  setzte  sie  lautlos  auf  dem  Fußboden  auf;  dann  erhob  er  sich  ebenso lautlos aus ihrem Sessel und tigerte zu der Tür, die die  beiden Sektionen des Büros voneinander trennte. Früher hätte  er sicher versucht, sie zu überraschen, indem er durch die Tür  gesprungen,  sie  an  sich  gezogen  und  ihr  einen  dicken  Kuß  aufgedrückt  hätte.  Doch  ihre  zunehmenden  Jedi‐Fähigkeiten  hatten jeden Versuch, sich an sie heranzuschleichen, schon seit  langem zu einem aussichtslosen Unterfangen gemacht.  Abgesehen davon würde sie, wenn er sie mit einem dummen  Schuljungenstreich  in  Verlegenheit  brachte,  wahrscheinlich  noch  wütender  auf  ihn  werden,  als  sie  es  wegen  der  Iphigin‐ Sache  ohnehin  bereits  war.  Vor  allem  dann,  wenn  sie  nicht  allein gekommen war.  Und so war es. Als er ein Ohr gegen die Tür preßte, konnte  er außer der Leias noch mindestens zwei weitere Stimmen hö‐ ren.  Einen Augenblick stand er einfach da und wartete ab, ob sie  ihre  Besucher  hereinführte  oder  ob  sie  ihn  auffordern  würde,  sie draußen zu begrüßen, denn sie wußte sicher längst, daß er  hier  drin  war.  Vielleicht  war  es  ihr  aber  auch  lieber,  wenn  er  außer Sicht blieb…  Und  dann  erwachte  plötzlich  das  Interkom  auf  ihrem  Schreibtisch  am  anderen  Ende  des  Zimmers  zum  Leben:  »… 

müssen  verstehen,  daß  es  nicht  unser  Wünschest,  irgend  je‐ manden  in  Schwierigkeiten  zu  bringen«,  sagte  jemand.  »Wir  wollen keine Rache, und für Gerechtigkeit ist es viel zu spät.«  Han runzelte die Stirn und kehrte quer durch den Raum zum  Schreibtisch zurück. Also gut. Leia wollte also, daß er der Un‐ terhaltung  lauschte,  aber  nicht,  daß  er  draußen  auftauchte  oder die Besucher, wer auch immer sie waren, wußten, daß sie  belauscht wurden.  Dann warf er zum ersten Mal einen Blick auf das Interkom‐ display,  und  mit  einem  Mal  verstand  er  ihre  Zurückhaltung.  Da draußen befanden sich zwei Ishori… und zwei Caamasi.  »Das  ist  keine  Frage  von  Rache«,  beharrte  einer  der  beiden  Ishori.  Wahrscheinlich  ein  Senator,  entschied  Han,  falls  das  kunstvolle  Geflecht  seiner  Schulterklappen  einen  ausreichen‐ den  Hinweis  gab.  »Und  für  Gerechtigkeit  ist  es  niemals  zu  spät.«  »Und welchem Zweck sollte diese sogenannte Gerechtigkeit  dienen?« gab einer der Caamasi leise zurück. »Unsere Heimat  ist  verwüstet,  und  wir  sind  wenige  und  in  alle  Winde  zer‐ streut.  Würde  eine  Bestrafung  der  Bothans  wie  durch  ein  Wunder alles wiedergutmachen?«  »Vielleicht  würde  es  das«,  erwiderte  der  Ishori,  der  seine  Stimme  erhoben  hatte.  Er  dachte  intensiv  und  schnell  nach,  und  das  Ishori‐Markenzeichen,  der  Zorn,  stellte  sich  unver‐ züglich ein.  Han verzog das Gesicht; die Erinnerung an  seine  verpfuschten  Verhandlungsversuche  auf  Iphigin  setzte  ihm  arg zu. »Wenn die Bothans schuldig gesprochen und gezwun‐ gen werden, Reparationen zu leisten…«  Das  Kom  am  anderen  Ende  der  Konsole  schrillte:  Leias  pri‐

vater Kanal, wie Han  verärgert  feststellte.  Gerade  als  das  Ge‐ spräch  vor  der  Tür  interessant  zu  werden  versprach;  wahr‐ scheinlich eines der Kinder, und er tat besser daran, den Anruf  entgegenzunehmen.  Er  schaltete  den  Interkomkanal  auf  Auf‐ zeichnung der restlichen Unterhaltung draußen vor der Tür –  was vermutlich illegal war, aber das war ihm jetzt gleichgültig  –,  sowie  den  Lautsprecher  stumm  und  drückte  die  Bereit‐ schaftstaste des Kom.  Es  waren  nicht  die  Kinder  oder  Winter,  nicht  einmal  einer  der Noghri. »Hallo Solo«, sagte Talon Karrde. »Mit Ihnen hätte  ich auf diesem Kanal allerdings nicht gerechnet.«  »Gleichfalls«, erwiderte Han und sah den Schmuggler stirn‐ runzelnd an. »Woher wissen Sie von dieser Frequenz?«  »Weil  Ihre  Frau  sie  mir  verraten  hat,  natürlich«,  antwortete  Karrde und versuchte gleichzeitig schlitzohrig und unschuldig  auszusehen.  »Ich  habe  sie  mit  der  Wild  Karrde  von  Wayland  hierher zurückgeflogen. Ich dachte, Sie wüßten davon.«  »Ja,  ich  habe  eine  kurze  Benachrichtigung  von  ihr  darüber  erhalten«,  behauptete  Han.  »Ich  wußte  allerdings  nicht,  daß  Sie ihr diese Privatfrequenz abgeschwindelt haben.«  Karrde  lächelte,  dann  wurde  er  wieder  ernst.  »Wir  sitzen  neuerdings  alle  auf  höchst  explosivem  Material,  mein  Freund«,  sagte  er.  »Leia  und  ich  sind  übereingekommen,  daß  es ganz nützlich sein könnte, wenn ich dazu in der Lage wäre,  auf,  sagen  wir  mal,  diskrete  Weise  Kontakt  mit  ihr  aufzuneh‐ men.  Hat  sie  Ihnen  schon  von  dieser  Caamas‐Datenkarte  er‐ zählt, die wir von Wayland mitgebracht haben?«  Hans  Augen  huschten  kurz  zu  dem  Interkomdisplay  und  den beiden Caamasi. »Nein. Ich hatte noch keine Möglichkeit, 

mit  ihr  zu  sprechen,  seit  ich  wieder  hier  bin«,  entgegnete  er  dann.  »Aber  wie  der  Zufall  es  will,  hat  sie  gerade  eben  zwei  Caamasi in ihrem äußeren Büro – in Begleitung von zwei Isho‐ ri.«  Karrde  pfiff  leise  durch  die  Zähne.  »Also  mischen  sich  die  Ishori ein. Was ohne Frage bedeutet, daß von der anderen Sei‐ te die Diamala auftreten werden.«  »Oh, ganz ohne Frage«, stimmte Han zu. »Von welcher ande‐ ren Seite?«  »Ich  schätze,  das  ist  mittlerweile  kein  besonders  großes  Ge‐ heimnis  mehr«,  erwiderte  Karrde.  »Zumindest  nicht  in  den  gehobenen Kreisen, in denen Sie heutzutage verkehren. Ich bin  sicher, Leia wird Sie später einweihen, aber in der Hauptsache  geht es darum, daß wir herausfanden, daß es eine bislang un‐ bekannte  Gruppe  Bothans  war,  die  den  Schutzschild  des  Pla‐ neten Caamas am Vorabend seiner Zerstörung sabotiert hat.«  Han fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog. »Großartig«,  brummte  er.  »Einfach  großartig.  Es  gibt  da  draußen  ja  noch  nicht  genug  Leute,  die  die  Bothans  nicht  ausstehen  können.  Das ist genau das, was wir jetzt noch brauchen.«  »Da  stimme  ich  Ihnen  zu«,  meinte  Karrde.  »Ich  hoffe  bloß,  der  Senat  ist  der  Aufgabe  gewachsen,  die  Sache  wenigstens  dem  Anschein  nach  unter  Kontrolle  zu  halten.  Der  Haupt‐ grund  für  meinen  Anruf  war,  ich  wollte  Leia  mitteilen,  daß  unser  Freund  Mazzic  Lak  Jit  geschnappt  hat,  den  Devaronia‐ ner, der diese Datenkarte zuerst gefunden hat. Wir haben ihn  hinter Schloß und Riegel gesetzt, und da werde ich ihn so lan‐ ge lassen, wie sie es von mir verlangt. Bedauerlicherweise hat  er die Neuigkeit anscheinend schon so weit verbreitet, wie sei‐

ne Füße und der Kreditfluß es zugelassen haben. Ich denke, es  besteht  nicht  die  geringste  Chance,  diese  Geschichte  noch  als  Privatangelegenheit  innerhalb  der  Hackordnung  der  Neuen  Republik zu behandeln.«  »Ja,  nun,  die  Dinge  liefen  in  letzter  Zeit  sowieso  zu  glatt«,  bemerkte Han säuerlich. »Danke auch.«  »Jederzeit«, entgegnete Karrde verbindlich. »Wie Sie wissen,  stehe ich immer zu Ihren Diensten.«  »Schön«,  sagte  Han.  »Ich  habe  nämlich  noch  ein  Problem,  um das Sie sich kümmern könnten.«  »Klar. Bar oder auf Rechnung?«  »Wir  sind  bei  Iphigin  mit  einer  Handvoll  Piraten  aneinan‐ dergeraten«, fuhr Han fort und ignorierte die Frage. »Ziemlich  große Bande; sie hatten einen Kaloth‐Schlachtkreuzer, ein paar  corellianische Kanonenboote und mehrere Korsar‐Sternjäger.«  »Eine  gut  ausgerüstete  Truppe«,  befand  Karrde.  »Anderer‐ seits wäre man ein Narr, wenn man einen Ort wie Iphigin oh‐ ne die notwendige Feuerkraft überfallen würde.«  »Ich war trotzdem ein bißchen überrascht«, sagte Han. »Aber  jetzt kommt der Clou: Luke meinte, der Schlachtkreuzer hätte  Klone an Bord gehabt.«  Karrdes  Gesichtsausdruck  zeigte  keine  Veränderung,  doch  die  kleinen  Falten  in  seinen  Augenwinkeln  vertieften  sich  merklich. »Hat er das?« erwiderte er. »Irgendeine Vorstellung,  welche Sorte Klone?«  »Das  hat  er  nicht  gesagt«,  gab  Han  zurück.  »Haben  Sie  je‐ mals von Piratenbanden gehört, die mit geklonten Mannschaf‐ ten auf Raubfang gehen?« 

»Nicht,  soweit  ich  mich  erinnern  kann«,  antwortete  Karrde  und strich sich nachdenklich den Bart. »Ich würde sagen, das  waren  Relikte  der  großen  imperialen  Offensive  von  vor  zehn  Jahren.  Großadmiral  Thrawn  hatte  Mount  Tantiss  schließlich  lange genug in der Hand, um eine ziemliche Menge von ihnen  auf die Welt loszulassen.«  »Aber was treiben sie dann in einer Piratenbande?« ließ Han  nicht  locker.  »Meinen  Sie  nicht,  daß  die  Überreste  des  Impe‐ riums sie gerne selbst behalten würden?«  »Der Punkt geht an Sie«, räumte Karrde ein. »Aber vielleicht  ist das Imperium zu dem Schluß gelangt, daß es mehr bringt,  sie als Berater oder Elitesoldaten an eine oder mehrere Banden  zu  vermieten.  Vielleicht  für  eine  helfende  Hand,  die  im  Ge‐ genzug ihre Ziele auswählt – oder für einen Anteil an der Pri‐ se.«  »Schon möglich«, sagte Han. »Könnte aber auch sein, daß ei‐ ne  Piratenbande  irgendwo  ihren  eigenen  Vorrat  an  Kloning‐ Zylindern aufgetrieben hat.«  Karrdes  Mundwinkel  zuckten.  »Ja«,  stimmte  er  düster  zu,  »das könnte durchaus zutreffen.«  »Und was unternehmen wir dagegen?«  »Ich schätze, ich gehe dem besser mal auf den Grund«, mein‐ te  Karrde.  »Mal  sehen,  was  ich  herausfinden  kann.«  Er  hob  leicht eine Augenbraue. »Bar oder auf Rechnung?«  Han  verdrehte  die  Augen.  Jedesmal,  wenn  er  glaubte,  daß  Karrde kurz davor stand, etwas Nobles und Selbstloses zu un‐ ternehmen, fand der andere einen Weg, ihn daran zu erinnern,  daß  seine  Beziehung  zur  Neuen  Republik  auf  einer  strikt  ge‐ schäftlichen  Grundlage  basierte.  »Ich  gebe  es  auf«,  sagte  er. 

»Was ist eigentlich  noch erforderlich, um  Sie  auf  unsere  Seite  zu ziehen?«  »Oh,  ich  habe  keinen  Schimmer«,  antwortete  Karrde  nach‐ denklich.  »Was  war  denn  erforderlich,  um  Sie  von  dem  sor‐ genfreien Leben eines unabhängigen Händlers wegzulocken?«  Han zog eine Flappe. »Leia«, sagte er.  »Genau«,  gab  Karrde  trocken  zurück.  »Nun,  wenn  sie  eine  Schwester hätte… Ich vermute, sie hat keine?«  »Nicht daß ich wüßte«, erwiderte Han. »Aber in der Skywal‐ ker‐Familie kann man das nie so genau wissen.«  »So  lange  reicht  meine  Geduld  nicht«,  sagte  Karrde.  »Also  auf Rechnung. Den Preis können wir später festsetzen.«  »Sie haben ein so großes Herz.«  »Weiß ich«, gab Karrde zurück. »Wem soll ich Bericht erstat‐ ten? Ihnen oder Luke?«  »Sagen  wir  lieber  mir«,  antwortete  Han.  »Luke  ist  vielleicht  nicht erreichbar; er hat sich auf eine eigene kleine Piratenhatz  begeben.«  »Wirklich?«  entgegnete  Karrde  stirnrunzelnd.  »Hinter  wem  ist er denn her, wenn ich fragen darf?«  »Hinter  der  Cavrilhu‐Bande.  Der  Geheimdienst  der  Neuen  Republik hat ihm eines ihrer Schlupflöcher verraten – ein As‐ teroidenhaufen im Kauron‐System –, und er ist fest entschlos‐ sen, sich dort einzuschleichen und umzusehen.«  »Verstehe«,  sagte  Karrde.  »Ich  nehme  an,  es  ist  zu  spät,  um  ihn zurückzurufen.«  »Wahrscheinlich«,  nickte Han. »Keine Sorge, Luke kann gut  auf sich selbst aufpassen.« 

»Darüber habe ich mir auch gar keine Sorgen gemacht«, warf  Karrde  ein.  »Meine  Gedanken  gingen  mehr  in  die  Richtung,  daß  sein  unerwartetes  Auftauchen  sie  vielleicht  in  ihren  Lö‐ chern verschwinden läßt, wo wir sie dann nicht mehr aufspü‐ ren können.«  »Tja,  wenn  sie  so  leicht  einzuschüchtern  sind,  können  sie  wohl  keine  besonders  große  Bedrohung  darstellen,  oder?«  vermutete Han.  »Ich schätze, so kann man es auch sehen.« Karrde hielt inne,  dann schien ein Schatten über sein Gesicht zu gleiten. »Da wir  gerade von Luke sprechen: Wie geht es ihm eigentlich zur Zeit  so?«  Han  musterte  den  Schmuggler  und  versuchte  dessen  plötz‐ lich veränderte Miene zu enträtseln. »Ganz gut, würde ich sa‐ gen«, antwortete er vorsichtig. »Wieso?«  »Nur so ein Gefühl«, behauptete Karrde. »Mara war in letz‐ ter  Zeit  seltsam  aufgekratzt,  und  nachdem  wir  auf  Wayland  Leia begegnet waren, schien sie eine Zeitlang ein wenig emp‐ findlich  zu  sein.  Ich  dachte  bloß,  das  könnte  irgendwas  mit  ihm zu tun haben.«  »Komisch,  daß  Sie  das  erwähnen«,  sagte  Han  und  kratzte  sich nachdenklich am Kinn. »Das letzte Mal, als ich Mara ihm  gegenüber erwähnte, hatte ich denselben Eindruck. Zufall?«  »Vielleicht«, sagte Karrde. »Andererseits, sie sind beide stark  in der Macht. Vielleicht ist irgend etwas im Gange, das sie bei‐ de spüren.«  »Könnte  sein«,  erwiderte  Han  langsam.  Doch  das  würde  noch  lange  nicht  jene  andere  Sache  erklären,  die  Luke  bei  Iphigin erlebt hatte. Oder doch? »Vielleicht diese Klone?« 

Karrde  zuckte  die  Achseln.  »Ich  werde  versuchen,  mit  ihr  darüber  zu  reden.  Vielleicht  finde  ich  einen  Weg,  die  beiden  zusammenzubringen.«  »Ja,  es  ist  schon  eine  ganze  Weile  her,  daß  sie  miteinander  gesprochen  haben«,  pflichtete  Han  ihm  bei.  »Ich  versuche  meinerseits, Luke zu bearbeiten, sobald er zurückkommt.«  »Gut«,  nickte  Karrde.  »In  der  Zwischenzeit  beschäftige  ich  mich  besser  mit  dieser  Piratengeschichte.  Richten  Sie  Leia  in  meinem  Namen  einen  Abschiedsgruß  aus,  wenn  sie  mögen.  Und sagen Sie ihr, wir bleiben in Kontakt.«  »Sicher«, antwortete Han. »Glückliche Jagd.«  Karrde grinste, dann wurde das Display schwarz.  Han lehnte sich im Sessel zurück und starrte düster ins Lee‐ re.  Caamas.  Das  war,  wie  er  bereits  zu  Karrde  gesagt  hatte,  genau das, was die Neue Republik jetzt noch brauchte.  Denn es ging ja nicht allein um Caamas, wenngleich Caamas  allein  schon  schlimm  genug  war.  Ein  viel  größeres  Problem  bestand  darin,  daß,  wenn  Caamas  wieder  ans  Licht  gezerrt  wurde, auch die Erinnerungen an tausend andere Greueltaten  neu aufgewühlt wurden, die im Laufe der Jahre von der einen  oder  anderen  Seite  begangen  worden  waren.  Alter  Groll,  alte  Fehden,  alte  Konflikte  –  die  Galaxis  war  davon  durchlöchert  wie  ein  fauler  Apfel.  Das  war  es  auch,  was  es  Leuten  wie  Karrde  –  oder  ihm  selbst  und  Chewie  ermöglicht  hatte,  ein  angenehmes Leben als Schmuggler zu führen. Es gab so viele  Seiten  in  so  vielen  Konflikten,  an  die  Schmuggler  ihre  Waren  losschlagen konnten.  Während der vergangenen Jahrzehnte hatte die Notwendig‐ keit  des  Widerstands  gegen  das  Imperium  die  meisten  dieser 

Ressentiments  unter  der  Oberfläche  gehalten.  Doch  das  war  Vergangenheit. Die imperiale Bedrohung war inzwischen bei‐ nahe lächerlich gering. Und wenn diese Caamas‐Affäre all jene  alten Probleme zum überkochen brachte…  Er schrak auf, als die Tür zu seiner Linken zischend aufging.  »Hi«, sagte Leia sanft, während sie den Raum betrat.  »Oh. Hi«, entgegnete Han, rappelte sich auf und warf einen  verspäteten Blick auf das Interkomdisplay. Er war zunächst in  das Gespräch mit Karrde und dann in seine Gedanken vertieft  gewesen,  daher  hatte  er  noch  gar  nicht  mitbekommen,  daß  Leias Gäste gegangen waren. »Sony, ich war abgelenkt.«  »Schon  gut«,  sagte  Leia  und  trat  näher,  um  ihn  kurz  zu  umarmen.  Vielleicht  nicht  gar  so  kurz.  Sie  verharrte  in  seinen  Armen,  lehnte sich gegen ihn und hielt ihn fest umschlungen. »Ich ha‐ be eben mit Karrde gesprochen«, berichtete Han; ihr Haar kit‐ zelte  seine  Lippen.  »Er  hat  mir  erzählt,  was  du  über  Caamas  herausgefunden hast.«  »Wir  stecken  in  Schwierigkeiten,  Han«,  sagte  Leia.  Ihre  Stimme  klang  gedämpft  an  seinem  Hemd.  »Den  meisten  ist  das  noch  gar  nicht  klar.  Aber  das  hier  könnte  die  größte  Be‐ drohung sein, der sich die Neue Republik bisher stellen muß‐ te. Es könnte uns buchstäblich auseinanderreißen.«  »Wird  schon  werden«,  beruhigte  Han  sie.  Ungeachtet  des  Ernstes der Lage kam er sich ein kleines bißchen selbstgefällig  dabei  vor.  Die  meisten  Senatoren  in  diesem  Gebäude  hatten  die Gefährlichkeit der Caamas‐Affäre noch gar nicht erkannt –  er  schon.  »Wir  haben  auch  den  Almania‐Aufstand  durchges‐ tanden, oder etwa nicht?« 

»Das ist nicht das gleiche«, gab Leia zurück. »Kueller war ein  gestörter  Mann,  der  bloß  wild  um  sich  schlug,  und  die  Neue  Republik  hat  ihn  aufzuhalten  versucht,  ohne  dabei  für  jeder‐ mann so auszusehen, als würden wir uns in eine neue Version  des  Imperiums  verwandeln.  Was  Caamas  anrichten  wird,  ist  die Polarisierung guter, ehrlicher Wesen, die alle nach Gerech‐ tigkeit streben, aber leidenschaftlich darüber streiten, wie die‐ se Gerechtigkeit beschaffen sein sollte.«  »Es wird trotzdem alles gut«, sagte Han beharrlich, faßte ihre  Oberarme  und  schob  sie  weit  genug  von  sich,  um  sie  streng  ins  Auge  fassen  zu  können.  »Laß  uns  nicht  schon  aufgeben,  ehe wir überhaupt angefangen haben, okay?«  Er verstummte, als ihn ein plötzlicher schrecklicher Verdacht  beschlich. »Es sei denn«, fügte er langsam hinzu, »es ist schon  vorbei. Weißt du etwas, das ich nicht weiß?«  »Nein, weiß ich nicht«, antwortete Leia, doch ihre Augen wi‐ chen  seinem  Blick  aus.  »Aber  ich  spüre  etwas,  das  die  kom‐ menden Tage betrifft. Ich weiß auch nicht… eine Krise, nehme  ich an, in der sich etwas Lebenswichtiges in die eine oder an‐ dere Richtung entwickeln könnte.«  »Geht es um Caamas?«  »Ich  weiß  es  nicht«,  seufzte  Leia.  »Ich  habe  zu  meditieren  versucht, aber bisher ist es mir nicht gelungen, mehr herauszu‐ finden.  Ich  weiß  nur,  daß  es  anfing,  als  ich  Karrde  auf  Way‐ land getroffen habe und wir die Caamas‐Datenkarte lasen.«  »Hm«,  machte  Han,  der  sich  in  diesem  Moment  wünschte,  Luke die private Jagd auf die Piraten ausgeredet zu haben. Er  wäre  vielleicht  dazu  in  der  Lage  gewesen,  Leia  dabei  zu  hel‐ fen, dieses Gefühl zu bündeln. »Na ja, mach dir keine Gedan‐

ken,  du  wirst  schon  dahinterkommen.  Ein  wenig  Ruhe  –  ein  wenig eheliche Zuwendung –, und es fällt dir schlagartig wie‐ der ein.«  Leia lächelte ihn an, und ein Teil der Anspannung wich aus  ihrem  Gesicht.  »Ist  es  das,  worauf  du  es  abgesehen  hast?  Ein  wenig eheliche Zuwendung?«  »Zunächst  habe  ich  es  darauf  abgesehen,  dich  hier  heraus‐ zubringen«, teilte Han ihr mit, nahm ihren Arm und schob sie  Richtung  Ausgang.  »Du  brauchst  ein  bißchen  Ruhe  und  Frie‐ den;  und  wenn  die  Kinder  erst  mal  vom  Unterricht  zurück  sind,  wird  es  davon  nur  noch  wenige  kostbare  Augenblicke  geben. Nutzen wir also die Zeit.«  »Das hört sich gut an«, seufzte Leia. »Ich kann mir nicht vor‐ stellen, daß es in diesem Augenblick da draußen irgend etwas  anderes  gibt  als  Kontroversen  um  Gerechtigkeit  und  Vergel‐ tung. Dazu bedarf es keineswegs meiner Hilfe.«  »Eben«, nickte Han. »In der nächsten Stunde wird sich in der  Galaxis wohl nichts von Bedeutung ereignen.«  »Bist du sicher?«  Er  drückte  ermutigend  ihren  Arm.  »Das  kann  ich  dir  sogar  hundertprozentig garantieren.«  Die  Lichter  auf  der  Brücke  flackerten,  und  hinter  den  Aus‐ sichtsluken verschwand der gesprenkelte Himmel des Hyper‐ raums.  Doch  er  verwandelte  sich  nicht  in  das  übliche  Muster  aus  Sternlinien;  dieses  Mal  wich  der  gesprenkelte  Himmel  totaler  Schwärze.  Und vollkommener Blindheit. 

Für einen langen Augenblick starrte Captain Nalgol aus der  Sichtluke  der  Tyrannic  in  die  Leere  und  kämpfte  gegen  das  schwindelerregende Gefühl der Verwundbarkeit an. Sicher, da  sein  imperialer  Sternzerstörer  im  getarnten  Zustand  gesprun‐ gen war, waren sie vollkommen blind und taub in das Botha‐ wui‐System  eingedrungen  –  eine  potentiell  brandgefährliche  Situation  für  ein  Schlachtschiff.  In  diesem  Fall  jedoch  wirkte  das  Tarnfeld  natürlich  auch  in  die  andere  Richtung  und  ver‐ barg  sie  vor  dem  Blick  ihrer  Feinde.  Und  trotzdem,  auch  bei  völligem Gleichstand in jeder anderen Hinsicht, blieb dies eine  Einbuße, auf die er sich freiwillig niemals eingelassen hätte.  »Meldung  aus  dem  Hangar«,  rief  der  Gefechtskoordinator.  »Die Scoutschiffe sind unterwegs.«  »Verstanden«, antwortete Nalgol und prüfte den Bereich der  Finsternis  dort  draußen,  den  er  erfassen  konnte,  ohne  den  Kopf zu bewegen – es würde sich vor der Brückenmannschaft  nicht gut machen, wenn er links und rechts hektisch ins Nichts  starrte.  Er  erkannte  den  Rückstrahl  eines  Antriebs,  der  unter  der  Schiffshülle  hervorkam;  dann  überquerte  der  Scout  die  Grenze des Tarnfeldes und verschwand.  Er  atmete  tief  durch  und  fragte  sich  einmal  mehr,  was,  im  Namen  des  Imperiums,  er  und  die  anderen  hier  draußen  machten. Als er gemeinsam mit Trazzen, Argona und Dorja in  Mufti Disras Büro saß, hatte sich das alles noch einigermaßen  vernünftig  angehört.  Doch  hier  draußen  in  der  Wildnis  des  Bothawui‐Systems  nahm  sich  die  ganze  Sache  längst  nicht  mehr so schlau aus.  Andererseits,  wie  viele  von  Großadmiral  Thrawns  Plänen  hatten jemals auch nur annähernd vernünftig gewirkt, ehe der 

Feind mit ihnen konfrontiert worden war?  Nalgol schnaubte verhalten. Er hatte niemals unmittelbar un‐ ter Thrawn gedient, und eigentlich auch nicht unter einem der  anderen  Großadmirale  des  Imperators,  daher  konnte  er  sich  auch  niemals  eine  persönliche  Meinung  über  deren  Fähigkei‐ ten bilden. Und doch, selbst von der Peripherie der Kriegsma‐ schinerie  Thrawns  aus  betrachtet,  wo  die  Pflicht  die  Tyrannic  damals  die  meiste  Zeit  hingeführt  hatte,  mußte  Nalgol  zuge‐ ben,  daß  es  dem  Imperator  wohl  ergangen  war,  solange  der  Großadmiral  das  Kommando  hatte  –  bis  dieser  von  dem  Noghri‐Verräter Rukh ermordet worden war.  Oder  dem  Anschein  nach  ermordet  worden  war.  Wahrhaftig  ein netter kleiner Taschenspielertrick. Wie mochte er das bloß  bewerkstelligt haben?  Wichtiger noch war jedoch, warum er sich all die Jahre nicht  gerührt und zugelassen hatte, daß inkompetente und größen‐ wahnsinnige  Närrinnen  wie  Admiral  Daala  die  Ressourcen  des  Imperiums  verschwendeten,  ohne  im  Gegenzug  das  ge‐ ringste zu erreichen?  Und  weshalb  ließ  er  sich  nun,  da  er  wieder  da  war,  ausge‐ rechnet mit Mufti Disra ein?  Nalgol  verzog  das  Gesicht.  Er  hatte  Disra  noch  nie  leiden  können.  Er  hatte  dem  Mann  niemals  wirklich  getraut;  Disra  war Nalgol stets wie der Typ vorgekommen, der eher mit aller  Gewalt  darum  kämpfen  würde,  sich  seinen  Anteil  aus  den  Überresten des Imperiums zu sichern, als es zum Vorteil eines  anderen  wachsen  zu  sehen.  Wenn  Thrawn  sich  nun  mit  ihm  zusammengetan  hatte,  so  war  dieser  vielleicht  doch  nicht  so  klug, wie die Legende behauptete. 

Sicher,  Dorja  hatte  sich  nachdrücklich  für  den  Großadmiral  verbürgt,  für  seinen  Charakter  ebenso  wie  für  sein  militäri‐ sches  Genie.  Doch  Argona  verbürgte  sich  mit  nicht  weniger  Nachdruck  für  die  Kompetenz  Disras.  Was  also  wußten  die  beiden wirklich?  Aber immerhin war Thrawn tatsächlich wieder da. Die gene‐ tische  Analyse,  die  er  durchgeführt  hatte,  hatte  dies  jenseits  des  leisesten  Zweifels  bestätigt.  Es  war  Thrawn,  und  jeder‐ mann hielt ihn für ein Genie. Er würde einfach darauf hoffen  müssen, daß jedermann recht hatte.  Eine Bewegung links von ihm erregte seine Aufmerksamkeit.  Er drehte sich um und sah eines der Scoutschiffe den Rand des  Tarnfeldes überqueren. Es änderte den Kurs, um unter dessen  Schutz zu verharren. »Nun?« erkundigte sich Nalgol.  »Wir sind fast über dem Ziel, Sir«, meldete der Komoffizier.  »Eine kleine Kursänderung, und wir sind da.«  »Übermitteln Sie den Kurs an den Steuermann«, befahl Nal‐ gol, obwohl er, wenn dies nicht längst geschehen war, in Wut  geraten würde. »Steuermann, nehmen Sie Fahrt auf; Kom, was  ist mit der Obliterator und der Eisenfaust?«  »Unsere Scouts haben mit ihnen Kontakt aufgenommen, Sir«,  antwortete  der  Gefechtskoordinator.  »Sie  stimmen  ihre  Flug‐ richtung aufeinander ab, um sicherzugehen, daß wir nicht zu‐ sammenstoßen.«  »Das  sollten  sie  auch«,  warnte  Nalgol  frostig.  Hier  draußen  blind  und  taub  herumzuschleichen,  war  schon  schlimm  ge‐ nug;  aber  es  wäre,  der  Gipfel  professioneller  Demütigung,  wenn  es  den  drei  Sternzerstörern  gelang,  auf  ihrer  blicklosen  Fahrt  eine  Kollision  untereinander  zustande  zu  bringen.  Und 

das um so mehr, wenn die Tarnfelder zusammenbrachen und  das  Spektakel  sich  offen  vor  dem  gesamten  Bothawui‐System  und für jedermann sichtbar abspielte.  Doch  im  Moment  konnte  dort  niemand  etwas  sehen.  Das  war  der  ganze  Sinn  der  Übung.  Soweit  es  die  Verteidigungs‐ anlagen  der  Heimatwelt  der  Bothans  betraf,  so  gab  es  hier  draußen nichts als eine Handvoll kleiner Raumschiffe, die an‐ scheinend ziellos umherflogen.  Kleine Schiffe… und ein nicht ganz so kleiner Komet.  »Wir  sind  auf  dem  Weg,  Captain«,  verkündete  der  Steuer‐ mann. »ETA bei fünf Minuten.«  Nalgol nickte. »Verstanden.«  Die  Minuten  vergingen  langsam.  Nalgol  beobachtete  die  Schwärze  vor  der  Sichtluke;  hier  und  da  erkannte  er  den  Rückstrahl  eines  Antriebs,  wenn  einer  seiner  Scouts  sich  wie‐ der unter das Bahrtuch des Tarnfeldes verkroch, um das Fort‐ kommen der Tyrannic zu überprüfen und anschließend erneut  unter dem Schirm hindurch zu verschwinden.  Die  Zeit  verrann  bis  null  –  er  spürte,  wie  das  riesige  Schiff  langsamer wurde…  Und  plötzlich  sahen  sie  es  an  Steuerbord:  einen  Keil  aus  schmutzigem Fels und Eis, der sich durch den Rand des Feldes  bohrte  und  rasch  zum  Heck  vordrang.  »Da!«  bellte  er.  »Wir  verpassen ihn!«  »Wir  sind  dran,  Sir«,  rief  der  Steuermann  zurück.  Und  tat‐ sächlich, noch während Nalgol zusah, kam die Bewegung des  Kometen  nach  achtern  zum  Ende  und  kehrte  sich  dann  lang‐ sam  um,  bis  er  genau  vor  den  Kommandoaufbauten  des  Schiffs an der Steuerbordseite hing. »Wir haben ihn stabilisiert, 

Sir.«  »Haltetaue?«  »Die Fähren sind bereits unterwegs damit, Sir«, erstattete ein  weiterer  Offizier  Bericht.  »Sie  werden  in  zehn  Minuten  gesi‐ chert sein.«  »Gut.« Die Haltetaue waren natürlich nicht annähernd stark  genug,  um  den  Kometen  tatsächlich  an  den  Sternzerstörer  zu  ketten.  Ihr  Zweck  bestand  ausschließlich  darin,  dem  Steuer‐ mann  den  notwendigen  Orientierungspunkt  zu  geben,  damit  dieser dafür sorgen konnte, daß die in einer Umlaufbahn flie‐ genden Festkörper im Verhältnis zueinander in derselben Po‐ sition  verharrten,  während  der  Komet  seinen  gemächlichen  Weg  auf  Bothawui  zu  fortsetzte.  »Irgendeine  Nachricht  von  den beiden anderen Sternzerstörern?«  »Die Eisenfaust hat soeben erfolgreich festgemacht«, meldete  der  Komoffizier.  »Die  Obliterator  ist  in  Position;  sie  sollten  et‐ wa zur gleichen Zeit festmachen wie wir.«  Nalgol  nickte,  holte  tief  Luft  und  stieß  sie  leise  wieder  aus.  Sie  hatten  es  also  geschafft.  Sie  waren  hier;  vermutlich  ohne  von den Bothans entdeckt worden zu sein.  Und nun blieb nichts weiter zu tun, als zu warten. Und dar‐ auf  zu  hoffen,  daß  Großadmiral  Thrawn  wirklich  ein  solches  Genie war, wie alle Welt behauptete. 

8. Kapitel    »Ja,  also  gut«,  sagte  der  irgendwie  schmierig  aussehende  Mann  auf  dem  Komdisplay;  die  Augen  hatte  er  mißtrauisch  zusammengekniffen. »Versuchen wir es noch mal.«  »Ich habe es Ihnen bereits zweimal erklärt«, gab Luke zurück  und  legte  eine  gewisse  griesgrämige  Schläfrigkeit  in  seine  Stimme  und  Miene.  »Und  es  wird  sich  nichts  daran  ändern,  bloß weil Sie meinen, das müßte es.«  »Dann erklären Sie es mir noch mal. Ihr Name ist…?«  »Mensio«,  antwortete  Luke  und  warf  einen  Blick  aus  der  Sichtluke auf die Hundertschaften von Asteroiden, die an ihm  vorübertrudelten;  er  fragte  sich,  auf  welchem  davon  dieser  spezielle Wachposten sich verstecken mochte. »Ich arbeite für  Wesselman,  und  ich  habe  eine  Ladung,  die  ich  Ihnen  liefern  soll. Welchen Teil davon verstehen Sie denn nicht?«  »Fangen wir mal mit dem Teil über Sie und Wesselman an«,  brummte der Mann. »Er hat noch nie jemanden namens Men‐ sio erwähnt.«  »Ich  werde  ihn  veranlassen,  Ihnen  eine  komplette  Mann‐ schaftsliste zu schicken, sobald ich zurück bin«, erwiderte Lu‐ ke sarkastisch.  »Achten Sie auf Ihre Ausdrucksweise«, schnappte der andere  zurück.  Einen  langen  Augenblick  starrte  er  Luke  ins  Gesicht.  Luke  starrte  zurück  und  versuchte  dabei  so  gelangweilt  und  sorglos  wie  möglich  auszusehen.  Alles  in  allem  war  Luke  Skywalkers  Gesicht  wohl  eines  der  bekanntesten  der  Galaxis; 

aber  mit  dunkel  gefärbtem  Haar  und  Teint,  einem  falschen  Bart,  einer  übertriebenen  Zuspitzung  der  Augenwinkel  nach  Art  der  Gorezh  sowie  einer  Doppelreihe  tiefer  Narben  quer  über einer Wange sollte es ihm eigentlich gelingen, unerkannt  durchzukommen.  »Dazu  kommt,  daß  normalerweise  Pinchers  diese  Route  fliegt«,  sagte  der  Wächter  schließlich.  »Wie  kommt  es,  daß  er  nicht hier ist?«  »Er hat sich irgendwas eingefangen und kann nicht fliegen«,  erwiderte  Luke.  Was  mehr  oder  weniger  der  Wahrheit  ent‐ sprach.  Pinchers  würde  unter  der  Einwirkung  der  Jedi‐ Heiltrance,  in  die  Luke  ihn  versetzt  hatte,  auf  Wistril  wohl  immer noch im Schlummer süßer Vergessenheit ruhen.  Seine  Geschäftspartner  würden  sicher  nicht  sonderlich  glücklich  darüber  sein,  daß  der  Schmuggler  sich  von  Luke  dermaßen  hatte  übertölpeln  lassen.  Andererseits  würde  er,  sobald  er  aus  der  Trance  erwachte,  so  gesund  sein  wie  schon  seit Jahren nicht mehr.  »Schauen  Sie,  ich  habe  nicht  die  ganze  Woche  Zeit,  hier  he‐ rumzusitzen  und  den  neuesten  Klatsch  mit  Ihnen  auszutau‐ schen«, fuhr Luke fort. »Entweder lassen Sie mich jetzt durch,  oder  ich  nehme  die  Ladung  mit  zurück  zu  Wesselman  und  sorge  dafür,  daß  er  Ihnen  die  doppelte  Liefergebühr  auf‐ brummt. Mir ist das gleich – ich werde so oder so bezahlt.«  Der  Wächter  grummelte  irgend  etwas  Unverständliches.  »Also  schön.  Lassen  Sie  Ihren  Blaster  stecken.  Was  bringen  Sie?«  »Ein  bißchen  von  allem«,  erklärte  Luke.  »Ein  paar  Norsam‐ DR‐X55‐Haftminen, einige Praxon‐Notfallrettungskapseln und 

GTU‐Energierüstungen  sowie  ein  oder  zwei  kleine  Überra‐ schungen.«  »Ach ja? Der Captain haßt Überraschungen.«  »Diese  wird  er  lieben«,  versprach  Luke.  »Überraschung  Nummer eins ist ein Satz Hyperantriebsbooster; Überraschung  Nummer  zwei  ein  SB‐20‐Sicherheitsdroide.«  Er  zuckte  die  Achseln. »Wenn er diese Dinge nicht will, nehme ich sie natür‐ lich gerne wieder mit.«  »Ja, darauf wette ich«, schnaubte der Wächter. »Okay, schön,  passieren Sie. Sie kennen den Weg, oder muß ich Ihnen zuerst  eine Karte zeichnen?«  »Ich  kenne  den  Weg«,  bestätigte  Luke  und  drückte  sich  in‐ nerlich die Daumen. Es gab durch dieses Labyrinth aus Aste‐ roiden  nur  zwei  gefahrlose  Routen,  die  zu  jenem  Stützpunkt  der  Cavrilhu‐Piraten  führten:  Eine  war  der  sichere  Weg  dor‐ thin,  die  andere  führte  ebenso  sicher  wieder  zurück.  Er  hatte  Bilder dieser Routen aus Pinchers’ Geist entnommen, während  er  die  Heiltrance  aufbaute,  und  hätte  in  seinem  X‐Flügler  si‐ cher dem halbwegs problemlos Kurs folgen können.  Dies  in  einem  schwerfälligen  thalassianischen  Y60‐ Frachttransporter  zu  bewerkstelligen,  war  indes  etwas  völlig  anderes.  Insbesondere  da der Y60 hinter seiner  zentralen Bat‐ terie  Antriebsdüsen  keine  Triebwerkseinheiten  für  den  Sub‐ lichtflug mehr besaß.  »Klar doch«, höhnte der Wächter. »Versuchen Sie, mit nichts  Großem zusammenzustoßen.«  Die  Anzeigen  erloschen.  Luke  unterbrach  von  seiner  Seite  die Verbindung und aktivierte statt dessen das behelfsmäßige  Interkom, das ihn mit dem Hohlraum verband, in dem sich die 

zentralen  Triebwerkseinheiten  einmal  befunden  hatten.  »Wir  sind auf dem Weg«, verkündete er. »Bei dir alles klar?«  Darauf  ertönte  ein  bestätigendes  Zwitschern  von  R2‐D2  im  Verein mit einem Wimmern, das unverkennbar nervös klang.  »Keine  Sorge,  wir  werden  schon  ohne  Probleme  durchkom‐ men«,  beruhigte  Luke  den  Astromech.  »Du  mußt  bloß  dafür  sorgen, daß unser Schiff flugbereit ist.«  Der  Droide  wimmerte  abermals,  und  einen  Moment  lang  dachte  Luke  an  jenen  verdeckten  Schachzug  zurück,  den  er  und der Geheimdienst der Neuen Republik sich hatten einfal‐ len  lassen,  damit  er  im  Zuge  der  Thrawn‐Operation  die  vom  Imperium besetzte  Welt  Poderis  infiltrieren  konnte.  Auch  da‐ mals  hatte  er  R2  und  den  X‐Flügler  an  Bord  eines  größeren  Raumschiffs  versteckt,  um  im  Notfall  schleunigst  verschwin‐ den zu können.  Doch  diesmal  flogen  sie  einen  Schmugglerfrachter  und  kein  eigens  zu  diesem  Zweck  konstruiertes  Fluchtfahrzeug.  Es  würde  diesmal,  falls  sich  die  Notwendigkeit  zu  einer  über‐ stürzten Flucht ergab, etwas völlig anderes sein, den X‐Flügler  freizubekommen.  Nun, er wollte diese Hürde nehmen, wenn er vor ihr stand.  In  der  Zwischenzeit  würde  die  bevorzugte  Lösung  darin  be‐ stehen, daß sie erst gar nicht in die Verlegenheit gerieten, eine  überstürzte  Flucht  antreten  zu  müssen.  Und  der  erste  Schritt  auf  diesem  Weg  bestand  darin,  die  Wachposten  der  Piraten  davon zu überzeugen, daß er tatsächlich ein legitimes Mitglied  ihres Nachschubnetzwerks war.  Während seine Hände auf den Kontrollen des Frachters ruh‐ ten,  absolvierte  Luke  seine  Jedi‐Entspannungsübungen.  »Mö‐

ge die Macht mit mir sein«, murmelte er und beschleunigte.  Es  war  nicht  annähernd  so  schlimm,  wie  er  erwartet  hatte.  Pinchers  hatte  mit  der  charakteristischen  Finesse  der  Schmuggler  die  Maschinen  und  Kontrollen  des  Y60  modifi‐ ziert, um den Frachter schneller und wendiger zu machen, als  sein  unansehnliches  Erscheinungsbild  vermuten  ließ;  und  ob‐ wohl  die  zentrale  Antriebssektion  ausgebaut  war,  blieb  dem  Schiff für diesen Job noch genug Energie. Der Raumer bewäl‐ tigte die scharfen Kehren und Rückzieher, die notwendig war‐ en,  um  außer  Reichweite  der  Verteidigungsanlagen  der  Pira‐ ten zu bleiben, mit ebenso großer Leichtigkeit wie das greifba‐ rere  Problem,  möglichst  nicht  mit  einem  der  Asteroiden  zu  kollidieren, die ständig vorbeirauschten.  Der Flug erinnerte Luke an eine von Leias Kriegsgeschichten,  die von der schwindelerregenden Flucht des Falken durch ein  Asteroidenfeld  nach  der  Evakuierung  von  Hoth  handelte.  Aber natürlich raste er nicht mit Höchstgeschwindigkeit durch  die taumelnden Felsmassen, so wie der Falke damals, während  dessen  Insassen  zudem  noch  TIE‐Jäger  und  imperiale  Stern‐ zerstörer im Genick saßen.  Auf dem Rückweg mochte das womöglich ganz anders aus‐ sehen.  Luke  erreichte  das  Zentrum  des  Labyrinths und sah, daß er  sich  einem  zwar  großen,  jedoch  völlig  unauffälligen  Asteroi‐ den  näherte.  Den  eher  spärlichen  Informationen  des  Geheim‐ dienstes  der  Neuen  Republik  zufolge,  die  von  den  Bruchstü‐ cken, die er Pinchers’ Geist entnommen hatte, ergänzt wurden,  bestand  der  Stützpunkt  der  Piraten  aus  einer  Reihe  von  Gän‐ gen und Kammern, die ursprünglich im Zuge einer wagemu‐

tigen,  aber  letztlich  erfolglosen  Bergbauoperation  in  der  Zeit  vor den Klon‐Kriegen in den Fels gebrannt worden waren. Die  Landebuchten waren als Täler in den Schroffen der Oberfläche  getarnt,  und  während  Luke  sich  dem  Asteroiden  näherte,  flammte  zwischen  zwei  gezackten  Höhenzügen  ein  Ring  aus  Lichtern auf, um das ihm zugewiesene Landefeld zu beleuch‐ ten.  Er  steuerte  den  Frachter  sanft  in  die  Öffnung,  spürte  ein  kurzes Rucken, als er eine Atmosphärenbarriere passierte, und  setzte  mit  einem  mehrstimmigen  Aufprall  der  Landestützen  auf.  Ein  einzelner  Mann  erwartete  ihn  am  Fuß  der  Landerampe.  »Sie  sind  Mensio?«  erkundigte  er  sich  schroff  und  unterzog  Lukes  getarntes  Gesicht  einer  flüchtigen  Überprüfung.  Seine  Hand, so bemerkte dieser, ruhte vollkommen unverhohlen auf  dem Griff seines in einem Holster steckenden Blasters.  »Hatten  Sie  jemand  anders  erwartet?«  konterte  Luke,  legte  nun seinerseits  die  Hand  auf seine Waffe und sah sich in  der  Landebucht  um.  Der  Raum  unter  der  künstlichen  Decke  des  Atmosphärenschilds  war  mehr  oder  minder  kreisrund  und  roh  aus  dem  Fels  geschlagen;  ein  halbes  Dutzend  Druck‐ schleusen war einigermaßen gleichmäßig um das ganze Rund  verteilt. Schmucklosigkeit im Extrem. »Ja, ich bin Mensio. Net‐ tes Fleckchen haben Sie hier.«  »Uns  gefällt  es  so«,  sagte  der  Mann.  »Wir  haben  mit  Wes‐ selman geredet.«  »Kein Scherz?« erwiderte Luke und sah sich weiter um. Der  Agent  des  Geheimdiensts  der  Neuen  Republik  auf  Amorris  sollte  Wesselman  eigentlich  für  die  nächsten  Tage  aus  dem  Verkehr  gezogen  haben.  Wenn  er  versagt  hatte  –  oder  wenn 

der  Lieferant  irgendwie  entkommen  war…  »Dann  hoffe  ich,  Sie haben ihn von mir gegrüßt.«  »Ja, haben wir«, gab der Pirat dunkel zurück. »Er sagt, er hät‐ te noch nie von Ihnen gehört.«  »Wirklich?«  entgegnete  Luke  obenhin  und  griff  mit  der  Macht  nach  dem  anderen.  Er  spürte  ein  gewisses  Maß  an  Mißtrauen in den Gedanken des Piraten, aber keinen Hinweis  darauf daß eine solche Unterredung tatsächlich stattgefunden  hatte. Dies mußte also ein Bluff sein.  Oder  eher  noch  ein  Test.  »Das  ist  komisch  –  ich  meine,  daß  Sie  mit  ihm  geredet  haben  und  so«,  fuhr  Luke  unverdrossen  fort und richtete den Blick auf den Freibeuter. »Wesselman hat  mir  nämlich  erzählt,  daß  er  in  den  nächsten  Tagen  nicht  er‐ reichbar sein würde.«  Er sondierte den Verstand  des  anderen  ein wenig tiefer. »Er wollte in den Morshdine‐Sektor, wenn ich  mich  recht  erinnere.  Es  ging  irgendwie  um  eine  Ladung  Ti‐ bannagas, die er dort für Sie an Bord nehmen wollte.«  Der  Pirat  reagierte  darauf  mit  einem  halb  spöttischen  Lä‐ cheln;  währenddessen  schmolz  sein  Mißtrauen  dahin.  »Ja,  da  wollte  er  hin,  ganz  genau«,  gab  er  zu.  »Er  ist  allerdings  noch  nicht  angekommen.  Wir  versuchen  noch  immer,  Kontakt  mit  ihm aufzunehmen.«  Luke  zuckte  die  Achseln  und  wünschte  sich,  er  hätte  Wes‐ selmans  exakte  Reiseroute  gekannt.  Wenn  der  Lieferant  zu  weit hinter seinem Zeitplan zurückblieb, würde das Mißtrauen  der  Piraten  wahrscheinlich  wieder  wachsen.  Daran  konnte  er  jetzt jedoch nichts mehr ändern. »Nun, wenn es Ihnen gelingt,  grüßen Sie ihn von mir«, sagte er noch einmal. »Und? Hab’ ich  den Test bestanden?« 

Der  Pirat  grinste  wieder  spöttisch  und  hob  die  linke  Hand.  Vier der sechs Druckschleusen glitten auf, und vier hartgesot‐ ten  aussehende  Schlägertypen  traten  durch  sie  hindurch  auf  das  Landefeld.  Sie  schoben  ihre  gezückten  Blaster  zurück  in  die  Holster  und  marschierten  auf  Lukes  Frachter  zu.  »Ja,  Sie  haben  bestanden«,  antwortete  er.  »Haben  Sie  irgendwelche  ausgefallenen  Schlösser  oder  Fallen  an  Ihrem  Laderaum  an‐ gebracht, von denen wir wissen sollten?«  »Nein,  alles  klar«,  erwiderte  Luke.  »Tun  Sie  sich  keinen  Zwang  an.  Gibt’s  hier  irgendwo  was  zu  essen?  Das  Zeug  an  Bord wird von Tag zu Tag ungenießbarer.«  »Sicher«,  sagte  der  Pirat  und  zeigte  auf  eine  der  beiden  Tü‐ ren, hinter der offenbar kein Wächter wartete. »Zum Imbißbe‐ reich  geht’s  da  entlang.  Saufen  Sie  aber  nicht  alles  trocken  –  wir werden Ihr Schiff in ein paar Stunden entladen haben, und  ich  will  nicht,  daß  Sie  sich  halb  betrunken  auf  den  Rückweg  machen.  Das  gäbe  nämlich  eine  Riesensauerei,  und  ich  wäre  derjenige, der hinter Ihnen aufräumen müßte.«  Die angezeigte Tür führte in einen ungefähr zehn Meter lan‐ gen  und  vier  Meter  breiten  Raum;  um  die  Mitte  waren  ein  paar Tische gruppiert, an denen man Sitzbänke aufgestellt hat‐ te. Entlang der rechten Seite standen verschiedene Musik‐ und  Vidanlagen; auf der gegenüberliegenden Seite befand sich eine  hüfthohe  Theke,  hinter  der  ein  schimmernder  SE‐5‐ Servicedroide wartete.  »Guten  Tag,  edler  Herr«,  grüßte  der  Droide  strahlend,  als  Luke den Raum betrat. »Kann ich Ihnen helfen?«  »Hast du mit Tomo gewürzte Karkan‐Rippchen?« fragte Lu‐ ke  und  blickte  sich  weiter  um.  Er  konnte  nirgendwo  einen 

Ausgang  ausmachen,  der  von  diesem  Raum  zum  Rest  des  Komplexes  führte.  Das  war  allerdings  keine  Überraschung,  wenn  man  bedachte,  welche  Sorte  Kundschaft  in  diesem  Im‐ bißbereich bedient wurde.  »Ja, edler Herr, die habe ich mit ziemlicher Sicherheit«, versi‐ cherte der Droide, schlurfte ein paar Schritte und zog eine Pa‐ ckung unter der Theke hervor. »Es wird nur wenige Augenbli‐ cke dauern, sie zuzubereiten.«  Luke brummte: »Prima.«  Es  dauerte  wahrhaftig  nicht  einmal  vier  Minuten,  bis  der  Droide  dicke  Streifen  Rippchen  erhitzt  und  kunstvoll  auf  ei‐ nem Teller arrangiert hatte. Luke verbrachte die Zeit damit, im  Raum  herumzuschlendern  und  vorgeblich  die  Vidanlagen  zu  betrachten,  während  er  in  Wirklichkeit  nach  versteckten  Überwachungskameras suchte.  Er entdeckte deren drei, bis sein Essen fertig war. Nicht ein‐ mal  in  einem  völlig  isolierten  Raum  überließen  die  Cavrilhu‐ Piraten irgend etwas dem Zufall.  »Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?« erkundigte sich  der Droide, während er Luke den Teller hinstellte.  »Nicht  nötig«,  erwiderte  Luke.  »Ich  habe  besseren  Stoff  auf  meinem Schiff.«  »Ah«, sagte der Droide. »Brauchen Sie Besteck dazu?«  Luke  warf  ihm  einen  spöttischen  Blick  zu.  »Zu  gewürzten  Rippchen? Du machst wohl Witze?«  »Oh«, murmelte der Droide und schaute ein wenig verdutzt.  »Nun… dann guten Appetit, edler Herr.«  Luke  wandte  sich  ab  und  unterdrückte  den  nicht  zu  seiner 

Rolle passenden Reflex, dem Droiden zu danken. Er zog eines  der  Rippchen  vom  Ende  des  Streifens  ab  und  kaute  darauf  herum, während er auf das Landefeld zurückkehrte.  Die Piraten waren während seiner Abwesenheit nicht müßig  geblieben. Sie hatten die breite Frachtrampe des Y6o ausgefah‐ ren  und  waren  soeben  dabei,  die  schweren  Transportboxen  auf  Repulsorhebern nach draußen  zu schaffen.  »Ich hoffe, Sie  geben  bei  diesen  Dingern  auf  die  Ecken  acht«,  warnte  Luke  einen  von  ihnen  und  deutete  mit  seinem  Rippchen  auf  die  Schwebekarren.  »Ich  will  nicht,  daß  meine  Stützringe  völlig  ruiniert werden.«  »Spar  dir  die  Spucke«,  knurrte  der  andere  und  warf  den  Kopf  zurück,  um  einen  kurzen  Zopf  über  eine  Schulter  zu  schütteln. »Gar nichts wird hier ruiniert, außer vielleicht dein  Fell, wenn du uns irgendwelche Probleme machst.«  »Ja, klar. Von dir… und von wem noch?« feuerte Luke zurück  und  schritt  an  ihm  vorbei  die  Rampe  hinauf.  »Du  hast  sicher  nichts dagegen, wenn ich selbst nachsehe?«  »Solange du nicht im Weg stehst.«  Im  Laderaum  befanden  sich  zwei  weitere  Piraten;  einer  schob gerade seine Box auf einem Repulsorheber zurecht, der  andere war mit seiner Ladung bereits auf dem Weg zur Ram‐ pe.  Luke  durchquerte  den  Laderaum  bis  zur  seitlichen  Spundwand  und  griff  mit  der  Macht  hinaus,  während  er  so  tat,  als  überprüfe  er  die  Stützringe  auf  Schäden.  Ganz  in  der  Nähe,  irgendwo  in  einem  der  Gänge  im  Innern  des  Asteroi‐ den, konnte er noch zwei andere Freibeuter wahrnehmen, die  zurückkamen, um die nächste Ladung abzuholen. Er schätzte  die Zeit ab… Ja, er sollte es eigentlich schaffen. 

Der zweite der beiden Piraten hatte unterdessen beinahe die  Laderampe erreicht. Luke grunzte in offensichtlicher Befriedi‐ gung  über  den  unversehrten  Zustand  seiner  Ausrüstung,  schlug eine neue Richtung ein, durchquerte abermals den La‐ deraum und ging auf den Ausgang zu, der in den Quartierbe‐ reich des Frachters führte. Der Pirat dirigierte seinen Heber die  Rampe  hinab  und  verschwand  unter  der  Flanke  des  Raum‐ schiffs.  Luke  würde  ungefähr  die  nächsten  zehn  Sekunden  allein  sein.  Es galt, keine Zeit zu verschwenden, doch er und R2 hatten  bereits jede Menge Zeit gehabt, auf dem Flug hierher zu üben  und den Drill sozusagen in Fleisch und Blut übergehen zu las‐ sen. Luke pfiff leise und trat an die Transportbox, die sie beide  präpariert hatten; gleichzeitig griff er mit der Macht nach sei‐ nem  Rippchen‐Teller  und  ließ  diesen  in  einem  sanften  Bogen  durch  den  Laderaum  fliegen.  R2  hatte  das  Zeichen  vernom‐ men  und  öffnete  das  Zugangsschott  in  dem  Moment,  als  das  Geschirr heransauste. Luke brauchte noch einen weiteren Au‐ genblick, um den Teller sanft so tief in den Quartierbereich zu  dirigieren,  wie  er  ihm  mit  den  Augen  folgen  konnte,  dann  setzte er ihn auf dem Deck ab und öffnete die Seitenwand der  Box,  die  neben  ihm  stand.  Im  Innern,  wohl  verpackt  gegen  zufällige  Stöße,  befand  sich  Wesselmans  toller  SB‐20‐ Sicherheitsdroide.  Er  würde  den  Piraten  jedoch  nicht  mehr  allzuviel  nützen,  da  der  größte  Teil  der  Innereien  ausgebaut  worden  war,  die  verbliebene  Hülle  indes  würde  ein  ideales  Versteck für eine stille Infiltration ihres Stützpunktes abgeben.  Luke  krümmte  sich  und  warf  einen  Blick  in  den  engen  Zwi‐ schenraum, dann schloß er die Seitenwand der Box wieder. 

Gerade  rechtzeitig.  Unter  ihm  vibrierte  das  Deck  leicht,  als  die  zurückkehrenden  Piraten  die  Rampe  heraufkamen.  Luke  griff mit der Macht hinaus und spürte im gleichen Moment ihr  unvermitteltes  Mißtrauen.  Dann  setzte  er  die  anderen  Fertig‐ keiten seiner erweiterten Sinne ein…  »Kontrolle,  hier  ist  Grinner«,  drang  eine  gedämpfte  Stimme  so  deutlich  an  Lukes  Ohr,  als  würde  der  Pirat  direkt  neben  ihm stehen. »Hast du unsern Schmuggler irgendwo gesehen?«  »Zuletzt hab ich ihn in den Laderaum gehen sehen«, gab die  ferne  Stimme  des  Freibeuters  zurück,  mit  dem  Luke  vorhin  gesprochen hatte. »Meinte, er würde sich um seine Stützringe  sorgen.«  »Ja, er war noch da, als wir raus sind«, bestätigte eine weitere  Stimme.  »Schön«, sagte Grinner. »Und wo ist er jetzt?«  »Wahrscheinlich  noch  drin«,  meinte  die  zweite  Stimme.  »Er  war  in  die  Richtung  unterwegs,  als  Pulkes  und  ich  gegangen  sind, und mampfte einen Teller voll Rippchen.«  »Wahrscheinlich  war  er  auf  der  Suche  nach  irgendwas,  um  das  Tomogewürz  runterzuspülen«,  fügte  eine  neue  Stimme  hinzu.  »Er  hat  dem  Servicedroiden  verklickert,  daß  er  guten  Stoff an Bord hat.«  »Kann  sein«,  brummte  Grinner.  Das  Wort  ging  im  leisen  Schaben von Metall auf Stahlhaut fast unter, als er seinen Blas‐ ter zog. »Kann aber auch sein, er versucht irgendwas Nettes –  zum  Beispiel  sich  in  einer  der  Transportboxen  zu  verstecken.  Willst du eine Scannercrew hierherschicken, Kontrolle?«  »Langsam,  Grinner«,  riet  ihm  die  unbekannte  Stimme.  »Ich  führe erst mal einen Check durch.« 

Lange Zeit blieb es still im Laderaum. Luke hielt die Seiten‐ wand der Transportbox im Griff der Macht, schlug den Saum  seiner  Tunika  zurück  und  bekam  das  Lichtschwert  zu  fassen.  Wenn  sie  ihm  nicht  auf  den  Leim  gingen,  würde  er  sie  aus‐ schalten müssen…  »Ihr  könnt  alle  wieder  Luft  holen«,  sagte  die  Stimme  der  »Kontrolle«. »Er ist ins Schiff gegangen, alles klar. Der  Teller,  den er aus dem Imbiß mitgebracht hat, befindet sich ungefähr  fünf Meter hinter dem Schott vor eurer Nase. Es ist völlig un‐ möglich, daß er ihn in den – mal sehen – neun Sekunden, die  er außer Sichtweite war, da drin hat verschwinden lassen und  selbst in den Frachtraum zurückgekommen ist.«  Darauf  wurde  ein  schwaches  Schnauben  hörbar  sowie  das  Geräusch  von  Grinners  Blaster,  der  wieder  im  Holster  ver‐ schwand. »Ja, in Ordnung«, sagte er. »Irgendwas an dem Typ  gefällt mir trotzdem nicht.«  Luke  nahm  die  Hand  vom  Lichtschwert  und  stieß  in  einem  stummen  Seufzer  der  Erleichterung  den  Atem  aus.  Er  hatte  ursprünglich, als er sich dieses Raumschiff borgte, vorgehabt,  ganz einfach alles Eßbare, das er auftreiben konnte, mit in die  Box  zu  nehmen.  Doch  dieser  Plan  war  ihm  irgendwie  falsch  vorgekommen, und er und R2 hatten statt dessen diese Varian‐ te  ausgearbeitet.  Und  darüber  war  er  in  diesem  Augenblick  heilfroh.  »Also ladet sein Schiff aus und raus hier«, sagte die Kontrol‐ le. »Habt ihr irgendwas von dem SB‐20‐Droiden gesehen, den  er angeblich mitgebracht hat? Den will ich als nächstes.«  »Äh…  nein.  Die  einzige  Droiden‐Box,  die  ich  hier  sehe,  ge‐ hört zu einer R2‐Einheit.« 

»Das ist die richtige«, erwiderte die Kontrolle. »Der SB‐20 ist  eine  R2‐Hülle  mit  Spionageausrüstung  und  entsprechender  Programmierung im Innern.«  Lukes  Transportbox  ruckte,  als  der  Pirat  seinen  Schwebehe‐ ber darunterschob. »Nie gehört.«  »Die werden auch nicht unbedingt in Droiden‐Depots feilge‐ boten«, warf die Kontrolle ätzend ein. »Der Captain liegt Wes‐ selman deshalb schon seit Jahren in den Ohren.«  Grinner brummte: »Und dieses Teil taucht heute rein zufällig  hier auf. Wie praktisch.«  »Laß gut sein, Grinner«, sagte der andere Pirat im Laderaum.  »Okay, ich hab’ den Droiden. Wo soll er jetzt hin?«  »In  die  Elektronikwerkstatt«,  teilte  ihm  die  Kontrolle  mit.  »Der  Captain  will,  daß  Pap  und  K’Cink  ihn  sich  mal  vorneh‐ men.«  »Alles klar.«  Dann ging es quer über die Rampe und über das Landefeld.  Luke  drückte  sich  gegen  die  Hülle  des  Droiden,  lauschte  auf  die  Geräusche,  die  ihn  umgaben,  und  versuchte,  das  heftige  Rütteln zu ignorieren, das in Wirklichkeit bloß auf die kleinen  Erschütterungen  und  Schwingungen  des  Schwebehebers  zu‐ rückzuführen war. Er hatte angenommen, dorthin gebracht zu  werden, wo auch der Rest der Fracht abgeladen werden sollte,  was  ihm  vermutlich  ein  gewisses  Maß  an  Ungestörtheit  beim  Verlassen der Box beschert hätte. Auf der anderen Seite lag die  Elektronikwerkstatt  der  Kommandoebene  der  Niederlassung  wahrscheinlich  näher  –  und  damit  seinem  eigentlichen  Ziel.  Alles in allem ein fairer Tausch.  Sie  passierten  eine  der  Druckschleusen,  und  mehrere Minu‐

ten  lang  waren  das  Summen  der  Repulsoren,  die  Schritte  des  Piraten  sowie  dessen  heisere  Atemzüge  die  einzigen  Geräu‐ sche. Dann waren nach und nach immer mehr Laute zu unter‐ scheiden: andere Stimmen und Schritte, die meisten in größe‐ rer Entfernung, manche klangen jedoch dicht vor ihm auf und  verstummten  wieder.  Luke  griff  mit  der  Macht  hinaus  und  empfing  in  der  Umgebung  eine  Vielzahl  menschlicher  und  nichtmenschlicher  Gedankenmuster.  Es  gab  eine  seltsame  Veränderung in der Echos, als sie den Korridor hinter sich zu  lassen schienen und einen größeren Raum betraten; kurz dar‐ auf  erfolgte  ein  neuer  Wechsel,  diesmal  umgekehrt,  der  an‐ zeigte, daß sie den Raum wieder verließen und abermals einen  Gang betraten. Der Schwebeheber bog um eine Ecke, dann um  eine weitere, und gelangte wieder in einen großen Raum, der  mit den Geräuschen gedämpfter Stimmen angefüllt war…  »Lanius?« sagte die Stimme der Kontrolle.  »Ja,  was  ist  denn?«  erwiderte  die  Stimme  des  Piraten,  der  Lukes Schwebeheber schob.  »Eine Änderung im Plan: Paps hat im Laden irgendwas aus‐ einandergenommen und keinen Platz für deinen Droiden. Stell  das Ding erst mal im Lager auf Ebene vier ab.«  »Ja,  geht  klar.«  Der  Heber  wurde  langsamer  und  wechselte  die  Richtung.  »Ist  es  zuviel  verlangt,  daß  die  sich  mal  vorher  entscheiden?«  »Sehr  komisch«,  brummte  die  Kontrolle.  »Gib  einfach  Gas,  ja?«  »Ich beeile mich ja, ich beeile mich ja«, meckerte Lanius leise  vor sich hin.  Der  Heber  setze  seinen  Weg  fort,  doch  als  das  Vehikel  um 

die nächste Ecke bog, überkam Luke eine sonderbare Empfin‐ dung,  welche  in  den  abgelegenen  Bezirken  seines  Verstandes  zu  kribbeln  begann.  Irgendwo  –  irgendwie  –  lief  auf  einmal  irgend etwas schief.  Er  griff  mit  der  Macht  hinaus  und  versuchte  der  Wahrneh‐ mung auf den Grund zu gehen. Vor ihnen ging fauchend eine  Tür auf, und der Heber glitt in den nächsten großen Raum. Es  schien lange zu dauern, bis sie ihn durchquert hatten…  …  und  dann  hielt  der  Heber  unvermittelt  an.  »Was  zur…«,  spie der Pirat aus.  »Aus  dem  Weg,  Lanius«,  dröhnte  die  Stimme  der  Kontrolle  aus einem Lautsprecher. »Du hast einen blinden Passagier.«  Der Freibeuter stieß einen Fluch aus, dann waren scharrende  Schritte zu hören, als er einen Satz weg von dem Repulsorhe‐ ber machte. »Also gut, wer immer Sie sind… wir haben einen  eindeutigen  Scan  aus  dem  Sicherheitskorridor.  Kommen  Sie  raus!«  Luke verzog das Gesicht. Darauf also hatte das unbestimmte  Kribbeln  hingedeutet:  eine  Vorahnung  des  Schlamassels,  in  dem er jetzt steckte. Jammerschade, daß er ihr nicht mehr Be‐ achtung  geschenkt  hatte,  obwohl  er  nicht  zu  erkennen  ver‐ mochte,  was  er  hätte  anders  machen  können,  um  an  diesem  Punkt noch irgend etwas zu ändern. Und außerdem würde es  ihm  auch  nichts  einbringen,  sich  im  nachhinein  wegen  eines  Fehlurteils  zu  schelten.  Er  zückte  sein  Komlink  und  schaltete  es ein. »R2?« sagte er leise.  Er  erhielt  keine  Antwort,  bloß  das  leise  Knistern  der  Statik.  »Oh, wir haben außerdem Ihren Funk gestört«, fügte die Kont‐ rolle  hinzu.  »Ich  fürchte,  der  einzige,  mit  dem  Sie  jetzt  noch 

reden können, bin ich.«  Luke  war  also  auf  sich  allein  gestellt.  Er  schob  sein  Licht‐ schwert  ein  wenig  tiefer  in  dessen  Versteck  und  schlug  den  Saum  der  Tunika  lose  darüber.  »In  Ordnung«,  rief  er  dann.  »Nicht schießen – ich komme raus.«  Er  lockerte  den  Griff  der  Macht  um  die  Seitenwand  der  Transportbox  und  ließ  zu,  daß  sie  sich  öffnete.  Drei  Piraten  kamen  in  Sicht,  die  in  einigem  Abstand  warteten  und  ihre  Blaster  auf  ihn  richteten.  Fünf  weitere,  so  konnte  er  spüren,  hatten  sich  außerhalb  seines  Gesichtskreises  um  die  Box  ver‐ teilt.  Fünf weitere sowie ein Defel, der sich als Deckung irgendwo  in  den  Schatten  herumdrückte.  Einmal  mehr  überließen  sie  nichts dem Zufall.  »Ja,  ja«,  sagte  die  Stimme  der  Kontrolle,  als  Luke  sich  vor‐ sichtig aus dem ausgeweideten Bauch des Droiden schob und  sich aufrichtete, »da haben wir wohl eine falsche Abzweigung  genommen, was, Mensio?«  »Nein, ich schätze, es war Lanius, der falsch abgebogen ist«,  versetzte  Luke  und  ließ  wohlweislich  die  Hände  von  seinem  Blaster,  während  er  sich  umsah.  Sie  befanden  sich  in  einem  sehr großen Raum mit hoher Decke; an zwei Wänden türmten  sich  gestapelte  Transportboxen.  Seine  Box  war  in  einer  Ecke  weit  weg  von  den  anderen  Handelsgütern  abgesetzt  worden,  und  die  acht  Freibeuter  standen  in  einem  lockeren  Halbkreis  um  ihn  aufgereiht.  Luke  konnte  den  Defel  nirgendwo  entde‐ cken,  aber  das  Wesen  befand  sich  vermutlich  irgendwo  zwi‐ schen  ihm  und  der  einzigen  Tür  –  auf  der  anderen  Seite  des  Raums  und  jenseits  des  Rings  aus  Blastern.  »Ich  bin  hier,  um 

Ihren Captain zu sehen, nicht ihr Inventar.«  Einer der Piraten, die Luke anstarrten, grunzte etwas Unver‐ ständliches.  »Ich  denke,  Sie  sollten  wissen,  daß  Hensing  dort  wirklich  nichts  für  sarkastische  Ausflüchte  übrig  hat«,  sagte  die Kontrolle.  »Wirklich?« gab Luke zurück und warf einen weiteren zufäl‐ ligen Blick in Richtung Ausgang. Der Schalter für die Leucht‐ paneele  lag  direkt  neben  der  Kontrolltafel:  eine  einfache  Drucktaste,  die  er  mit  Hilfe  der  Macht  betätigen  konnte.  Per‐ fekt. »Tut mir leid, das zu hören.«  »Es könnte Ihnen unter Umständen noch viel mehr leid tun«,  warnte  ihn  die  Kontrolle.  »Er  hat  so  eine  Theorie,  daß  Spaß‐ macher  gleich  viel  weniger  sarkastisch  werden,  wenn  man  ihnen eine oder zwei Hände abschießt.«  Luke lächelte grimmig und krümmte die Finger seiner küns‐ tlichen rechten Hand. »Da hat er recht«, antwortete er. »Darauf  gebe ich Ihnen mein Wort.«  »Nur  damit  wir  uns  verstehen«,  fuhr  die  Kontrolle  fort.  »Nehmen Sie Ihren Blaster und… ich bin sicher, Sie kennen die  übliche Vorgehensweise.«  »Sicher«,  nickte  Luke,  zog  mit  übertriebener  Vorsicht  die  Waffe  und  legte  sie vor ihn auf den Boden. »Wollen Sie auch  die  Reserveenergie?«  fragte  er  und  deutete  auf  die  beiden  kleinen,  flachen  Magazine,  die  an  der  anderen  Seite  seines  Waffengürtels hafteten.  »Nein,  Sie  können  sich  gerne  dahinter  verstecken,  wenn  es  Ihnen gefällt«, erwiderte die Kontrolle. »Kicken Sie bloß noch  den Blaster von sich weg.«  Luke  kam  der  Aufforderung  nach  und  half  mit  der  Macht 

nach, um sicherzugehen, daß die Waffe genau bis vor die Füße  Hensings schlitterte. »Zufrieden?«  »Zufriedener,  als  Sie  in  nächster  Zeit  sein  werden«,  entgeg‐ nete der  andere. »Ich glaube nicht, daß  Ihnen  klar  ist,  in  wel‐ chen Schwierigkeiten Sie hier stecken, Mensio?«  Es  war  an  der  Zeit,  fand  Luke,  allmählich  in  die  Gänge  zu  kommen. »Schön, also keine Belanglosigkeiten mehr«, sagte er  und verlieh sowohl seiner Stimme als auch seiner Haltung ei‐ ne gewisse Schärfe. »Ich bin hier, um mit Ihrem Captain über  ein Geschäft zu reden.«  Falls  die  Kontrolle von diesem neuen Mensio irgendwie be‐ eindruckt war, so verriet die Stimme nichts davon. »Natürlich  sind Sie das«, sagte er. »Aber Sie konnten wohl nicht um einen  Termin bitten, wie?«  »Ich  wollte  zuerst  Ihre  Sicherheitsvorkehrungen  überprü‐ fen«,  teilte  Luke  ihm  mit.  »Mich  davon  überzeugen,  ob  Sie  überhaupt zu jener Sorte Kunden gehören, mit der mein Auf‐ traggeber Geschäfte zu machen gedenkt.«  »Und um welche Art Geschäft würde es sich handeln?«  »Ich wurde angewiesen, darüber mit Ihrem Captain zu spre‐ chen«, erwiderte Luke hochmütig. »Und nicht mit Untergebe‐ nen.«  Hensing  grunzte  abermals  und  hob  den  Blaster.  »Dann  ist  Ihr  Arbeitgeber  entweder  dumm  oder  ein  Narr  oder  beides«,  meinte  die  Kontrolle.  »Sie  haben  fünf  Sekunden,  mir  etwas  Solides zu geben. Danach lasse ich Hensing auf Sie los.«  »Wenn  Sie  darauf  bestehen«,  sagte  Luke,  verschränkte  die  Arme vor der Brust und ließ den Blick quer durch den großen  Raum  bis  zu  dem  Schalter  für  die  Leuchtpaneele  schweifen. 

Das  warnende  Kribbeln  war  zurückgekehrt…  »Wir  wissen,  daß  Sie  Klone  einsetzen,  um  einen  Teil  Ihrer  Raumschiffe  zu  bemannen. Wir wollen darüber verhandeln, einige davon von  Ihnen zu mieten.«  Die  Kontrolle  sagte:  »Tut  mir  leid  –  falsche  Antwort.  Schnappt ihn euch!« Die Piraten hoben ihre Waffen…  … und Luke schaltete mit Hilfe der Macht die Leuchtpaneele  ab.  Eine  geknurrte  Verwünschung  war  zu  hören  und  ging  im  Fauchen  zahlreicher  Blasterblitze  beinahe  unter,  die  die  Luft  dort  durchschnitten,  wo  Luke  eben  noch  gestanden  hatte.  Aber Luke hatte sich die längste Zeit dort aufgehalten. Ein von  der Macht unterstützter Sprung ließ ihn mit gezogenem Licht‐ schwert  gleichsam  über  ihre  Köpfe  hinweg  in  Richtung  Tür  segeln. Wenn sie ihrer selbst so sicher gewesen waren, daß sie  vor der Tür keine Wache zurückgelassen hatten…  Dann flackerte eine neue Vorahnung auf, und Luke hielt das  Lichtschwert  bereits  in  Verteidigungsstellung,  als  er  die  blaß‐ roten Augen des Defel erkannte, die ihn von einem aus Trans‐ portboxen  gebildeten  Stapel  herab  anstarrten.  Er  spürte  die  Waffe, die auf ihn gerichtet war, mehr, als daß er sie sah, und  zündete  das  Lichtschwert  in  dem  Moment,  als  zwischen  den  roten Augen ein Blaster aufflammte.  Die grüne Laserklinge erwachte blendend zum Leben, leuch‐ tete  erschreckend  in  der  Dunkelheit  und  leitete  den  Blaster‐ schuß des Defel mühelos  ab. Doch noch als dieser  in  den  Bo‐ den  neben  der  Tür  einschlug,  wurde  Luke  klar,  daß  diese  Runde an den Defel ging. Der Schuß war fehlgegangen, doch  er  hatte  Luke  dazu  gezwungen,  sowohl  seinen  Standort  als 

auch seine wahre Identität preiszugeben.  Die  übrigen  Freibeuter  brauchten  nicht  lange,  um  beides  zu  begreifen. Jemand am anderen Ende des Raums fluchte.  »Das  ist  Skywalker!«  rief  ein  anderer,  und  im  nächsten  Mo‐ ment schoß eine neue Ladung Blasterfeuer durch die Luft auf  ihn zu.  Luke  wich  zum  Ausgang  zurück  und  legte  seine  Verteidi‐ gung in die Hände der Macht. Die Tür war vermutlich zuvor  versiegelt  worden;  er  schlug  Haken,  um  seinen  Gegnern  kein  leichtes  Ziel  zu  bieten,  dann  holte  er  zweimal  mit  dem  Licht‐ schwert aus. Er tauchte flach durch die Öffnung und war frei.  Der  Gang  jenseits  des  Ausgangs  lag  verlassen;  er  rollte  sich  ab und kam mit dem Lichtschwert im Anschlag wieder auf die  Füße.  Dann  griff  er  mit  der  Macht  hinaus  und  suchte  nach  dem  Hinterhalt,  der  ganz  in  der  Nähe  auf  ihn  warten  mußte.  Doch es gab keine andere Präsenz, die er hätte aufspüren kön‐ nen. »Gebt ihr etwa schon auf?« rief er.  »Wohl kaum«, ließ sich aus einem Satz Lautsprecher an der  Decke  ein  paar  Meter  weiter  die  Stimme  der  Kontrolle  ver‐ nehmen.  »Ziemlich  dumm  von  Ihnen,  so  rasch  Ihre  Identität  offenzulegen.«  »Ich  ziehe  es  vor,  darin  ein  Übermaß  an  Selbstvertrauen  zu  sehen« widersprach Luke und dehnte seine Machtkräfte noch  ein  wenig  weiter  aus.  Immer  noch  nichts;  und  wenn  er  die  Bande  wirklich  in  einem  unachtsamen  Augenblick  erwischt  hatte, wäre es nicht klug, sie sich neu formieren zu lassen. Er  wählte die Richtung, von der er hoffte, daß sie der entsprach,  aus  der  er  gekommen  war,  und  fiel  in  einen  zügigen  Trab.  »Sind Sie jetzt bereit, mir zu verraten, woher Sie die Klone be‐

kommen?« sagte er in Richtung der Lautsprecher. »Ich möchte  lieber  nicht  Ihren  Captain  aufspüren  müssen,  um  ihn  selbst  danach zu fragen.«  »Spüren  Sie  auf,  wen  Sie  wollen«,  rief  die  Kontrolle;  die  Stimme  drang  nun  aus  einem  anderen  Lautsprecher  weiter  unten im Gang. Offensichtlich verfolgten sie Lukes Bewegun‐ gen. »Sie werden hier niemanden finden, der darüber Bescheid  weiß. Aber danke, daß Sie uns bestätigt haben, was Sie zu er‐ fahren hofften.«  »Gern  geschehen«,  gab  Luke  zurück  und  biß  die  Zähne  zu‐ sammen,  als  einmal  mehr  ein  Vorgefühl  von  Gefahr  an  ihm  nagte. Vor ihm neigte sich der Korridor sanft nach rechts; und  irgendwo  hinter  der  Biegung  konnte  er  schließlich  weitere  Präsenzen spüren, die auf ihn warteten.  Es  war  ein  klassischer  Flaschenhals‐Hinterhalt:  Nagel  den  Feind  in  einer  Kurve  oder  einem  Winkel  fest,  wo  du  ihn  ins  Kreuzfeuer nehmen kannst, ohne die eigenen Leute zu treffen.  Er spürte, daß die Freibeuter, die er in dem Lagerraum hinter  sich gelassen hatte, nun einer nach dem anderen in den Gang  eindrangen;  nur  noch  wenige  Herzschläge,  und  in  seinem  Rücken würde Blasterfeuer aufflammen.  Doch  die  Absichten  der  Piraten  hatten  wahrscheinlich  nicht  die Möglichkeit eines Jedi berücksichtigt, der sich in ihrer Ba‐ sis  frei  bewegte.  Auf  Lukes  Seite  der  Biegung  verriet  eine  schwere  Falltür  die  Existenz  eines  Seitengangs,  der  linker  Hand  aus  der  Falle  führte.  Der  Blaster,  den  er  im  Lagerraum  zurückgelassen  hatte,  würde  in  der  Falltür  nicht  einmal  eine  Delle hinterlassen, aber er besaß ja eine wesentlich effektivere  Methode, Türen zu öffnen, als die Piraten hätten vorhersehen 

können.  Er  kam  unmittelbar  vor  der  Falltür  schlitternd  zum  Stehen,  aktivierte  sein  Lichtschwert  und  durchschlug  damit  den Verschlußmechanismus. Die Falltür glitt schwerfällig nach  oben…  Etwas warnte ihn, und Luke wirbelte gerade noch rechtzeitig  herum, um mit der Klinge des Lichtschwertes drei Blasterblit‐ ze abzuwehren. Die Piraten aus dem Lager, die sahen, daß ihr  »Flaschenhals« zu scheitern drohte, gingen jetzt, so schnell sie  konnten,  auf  ihn  los.  Luke  blockte  zwei  weitere  Schüsse  ab  –  die  anderen  gingen  weit  vorbei  –  und  duckte  sich  durch  die  immer noch offene Falltür hindurch in einen breiten Gang.  Das  Aussehen  dieses  Gangs  stellte  eine  echte  Überraschung  dar. Anders als der grob aus dem Fels gehauene Rest sah die‐ ser Teil der Basis aus, als habe man ihn direkt aus dem Innern  eines  Raumschiffs  hierher  versetzt.  Glatte,  mit  Metall  verklei‐ dete  Wände  bildeten  einen  quadratischen  Tunnel  von  etwa  vier  Metern  Breite;  der  Korridor  selbst  erstreckte  sich  über  zwanzig Meter, ehe er in einer T‐Verbindung mit einem weite‐ ren der typischen schroffen Felsgänge endete.  Die  einzige  Lichtquelle  war  das  Streulicht  hinter  Lukes  Rücken  sowie  ein  ähnliches  Glühen  am  anderen  Ende  des  Gangs.  Trotzdem  gab  es  genug  Helligkeit,  um  erkennen  zu  können, daß sämtliche Oberflächen – Wände, Decke und Fuß‐ boden  –  mit  einem  dekorativen  Muster  aus  drei  Zentimeter  durchmessenden Kreisen im Abstand von etwa zehn Zentime‐ tern bedeckt waren.  Der Korridor war verwaist, und Luke konnte jenseits der vor  ihm  liegenden  Ecken  niemanden  ausmachen.  Anscheinend  hatte er sie wirklich unvorbereitet erwischt. 

Doch  jenes  Gefahr  ankündigende  Prickeln  hielt  an.  War  da  etwas in diesem Gang? Trotzdem, bei zwei feindlichen Trupps  hinter ihm gab es keinen anderen Weg. Alle Sinne auf mögli‐ chen Gefahren gerichtet, trat er tiefer in den Gang.  Er  hatte  gerade  vier  Schritte  zurückgelegt,  als  sich  plötzlich  die Schwerkraft umkehrte und er auf die Decke zustürzte.  Es gab keine Möglichkeit, sich körperlich oder mental darauf  vorzubereiten. Kopf und Schultern krachten gegen Metall und  ließen  einen  stechenden  Schmerz  durch  seinen  Leib  fahren;  der  Rest  seines  Körpers  polterte  mit  einem  dumpfen  Schlag  und  unter  neuen  Schmerzen  auf  den  Untergrund.  Luke  schnappte ächzend nach Luft – der Anprall hatte den größten  Teil Atemluft aus seinem Körper gepreßt –,  doch noch ehe  er  mehr  als  nur  eine  halbe  Lunge  Atem  schöpfen  konnte,  fiel  er  bereits wieder – diesmal auf eine der Seitenwände zu.  Er  landete  hart  auf  der  rechten  Seite,  eine  neue  Lanze  aus  Schmerz fuhr ihm durch Kopf, Schulter und Hüfte, als er ring‐ sum nach einem Halt tastete. Doch es gab nichts an dem glat‐ ten Metall, woran er sich hätte festklammern können. Er griff  in die Macht hinaus und spürte, daß sich das Gravitationsfeld  abermals änderte; sein neuer Fußboden wurde zur Decke, und  er stürzte auf die ferne Wand zu.  Dieses  Mal  jedoch  nicht  auf  planes  Metall.  Er  drehte  den  Kopf  und  erkannte,  daß  das,  was  er  für  dekorative,  auf  die  Wände  gezeichnete  Kreise  gehalten  hatte,  in  Wirklichkeit  die  abgeflachten Spitzen von Metallstäben waren, die unterdessen  aus der Wand gefahren waren und sich ihm wie ein Wald von  stumpfen  Speeren  entgegenhoben,  um  seinen  Absturz  aufzu‐ halten. 

Luke  biß  die  Zähne  zusammen,  griff  in  die  Macht  hinaus  und  streckte  die  Hände  vor,  um  die  sich  nähernden  Stangen  abzuwehren. Sie standen so  dicht, daß  er  keine  Chance hatte,  zwischen sie zu gleiten, aber er konnte zwei von ihnen zu fas‐ sen  bekommen,  um  den  Sturz  abzubremsen,  und  so  wenigs‐ tens verhindern, daß er mit voller Fallgeschwindigkeit auf ih‐ nen  landete.  Er  fand  Halt  an  den  beiden,  die  genau  auf  sein  Gesicht  und  die  Brust  zielten,  und  griff  nach  der  Macht,  um  die  nötige  Kraft  zum  Abbremsen  zu  finden.  Es  gelang  ihm,  und  einen  kurzen  Moment  konnte  er  sich  mitten  in  der  Luft  über ihnen halten…  Dann  prallte  er  doch  auf,  als  ein  entsprechender  Satz  Stäbe  aus der Wand hinter ihm hart in seinem Rücken und die Beine  fuhr und ihn vorantrieb. Er ächzte, als ihm abermals sämtliche  Luft  aus  den  Lungen  gepreßt  wurde  und  er  sich  gegen  den  Wald  aus  Stäben  umzudrehen  versuchte,  der  sich  in  seine  Haut bohrte.  Doch noch während er darum kämpfte, den linken Arm aus  den Stäben zu zerren, die ihn festhielten,  glitten zwei weitere  Gruppen Pfähle aus Boden und Decke, bohrten sich in Schul‐ tern, Kopf, und Beine und hielten ihn nur  noch fester. Es gab  weitere  aufeinander  folgende  Schwerkraftwechsel,  die  indes  nicht viel mehr bewirkten, als jeden Teil seines Körpers in be‐ liebiger Abfolge gegen die verschiedenen Pfahlreihen zu pres‐ sen.  Dann nahm die Schwerkraft wieder die ursprüngliche Rich‐ tung an und ließ ihn, mehr oder weniger aufrecht, festgenagelt  im Korridor hängen.  »Ja, ja«, sagte die spöttische Stimme der Kontrolle in die Stil‐

le hinein. »Da sind wir wohl überrascht, wie?«  »Ein  bißchen«,  räumte  Luke  ein,  drängte  das  Schwindelge‐ fühl  zurück,  das  ihm  von  den  zahlreichen  Schwerkraftwech‐ seln geblieben war, und blickte sich um, so gut er dies mit un‐ beweglich fixiertem Kopf vermochte. Der ganze Korridor hatte  sich  in  eine  Art  dreidimensionales  Gitterwerk  aus  Pfählen  verwandelt,  die  den  Zwischenraum  zwischen  den  Falltüren  ausfüllten,  die  sich  an  beiden  Enden  gesenkt  hatten  und  ihn  zusätzlich gefangenhielten.  »Wir  haben  das  hier  vor  etwa  fünf  Jahren  eingebaut«,  fuhr  die  Kontrolle  fort.  »Ihre  Akademie  auf  Yavin  hat  die  Galaxis  mit  vorwitzigen  Möchtegernjedi  überschwemmt,  und  wir  dachten uns, es wäre nur eine Frage der Zeit, bis einer von de‐ nen  bei  uns  hereinschaut.  Also  wollten  wir  mit  einer  Überra‐ schung  aufwarten.  Wir  hatten  allerdings  nicht  damit  gerech‐ net,  daß  der  Große  Oberjedi  höchstselbst  hier  aufkreuzen  würde. Also, was meinen Sie?«  »Erfinderisch,  das  muß  ich  zugeben«,  antwortete  Luke  und  prüfte die  Festigkeit  der Stäbe  mit  Schultern  und  Armen.  Die  Mühe  hätte  er  sich  jedoch  sparen  können.  »Ich  hoffe,  Sie  er‐ warten nicht, mich damit lange aufhalten zu können.«  »Sie  wären  überrascht«,  sagte  die  Kontrolle.  »Ich  sehe,  Sie  haben  noch  nicht  mitgekriegt,  wo  Ihr  Lichtschwert  gelandet  ist.«  Luke  konnte  sich  nicht  erinnern,  wo  er  es  während  all  der  Schwerkraftwechsel  fallen  gelassen  hatte.  Jetzt,  als  er  angest‐ rengt  aus  den  Augenwinkeln  spähte,  konnte  er  die  Waffe  in  einer  Entfernung  von  fünfzehn  Metern  am  anderen  Ende  sei‐ nes Gefängnisses liegen sehen – verkeilt wie er selbst zwischen 

den  ineinandergreifenden  Gruppen  von  Pfählen.  »Wie  Sie  se‐ hen können, stehen die Stäbe an diesem Ende dichter«, bedeu‐ tete ihm die Kontrolle. »Die halten das Ding schön fest.«  Luke  lächelte.  Der  Pirat  wußte,  trotz  aller  Vorbereitungen,  offenbar  nicht  genug  über  die  Jedi‐Ritter.  Er  griff  mit  der  Macht hinaus und aktivierte das Lichtschwert. Mit einem Kli‐ cken  und  Zischen  fuhr  blitzend  die  grüne  Klinge  aus;  Luke  griff weiter hinaus und versuchte, den Schaft seitwärts zu be‐ wegen.  Nichts geschah.  »Sie erkennen die Genialität der Konstruktion«, bemerkte die  Kontrolle im Plauderton. »Die Stäbe stehen genau im richtigen  Winkel, um die Klinge im Zwischenraum zwischen den Pfäh‐ len festzuhalten, ohne daß sie diese berührt. Schlau, wie?«  Luke  blieb  eine  Antwort  schuldig.  Das  Lichtschwert  schien  tatsächlich  fest  verkeilt  zu  sein…  aber  wenn  die  Klinge  die  Pfähle  nicht  berührte,  so  müßte  der  Griff  eigentlich  vor  oder  zurück frei beweglich sein. Er griff mit der Macht danach und  ließ die Waffe ein Stück nach vorne schlittern.  »Oh,  in  dieser  Richtung  funktioniert  es  natürlich«,  sagte  die  Kontrolle, als das Lichtschwert sich bewegte. »Außer die Waf‐ fe  bleibt  am  Schalter  oder  so  hängen.  Aber  das  wird  Ihnen  auch nichts nützen – die Klinge berührt trotzdem noch keinen  der Stäbe…«  Die  Spitze  der  Klinge  hatte  unterdessen  die  Wand  erreicht.  Luke  fuhr  fort,  sie  weiter  in  diese  Richtung  zu  zwingen,  und  bohrte sie mitten in die Metallverkleidung.  »…  und  natürlich  waren  wir  nicht  so  blöd,  irgendwelche  empfindlichen Installationen hinter den Wänden anzubringen, 

bloß damit Sie die durchlöchern können«, schloß die Kontrolle.  »Jetzt  sind  wir  schon  ein  bißchen  mehr  beeindruckt,  nicht  wahr?«  »Ein bißchen vielleicht«, erwiderte Luke. »Und was nun?«  »Was  glauben  Sie  denn?«  gab  die  Kontrolle  scharf  zurück.  Die  Stimme  klang  mit  einem  Mal  finster.  »Wir  wissen,  wozu  ihr Jedi fähig seid, Skywalker. Ich schätze, Sie haben während  Ihres  kleinen  Ausflugs  durch  unsere  Basis  schon  genug  schmutzigen Schwemmsand aufgewühlt, um jeden hier für die  nächsten zwanzig Jahre nach Fodurant oder Beauchen zu schi‐ cken. Wenn Sie denken, wir sitzen hier bloß herum und lassen  uns das gefallen, müssen Sie verrückt sein.«  Luke verzog angesichts der Ironie das Gesicht. Die Kontrolle  hatte recht: Falls er seine ganze Jedi‐Kraft einsetzte, würde er  mit ziemlicher Sicherheit tief genug in die Gedanken der Pira‐ ten eindringen können. Doch in Anbetracht des neuen Wider‐ willens,  seine  Kräfte  so  leichtfertig  anzuwenden,  hatte  er  in  Wirklichkeit noch nichts dergleichen unternommen. »Was also  wollen Sie tun? Einen Handel abschließen?«  »Kaum«, antwortete die Kontrolle. »Wir wollen, daß Sie ster‐ ben.«  »Wirklich?«  versetzte  Luke  trocken.  Diese  Pfähle  mochten  für  menschliche  Muskeln  zu  stark  sein,  doch  das  war  kaum  die  Leistungsgrenze  eines  Jedi.  Genügend  Stäbe  zur  Seite  zu  biegen, um an sein Lichtschwert zu gelangen, wäre allerdings  ein langwieriges Unterfangen, doch er war stark genug in der  Macht,  es  zu  schaffen.  »An  Altersschwäche?  Oder  haben  Sie  etwas Schnelleres im Sinn?«  »Es tut mir aufrichtig leid«, gab die Kontrolle zurück, »aber 

es  scheint  mir  pure  Verschwendung,  Sie  auf  diese  Weise  um‐ zubringen;  vor  allem  wenn  man  bedenkt,  was  uns  der  Bau  dieser Jedi‐Falle gekostet hat. Heutzutage setzt niemand mehr  Kopfgelder auf gefangene Jedi aus. Und selbst wenn, ich neh‐ me nicht an, daß diese Falle Sie lange genug festhalten würde,  um  zu  kassieren.  Das  war’s  also.  Machen  Sie’s  gut,  Skywal‐ ker.«  Ein  Klicken  wurde  hörbar,  und  der  Lautsprecher  erstarb…  und in der eintretenden Stille vernahm Luke ein Geräusch, das  zuvor noch nicht dagewesen war.  Das leise Zischen von ausströmendem Gas.  Er atmete tief durch und griff in die Macht hinaus. Es gab Je‐ di‐Techniken  zur  Neutralisierung  von  Giften,  die  ausreichen  sollten, um mit allem, was sie in den Gang pumpen mochten,  fertig  zu  werden.  Trotzdem  durfte  er  nicht  zögern,  möglichst  schnell hier herauszukommen. Er schloß die Augen, griff noch  weiter  in  die  Macht  hinaus  und  machte  sich  daran,  einen  der  Stäbe vor seinem Gesicht wegzubiegen…  Und im nächsten Moment gingen ihm die Augen auf, als ihm  mit Verspätung die Wahrheit bewußt wurde.  Die Piraten pumpten kein Gift in den Gang. Sie saugten die  Luft ab.  Und  nicht  einmal  ein  Jedi  konnte  lange  Zeit  ohne  Atemluft  überleben.  Luke  atmete  noch  einmal  tief  durch  und  kämpfte  gegen  die  aufsteigende Furcht an. Ein Jedi muß im Zustand der Ruhe han‐ deln, im Einklang mit der Macht. Also gut. R2 und der X‐Flügler  befanden  sich  vermutlich  bereits  in  der  Hand  der  Freibeuter.  Und  selbst  wenn  dem  nicht  so  war,  gab  es  keine  Möglichkeit 

für ihn, den Jäger durch die engen und gewundenen Gänge zu  manövrieren.  Er  war  hier  ganz  auf  sich  allein  gestellt,  ohne  andere  Hilfsmittel  als  die  wenigen  Ausrüstungsgegenstände,  die er bei sich trug: Komlink, Leuchtstab, Datenblock…  … und zwei Reservemagazine seines Blasters.  Luke  griff  mit  der  Macht  nach  den  beiden  flachen  Schach‐ teln, löste sie vom Gürtel und hob sie vor sein Gesicht, um sie  zu mustern. Damals, auf dem Höhepunkt der Rebellion, hatte  das  technische  Genie  General  Airen  Cracken  einen  Weg  ge‐ funden,  Blastermagazine  so  umzumodeln,  daß  sie  zur  Explo‐ sion gebracht werden konnten. Man mußte lediglich zwei oder  mehr  Magazine  mit  entfernten  Sicherungsbolzen  aneinander  befestigen,  und  dreißig  Sekunden  später  detonierten  sie  mit  der Wucht einer mittelgroßen Granate.  Die Explosion würde vermutlich stark genug sein, um einen  der Pfähle aus seiner gegenwärtigen Lage zu sprengen oder zu  knicken.  Unglücklicherweise  würde  sie  Luke  jedoch  ver‐ gleichbare Schäden zufügen.  Mit ein wenig Phantasie indes…  Es  war  die  Mühe  weniger  Sekunden,  bis  die  Sicherungsbol‐ zen  der  Magazine  entfernt  waren.  Dann  preßte  Luke  sie  mit  Hilfe  der  Macht  gegeneinander  und  dirigierte  sie  vorsichtig  durch das Labyrinth aus Stäben auf die weiter entfernte Falltür  zu.  Wenn  die  Kontrolle  ihn  immer  noch  beobachtete  –  und  falls  die  Piraten  diesen  Trick  kannten  –,  so  würde  der  Mann  wahrscheinlich  glauben,  daß  Luke  versuchte,  ein  Loch  in  die  Falltür zu sprengen und Luft in den Gang zu lassen. Er würde  außerdem unzweifelhaft annehmen, daß die Metallplatte mehr  als  massiv  genug  sein  wäre,  einer  solchen  Detonation  stand‐

zuhalten.  Was Luke nur recht sein konnte. Solange die Freibeuter von  falschen  Voraussetzungen  ausgingen,  würden  sie  nur  verzö‐ gert  reagieren,  wenn  sie  schließlich  dahinterkamen,  was  er  wirklich im Schilde führte.  Der  improvisierte  Sprengsatz  hatte  die  Falltür  jetzt  fast  er‐ reicht,  und  es  blieben  nur  noch  etwa  zehn  Sekunden  Zeit.  Während  er  die  Bombe  weiter  bewegte,  griff  Luke  in  die  Macht hinaus und ließ sein Lichtschwert entlang der einzigen  Linie gleiten, die der Waffe volle Bewegungsfreiheit gewährte,  bis der Kontrollring gegen die Wand stieß. Die Bombe gelang‐ te  an  das  andere  Ende  der  Spur  des  Lichtschwerts,  und  Luke  plazierte sie dort vor einem der Pfähle.  Er  wußte,  daß  der  heikle  Punkt  der  war,  ob  die  Explosion  und  die  daraus  resultierenden  umherfliegenden  Splitter  das  Schwert  beschädigen  würden.  Einem  plötzlichen  Impuls  fol‐ gend, griff er hinaus und zündete die Waffe; er ließ die grüne  Klinge hervorschießen und richtete sie genau auf den Spreng‐ satz. Die Klinge würde alle auftreffenden Splitter auflösen und  damit einen  gewissen Schutz für den Griff sowie den  Mecha‐ nismus  im  Inneren  bieten.  Er  konnte  nun  nicht  mehr  tun  als  warten  und  gegen  eine  Ohnmacht  in  der  rapide  dünner  wer‐ denden Luft ankämpfen…  … und mit einer gewaltigen Detonation aus Feuer und Don‐ ner gingen die Energiemagazine drei Sekunden zu früh hoch.  Luke preßte die Zähne aufeinander, als ein Dutzend rot glü‐ hender  Metallsplitter  in  seine  linke  Seite  eindrangen  und  sei‐ nen  Arm  aufschlitzten.  Doch  das  Ergebnis  entsprach  seinen  kühnsten  Hoffnungen.  Auf  der  anderen  Seite  des  Korridors, 

durch den aufsteigenden  Rauch  gut sichtbar,  hatte  die Explo‐ sion  die  makellose  Anordnung  der  Stäbe  durcheinandergeb‐ racht.  Zwar  nicht  beträchtlich,  aber  es  mochte  reichen.  Er  nahm  Zugriff  auf  die  Macht,  ließ  das  Lichtschwert  wieder  nach vorne, in Richtung der von der Bombe beschädigten Stä‐ be schlittern und drehte den Griff.  Nicht viel,  aber es reichte tatsächlich.  Das  Lichtschwert, das  nun  teilweise  aus  seiner  Einengung  befreit  war,  konnte  sich  nun gerade so weit zur Seite drehen, daß es das Ende eines der  nächsten  Stäbe  durchtrennen  konnte.  Luke  schwenkte  die  Waffe  abermals  herum  und  ließ  diesmal  zwei  weitere  Pfähle  klappernd  zu  Boden  fallen.  Eine  neue  Drehung  und  noch  ei‐ ne… und mit jedem Hieb drang er weiter vor, während er me‐ thodisch einigen freien Raum um das Lichtschwert schuf.  Im  nächsten  Augenblick  war  die  Waffe  frei,  drehte  sich  wie  ein  Propeller  und  brannte  sich  durch  alles  was  ihr  im  Weg  stand.  Vor  Lukes  Augen  tanzten  weiße  Punkte,  als  er  das  Schwert  durch die Falltür stieß und ein dreieckiges Loch hineinschnitt,  durch das ein wohltuender Luftstrom in das partielle Vakuum  schoß. Er atmete tief ein, und als sein Blick sich klärte, zog er  das  Lichtschwert  wieder  zu  sich  heran;  die  wirbelnde  Klinge  mähte  durch  den  Wald  aus  Stäben  wie  eine  Sense  durch  ein  Feld hochstehenden Korns.  Eine Minute später befand er sich wieder in den Felsgängen  und  aktivierte  das  Komlink,  während  er  auf  die  Landebucht  und sein Schiff zuhielt. »R2?« rief er. »Bist du da?«  Die  einzige  Antwort  war  eine  weitere  Eruption  von  Störge‐ räuschen. Luke beschleunigte seine Schritte, und indem er be‐

stimmte  Jedi‐Techniken  einsetzte,  die  der  Unterdrückung  der  Schmerzen  in  der  Seite  und  im  Arm  dienten,  machte  er  sich  auf den nächsten Zug der Piraten gefaßt.  Doch dieser blieb aus. Er trat aus dem Korridor in eine große  verwaiste  Kammer  und  rannte  quer  hindurch  in  einen  weite‐ ren Gang, ohne jemanden zu sehen oder zu spüren.  Aber was das anging, so hatte er seit dem Verlassen ihrer Je‐ di‐Falle  niemanden  mehr  gespürt.  Versteckten  sie  sich  alle  ir‐ gendwo? Oder hatten sie einfach alles zusammengepackt und  waren verschwunden?  Der  felsige  Untergrund  unter  seinen  Füßen  erbebte  leicht,  und  irgendwo  in  weiter  Ferne  hörte  er  den  schwachen  Nach‐ hall einer Explosion. Er ließ den Gang hinter sich und erreichte  einen weiteren Raum, als er eine zweite Detonation hörte und  spürte, die merklich näher war.  Und  plötzlich  zwitscherte  sein  Komlink.  Er  schaltete  es  ein.  »R2?«  »Nicht  ganz«,  erwiderte  trocken  eine  vertraute  Stimme.  »Steckst du mal wieder in Schwierigkeiten, Skywalker?«  Luke blinzelte überrascht, dann lächelte er. Zum ersten Mal,  seit  er  an  diesem  Ort  angekommen  war,  empfand  er  echte  Freude.  »Und  ob«,  teilte  er  Mara  Jade  mit.  »Hast  du  jemals  erlebt, daß ich nicht in Schwierigkeiten stecke?« 

9. Kapitel    »Ich kann mich nicht so ohne weiteres erinnern«, mußte Mara  zugeben  und  blickte  aus  der  Sichtluke  der  Kommandobrücke  der  Starry  Ice  auf  das  Asteroidenfeld,  das  sich  vor  ihnen  ers‐ treckte.  »Obwohl  ich  sagen  muß,  es  allein  mit  einem  ganzen  Nest Piraten aufzunehmen, übersteigt sogar dein übliches Maß  an Unverfrorenheit. Was machst du eigentlich da drin?«  »Ich  versuche,  wieder  herauszukommen«,  antwortete  Luke  trocken. »Und was führt dich hierher?«  »Karrde  bat  mich,  mich  um  dich  zu  kümmern«,  gab  sie  zu‐ rück. »Er schien zu glauben, daß du Hilfe brauchst.«  »Die brauche ich auch«, gab er zu. »Wo steckst du?«  »Im Moment bin ich draußen und schaue zu«, erklärte Mara  und runzelte die Stirn. War das eine Explosion, was sie soeben  auf  dem  Hauptasteroiden  der  Cavrilhu‐Piraten  beobachtet  hatte? »Legst du gerade Bomben oder so was?«  »Nein, aber irgendwer tut das… Ich kann aus der Ferne De‐ tonationen hören. Kannst du erkennen, was vor sich geht?«  Captain  Shirlee  Faughn,  die  einen  Platz  weiter  saß,  tippte  Mara auf den Arm. »Werfen Sie mal einen Blick auf die Steu‐ erbordseite  des  Asteroiden«,  murmelte  sie  und  wies  in  die  Richtung.  »Da  startet  gerade  eine  ganze  Armada  in  den  offe‐ nen Weltraum. Ich würde sagen… achtzehn Raumschiffe.«  »Nicht  zu  fassen«,  brummte  Mara.  »Du  hast  ein  Problem,  Luke… die Ratten verlassen massenweise das sinkende Schiff. 

Faughn hat achtzehn Schiffe auf den Anzeigen; kann sein, daß  noch  mehr  unterwegs  sind.  Ich  wette  zehn  zu  eins,  daß  die  Explosionen,  die  du  hörst,  die  Aktivierung  der  Selbstzerstö‐ rung der Basis bedeuten. Hast du ein Transportmittel?«  »Als ich hier ankam, hatte ich einen Y60‐Frachter mit R2 und  einem  versteckten X‐Flügler an  Bord«,  erwiderte Luke.  »Aber  es ist mir nicht gelungen, ihn zu kontaktieren.«  »Na ja, noch kein Grund zur Panik«, riet ihm Mara und warf  einen raschen Blick auf ihre Displays. »Die stören noch immer  deine primäre Komlinkfrequenz – aber wir haben zufällig die  nötige  Ausrüstung  an  Bord,  uns  einzuklinken.  Wie  weit  bist  du noch von deinem Landeplatz entfernt?«  »Das weiß ich nicht genau…«  Faughn schnippte mit den Fingern und deutete auf eine der  Anzeigen vor Mara. »Moment mal«, warf diese ein. »Der Stör‐ sender  wurde  soeben  abgeschaltet.  Laß  mich  dein  Komlink  wieder auf die primäre Frequenz einstellen.«  Sie  schickte  einen  Blick  über  die  Brücke  zur  Komstation.  »Corvus?«  »Schon geklärt«, meldete der andere. »Ich lege Sie jetzt wie‐ der auf Primärfrequenz.«  Mit einem Mal brach der Komlautsprecher in das anhaltende  Stakkato  der  Maschinensprache  eines  Astromech  aus.  »Mal  langsam,  R2«,  unterbrach  Lukes  Stimme  das  Wimmern  und  Quieken. »Ich verstehe kein Wort von dem, was du sagst.«  »Er sagt, daß er und der X‐Flügler wohlauf sind«, teilte Mara  ihm  mit  und  folgte  der  Übersetzung,  die  über  die  Computer‐ anzeigen  rollte.  »Sie  hatten  es  auf  ihn  abgesehen,  also  hat  er  den  Jäger  aus  seinem  Versteck  geholt…«  Sie  verzog  das  Ge‐

sicht. »… und dann hat er sie verjagt, indem er die Generato‐ ren  des  Atmosphärenschilds  der  Landebucht  in  die  Luft  ge‐ sprengt hat.«  Es  entstand  eine  lange  Pause.  »Was,  wie  ich  annehme,  be‐ deutet, daß die Landebucht jetzt unter einem totalen Vakuum  liegt?« fragte Luke dann.  »Bis unter die Decke«, bestätigte Mara. »Ich vermute, es wäre  zuviel  verlangt,  daß  es  in  der  Nähe  der  Bucht  oder  so  einen  Spind mit Druckanzügen geben könnte?«  »Keine  Ahnung,  aber  ich  würde  mich  nicht  darauf  verlas‐ sen«, sagte Luke.  »Ich  auch  nicht«,  stimmte  Mara  zu.  »Faughn,  Sie  sind  doch  schon mal Y60er geflogen, oder?«  »Häufiger als ich mich erinnern möchte«, entgegnete die an‐ dere  Frau.  »Meinen  Sie,  er  sollte  einen  kalten  Sprung  versu‐ chen?«  »Das  ist  der  einfachste  Weg,  ihn  da  herauszubekommen«,  sagte Mara. »Kann er es schaffen?«  »Das  bezweifle  ich«,  meinte  Faughn.  »Skywalker,  ist  die  Landerampe des Frachters ein oder ausgefahren?«  »Ausgefahren, soweit ich weiß.«  Die R2‐Einheit zwitscherte, und die Bestätigung des Droiden  rollte über die Anzeige. »Sie ist immer noch unten«, rief Mara.  »In  dem  Fall  hat  er  keine  Chance«,  erklärte  Faughn  und  schüttelte  den  Kopf.  »Der  Rampenmechanismus  des  Y60  ist  Schrott.  Den  Ausstieg  zu  versiegeln  und  den  Druckausgleich  im  Schiff  herzustellen,  würde  mindestens  fünfzehn  Minuten  dauern.« 

»Das habe ich befürchtet«, sagte Mara. »Ein bißchen zu lang  für ihn, um die Luft anzuhalten.«  »Was  ist  mit  seinem  X‐Flügler?«  schlug  Faughn  vor.  »Es  kann  nicht  sehr  lange  dauern,  ein  Cockpit  von  dieser  Größe  unter Druck zu setzen.«  »Wenn  man  davon  absieht,  daß  die  meisten  Jäger‐Kanzeln  heutzutage  druckversiegelt  sind«,  stellte  Mara  fest.  »Wenn  man sie im Vakuum öffnet, ohne die manuelle Überbrückung  zu bedienen, wird normalerweise der Schleudersitz ausgelöst.  Eine Sicherheitsvorkehrung… ich glaube nicht, daß der R2 sie  umgehen kann.«  »Du hast recht, das kann er nicht«, sagte Luke. »Ich verlasse  mich besser darauf, einen Raumanzug zu finden.«  »Klar.«  Mara  pfiff  leise  zwischen  den  Zähnen  und  maß  mit  den  Augen  den  Abstand  zu  dem  Asteroiden.  Die  Chancen,  daß  die  Freibeuter  die  nötige  Vakuumausrüstung  in  handli‐ cher  Reichweite  für  einen  Flüchtling  aufbewahrten,  lagen  ir‐ gendwo  zwischen  dünn  und  nicht  vorhanden.  »Und  falls  nicht, kommen wir rein.«  Aus dem Augenwinkel konnte sie erkennen, wie Faughn ihr  einen entsetzten Blick zuwarf. »Jade, wir kennen den sicheren  Weg nicht«, sagte die Frau leise.  »Nein,  aber  Skywalkers  Astromechdroide  kennt  ihn«,  erin‐ nerte Mara sie. »Droide, wie wär’s, wenn du uns ein paar Zif‐ fern überspielst?«  Der  R2  tat  trillernd  seine  Bereitschaft  kund,  und  auf  dem  Computerdisplay  erschien  eine  Kursbeschreibung.  »Ange‐ kommen«, rief Mara. »Also los!«  Faughn  wandte  sich  wieder  ihrer  Steuerkonsole  zu;  sie  war 

nach  wie  vor  alles  andere  als  begeistert  darüber,  auf  diese  Weise ihr Raumschiff aufs Spiel zu setzen. Es gab einen kurzen  Beschleunigungsschub, und die Starry Ice setzte sich in Bewe‐ gung. »Der Kurs sieht nicht allzu übel aus«, teilte Mara ihr mit,  während sie die Anzeigen prüfte.  »Nein«,  erwiderte  der  Captain  und  tippte  auf  ihr  Navigati‐ onsdisplay.  »Es  gibt  da  nur  ein  kleines  Problem:  Die  Asteroi‐ den haben ihre relativen Positionen zueinander verändert.«  Mara richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihr eigenes Navdisp‐ lay.  Faughn  hatte  recht.  »Verflucht,  sie  haben  sie  irgendwie  durcheinandergebracht«, sagte sie, sprang von ihrem Sitz und  machte  sich  auf  den  Weg  zur  Tür.  »Wir  müssen  uns  unseren  Weg auf Bantha‐Weise bahnen. Ich nehme Nummer eins; schi‐ cken Sie Elkin und Torve in die anderen.«  Sie  hatte  ihren  Turbolaser‐Gefechtsstand  erreicht  und  schnallte sich gerade an, als Faughn ihr bedeutete: »Wir haben  soeben  ein  automatisches  Leuchtfeuer  zur  Warnung  ausge‐ setzt; das sollte für die ersten Schwierigkeiten genügen.«  »Verstanden«,  erwiderte  Mara  und  fuhr  die  Notfallaktivie‐ rung des Turbolasers hoch, während sie sich zum zwanzigsten  Male wünschte, daß die Jades Feuer nicht auf Duroon festsitzen  würde,  wo  ihre  Navsysteme  überholt  würden.  Karrde  hatte  bei der Bewaffnung seiner Frachter gute Arbeit geleistet, aber  die  Feuer  besaß  ebensoviel  pure  Feuerkraft  wie  die  Starry  Ice  und war darüber hinaus noch um einiges wendiger.  Doch  das  Schiff  war  nicht  hier,  und  sie  konnte  nichts  daran  ändern.  Sie  rieb  ihre  Handflächen  an  ihrem  Overall  trocken,  umspannte  mit  festem  Griff  die  Kontrollen  und  griff  in  die  Macht  hinaus.  Sie  mochte  keine  so  glorreiche  und  mächtige 

Jedi sein wie der große Luke Skywalker, aber sie war jederzeit  bereit, ihren fein geschliffenen Sinn für Gefahren mit dem sei‐ nen zu messen.  Das Problem war bloß, daß dieser Gefahrensinn nicht beson‐ ders  zielgerichtet  war.  Und  da  draußen  gab  es  jede  Menge  Richtungen, aus denen Gefahren drohten.  »Wir  kommen,  Luke«,  sprach  sie  in  ihr  Headset.  »Das  ist  deine letzte Chance, mit einem Wink alle Fallen aus dem Weg  zu fegen.«  Sie bedauerte die Worte im gleichen Moment, als sie ihr über  die Lippen kamen. Luke war zu weit weg von ihr, als daß sie  seinen  Geist  ganz  hätte  erfassen  können,  dennoch  konnte  sie  spüren,  wie  er  unter  ihrer  Bemerkung  zusammenzuckte.  Sie  öffnete den Mund, um sich zu entschuldigen…  …  und  im  nächsten  Augenblick  flackerte  ihr  Gefahrensinn  auf;  ein  Asteroid,  der  in  nächster  Nähe  an  ihnen  vorüberzog,  lenkte ihre Aufmerksamkeit ab. Sie entdeckte an seinem Rand  einen  unnatürlich  glatten  kreisförmigen  Bezirk  und  das  schwache Glänzen von Metall…  Ihr Turbolaser blitzte auf und zerschmetterte den verdächti‐ gen Asteroiden zu Splittern und Geröll. Aus der sich ausbrei‐ tenden  Staubwolke  antwortete  ein  einzelner  Feuerstoß  eines  Turbolasers: zu schwach, zu spät, zu weit am Ziel vorbei.  »Guter  Schuß,  Mara«,  ließ  sich  Elkins  Stimme  in  ihrem  Ohr  vernehmen.  Mara  nickte.  Sie  war  viel  zu  beschäftigt  mit  ihrer  Aufgabe  und dem Schuldgefühl wegen ihrer abfälligen Bemerkung, um  etwas darauf zu entgegnen. Schuldgefühl – und in erster Linie  mit dem wachsenden Ärger darüber, sich schuldig zu fühlen. 

Schließlich  waren  es  Skywalker  und  seine  angehenden  Jedi‐ Ritter  und  nicht  sie,  die  leichtfertig  mit  ihrer  Macht  spielten.  Und  falls  es  ihm  etwas  ausmachte,  wenn  ihn  jemand  darauf  hinwies, dann war auch das sein Problem – und nicht ihres.  Wieder warnte sie etwas, doch ehe sie die Quelle der erneu‐ ten  Gefahr  bestimmen  konnte,  zuckte  eine  Folge  von  roten  Feuerstößen  aus  Torves  Turbolaser,  und  eine  Kette  kleiner  Felsbrocken  explodierte  vorzeitig  in  einer  langgestreckten  Wolke  aus  messerscharfen  Splittern.  Mara  zuckte  zusammen,  als  direkt  vor  ihr  einige  verirrte  Trümmerstücke  vom  Deflek‐ torschild  der  Starry  Ice  abprallten;  dann  hatte  das  Raumschiff  diese Falle hinter sich gelassen und raste bereits auf die näch‐ ste zu. Mara faßte nach den Kontrollen und griff wieder in die  Macht hinaus.  Als die Starry Ice die Hauptbasis erreichte, hatten die drei in‐ sgesamt acht weitere Fallen aus dem All geschossen. »Wir sind  da«, verkündete Faughns  Stimme  in  Maras Ohr. »Skywalker?  Wo sind Sie?«  »Ich  bin  in  der  Landebucht«,  rief  Luke.  »R2,  gib  ein  paar  Schüsse auf den Rand ab, um die Stelle zu markieren.«  Der  Droide  piepte,  und  ein  tiefer  Schatten  zwischen  zwei  schartigen  Höhenzügen  flammte  unter  dem  Laserfeuer  auf.  »Gut, wir haben Sie«, sagte Faughn. »Wir kommen jetzt rein.«  Die  Laserblitze  hörten  auf;  im  selben  Moment  flackerte  auf  der Oberfläche des Asteroiden, in unerfreulicher Nähe zu der  angepeilten Landebucht, eine weitere jener gedämpften Deto‐ nationen auf. »Die nächste Sprengung«, kommentierte Mara.  »Du  hast  da  draußen  den  größten  Teil  der  Vorstellung  ver‐ paßt«,  rief  Luke.  »Ich  habe  hier  alle  zehn  Sekunden  oder  so 

irgend  etwas  hochgehen  hören.  Sie  scheinen  sich  in  meine  Richtung vorzuarbeiten.«  Wieder blitzte eine Explosion auf, diesmal sogar noch näher  an der Landebucht. »Zu nah, wenn Sie mich fragen«, brummte  Faughn. »Sind Sie sicher, daß Sie das Risiko eingehen wollen,  da unten zu landen, Jade?«  »Nicht  besonders«,  räumte  Mara  ein.  »Aber  wir  haben  an‐ scheinend  keine große Auswahl. Du schuldest uns dafür eine  Menge, Luke.«  »Das geht auf dein Konto«, versprach Luke. »Beeile dich lie‐ ber… Nein, warte. Dreh ab!«  »Was?« fragte Faughn.  »Sie haben ihn gehört«, schnappte Mara,  als ihr eigener Ge‐ fahrensinn sich regte. »Abdrehen!«  Die Starry Ice schlingerte rückwärts, und im selben Moment  brach  einer  der  Höhenkämme,  die  den  Rand  der  Landebucht  bildeten,  unter  einer  Kette  von  Explosionen  zusammen  –  wie  bei  einer  mehrstufigen  Feuerwerksrakete  am  Festtag  der  Schlacht  um  Endor.  »Jade,  das  ist  Irrsinn«,  meinte  Faughn.  »Ich  kann  unmöglich  da  runtergehen;  das  ganze  Gelände  könnte jederzeit in die Luft fliegen.«  »Sie hat recht«, warf Luke ein. Und als Mara in die Macht hi‐ nausgriff, spürte sie, wie sich eine unterschwellige Erbitterung  in seine Gefühle schlich. »Ich schätze, uns bleibt nur noch eine  Möglichkeit.«  Mit einem Wink alle Fallen aus dem Wegfegen? »Und die wäre?«  fragte sie laut.  »Ich  muß  euch  auf  halbem  Wege  entgegenkommen«,  erwi‐

derte er. »Verfugst du über eine Andockbucht, die meinen X‐ Flügler aufnehmen kann?«  »Wir  haben  zwei  Hangarhälften  mit  Traktorstrahlunterstüt‐ zung«,  teilte  ihm  Faughn  mit.  »Dort  wird  außerdem  eine  Sauerstoffversiegelung um das Cockpit gelegt.«  »Gut. R2, mach dich sofort auf den Weg zum Andocken…«  »Sekunde  mal«,  unterbrach  Mara  ihn.  Irgend  etwas  in  Sky‐ walkers  Stimme  und  Gedanken  sagte  ihr,  daß  er  vorhatte,  et‐ was  wirklich  Dummes  zu  versuchen.  »Du  denkst  doch  nicht  etwa daran, kalt bis zu uns raus zu springen, oder doch? Wir  kommen dazu nicht nah genug heran.«  »Weiß  ich«,  antwortete  Luke.  »Ich  werde  mich  in  eine  Jedi‐ Hibernationstrance versetzen, sobald ich die Schleuse geöffnet  habe.«  Sie  hatte  es  richtig  erkannt:  etwas  wirklich  Dummes.  »Und  wie willst du das schaffen?« wollte sie wissen. »Du mußt dich,  unmittelbar nachdem du das Schott gesprengt hast, in Trance  versetzen. Dabei bleibt dir überhaupt keine Luftreserve.«  »Wenn  ich  die  Tür  richtig  aufkriege,  müßte  eigentlich  zu‐ sammen  mit  mir  schlagartig  ein  Schwall  Luft  entweichen«,  bedeutete  ihr  Luke.  »Das  sollte  eigentlich  ausreichen,  um  in  die Hibernation gehen zu können und mich in deine Richtung  zu katapultieren.«  »Deine Chancen stehen miserabel.«  »So  ist  das  immer  bei  letzten  Auswegen.  Und  wenn  wir  zu  lange  darüber  streiten,  werde  ich  überhaupt  keine  Chancen  mehr haben.«  »Das  könnte  glatt  einer  von  Solos  Sprüchen  sein«,  knurrte 

Mara. Aber er hatte ja recht. Und wie um seine Worte zu un‐ terstreichen,  fiel  nun  auch  der  andere  flankierende  Höhen‐ kamm  in  sich  zusammen.  »Du  hast  gewonnen.  Machen  wir’s  so.«  »In Ordnung«, sagte Luke. »R2, ab mit dir!«  Der Droide gab ein unglückliches Zwitschern von sich, doch  der X‐Flügler hob folgsam von seinem Landeplatz ab und flog  auf die Starry Ice zu. »Faughn?« rief Mara.  »Traktorstrahlunterstützung  des  Halbhangars  bereit«,  ent‐ gegnete Faughn. »Das äußere Schott der Luftschleuse an Steu‐ erbord  ist  offen;  Atmosphärenbarriere  ist  aktiv,  und  Krickle  steht  im  Innern  mit  einem  Medipack  bereit.  Wir  sind  soweit,  wann immer er es ist.«  »Hast du das mitgekriegt, Luke?«  »Ja«,  antwortete  er.  »Ich  etabliere  den  Satz  Willkommen  an  Bord als Signal, um mich aus der Trance zu holen.«  »Willkommen an Bord. Alles klar.«  »Okay, also los. Ziel nicht daneben.«  Mara  lächelte  knapp.  Zielen  Sie  nicht  daneben.  Einst  hatten  diese  Worte  eine  vollkommen  andere  Bedeutung  für  sie  ge‐ habt:  Skywalker  im  Visier  ihres  Blasters;  der  verhallende  Be‐ fehl des Imperators, den aufstrebenden Jedi zu töten, ein Echo  in ihren Gedanken…  Doch  sie  hatte  diese  Krise  vor  zehn  Jahren  im  Innern  des  Mount  Tantiss  überwunden,  und  die  Stimme  des  Imperators  war heute nur mehr eine ferne und schwache Erinnerung.  Skywalker  würde  irgendwann  selbst  eine  tiefe  Krise  durch‐ leben müssen. Vielleicht steckte er im Augenblick bereits mit‐

tendrin.  Sie hoffte, daß es so war.  Sie  empfing eine Ahnung von  Lukes  Emotionen.  Mara  kon‐ zentrierte  sich  und  sah  das  Aufblitzen  seines  Lichtschwerts  vor ihrem geistigen Auge, als die grüne Klinge durch das mas‐ sive Metall des Schleuse fuhr…  … und im nächsten Moment verschwand er.  »Faughn?« rief Mara und schloß die Augen, während sie so  intensiv  wie  möglich  hinausgriff.  Aber  Lukes  Präsenz  war  nicht mehr ortbar – zumindest nicht von ihr. Entweder war er  in seine Hibernation eingetreten, oder er war tot.  »Da kommt er«, rief Faughn.  Mara  öffnete  die  Augen.  Ja,  da  war  er.  Er  sah  aus  wie  eine  zerbrochene  Marionette,  während  er  rasch  in  Richtung  der  Starry Ice schwebte. Seine Glieder schlugen unkontrolliert und  fühllos  um  den  Leib,  während  dieser  sich  langsam  um  sich  selbst  drehte;  das  flackernde  Feuer  der  sich  fortsetzenden  Selbstzerstörung  des  Asteroiden  verlieh  der  Szene  einen  ge‐ wissen surrealen Anstrich.  Mit einem  Satz, der sie zusammenzucken ließ, bewegte sich  die Starry Ice auf die Oberfläche zu: Faughn lenkte das Raum‐ schiff in Lukes Flugbahn.  Oder  versuchte  es  zumindest.  Mara  beobachtete  die  schwe‐ bende  Gestalt  stirnrunzelnd  und  versuchte  deren  Kurs  und  Aufprallgeschwindigkeit im voraus zu berechnen…  Faughn,  die  Zugang  zum  Schiffscomputer  hatte,  hatte  die  Antwort zuerst. »Es gibt ein Problem«, erklärte sie knapp. »Bei  der  Geschwindigkeit,  die  ich  aufnehmen  muß,  um  ihn  zu  er‐

reichen, wird er entweder von der Schiffshülle abprallen, oder  er  trifft  so  hart  auf  die  hintere  Luftschleuse,  daß  er  sich  das  Genick bricht.«  »Holen Sie  ihn einfach an  Bord«, versetzte Mara,  schlug  auf  den  Mechanismus  zur  schnellen  Öffnung  der  Gurte  und  rap‐ pelte sich auf. »Ich sorge schon dafür, daß er es überlebt.«  Als  Mara  zur  Luftschleuse  gelangte,  war  er  schon  fast  dort  angekommen; er drehte sich schneller auf das Raumschiff zu,  als seiner Gesundheit förderlich war. »Der Computer sagt, wir  sind  genau  auf  Kurs«,  rief  Faughns  Stimme  über  den  Lauts‐ precher, während Mara durch die Atmosphärenbarriere späh‐ te. »Aufprall in zehn Sekunden.«  Sie  atmete  noch  einmal  tief  durch,  stemmte  sich  gegen  das  Schott der Luftschleuse und griff in die Macht hinaus.  Der  Imperator  hatte  sie  die  Grundbegriffe  gelehrt,  wie  man  die  Macht  einsetzte,  um  Gegenstände  zu  bewegen;  eine  rudi‐ mentäre  Ausbildung,  die  Skywalker  selbst  während  ihrer  Wanderung  durch  die  Wälder  von  Wayland  und  später  für  kurze  Zeit  an  Akademie  auf  Yavin  fortgesetzt  hatte.  Danach  hatte  sie  die  Übungen  allein  fortgeführt  und  glaubte,  diese  Technik mittlerweile recht gut zu beherrschen.  Aber  kleine  Objekte  wie  ihr  Lichtschwert  zu  bewegen,  war  eine  Sache;  Luke  aufzufangen,  während  er  auf  sie  zustürzte,  war  indes  etwas  ganz  anderes  und  glich  dem  Versuch,  die  Starry Ice mit den Zähnen aufzuhalten. Sie legte alles, was sie  hatte,  in  ihre  Bemühungen,  wobei  sie  sich  vage  bewußt  war,  daß  ihr  ganzer  Körper  unter  der  Anstrengung  erstarrte.  So  kämpfte  sie  darum,  seinen  freien  Fall  wenigstens  zu  verlang‐ samen, bevor er an ihr vorbei durch die Atmosphärenbarriere 

sauste.  Sie  spürte,  daß  er  langsamer  wurde  –  und  wußte  gleichzeitig, daß es nicht reichen würde…  Und in allerletzter Sekunde trat sie vom Schott weg gerade‐ wegs in seine Flugbahn.  Er  prallte  mit  voller  Wucht  gegen  sie;  der  Zusammenstoß  schleuderte  sie  beide  zu  Boden.  »Willkommen  an  Bord«,  keuchte  Mara  einen  Sekundenbruchteil,  bevor  sie  auf  dem  Deck aufschlugen.  Die Landung fiel um einiges weniger schmerzhaft aus, als sie  erwartet  hatte.  Sie  blinzelte  und  versuchte  die  nicht  weichen  wollenden Sterne aus ihrem Blickfeld zu schütteln…  »Danke«, murmelte ihr Luke ins Ohr.  Die  Sterne  verschwanden  dann  doch,  und  Mara  stellte  fest,  daß sie in ein seltsames Gesicht starrte: Lukes Gesicht, so stell‐ te sie fest, aber unter einer undurchdringlichen Maske. Er lag  gleichsam  auf  Händen  und  Knien  über  ihr;  offenbar  war  er  gerade  rechtzeitig  aus  seiner  Trance  erwacht,  um  seinen  Teil  des Aufpralls aufzufangen, anstatt ihr auch noch sein eigenes  Gewicht  aufzubürden.  »Gern  geschehen«,  brachte  sie  heraus.  »Nette Verkleidung.«  »Danke«, sagte er wieder. »Die hat mir sogar die meiste Zeit  gute Dienste geleistet.«  »Die meiste Zeit reicht wohl nicht so ganz, was«, gab sie zu‐ rück.  »Wieso  hast  du  nicht  einfach  eine  Machtillusion  einge‐ setzt, so wie sonst auch?«  »Ich  habe  versucht,  die  Macht  nur  noch  dann  zu  benutzen,  wenn es absolut unausweichlich ist«, erklärte er. »Und in die‐ sem Fall schien es nicht unausweichlich.« 

»Ah«,  sagte  Mara.  Das  war  aufschlußreich.  Sehr  aufschluß‐ reich sogar. »Also, willst du jetzt von mir heruntersteigen oder  hast du es dir gerade bequem gemacht?«  »Oh… sicher«, entgegnete er peinlich berührt; ein wenig der  alten  Verlegenheit  des  Jungen  vom  Lande  flackerte  rot  über  seine Wangen, während er sich aufrappelte. »Tut mir leid.«  »Kein  Problem«,  antwortete  Mara,  stand  auf  und  ließ  einen  kritischen  Blick  über  ihn  wandern.  Seine  Kleider  wiesen  ein  paar  gemein  aussehende  Risse  von  Splittern  auf,  was  wahr‐ scheinlich  auf  ähnlich  gemeine  Verletzungen  darunter  schlie‐ ßen  ließ.  »Sieht  so  aus,  als  benötigst  du  einen  Besuch  auf  der  Medistation.«  »Keine  Zeit«,  widersprach  er  und  schüttelte  den  Kopf.  »Ich  bin  fürs  erste  in  Ordnung,  und  wir  müssen  von  hier  ver‐ schwinden. Hat mein X‐Flügler inzwischen angedockt?«  »Keine Ahnung«, sagte Mara und schlug auf die Kontrollta‐ fel, um die äußere Schleusentür zu verriegeln. »Faughn?«  »Liegt  sicher  im  B‐Hangar«,  berichtete  der  Captain.  »Sky‐ walker, kennen Sie einen sicheren Weg aus dieser Todesfälle?«  »Ich  kannte  mal  einen«,  erwiderte  Luke  und  machte  sich  daran, die  innere Schleusentür zu öffnen, »aber der ist inzwi‐ schen wohl auch nicht mehr sicherer als jeder andere.«  »Wir  folgen  einfach  den  Piraten«,  beschloß  Mara  und  scheuchte Krickle weiter, der mit seinem Medipack herbeigee‐ ilt und nun Luke den Gang entlang in Richtung der Halbhan‐ gars der Starry Ice führte. »Sie werden wahrscheinlich auf uns  schießen, aber man kann nicht alles haben.«  »Das Problem ist nur, uns gehen die Piraten aus, denen wir  folgen könnten«, sagte Faughn. »Auf dem Asteroiden wird in 

ungefähr zwei Minuten nichts mehr übrig sein.«  Mara  fühlte,  wie  sich  ihre  Bauchmuskeln  zusammenzogen.  »Was  bedeutet,  das  große  Finale  ihrer  Selbstzerstörungsse‐ quenz steht unmittelbar bevor.«  »Vermutlich«, stimmte Faugh ihr zu. »Was machen wir? Su‐ chen wir uns irgendeine Richtung aus und fliegen einfach dar‐ auflos?«  »Mehr oder weniger«, teilte Mara ihr mit. »Beginnen Sie mit  der  Entfernung  von  der  Hauptbasis,  aber  nichts  überstürzen.  Ich  will  an  meinem  Turbolaser  sitzen,  wenn  wir  auf  etwas  Unangenehmes treffen.«  »Geben  Sie  mir  genügend  Zeit,  nach  draußen  zu  kommen«,  fügte Luke hinzu. »Ich kann vor dir herfliegen und die Fallen  auslösen.«  »Aber nur wenn du sie vorher kommen siehst«, stellte Mara  klar  und  sah  ihn  streng  an.  »Mein  Gefahrensinn  funktioniert  besser als deiner; vielleicht sollte ich besser dein Schiff nehmen  und den Weg frei machen.«  »Das  kann  ich  selbst«,  gab  Luke  eindringlich  zurück.  »Au‐ ßerdem ist es meine Aufgabe… schließlich bist du wegen mir  hier.«  Da war was dran. »Wenn du drauf bestehst«, sagte Mara und  deutete  den  Gang  entlang.  »Nimm  die  erste  Abzweigung  links, dann wieder rechts. Und beeile dich!«  Sie  hätte  sich  keine  Sorgen  machen  müssen.  Als  sie  ihren  Turbolaser‐Gefechtsstand  erreichte,  verbrannte  der  X‐Flügler  bereits den Raum vor seiner Nase. »Ich bin soweit«, verkünde‐ te  sie,  während  sie  sich  wieder  anschnallte.  »Leg  los,  Luke.  Viel Glück.« 

»Möge die Macht mit dir sein«, antwortete er mit einem Un‐ terton, den sie für eine milde Rüge hielt. »Gib gut acht.«  Der Hinflug durch das Asteroidenfeld war nervenaufreibend  gewesen;  der  Rückweg  erwies  sich  zu  Maras  Verblüffung  als  geradezu  unverschämt  leicht.  Immer  wieder  änderte  der  X‐ Flügler ein wenig den Kurs, feuerte und stöberte so eine noch  weit entfernte Falle, eine Splitterbombe oder ein automatisches  Turbolaser‐Nest  auf.  Das  geschah  meistens,  noch  ehe  Maras  Gefahrensinn  überhaupt  reagierte.  Rasch  wurde  ein  Muster  daraus: Der X‐Flügel‐Jäger manövrierte, schoß, wich aus, und  die Starry Ice folgte beharrlich; die Turbolaser‐Besatzung muß‐ te nur hin und wieder hinter ihm aufräumen. Ob mit Absicht  oder zufällig, Luke schien ständig ein Stück über dem Frachter  zu  fliegen  und  erledigte  äußerst  gründlich  die  Aufgabe  des  Minensuchers in Maras Schußfeld. So war das meiste in Elkins  und  Torves  Sektoren  aufzuräumen,  und  für  Mara  blieb  nicht  viel zu tun, außer auf Überraschungen zu achten, die die Pira‐ ten  zurückgelassen  haben  mochten,  geduldig  darauf  zu  war‐ ten,  daß  die  anderen  das  Asteroidenfeld  säuberten  und  sich  düster zu fragen, ob Luke sich mit Absicht derart übervorsich‐ tig verhielt, um sie zu verärgern.  Während  sie  einmal  mehr  den  Blick  über  den  Himmel  vor  sich schweifen ließ, entdeckte sie ein Raumschiff.  Ihr erster Gedanke war, daß es sich um einen TIE‐Jäger han‐ delte; das Schiff hatte nahezu die gleiche Größe und wies auf  den ersten Blick annähernd die gleiche Silhouette auf. Doch als  sie bereits den Mund auftat, um die anderen zu warnen, wen‐ dete das Raumfahrzeug…  »Wir  haben  Gesellschaft«,  schnappte  sie.  »Da  schnüffelt  je‐

mand am Rand des Asteroidenfelds herum.«  »Ich hab’ ihn«, bestätigte Faughn. »Sieht aus wie… wie sieht  das Ding aus?«  »Sie  haben’s  erfaßt«,  sagte  Mara.  »Ich  dachte,  es  wäre  ein  Imperialer, aber das sind keine TIE‐Solarflügel an den Seiten.«  »Was immer sie auch sein mögen, auf jeden Fall gibt es noch  zwei davon am Hinterteil«, stellte Elkin fest.  »Das heißt aber nicht unbedingt, daß es kein Imperialer ist«,  brummte  Faughn.  »Skywalker?  Kennen  Sie  sich  mit  dem  ge‐ genwärtigen Sternjäger‐Design aus?«  »Nicht  wirklich«,  antwortete  Luke;  seine  Stimme  zeigte  An‐ zeichen  von  Überanstrengung,  als  er  gezwungen  war,  seine  Konzentration zwischen dem Eindringling und seiner vor ihm  liegenden  Aufgabe  aufzuteilen.  »So  etwas  habe  ich  allerdings  noch nie zuvor gesehen.«  Mara  starrte  das  ferne  Raumschiff  an,  das  sie  ohne  Zweifel  beobachtete. Wußte man an Bord, daß sie es entdeckt hatten?  »Ich denke, einer von uns sollte sich das mal aus der Nähe an‐ sehen.«  »Lieber  nicht«,  knurrte  Faughn.  »Wir  müssen  uns  ja  nicht  noch mehr Ärger einhandeln, als wir ohnehin schon haben.«  »Außerdem ist das bei unserem Glück bloß wieder eins von  diesen nutzlosen Qella‐Dingern«, fügte Corvus hämisch hinzu.  »Wie jenes, das Lando Calrissian durch den ganzen Weltraum  gejagt hat.«  »Ich sage, wir sehen nach«, erwiderte Mara und legte genug  Strenge in ihre Stimme, um es wie einen Befehl klingen zu las‐ sen.  »Luke,  dein  Schiff  ist  schneller.  Willst  du  versuchen,  ob 

du den Burschen erwischen kannst?«  »Ich  kann’s  versuchen«,  antwortete  er.  Seine  Stimme  hatte  einen  sonderbaren  Unterton.  Fühlte  er  angesichts  dieses  Raumschiffs  das  gleiche  wie  sie?  »Könnt  ihr  mich  denn  ent‐ behren?«  »Ich  glaube  schon«,  gab  Mara  zurück.  »Wir  müssen  bereits  ziemlich  nah  am  Rand  des  Verteidigungsbereichs  der  Piraten  sein.«  »Also  gut.  R2,  fahr  alle  Aufzeichnungsgeräte  und  Sensoren  hoch. Wir wollen eine vollständige Aufnahme davon.«  Der Droide piepte eine Bestätigung, und mit einer Plötzlich‐ keit, die sogar Mara überraschte, scherte der X‐Flügler aus sei‐ ner Flugbahn aus und schoß auf den Eindringling zu. Der Jä‐ ger wich den treibenden Asteroiden aus und hielt sich um ei‐ nes Höchstmaßes an Deckung willen dicht in ihrer Nähe. Mara  zielte mit ihrem Turbolaser unablässig auf das fremde Raum‐ schiff  und  fragte  sich  gespannt,  ob  dieses  sich  wohl  einem  Kampf stellen oder zur Flucht wenden würde.  Doch der X‐Flügler kam immer näher, und bisher gab es kei‐ ne  Reaktion.  Konnte  es  sein,  daß  der  Eindringling  irgendwie  die  andere  Richtung  im  Auge  behielt?  Lachhaft.  Worauf  also  wartete er?  Luke  war  beinahe  bis  auf  Nahkampfdistanz  herangekom‐ men;  hinter  ihm  schob  sich  ein  verirrter  Asteroid  gemächlich  zwischen den Eindringling und Maras Blickfeld…  Ein unvermitteltes emotionales Schaudern Lukes warnte sie.  Einen Moment später erhaschte sie einen kurzen Blick auf den  Eindringling, der mit unglaublicher Geschwindigkeit über den  Himmel schoß und den Rand des Asteroidenfelds anstrebte. 

»Und ab geht er!« schrie Torve, während Mara den Turbola‐ ser herumzuschwingen versuchte, um das weit entfernte Schiff  aufs  Korn  zu  nehmen.  Aber  es  war  bereits  zu  spät.  Während  sie  noch  versuchte,  die  Zielerfassung  einzurichten,  schob  sich  ein  neuer  Asteroid  zwischen  sie  und  versperrte  ihr  abermals  die  Sicht.  Am  Rand  des  Asteroiden  war  kurz  eine  Pseudobe‐ wegung zu sehen, dann war das Raumschiff verschwunden.  Jemand  im  Interkom  fluchte  leise.  »Ich  geb’s  auf«,  sagte  Faughn. »Was, zum Teufel, war das?«  »Was weiß ich?« sagte Mara. »Luke? Bist du noch da?«  »Ich bin hier«, erwiderte er. »Hast du das mitgekriegt?«  »Nur  zum  Teil«,  teilte  Mara  ihm  mit.  »Die  haben  gewartet,  bis  wir  durch  einen  Asteroiden  voneinander  getrennt  waren,  dann haben sie sich in Bewegung gesetzt.«  »Interessant«, meinte Luke. »Das Schiff gab, als es beschleu‐ nigte,  eine  höchst  ungewöhnliche  Energiesignatur  ab…  ich  habe  soviel  wie  möglich  davon  aufgezeichnet,  aber  ich  bez‐ weifle, daß meine Sensoren dazu in der Lage waren, mehr als  einen Bruchteil dessen aufzufangen, was wirklich geschah.«  »Vielleicht haben sie deshalb gewartet, bis wir sie nicht mehr  sehen konnten.«  »Wahrscheinlich sogar«, pflichtete Luke ihr bei. »Die werden  sich  gedacht  haben,  daß  ein  Raumschiff  von  der  Größe  der  Starry Ice über bessere Sensoren verfügt als meines.«  Mara  rieb  sich  die  Lippen.  »Tja,  falls  du  nicht  gerade  ihrem  Vektor  im  Hyperraum  folgen  willst,  können  wir  im  Augen‐ blick nicht  viel  tun.  Wie wär’s,  wenn du uns überspielst, was  deine Sensoren erfaßt haben?« 

Der Astromechdroide gab einen rüden Laut von sich. »Schon  gut,  R2«,  beruhigte  Luke  ihn.  »Wir  betrachten  das  einfach  als  den Lohn für unsere Rettung.«  »Als einen Teil des Lohns für deine Rettung«, verbesserte Ma‐ ra. »Den Rest legen wir dann später fest.«  »Verstanden«, stimmte Luke zu. »Und los geht’s.«  »Ich habe alles«, meldete Faughn.  »Danke«, sagte Mara. »Brauchst du noch irgendwas, Luke?«  »Nicht zu deinen Preisen«, beschied ihr Luke trocken. »Aber  im Ernst, vielen Dank für alles.«  »Ich  bin  froh,  daß  wir  helfen  konnten«,  versicherte  Mara.  »Und vergiß nicht, jemanden einen Blick auf deine Verletzun‐ gen werfen zu lassen.«  »Das werde ich nicht«, versicherte Luke. »R2 stellt bereits ei‐ ne Liste der nächsten medizinischen Einrichtungen der Neuen  Republik zusammen. Man sieht sich.«  »Richtig. Paß auf dich auf.«  Das  Kom  klickte,  und  mit  einem  Aufflackern  von  Pseudo‐ bewegung  sprang  der  X‐Flügel‐Sternjäger  in  die  Lichtge‐ schwindigkeit. Mara blickte ihm nach; seltsam widersprüchli‐ che  Empfindungen  tauchten  in  ihr  auf.  Sie  dachte  an  die  glanzvollen Berichte über Lukes glorreiche Taten, die sie gele‐ sen hatte… und doch waren diese etwas ganz anderes als das,  was  sie  ihn  eben  erst  hatte  tun  sehen.  War  ihm  irgend  etwas  widerfahren?  Oder kam er endlich doch zu Verstand?  »Jade?« fragte Faughn. »Was nun?«  Mara  atmete  leise  aus  und  schlug  sich  Skywalker  aus  dem 

Kopf.  »Wir  schicken  einen  Bericht  an  Karrde«,  antwortete  sie  und  überschlug  rasch  die  Zeit.  »Mal  sehen,  ob  wir  uns  nach  Plan wieder dem Rendezvous mit den Nosken zuwenden oder  ob wir statt dessen der Fluchtroute der Piraten folgen sollen.«  »Alles klar«, bestätigte Faughn. »Übrigens, Jade, nur für den  Fall,  daß  es  noch  niemand  erwähnt  hat:  Sie  und  Skywalker  geben ein prima Team ab.«  Mara  starrte  nach  draußen  auf  die  treibenden  Asteroiden.  »Hüten  Sie  Ihre  Zunge,  Faughn«,  sagte  sie  weich.  »Hüten  Sie  Ihre Zunge.« 

10. Kapitel    Es war ein heißer Tag in diesem Teil von Dordolum, heiß und  sonnig; die Luft war drückend, reglos und schwül und schien  die zur Mittagszeit hier versammelte schweigende Menge ein‐ zuhüllen wie das feuchte Fell eines Grov.  Der Sprecher, der gegenwärtig von dem Podest auf dem Fo‐ rum öffentlicher Meinungsäußerung aus auf die Menge einre‐ dete,  trug  seinen  Teil  zu  der  Hitze  bei.  Aber  anders  als  das  Klima, war er von brennendem Zorn erfüllt, der als eine wohl  einstudierte  Mischung  aus  Worten,  Gedanken  und  Bühnen‐ präsenz  die  Gefühle  der  Zuhörer  entflammte  und  lange  schwelende  Ressentiments  aufrührte.  Praktisch  jedermann,  der  seiner  Schmährede  lauschte,  hegte  irgendeinen  stillen  Groll:  Ishori  gegen  Diamala,  Barabel  gegen  Rodianer  oder  Aqualish gegen Humanoide…  …  oder  fast  alle  gegen  die  Bothans.  Drend  Navett  ließ  den  Blick  über  die  Menge  und  den  Platz  bis  zu  dem  kunstvollen  Symbol der Solferin Schiffahrtsgesellschaft schweifen, die sich  im Besitz der Bothans befand, und gestattete sich ein privates  Lächeln.  Es war ein guter Tag für einen Aufruhr.  Der  Redner  hatte  sich  nun  seinem  Hauptthema  zugewandt,  und  während  er  bildhaft  die  Einzelheiten  jener  Schrecken  in  die  Köpfe  der  Zuhörer  hämmerte,  die  die  Verwüstung  von  Caamas  begleitet  hatten,  und  die  feige  und  verabscheuungs‐ würdige Rolle der Bothans dabei schilderte, konnte er fühlen, 

wie der Zorn der Menge sich schließlich jenem gedankenlosen  Irrsinn  näherte,  auf  den  er  nur  gewartet  hatte.  Langsam,  mit  Bedacht darauf achtend, daß die Bewegung für die, die um ihn  herumstanden,  den  Bann  nicht  brach,  schob  er  sich  auf  den  Teil  des  Forums  zu,  der  dem  Schiffahrtsunternehmen  am  nächsten lag. Klif mochte ein Genie der Demagogie sein, aber  er  war  es,  Navett,  der  genau  wußte,  wie  man  die  Stimmung  einer  Menge  maß  und  den  richtigen  Zeitpunkt  zum  Handeln  auswählte.  Er  hatte  es  fast  geschafft.  Navett  war  jetzt  in  Position,  das  Ziel, jene Schiffahrtsgesellschaft, lag in Reichweite. Er tauchte  eine  Hand  in  die  Tragetasche,  die  unauffällig  an  seiner  Seite  baumelte,  entnahm  ihr  die  Waffe  seiner  Wahl  und  wartete.  Nur noch ein paar Sekunden… und… jetzt!  »Gerechtigkeit für Caamas!« brüllte er. »Gerechtigkeit jetzt!«  Er hob den Arm, holte aus und schleuderte etwas auf das Bo‐ than‐Gebäude…  Die  überreife  Blicci‐Frucht  traf  genau  ins  Ziel,  klatschte  mit  einem  ekelerregenden  Geräusch  gegen  den  Eingang  und  hin‐ terließ einen leuchtenden roten Fleck.  Ein paar Duros, die in der Nähe standen, gaben ein erschro‐ ckenes  Keuchen  von  sich.  Doch  weder  ihnen  noch  irgend  je‐ mand sonst in der Menge blieb genug Zeit, um darüber nach‐ zudenken,  in  was  sie  hier  hineingezogen  wurden.  An  einem  halben  Dutzend  anderen  Stellen  des  Auflaufs  wurde  der  Ruf  nach  Gerechtigkeit  laut,  und  ein  halbes  Dutzend  weiterer  Früchte  klatschte  gegen  das  Gebäude.  »Gerechtigkeit  für  Caamas!«  brüllte  Navett  noch  einmal  und  warf  die  nächste  Blicci‐Frucht. »Vergeltung für den Völkermord!« 

»Vergeltung!«  nahm  irgendwer  den  Ruf  auf,  und  sofort  wurde  der  Schrei  von  neuen  Wurfgeschossen  begleitet.  »Ver‐ geltung für den Völkermord!« Navett warf die nächste Blicci‐ Frucht und noch eine…  …  dann  wurde  irgendwo  eine  nichtmenschliche  heisere  Stimme laut und fiel wie ein Echo in den Ruf nach Vergeltung  ein…  und  als  wäre  dies  irgendein  Zeichen  gewesen,  verwan‐ delte sich die Menge ebenso unvermittelt wie begeistert in ei‐ nen  Mob.  Ein  Regen  aus  Nahrungsmitteln  prasselte  auf  das  Gebäude nieder, angetrieben von der geistlosen Wut und dem  aufgestachelten  Zorn,  den  Klif  zuvor  so  wortgewandt  in  der  Menge erregt hatte.  Ein Zorn,  den  Navett  nicht für ein paar  Obstflecken zu ver‐ geuden gedachte. Er langte an der letzten Blicci‐Frucht in sei‐ ner Tasche vorbei  und  zog einen schartigen Stein heraus. Ge‐ walt erzeugt Gegengewalt, zitierte er stumm den alten Leitsatz  und warf den Stein.  Er  traf  das  angepeilte  Fenster,  zerschmetterte  das  Kunstglas  mit einem Splittern, das über dem Gebrüll des Mobs kaum zu  hören  war.  »Vergeltung  für  den  Völkermord!«  rief  Navett,  schüttelte die Faust gegen das Gebäude und nahm einen wei‐ teren Stein.  Die Menge lernte rasch. Der Regen aus Obst und Eiern ging  weiter, doch in ihn mischten sich bereits einige der Randsteine,  die  die  Fußwege  und  Blumenbeete  des  Platzes  säumten.  Na‐ vett  schleuderte  noch  einen  Stein,  während  sich  bereits  vier  weitere  Scheiben  in  gezackte  Löcher  verwandelten,  dann  gönnte  er  sich  einen  kurzen  Augenblick,  um  den  Himmel  ringsum  zu  mustern.  Nicht  einmal  wenn  man  sie  dermaßen 

überrumpelte,  würden  die  Behörden  von  Dordol  ewig  brau‐ chen, um zu reagieren.  Und da war sie, die erwartete Reaktion, näherte sich eilig aus  der  Richtung  des  Raumhafens:  drei  Luftgleiter  des  Zolls  in  leuchtenden  Farben  samt  einer  Eskorte  von  vielleicht  einem  halben  Dutzend  Düsenschlitten.  Da  sie  sich  sehr  schnell  fort‐ bewegten, würden sie den Platz in  weniger als zwei Minuten  erreichen.  Was  bedeutete,  daß  es  an  der  Zeit  war,  von  hier  zu  ver‐ schwinden.  Navett  ließ  eine  Hand  unter  die  Hemdbluse  zu  seinem  verborgenen  Komlink  gleiten  und  tippte  zweimal  auf  die  Ruftaste,  das  Signal  für  den  Rest  seines  Agitationsteams,  sich unverzüglich an die Ränder des Mobs zu begeben und im  Nachmittagssonnenschein  unterzutauchen.  Dann  griff  er  an  den  beiden  letzten  Steinen  in  seinem  Beutel  vorbei  und  zog  das letzte Geschenk an die Bothans daraus hervor.  Dabei handelte es sich um eine Granate. Allerdings um eine  ganz besondere Granate. Navett hatte sie persönlich vor zehn  Jahren, während der kurzen Rückeroberung der Welt Myomar  durch  das  Imperium  unter  dem  meteorhaften  Regime  des  Großadmirals Thrawn, der Hand eines toten myomaranischen  Widerstandskämpfers  entwunden.  Was  diese  besondere  Gra‐ nate  so  überaus  nützlich  machte,  war,  daß  jene  Widerstands‐ zelle  irgendwie  einen  Bith  dazu  überredet  hatte,  ihre  Waffen  zu bauen. Wenn man später die Überbleibsel der Granate un‐ tersuchte  –  was  sicher  geschah  –,  würde  die  Neue  Republik  unweigerlich zu der Schlußfolgerung gelangen, daß sogar die  im allgemeinen pazifistisch eingestellten Bith sich auf die Seite  der Anti‐Bothan‐Bewegung zu schlagen begannen. 

Vielleicht  kam  es  darauf  jedoch  schon  gar  nicht  mehr  an.  Vielleicht  hatten  die  Nichtmenschen  und  ihre  Freunde  das  Imperium schon so weit kleingekriegt, daß es auf nichts mehr  ankam, was Navett und seine Gruppe unternahmen.  Aber  soweit  es  ihre  Pflicht  anging,  spielten  derartige  Un‐ wägbarkeiten eigentlich ohnehin keine Rolle. Navett hatte die  Herrlichkeit des Imperiums gesehen, und auch dessen dunklere  Tage…  und  falls  diese  Herrlichkeit  nicht  wieder  zum  Leben  erweckt werden konnte, dann wollte er dabei helfen, es unter  der Asche der Neuen Republik zu begraben.  Er zog den Sicherheitsring, ließ den Zünder zurückschnalzen  und holte aus. Die Granate fiel sauber durch eines der zerbro‐ chenen  Fenster  im  oberen  Stockwerk  und  verschwand  im  In‐ nern  des  Gebäudes.  Er  hatte  den  Rand  der  Menge  halb  er‐ reicht,  als  sie  hochging,  das  Dach  zum  Einsturz  brachte  und  einen spektakulären Feuerball in den Himmel aufsteigen ließ.  Er  hatte  den  Platz  längst  hinter  sich  gelassen  und  wanderte  unter den übrigen Müßiggängern des Nachmittags unbehelligt  die Straße entlang, als die Behörden am Brandherd eintrafen.    Die Petition rollte bis zu ihrem Ende und offenbarte die lange  Auflistung  der  Unterzeichner.  Leia  hob  den  Blick  von  ihrem  Datenblock,  ihr  Magen  verkrampfte  sich.  Kein  Wunder,  daß  Präsident Gavrisom so ernst ausgesehen hatte, als er sie in sein  privates  Büro  führte.  »Wann  wurde  das  hier  übermittelt?«  fragte sie.  »Vor  annähernd  einer  Stunde«,  antwortete  Gavrisom.  Die  Spitzen  seiner  Flügel  fuhren  rastlos  über  die  Stapel  von  Da‐ tenkarten,  die  dringend  seiner  Aufmerksamkeit  bedurften. 

»Unter den gegebenen Umständen dachte ich, daß Sie und Rat  Fey’lya dies vor allen anderen sehen sollten.«  Leia  sah  Fey’lya  an.  Der  Bothan  saß  zusammengesunken  in  seinem  Sitz;  sein  Fell  lag  vollkommen  flach  am  Körper  an.  »Warum ich?« wollte Leia wissen.  »Weil  Sie  diejenige  sind,  die  das  Caamas‐Dokument  zuerst  gefunden hat«, erklärte Gavrisom und hob kurz den Schwanz  –  das  Schulterzucken  der  Calibops.  »Weil  Ihre  Welt,  wie  die  der Caamasi, unter Ihren Augen zerstört wurde, und  weil sie  ihre  Not  daher  besser  verstehen  können  als  die  meisten  än‐ dern.  Weil  Sie  als  verehrte  Heldin  des  Freiheitskampfes  noch  immer  über  großen  Einfluß  unter  den  Mitgliedern  des  Senats  verfügen.«  »Gegen  den  Einfluß  all  dieser  Unterzeichner  komme  ich  nicht  an«,  erwiderte  Leia  warnend  und  wies  auf  den  Daten‐ block. »Außerdem…« Sie zögerte und blickte abermals Fey’lya  an. »… bin ich nicht sicher, ob ich nicht mit ihnen darin über‐ einstimme, daß dies hier ein vernünftiger Kompromiß ist.«  »Ein  Kompromiß?«  hakte  Fey’lya  mit  erstorbener  Stimme  nach. »Dies ist kein Kompromiß, Rätin Organa Solo, damit ist  das Volk der Bothans dem Untergang geweiht.«  »Wir drei sind allein in diesem Raum, Rat Fey’lya«, erinnerte  ihn  Gavrisom  milde.  »Es  besteht  kein  Bedarf  an  rhetorischen  Übertreibungen.«  Fey’lya  sah  den  Calibop  an,  seine  Augen  waren  ebenso  tot  wie  seine  Stimme.  »Ich  ergehe  mich  hier  weder  in  Rhetorik  noch  in  Übertreibungen,  Präsident  Gavrisom«,  sagte  er  dann.  »Aber vielleicht begreifen Sie nicht, wieviel Zeit und Mühe es  kosten  würde,  eine  unbewohnte  Welt,  die  den  überlebenden 

Caamasi  angemessen  wäre,  auch  nur  ausfindig  zu  machen.«  Sein  Fell  sträubte  sich.  »Aber  auch  noch  darauf  zu  bestehen,  daß wir die Kosten dafür übernehmen, diese Welt gemäß den  ursprünglichen  Lebensbedingungen  der  Caamasi  umzufor‐ men…  Ein  derartiges  Unternehmen  können  wir  uns  unmög‐ lich leisten.«  »Ich  bin  mit  den  Kosten  eines  solchen  Unterfangens  ver‐ traut«,  konterte  Gavrisom  unverändert  geduldig.  »So  etwas  wurde zur Zeit der Alten Republik mindestens fünfmal unter‐ nommen.«  »Von  Völkern,  die  ihre  Macht  und  ihr  Reichtum  hochmütig  werden  ließen«,  schnappte  Fey’lya,  der  plötzlich  zum  Leben  erwachte.  »Das  Bothan‐Volk  verfügt  weder  über  Macht  noch  über Reichtum.«  Gavrison schüttelte die Mähne. »Kommen Sie, Rat, lassen Sie  uns ehrlich zueinander sein. Das gegenwärtige Gesamtvermö‐ gen  der  Bothans  reicht  aus,  um  ein  derartiges  Projekt  zu  de‐ cken. Natürlich würde es sich um ein schwerwiegendes Opfer  handeln,  aber  keines,  das  Sie  in  den  Ruin  treiben  würde.  Ich  möchte  weiter  darauf  hinweisen,  daß  dies  Ihre  beste  Chance  ist, diese Angelegenheit schnell und mit friedlichen Mitteln zu  bereinigen.«  Fey’lyas  Fell  richtete  sich  am  ganzen  Körper  steil  auf.  »Sie  verstehen nicht«, sagte er leise. »Das Gesamtvermögen, von dem  Sie sprechen, existiert nicht.«  Leia zog die Stirn kraus. »Wovon reden Sie da? Ich habe die  Wirtschaftsberichte selbst gesehen. Darin befinden sich seiten‐ lange Auflistungen von Bothan‐Besitz.«  Fey’lya  blickte  ihr  direkt  in  die  Augen.  »Das  sind  alles  Lü‐

gen«,  entgegnete  er.  »Das  alles  ist  nichts  weiter  als  eine  klug  eingefädelte Datenblock‐Illusion.«  Leia  sah  Gavrisom  an.  Die  ruhelosen  Flügel  hatten  sich  plötzlich  zu  bewegen  aufgehört.  »Wollen  Sie  damit  sagen«,  fragte  der  Calibop  bedächtig,  »daß  die  Führer  der  Vereinten  Bothan‐Clans in einen Schwindel verwickelt sind?«  Das  ohnehin  gesträubte  Fell  des  Bothan  richtete  sich  noch  weiter  auf.  »Es  sollte  bloß  eine  vorübergehende  Täuschung  sein«,  antwortete  er.  Er  hatte  düster  flehend  die  Stimme  ge‐ senkt. »So wie unsere finanziellen Schwierigkeiten ja auch nur  vorübergehend  sind.  Eine  Handvoll  falscher  geschäftlicher  Entscheidungen hat die Rücklagen der Vereinten Clans aufge‐ zehrt  und  uns  tief  verschuldet.  Dann  kam  diese  Kontroverse,  die  neue  Unsicherheit  brachte.  Wir  benötigten  dringend  neue  Investoren und Kontakte, also…«  Er  verstummte.  »Ich  verstehe«,  sagte  Gavrisom.  Seine  Stim‐ me war immer noch ganz ruhig, aber sein langes Gesicht zeig‐ te  einen  Ausdruck,  den  Leia  noch  nie  zuvor  an  ihm  wahrge‐ nommen hatte. »Sie bringen mich damit in eine äußerst unan‐ genehme  Situation,  Rat  Fey’lya.  Wie  genau  stellen  Sie  sich  mein weiteres Vorgehen vor?«  Fey’lyas  violette  Augen  trafen  die  hellblauen  des  Calibop.  »Wir  können  uns  davon  erholen,  Präsident  Gavrisom«,  versi‐ cherte er. »Es dauert nur seine Zeit. Die vorzeitige Enthüllung  dieser Information käme allerdings einer Katastrophe gleich –  nicht  allein  für  das  Volk  der  Bothans,  sondern  auch  für  jene,  die sich für uns verwendet haben.«  »Die Ihnen vertraut haben«, verbesserte Gavrisom kalt.  Fey’lyas  Augen  lösten  sich  von  dem  anklagenden  starren 

Blick. »Ja«, murmelte er, »die uns vertraut haben.«  Eine quälende Minute lang blieb es still im Raum. Dann sah  Gavrisom,  der  abermals  erregt  die  Mähne  schüttelte,  wieder  Leia an. »Sie sind eine Jedi, Rätin Organa Solo«, sagte er. »Als  solche verfügen Sie über die Weisheit von Äonen und werden  von der Macht geleitet. Ich bitte Sie um Ihren Rat.«  Leia seufzte. »Ich wünschte, ich könnte Ihnen einen geben«,  erwiderte sie.  »Haben Sie bei Ihrer Suche nach den Namen der Bothans, die  bei Caamas dabei waren, Fortschritte erzielt?«  »Noch  nicht«,  gab  Leia  zu.  »Unsere  Geheimdienstleute  be‐ schäftigen sich immer noch mit der ursprünglichen Datenkar‐ te, aber der Chef der Dechiffrierabteilung, Ghent, hat mir mit‐ geteilt, daß wir bereits alles haben, was wir jemals darauf fin‐ den werden. Außerdem durchforsten wir die alten imperialen  Archive auf Kamparas, Boudolayz und Obroaskai, doch bisher  sind wir auf nichts gestoßen.«  »Wahrscheinlich wurden diese Daten in der Sektion für Son‐ derberichte  aufbewahrt«,  sagte  Gavrisom  mit  einem  klagen‐ den  Seufzen.  »Also  unter  den  Aufzeichnungen,  die  von  den  imperialen  Streitkräften  vor  ihrem  Rückzug  befehlsgemäß  vernichtet wurden.«  »Wahrscheinlich«, nickte Leia. »Aber wir hoffen immer noch  darauf, daß irgendwo eine Kopie überlebt hat.«  »Eine vage Hoffnung.«  »Ja«, mußte Leia einräumen. »Fey’lya, wieviel Zeit benötigen  die Vereinten Clans, um wieder auf die Beine zu kommen?«  »Nach  unseren  jüngsten  Berechnungen  werden  wir  den  Lö‐

wenanteil  unserer  Schulden  binnen  drei  Monaten  beglichen  haben«, antwortete der Bothan. »Aber auch dann werden wir  noch  weit  von  der  finanziellen  Situation  entfernt  sein,  in  der  wir uns gegenwärtig befinden sollten.«  Gavrisom  gab  tief  in  der  Kehle  einen  mißbilligenden  Laut  von sich.  »Und wie lange, bis Sie fähig sind, um ein solches Projekt in  Angriff  zu  nehmen?«  fragte  Leia  und  tippte  auf  ihren  Daten‐ block.  Fey’lya  schloß  die  Augen.  »Zehn  Jahre  vielleicht.  Vielleicht  werden wir das auch nie mehr schaffen.«  Leia  wandte  sich  wieder  Gavrisom  zu.  »Ich  wünschte  wirk‐ lich,  ich  könnte  Ihnen  einen  Rat  geben,  Präsident  Gavrisom«,  sagte sie. »Aber im Augenblick sehe ich hier keinen gangbaren  Weg.«  »Ich  verstehe«,  gab  Gavrisom  zurück.  »Darf  ich  Sie  ermuti‐ gen,  darüber  zu  meditieren  und  nach  weiterer  Anleitung  durch die Macht zu suchen?«  »Das  werde  ich  ganz  sicher  tun«,  versprach  Leia.  »Eines  ist  jedoch  klar:  Die  Bothans  sind  nicht  dazu  in  der  Lage,  den  in  dieser  Petition  gestellten  Forderungen  in  absehbarer  Zeit  nachzukommen.«  »So  ist  es«,  nickte  Gavrisom  schwer.  »Ich  werde  also  versu‐ chen müssen, Zeit zu gewinnen.«  »Wie?  Indem  Sie  die  Petition  zur  Debatte  stellen?«  fragte  Leia skeptisch. »Das könnte riskant sein.«  »Mehr  als  bloß  riskant«,  stimmte  Gavrisom  zu.  »Wenn  ir‐ gend jemand sie als offizielle Gesetzesvorlage einbringt, könn‐

te es damit enden, daß der gesamte Senat sie ratifiziert. An dem  Punkt bliebe mir dann überhaupt kein Spielraum mehr.«  Leia verzog das Gesicht. Kein Spielraum für Gavrisom, und  noch weniger für die Bothans.  »Aber  wie  Sie  wissen,  verfügt  auch  der  Präsident  über  ge‐ wisse  Mittel  und  Wege«,  fuhr  der  Calibop  fort.  »Und  es  gibt  bestimmte parlamentarische Winkelzüge, auf die man biswei‐ len  zurückgreifen  kann.  Es  sollte  daher  möglich  sein,  diese  Neuigkeit noch eine Weile zurückzuhalten.«  Leia sah Fey’lya an. »Aber nicht zehn Jahre lang. Nein.«  Wieder entstand ein kurzes Schweigen. »Nun«, sagte Gavri‐ som  dann,  »wir  scheinen  im  Augenblick  wenig  unternehmen  zu können. Nur eines: Ich wünsche, daß die Wirtschaftsberich‐ te der Vereinten Clans darauf überprüft werden, ob die Situa‐ tion wirklich so ist, wie sie uns geschildert wurde. Rätin Orga‐ na  Solo,  sind  Sie  bereit,  zu  diesem  Zweck  nach  Bothawui  zu  reisen?«  »Ich?« fragte Leia überrascht. »Ich bin keine Finanzexpertin.«  »Die  Grundlagen  hat  Ihnen  Ihr  Vater  Bail  Organa  in  Ihrer  Jugend doch zweifellos beigebracht«, deutete Gavrisom an.  »Die  Grundlagen,  ja«,  gab  Leia  zurück.  »Das  ist  aber  auch  schon alles.«  »Mehr  werden  Sie  auch  nicht  brauchen«,  versicherte  Gavri‐ som  ihr.  »Sie  müssen  nicht  mit  den  gefälschten  Dokumenten  arbeiten, sondern mit den echten.« Er deutete mit einem Flügel  auf  Fey’lya.  »Man  wird  ihr  gestatten,  die  echten  einzusehen,  nicht wahr?«  »Selbstverständlich«, sagte Fey’lya, dessen Fell sich unglück‐

lich sträubte. »Ich verständige die Führer der Vereinten Clans  von Ihrem Kommen.«  »Sie werden nichts dergleichen tun«, widersprach Gavrisom  streng.  »Ihre  Führer  werden  in  keiner  Weise  benachrichtigt  werden.«  Fey’lyas  Augen  blitzten.  »Sie  beleidigen  die  Integrität  der  Clanführer, Präsident Gavrisom.«  »Das  können  Sie  sehen,  wie  Sie  wollen«,  versetzte  dieser.  »Gleichwohl wird es keine vorherige Warnung geben. Verges‐ sen  Sie  außerdem  nicht,  daß  Rätin  Organa  Solo  eine  Jedi  ist.  Wenn die Clanführer von ihrer Ankunft und ihrem Ansinnen  nicht  ehrlich  überrascht  sind,  so  wird  sie  dies  unverzüglich  erkennen.«  Leia  bewahrte  eine  ausdruckslose  Miene.  Tatsächlich  hatte  sie  den  durchschnittlichen  Bothan  stets  etwas  schwierig  zu  durchschauen gefunden, sie war sich daher nicht ganz sicher,  daß sie wirklich herauszufinden vermochte, ob die Clanführer  gewarnt worden waren.  Aber natürlich hatte Fey’lya davon keine Ahnung. »Ich ver‐ stehe«,  sagte  er  kleinlaut.  »Wann  wünschen  Sie,  daß  sie  ab‐ fliegt?«  »So  bald  wie  möglich«,  erwiderte  Gavrisom.  »Rätin  Organa  Solo?«  »Wir  können  wahrscheinlich  in  ein  paar  Stunden  aufbre‐ chen«,  erklärte  sie  und  ging  im  Geiste  rasch  eine  Liste  not‐ wendiger  Arrangements  durch.  Han  würde  sie  natürlich  be‐ gleiten wollen. Das brachte sie darauf, daß dies eine gute Ge‐ legenheit für sie beide sein mochte, ein paar Mußestunden mi‐ teinander zu verbringen. »Chewie und die Noghri können hier 

auf die Kinder aufpassen.«  »Die  Noghri«,  murmelte  Fey’lya  mit  einem  Anflug  von  Bit‐ terkeit  in  der  Stimme.  »Die  hätten  diesen  Devaronianer  auf  Wayland  besser  getötet.  Dann  wäre  nichts  von  alledem  ge‐ schehen.«  »Der Devaronianer hat nichts getan, was den Tod verdiente«,  sagte  Gavrisom  leise.  »Außerdem  sind  in  der  Galaxis  bereits  viel zu viele Lebewesen getötet worden.«  »Und weitere werden ihnen folgen«, konterte Fey’lya düster.  »Wäre es da ein so übler Handel, ein Leben zu opfern, um das  zu verhindern?«  »Das  ist  eine  Frage,  die  sich  alle  intelligenten  Lebewesen  ir‐ gendwann stellen«, entgegnete Gavrisom. »Für jene, die zivili‐ siert  zu  bleiben  wünschen,  kann  es  darauf  nur  eine  Antwort  geben.« Er breitete seine Flügel in Ruhestellung über Widerrist  und  Rücken  aus.  »Ich  danke  Ihnen  beiden  für  Ihr  Kommen,  Ratsmitglieder.  Wir  werden  die  Unterredung  später  fortset‐ zen.«    Mufti  Disra  legte  seinen  Datenblock  ab.  »Überaus  befriedi‐ gend«, meinte er und sah die anderen an. »Alles scheint recht  gut zu laufen.«  »Es  scheint  mir  eher  alles  recht  langsam  vonstatten  zu  ge‐ hen«,  widersprach  Flim  säuerlich,  lehnte  sich  in  seinen  Sitz  zurück  und  legte  die  Füße  auf  eine  Ecke  von  Disras  Ivrooy‐ Schreibtisch.  »Auf  unser  Konto  gehen  erst  –  mal  sehen  –  ein  paar Überfälle durch Piraten und vielleicht hundert kleine Un‐ ruhen.«  »Geduld ist eine Tugend«, erinnerte Tierce ihn. »Sogar unter 

Soldaten. Besonders unter Soldaten.«  »Ah, das muß das Problem sein«, konterte Flim. »Ich bin ein  Schwindler, kein Soldat. Aber ich kann Ihnen versichern, daß  man es sich in meiner Welt nicht leisten kann, die Dinge allzu  lange  schleifen  zu  lassen.  Man  muß  den  Köder  auslegen,  die  Leine straffen und den Fisch an Land ziehen – eins, zwei, drei.  Wenn man dem Fisch zuviel Zeit zum Nachdenken gibt, wird  man ihn verlieren.«  »Wir  werden  nichts  verlieren«,  beruhigte  Tierce  ihn.  »Ver‐ trauen Sie mir. Wir kochen hier schließlich ein delikates Süpp‐ chen – es muß bloß noch ein bißchen länger köcheln.«  »Dann  sollten  Sie  vielleicht  den  Herd  ein  wenig  anheizen«,  bemerkte  Flim.  »Das  hier  ist  meine  größte  Rolle;  und  bisher  sind die einzigen, die mich darin gesehen haben, Sie beide so‐ wie vier Sternzerstörer‐Captains. Wann kann ich mich endlich  richtig zeigen?«  »Wenn  Sie  so  weitermachen,  werden  Sie  sich  am  Ende  gar  nicht  zeigen«,  eröffnete  ihm  Disra,  der  sich  alle  Mühe  gab,  nicht die Nerven zu verlieren. Flim legte allmählich all die Al‐ lüren  und  Marotten  eines  selbstsüchtigen  Bühnenakteurs  an  den Tag – und diesen Typus hatte Disra seit jeher verachtet.  »Keine  Sorge«,  sagte  Tierce  beschwichtigend.  »Sie  erhalten  Ihre Chance, zumindest zu einer Privatvorstellung für die Re‐ bellen. Aber erst wenn wir wissen, wo uns so etwas am meis‐ ten nützt. Wir müssen zuerst herausfinden, welche nichtmen‐ schlichen Regierungen sich für schwere Sanktionen gegen die  Bothans  aussprechen  und  welche  für  Vergebung  und  friedli‐ che Schlichtung sind.«  »Was  bedeutet,  daß  Sie  sich  wahrscheinlich  vor  einem  Mon 

Calamari oder Duros zeigen müssen«, knurrte Disra. Er starrte  düster unter den Augenbrauen hervor auf Tierce. Dieser Plan  war einer der jüngsten verschrobenen Hinfalle des Gardisten,  und  Disra  war  sich  absolut  nicht  sicher,  ob  er  ihn  billigte.  Es  ging  hier  ausschließlich  darum,  daß  Flim  dazu  dienen  sollte,  die  imperialen  Streitkräfte  zu  motivieren,  und  nicht  darum,  der  Neuen  Republik  so  lange  Furcht  einzujagen,  bis  sie  wie  eine Flutwelle über sie kam.  »Der Tag ist näher, als es scheinen mag«, fuhr Tierce fort und  ignorierte  Disras  Einwurf.  »Unseren  Spionen  auf  Coruscant  sind  Gerüchte  über  eine  Petition  zu  Ohren  gekommen,  die  dem Präsidenten zugegangen sein soll. Wenn es ihnen gelingt,  an eine Kopie heranzukommen und diese in der Öffentlichkeit  zu verbreiten, sollte das den Prozeß eigentlich beschleunigen.  Nur noch wenige Tage, und wir können, denke ich, zur näch‐ sten Phase übergehen.«  »Das hoffe ich«, murrte Flim. »Übrigens, ich nehme an, es ist  Ihnen  nicht  entgangen,  daß  es  einen  sehr  einfachen  Weg  für  die  Neue  Republik  gibt,  diese  Krise  zu  bewältigen  und  uns  damit den Boden unter den Füßen wegzuziehen?«  »Natürlich«,  gab  Disra  mit  mühsam  gezügelter  Ungeduld  zurück.  »Sie  müssen  lediglich  herausfinden,  welche  Bothans  mit  Palpatines  Agenten  auf  Caamas  unter  einer  Decke  steck‐ ten.«  »Und  Sie  haben  die  nötigen  Schritte  unternommen,  um  zu  verhindern, daß dies geschieht?«  »Wofür  halten  Sie  mich?  Für  einen  Stümper?«  schnappte  Disra.  »Natürlich  habe  ich  das.  Die  einzigen  intakten  Auf‐ zeichnungen  darüber  befinden  sich  hier  auf  Bastion,  und  ich 

habe mich ihrer bereits angenommen.«  »So ganz stimmt das natürlich nicht«, warf Tierce nachdenk‐ lich  ein.  »Die  Aufzeichnungen  der  Allgegenwärtigkeitsbasis  auf Yaga könnten auch noch eine Kopie enthalten.«  Disra  sah ihn stirnrunzelnd  an. »Und warum  haben  Sie  bis‐ her noch nichts davon gesagt?«  »Das  Thema  Beschaffung  feindlicher  Information  stand  bis‐ her noch nicht auf der Tagesordnung«, entgegnete Tierce. »Ich  weiß, Sie haben die Archive von Bastion gesäubert; vermutlich  nahm ich daher an, daß Sie sich auch um die Kopien auf Yaga  Minor gekümmert hätten.«  »Das  habe  ich  nicht,  kann  ich  aber  nachholen«,  sagte  Disra.  »Ich starte heute abend noch nach Yaga Minor.«  »Das  ist  möglicherweise  keine  so  gute  Idee«,  gab  Tierce  zu‐ rück. »Daß Sie persönlich hinfliegen, meine ich. Der komman‐ dierende General der Basis kennt Admiral Pellaeon recht gut,  und  da  die  Bibliothek  von  Bastion  praktisch  vor  unserer  Tür  liegt, werden sie keine befriedigende Erklärung dafür vorbrin‐ gen  können,  daß  Sie  die  Aufzeichnungen  von  Yaga  durchge‐ hen wollen.«  Disra sah ihn an. »Und wer fliegt dann hin? Sie?«  »Ich bin die logische Wahl«, stellte Tierce fest. »General Hes‐ tiv  kennt  mich  weder  dem  Namen  nach  noch  von  Angesicht,  und  ich  kann  mit  einer  Geschichte  aufwarten,  die  mich  nicht  mit Ihnen in Verbindung bringt. Solange Pellaeons Rundreise  durch  das  Gebiet  des  Imperiums  ihn  nicht  zufällig  zur  glei‐ chen Zeit dorthin verschlägt, sollte es eigentlich keine Proble‐ me geben.«  »Abgesehen davon, wie Sie in die Sektion Sonderberichte hi‐

neinkommen wollen«, warf Disra ein.  Tierce zuckte die Achseln. »Ich verwende natürlich eine Ko‐ pie Ihres Kodeschlüssels.«  Die Furchen auf Disras Stirn vertieften sich. »Sie wissen, dies  ist  schon  das  zweite  Mal,  daß  Sie  diesen  Kodeschlüssel  von  mir  verlangen«, stellte  er  klar. »Man könnte sich fragen,  wes‐ halb  Sie  so  erpicht  darauf  sind,  ihn  in  die  Finger  zu  bekom‐ men.«  »Ist  es  Ihnen  lieber,  wenn  die  Rebellen  das  Caamas‐ Dokument  zuerst  in  die  Hand  bekommen?«  konterte  Tierce.  »Wovor  im  Namen  des  Imperiums,  haben  Sie  eigentlich  so  große Angst?«  »Ich  bin  mir  nicht  sicher«,  erwiderte  Disra  dunkel.  »Viel‐ leicht  davor,  daß  Sie  bloß  Ihre  Nase  in  diese  Berichte  stecken  wollen und von Anfang an nichts anderes im Sinn hatten. Viel‐ leicht  denke  ich  ja,  daß  Sie  verschwinden  und  uns  im  Regen  stehen  lassen,  sobald  Sie  haben,  wonach  auch  immer  Sie  su‐ chen mögen.«  Tierce  lächelte  vage.  »Vor  einer  Minute  haben  Sie  sich  noch  darüber  erregt,  daß  ich  angeblich  Ihr  großes  Projekt  an  mich  reißen  will«,  bemerkte  er.  »Und  jetzt  machen  Sie  sich  Sorgen,  ich könnte ihm plötzlich den Rücken kehren? Entscheiden Sie  sich.«  »Sie  haben  meine  Frage  nicht  beantwortet«,  sagte  Disra  bis‐ sig. »Wonach suchen Sie wirklich in diesen Berichten?«  »Ich weiß es nicht«, antwortete Tierce. »Der Imperator hatte  viele  Geheimnisse,  und  einige  davon  sollten  uns  von  Nutzen  sein. Welche das sind, kann ich nicht wissen, solange ich nicht  die Möglichkeit hatte, sie mir anzusehen, oder?« 

»Wenn alles so einfach und korrekt ist, warum haben Sie die‐ sen  Vorschlag nicht schon ganz  am Anfang gemacht?«  wollte  Disra wissen. »Ich hätte Sie die Archive von Bastion durchse‐ hen lassen können.«  »Schön«,  sagte  Tierce.  »Bedenken  Sie,  ich  hatte  Sie  darum  gebeten.  Wie  auch  immer,  wenn  ich  einen  Blick  in  die  Auf‐ zeichnungen  auf  Yaga  Minor  werfen  kann,  setzt  mich  das  in  die Lage, zwei Probleme auf einmal zu lösen, nicht wahr?«  Disra verzog das Gesicht, denn auf Yaga Minor wäre er nicht  in der Lage, dem Gardisten bei seinen Nachforschungen über  die Schulter zu blicken.  Hinter dem Schreibtisch rührte sich Flim. »Wir sitzen alle im  selben  Boot,  Exzellenz«,  erinnerte  er  Disra.  »Welche  Geheim‐ nisse  Major  Tierce  auch  ausgraben  mag,  er  kann  unmöglich  allein den gleichen Nutzen daraus ziehen wie im Verbund mit  uns beiden.«  »Genau«, sagte Tierce nickend. »Ich gehe sogar noch weiter:  Einer der Berichte, den ich zu finden hoffe, wird ausschließlich  im Verbund mit Ihnen beiden von Nutzen sein.«  Er war also wirklich hinter etwas Bestimmtem her. »Und die‐ ses mysteriöse Geheimnis ist…?« soufflierte Disra.  Tierce  schüttelte  den  Kopf.  »Ich  bitte  um  Verzeihung,  aber  ich  brauche  ohne  Zweifel  Ihrer  beider  Unterstützung,  um  Nutzen daraus zu ziehen, aber es ist gut möglich, daß Sie bei‐ de mich nicht dazu brauchen. Nichts für ungut, aber an diesem  Punkt ziehe ich es vor, unentbehrlich zu bleiben.«  Disra schnitt ein Gesicht, doch er konnte erkennen, daß die‐ ser  Teil  der  Unterredung  nun  abgeschlossen  war.  Er  hatte  Tierce soweit gebracht, wie der Ehrengardist es zulassen woll‐

te,  und  dabei  alles  erfahren,  was  er  erfahren  sollte  –  und  das  war’s.  Zumindest  für  den  Moment.  »Als  der  Meistertaktiker  unse‐ rer kleinen Gruppe sind Sie nach wie vor unentbehrlich«, rief  Disra  dem anderen  ins  Gedächtnis  und  machte  eine  wegwer‐ fende  Handbewegung.  »Aber  falls  Sie  sich  danach  ein  wenig  sicherer fühlen…«  Er unterbrach sich, als aus dem Schreibtisch ein leises Piepen  ertönte. »Was ist das?« fragte Flim.  »Mein privates Kom«, erwiderte Disra, öffnete stirnrunzelnd  die  Schublade  und  warf  einen  Blick  auf  den  Zugangskode.  Was, im Namen des Imperiums…?  »Wollen Sie nicht antworten?« drängte Flim.  »Bleiben Sie außer Sicht«, warnte Disra knapp und stellte die  Verbindung her. »Sie beide!«  Er  straffte  sich,  wandte  sich  dem  Display  auf  dem  Schreib‐ tisch  zu  und  verlieh  seinem  Gesicht  einen  strengen  und  ho‐ heitsvollen  Ausdruck.  Der  Statusreport,  der  auf  der  Anzeige  zu sehen gewesen war, wich jetzt einem Gesicht…  »Also,  Disra«,  schnarrte  die  Stimme  von  Captain  Zothip.  »Lassen Sie hören. Was, zum Henker, ist los?«  »Das heißt immer noch Euer Exzellenz, Captain«, verbesserte  Disra ihn. »Und ich wollte Ihnen soeben dieselbe Frage stellen.  Sie kennen die Regeln bezüglich der Kontaktaufnahme mit mir  auf diesem Weg.«  »Zu Vader mit Ihren Regeln. Ich will wissen…«  »Sie kennen die Regeln«, wiederholte Disra, und die schiere  Eiseskälte  in  seiner  Stimme  brachte  den  anderen  irgendwie 

zum  Schweigen.  »Dieser  Kanal  darf  nur  im  äußersten  Notfall  benutzt  werden.«  Er  hob  die  Augenbrauen.  »Oder  wollen  Sie  mir etwa mitteilen, daß etwas passiert ist, womit die Cavrilhu‐ Piraten nicht fertig werden?«  »Oh,  wir  sind  bereits  damit  fertig  geworden«,  versetzte  Zo‐ thip  bösartig.  »Es  hat  mich  zwei  Männer  und  einen  meiner  besten  Stützpunkte  gekostet,  aber  wir  sind  damit  fertig  ge‐ worden.  Was  ich  von  Ihnen  wissen  will,  ist,  wie  und  warum  Luke Skywalker uns so ganz nebenbei einen Besuch abstatten  konnte?«  Disra furchte die Stirn. »Wovon reden Sie überhaupt?«  »Führen  Sie  mich  nicht  an  der  Nase  herum,  Disra«,  warnte  Zothip. »Skywalker war auf Kauron und hat nach Ihren kost‐ baren Klonen gefragt. Er ist aus unserer Jedi‐Falle entkommen,  und am Ende mußten wir alles hochjagen und uns absetzen.«  »Ich trauere mit Ihnen um Ihren Verlust«, gab Disra sarkas‐ tisch zurück. »Aber was hat das mit mir zu tun?«  »Was  hat  es  nicht  mit  Ihnen  zu  tun?«  schoß  Zothip  zurück.  »Zuerst ziehen Sie ohne Erklärung all Ihre Klone ab, und jetzt  schneit auf einmal Skywalker bei uns herein.« Die Augen des  Freibeuters wurden hart. »Wissen Sie, was ich denke? Ich den‐ ke, Sie  haben beschlossen, daß Sie uns nicht  länger brauchen,  und  Skywalker  auf  unsere  Fährte  gesetzt,  damit  er  uns  nach  Möglichkeit den Garaus macht. Was sagen Sie dazu?«  »Ich sage, daß ich einen Piraten vor mir habe, der die Nerven  verloren hat«, antwortete Disra unverblümt. »Was, im Namen  des  Imperiums, würde  ich  durch  die  Vernichtung  der  Cavril‐ hu‐Piraten  gewinnen?  Vorausgesetzt,  ich  könnte  eine  solche  Heldentat überhaupt vollbringen?« 

»Sagen  Sie  es  mir«,  bohrte  Zothip.  »Ich  habe  gehört,  daß  Admiral Pellaeons Leute um die Stiefel unserer Geschäftspart‐ ner auf Muunilinst und Borgo Prime herumgeschnüffelt sind.  Vielleicht  versuchen  Sie  ja,  die  Brücken  hinter  sich  abzubre‐ chen,  bevor  Pellaeon  uns  miteinander  in  Verbindung  bringen  kann.«  Disra  schnaubte  verächtlich.  »Lassen  Sie  mich  Ihnen  etwas  sagen: Ich mache mir keine Sorgen um Admiral Pellaeon, und  auch  Sie  oder  sonst  jemand  in  der  Galaxis  haben  absolut  kei‐ nen Grund, sich um ihn Gedanken zu machen. Jedenfalls nicht  mehr lange.«  »Ist  das  so?«  entgegnete  Zothip  und  kratzte  die  Haut  unter  dem zottigen schwarzen Bart. »Und ich dachte, gute Imperiale  würden sich nicht mehr gegenseitig umbringen.«  »Es  wird  ihn  auch  niemand  umbringen«,  versicherte  Disra  ihm mit einem selbstgefälligen Grinsen. »Er wird einfach keine  Bedrohung mehr darstellen, das ist alles.«  Neben dem Schreibtisch verkniff sich Tierce eine Bemerkung  und  griff  sich  Disras  Datenblock.  »Klar,  sicher,  wie  auch  im‐ mer«,  sagte  Zothip.  »Aber  was  hat  Skywalker  dann  hier  ge‐ wollt?«  Disra  zuckte  die  Achseln  und  beobachtete  Tierce  aus  den  Augenwinkeln. Der andere schien wie besessen eine Nachricht  zu  kritzeln.  »Vielleicht  hat  er  Sie  während  jenes  verpfuschten  Jobs bei Iphigin erkannt«, schlug er Zothip dann vor. »Sie ha‐ ben  doch  selbst  gesagt,  daß  die  Schiffe,  die  sie  von  dort  ver‐ trieben haben, ein YT‐1300 und ein X‐Flügler waren. Solo und  Skywalker also.«  »Das  könnte  hinhauen,  schätze  ich«,  gab  der  Pirat  mit  ver‐

schnupfter Würde zu. »Trotzdem wußte er, daß ich Ihre Klone  einsetze.«  Disra  machte  eine  wegwerfende  Handbewegung.  »Er  jagt  Phantomen  nach,  Zothip,  und  versucht  eine  Verbindung  –  ir‐ gendeine  Verbindung  –  zwischen  Ihnen  und  dem  Imperium  herzustellen. Er weiß überhaupt nichts.«  »Vielleicht  nichts  über  Sie«,  brummte  Zothip.  »Aber  was  ist  mit  mir?  Er  ist  ein  Jedi‐Meister,  schon  vergessen?  Er  könnte  jeden nur erdenklichen Schmutz von meinen Männern aufge‐ fangen haben.«  »Dann  hätten  Sie  sich  besser  für  eine  Weile  irgendwo  ver‐ graben,  wie?«  gab  Disra  zu  bedenken,  der  fühlte,  daß  seine  Geduld an den Rändern auszufransen begann. Er hatte für so  etwas  einfach  keine  Zeit.  »Irgendwo,  wo  der  große  böse  Jedi  Sie nicht finden kann.«  Zothips  Miene  umwölkte  sich.  »Versuchen  Sie  nicht,  mich  wie  ein  lästiges  Kind  abzuwimmeln,  Disra«,  sagte  er;  seine  Stimme  zitterte  unter  der  leisen  Drohung.  »Unsere  Partner‐ schaft war bisher für uns beide extrem gewinnbringend. Aber  Sie wollen mich nicht zum Feind haben, glauben Sie mir.«  »Das  gilt  für  beide  Seiten«,  konterte  Disra.  Tierce  hatte  in‐ zwischen beendet, was immer er aufgeschrieben haben moch‐ te,  war  um  den  Schreibtisch  vor  Disra  getreten  und  hielt  den  Datenblock  so  über  das  Display,  daß  Disra  das  Geschriebene  lesen  konnte.  »Glauben  Sie  mir  das«,  fuhr  der  Mufti  fort  und  beugte  sich  wie  zufällig  vor,  als  er  gleichzeitig  zu  lesen  und  reden versuchte. »Es besteht kein Anlaß, unsere Beziehung aus  einem derart trivialen Grund zu lösen.«  »Trivial?« wiederholte Zothip. »Sie nennen den Verlust eines 

bedeutenden Stützpunkts trivial?«  »Übrigens  kann  ich  Ihnen  einen  neuen  Job  anbieten«,  sagte  Disra, lehnte sich wieder zurück und warf Tierce ein schmales  Lächeln  zu. Ein  weiterer Punkt ging an  ihren Meistertaktiker.  »Das heißt, wenn Sie interessiert sind.«  Zothip musterte Disras Gesicht voller Mißtrauen. »Ich höre.«  »In  ungefähr  drei  Wochen  wird  Admiral  Pellaeon  mit  der  Schimäre  den  imperialen  Raum  verlassen,  um  bei  Pesitiin  an  einem  Geheimtreffen  teilzunehmen«,  berichtete  Disra.  »Ich  möchte, daß Sie ihn dort angreifen.«  Zothip lachte –  es klang wie das einsame Bellen eines Ram‐ phyx.  »Alles  klar,  Disra.  Ein  Angriff  auf  einen  imperialen  Sternzerstörer  mit  ein  paar  Telgorn‐Friedensstiftern  und  viel‐ leicht  ein  oder  zwei  Kaloth‐Schlachtkreuzern.  Klar,  kein  Prob‐ lem.«  »Ich  rede  nicht  von  einem  Angriff,  der  irgendwelche  ernsthaften  Schäden  herbeiführen  soll«,  erwiderte  Disra  ge‐ duldig. »Es genügt, wenn er unter Feuer gerät. Das können Sie  doch schaffen, oder?«  »Sicher  kann  ich  das«,  gab  Zothip  zurück.  »Die  Frage  ist  bloß: Warum sollte ich?«  »Weil ich Ihnen für diese Störung des imperialen Schiffsver‐ kehrs  mehr  als  Ihren  üblichen  Lohn  bezahle.«  Disra  ließ  die  Stimme zu einem weichen Schnurren herabsinken. »Und weil  die Cavrilhu‐Piraten, wenn Sie es tun, die ersten sein werden,  die die Ernte einfahren, wenn das alles vorbei ist.«  »Sie  erwarten  also,  daß  genug  Gewinn  für  alle  heraus‐ springt?« 

»Mehr als Sie sich vorstellen können«, versicherte Disra.  Zothip  schnaubte.  »Sie  wären  überrascht,  wieviel  ich  mir  vorstellen  kann«,  sagte  er.  Doch  sein  starrer  Blick  war  einer  gewissen inneren Einkehr gewichen. »Also gut, ich bleibe noch  eine Weile dabei. Pesitiin, sagen Sie?«  »Gut«,  entgegnete  Disra.  »Noch  etwas:  Ich  will,  daß  alle  Schiffe,  die  Sie  gegen  die  Schimäre  einsetzen,  corellianische  Hoheitszeichen tragen.«  »Ach  ja?«  sagte  Zothip  und  kratze  sich  abermals  unter  dem  Bart. »Aus irgendeinem bestimmten Grund?«  »Aus dem gleichen Grund, aus dem es mir gleich ist, ob Sie  ihm tatsächlich Schaden zufügen«, antwortete Disra. »Weshalb  sehen Sie nicht zu, ob Sie selbst dahinterkommen können?«  »Das werde ich«, versprach Zothip. »In der Zwischenzeit se‐ hen  Sie  zu,  ob  Sie  dahinterkommen,  wie  Sie  die  Prämie  auf  unser Konto überweisen können, klar?«  Disra  lächelte  dünn.  »Es  ist  ein  Vergnügen,  mit  Ihnen  Ge‐ schäfte zu machen, Captain Zothip.«  »Wie  immer,  Mufti  Disra«,  gab  der  andere  zurück.  »Wir  bleiben in Kontakt.«  Das Display wurde schwarz. »Das nächste Mal bitte über die  normalen  Kanäle,  wenn  ich  bitten  darf«,  murmelte  Disra  in  Richtung des leeren Bildschirms und sank ein wenig in seinem  Sessel  zusammen.  Unterredungen  mit  Zothip  ließen  ihn  je‐ desmal mit einem Gefühl der Erschöpfung zurück. »Auf jeden  Fall sollte uns das eine Zeitlang vor ihm bewahren.«  »Und  uns  einen  nützlichen  Dienst  erweisen  lassen«,  warf  Tierce  ein,  zog  den  Datenblock  zurück  und  schaltete  ihn  ab. 

»Hier  haben  wir  noch  eine  militärische  Tugend  für  Sie,  Flim:  Trenne  dich  nie  von  Verbündeten,  ehe  du  nicht  vollkommen  sicher bist, daß du sie nicht mehr brauchst.«  »Wir  vom  Rand  haben  eine  ähnliche  Regel«,  bemerkte  Flim  trocken. »Natürlich nicht so wortreich formuliert. Um was ge‐ nau ging es eben eigentlich?«  »Was meinen Sie: Zothips Überfall auf Pellaeon?« fragte Dis‐ ra.  »Das mit dem Überfall habe ich schon verstanden«, antwor‐ tete Flim. »Sie wollen Pellaeon dazu bringen, daß er glaubt, die  Neue  Republik  habe  sein  Friedensangebot  zurückgewiesen  und falle ihm statt dessen in den Rücken.«  Disra  sah  den  Schwindler  an  und  wölbte  eine  Augenbraue.  »Sehr gut. Sie lernen. Obwohl man im nachhinein immer kla‐ rer sieht.«  »Sie  sind  zu  freundlich«,  sagte  Flim  und  neigte  leicht  den  Kopf  zu  einem  angedeuteten  militärischen  Gruß.  »Was  ich  nicht  verstehe:  Wieso  corellianische  Hoheitszeichen  statt  der  Insignien der Neuen Republik.«  »Weil  es  sonst  zu  offensichtlich  wäre«,  erklärte  Tierce  ihm.  »Es würde so aussehen, als hätte ganz Coruscant die Idee eines  Treffens  rundheraus  abgelehnt.  Und  Pellaeon  weiß,  daß  dies  nicht passieren wird; er würde das abgekartete Spiel also leicht  durchschauen.«  »Auf  diese  Weise  wird  es  so  aussehen,  als  wäre  es  nur  der  Corellianer Bel Iblis, der ihm die kalte Schulter zeigt«, ergänzte  Disra.  »Indem  wir  vorgeben,  daß  es  sich  ausschließlich  um  Verbände  der  corellianischen  Defensivkräfte  handelt,  haben  wir  außerdem  eine  mögliche  Erklärung  dafür,  weshalb  keine 

Sternkreuzer  oder  andere  Großkampfschiffe  an  dem  Angriff  beteiligt sein werden.«  »Richtig«,  nickte  Tierce.  »Bedenken  Sie  darüber  hinaus:  Wir  wollen ja gar nicht, daß Pellaeon seine Kapitulationsidee voll‐ kommen aufgibt, zumindest vorläufig nicht. Falls Bel Iblis sei‐ nen  Vorstoß  ohne  offizielle  Absprache  ablehnt,  wird  Pellaeon  sich  als  nächstes  jemand  anderen  für  seine  Annäherung  su‐ chen.  Das  dauert  seine  Zeit,  was  uns  entgegenkommt.  Und,  was noch wichtiger ist, es zwingt ihn, Pesitiin vor der Zeit zu  verlassen.  Selbst  wenn  genug  von  Major  Vermels  Nachricht  durchgekommen ist, bevor er bei Morishim in Gefangenschaft  geriet,  werden  Pellaeon  und  Beb  Iblis  einander  aller  Wahr‐ scheinlichkeit nach verpassen.«  »Es sollte eigentlich alles glattgehen«, meinte Disra leichthin  und  verbarg  sorgfältig  seine  Verblüffung.  Der  letzte  Teil  war  ihm  erst  aufgegangen,  als  Tierce  davon  sprach,  aber  er  hatte  nicht vor, dies einen der beiden anderen merken zu lassen.  Tierce war, so wie die Dinge lagen, viel zu überheblich, und  Flim erwies für Disras Geschmack keinem seiner Vorgesetzten  auch  nur  annähernd  genug  Respekt.  »Bis  es  soweit  ist,  muß  unser  Süppchen,  um  mit  Major  Tierce’  Worten  zu  sprechen,  noch ein wenig mehr aufgerührt werden. Ist alles bereit für die  Unruhen auf Bothawui?«  »Wenn  nicht,  fehlt  jedenfalls  nicht  mehr  viel«,  antwortete  Tierce. »Ich denke, wir setzen Navetts Team ein – diese Leute  haben sich als äußerst erfolgreiche Agitatoren erwiesen.«  »Und dieser Aufstand soll absolut unvergeßlich sein«, nickte  Disra. »Ich werde sie anweisen, ihre Positionen einzunehmen.«  »Außerdem sollten wir die restlichen Schläfer‐Gruppen akti‐

vieren«, sagte Tierce. »Es ist unmöglich, den zeitlichen Ablauf  exakt  zu  planen,  und  sie  sollen  schließlich  nicht  inaktiv  sein,  wenn wir sie brauchen.«  »Ja.«  Disra  schnaubte  leise.  »Vor  allem  wenn  man  bedenkt,  daß  der  echte  Thrawn,  wenn  er  die  Verantwortung  trüge,  die  gesamte Operation wahrscheinlich bis auf die Minute geplant  hätte.«  »Wir  müssen  eben  unser  Bestes  geben«,  entgegnete  Tierce.  »Vertrauen  Sie  darauf,  daß  unsere  Feinde  ihren  Teil  zum  Ge‐ lingen unseres Vorhabens beitragen werden. In der Zwischen‐ zeit mache ich mich auf den Weg nach Yaga Minor und sehe,  was ich dort ausgraben kann.«  »Hoffen  wir,  daß  Sie  etwas  von  Nutzen  finden«,  sagte  Flim  und  stand  auf.  »Eines  beschäftigt  mich  noch:  Was  hatte  Sky‐ walker wirklich auf einem Stützpunkt der Cavrilhu‐Piraten zu  suchen?«  »Wie  ich  Zothip  schon  gesagt  habe,  wollte  er  eine  Verbin‐ dung  zwischen  uns  und  ihnen  herstellen«,  antwortete  Disra.  »Keine Sorge, es wird ihm nicht gelingen.«  »Aber…«  »Außerdem  kommt  es  darauf  auch  gar  nicht  mehr  an«,  schnitt Tierce ihm das Wort ab. »Schon sehr bald werden eine  Handvoll Klone und eine ungewaschene Piratenbande die ge‐ ringste Sorge der Neuen Republik sein.« 

11. Kapitel    Die Tür glitt auf, und Karrde trat auf die Brücke der Wild Kun‐ de. »Guten Tag, meine Herren«, sagte er. »Wie geht’s uns denn  heute?«  »Fein,  Boß«,  antworte  Dankin,  der  sich  auf  dem  Platz  des  Steuermanns  halb  herumdrehte,  um  ihn  anzusehen.  »Wir  ha‐ ben  das  Nosken‐System  fast  erreicht  –  nur  noch  ein  paar  Mi‐ nuten.«  »Gut.«  Karrde  machte einen Schritt auf  ihn  zu und ließ den  Blick rasch über die übrigen Stationen schweifen…  …  und  verharrte  mit  einem  Stirnrunzeln.  »Was  treiben  Sie  denn da oben, H’sishi?« fragte er die junge togorianische Frau  an den Sensoren.  Sie  drehte  sich  zu  ihm  um.  »Dankin  hat  mich  gebeten,  die  Station zu übernehmen«, erwiderte sie; ihre miauende Stimme  war  ebenso  katzenhaft  wie  ihr  Äußeres.  »Er  meinte,  es  sei  an  der  Zeit  für  mich,  praktische  Erfahrungen  auf  der  Brücke  zu  sammeln.«  Karrde sah Dankin an. Dieser starrte wieder prüfend auf sei‐ ne Konsole und wandte ihm das Profil zu, doch Karrde konnte  trotzdem  erkennen,  daß  er  sich  insgeheim  köstlich  amüsierte.  »Ja,  ich  schätze,  es  ist  an  der  Zeit«,  sagte  er  und  warf  einen  zweiten Blick zu allen Stationen rund um die Kommandobrü‐ cke.  Odonnl,  der  den  Platz  des  Kopiloten  einnahm,  trug  die  gleiche  Miene  zur  Schau  wie  Dankin;  für  Pormfil  an  der  Ma‐ schinenüberwachung  galt  das  gleiche,  obwohl  der  Ausdruck 

auf seinem kerestianischen Gesicht ein wenig schwerer zu be‐ stimmen war. Sogar Chin, der sich neuen Rekruten gegenüber  in jüngster Zeit eher großväterlich gab, versuchte sich ein Lä‐ cheln  zu  verkneifen.  »Haben  Sie  in  letzter  Zeit  einen  Status‐ check  hinsichtlich  der  Operationslinie  durchgeführt?«  fragte  Karrde und wandte sich wieder H’sishi zu.  Die gelben Augen der Togorianerin schienen sich ein wenig  zu umwölken. »Nein, Hauptmann«, antwortete sie. »Wenn Sie  wünschen, werde ich das sofort nachholen.«  »Ich  bitte  darum«,  nickte  Karrde.  »Die  Datenkarte  zu  den  Operationslinien finden Sie im Computerraum.«  »Zu  Befehl«,  gab  H’sishi  zurück  und  wand  ihren  geschmei‐ digen Körper aus dem Sitz. Sie trottete über die Brücke, wobei  ihre  Krallen  leise  auf  dem  Metallboden  klickten,  und  ver‐ schwand.  »Na  schön,  meine  Herren«,  bemerkte  Karrde  gutmütig,  als  die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte. »Soll ich mal raten?«  »Oh, es ist gar nichts Besonderes, Boß«, erklärte Dankin und  strahlte eine zutiefst unglaubwürdige Schuldlosigkeit aus. »Es  ist bloß so, daß sie vorher noch nie bei Terrik gewesen ist. Ich  dachte, sie hat hier oben den besten Überblick, sobald wir aus  dem Hyperraum kommen.«  »Ah«,  entgegnete  Karrde.  »Und  Sie  waren  wohl  neugierig,  wie hoch sie springen kann?«  »Na ja… ja, vielleicht ein bißchen«, gab Dankin zu.  »Wir  sehen  darin  ihre  vollständige  Aufnahme  in  die  Mann‐ schaft«, fügte Odonnl hilfsbereit hinzu.  »Verstehe.«  Karrde  blickte  in  die  Runde  der  anderen,  die 

jetzt  alle  unverhohlen  grinsten.  »Ich  nehme  an,  es  ist  Ihnen  nicht  in  den  Sinn  gekommen,  daß  es  ein  kleines  bißchen  ris‐ kant sein könnte, eine Togorianerin so zu erschrecken?«  »Oh,  kommen  Sie,  Captain,  das  ist  doch  nur  ein  harmloser  Spaß«,  gab  Odonnl  zurück.  »Mara  läßt  uns  das  immer  tun,  wenn sie auf der Brücke ist.«  »Außerdem,  Captain,  haben  diese  Dinge  eine  lange  Traditi‐ on«, meinte Chin. »Billeys Leute haben doch sicher auch etwas  in der Art ausgeheckt, als Sie zu ihnen gestoßen sind, was?«  »Billeys  Leute  waren  nicht  annähernd  so  einfallsreich«,  gab  Karrde  trocken  zurück.  »Und  was  Mara  anbetrifft,  so  ist  sie  damit  entschuldigt,  daß  sie  die  Macht  einsetzen  will,  um  zu  erforschen,  wie  neue  Besatzungsmitglieder  sich  unter  Streß  verhalten.«  »Das klingt für mich nach einem plausiblen Grund«, äußerte  Dankin. »Besser, wir stellen sie hier auf die Probe, als daß wir  erst  herausfinden,  wie  sie  reagiert,  wenn  wir  mitten  in  einer  echten Krise stecken.«  »Sie  sehen  die  Sache  natürlich  von  der  vernünftigen  Seite«,  stellte Karrde fest.  »Wahrscheinlich«,  pflichtete  Dankin  ihm  schamlos  bei.  »Kommen  Sie,  Boß,  seien  Sie  nicht  so.  Es  war  hier  in  letzter  Zeit verflucht ruhig.«  »Eine in Wut geratene Togorianerin würde die Monotonie al‐ lerdings  unterbrechen«,  erwiderte  Karrde  und  schüttelte  den  Kopf.  Aber  Spaß  beiseite,  ihr  Argument  hatte  etwas  für  sich.  Wenn H’sishi ein ständiges Besatzungsmitglied der Wild Karr‐ de werden sollte, mußten sie tatsächlich herausfinden, wie sie  gleichsam  unter  Schock  reagierte.  »Dann  sollen  Sie  auch  den 

Schaden haben. Ich schaue von dort drüben aus zu.«  Er trat an die Spundwand neben Chin, von wo aus er einen  guten  Blick  auf  die  Sensorstation  hatte;  währenddessen  glitt  die  Tür  auf,  und  H’sishi  trottete  zurück  auf  die  Brücke.  »Ich  habe die Datenkarte, Hauptmann Karrde«, sagte sie und hielt  sie in die Höhe, damit er sich vergewissern konnte.  »Schön«,  bestätigte  Karrde  und  warf  einen  raschen  prüfen‐ den Blick auf die Beschriftung. H’sishi sprach recht gut Basic,  doch ihre Fähigkeiten, Aurebesh zu lesen, waren immer noch  ein  wenig  beschränkt.  »Machen  Sie  weiter  und  bereiten  Sie  alles vor.«  »Zu  Befehl.«  Sie  nahm  wieder  vor  ihrer  Konsole  Platz;  die  mit Krallen ausgestatteten Hände huschten feinfühlig über die  Kontrollen.  »Und los geht’s«, sagte Dankin. »Sublichtantrieb bereit.«  Er  griff  nach  den  Hebeln  und  zog  sie  langsam  an  sich.  Der  gesprenkelte Himmel wurde zu Sternlinien, die wiederum zu  Sternen kollabierten…  …  und  da,  unmittelbar  in  Flugrichtung,  trieb  ein  imperialer  Sternzerstörer in der Schwärze.  H’sishi  sprang  halb aus dem Sitz und zischte  etwas in  ihrer  Sprache,  das  sich  bösartig  anhörte  und  das  Karrde  nicht  mit‐ bekam. Ihr Maul stand weit offen, die Fangzähne schimmerten  weiß  im  fahlen  Licht  der  Brückenbeleuchtung.  Das  Fell  stand  ihr steil vom Körper ab und ließ sie noch einmal um die Hälfte  größer  als  sonst  aussehen;  in  den  gelben  Augen  loderte  ein  irrsinniges Feuer.  »Sternzerstörer direkt voraus«, rief Dankin aus, als wäre dies  irgend  jemandem  auf  der  Brücke  entgangen.  »Entfernung, 

zwei Kilometer.«  »Er richtet seine Turbolaser‐Batterien auf uns«, warf Odonnl  ein. »Pormfil?«  »Maschinen volle Kraft voraus«, rief der Kerestianer, dessen  acht Nasenlöcher rhythmisch bebten.  »Ich fange eine Übertragung auf, Captain«, meldete Chin.  »Bestätigen Sie«, sagte Karrde und ließ H’sishi nicht aus den  Augen. Sie hatte sich nicht weiter gerührt, stand jedoch immer  noch  halb  aufgerichtet  und  starrte  den  dunklen  Schiffsrumpf  und die glitzernden Lichter vor ihnen an. »Aktivieren sie einen  Traktorstrahl?«  Ungefähr  eine  halbe  Sekunde  lang  schien  die  Brückenbesat‐ zung  kollektiv  den  Atem  anzuhalten,  dann  sank  H’sishi  mit  einem  leisen  Fauchen  zurück  auf  ihren  Platz  und  drückte  ein  paar  Tasten  an  der  Kontrollkonsole.  »Bis  jetzt  wurde  kein  Traktorstrahl  aktiviert«,  miaute  sie.  »Die  Turbolaser‐ Batterien…«  Ihr gesträubtes Fell schien sich ein wenig zu legen, während  sie weitere Tasten drückte. »Sie führen überhaupt keine Ener‐ gie«, sagte sie ein bißchen verwirrt. »Halt. Doch. Es ist Energie  auf…«  Sie  drehte  sich  zu  Karrde  um;  die  gelben  Augen  wurden  schmal.  »Sie  verfügen  über  drei  funktionierende  Turbolaser‐ Batterien«, meldete sie. »Nicht mehr.«  »Gut«,  entgegnete  Karrde  gelassen.  »Das  heißt,  daß  wir  am  richtigen Ort sind. Es ist immer gut, das zu wissen. Chin?«  »Der  Eigner  wartet,  Captain«,  antwortete  Chin  und  grinste  freimütig, als er das Kom aktivierte. »Er will mit Ihnen reden.« 

»Danke«, sagte Karrde. »Hallo, Booster, wie läuft es?«  »So  gut  wie  nie,  du  alter  Pirat«,  dröhnte  Booster  Terriks  freudige  Stimme  aus  dem  Bordlautsprecher.  »Die  Errant  Ven‐ ture  heißt  dich  willkommen.  Machst  du  einen  Einkaufsbum‐ mel, oder weihst du bloß ein neues Besatzungsmitglied ein?«  H’sishi fauchte leise, ihre Finger strichen sanft über die Kont‐ rollkonsole. Aber sie sagte kein Wort. »Wir gehen einkaufen«,  gab Karrde zurück. »Informationen in erster Linie.«  »Ist das wahr?« sagte Booster mit einer Stimme, bei der sich  Karrde  vorstellen  konnte,  wie  er  sich  die  Hände  rieb.  »Ja,  ja,  das ist heute definitiv mein Glückstag. Willst du die Wild Karr‐ de an Bord bringen, oder soll ich dir eine Fähre schicken?«  »Wir kommen an Bord, wenn du genug Platz hast«, erwider‐ te  Karrde.  »Ich  selbst  bin  zwar  nicht  hier,  um  irgendwelche  Hardware  zu  erwerben,  aber  ich  schätze,  meine  Leute  wollen  sich mal umsehen.«  »Gut, dann nur herein mit euch«, rief Booster vergnügt. »Die  Händlergasse ist geöffnet und wartet auf Kundschaft – so wie  der Rest unserer kleinen Läden. Nur herein, und nehmt – mal  sehen  –  Andockbucht  fünfzehn.  Ich  werde  jemanden  hinschi‐ cken,  der  dich  zur  Brücke  begleitet,  nachdem  du  deine  Leute  losgelassen hast. Und vergiß nicht, sie daran zu erinnern, daß  in der Händlergasse nur Bargeld genommen wird.«  »Natürlich«, erwiderte Karrde. »Bis nachher.«  Er  gab  Chin  einen  Wink,  und  der  andere  deaktivierte  das  Kom.  »Bringen  Sie  uns  rein,  Dankin«,  sagte  er.  »Sie  wissen,  wie man in die Andockbuchten gelangt?«  »Kein Problem«, antwortete Dankin und machte sich an der  Konsole zu schaffen. 

An  der  Sensorstation  stand  H’sishi  auf  und  drehte  sich  zu  Karrde  um.  »Sollte  das  ein  Scherz  sein,  Hauptmann?«  wollte  sie  wissen.  Ihre  Stimme  war  tonlos  und  ihr  Ausdruck  starr,  nichts  verriet  ihre  Gedanken.  »Ich  schätze  es  nicht,  wenn  ich  zum Narren gehalten werde.«  »Sie haben keineswegs wie ein Narr ausgesehen«, versicherte  Karrde ihr. »Sie haben nicht mal besonders erschrocken ausge‐ sehen,  nachdem  sie  sich  wieder  ihren  Aufgaben  zugewandt  hatten.«  Die  Togorianerin  blickte  kurz  in  die  Runde.  »Menschen  ge‐ fällt  es,  andere  zum  Narren  zu  halten«,  sagte  sie  –  eine  Spur  herausfordernd.  »Menschen  mögen  Scherze«,  bestätigte  Karrde.  »Aber  Spaß  war nicht der Hauptzweck der Übung.«  H’sishis  Fell  hatte  sich  erneut  aufgerichtet,  jetzt  wurde  es  allmählich  wieder  glatt.  »Sie  wollten  sehen,  ob  ich  vor  Angst  davonlaufen würde.«  »Oder  erstarren  oder  in  Panik  geraten«,  stimmte  Karrde  zu.  »Wenn Sie irgend etwas davon getan hätten…«  »… wäre ich exekutiert worden?«  Karrde  schüttelte  den  Kopf.  »Ich  exekutiere  meine  Leute  nicht, H’sishi«, erklärte er. »Es sei denn, gegen mich oder mei‐ ne Organisation wurde ein schweres Verbrechen verübt. Nein,  Sie  wären  ganz  einfach  auf  einen  anderen  Posten  versetzt  worden, auf einen, wo Sie weniger Gefahr laufen würden, die‐ ser  Art  Streß  ausgesetzt  zu  sein.  Vielleicht  als  Informations‐ sammlerin oder Kontakt zu dunklen Geschäftsverbindungen.«  H’sishis Ohren zuckten. »Ich will keinen solchen Posten.« 

»Ich  bin  froh,  das  zu  hören«,  nickte  Karrde,  »denn,  ehrlich  gesagt, ich denke, Sie dort einzusetzen, wäre Verschwendung.  An  Bord  der  Wild  Karrde  oder  auf  einem  meiner  anderen  Raumschiffe wären Sie viel besser aufgehoben.«  Die Togorianerin schien darüber nachzudenken. »Ich würde  auch lieber hierbleiben, wenn es geht.«  »Ich  schätze,  das  läßt  sich  machen«,  entgegnete  Karrde.  »Aber  wir  reden  später  weiter.«  Er  deutete  auf  die  Kontroll‐ konsole. »Sie können unterdessen die Datenkarte in den Com‐ puterraum zurückbringen – es ist nicht nötig, diesen Operati‐ onslinien‐Check vor unserer Abreise durchzuführen.«  H’sishi  ließ  abermals  ihre  Fangzähne  sehen.  »Zu  Befehl,  Hauptmann«,  sagte  sie,  zog  die  Datenkarte  mit  den  Spitzen  ihrer Krallen behutsam aus dem Schacht und trottete von der  Brücke.  »Nun,  meine  Herren«,  sagte  Karrde  und  trat  hinter  H’sishis  verlassenen Sitz. »Sie hatten Ihren Spaß, und wir haben es alle  heil überstanden. Hat sie bestanden?«  »Absolut«,  meinte  Dankin.  »Mit  wehenden  Fahnen,  würde  ich sagen.«  »Genau« nickte Odonnl. »Sie hat ‘ne Sekunde gebraucht, um  sich  zusammenzureißen,  aber  dann  hat  sie  sich  sofort  wieder  an die Arbeit gemacht.«  »Und  sie  hat  nicht  vergessen,  wie  sie  ihre  Konsole  handha‐ ben  muß,  wie  so  mancher  vor  ihr«,  fügte  Pormfil  hinzu  und  pfiff begeistert durch alle Nüstern. »Ich glaube, nicht mal Elkin  war so gut, als er den Test bestehen mußte.«  »Vielleicht«,  erwiderte  Karrde.  »Obwohl  ich  wette,  H’sishi  hat im Gegensatz zu Elkin etwas hinterlassen.« 

Pormfil  streckte  schnüffelnd  sein  Riechorgan  in  die  Luft.  »Das Aroma von Angstschweiß?« schlug er vor.  »Nein.« Karrde wies auf die Reihe kleiner Einkerbungen am  Rand von H’sishis Kontrollkonsole. »Krallenspuren.«    Eine  vertraute  Gestalt  erwartete  Karrde  und  Odonnl,  als  sie  die  Landerampe  der  Wild  Karrde  herabkamen.  »Ah,  Captain  Karrde«, rief Nawara Ven und senkte kurz den Kopf zu einer  formellen Twi’lek‐Verbeugung. »Schön, Sie wiederzusehen.«  »Ganz  meinerseits,  Ven«,  nickte  Karrde.  »Ich  hoffe,  das  Le‐ ben meint es gut mit Ihnen.«  »Das  Leben  an  Bord  der  Errant  Venture  ist  ein  einziges  Ver‐ gnügen«,  erwiderte  Ven  mit  einem  dünnen  Lächeln.  »Kom‐ men Sie, Booster erwartet Sie auf der Brücke.«  Der  Twi’lek  führte  sie  auf  eine  Turboliftreihe  zu,  wobei  er  auf  seinem  künstlichen  Bein  nur  leicht  hinkte.  »Ich  habe  fest‐ gestellt,  daß ihr mehrere Turbolaser verloren habt«,  bemerkte  Karrde.  »Meine  Leute  haben  beim  Näherkommen  nur  drei  aktive Batterien erfaßt.«  »Ich fürchte, dafür sind die Wechselfälle des Geschäftslebens  verantwortlich«,  antwortete  Ven  und  drückte  auf  die  Taste,  die den Turbolift herbeirief. »Wir mußten zwei ausschlachten,  um  Ersatzteile  für  drei  andere  zu  erhalten,  und  die  drei  an‐ schließend verkaufen, um an Komponenten für den Hyperan‐ trieb heranzukommen.«  »Nach meiner Zahlung bleiben damit immer noch fünf Batte‐ rien von ursprünglich zehn«, bedeutete ihm Karrde.  »Ja«,  sagte  Ven  und  ordnete  einen  seiner  Kopftentakel  über 

der  Schulter,  während  sich  die  Tür  des  Turbolifts  widerstre‐ bend öffnete. »Die beiden übrigen sind zur Zeit in Reparatur.«  »Ah.«  Sie  betraten  den  Lift.  Die  Tür  schloß  sich  wieder,  und  die  Kabine setzte sich in Bewegung. »In dieser Sektion funktionie‐ ren nur noch zwei Turboliftanlagen«, berichtete Ven. »Sie wä‐ ren  erstaunt,  wenn  Sie  wüßten,  wie  viele  Dinge  auf  einem  Sternzerstörer kaputtgehen können.«  »Ich  kann’s  mir  vorstellen«,  meinte  Karrde.  »Damals,  wäh‐ rend der Hochzeit der Rebellion, habe ich mal einen Soldaten  der Spezialtruppen einen Sternzerstörer als 174 000 Konstruk‐ tionsfehler  beschreiben  hören,  die  nur  darauf  warten,  ausge‐ nutzt zu werden.«  Ven  warf  den  Kopf  zurück.  »Eine  maßlose  Untertreibung.  Booster jedenfalls hat es schließlich aufgegeben und zweihun‐ dert Mechaniker angeheuert – Verpinen genauer gesagt –, um  ein  paar  unserer  Systeme  zu  erneuern.  Das  war  vor  sieben  Monaten, und sie sind immer noch bei der Arbeit.«  »Ich schätze, das kommt eben dabei heraus, wenn man ver‐ sucht,  ein  Raumschiff  von  dieser  Größe  mit  weniger  als  der  absolut  für  notwendig  gehaltenen  Rumpfbesatzung  in  Gang  zu halten«, nahm Karrde an und sah sich in der Liftkabine um.  »Der Verfall ist einem immer einen Schritt voraus. Ich vermu‐ te, Booster denkt nicht daran, den Pott zu verkaufen?«  Van bedachte ihn mit einem verschlagenen Grinsen. »Wieso?  Denken Sie daran, ihn zu kaufen?«  »Ich könnte mich möglicherweise überreden lassen«, antwor‐ tete Karrde. »Und ganz bestimmt, bevor es dazu kommt, daß  das  Schiff  in  andere  Hände  fällt.  Ich  möchte  es  in  einem  von 

diesen Kolossen nicht mit einem Hutt zu tun bekommen.«  »Oh, ich weiß nicht«, entgegnete der Twi’lek trocken. »Wenn  ich  so  an  die  vergangenen  Auftritte  der  Hutts  denke,  könnte  das durchaus ein vergnüglicher Anblick sein.«  »Nicht, wenn es sich um jemanden wie Jabba handelt.«  »Das stimmt«, räumte Ven ein. »Auf jeden Fall werde ich Ihr  Angebot an Booster weiterleiten.«  Der Turbolift kam mit einem leichten Ruck zum Stehen, die  Tür glitt zur Seite und gab den Blick auf die Achterbrücke frei.  »Booster bat mich übrigens, ihn dafür zu entschuldigen, daß er  Sie  nicht  persönlich  willkommen  heißen  konnte«,  sagte  Ven,  während er sie durch den Bogengang winkte, der zur Haupt‐ brücke  führte.  »Sie  werden  den  Grund  dafür  gleich  verste‐ hen.«  »Kein Problem«, erwiderte Karrde und warf einen oberfläch‐ lichen  Blick  auf  die  Konsolen  der  Achterbrücke.  Hier  und  da  blinkte  noch  eine  Anzeige,  aber  der  größte  Teil  der  Konsolen  schien entweder im Bereitschaftsmodus zu arbeiten oder ganz  abgeschaltet  worden  zu  sein.  Er  trat  in  den  Bogengang  und  drehte sich noch einmal, um einen kurzen Blick auf das Acht‐ erbrückenholo  zu  werfen,  das  gleichermaßen  deaktiviert  zu  sein schien…  »Talon  Karrde!«  dröhnte  Booster  Terriks  Stimme.  »Will‐ kommen an Bord!«  Karrde  vollendete  die  Drehung.  Booster  schritt  die  Kom‐ mandogalerie hinab auf sie zu und breitete die Arme zu einer  herzlichen Begrüßung aus.  Und direkt hinter ihm ging… »Und schau nur, wer noch ge‐ kommen  ist,  um  dem  Alten  einen  Besuch  abzustatten«,  fuhr 

Booster fort und wandte sich halb zu einer nicht weniger herz‐ lichen Geste um.  »Ja«, sagte Karrde und drängte Odonnl weiter. »Odonnl, ich  glaube,  Sie  haben  Boosters  Familie  noch  nicht  kennengelernt.  Das  sind  seine  liebreizende  Tochter  Mirax  und  sein  Schwie‐ gersohn Commander Corran Horn, früheres – oh, ich bitte um  Verzeihung  –  immer  noch  Mitglied  von  Wedge  Antilles’  ge‐ feiertem Renegaten‐Geschwader.«  »Ah«, gab Odonnl wachsam zurück. »Nett, Sie kennenzuler‐ nen.  Das  ist  die  Truppe,  mit  der  Ven  hier  früher  herumhing,  oder?«  »Nawara  und  ich  sind  zusammen  geflogen,  ja«,  erwiderte  Corran, dessen Tonfall nicht weniger wachsam war. »Booster,  ich denke, ich habe nichts dagegen, daß Karrde jetzt weiß, daß  wir hier sind, aber…«  »Entspann dich, Corran«, beruhigte Booster ihn und trat vor,  um  kurz  Karrdes  Hand  zu  umschließen.  »Karrdes  Topleute  sind ebenso vertrauenswürdig wie er selbst.«  Corran  schoß  einen  entschieden  zweideutigen  Blick  auf  Karrde ab. »Da fühle ich mich doch gleich viel besser.«  »Keine  Sorge«,  versicherte  Karrde  und  bot  auch  ihm  die  Hand. »Wir werden Coruscant nichts davon erzählen, daß ei‐ ner  der  am  meisten  verehrten  Helden  der  Republik  sich  mit  Gesindel zusammengetan hat.«  Corran nahm die ausgestreckte Hand, sein Gesicht entspann‐ te  sich  zu  einem  dünnen  Lächeln.  »Ich  weiß  das  zu  schätzen.  Wie geht es Mara?«  »Ganz gut, danke«, entgegnete Karrde. »Eigentlich müßte sie  auch jederzeit hier eintreffen – sie fliegt zur Zeit mit der Starry 

Ice, die hier mit mir Kontakt aufnehmen soll.« Sein Blick wan‐ derte weiter zu der Frau. »Hallo Mirax, es ist lange her. Wo ist  der Kleine?«  »Valin  ist  gleich  da  hinten«,  erwiderte  Mirax  und  schenkte  Karrde ein weitaus aufrichtigeres Lächeln als ihr Mann, als sie  auf  den  Mannschaftsschacht  an  der  Steuerbordseite  deutete.  »Und er ist inzwischen sechs Jahre alt und längst kein Kleiner  mehr.«  »Natürlich nicht«, nickte Karrde und stieg über ein paar Stu‐ fen  an  der  Seite  der  Galerie,  um  einen  Blick  in  den  Mann‐ schaftsschacht  zu  werfen.  Man  hatte  den  Jungen  auf  einen  Stapel Extrakissen in einen der Sitze vor den Konsolen gesetzt,  von  wo  aus  er  auf  eines  der  Displays  blickte  und  die  Gegen‐ wart der Besucher sowie der Männer Boosters, die sich einige  der übrigen Kontrollen teilten, vollkommen übersah. »Bringen  Sie ihm bei, das Schiff zu fliegen?«  »Wohl kaum«, antwortete Mirax, trat neben ihn und lächelte  liebevoll  zu  ihrem  Sohn  hinunter.  »Dad  hat  eine  der  Traktor‐ strahlkonsolen  so  hergerichtet,  daß  er  daran  spielen  kann.  Möchten Sie ihn begrüßen?«  »Stören wir ihn lieber nicht«, sagte Karrde. »Vielleicht haben  wir  später  noch  Zeit  dazu.  Betreibt  er  immer  noch  seine  Mu‐ sik?«  »Wie  ein  Mynock  mit  brennendem  Schwanz«,  warf  Booster  frotzelnd ein. »Ich habe ihm gerade erst ein neues Chordokey‐ lo  gekauft  –  sein  erstes  hat  er  schon  verschlissen.  Aber  im  Ernst, Karrde, ich würde es wirklich begrüßen, wenn du Cor‐ rans  Anwesenheit  hier  für  dich  behalten  könntest.  Dies  sollte  ein  diskretes  Treffen  sein  –  nur  eine  Handvoll  offizieller  Ver‐

treter der Neuen Republik weiß etwas davon.«  »Ich  verstehe«,  entgegnete  Karrde  und  beäugte  Corran  er‐ neut. »Eine Geheimmission, wie? Mit dem Dolch im Gewande,  bei  dem  man  sich  in  finsteren  Bars  herumdrückt  und  sich  im  Flüsterton mit  düsteren  Kontakten bespricht –  diese  Art  Tref‐ fen?«  »Ich  bin  sicher,  Sie  werden  einsehen,  daß  wir  das  nicht  mit  Ihnen erörtern können«, warf Corran mit nahezu versteinerter  Miene ein.  »Aber  selbstverständlich«,  gab  Karrde  zurück.  »Also  kein  weiteres  Wort  darüber.«  Er  nickte  in  Richtung  des  Mann‐ schaftsschachts.  »Wenngleich  ich  nicht  behaupten  kann,  daß  ich  es  gutheiße,  wenn  Ihre  Vorgesetzten  es  Ihnen  gestatten,  Ihre  Familie  auf  eine  derart  gefährliche  Mission  mitzuneh‐ men.«  »So ist es keineswegs«, sagte Booster mit einem Anflug leiser  Verzweiflung.  »Alles,  was  Corran  braucht,  ist  eine  unbedeu‐ tende Information…«  »Booster!«  schnappte  Corran  und  starrte  seinen  Schwieger‐ vater an. »Halt die Schotten dicht, ja?«  »Vielleicht  kann  ich  helfen«,  bot  Karrde  an.  »Ich  bin  im  Be‐ sitz  bestimmter  eigener  Informationsquellen,  von  denen  eini‐ ge, wie ich wohl sagen darf, sogar ergiebiger sind als die von  Booster.«  »Danke  für  das  Angebot«,  erwiderte  Corran.  »Aber  wir  kommen zurecht.«  »An  dem,  was  er  sagt,  ist  was  dran,  Corran«,  sagte  Booster  und  rieb  sich  nachdenklich  die  Wange.  »Vielleicht  solltest  du  ihm die Lage einfach mal schildern.« 

»Nein.«  Corran  schüttelte  den  Kopf.  »Nichts  für  ungut,  Karrde, aber hier geht es um Dinge höchster Geheimhaltungs‐ stufe, und Sie sind nicht befugt, irgend etwas darüber zu wis‐ sen.«  »Ja, aber…«, begann Booster wieder.  »Nein, ist schon in Ordnung«, warf Karrde ein und hob eine  Hand.  »Wenn  seine  Vorgesetzten  nicht  mal  wollen,  daß  Au‐ ßenseiter  um  seine  und  die  Anwesenheit  seiner  Familie  hier  wissen,  dann  wollen  sie  ganz  sicher  auch  nicht,  daß  er  über  seinen Auftrag redet.«  »Ganz genau«, nickte Corran. »Ich danke Ihnen für Ihr Ver‐ ständnis.«  »Also  werde  ich mir, falls  ich  darf,  Booster für ein paar Mi‐ nuten  ausborgen,  um  mit  ihm  über  meinen  Auftrag  zu  spre‐ chen« fuhr Karrde fort, griff in seine Innentasche und entnahm  ihr eine Datenkarte. »Aber ehe ich es vergesse, Mirax, ich habe  das hier Ihrem Sohn mitgebracht.«  Mirax legte die Stirn in Falten, als er ihr die Datenkarte gab.  »Was ist das?«  »Eine ettianische Klangkarte für sein Chordokeylo«, erklärte  Karrde  leutselig.  »Soviel  ich  weiß,  gehört  es  zum  guten  Ton,  daß  Gäste  den  Kindern  ihrer  Gastgeber  kleine  Geschenke  mitbringen.«  Corran beugte sich über ihre Schulter, um die Datenkarte zu  betrachten;  sein  Gesicht  zeigte  einen  leicht  mißtrauischen  Ausdruck. »Aber woher wußten Sie…?« Er sah wieder Karrde  an und richtete dann einen unerwartet strengen Blick auf sei‐ nen Schwiegervater. »Booster?«  »Nicht  schuldig«, sagte Booster  schnell  und hob beide Hän‐

de.  »Ich  habe  niemandem  erzählt,  daß  du  herkommen  wür‐ dest. Nicht mal meinen eigenen Leuten.«  »Wie ich schon sagte«, warf Karrde rasch ein. »Meine Infor‐ mationsquellen sind ziemlich ergiebig.«  Eine  Minute  lang  herrschte  Schweigen  auf  der  Brücke.  Cor‐ ran  sah  Booster  an,  dann  Mirax,  fand  bei  keinem  der  beiden  Unterstützung und wandte sich schließlich wieder Karrde zu.  »Was soll mich der Spaß kosten?« wollte er wissen.  Karrde  zuckte  die  Achseln.  »Was  immer  es  Ihnen  wert  ist.  Über den Preis könne wir nachher noch verhandeln.«  Corran sah abermals Booster an. »Das habe ich schon mal ir‐ gendwo gehört.«  »Wenn  Ihnen  das  lieber  ist,  können  wir  den  Teil  auch  Rätin  Leia Organa Solo überlassen«, schlug Karrde vor. »Sie und ich  sind in der Vergangenheit noch stets zu einem beiderseits an‐ nehmbaren Abschluß gekommen.«  »Ich darf gar nicht daran denken, was einige dieser Abschlüs‐ se  uns  gekostet  haben  mögen«,  brummte  Corran.  »Na  gut.  Fein. Ich nehme an, Sie sind sich der Tatsache bewußt, daß es  in  jüngster  Zeit  eine  Serie  von  Demonstrationen  und  Gewalt‐ akten gegen geschäftliche Niederlassungen und Konsulate der  Bothans gegeben hat?«  »Wegen  der  Enthüllungen,  die  das  Caamas‐Dokument  enthielt«, sagte Karrde kaum hörbar.  »Richtig. Nun, während und im Umkreis dieser Demonstra‐ tionen tauchte nach unserer Kenntnis immer häufiger  der Be‐ griff Vergeltung auf; nicht bloß als Wort, sondern als Name ei‐ ner Gruppe oder Organisation.« 

Karrde  blickte  Odonnl  an.  »Haben  wir  irgendwas  darüber  gehört?«  »Ich selbst nicht«, antwortete Odonnl. »Aber wir bekommen  eine Menge Zeug und Informationen herein, die ich mir nicht  alle ansehen kann.«  »Wir  werden  eine  Datensuche  durchführen,  sobald  wir  auf  die  Wild  Karrde  zurückkehren«,  versprach  Karrde.  »Welche  Schlüsse zieht Coruscant daraus?«  »Bisher  noch  gar  keine,  man  stellt  bloß  Fragen«,  erwiderte  Corran.  »Hauptsächlich  danach,  wer  oder  was  diese  Vergel‐ tungsleute  sind…  und  ob  sie  ein  hausgemachter  Verein  sind  oder Hilfe von außen erhalten.«  »Lassen Sie mich raten. Das Imperium?«  Corrans  Blick  verengte  sich  ein  wenig.  »Sie  sagen  das,  als  würden Sie nicht daran glauben.«  »Nicht  ganz«,  korrigierte  Karrde  ihn.  »Ich  sage  das  nur  als  jemand,  der  auf  recht  zynische  Weise  feststellt,  daß  jedesmal  wenn  in  der  Neuen  Republik  irgendwas  schiefläuft,  die  offi‐ ziellen Finger sofort auf das Imperium zeigen.«  »Das  ist  ein  bißchen  unfair«,  meinte  Booster.  »Vor  allem  wenn man an die lange Geschichte der Verwicklung des Impe‐ riums in derlei Dinge denkt.«  »Ich  behaupte  ja  auch  nicht,  daß  sie  nichts damit  zu  tun  ha‐ ben«, widersprach Karrde. »Ich warne einfach vor der automa‐ tischen Annahme, das sei immer der Fall.«  »Aber…«  »Nein,  er  hat  ja  recht«,  sagte  Corran  widerwillig.  »Es  gibt  zahlreiche  Lebewesen,  die  sich  noch  gut  daran  erinnern,  daß 

das  Imperium  mit  uns  einmal  genauso  verfahren  ist:  Zuerst  wurde die Rebellion für alles verantwortlich gemacht, nur um  anschließend  die  Schraube  noch  weiter  anzuziehen.  Aus  die‐ sem Grund  sollte  mein Besuch  hier geheim  bleiben  –  General  Bel  Iblis  wollte  nicht  durchsickern  lassen,  daß  wir  überhaupt  Überlegungen in diese Richtung anstellen.«  Karrde nickte. Er hätte sich denken können, daß es Bel Iblis  war, der Corran diese ratianische Flüsterfliege ins Ohr gesetzt  hatte. Anders als so mancher aus der Führungsriege der Neu‐ en Republik wußte Bel Iblis ganz genau, wie er sein Ziel anvi‐ sieren mußte, und wie er – falls nötig – die Unzulänglichkeiten  jener  großzügig  übersah,  mit  denen  er  klarkommen  mußte,  um sein Ziel auch zu erreichen. »Verstehe«, sagte er. »Wir ge‐ hen  unsere  Aufzeichnungen  durch,  und  wenn  wir  nichts  fin‐ den,  leiten  wir  ein  paar  unauffällige  Nachforschungen  in  die  Wege und warten ab, worauf wir dabei stoßen.«  »Das hört sich gut an«, meinte Booster. »Und da wir gerade  dabei  sind,  Wunschlisten  auszutauschen  –  du  wolltest  doch  auch was Bestimmtes wissen, oder?«  »Ich  habe  nur  zwei  einfache  Fragen«,  erwiderte  Karrde.  »Nummer eins: Unser aller Freund Luke Skywalker versucht,  den  Cavrilhu‐Piraten  auf  die  Schliche  zu  kommen.  Habt  ihr  eine Ahnung, unter welchem Stein die sich verkrochen haben  könnten?«  »Ich  weiß,  daß  sie  einen  Stützpunkt  auf  Amorris  haben«,  antwortete Booster, griff nach einem Datenblock und schaltete  ihn  ein.  »Und  –  mal  sehen  –  ihre  Hochburg  ist…  richtig,  hier  haben  wir  es  ja  schon:  ein  ausgehöhlter  Asteroid  im  Kauron‐ System.« 

Karrde  schüttelte  den  Kopf.  »Ihre  Amorris‐Niederlassung  haben sie längst geräumt«, teilte er Booster mit. »Und laut Ma‐ ra  hat  Skywalker  sie  gerade  erst  von  ihrem  Asteroiden  ver‐ jagt.«  »Und  wozu  hat  er  das  getan?«  Booster  hob  eine  Hand.  »Nichts  für  ungut,  ich  will’s  gar  nicht  wissen.  Tja,  wenn  sie  verschwunden sind, kann ich dir nicht helfen. Die zweite Fra‐ ge?«  »Bevor er nach Kauron aufbrach, hat Skywalker dabei gehol‐ fen,  einen  Überfall  von  Piraten  auf  Iphigin  zu  vereiteln«,  be‐ richtete  Karrde  und  ließ  den  Blick  beiläufig  über  die  Brücke  schweifen.  Niemand  sonst  war  in  Hörweite.  »Keine  Ahnung,  welche  Bande  dafür  verantwortlich  war,  aber  während  des  Kampfes  nahm  er  etwas  wahr,  das  er  für  eine  Gruppe  Klone  an Bord der Freibeuterschiffe gehalten hat.«  Niemand  rührte  sich, doch  die  Atmosphäre  schien  plötzlich  zu gefrieren. »Ich dachte, das Imperium hätte seinen Vorrat an  Mount‐Tantiss‐Klonen längst verbraucht«, meldete sich Mirax  zu Wort; in ihrer Stimme lag ein Hauch von Entsetzen.  »Das  behauptet  jedenfalls  Coruscant«,  sagte  Booster  bestäti‐ gend.  Er  klang  kein  bißchen  glücklicher  als  seine  Tochter.  »Zumindest gegenüber uns Außenseitern. Corran?«  »Soweit  ich  weiß,  ist  das  die  Wahrheit«,  antwortete  dieser.  »Es ist schon Jahre her, seit wir bei militärischen Operationen  auf Kloning‐Opfer gestoßen sind.«  »Und  wie  lange  ist  es  her,  daß  sie  danach  gesucht  haben?«  fragte Odonnl.  »Gute Frage«, gab Corran zu. »Ich weiß es nicht.«  »Es  fällt  schwer  zu  glauben,  daß  es  noch  einige  von  ihnen 

geben könnte«, sagte Booster. »Sie gehörten zu den besten und  brillantesten Truppen, die Thrawn besaß. Man sollte allerdings  meinen, daß Daala oder sonst jemand sie schon vor langer Zeit  aufgebraucht hat.«  »Es sei denn, Thrawn hätte einige gut versteckt – irgendwo,  wo Daala sie nicht finden konnte«, bemerkte Karrde.  »Wozu?«  höhnte  Booster.  »Wozu  sollte  man  sie  aufbewah‐ ren? Aus welchem Grund?«  »Und weshalb  sollten sie  jetzt plötzlich wieder aus  der Ver‐ senkung auftauchen?« ergänzte Corran.  »Wir  wissen  nicht,  ob  sie  plötzlich  wieder  aus  der  Versen‐ kung  aufgetaucht  sind«,  rief  Odonnl  ihm  scharf  ins  Gedäch‐ tnis.  »Vielleicht  waren  sie  schon  die  ganze  Zeit  da  draußen,  und ihr tollen Burschen vom Militär habt es bloß nicht mitgek‐ riegt.«  Corran  machte  einen  halben  Schritt  auf  ihn  zu.  »Hören  Sie  zu, Odonnl, wir hatten alle Hände voll zu tun, den Frieden in  der Galaxis zu bewahren…«  »Langsam,  meine  Herren«,  sagte  Karrde,  trat  zwischen  sie  und hob beschwichtigend eine Hand. »Versuchen wir uns lie‐ ber daran zu erinnern, daß wir alle auf derselben Seite stehen.«  Odonnl verzog unwillig den Mund. »Ja‐ah, klar.«  »Warum  gehen  Sie  nicht  zurück  auf  die  Wild  Karrde,  Odonnl«, schlug Karrde vor, »und fangen mit der Datensuche  an?«  »Klar«, brummte Odonnl. »Gute Idee.«  »Ich  werde  Sie  begleiten«,  bot  sich  Ven  an  und  trat  vor.  Karrde sah ihn milde überrascht an – der Twi’lek hatte sich die 

ganze  Zeit  über  so  still  verhalten,  daß  er  dessen  Gegenwart  fast  völlig  vergessen  hatte.  »Man  kann  sich  auf  einem  Raum‐ schiff dieser Größe leicht verirren.«  Odonnls  Gesichtsausdruck  ließ  an  seiner  Meinung,  daß  es  sich  dabei  um  einen  vorgeschobenen  Grund  handelte,  keinen  Zweifel, doch er nickte nur und machte sich mit Ven an seiner  Seite  auf  den  Weg  nach  achtern.  »Ich  entschuldige  mich,  Commander Horn«, sagte Karrde leise, als die beiden den Bo‐ gengang passierten und auf der Achterbrücke verschwanden.  »Odonnls  Erinnerungen  an  die  Neue  Republik  sind  nicht  so  angenehm wie meine.«  »Das ist schon in Ordnung«, entgegnete Corran düster. »Ich  besitze  selbst  einige  unangenehme  Erinnerungen  an  gewisse  Schmuggler.«  »Corran!« warf Mirax warnend ein und ergriff seinen Arm.  Der  X‐Flügler‐Pilot  tätschelte  ihre  Hand.  »Anwesende  selbstverständlich ausgeschlossen«, ergänzte er. »Wenden wir  uns also wieder den Geschäften zu.«  »Vielen Dank«, sagte Karrde. »Was wir mit Sicherheit wissen  – das einzige, was wir mit Sicherheit wissen –, ist, daß Skywal‐ ker an Bord dieser Schiffe Klone gespürt hat. Unsere wichtigs‐ te  Aufgabe  besteht  darin,  eine  simple  Frage  zu  beantworten:  ob  es  sich  dabei  um  eine  Hinterlassenschaft  des  Imperiums  handelt oder ob irgend jemand sonst einen neuen verborgenen  Vorrat an Kloning‐Zylindern gefunden hat?«  »Jemand wie die Cavrilhu‐Piraten zum Beispiel?« wollte Mi‐ rax wissen.  »Das kam mir durchaus in den Sinn«, stimmte Karrde nüch‐ tern zu. »Es könnte sehr gut sein, daß meine beiden Fragen an 

Ihren  Vater  in  einem  unmittelbaren  Zusammenhang  stehen.«  Er lächelte Booster zu. »In dem Fall erwarte ich natürlich einen  Preisnachlaß.«  Booster verdrehte übertrieben die Augen. »Oh, zum…«  »Yo,  Captain«,  ertönte  aus  einem  der  Mannschaftsschächte  eine Stimme.  »Was gibt es, hish?« rief Booster zurück.  »Ich hab ein näher kommendes Schiff geortet, das sich als die  Starry  Ice  identifiziert«,  meldete  Shish.  »Die  Pilotin  verlangt  Landeanweisungen. Wollen Sie, daß ich sie einweise?«  »Legen  Sie  die  Übertragung  zu  mir  herüber«,  wies  Booster  ihn an und zückte sein Komlink. »Sie wird sich wahrscheinlich  sowieso  nach  dir  erkundigen«,  fügte  er,  an  Karrde  gewandt,  hinzu,  als  er  diesem  den  flachen  Zylinder  reichte.  »So  sparen  wir vielleicht ein wenig Zeit.«  »Danke.«  Karrde  schaltete  das  Kom  ein.  »Mara,  hier  spricht  Karrde. Wie sieht es aus?«  »Alles im grünen Bereich, danke«, antwortete Mara. Falls sie  überrascht  war,  seine  Stimme  zu  hören,  so  verbarg  sie  dies  gut.  Wenn  er  indes  darüber  nachdachte,  gab  es  nicht  viele  Dinge,  die  sie  je  zu  überraschen  schienen.  »Ich  fürchte  bloß,  wir  hatten  nicht  genug  Zeit,  um  wegen  dieser  Ladung  einen  Abstecher nach Dronseen zu machen.«  »Das  macht  nichts«,  erwiderte  Karrde.  »Faughn  kann  die  Fracht  an  Bord  nehmen,  nachdem  sie  dich  hier  abgesetzt  hat.  Wie lief die Piratenhatz?«  »Die  war  ein  kompletter  Reinfall«,  gab  sie  zurück.  »Wir  ha‐ ben ihre Spur bis Di’wor verfolgt, dann haben wir sie verloren. 

Der  Verkehr  in  der  Gegend  war  einfach  zu  stark  –  überall  3000er Sternflitzer.«  »Es ist Bestäubungszeit in den Singfruchthainen«, murmelte  Booster, »und der Friede zieht vermehrt Touristen an.«  Karrde  nickte. »Mach  dir deswegen keine  Gedanken«,  emp‐ fahl  er  Mara.  »Ich  hatte  ohnehin  nicht  wirklich  damit  gerech‐ net, daß sie eine Spur hinterlassen würden, der du hättest fol‐ gen  können.  Laß  Faughn  die  Starry  Ice  an  Bord  bringen,  und  wir…«  »Jade!«  mischte  sich  Faughns  Stimme  ein.  »Da  kommt  was  von steuerbord.«  »Ich sehe es«, erwiderte Mara; ihre Stimme klang mit einem  Mal  spröde.  »Terrik,  Sie  bekommen  Gesellschaft:  eins‐eins‐ sieben zu fünfzehn, genau in Ihre Richtung.«  Booster  hastete  bereits  über  die  Kommandogalerie  auf  die  vordere  Sichtluke  zu;  Corran  heftete  sich  an  seine  Fersen.  »Eins‐eins‐sieben  zu  fünfzehn,  Bodwae«,  schnappte  er.  »Was  sehen Sie?«  »Nicht‐ts«,  meldete  eine  verwirrte  laerdokianische  Stimme  aus einem der Mannschaftsschächte. »Dies‐se shas’mink Senso‐ ren…«  »Es  ist  schwer  zu  erkennen«,  warf  Mara  ein,  deren  Stimme  nunmehr  aus  dem  Lautsprechersystem  der  Hauptbrücke  der  Errant  Venture  drang.  »Klein,  dunkel  –  sieht  ein  bißchen  wie  ein stark modifizierter TIE‐Jäger aus.«  »Das  Schiff  stellt  sich  auch  auf  den  Sensoranzeigen  nicht  deutlich dar«, fügte Faughn hinzu.  »S‐seh’ immer noch nicht‐tss«, beharrt Bodwae. 

»Ist ja auch egal!« rief Booster scharf. Er und Corran standen  jetzt nebeneinander vor der vorderen Sichtluke; Booster wand‐ te langsam den Kopf hin und her und suchte den Himmel ab.  »Deflektorschilde hoch; Turbolaser bereithalten.«  »S‐schilde fallen auss«, rief Bodwae. »Turbolaser…«  »Ich  bekomme  gerade  eine  Übertragung  herein«,  bellte  Shish. »Starkes Signal. Es ist… nun, zum Teufel, ich habe keine  Ahnung, was es ist!«  »Mara?« fragte Karrde.  »Wir  empfangen  auch  einen  Teil  davon«,  bestätigte  Mara.  »Hier draußen allerdings nur sehr schwach. Bisher konnte der  Computer noch nichts damit anfangen.«  »Da ist es«, sagte Corran knapp und stieß einen Finger in die  Luft. »Es kommt genau auf uns zu.«  »Brückendeflektorschild  aufbauen!«  schnappte  Booster.  »Jetzt!«  »Mara?« rief Karrde.  »Wir  sind  noch  außer  Schußweite«,  erwiderte  sie  kurz.  »Ihr  geht besser in Deckung.«  Karrde  blickte  in  die  Runde  und  fragte  sich  verspätet,  wo  Mirax  stecken  mochte.  Und  dann  entdeckte  er  sie:  Sie  rannte  wie um ihr Leben auf die relative Sicherheit der Achterbrücke  zu;  ihren  verwirrt  dreinblickenden  Sohn  Valin  hatte  sie  sich  unter  den  Arm  geklemmt.  Einen  Augenblick  lang  dachte  er  daran,  sich  ihr  anzuschließen,  erkannte  dann  jedoch,  daß  es  dazu bereits zu spät war, und drehte sich wieder zur vorderen  Sichtluke  um.  Er  konnte  den  unbekannten  Eindringling  jetzt  erkennen.  Er raste durch den Weltraum direkt auf sie zu. Ein 

solches Raumschiff hatte er noch nie zuvor gesehen…  »Brückendeflektor  läs‐st  sich  nicht  aufbauen«,  zirpte  Bod‐ wae. »Dass S‐schiff wird unss treffen!«  »Runter auf den Boden!« schrie Booster, packte Corrans Arm  und  riß  sie  beide  flach  auf  die  Kommandogalerie.  Karrde  machte  einen  großen  Schritt  auf  den  nächsten  Mannschafts‐ schacht  zu,  erkannte,  daß  ihm  nicht  genug  Zeit  blieb,  um  hi‐ neinzuspringen, und hielt inne. Der Eindringling flog weiter in  ihre Richtung…  … doch dann – buchstäblich in letzter Sekunde – führte der  Raumer  ein  sonderbares  spiralförmiges  Manöver  nach  einer  Seite  aus  und  raste  an  der  Aussichtsluke  vorbei  und  über  sie  hinweg.  Karrde  brauchte  eine  Sekunde,  um  seine  Stimme  wiederzu‐ finden. »Mara?«  »Bist du in Ordnung?« erkundigte sie sich besorgt.  »Ja,  uns  geht  es  gut«,  versicherte  er,  durchbrach  seine  Läh‐ mung  und  eilte  die  Kommandogalerie  hinunter  auf  die  Stelle  zu, wo Booster und Corran immer noch ausgestreckt auf Deck  lagen. »Wo ist das Ding hin?«  »Über  die  Kommandoaufbauten  hinausgeschossen,  hinten  um  die  Antriebsdüsen  herum,  wo  wir  es  nicht  mehr  sehen  konnten, und dann in die Lichtgeschwindigkeit gesprungen«,  teilte sie ihm mit. »Der gleiche Trick wie bei dem Raumer, der  Luke einen Schrecken eingejagt hat.«  Karrde  blickte  stirnrunzelnd  zur  Sichtluke  hinaus.  »War  das  hier der gleiche Schiffstyp?«  »Das Ding sah genauso aus«, berichtete Mara. »Torve kämmt 

gerade die Sensordaten durch.«  Als Karrde zu ihnen stieß, waren Booster und Corran schon  wieder auf den Beinen. »Hast du das gesehen?« wollte Booster  wissen.  Er  schüttelte  den  Kopf,  während  er  gleichzeitig  mit  den  Händen  ordnend  über  seine  Kleider  strich.  »Von  allen  hirnrissigen Stunts…«  »Captain,  hier  ist  Torve«,  unterbrach  ihn  die  Stimme  des  jungen Mannes. »Es steht jetzt fest: derselbe Schiffstyp.«  »Wo haben Sie das andere Schiff gesehen«, fragte Booster.  »Zwischen den Asteroiden in der Nähe der Kauron‐Basis der  Cavrilhu‐Piraten«,  erklärte  Karrde  ihm.  »Mara,  was  ist  mit  dieser Übertragung?«  »Wir lassen sie gerade durchlaufen«, entgegnete sie. »Sie be‐ steht anscheinend aus einer kurzen Nachricht, dann folgt eine  Unterbrechung,  auf  die  eine  Wiederholung  der  Nachricht  folgt.  Bisher  haben  wir  noch  keine  Übereinstimmung  mit  ir‐ gendeiner  bekannten  Sprache  gefunden,  einem  Kode  oder  sonst irgendeinem Schlüssel.«  »Wahrscheinlich irgendwas Sinnloses, so wie bei dem Qella‐ Schiff,  das  Calrissian  durch  die  halbe  Galaxis  gejagt  hat«,  meinte Booster mit einem höhnischen Schnaufen.  »Das haben wir auch zuerst gedacht«, sagte Mara. »Aber ich  glaube nicht mehr daran.«  »Weshalb?«  fragte  Booster.  »Bloß  weil  das  Ding  irgendwas  gesendet hat?«  »Weil es etwas gezielt an dieses Schiff übermittelt hat«, warf  Karrde ein. »Und die Tatsache, daß es eine Pause gab und die  Sendung  anschließend  wiederholt  wurde,  läßt  darauf  schlie‐

ßen, daß es mit einer Antwort gerechnet hat.«  Booster kratzte sich die Backe. »Ja, das wäre möglich, nicht?  Mara, Sie haben es sicher auch mit imperialen Kodes versucht,  oder?«  »Die haben wir als erstes probiert«, teilte sie ihm mit. »Aber  nichts paßte auch nur annähernd.«  »Und  doch  haben  die  sich  einen  imperialen  Sternzerstörer  aus  der  Nähe  angesehen«,  überlegte  Karrde.  »Und  davor  ha‐ ben  sie  bei  einer  Piratenbasis  herumgeschnüffelt,  was  gleich‐ falls eine Verbindung zum Imperium vermuten läßt.«  »Dann  sind  sie  anscheinend  mit  dem  Imperium  verbündet  oder wären es zumindest gerne«, meinte Mara.  »Oder  es  dreht  sich  hier  um  etwas  völlig  anderes«,  warf  Faughn  ein,  deren  Stimme  plötzlich  wie  erstarrt  klang.  »Ich  habe  soeben  eine  Phonemanalyse  der  Sendung  durchgeführt,  und ich glaube, ich habe den Namen Thrawn darin entdeckt.«  Karrde legte die Stirn in Falten. »Lassen Sie hören!«  Es entstand eine kurze Pause, dann drang das Zischen einer  nichtmenschlichen  Sprache  aus  dem  Komlink.  Und  genau  in  der Mitte des Kauderwelsch…  »Ich hab’s gehört«, sagte Booster. »Es klang zwar irgendwie  abgehackt, als würde jemand stottern oder so…«  »Das  liegt  daran,  daß  sie  an  der  Stelle  seinen  vollen  Namen  gehört  haben«,  erklärte  Mara  mit  unvermittelt  grimmiger  Stimme.  »Mitth’raw’nuruodo.  Thrawn  war  nur  das,  was  er  seinen Kernnamen nannte.«  Aus dem Augenwinkel sah Karrde etwas über Corrans Ant‐ litz huschen. »Sie waren so vertraut mit dem Kerl, daß Sie sei‐

nen vollen Namen kannten?« fragte Booster mit gezwungener  Gleichgültigkeit.  »Wohl  kaum  vertraut«,  antwortete  Mara.  »Aber  ich  kannte  seinen vollen Namen, ja. Und es gab nicht viele im Imperium,  die ihn kannten.«  Karrde  biß  sich  auf  die  Unterlippe.  »Weißt  du  irgend  etwas  über  seine  Geschichte?  Seine  ersten  Kontakte  mit  dem  Impe‐ rium, meine ich?«  »Nicht  wirklich«,  erwiderte  sie. »Irgendein  imperialer  Kom‐ mandant  stieß  auf  einer  verlassenen  Welt  tief  in  den  Unbe‐ kannten Regionen auf ihn, wo er Schmuggler jagte. Er war be‐ eindruckt von seinen taktischen Fähigkeiten und nahm ihn mit  nach  Coruscant.  Übrigens  ging  das  Gerücht,  seine  eigenen  Leute hätten ihn in die Wüste geschickt.«  »Warum?« fragte Booster.  »Ich weiß es nicht«, entgegnete Mara. »Es könnte doch sein,  daß  auf  dem  Schiff  gerade  jemand  aus  den  Unbekannten  Re‐ gionen war, der herausgefunden hat, wo er hinging, und hier‐ hergekommen ist, um nach ihm zu suchen.«  Booster  schnaubte.  »Da  wird  dieser  Jemand  aber  echt  ent‐ täuscht  sein,  wenn  er  herauskriegt,  daß  er  zehn  Jahre  zu  spät  dran ist.«  »Vielleicht  auch  nicht«,  murmelte  Corran.  »Könnte  doch  sein, daß es gar nicht Thrawn ist, nach dem die suchen.«  Karrde  musterte  das  Gesicht  des  anderen.  »So  wie  ich  das  sehe,  raten  Sie  nicht  nur  herum«,  sagte  er  sanft.  »Würden  Sie  Ihre Erkenntnisse also mit uns allen teilen?«  Corrans  Mundwinkel  zuckten.  »Ich  hatte  eigentlich  nicht 

vor,  irgendwem  außer  Booster  etwas  darüber  zu  sagen«,  ent‐ gegnete  er  widerspenstig.  »Aber  unter  diesen  Umständen…  Dieser Devaronianer, von dem Sie das Caamas‐Dokument er‐ halten haben, Karrde, hat noch andere Datenkarten gefunden.  Eine davon trug die Aufschrift Die Hand von Thrawn.«  Karrde  nickte  langsam.  Das  also  war  das  Geheimnis,  das  Leia  ihm  auf  Wayland  vorenthalten  hatte.  Und  der  Grund,  weshalb sie Mara einen so seltsamen Blick zugeworfen hatte.  »Diese Datenkarte war allerdings dermaßen beschädigt, daß  ihr  nichts  mehr  zu  entnehmen  war«,  fuhr  Corran  fort.  »Rätin  Organa Solo glaubte, es könnte sich um Thrawns Version der  Hand  des  Imperators  handeln;  General  Bel  Iblis  wollte,  daß  ich  Booster  frage,  ob  er  diesem  Begriff  schon  mal  irgendwo  be‐ gegnet ist.«  »Noch nie«, sagte Booster und schüttelte den Kopf. »Karrde?  Mara?«  »Nein«, antwortete Karrde.  »Ich auch nicht«, fiel Mara ein. »Und persönlich vermag ich  mir  nur  schwer  vorzustellen,  daß  Thrawn  einen  derartigen  Schattenagenten gehabt haben soll. Er hatte mit der Art politi‐ scher  Manipulationen,  die  der  Imperator  betrieb,  nichts  im  Sinn.  Außerdem  besaß  er  die  Noghri,  wenn  er  einen  Spezial‐ auftrag zu vergeben hatte.«  »Und  doch  befand  sich  unter  den  persönlichen  Aufzeich‐ nungen  des  Imperators  eine  Datenkarte  mit  dieser  Beschrif‐ tung«, stellte Karrde fest. »Das muß einfach etwas bedeuten.«  »Woher  weißt  du,  daß  sie  aus  den  Privataufzeichnungen  stammte?« fragte Booster.  »Wenn es sich um etwas handelte, das Bel Iblis sich jederzeit 

in  den  Kamparas‐Archiven  ansehen  könnte,  hätte  er  Corran  nicht in Marsch gesetzt, um dich danach zu fragen«, bedeutete  ihm Karrde.  »Treffer«,  grummelte  Booster.  »Also  denkst  du,  daß  dieses  Raumschiff  entweder  nach  Thrawn  oder  dieser  Hand  von  Thrawn sucht?«  »Oder  die  Person  in  dem  Schiff  ist  die  Hand  von  Thrawn«,  sagte  Mara.  »Wie  auch  immer,  es  sieht  allmählich  so  aus,  als  würde es immer wichtiger, daß wir dieses Schiff aufspüren.«  »Einverstanden«,  erklärte  Karrde.  »Und  wie  sollen  wir  das  deiner Meinung nach anstellen?«  »Wir  haben  den  Vektor  seines  Sprungs  vor  ein  paar  Minu‐ ten«,  erwiderte  Mara.  »Außerdem  den  des  Kauron‐Schiffs;  Faughn berechnet gerade ihren Schnittpunkt.«  »Ich  hab’s«,  rief  Faughn  in  diesem  Augenblick.  »Ein  uner‐ forschtes System im Gradilis‐Sektor, genau an der Grenze zwi‐ schen dem Wilden Raum und den Unbekannten Regionen. Es  wird  in  den  Listen  als  Nirauan‐System  geführt,  also  muß  schon  mal  jemand  dort  gewesen  sein.  Andere  Daten  gibt  es  nicht.«  »Das  hört  sich  zu  leicht  an«,  brummte  Booster.  »Die  wären  wohl  kaum  dumm  genug,  einfach  so  auf  direktem  Wege  zu  ihrer  Basis  zu  springen,  oder?  Vor  allem  nicht,  während  wir  zuschauen.«  »Das hängt davon ab, wie sie ihre Sprünge ausführen«, stell‐ te Karrde fest. »Vielleicht verfügen sie an Bord nicht über die  entsprechenden  Computerkapazitäten,  um  komplizierte  Hy‐ perraumkalkulationen  durchzuführen.  Es  könnte  auch  sein,  daß  ihre  Heimreise  vorprogrammiert  ist,  damit  keines  ihrer 

Raumschiffe verlorengeht.«  »Vielleicht ist ihnen klar, daß wir ihren Vektor noch ein paar  Mikrosekunden  nach  dem  Sprung  verfolgen  können«,  fügte  Mara  hinzu.  »Sie  haben  sich  beide  Male  darum  bemüht,  au‐ ßerhalb  unseres  Blickfeldes  zu  sein,  bevor  sie  ihren  Hyperan‐ trieb  aktivierten.  Möglicherweise  glauben  sie  ja,  das  würde  genügen.«  »Das  ist  auf  jeden  Fall  ein  Anfang«,  sagte  Karrde.  Ein  son‐ derbarer Widerwille stieg in ihm auf. Ein Widerwille, den Ma‐ ra klar und deutlich in seiner Stimme hören konnte.  »Sollten wir lieber nicht aufbrechen?« fragte sie. »Wir könn‐ ten  das  Ganze  auch  der  Neuen  Republik  überlassen  und  ihre  Vertreter damit fertig werden lassen.«  »Corran?« soufflierte Booster.  Der X‐Flügler‐Pilot starrte immer noch aus der Sichtluke auf  die Sterne. »Ich kann Bel Iblis Bericht erstatten, kein Problem«,  sagte  er.  Er  klang  irgendwie  zerstreut.  »Aber  ich  bezweifle,  daß  er  irgend  etwas  unternehmen  könnte  –  zumindest  nicht  zur Zeit. Diese Caamas‐Affäre hat alles fest im Griff.«  Karrde  nickte;  seine  instinktive  Abneigung  wurde  noch  un‐ durchdringlicher.  Booster  hatte  recht:  Es  war  zu  leicht.  Viel‐ leicht handelte es sich um eine Falle, oder wenigstens um eine  wilde Gespensterjagd und pure Zeitverschwendung.  Aber wenn nicht…  »Nein, du siehst dir das besser mal an«, seufzte er. »Aber laß  Faughn  ihre  Planung  an  Chin  übermitteln,  bevor  ihr  springt;  wir verteilen ihre Missionen dann auf die übrigen Schiffe.«  »In  Ordnung«,  erwiderte  Mara.  »Gibt  es  irgendeinen  be‐

stimmten Ort, an dem wir uns nach unserer Rückkehr treffen  sollen?«   »Nimm einfach Kontakt zum Netzwerk auf, dann wird man  mich schon finden«, wies Karrde sie an. »Und sei vorsichtig.«  »Keine  Sorge«,  versicherte  Mara  entschlossen.  »Wenn  sie  ir‐ gendwelche  Spielchen  spielen,  wird  es  ihnen  noch  sehr  leid  tun, sich uns dafür ausgesucht zu haben. Bis dann also.«  Karrde schaltete das Komlink ab. »Viel Glück«, sagte er leise.  »Mach dir keinen Kopf, sie werden schon klarkommen«, sag‐ te Booster, pflückte das Kom aus Karrdes Hand und schob es  zurück in den Gürtel. »Mara und Faughn sind beide ziemlich  clever,  und  die  Starry  Ice  ist  ein  gutes  Schiff.  Auf  jeden  Fall  besser als dieses«, fügte er hinzu und schob sich mit düsterer  Miene  an  Karrde  vorbei,  um  mit  energischen  Schritten  über  die Kommandogalerie zu stapfen. »Also schön, Bodwae, was,  beim  funkelnden  Mradhe‐Dung,  ist  mit  den  Schutzschilden  los?«  Er ging in die Knie, um sich die Entschuldigungen des Laer‐ dokianers  anzuhören;  währenddessen  trat  Karrde  neben  Cor‐ ran.  »Sie  haben  doch  genau  hier  gestanden,  als  das  fremde  Raumschiff  uns  passierte«,  sagte  er  leise.  »Haben  Sie  zufällig  irgend etwas Ungewöhnliches daran wahrgenommen?«  Corran  warf  ihm  einen  schrägen  Seitenblick  zu.  »Was  mei‐ nen Sie?«  »Ich meine, was Skywalker wahrnimmt, wenn er in die Nähe  einer Gruppe von Klonen kommt – was immer – das auch sein  mag«, erklärte Karrde. »Worin diese Erschütterung der Macht  auch immer bestehen mag, die dabei entsteht.«  Mehrere  Augenblicke  lang  war  der  Streit  hinter  ihnen,  der 

sich  nunmehr  zu  dritt  entspann,  da  Shish  sich  auf  Bodwaes  Seite  geschlagen  hatte,  das  einzige  Geräusch  auf  der  Brücke.  »Ich  weiß  nicht,  was  Luke  spürt,  wenn  Klone  in  der  Nähe  sind«,  sagte  Corran  schließlich  mit  kaum  hörbarer  Stimme.  »Alles,  was  ich  gefühlt  habe,  war  die  Gegenwart  von  etwas  Nichtmenschlichem.«  Karrde nickte. »Ich verstehe.«  Corran drehte sich zu ihm um. »Mein… Talent… ist der Öf‐ fentlichkeit  nicht  bekannt,  Karrde«,  fuhr  er  fort.  Sein  Tonfall  lag  auf  halber  Strecke  zwischen  Herausforderung  und  Dro‐ hung.  »Ja, ich weiß«, gab Karrde gelassen zurück. »Es ist sehr weise  von Ihnen, es so damit zu halten.«  »Das  denke  ich  auch«,  konterte  Corran.  »Das  Problem  ist  nur, daß Sie im Informationshandel tätig sind.«  »Ah,  aber  ich  bin  ebenso  in  der  Überlebensbranche  tätig«,  entgegnete Karrde. »Und in dieser großen, gefährlichen Gala‐ xis braucht jeder dann und wann eine hilfreiche Hand.« Er zog  eine Augenbraue in die Höhe. »Ich finde es immer sehr ange‐ nehm, wenn ich Karten auf der Hand habe, von denen die Ge‐ genseite keine Ahnung hat.«  Corrans Stirn furchte sich leicht. »So läuft das also, wie? Sie  halten den Mund, und ich schulde Ihnen etwas dafür?«  Karrde wandte sich um und blickte über die Kommandoga‐ lerie. Mirax und Valin waren soeben um die Ecke zur Achter‐ brücke  gebogen  und  zurückgekehrt;  Mirax  bewegte  sich  vor‐ sichtig,  während  der  Junge  ungeduldig  an  der  Hand  seiner  Mutter  zupfte,  da  er  offensichtlich  zu  seinem  Daddy  laufen  wollte.  »Ja,  Sie  schulden  mir  etwas«,  teilte  er  Corran  mit. 

»Aber seien Sie versichert, wenn ich kassiere, wird es sich um  etwas  Solides  handeln.  Das  schulde  ich  Mirax.«  Er  überlegte.  »Entweder  das  –  oder  etwas  Lebenswichtiges,  das  unbedingt  getan werden muß.«  Corran schnaubte leise. »Das deckt eine Menge Dinge ab.«  Karrde zuckte die Achseln. »Wie ich schon sagte: Dies ist ei‐ ne große und gefährliche Galaxis.« 

12. Kapitel    Die  Westwand  des  Resinem‐Vergnügungskomplexes  war  schmutzig  und  salzverkrustet,  vom  Alter  ausgebleicht  und  von den Trümmern der Explosion vor nunmehr fünfzehn Jah‐ ren  zerklüftet,  bei  der  die  rivalisierende  Spielhalle  dem  Erd‐ boden  gleichgemacht  worden  war.  Von  der  dieser  Wand  ab‐ gewandten Seite des Trichters, der das Zentrum der Detonati‐ on  markierte,  aus  betrachtet,  galt  das  westliche  Mauerwerk  des  Resinem  als  recht  attraktiv;  die  zufälligen  Zerstörungen  verbanden  sich  dort,  vor  allem  im  wechselvollen  Glühen  des  Sonnenuntergangs über Borcorash, zu einem Gewebe faszinie‐ render Muster.  Aber der Sonnenuntergang war längst vorbei, und Shada be‐ fand sich auch nicht auf der anderen Seite des Kraters. Sie hat‐ te  drei  Viertel  des  Weges  die  Westwand  hinauf  zurückgelegt  und grub ihre Kletterhaken vorsichtig in die zahlreichen Risse  und  Einkerbungen.  Aus  diesem  Blickwinkel  konnte  sie  ledig‐ lich  konstatieren,  daß  die  Mauer  schmutzig  war  und  daß  das  Ganze ihr wenig Spaß machte. Schließen Sie sich einer Schmugg‐ lerbande  an,  dachte  sie  ungefähr  zum  fünften  Mal  düster,  seit  sie  den  Aufstieg  in  Angriff  genommen  hatte.  Erleben  Sie  die  Galaxis von einer Seite, die den Touristen verborgen bleibt.  Es machte keinen Spaß, aber es war nicht zu umgehen. Schon  sehr bald würden Mazzic und Griv auf das ultraprivate Ober‐ deck  des  Resinem  geführt  werden,  wo  sie  sich  mit  einem  schmeichlerischen Kubaz treffen sollten, der ein undurchsich‐

tiges  Kartell  der  Hutts  vertrat. Griv  trug  einen  kleinen  Koffer  voller  Ryll,  der  Kubaz  würde  einen  Koffer  ähnlicher  Größe  dabei  haben,  der  Feuerjuwelen  von  Sormahil  enthielt,  und  in  der Theorie sollte diese Begegnung mit einer einfachen wech‐ selseitigen Übergabe enden.  In der Theorie.  Irgendwo in der Ferne rechts von ihr setzte ein Luftgleiter im  weiten  Bogen  zur  Landung  an,  und  als  die  Landelichter  kurz  einen  Streifen  fahlen  Lichts  über  das  Mauerwerk  vor  ihr  hu‐ schen  ließen,  spürte  Shada,  wie  sie  eine  neue  Welle  aus  Nie‐ dergeschlagenheit überkam. Sie war schon seit mehr als zwölf  Jahren  nicht  mehr  zu  Hause  auf  Emberlene  gewesen,  nicht  mehr, seit Mazzic sie als seine Leibwächterin angeheuert hatte,  doch  der  Dreck  und  Verfall  dieser  Mauer  brachten  all  die  Erinnerungen  zurück,  als  wäre  es  erst  gestern  gewesen.  Erin‐ nerungen daran, wie sie zwischen den Ruinen ehemals großer  Städte aufgewachsen war; Erinnerungen an den Tod, der rings  um  sie  so  oft  zugeschlagen  hatte:  Tod  durch  Krankheiten,  durch  Unterernährung,  durch  Gewalt,  durch  Hoffnungslosig‐ keit;  Erinnerungen  an  unerträglichen  Hunger,  daran,  ihr  Le‐ ben dadurch zu verlängern, daß sie Ungeziefer fing und tötete,  sowie an ihre schmale Ration der kargen Nahrungsmittel, die  aus den noch verbliebenen Bezirken urbaren Landes zu ihnen  gelangten.  Und an die Versorgung von außen, die schließlich anlief und  die  nicht  etwa  von  mildtätigen  Außenweltlern  oder  irgendei‐ ner  großzügigen  Republik  gespendet,  sondern  mit  dem  Blut,  dem  Schweiß  und  den  Tränen  der  Mistryi‐ Schattenwächterinnen verdient worden war. 

Sie  waren  die  Elite  der  Überlebenden  der  Emberlene‐ Gesellschaft, die von den Elf Ältesten des Volkes selbst zu ih‐ rem  Kreuzzug  aufgerufen  worden  waren.  Seit  ihrer  frühsten  Kindheit hatte sich Shada von ganzem Herzen gewünscht, ei‐ ne  von  ihnen  zu  sein.  Die  Mistryi  bereisten  die  Sternrouten:  eine Schwesternschaft bestens ausgebildeter Kriegerinnen, die  ihre  Dienste  und  ihr  Geschick  im  Kampf  den  Unterdrückten  und Machtlosen der Galaxis feilboten und dafür im Gegenzug  das  Geld  erhielten,  das  so  dringend  erforderlich  war,  um  die  letzten Bewohner ihrer geschändeten Welt am Leben zu erhal‐ ten.  Eine Welt, deren Bevölkerung nie jemand auch nur bemerkt,  geschweige  denn  zum  Gegenstand  seiner  Besorgnis  gemacht  hatte. Außer vielleicht die Caamasi.  Mühsam  schluckte  sie  den  aufwallenden  Ärger  über  die  Aufmerksamkeit  hinunter,  die  Caamas  während  der  vergan‐ genen Wochen zuteil geworden war. Die Zerstörung von Em‐ berlene lag zu weit  zurück, um noch irgend jemanden  zu  be‐ rühren – sogar für sie selbst.  Damals, als ihre Welt überfallen worden war, hatte sich nie‐ mand in der Galaxis darum geschert; da konnte man nicht er‐ warten, daß sich jetzt jemand darum kümmerte. Ja, es war un‐ fair, aber es hatte ja auch nie jemand behauptet, im Universum  gehe es fair zu.  Links über ihr ließ sich ein leises fragendes Rülpsen verneh‐ men.  Shada  verharrte,  blickte  hinauf  in  die  Dunkelheit  und  entdeckte  in  einiger  Entfernung  die  Reflexion  zweier  eng  zu‐ sammenstehender  Augen,  die  aus  tiefen  Schatten  auf  sie  he‐ rabschauten. »Schon gut«, hauchte sie in Richtung des Augen‐

paars  und  zog  sich  vorsichtig  weiter  nach  oben,  um  sich  die  Sache aus der Nähe anzusehen. In diesem Teil von Borcorash  mochte  es  sich  lediglich  um  einen  harmlosen  Felssegler  han‐ deln, aber es konnte nicht schaden, vorsichtig zu sein.  Ihre Vorsicht erwies sich bald als unnötig. Es war tatsächlich  ein  Felssegler,  der  in  seinem  Nest  hockte,  das  er  in  einer  be‐ sonders tiefen Scharte in der Mauer gebaut hatte. Shadas Blick  fiel kurz auf ein paar gesprenkelte Eier unter den Flügeln.  »Mach dir keine Sorgen; ich bin nicht hungrig«, beruhigte sie  das  Geschöpf.  Vor  langer  Zeit,  so  erinnerte  sie  sich  dunkel,  war  sie  recht  gut  darin  gewesen,  Felssegler  dieser  Größe  zu  fangen. Sie hatten viel besser geschmeckt als die Raubinsekten  aus der Stadt…  Sie  schüttelte  die  Gedanken  ab  und  verlagerte  ihr  Gewicht,  um eine Hand zu befreien und einen Sicherheitsanker aus ih‐ rem  Klettergeschirr  zu  ziehen.  Ihre  Mistryl‐Ausbilder  hätten  den  Gebrauch  einer  Sicherheitsleine  wahrscheinlich  bemäkelt  und  darauf  hingewiesen,  daß  es  Zeit  brauchte,  die  Anker  zu  befestigen,  und  daß  eine  wahre  Mistryl  im  übrigen  ohnehin  niemals  abrutschen  würde.  Doch  ihr  Klettertraining  lag  viele  Jahre  zurück,  und  alles  Tempo  der  Galaxis  würde  ihr  nichts  einbringen, wenn sie stürzte, ehe sie das Dach erreichte.  Andererseits,  wenn  an  Mazzics  Verdacht  hinsichtlich  dieses  Treffens irgend etwas dran war, so wäre es ebenso sinnlos, zu  spät  dort  oben  anzukommen  wie  überhaupt  nicht  anzukom‐ men.  Jetzt  lagen  noch  ungefähr  zwei  Meter  Mauer  vor  ihr,  schätzte sie, als sie nach oben spähte, und es würde noch etwa  die  doppelte  Anzahl  Minuten  vergehen,  bevor  Mazzic  und  Griv  oben  ankommen  würden.  Sie  befestigte  die  dünne,  fast 

unsichtbare Sicherheitsleine an dem Anker und wartete nicht,  bis das leise Zischen der molekularen Verschmelzung von An‐ ker  und  Mauer  verklungen  war.  Sie  passierte  das  Nest  des  Felsseglers und setzte den Aufstieg fort.  Sie hatte das Ende der Wand beinahe erreicht und langte ge‐ rade mit  einer Hand  nach  deren Rand, als  sie ein verhaltenes  Geräusch vernahm.  Sie erstarrte, lauschte, doch der Laut wiederholte sich  nicht.  Sie  ließ  langsam  die  ausgestreckte  Hand  sinken,  zog  einen  neuen  Sicherheitsanker  aus  dem  Geschirr  und  drückte  ihn  so  weit  links,  wie  sie  ausgreifen  konnte,  gegen  das  Mauerwerk.  Sie  hoffte,  daß  Zischen  wäre  zu  leise,  um  von  wem  auch  im‐ mer dort oben gehört zu werden, verband die Sicherheitsleine  mit  dem  Anker  und  schloß  außerdem  die  Führung  an  ihrem  Geschirr.  Nun  würde  sie,  falls  man  auf  sie  schoß,  sobald  sie  den Kopf über den Rand streckte, im Sturz nach unten aufge‐ halten  und  in  einem  engen  Bogen  um  diesen  Punkt  in  der  Mauer etwa einen Meter nach oben und einen halben zur Seite  ausschwingen. Das war nicht viel, doch bei einem Schußwech‐ sel  konnte  die  Möglichkeit,  dem  Feind  kein  sicheres  Ziel  zu  bieten,  über  Leben  und  Tod  entscheiden.  Sie  zog  behutsam  ihren Blaster aus dem Holster und entsicherte die Waffe…  »Hallo Shada«, sprach eine weiche Stimme unmittelbar über  ihr.  Sie  sah  nach  oben.  Eine  verhüllte  Gestalt  stand  am  Mauer‐ rand und blickte auf sie herab. Sogar in der Finsternis konnte  Shada genug vom Gesicht der anderen Frau erkennen… »Ka‐ roly?« murmelte sie.  »Es ist lange her, nicht wahr?« sagte Karoly D’ulin. 

»Würdest  du  bitte  deinen  Blaster  hier  aufs  Dach  legen  und  dann heraufkommen.«  Shada langte nach oben und plazierte die Waffe neben Karo‐ lys  Füßen,  dann  dachte  sie  dran,  die  Leinenführung  vom  Ge‐ schirr zu lösen, und zog sich den Rest des Weges eigenhändig  nach oben.  Sie richtete sich auf und sah sich kurz um. Hier am Rand war  das  Dach  flach,  doch  ein  paar  Meter  weiter  stieg  es  in  einem  scharfen  Winkel  um  einen  weiteren  Meter  oder  so  an,  ehe  es  flach auslief. Jenseits des Anstiegs konnte Shada den Rand des  Rings aus Oberlichtern erkennen, die das Oberdeck krönten –  den  Raum,  wo  Mazzic  sich  in  Kürze  seinen  Geschäften  wid‐ men wollte.  »Du  bist  vermutlich  die  letzte  Person,  die  ich  hier  oben  zu  sehen erwartet hätte«, bemerkte sie und drehte sich wieder zu  Karoly um.  »Das  kann  ich  mir  denken«,  stimmte  diese  zu.  Sie  hob  den  Blaster  auf  und  ließ  ihn  irgendwo  unter  ihrem  Umhang  ver‐ schwinden.  »Du  kannst  diese  Kletterhaken  ruhig  auch  noch  abnehmen  –  wir  nehmen  eine  der  inneren  Treppen  nach  un‐ ten. Laß sie einfach auf dem Dach, wenn’s recht ist.«  »Aber  natürlich«,  sagte  Shada,  schnallte  die  Haken  von  den  Unterarmen  ab  und  legte  sie  neben  sich  auf  den  Boden  des  Daches. Sie waren als Waffen nicht sonderlich brauchbar, aber  Karoly  schien  auf  Nummer  Sicher  gehen  zu  wollen.  Shada  ging  in  die  Knie,  löste  auch  noch  die  Fußhaken  und  richtete  sich wieder auf. »Zufrieden?«  Karoly zog einen Schmollmund. »Du tust gerade so, als wä‐ ren wir Feinde, Shada. Aber das sind wir nicht.« 

»Ich  bin  froh,  das  zu  hören«,  erwiderte  Shada  und  blickte  forschend in das Gesicht der jüngeren Frau. Es war lange her,  daß  sie  zusammengearbeitet  hatten  –  fast  zwanzig  Jahre,  um  genau  zu  sein,  seit  Tatooine  und  dem  Beinahefiasko  mit  dem  imperialen  Hammerstab‐Projekt.  Die  Erinnerung,  die  sich  Shada von diesem Zwischenfall bewahrt hatte, zeigte ihr eine  junge  und  unerfahrene  Karoly,  die  zudem  eine  gewisse  Nei‐ gung besaß, den Überblick zu verlieren.  Doch  diese  Erinnerung  hatte  mit  der  Frau,  die  nun  vor  ihr  stand,  nichts  gemein.  Irgendwann  in  den  vergangenen  zwan‐ zig Jahren hatte Karoly Anmut und Grazie entwickelt, und sie  erweckte  den  Anschein  beachtlicher  Kompetenz.  »Woher  wußtest du, daß ich auf dieser Seite heraufkommen würde?«  »Das wußten wir keineswegs«, antwortete Karoly mit einem  Schulterzucken.  »Die  übrigen  Aufstiegsmöglichkeiten  zu  die‐ sem  Dach  stehen  ebenfalls  unter  Bewachung.  Aber  mir  war,  als hätte ich dich in deinem blauen Kleid um die Ecke des Ge‐ bäudes  schleichen  sehen,  außerdem  dachte  ich  mir,  daß  du  diesen Weg wählen würdest.« Sie deutete auf Shadas zu Zöp‐ fen  geflochtene  Haare  und  dann  auf  die  eng  anliegende  Kampfkombination  und  das  Klettergeschirr.  »Ich  muß  sagen,  das Kleid paßte besser zu deiner Frisur als diese Kampfausrüs‐ tung. Was sind das für Dinger, die deine Haare zusammenhal‐ ten?«  »Lackierte  Zenjinadeln«,  erklärte  Shada.  »Mazzic  mag  es,  wenn ich dekorativ aussehe.«  »Nützliche Tarnung für eine Leibwächterin«, bemerkte Karo‐ ly. »Da wir gerade von Tarnung sprechen, ich nehme an, eine  dieser Nadeln ist ein  getarnter Signalgeber oder ein Komlink. 

Laß sie einfach aufs Dach fallen, ja?«  Shada verzog das Gesicht. »Dir entgeht nichts, nicht wahr?«  fragte  sie,  entfernte  den  Signalgeber  hinter  dem  rechten  Ohr  und fügte ihn dem Häuflein Kletterhaken auf dem Boden hin‐ zu.  »Ich  bin  ja  so  froh,  daß  wir  keine  Feinde  sind.  Wer  sind  eigentlich diese Wir, die du erwähnt hast?«  »Ich habe einen Klienten mitgebracht.« Karoly nickte in Rich‐ tung  der  erhöhten  Sektion  des  Daches.  »Er  wartet  dort  drü‐ ben.«  …  und  kauert  mit  einem  Scharfschützen‐Elastergewehr  bei  den  Oberlichtern! »Und was tut er da?«  »Nichts,  was  dich  betrifft«,  erwiderte  Karoly.  »Von  jetzt  an  ist dir dieser Job entzogen.«  Shada  sah  sie  stirnrunzelnd  an.  »Wovon  redest  du  eigent‐ lich?  Ich  bin  jetzt  seit  mehr  als  zwölf  Jahren  bei  Mazzic.  Man  kann  eine  solche  Verbindung  nicht  einfach  so  mit  einem  Fin‐ gerschnippen beenden.«  »Wir können, und wir werden«, sagte Karoly. »Es steht mitt‐ lerweile  fest,  daß  Mazzics  Gruppe  niemals  die  galaxisweite  Organisation werden wird, auf die die Mistryl gehofft hatten,  als  wir  dich  auf  ihn  ansetzten.  Und  da  Talon  Karrdes  Schmugglerallianz fast völlig untergegangen ist, haben die Elf  beschlossen,  daß  deine  weitere  Anwesenheit  hier  Verschwen‐ dung ist. Es ist Zeit für dich weiterzuziehen.«  »Gut«,  entgegnete  Shada  und  trat  zwei  Schritte  von  Karoly  zurück auf den Rand des Daches zu, dabei reckte sie den Kopf,  als  wollte  sie  versuchsweise  einen  Blick  auf  deren  Klienten  erhaschen.  »Ich  werde  Mazzic  heute  abend  mitteilen,  daß  ich  als  seine  Leibwächterin  kündige.  Wir  können  dann  morgen 

aufbrechen.«  Karoly schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, aber wir brechen  jetzt auf.«  Shada drehte sich wieder um, richtete einen harten Blick auf  Karoly  und  maß  insgeheim  die  Entfernung  zwischen  ihnen  beiden. Drei Meter. Genau richtig. »Weshalb?« wollte sie wis‐ sen. »Weil dein neuer Klient ihn töten will?«  Sie  konnte  Karoly  sogar  im  schwachen  Licht  ein  wenig  zu‐ sammenzucken sehen. Aber als die andere Frau sprach, klang  ihre  Stimme  hinlänglich  fest.  »Ich  schlage  vor,  du  erinnerst  dich daran, wer wir sind, Shada«, sagte sie. »Wir sind Mistryl.  Wir nehmen Befehle entgegen und befolgen sie.«  »Ich bin ebenso Mazzics Leibwächterin«, gab Shada leise zu‐ rück. »Und es gab einmal eine Zeit, da man den Mistryl Ehre  zusprach.  Wir  kamen  unseren  Pflichten  nach  und  gehorchten  nicht bloß Befehlen.«  Karoly  schnaubte  verhalten.  »Ehre.  Du  warst  lange  außen  vor, nicht wahr?«  »Scheint  so«,  konterte  Shada.  »Ich  habe  mich  stets  zu  glau‐ ben bemüht, als Mistryl würde ich ein paar Schritte über dem  Abschaum  aus  Söldnern  und  Mietkillern  stehen.  Vergib  mir  meine Naivität.«  Karolys Gesicht verfinsterte sich. »Wir tun, was nötig ist, um  unsere  Leute  am  Leben  zu  halten«,  gab  sie  bissig  zurück.  »Wenn irgendein schleimiger Hutt einem anderen schmierigen  Schmuggler  ein  Messer  in  den  Rücken  stoßen  will,  geht  uns  das nichts an.«  »Ich  korrigiere:  Es  geht  dich  nichts  an«,  widersprach  Shada.  »Aber mich schon. Ich habe einen Job, Karoly; und du kannst 

mir aus dem Weg gehen oder dabei zu Schaden kommen.« Sie  griff nach ihrem Klettergeschirr und klinkte die Sicherheitslei‐ ne wieder ein…  Karolys Rechte zuckte irgendwie, dann lag plötzlich ein klei‐ ner Blaster darin. »Keine Bewegung«, befahl sie. »Nimm deine  Hände vom Körper weg. Leer.«  Shada hielt die Arme locker von den Seiten weg und spreizte  die  Finger,  um  zu  zeigen,  daß  sie  nichts  in  den  Händen  hielt  oder in den Ärmeln barg. »Du wirst mich umbringen müssen,  wenn du mich aufhalten willst«, warnte sie.  »Das will ich nicht hoffen. Und jetzt umdrehen.«  Das war’s. Shada spreizte die Arme noch immer vom Körper  ab, drehte sich um neunzig Grad und richtete den Blick auf die  Oberlichter…  …  dann  trat  sie  einen  Schritt  zurück  und stürzte  vom  Rand  des Daches.  Sie  hatte  halb damit gerechnet, daß Karoly noch einen  Blas‐ terschuß auf sie abfeuern würde, ehe sie unter der Mauerkante  verschwand.  Doch  nichts  geschah.  Karoly  war  entweder  vor  Überraschung  erstarrt  oder  besaß  zuviel  Selbstkontrolle,  um  einfach  so  ins  Blaue  zu  feuern.  Doch  Shada  hatte  keine  Zeit,  lange  darüber  nachzudenken,  um  welche  Möglichkeit  es  sich  handeln  mochte.  Die  Sicherheitsleine  straffte  sich,  und  im  nächsten Moment prallte sie auch schon von der Wand ab, als  sie um den Mittelpunkt des letzten Ankers, den sie unterhalb  des  Daches  angebracht  hatte,  abwärts  und  nach  rechts  schwang. Noch zwei Sekunden, so schätzte sie, und sie würde  den  Scheitelpunkt  ihrer  Schwingung  hinter  sich  lassen  und  wieder nach oben zum Dach sausen, wo Karoly und ihr Blas‐

ter auf sie warteten.  Also  blieben  ihr  nur  zwei  Sekunden,  um  herauszufinden,  wie sie ihre frühere Kameradin überwältigen konnte.  Der  aufgeschreckte Felssegler  hatte nicht mal  genug  Zeit  zu  quieken, als Shada ihn aus seinem Nest riß. Es gelang ihr, mit  der anderen Hand eines der Eier zu packen, und schon federte  sie zurück Richtung Dach.  Dann  war  ihre  zwei  Sekunden  währende  Gnadenfrist  vorü‐ ber.  Noch  während  sie  den  Vogel  zum  Wurf  bereit  über  die  Schulter hob, tauchte Karoly am Rand der Mauer auf und eilte  auf  die  Stelle  zu,  von  der  aus  Shada  in  die  Tiefe  gesprungen  war.  Ihre  Augen  und  die  Mündung  des.  Blasters  suchten  die  Flanke  des  Gebäudes  ab.  Sie  entdeckte  Shada,  die  einen  kur‐ zen  Moment  lang  um  ihr  Gleichgewicht  kämpfte,  als  sie  ver‐ suchte,  ihren  Aufwärtsdrall  aufzuhalten  und  gleichzeitig  ihr  Ziel anzuvisieren…  … und mit einem angestrengten Ächzen warf Shada den Fel‐ segler nach Karolys Gesicht.  Dieser blieb keine Zeit zum Nachdenken, keine Zeit, innezu‐ halten  und  die  Lage  zu  überschauen.  Plötzlich  wirbelte  ein  Durcheinander  von  Flügeln  vor  ihr,  als  der  Felssegler  das  Gleichgewicht wiederzuerlangen versuchte, und in der Abwe‐ senheit  klarer  Gedanken  übernahmen  die  Kampfreflexe  der  Mistryl  die  Herrschaft.  Sie  zuckte  zurück  –  die  plötzliche  Be‐ wegung brachte ihre ohnehin unsichere Balance noch mehr ins  Wanken  –,  schwenkte  die  Mündung  des  Blasters  in  Richtung  des vor ihr flatternden Geschosses und drückte ab.  Der Blasterblitz traf den Felssegler und die flatternden Flügel  verwandelten  sich  unvermittelt  in  ein  Gewirr  aus  Flammen 

und  Funken  und  ätzendem  Qualm.  Karoly  duckte  sich  unter  den Feuerball und drehte den Kopf zur Seite…  Gerade rechtzeitig, um das Ei des Felsfliegers genau aufs Na‐ senbein zu kriegen.  Sie  keuchte,  als  das  Ei  zerbrach  und  die  schleimige  Flüssig‐ keit sich in ihre Augen ergoß. Ihre freie Hand schoß nach oben  und  versuchte,  die  zähflüssige  Masse  wegzuwischen,  die  sie  blendete, während Shada die Führung der Sicherheitsleine mit  einem Schlag erneut löste und aufs Dach sprang. Sie beschrieb  einen Bogen von einigen Metern nach rechts, um sich aus der  Schußlinie  des  Blasters  zu  bringen,  der  immer  noch  vage  in  ihre Richtung zielte, und näherte sich von der Seite.  Sie erreichte die jüngere Frau in dem Moment, als diese ihre  Augen frei  bekam,  und trat  ihr  den Blaster aus der  Hand, als  sie  versuchte,  die  Waffe  in  ihre  Richtung  zu  schwenken.  Der  Blaster traf den Mauerrand hinter Karoly, prallte ab und stürz‐ te  in  die  Dunkelheit  unter  ihnen.  »Shassa«,  stieß  Karoly  fau‐ chend  die  alte  Verwünschung  hervor,  sprang  nach  rechts  aus  Shadas  Reichweite  und  zauberte  von  irgendwoher  ein  schim‐ merndes Messer hervor. »Shada…«  »Ich gehorche nur meiner Pflicht«, rief diese und führte nun  ihrerseits  einen  Ausfallschritt  nach  rechts  aus,  um  der  Spitze  des  Messers  zu  entgehen.  »Du  hast  immer  noch  die  Möglich‐ keit, mir aus dem Weg zu gehen.«  Karoly fauchte und stürzte nach vorne. Shada machte einen  weiteren  Schritt  nach  rechts  und  gab  vor,  auf  Karoly  zuzusp‐ ringen,  dann  wich  sie  noch  einmal  seitwärts  aus,  änderte  die  Richtung und hielt auf die Oberlichter zu.  Doch  Karoly  hatte  diesen  Zug  vorhergesehen.  Sie  blinzelte 

weitere  Reste  des  Vogeleis  aus  den  Augen  und  machte  einen  großen  Schritt  in  die  gleiche  Richtung.  Ihr  Messer  schwang  bedrohlich hin und her. Shada konterte mit einem Schritt, der  sie  gefährlich  nah  an  den  Rand  des  Daches  brachte,  dann  machte  sie  in  dem  Versuch,  auf  Karolys  linke  Seite  zu  gelan‐ gen  und  damit  ihrer  Messerhand  zu  entgehen,  zwei  lange  Schritte  entlang  der  Mauerkante.  Karoly  wirbelte  daraufhin  herum  und  streckte  weiter  ihr  Messer  vor.  »Bring  mich  nicht  dazu, das zu tun, Shada«, knurrte sie.  Ihre  Stimme  war  kaum  mehr  als  ein  Schnarren,  und  doch  glaubte Shada darin auch einen verborgenen flehentlichen Un‐ terton hören zu können. »Also schön, Karoly«, sagte sie weich.  »Das  werde  ich  nicht.«  Sie  ließ  abermals  den  Verschluß  der  Führung  an  ihrem  Klettergeschirr  einrasten  und  sprang  ein  letztes Mal am Rand des Daches entlang…  …  und  die  Sicherheitsleine,  die  ihre  sorgfältig  choreogra‐ phierten  Kampfmanöver  in  sauberen  Schlangenlinien  hinter  Karoly  ausgelegt  hatten,  wurde  straff  und  spannte  sich  über  den  Spitzen  der  flachen  Stiefel  der  jungen  Frau.  Sie  fuchtelte  sinnlos  mit  dem  Messer  herum,  als  ihr  die  Beine  unter  dem  Leib  weggerissen  wurden,  und  fiel  mit  einem  dumpfen,  schmerzhaft klingenden Geräusch flach auf den Rücken.  Shada war im nächsten Augenblick über ihr; ein Fuß landete  auf  dem  Gelenk  von  Karolys  Messerhand,  während  sie  die  andere  Hand  zur  Seite  schlug.  Dann  stieß  sie  ihre  erstarrten  Fingerspitzen  in  die  weiche  Stelle  unterhalb  des  Brustkorbes.  Karoly krümmte sich unter dem Anprall mit einem qualvollen  Ächzen  zusammen  und  kippte  dann  zur  Seite.  Shada  stieß  noch  einmal  zu,  diesmal  hinter  Karolys  Ohr,  und  die  jüngere  Frau erschlaffte und lag still. 

Shada  atmete  schwer,  entwand  Karolys  schlaffer  Hand  das  Messer  und  durchtrennte  die  Sicherheitsleine,  bevor  sie  sich  am Ende noch selbst darin verhedderte. Der Kampf hatte nicht  lange  gedauert  und  war  einigermaßen  leise  über  die  Bühne  gegangen,  trotzdem  bestand  die  Möglichkeit,  daß  Karolys  Klient  den  Krawall  gehört  hatte  und  aus  seinem  Versteck  kommen  würde,  um  nachzusehen.  Wenn  sie  es  so  einrichten  konnte, daß sie ihm auf halber Strecke entgegenkam…  Eine Bewegung fast außerhalb ihres Blickfelds war die einzi‐ ge Warnung. Aber das genügte ihr. Noch während sie sich zur  Seite fallen ließ und abtauchte, knisterte dort, wo sie eben noch  gestanden hatte, ein Blasterblitz durch die Luft. Sie rollte sich  herum, kam auf die Knie, ließ den Blick rasch über den erhöh‐ ten Teil des Daches schweifen und lokalisierte den Angreifer:  eine flach auf dem Bauch liegende Gestalt in einem schwarzen  Poncho mit Kapuze; die weit vorragende Mündung eines Blas‐ tergewehrs zielte genau auf Shada. Sie riß die Rechte hoch und  warf Karolys Messer nach dem Mann.  Der  Scharfschütze  rollte  sich  sofort  auf  die  Seite,  und  barg  den  Kopf  in  der  relativen  Sicherheit  zwischen  Schußarm  und  Gewehr.  Die  Waffe,  die  immer  noch  auf  Shada  gerichtet  war,  spuckte ihre tödlichen Blitze jetzt im Dauerfeuer. Doch in die‐ sem  Fall  hatte  der  alte  Kopfgeldjägerreflex  ihn  verraten.  Das  Messer traf das vorhergesehene Ziel genau: nicht den sich du‐ ckenden  Scharfschützen,  sondern  das  aufflackernde  Blaster‐ feuer  aus  seiner  Waffe.  Es  durchtrennte  die  Schußlinie  genau  vor der Mündung des Gewehrs; die Blitze trafen auf die Klin‐ ge  und  sprengten  sie  in  einer  Detonation  aus  geschmolzenen  Splittern und zurückgeworfenem Licht auseinander.  Und  während  der  nun  folgenden  zwei  Herzschläge  würde 

der Scharfschütze wirksam geblendet sein.  Und zwei Herzschläge waren alles, was Shada brauchte. Sie  federte  vom  Boden  des  Daches  aus  in  die  Höhe,  sprang  über  das stotternde Blasterfeuer hinweg, das nunmehr blind in ihre  Richtung  zielte,  und  griff  rasch  in  ihr  zu  Zöpfen  gebundenes  Haar  nach  einer  der  lackierten  Zenjinadeln,  das  sich  in  einer  Kaskade  aus  geflochtenen  Strähnen  löste,  und  als  ihre  Füße  das Dach wieder berührten, warf sie die Nadel.  Und  mit  einem  letzten  gedämpften  Klappern  verstummte  der Blaster.  Im nächsten Augenblick war sie neben dem Scharfschützen,  nahm die Waffe aus den Händen des toten Mannes und rannte  wieder  quer  über  das  Dach.  Falls  dieser  Scharfschütze  ledig‐ lich  die  Rückendeckung  und  nicht  der  eigentliche  Angreifer  gewesen  war,  bestand  immer  noch  die  Möglichkeit,  daß  sie  gescheitert war. Sie kam schlitternd bei den Oberlichtern zum  Stehen,  ging  an  deren  Rand  in  die  Hocke  und  spähte  in  den  Raum mit den hohen Wänden darunter.  Sie war nicht gescheitert. Drei Meter unter ihr befand sich ein  kunstvoll geschmückter Tisch, an dessen einer Seite sie Mazzic  und  Griv  und  auf  der  anderen  den  Kubaz  und  einen  grob‐ schlächtig wirkenden Humanoiden sah.  Die beiden Parteien hatten bereits ihre Koffer getauscht und  waren soeben dabei, ihren neuen Gewinn zu prüfen. Der Ku‐ baz  schloß  den  Deckel  nach  einer,  wie  es  schien,  eher  ober‐ flächlichen  Überprüfung,  dann  blieb  er  mit  einem  nicht  zu  übersehenden Anflug großer Erwartungen steif vor dem Tisch  stehen. Mazzic bedurfte einer weiteren Minute, um mit seiner  Seite des Handels ebenso zufrieden zu sein, dann schloß auch 

er  seinen  Koffer.  Er  nickte  dem  Kubaz  zufrieden  zu  und  trat  einen  Schritt  vom  Tisch  zurück.  Seine  Lippen  bewegten  sich;  offenbar  sprach  er  seine  übliche  Abschiedsfloskel.  Der  Kubaz  blieb,  wo  er  war…  und  als  Mazzic  und  Griv  einen  weiteren  Schritt  zurücktraten,  wich  der  erwartungsvolle  Ausdruck  ei‐ ner  verwirrten  Miene.  Seine  lange  Schnauze  zuckte  unent‐ schlossen; es war kaum zu übersehen, daß er gerne aufgeblickt  hätte,  aber  ebenso  unübersehbar  wollte  er  vermeiden,  damit  auf das überraschende Ende hinzuweisen, das er noch immer  erwartete.  Aber  wenn  eine  Überraschung  alles  war,  was  er  sich  wünschte, so konnte Shada ihm den Gefallen tun. Sie richtete  das Blastergewehr auf die Basis der Langschnauze des Nicht‐ menschen  und  klopfte  mit  dem  Lauf  leicht  gegen  das  Ober‐ licht.  Alle  vier  blickten  nach  oben.  Der  Gesichtsausdruck  des  Ku‐ baz  ließ  sich  unmöglich  deuten,  aber  der  seines  Begleiters  machte  diesen  Mangel  mehr  als  wett.  Sein  Mund  klappte  in  fassungslosem  Unglauben  auf,  und  eine  Hand  fiel  auf  den  Blaster hinab, den er an der Seite trug. Shada nahm nun seine  Stirn ins Visier, und langsam hob er die leere Hand zur Brust.  Aus dem Augenwinkel sah sie, daß Mazzik ihr einen knappen  Gruß  zunickte,  dann  marschierten  er  und  Griv  aus  ihrem  Blickfeld.  Shada hielt ihre Waffe noch so lange auf den Kubaz und sei‐ nen Freund gerichtet, wie es dauerte, um bis dreißig zu zählen.  Dann ließ sie ihnen den gleichen kurzen Gruß zukommen, den  Mazzig ihr nach oben geschickt hatte, und trat von dem Ober‐ licht zurück. 

»Ist es vorbei?« fragte Karolys Stimme hinter ihr.  Shada sah sich nach ihr um. Die jüngere Frau stand mit un‐ durchdringlicher Miene neben dem toten Attentäter am Rand  der zweiten Stufe des Daches. »Ja«, teilte Shada ihr mit. »Dein  Klient  hat  schließlich  doch  noch  beschlossen,  von  eurer  Ver‐ einbarung zurückzutreten.«  Karoly  blickte  auf  den  Leichnam  zu  ihren  Füßen  hinunter.  »Die Elf werden darüber nicht besonders glücklich sein.«  »Ich bin daran gewöhnt, daß man nicht besonders glücklich  über  mich  ist«,  seufzte  Shada  und  senkte  das  Blastergewehr.  »Ich komme darüber hinweg.«  »Das  hier  ist  nichts,  worüber  sich  leichthin  scherzen  läßt,  Shada«,  brummte  Karoly.  »Dir  wurde  ein  direkter  Befehl  er‐ teilt. Du wirst jetzt bei Mazzic bleiben, und noch ehe die Wo‐ che vorüber ist, werden sie eine Einheit auf dich ansetzen.«  »Ich  werde  nicht  bei  Mazzic  bleiben«,  widersprach  Shada.  »Wie ich dir bereits sagte, werde ich noch heute abend als sei‐ ne Leibwächterin kündigen.«  »Und  du  denkst  wirklich,  die  Elf  würden  sich  damit  zufrie‐ dengeben?« höhnte Karoly.  »Ich nehme an, das hängt davon ab, ob irgend jemand unter  ihnen  ist,  der  sich  noch  daran  erinnert,  wer  wir  sind«,  sagte  Shada,  während  eine  tiefe  Traurigkeit  sich  ihrer  bemächtigte.  Eine Traurigkeit, die sich seit langer, langer Zeit in ihrem Her‐ zen  angesammelt  zu  haben  schien.  »Die  Mistryl,  denen  ich  mich  vor  nunmehr  zweiundzwanzig  Jahren  angeschlossen  habe, waren eine ehrbare Kriegerkaste, die dafür kämpfte, die  Überlebenden unseres Volkes zu schützen. Und ehrbare Krie‐ ger  geben  sich  bekanntlich  nicht  mit  Mord  ab.  Ich  hoffe,  daß 

wenigstens einige der Elf sich daran noch erinnern.«  »Vielleicht haben die Elf sich verändert.« Karoly wandte den  Blick  ab  und  ließ  ihn  über  die  dunklen  Dächer  der  Stadt  schweifen. »Vielleicht haben die Mistryl sich verändert.«  »Vielleicht haben sie das«, erwiderte Shada. »Aber ich nicht.«  Sie musterte ihre Kameradin. »Und du auch nicht.«  Karoly  sah  sie  wieder  an.  »Wirklich?  Ich  würde  gerne  wis‐ sen,  was  ich  gesagt  habe,  um  dir  diesen  Eindruck  zu  vermit‐ teln.«  »Es war nichts, was du gesagt hast«, erklärte Shada. »Es war  etwas,  das  du  getan  hast,  nachdem  ich  deinen  Blaster  außer  Reichweite getreten hatte und du das Messer auf mich gerich‐ tet hast.«  »Das  Messer  hat  dich  davon  überzeugt,  daß  ich  auf  deiner  Seite bin?«  »Ja«,  antwortete  Shada.  »Du  hast  immer  noch  meinen  Blas‐ ter.«  Karolys  Hand  fuhr  an  ihre  Seite.  »Ja,  ich  schätze,  den  habe  ich noch. Ich kann mir denken, du willst ihn wiederhaben.«  Shada zuckte die Achseln. »Es könnte schwerer sein, eine Er‐ klärung für das zu finden, was sich hier ereignet hat, wenn du  ihn bei deiner Rückkehr nach Emberlene noch bei dir trägst.«  »Richtig«,  gab  Karoly  zu.  Sie  vollführte  eine  knappe  Bewe‐ gung  aus  dem  Handgelenk,  und  die  Waffe  segelte  in  einem  flachen Bogen in  Shadas ausgestreckte  Hand.  »Da  wir gerade  von Emberlene sprechen: An deiner Stelle würde ich mich von  da fernhalten. Ich würde mich im Grunde sogar von jeder an‐ deren  Mistryl  fernhalten.  Für  die  nächsten  zehn  Jahre,  wenn 

du das schaffst.«  »So lange werde ich mich gar nicht verstecken müssen«, gab  Shada zurück und ließ den Blaster ins Holster gleiten. »So wie  es aussieht, brodelt es mal wieder in der Galaxis wegen dieser  Caamas‐Affäre.  Die  Elf  werden  schon  bald  über  wichtigere  Themen als mich nachdenken müssen.«  Karoly  stieß  etwas  Unverständliches  hervor.  »Caamas.  Caa‐ mas und Alderaan. Und sogar Honoghr, dieser Sumpfwasser‐ planet  der  Noghri.  Es  bringt  mich  schon  manchmal  zum  La‐ chen,  wenn  ich  daran  denke,  welchen  Welten  das  allgemeine  Greinen gilt.«  »Mit Bitterkeit ist niemandem geholfen«, wandte Shada ein.  »Womit dann?« versetzte Karoly. »Bitterkeit beweist wenigs‐ tens, daß man noch nicht tot ist.«  »Vielleicht«,  sagte  Shada.  »Aber  willst  du  dich  etwa  damit  zufriedengeben?«  »Ich vermute, dir ist etwas Besseres eingefallen?«  »Ich  weiß  es  nicht«,  entgegnete  Shada.  »Aber  es  muß  etwas  geben.«  Sie  wies  auf  einen  kleinen  rechteckigen,  an  einen  Schuppen erinnernden Aufbau jenseits des Kranzes aus Ober‐ lichtern. »Ist das da drüben der Ausgang?«  »Einer  von  mehreren«,  antwortete  Karoly.  »Wenn  es  dir  nichts ausmacht, beim Abstieg womöglich auf den Kubaz und  seine Kumpane zu stoßen.«  Shada lächelte kurz. »Sie werden mir Platz machen.«  Karoly  erwiderte  das  Lächeln  beinahe  widerwillig.  »Da  bin  ich  ganz  sicher.«  Das  Lächeln  verging.  »Aber  du  mußt  eines  begreifen, Shada: Was auch immer ich hier getan habe, tat ich 

für…  nun,  meine  Beweggründe  sind  kompliziert.  Aber  wenn  die Elf mich auf dich ansetzen…«  »Ich  verstehe«,  nickte  Shada.  »Ich  werde  versuchen,  dich  nicht noch einmal in eine solche Lage zu bringen.«  »Um  mich  mußt  du  dich  nicht  kümmern«,  sagte  Karoly.  »Paß  einfach  gut  auf  dich  selbst  auf.«  Sie  reckte  den  Kopf  ein  kleines Stück. »Hast du eine Ahnung, wie es jetzt für dich wei‐ tergeht?«  Shada hob den Blick zu den Sternen. »Wie die Dinge liegen«,  erwiderte sie leise, »habe ich die tatsächlich.«    »So halten Sie doch still, Sir«, sagte der MD‐Droide mit seiner  tiefen  Stimme  und  führte  die  Sonde  mit  mikroskopischer  Ge‐ nauigkeit,  als  er  sie  in  Position  brachte.  »Ich  gehe  davon  aus,  daß dies der letzte Durchgang sein wird.«  »Gut«,  nickte  Luke,  atmete  tief  durch  und  übte  sich  in  Ge‐ duld.  Er  saß  jetzt  schon  beinahe  eine  halbe  Stunde  hier,  aber  jetzt war es fast geschafft.  Der Droide schob die Sonde behutsam in Lukes rechtes Ohr,  der darauf etwas zwischen einem Kitzeln und Zwicken spürte  und  sich  wappnete  –  dann  war  mit  einem  vernehmlichen  schlürfenden Geräusch alles vorbei.  »Vielen  Dank,  Sir«,  sagte  der  MD,  senkte  die  Sonde  in  die  Schale neben sich und gab noch ein paar letzte Tropfen Bacta  hinein.  »Ich  entschuldige  mich  noch  einmal  für  die  zeitliche  Beanspruchung  und  die  Unannehmlichkeiten,  die  Ihnen  hier‐ durch entstanden sind.«  »Das  ist  schon  in  Ordnung«, versicherte Luke ihm, ließ  sich 

vom  Behandlungstisch  gleiten  und  rieb  die  letzte  Spur  des  Kitzelns/Zwickens mit der Spitze eines Fingers weg. »Ich weiß,  es läßt sich leicht sagen, daß es nie wieder einen Bacta‐Engpaß  wie während des Krieges geben darf. Aber es fällt nicht immer  genauso leicht, auch daran zu glauben.«  »Ich  war  damals  schon  Teil  dieser  Einrichtung«,  sagte  der  MD  ernst.  »Wir  konnten  es  uns  nicht  leisten,  Bacta  auf  dem  Schwarzmarkt  zu  kaufen,  selbst  wenn  wir  Zugang  dazu  ge‐ habt  hätten.  Ich  sah  viele  sterben,  die  hätten  gerettet  werden  können.«  Luke  nickte.  Und  das  Resultat  war,  daß  die  Medis,  die  hier  während der vergangenen zwölf Jahre die Verantwortung ge‐ tragen hatten, die rigide Politik einführten, jeden Tropfen Bac‐ ta  zu  bewahren  –  selbst  wenn  dies  bedeutete,  diese  Tropfen,  falls  nötig,  aus  den  Ohren  ihrer  Patienten  zu  gewinnen.  »Ich  kann nicht gerade behaupten, daß dieser letzte Teil besonders  angenehm  war«,  sagte  er.  »Andererseits  hätte  es  mir  auch  nicht  gefallen,  wenn  ich  hier  angekommen  wäre  und  du  hät‐ test nicht genug Bacta gehabt, um mich zu behandeln.«  »Vielleicht  sind  das  einfach  nur  noch  eingefahrene  Wege«,  meinte  der  Droide.  »Aber  man  hat  mich  gelehrt,  daß  es  klug  ist, sich an die Vergangenheit zu erinnern.«  »So  ist  es«,  stimmte  Luke  ernüchtert  zu  und  nickte  in  Rich‐ tung  des  Bacta‐Kultivierungsschale.  »Und  noch  klüger,  auch  aus ihr zu lernen.«  R2  erwartete  ihn  in  ihrem  zugewiesenen  Raum.  Er  war  mit  dem  Arbeitstisch  gekoppelt  und  trillerte  leise  vor  sich  hin,  während  er  sich  mit  dem  Hauptcomputer  der  medizinischen  Einrichtung unterhielt.  Sein Kuppelkopf  drehte sich,  als Luke 

eintrat,  und  das  Trillern  verwandelte  sich  in  ein  aufgeregtes  Fiepen. »Hi, R2«, rief Luke. »Immer bei der Arbeit?«  Der  kleine  Droide  gab  ein  bejahend  klingendes  Zwitschern  von  sich,  das  einem  fragenden  Laut  wich.  »Oh,  mir  geht  es  gut«,  versicherte  Luke  ihm  und  tätschelte  seine  Seite.  »Ein  paar Splitter saßen ziemlich tief drin, aber sie konnten alle ent‐ fernt  werden.  Nach  einem  kleinen  Tauchgang  im  Bactatank  bin  ich  wieder  so  gut  wie  neu.  Der  Medi  meint,  daß  ich  eine  Stunde  oder  so  noch  nicht  fliegen  soll,  aber  wahrscheinlich  brauche ich ohnehin so lange, um das Schiff startbereit zu ma‐ chen.«  R2‐D2  fiepte  erneut  und  ließ  den  Kuppelkopf  einmal  ganz  rotieren. »Ja, ich sehe, an dir hat man auch ein gutes Werk ge‐ tan«, pflichtete Luke ihm bei. »Hast du darum gebeten, einen  Blick auf den X‐Flügler werfen zu dürfen?«  Wieder  ein  bejahendes  Zwitschern.  »Gut«,  sagte  Luke.  »Dann  bleibt  wohl  nur  noch  die  Frage  zu  klären,  wohin  wir  uns als nächstes wenden.«  Der Kuppelkopf drehte sich zurück, um ihn anzusehen; das  darauf  folgende  Trillern  barg  einen  eindeutig  mißtrauischen  Unterton.  »Wir  sind  hier  nicht  in  den  Ferien,  R2«,  erinnerte  Luke  ihn  und  zog  einen  Sessel  neben  den  Droiden,  um  ein  Auge auf das Display des Tischcomputers werfen zu können.  So konnte er den komplizierteren Übersetzungen folgen. »Wir  sind hier, um diesen Klonen auf die Spur zu kommen und he‐ rauszufinden, woher sie kommen. Und das wird uns nicht ge‐ lingen, wenn wir nach Yavin oder Coruscant heimkehren.«  Er  warf  einen  Blick  aus  dem  Fenster  auf  die  Hügel,  deren  steile Hänge unmittelbar vor diesem Raum aufragten; die Mat‐

ten  goldfarbener  Gräser  leuchteten  in  der  Nachmittagssonne.  Ja, das Protokoll der Mission ließ keinen Zweifel aufkommen;  für  die  Vorgehensweise,  die  erforderlich  sein  würde,  um  sie  erfolgreich  durchzuführen,  galt  dies  bedauerlicherweise  ganz  und  gar  nicht.  Er  hatte  versucht,  sich  heimlich  in  den  Stütz‐ punkt  der  Cavrilhu‐Piraten  einzuschleusen,  und  alles,  was  ihm  der  ganze  Aufwand  eingebracht  hatte,  war  ein  weiteres  Bad  im  Bactatank.  Und  natürlich  die  Gelegenheit,  Mara  wie‐ derzusehen.  Er verzog das Gesicht. Mara. Er hatte bereits seit jenem Pira‐ tenüberfall, den er und Han bei Iphigin vereitelt hatten, damit  gerechnet,  ihr  wieder  einmal  über  den  Weg  zu  laufen  –  im  Grunde war er nicht mal sicher, ob Han nicht etwas damit zu  tun  hatte,  daß  sie  so  unvermittelt  in  dem  Kauron‐ Asteroidenfeld aufgetaucht war. Er hatte damit gerechnet, ihr  zu  begegnen  –  und  sich  insgeheim  vor  dieser  Aussicht  ge‐ fürchtet.  Gleichwohl war ihre Begegnung im Rückblick längst nicht so  verkrampft verlaufen, wie er befürchtet hatte. Sie war hilfsbe‐ reit  und  höflich  gewesen,  oder  zumindest  so  höflich,  wie  es  Mara überhaupt je sein konnte. Und, was noch wichtiger war,  die  verhaltene,  aber  ausgeprägte  Ausstrahlung  von  Feindse‐ ligkeit,  die  er  während  ihrer  letzten  kurzen  Begegnung  ge‐ spürt hatte, war diesmal nicht dagewesen.  Oder vielleicht war sie doch vorhanden gewesen, und er hat‐ te  sie  bloß  nicht  bemerkt.  Vielleicht  hatte  die  freiwillige  Min‐ derung  des  Machtgebrauchs  in  der  jüngsten  Zeit  ihn  daran  gehindert,  so  tief  in  ihren  Geist  einzudringen,  ohne  es  aus‐ drücklich zu wollen. 

Er blickte finster auf  die  Hügel.  Hier  war  ohne  Frage  irgen‐ dein  Verhältnis  von  Ursache  und  Wirkung  am  Werk,  dessen  zumindest war er sich ganz sicher. Die Frage war nur: Worin  bestand die Ursache und was war die Wirkung?  R2 trillerte fragend. »Ich versuche es herauszufinden«, teilte  Luke  ihm  mit  und  starrte  wieder  auf  die  Übersetzung.  »Nur  Geduld, ja?«  Der  Droide  trillerte  abermals  und  verstummte  erwartungs‐ voll.  Luke  seufzte,  lehnte  sich  in  seinem  Sessel  zurück  und  starrte weiter die Hügel an. Mara war ihm ein Rätsel, aber ein  Rätsel, das warten mußte. Im Augenblick hatte die Frage nach  diesen Klonen oberste Priorität.  Seine Zukunft…  Er sah wieder R2 an, und die Erinnerung an ihre gemeinsa‐ me  Zeit  bei  Yoda  kam  ihm  träge  in  den  Sinn.  Lukes  Ausbil‐ dung zum Jedi und sein erster kurzer Blick in die Zukunft.  Ein  Blick,  der  fast  in  die  Katastrophe  geführt  hätte.  Er  war  überstürzt nach Cloud City aufgebrochen um Han und Leia zu  retten, doch um ein Haar hätte er sie statt dessen alle umgeb‐ racht.  Doch seitdem hatte er so viel über die Macht erfahren. Und  es war ihm gelungen, weitere Zukunftsvisionen zu haben, oh‐ ne  gleich  etwas  Unbesonnenes  zu  tun.  In  letzter  Zeit  waren  seine Bemühungen in dieser Richtung jedoch seltsam unergie‐ big gewesen,  doch  da er sich noch eine  Stunde  oder  so ohne‐ hin ruhig verhalten sollte, konnte es nicht schaden, einen wei‐ teren Versuch zu unternehmen.  »R2, ich werde eine Weile meditieren«, erklärte er dem Droi‐ den,  glitt  aus  dem  Sessel  und  ließ  sich  im  Lotossitz  auf  dem 

Fußboden  nieder.  »Ich  will  versuchen,  irgendwie  eine  Rich‐ tung  zu  finden.  Sieh  zu,  daß  mich  niemand  stört,  in  Ord‐ nung?«  Der  Droide  summte  zustimmend.  Luke  atmete  tief  durch,  schloß die Augen und griff in die Macht hinaus. Seine Gedan‐ ken – seine Gefühle, sein ganzes Sein – nahmen wie von selbst  die angemessene Form an…  …  und  im  nächsten  Moment  explodierte  das  gesamte  Uni‐ versum vor ihm und verwandelte sich in ein Kaleidoskop aus  Farben und Bewegung.  Er  keuchte.  Das  überwältigende  Bild  flimmerte  einen  Au‐ genblick  wie  die  Hitze  über  einer  Wüste,  als  er  beinahe  die  Kontrolle  verlor.  Diese  Vision  war  wie  keine  zuvor.  Hundert  verschiedene  Szenen,  tausend  unterschiedliche  Möglichkeiten  – leuchtende Farben, exakt begrenzte Klänge, Freude und Zu‐ friedenheit und Angst und Tod. Alles wirbelte mit der Wucht  und  der  Zufälligkeit  eines  Sandsturms  auf  Tatooine  zugleich  umeinander.  Alternative  Entscheidungslinien  verbanden  sich  oder  prallten  aufeinander,  gingen  manchmal  ineinander  über  oder  stießen  einander  wieder  ab  –  doch  jedesmal  wurden  sie  durch  die  gegenseitige  Berührung  für  immer  verändert.  Ver‐ traute  Gesichter  mischten  sich  unter  unbekannte,  glitten  vor  ihm  vorüber  oder  flackerten  hinter  neuen  Ereignissen  am  Rande seines Blickfelds auf. Er erhaschte einen Blick auf Wed‐ ge und das Renegaten‐Geschwader, die im Schlachtgetümmel  an  ihm  vorübersausten;  er  sah  seine  Jedi‐Schüler,  die  in  der  Neuen Republik ausschwärmten und die Yavin‐Akademie fast  völlig verwaist zurückließen; sah sich selbst auf einer Terrasse  vor  der  Wand  einer  im  Dunkeln  liegenden  Schlucht  stehen  und auf ein Meer Tausender winziger Sterne hinabblicken; sah 

Han  und  Leia,  die  sich  einem  gewaltigen  Mob  entgegenstell‐ ten…  Han?  Leia?  Unter  Mühen  griff  er  nach  diesem  letzten  Zu‐ kunftsstrang und versuchte, ihn lange genug festzuhalten, um  mehr sehen zu können. Einen Augenblick lang hatte er Erfolg,  und das Bild wurde scharf: Leia stand in einem breiten Korri‐ dor – ihr Lichtschwert sprühte Funken, während eine Flut von  Leibern  durch  eine  hohe  Tür  drängte  –  und  blickte  auf  die  Menge  hinab.  Der  Aufruhr  schob  sich  gedankenlos  vorwärts;  ein  verborgener  Scharfschütze  auf  einem  Dach  brachte  sein  Blastergewehr in Anschlag…  Und  dann  waren  sie  verschwunden  und  vergingen  in  der  wirbelnden  Masse  von  Bildern  und  Klängen.  Einen  Moment  lang versuchte Luke sich dem Strom selbst anzuschließen; der  Geschmack  der  Angst  vermischte  sich  mit  den  anderen  Sin‐ neseindrücken  der  Vision,  als  er  gleichsam  Schritt  zu  halten  und  zu  erkennen  versuchte,  was  mit  ihnen  geschah.  Aber  sie  blieben  verschwunden,  und  mit  einer  Wahrnehmung,  die  ih‐ ren  Ursprung  außerhalb  seiner  selbst  hatte,  wurde  ihm  klar,  daß er alles gesehen hatte, was diese Vision für ihn bereithielt.  Er löste sich vorsichtig aus dem Strom und bahnte sich seinen  Weg zu dem einzigen fixen Punkt im Sturm, der Stabilität sei‐ nes  eigenen  Seins.  Er  hatte  alles  erfahren,  und  es  war  an  der  Zeit zu gehen. Er trat den Rückzug an, das ungeheure Aufge‐ bot  von  Bildern  wich  im  Gegenzug  allmählich  zurück  und  verblaßte.  Und dann erschien mit einem Mal eine letzte Vision vor ihm:  Mara;  umgeben  von  zerklüfteten  Felsen,  trieb  sie  im  Wasser.  Ihre  Augen  waren  geschlossen,  ihre  Arme  und  Beine  schlaff.  Wie im Tod. 

Warte!  hörte  er  sich  rufen.  Doch  es  war  zu  spät.  Maras  Ab‐ bild löste sich ebenso auf wie der Rest der Vision…  Luke schnappte nach Luft und fand sich plötzlich in seinem  Zimmer wieder, wo er aus dem Fenster auf die Hügel starrte.  Hügel, die nicht länger golden leuchteten, sondern vom mil‐ deren Glanz der Sterne umrahmt waren.  »Wow«,  murmelte  er  und  rieb  sich  die  Augen.  Er  hätte  ge‐ schworen,  daß  seine  Vision  lediglich  wenige  Minuten  ge‐ dauert hatte.  Neben  ihm  zwitscherte  R2,  offensichtlich  erleichtert.  »Ja,  es  hat auch länger gedauert, als ich erwartet hatte«, pflichtete Lu‐ ke ihm bei. »Tut mir leid.«  Der Droide trillerte fragend. Luke kam auf die Beine, zuckte  zusammen  unter  dem  plötzlichen  Prickeln  der  Muskeln,  die  zu lange in einer Position verharrt hatten, und blickte auf die  Frage,  die  über  den  Computerbildschirm  rollte.  »Ich  weiß  es  nicht«,  mußte  er  einräumen.  »Ich  habe  viele  Dinge  gesehen,  aber  nichts,  das  irgendwie  mit  unserer  Suche  zusammenzu‐ hängen schien.«  Was  bedeuten  mochte,  so  ging  ihm  mit  einem  Mal  auf,  daß  die Jagd nach Klonen nicht länger sein vordringliches Ziel sein  sollte.  Aber was sollte er statt dessen unternehmen? Dorthin gehen,  wo  Leia  und  Han  waren,  um  sie  zu  warnen?  Oder  Mara  su‐ chen und sie warnen?  Er holte tief Luft und streckte die müden Muskeln. Ständig in  Bewegung ist die Zukunft, hatte Yoda ihm nach jener ersten Vi‐ sion auf Dagobah erklärt. Damals hatte Luke diese Bemerkung  verwundert; seine Vision von Han und Leia in Cloud City war 

ihm  so  einfach  und  klar  vorgekommen.  Aber  falls  Yoda  statt  dessen  etwas  gesehen  hatte,  das  seiner  jüngsten  Erscheinung  mit  all  ihren  Verwicklungen  und  Wirrungen  ähnlicher  gewe‐ sen war, mochte alles einen Sinn ergeben.  Hatte  er  denn  wirklich  etwas  Derartiges  gesehen?  War  es  möglich, daß es sich bei Lukes Erlebnis hier um etwas davon  vollkommen  Verschiedenes  handelte?  Ein  besonderes,  auße‐ rordentlichen Ereignissen vorbehaltenes Ereignis?  Das  war  eine  faszinierende  Möglichkeit.  Aber  für  den  Au‐ genblick  konnte  er  diese  Frage  getrost  außer  acht  lassen.  Es  kam  allein  darauf  an,  daß  ihm  die  Führung  zuteil  geworden  war,  nach  der  er  gesucht  und  die  er  gebraucht  hatte,  um  da‐ nach zu handeln.  Nun  mußte  er  nur  noch  herausfinden,  worin  genau  diese  Führung bestand.  Er  trat  ans  Fenster  und  schaute  hinauf  zu  den  Sternen.  Er‐ kennen  wirst  du  es,  hatte  Yoda  noch  gesagt,  wenn  du  Ruhe  be‐ wahrst, und Frieden. Wieder holte er tief Atem und machte sich  daran, Frieden in seinen Geist einkehren zu lassen.  Als er sich wieder umdrehte, nahm das leises Trillern von R2  einen immer besorgteren Unterton an. »Schon gut«, wandte er  sich  an  den  Droiden.  »Ich  habe  eine  Welt  mit  einer  breiten,  tiefen  Schlucht  gesehen,  in  deren  Flanken  Gebäude  getrieben  waren  und  an  deren  Fuß  es  zahllose  Lichter  gab.  Überprüfe  den  Hauptcomputer,  um  herauszufinden,  wo  das  gewesen  sein könnte.«  R2‐D2 trillerte bestätigend und koppelte sich an den Compu‐ terausgang.  Luke  trat  neben  ihn  und  sah  zu,  wie  der  Name  eines  Planeten  sowie  dessen  Beschreibung  auf  dem  Display 

erschien.  »Nein,  das  war  nicht  Belsavis«,  sagte  er.  »Die  Ober‐ fläche war nicht mit Gletschern bedeckt, und es gab auch keine  Kuppeln.  Außerdem  war  es  an  jenem  Ort  wesentlich  ange‐ nehmer.«  Er  zog  die  Stirn  kraus  und  rief  sich  den  Anblick  wieder  ins  Gedächtnis.  »Über  die  Schlucht,  die  ich  gesehen  habe, waren im weiten Bogen Brücken gespannt. Es gab… Ich  habe ein Arrangement von neun Brücken gesehen, die in Form  eines Diamanten angeordnet waren: eine begann auf der einen  Ebene, zwei weitere, dicht beieinander, kreuzten diese von der  nächsten  Ebene  ausgehend,  auf  der  nächsten  waren  es  drei,  dann wieder zwei und schließlich noch eine…«  R2  gab  ein  Pfeifen  von  sich  und  suchte  weiter.  Ein  halbes  Dutzend weiterer Systeme rollte über den Bildschirm…  »Augenblick  mal«,  rief  Luke.  »Geh  eines  zurück…  das  Ce‐ jansij‐System. Schau mal nach, ob du irgendwelche Abbildun‐ gen unter den Daten findest.«  Die Anzeige rollte zurück und wechselte anschließend zu ei‐ ner Folge von Orbitalen, geographischen und topographischen  Darstellungen.  Luke  sah  zu,  wie  sie  vorüberglitten…  und  als  die  Bilderserie  zu  Ende  war,  wußte  er,  daß  dies  der  Ort  war.  »Das ist es«, sagte er. »Die Canons von Cejansij. Dorthin wer‐ den wir gehen.«  Der  Droide  zwitscherte  unsicher;  seine  Frage  erschien  am  unteren  Rand  des  Bildschirms.  »Ich  kenne  den  Grund  nicht«,  teilte Luke ihm mit. »Ich weiß nur, daß ich dorthin muß.«  Ein  weiteres,  nunmehr  leicht  skeptisch  klingendes  Zwit‐ schern  ertönte.  »Um  ehrlich  zu  sein,  ich  verstehe  mich  selbst  auch  nicht«,  gab  Luke  zu.  »Ich  habe  während  dieser  Vision  viele Dinge gesehen, Dinge, die zur Zeit geschehen oder bald 

geschehen werden. Ich habe meine Schüler die Akademie ver‐ lassen sehen – warum weiß ich nicht. Ich habe Leia und Han in  Schwierigkeiten gesehen…«  Der Droide trillerte besorgt, und eine neue Frage tauchte auf.  »Nein, ich habe keine Ahnung, ob 3PO bei ihnen war«, erklär‐ te Luke. »Entscheidend ist, daß es da draußen viele Orte gibt,  die wir aufsuchen könnten und an denen ich womöglich etwas  ausrichten kann. Zu viele Orte.«  Er deutete auf das Bild der gewaltigen Schlucht. »Aber dieser  Canon ist der einzige, an dem ich mich gesehen habe. Der ein‐ zige Teil der Vision, bei dem ich Frieden empfunden habe.«  Wieder  blickte  er  zu  den  Sternen  hinaus.  »Also  werden  wir  dorthin reisen.«  Einen  Moment  lang  blieb  es  still.  Dann  trillerte  R2  wieder.  »Erwischt«,  stimmte  Luke  mit  einem  Lächeln  zu.  »Wenn  wir  reisen  müssen,  sollten  wir  nicht  länger  zaudern  und  aufbre‐ chen.«  Abgesehen davon, sagte er sich, während sie zur Andockbucht  aufbrachen,  ist  Leia  eine  selbständige  Jedi.  Sie  kann  gut  auf  sich  selbst  aufpassen. Und Han blickt auch  auf eine lange Tradition zu‐ rück, sich in aussichtslosen Situationen durchzusetzten.  Das  Renegaten‐Geschwader  kam  ohne  ihn  klar,  und  wenn  seine  Jedi‐Schüler  ihn  verlassen  mußten,  so  hatten  sie  sicher  einen  guten  Grund  dazu.  Worum  es  auch  immer  bei  dieser  Reise  nach  Cejansij  gehen  mochte,  alle  würden  eine  Zeitlang  auch ohne ihn zurechtkommen.  Vierzig  Minuten später  befand er sich einmal mehr  im  offe‐ nen  Weltraum,  zog  die  Hebel  für  den  Hyperantrieb  und  ließ  seinen  X‐Flügler  in  die  Lichtgeschwindigkeit  springen.  Dabei 

gab er sich alle Mühe, nicht an die Vision von Mara zu denken. 

13. Kapitel    Ceok Orou’cya, der Erste Sekretär der Vereinten Bothan‐Clans  war  weltgewandt,  höflich  und  vollendet  liebenswürdig,  doch  unter dieser Schale schien er, soweit Leia das feststellen konn‐ te, über ihren Besuch ehrlich überrascht zu sein.  Und unter der Überraschung, vermutete sie, verbarg sich ein  hohes Maß an Besorgnis.  »Sie müssen meine Position in dieser Sache verstehen, Rätin  Organa Solo«, sagte er nun schon zum dritten Mal, während er  Leia, Han und C‐3PO am äußeren Empfang vorbei in die drei  Stockwerke  umfassende  verschwenderische  Lobby  geleitete,  die, einem Atrium ähnlich, das vordere Drittel des Zentralge‐ bäudes  der  Vereinten  Clans  einnahm.  »Ihr  Besuch  –  zudem  ohne  jede  Vorankündigung  –  verstößt  in  hohem  Maße  gegen  die Regeln. Für Ihre Bitte…« Sein Fell vibrierte trotz der nicht  zu  übersehenden  Bemühungen,  es  unter  Kontrolle  zu  halten.  »… gilt dies erst recht.«  »Sie haben den Brief von Gavrisom erhalten«, warf Han grob  ein. »Und einen von Fey’lya noch dazu. Was wollen Sie denn  noch?«  Der Sekretär warf Han einen Seitenblick zu, und ungeachtet  des  Ernstes  der  Lage  mußte  sich  Leia  ein  Lächeln  verkneifen.  Han  hatte  seine  einschüchterndste  Pose  eingenommen:  Er  stand steif aufgerichtet und blickte finster, ohne mit der Wim‐ per zu zucken, die Hand lag auf dem Knauf des Blasters, der  an seiner Seite festgeschnallt war. Die Knöchel der Schußhand 

traten unter dem Druck, mit dem er die Waffe faßte, ein wenig  weißer  hervor  –  eine  Feinheit,  die  sie  ihm  auf  dem  Weg  von  Coruscant  hierher  vorgeschlagen  hatte  und  die  ihre  Wirkung  auf das ausersehene Publikum gewiß nicht verfehlte.  Er  hätte  sogar  noch  einschüchternder  gewirkt,  wenn  Bark‐ himkh  und  Sakhisakh  an  seiner  Seite  gestanden  hätten.  Aber  die Bothans mochten die Noghri nicht besonders, daher hatte  Leia  entschieden,  daß  die  Situation  ohne  diese  zusätzliche  Spannung  bereits  brenzlig  genug  sei.  Die  beiden  Noghri  trie‐ ben  sich  irgendwo  draußen  herum  und  waren,  falls  sie  doch  gebraucht wurden, nur eine kurze Komlinknachricht entfernt.  Aber sie rechnete nicht damit, auf sie zurückgreifen zu müs‐ sen.  Zwischen  dem  offiziellen  Gewicht,  das  sie  selbst  in  die  Waagschale  warf,  und  der  Androhung  drastischerer  physi‐ scher  Konsequenzen  durch  Han  hatten  sie  Orou’cya  bereits  zur Genüge im Schwitzkasten. Mit ein bißchen Glück eröffnete  ihnen das die Möglichkeit, die Wirtschaftsberichte einsehen zu  können, bevor irgendwer sie verschwinden ließ oder manipu‐ lierte.  »Ich persönlich verlange gar nicht mehr, Captain Solo«, sagte  der  Sekretär.  »Das  Problem  besteht  darin,  daß  nur  einer  der  Führer der Vereinten Clans autorisiert wäre, Sie einen Blick in  die Berichte werfen zu lassen, die Sie zu sehen wünschen, und  daß  zur  Zeit  keiner  von  ihnen  in  diesem  Teil  von  Bothawui  weilt.«  Han  machte  einen  weiteren  Schritt  in  seine  Richtung.  »Sie  haben den Brief von Präsident Gavrisom…«  »Bitte.« Leia hob eine Hand. »Sekretär Orou’cya, ich verstehe  durchaus,  in  welcher  Lage  Sie  sich  befinden.  Ich  glaube,  es 

wird ganz sicher einen anderen Weg zur Lösung dieses Prob‐ lems geben. Ist es richtig, daß Rat Fey’lya in seiner Eigenschaft  als  Repräsentant  der  Neuen  Republik  gleichfalls  Zugang  zu  den Wirtschaftsberichten hat, die wir suchen?«  Die  Augen  des  Bothan  schossen  zwischen  den  beiden  hin  und  her;  offenbar  witterte  er  eine  Falle.  »Ich  glaube,  das  hat  er«, antwortete er vorsichtig. »Ich müßte allerdings die Regu‐ larien überprüfen.«  Leia sah Han an und zog ein wenig die Augenbrauen in die  Höhe.  »Hier«,  warf  Han  darauf  ein  und  reichte  dem  Sekretär  eine Datenkarte. »Ich habe die Stelle markiert.«  Orou’cya  streckte  eine  Hand  aus,  um  die  Karte  an  sich  zu  nehmen, zögerte und ließ die Hand wieder an seine Seite sin‐ ken. »Mir genügt Ihr Wort in dieser Sache«, sagte er. »Aber ich  kann nicht erkennen, warum das von Bedeutung sein soll. Rat  Fey’lya  ist  nicht  hier,  und  ein  Brief  genügt  keineswegs,  um  derartige Privilegien auf eine andere Person zu übertragen.«  »Richtig«, erwiderte Leia mit einem Nicken. »Aber diese Pri‐ vilegien  erstrecken  sich  auch  auf  Rat  Fey’lyas  persönlichen  Besitz, nicht wahr?«  Orou’cya runzelte die Stirn. »Worauf wollen Sie hinaus?«  »Ich  spreche  von  Eigentum,  zum  Beispiel  seinen  persönli‐ chen Computern«, antwortete Leia. »Oder seinen Droiden.«  Der  Bothan  sah  3PO  an,  und  diesmal  legte  er  sichtlich  das  Fell an. »Seine…? Aber…«  Han stieß mit der Datenkarte gegen seine Schulter. »Die Stel‐ le ist auch markiert.«  »Und  hier  haben  wir  die  Datei  über  Fey’lyas  Besitzverhält‐

nisse«, fügte Leia hinzu und hielt ihm eine weitere Datenkarte  hin.  Orou’cya nahm mechanisch die beiden Datenkarten an sich.  Sein  Blick  blieb  auf  den  goldenen  Droiden  gerichtet,  der  mit  stiller Größe stumm und unnahbar dastand.  Wenigstens hoffte Leia, daß es das war, was er sah. In Wirk‐ lichkeit  verhielt  sich  3PO  aus  dem  einfachen  Grund  so  still  und  unnahbar,  weil  er  viel  zu  peinlich  berührt  und  verärgert  war, um irgend etwas sagen zu können. Es war schon schlimm  genug, so hatte er sich während der Reise hierher wieder und  wieder beklagt, daß Luke ihn im Zuge der Errettung Hans von  Tatooine  an  Jabba  den  Hutt  »verschenkt«  hatte,  aber  kurzer‐ hand  und  ohne  ein  Wort  an  einen  Bothan‐Diplomaten  ver‐ kauft zu werden, war wahrhaftig eine Schande.  Dabei  war  es  ihm  ganz  gleich,  daß  dieser  Verkauf  nur  auf  Datenträgern  und  nicht  wirklich  stattfand.  Soweit  es  ihn  bet‐ raf, machte der Betrug die Sache nur noch schlimmer.  Orou’cya  jedoch  wußte  davon  nichts.  »Ich  verstehe«,  sagte  der  Bothan  mit  ziemlich  flacher  Stimme,  während  er  die  Au‐ gen nicht von 3PO ließ. »Ich…« Er verstummte.  »Der Raum mit den Aufzeichnungen befindet sich im dritten  Stock, richtig?« fragte Han in das Schweigen hinein.  »Wenn Sie lieber hier unten warten wollen«, fügte Leia hin‐ zu.  »Ich  bin  sicher,  daß  wir  auch  alleine  finden,  was  wir  su‐ chen.«  Orou’cyas Fell schien förmlich zu erschlaffen. »Nein, ich muß  sie begleiten«, murmelte er. »Folgen Sie mir, bitte.«  Er führte sie durch die Vorhalle zu einer breiten zeremoniel‐ len Freitreppe, die in einem eleganten Schwung das erste und 

zweite Stockwerk verband und bei der es sich anscheinend um  den einzigen Zugang von den mehr oder minder öffentlichen  Bereichen  zu  den  privaten  Geschäfts‐  und  Versammlungs‐ räumen darüber handelte. Am Kopf der Treppe lag eine weit‐ läufige Aussichtsterrasse – auch sie war eindeutig in dem Ge‐ danken an Feierlichkeiten erbaut worden.  Feierlich  oder  nicht  –  die  Bothans  hatten  keineswegs  an  Si‐ cherheitseinrichtungen  gespart.  Ein  Duo  bewaffneter  Wachen  stand  am  Fuß  der  Freitreppe,  und  Leia  konnte  die  getarnten  Pole  einer  statischen  Barriere  erkennen,  die  auf  beiden  Seiten  nach ein paar Stufen in das Geländer eingelassen waren.  Leia fragte sich außerdem, hinter wie vielen der dezent ver‐ glasten  Bürofenster,  die  in  den  oberen  Etagen  hinter  kleinen  Zierbäumen  und  buschigen  Borscii‐  und  Kafvrisranken  her‐ vorlugten, sich Wächter verbergen mochten, die die Freitreppe  und die Vorhalle im Auge behielten.  Doch  niemand,  weder  verborgene  Wächter  noch  sonst  ir‐ gendwer, schritt ein, als Orou’cya die kleine Gruppe zum En‐ de der Treppe und dann über einen Gang zu einer etwas we‐ niger  außergewöhnlichen  Treppe  begleitete,  die  zum  dritten  Stock und schließlich zu einer Tür mit der Aufschrift ARCHIV  führte.  Dort  hielt  der  Sekretär  inne;  doch  wenn  er  irgendwel‐ che Hintergedanken hegte, so blieb ihm keine Zeit, diese reifen  zu lassen. Han drückte sich an ihm vorbei und trat ein.  In  dem  Raum  dahinter  befanden  sich  fünf  weitere  Bothans,  die an verschiedenen Stationen zur Abfrage von Daten saßen.  Als Leia hinter Han hineinkam, blickten sie allesamt mit Mie‐ nen zur Tür oder nahmen Haltungen an, die Verblüffung oder  Schuldbewußtsein ausdrücken konnten. »Das wird genügen«, 

sagte  Leia  und  deutete  auf  ein  unbesetztes  Terminal  in  der  Nähe der Tür. »Fang sofort an, 3PO.«  3PO schlurfte schweigend auf die Station zu. »Danke, Sekre‐ tär  Orou’cya«,  ergänzte  Leia,  zu  ihrem  Begleiter  gewandt.  »Wir werden Sie rufen, wenn wir weitere Hilfe benötigen.«  »Ich  werde  Ihnen  bei  allen  Fragen  zur  Verfügung  stehen«,  entgegnete  Orou’cya.  Er  drehte  sich  um,  verließ  den  Raum  und schloß die Tür hinter sich.  Neben  Leia  gab  Han  einen  grobschlächtig  klingenden  Laut  von  sich.  »Man  sollte  meinen,  Fey’lya  hätte  in  seinem  Brief  erwähnt, daß wir auf ihrer Seite sind«, brummte er.  »Ich bin mir sicher, daß er das getan hat«, nickte Leia. »Aber  wir  haben  es  hier  mit  Bothans  zu  tun.  Die  sehen  überall  Fu‐ ßangeln.«  Han verzog das Gesicht. »Vor allem, wenn es um andere Bo‐ thans geht.«  »So funktioniert ihre interne Politik eben«, erinnerte Leia ihn  und drückte seinen Arm. »Komm, bringen wir es hinter uns.«    Der  Befehl  hatte  einen  großen  Aufmarsch  vorgesehen,  und  Navett hatte Major Tierce versichert, daß sein Team dafür Sor‐ ge tragen konnte. Doch  nun,  da  er die Ränder der  Menge  be‐ trachtete,  die  er  von  seinem  Aussichtspunkt  auf  dem  Dach  überblicken  konnte  –  eine  Menge  die  längst  alle  verfügbaren  Stehplätze auf dem Platz der Händler sprengte –, war er selbst  beeindruckt. Dieses Mal hatte sich Klif zweifellos selbst über‐ troffen.  »Navett?«  drang  Pensins  Stimme  aus  dem  winzigen  Lauts‐

precher  in  Navetts  linkem  Ohr.  »Sieht  so  aus,  als  wären  sie  soweit.«  »In  Ordnung«,  erwiderte  Navett  und  brachte  das  Mikro  ein  wenig  näher  an  seine  Lippen.  Er  trug  ein  militärisches  Kom‐ link,  das  er  aus  dem  Helm  eines  Sturmtrupplers  ausgebaut  hatte  und  das  ihm  wahrscheinlich  Ärger  einhandeln  würde,  wenn  man  ihn  damit  erwischte.  Aber  die  Bauart,  die  ihm  die  Hände frei ließ, war einfach vertraulicher und angenehmer als  die  zivilen  Standardzylinder  und  verfügte  überdies  über  eine  bessere Echtzeitkodierung. Im übrigen hatte er nicht vor, sich  erwischen zu lassen. »Gehen Sie besser auf Ihre Position. Wie  sieht die Zusammensetzung aus?«  »Wir haben dieses Mal einen echten Mix«, antwortete Pensin.  »Eine  Bande  Raumfahrer  aller  Sorten  vom  Raumhafen,  aber  auch  jede  Menge  Geschäftsleute  und  ihre  Kunden.  Darunter  alles – von Menschen bis zu Ishori und Rodianern. Außerdem  sogar eine Gruppe Froffli; ich kann ihre dämlichen Haarspor‐ ne von hier aus über den Rest der Menge hinausragen sehen.«  »Gut.« Abgesehen von der allgemeinen Heißblütigkeit dieser  Spezies, gehörte die Regierung der Froffli zu den wenigen, die  sich bereits öffentlich für Strafmaßnahmen gegen die Bothans  ausgesprochen  hatten.  Sie  waren  eine  Spezies,  die  auf  unver‐ söhnliche Rachsucht baute, und die Tatsache, daß die Bothans  es  während  der  vergangenen  fünfzehn  Jahre  darauf  angelegt  hatten,  die  Leichtindustrie  der  Froffli  zu  schleifen,  trug  auch  nicht  gerade  zur  Klärung  des  Verhältnisses  bei.  »Sorgen  Sie  dafür, daß Sie denen nicht im Weg stehen, wenn sie losschla‐ gen.«  »Keine Sorge«, erwiderte Pensin trocken. »Oops – alles klar, 

es  geht  los.  Nächster  Halt:  das  Gebäude  der  Vereinten  Clans.  Bei Ihnen alles bereit?«  »Alles bereit«, gab Navett zurück und strich über den Schaft  des  Nightstinger‐Scharfschützengewehrs,  das  neben  ihm  auf  dem Dach lag. »Packen wir’s an.«    »Psst«,  machte  Han  und  zog  vor  Konzentration  die  Stirn  kraus. »Hast du das gehört?«  Leia blickte von dem Terminal auf. »Ich habe nichts gehört.«  »Das  hat  sich  wie  Donner  angehört«,  entgegnete  Han  und  spitzte die Ohren. »Oder wie ein Aufmarsch – da war es wie‐ der.«  »Es  ist  ein  Aufmarsch«,  sagte  Leia  mit  dem  gewissen  Jedi‐ Ausdruck im Gesicht. »Und es wird immer lauter.«  Han betrachtete die Bothans in dem Raum. Keiner von ihnen  schien den Lärm vernommen zu haben. »Das müssen ziemlich  viele sein, wenn wir sie hier drin hören können.«  Der Jedi‐Ausdruck vertiefte sich noch. »Das gefällt mir nicht,  Han«, meinte sie. »Irgend etwas stimmt hier nicht.«  »Vielleicht eine dieser Demonstrationen, die in letzter Zeit in  Mode  gekommen sind«, sagte Han und ging zur Tür. »Warte  hier – ich gehe mal nachsehen.«  Die Bothans in dem Archiv hatten vielleicht noch nicht mit‐ bekommen, was da vor sich ging, der Rest des Gebäudes war  jedoch bereits auf dem laufenden. Der Korridor war voller hin  und  her  hastender  Bothans,  einige  trugen  Schachteln  mit  Da‐ tenkarten  oder  anderes  Equipment,  wieder  andere  nahmen  nur  die  Beine  in  die  Hand.  Han  überquerte  eine  Galerie,  die 

auf die Vorhalle hinausging und sah, daß offenbar das gesam‐ te Personal des ersten Stocks über die große zeremonielle Frei‐ treppe  nach  oben  drängte  und  zum  größten  Teil  Kisten  und  Ausrüstung schleppte.  Nur eine Handvoll Bothans schwamm gegen den Strom und  eilte die Treppe hinunter. Diese Gruppe war samt und sonders  mit Blastern ausgestattet.  Die  Vorhalle,  so  entschied  Han,  wirkte  gegenwärtig  nicht  wie  ein  sicherer  Aufenthaltsort.  Zum  Glück  würde  er  nicht  dort  hinunter gehen  müssen. Der zweite  und  der  dritte Stock  besaßen  Beobachtungsbalkone,  die  auf  den  Vorplatz  des  Ge‐ bäudes blickten und von denen aus er die Lage würde beurtei‐ len können. Er bahnte sich in diese Richtung einen Weg durch  die  hastenden  Bothans.  Es  bedurfte  mehrerer  Versuche,  um  das  Büro  ausfindig  zu  machen,  das  mit  dem  Balkon  verbun‐ den war, doch dann schob er die diskret verglaste Tür zur Sei‐ te und sah nach draußen.  Es  war  viel  schlimmer,  als  er  befürchtet  hatte.  Die  Menge  war riesig und überflutete die gesamte Straße; Menschen und  Nichtmenschen  strömten  gemeinsam  weiter  auf  das  Gebäude  zu. Han trat auf den Balkon hinaus, um besser sehen zu kön‐ nen, als eine Gestalt fast an der Spitze des Aufmarschs schrie  und wild gestikulierte und nach oben deutete. Hans Hand fiel  auf seinen Blaster…  »Bürger der Neuen Republik«, rief eine tiefe Bothan‐Stimme  aus der Nähe. »Ich appelliere respektvoll an Sie alle, Ruhe zu  bewahren…«  Die Menge antwortete darauf mit noch mehr Lärm, der we‐ der besonders ruhig noch respektvoll anmutete. Han trat nun 

an  den  Rand  des  Balkons,  reckte  den  Kopf  und  warf  einen  Blick auf den Balkon des zweiten Stockwerks direkt unter ihm.  Und da sah er ihn: einen vornehm aussehenden älteren männ‐ lichen Bothan, der das kunstvolle Siegel und Signet eines Clan‐ führers trug. »Keine Clanführer in diesem Teil von Bothawui,  wie?« murmelte Han und richtete sich wieder auf. Er war bei‐ leibe kein Experte, aber das hier sah keineswegs wie die Sorte  Mob aus, die sich von ein paar beschwichtigenden Worten ei‐ nes Bothan ernsthaft beeindrucken ließ.  Was  vermutlich  bedeutete,  daß  es  am  klügsten  wäre,  wenn  er  wieder  hineinging  und  zu  Leia  zurückkehrte.  Nur  für  alle  Fälle. Er warf einen letzten Blick auf den Aufmarsch und woll‐ te sich abwenden.    Die erste Reihe der Menge hatte nunmehr das Zentralgebäude  der Vereinten Clans erreicht, die Leute dahinter drängten und  stießen nach und füllten die Lücken an den Seiten. Navett hob  den  Schaft  des  Blastergewehrs  an  die  Schulter  und  blinzelte  versuchsweise  durch  das  am  Lauf  angebrachte  Zielfernrohr.  Es wurde höchste Zeit…  Und dann schickten die Bothans, wie er es von ihnen erwar‐ tet hatte, einen Repräsentanten auf den unteren Balkon, um zu  dem  Mob  zu  reden.  Die  Gestalt  hob  die  Hände  und  bat  um  Ruhe – natürlich ohne erkennbaren Effekt –, und Navett mach‐ te  sich  daran,  das  Fadenkreuz  auszurichten,  als  eine  zweite  Gestalt auftauchte, diesmal auf dem Balkon darüber.  Ein  Mensch?  Navett  ließ  stirnrunzelnd  den  Lauf  nach  oben  wandern und stellte das Visier scharf…  …  seine  Augen  weiteten  sich  ungläubig.  Han  Solo  –  es  war 

tatsächlich  Han  Solo.  Der  Held  der  Rebellion  und  Garant  für  Ärger  in  jeder  Hinsicht.  Und  da  war  er  und  stand  direkt  vor  seiner Nase auf einem Balkon.  Navett  hatte  stets  von  sich  geglaubt,  einen  Schutzengel  zu  haben,  doch  manchmal  vermochte  er  seinem  Glück  selbst  nicht zu trauen.  »Navett?« drang Pensins Stimme klar in sein Ohr. »Auf dem  oberen Balkon…«  »Ich sehe ihn«, erwiderte Navett und bemühe sich, cool und  professionell zu klingen. Han Solo höchstpersönlich. Das wahr  einfach zu schön, um wahr zu sein.  »Und welchen von beiden nehmen wir jetzt?«  Navett  grinste  kurz.  »Beide  natürlich.  Es  bleibt  doch  noch  genug Zeit, oder?«  »Nun, ja…«  »Also beide«, erklärte Navett. »Und wir fangen mit Solo an.  Zählen Sie für mich.«  »Also gut«, sagte Pensin. »Fünf Sekunden, vier, drei…«    Han  war  erst  seit  wenigen  Minuten  fort,  als  die  Tür  unverse‐ hens  wieder  aufsprang.  »Rätin  Organa  Solo«,  sagte  Orou’cya  schwer  atmend.  »Wir  brauchen  dringend  Ihre  Hilfe.  Ein  Mob  bewegt sich auf dieses Gebäude zu.«  »Ja,  ich  weiß«,  antwortete  Leia.  »Und  was  soll  ich  für  Sie  tun?«  »Uns verteidigen, selbstverständlich«, schnappte der Bothan  und  stieß  einen  Finger  in  Richtung  des  Lichtschwerts,  das  unauffällig unter ihrer offenen Jacke baumelte. »Sie sind doch 

eine Jedi?«  Leia  unterdrückte  ein  Seufzen.  Es  gab  noch  immer  so  viele  intelligente  Lebewesen,  die  sich  beharrlich  weigerten,  in  den  Jedi‐Rittern  irgend  etwas  anderes  als  bewaffnete  Verteidiger  oder Kämpfer zu sehen. »Vielleicht könnte ich versuchen, mit  den Leuten zu reden«, schlug sie freundlich vor.  »Askar‐Clanführer  Rayl’skar  ist  bereits  dabei,  das  zu  tun«,  erwiderte  Orou’cya,  dessen  Fell  sich  in  nervöser  Ungeduld  sträubte. »Bitte – sie können jeden Augenblick durchbrechen.«  »Also gut«, sagte Leia und erhob sich. Soviel also zu der Be‐ hauptung,  in  diesem  Teil  von  Bothawui  hielten  sich  zur  Zeit  keine Clanführer auf, aber das war jetzt nicht der rechte Zeit‐ punkt,  davon  zu  sprechen.  »3PO,  du  kommst  besser  auch  mit.«  »Ich?«  japste  der  Droide  und  schreckte  zurück,  wie  nur  C‐ 3PO es vermochte. »Aber… Mistress Leia…«  »Ich  brauche  dich  vielleicht  als  Dolmetscher«,  fiel  Leia  ihm  ins Wort. »Gehen wir.«  Sie  mußten  gegen  den  breiten  Strom  aus  Bothans  ankämp‐ fen,  der  in  ihre  Richtung  strömte,  als  sie  die  Haupttreppe  hi‐ nabstiegen.  »Mistress  Leia,  unter  den  hiesigen  Einwohnern  scheint  sich  eine  bedenkliche  Unruhe  auszubreiten«,  rief  3PO  über  den  Lärm  eiliger  Schritte  und  das  Rumoren  der  Menge  draußen  hinweg.  »Darf  ich  vorschlagen,  daß  wir  unsere  Stra‐ tegie noch einmal überdenken?«  »Es wird keine Schwierigkeiten geben«, versicherte Leia ihm  und hielt einen seiner Arme fest, damit sie im Gedränge nicht  getrennt  wurden.  »Diese  Demonstranten  haben  meistens  nichts Schlimmeres getan, als verdorbenes Obst und Steine zu 

werfen. Wenn ich sie davon überzeugen kann, daß ihre Sorgen  berücksichtigt  werden,  bringe  ich  sie  vielleicht  dazu,  sich  zu  zerstreuen und nicht einmal das zu tun.«  Sie  kamen  zum  Fuß  der  Freitreppe,  schoben  sich  behutsam  durch  den  aus  drei  Reihen  bestehenden  Kordon  von  Bothan‐ Wächtern, die das untere Ende absperrten, und hielten auf die  Vordertüren zu. »Ich dachte ja bloß, wir sollten die Lage viel‐ leicht  neu  bewerten«,  fuhr  3PO  fort,  dessen  Redefluß  mit  sei‐ ner  Nervosität  zunahm,  die  wiederum  so  ziemlich  mit  jedem  weiteren Schritt wuchs. »Es gibt hier immerhin zwei Balkone,  von  denen  aus  wir  sprechen  könnten,  und  selbst  verdorbene  Ware  kann,  wenn  sie  wohl  plaziert  ist,  dem  Innenleben  eines  Droiden gefährliche Schäden zufügen…«  »Ruhe«, schnitt Leia ihm das Wort ab und kam ein paar Me‐ ter  vorm  Ausgang  zum  Stehen.  Plötzlich  fühlte  sich  irgend  etwas  dort  draußen  anders  an;  ein  Hinweis  auf  finstere  Ab‐ sichten  flackerte  am  Rand  des  brodelnden  Zorns  und  Grolls  der  Menge  auf.  Sie  griff  in  die  Macht  hinaus  und  versuchte  den Ursprung zu bestimmen…  Und dann zerriß zu ihrem Entsetzen ein allzu vertrautes Ge‐ räusch  das  Getöse  wie  ein  plötzlicher  Blitzschlag  das  ferne  Rollen von Donner.  Das Geräusch eines Blasterschusses.    Es  gab  keine  Warnung.  Nichts  dergleichen.  In  der  einen  Se‐ kunde blickte Han noch über die Menge und fragte sich, ob er  Leia  rufen  und  ihr  vorschlagen  sollte,  hier  herauszukommen  und  mit  den  Leuten  zu  sprechen,  und  im  nächsten  Moment  war  es  da,  mit  dem  Geräusch  eines  Stiefels,  der  in  feuchten 

Schlamm  patschte,  kam  aus  dem  Nirgendwo  und  fuhr  neben  seiner rechten Schulter in die Wand. Er wandte sich halb um,  wollte  es  sich  ansehen,  erhaschte  aber  nur  einen  Blick  auf  weich wirkenden grauen Lehm und eine dünne Röhre, die mit  einem facettenreichen Kristall verbunden war, der eingebettet  war in…  Und plötzlich schien dieses Ding in einer hell lodernden Ex‐ plosion aus Blasterfeuer zu detonieren.  Er zuckte zurück und drehte sein Gesicht von dem Blitz weg,  als sich ein Schmerz wie ein Nadelstich in seine rechte Schulter  bohrte.  Irgendwo  unter  ihm  klang  ein  Schmerzensschrei  auf,  und  während  er  sich  noch  hinter  die  minimale  Deckung  der  Balkonbrüstung fallen ließ, hörte er das Geräusch und sah das  Aufflackern reflektierten Lichts, als ein zweiter Schuß abgege‐ ben wurde. Er riß den Blaster aus dem Holster und versuchte  auszumachen, woher der Angriff kam.  Wo  auch  immer  der Schütze  sein  mochte, er  schien  es  nicht  eilig zu haben, seine Position durch einen dritten Schuß preis‐ zugeben.  Doch  seine  beiden  ersten  Feuerstöße  hatten  bereits  genug Schaden angerichtet. Unten auf der Straße in einer Ent‐ fernung von zehn Metern hatte die Menge einen Kreis um ei‐ nen  Mishtak  gebildet,  der  sich  qualvoll  am  Boden  krümmte.  Ein  paar  Meter  hinter  ihm  lag  im  Zentrum  eines  weiteren  Kreises reglos ein Leresai.  Mit  den  beiden  Schüssen  war  eine  tödliche  Stille  über  die  Masse  gekommen.  Han  nahm  aus  den  Augenwinkeln  eine  Bewegung wahr: Auf einem Dach einen Block weiter bewegte  sich jemand. Er stand halb auf, hob seinen Blaster…  »Da ist er!« rief jemand. 

Han sah wieder nach unten. Jemand aus der Menge deutete  nach oben – aber er zeigte auf Han. »Moment mal…«, begann  dieser.  Und wie auf ein Zeichen kehrte wieder Leben in die Menge  zurück. Brüllend wie hundert durchgehende Rancoren, wogte  die Masse vorwärts und strömte unter den Balkon.  Und  mit  einem  Getöse,  das  den  ganzen  Bau  erschütterte,  brachen sie die Türen auf.    »Han!«  brach  es  aus  Leia  heraus,  als  der  zweite  Blasterschuß  krachte. Wenn er nun das Ziel war…  Nein,  erkannte  sie,  und  Erleichterung  durchflutete  sie.  Sie  konnte seine Präsenz noch spüren – alarmiert und angespannt.  Aber  irgend  jemand  da  draußen  war  getroffen  worden;  sie  konnte  Wellen  aus  Schmerz  wahrnehmen.  Sie  griff  mit  der  Macht hinaus und versuchte, den Schmerz zu lokalisieren.  Dann  erhob  sich  plötzlich  ein  entsetzliches  Gebrüll  in  der  Menge draußen…  … und die Türen vor ihr flogen auf, und eine undurchdring‐ liche Wand aus Leibern brach über das Atrium herein.  »Oh, du meine Güte!« japste 3PO. »Mistress Leia…!«  »Stell  dich  hinter  mich!«  schnappte  Leia,  machte  einen  gro‐ ßen  Schritt  zur  Seite  und  griff  nach  dem  Lichtschwert,  wäh‐ rend sie einen kurzen Blick auf die zeremonielle Freitreppe am  anderen  Ende  der  Vorhalle  warf.  Wenn  sie  sich  anstrengte,  konnte sie die Treppe vielleicht vor der Menge erreichen.  Doch C‐3PO konnte unmöglich so schnell laufen. Und wenn  sie ihn dem Mob auslieferte… 

»Los, hinter mich!« befahl sie dem Droiden noch einmal und  zündete  das  Lichtschwert.  Sie  war  hierhergekommen,  um  zu  reden, und sie fing jetzt besser allmählich damit an. Die ersten  in  der  Masse  wichen  erschrocken  zurück,  als  die  Klinge  des  Lichtschwerts  gleißend  zum  Vorschein  kam;  viele  bemerkten  Leia  in  diesem  Augenblick  wahrscheinlich  zum  ersten  Mal.  »Bürger  der  Neuen  Republik«,  rief  sie  und  hielt  das  Licht‐ schwert  in  die  Höhe.  »Ich  bin  Leia  Organa  Solo,  Rätin  der  Neuen  Republik  und  Jedi,  und  ich  fordere  Sie  auf,  sofort  ste‐ henzubleiben.«  Der  Vormarsch  der  Demonstranten  in  Leias  unmittelbarer  Nähe  stockte.  Viele  von  ihnen  hielten  sogar  eher  widerwillig  inne – oder versuchten es wenigstens. Der Rest der Menge hin‐ ter  ihnen,  der  nichts  von  Leias  Gegenwart  wußte,  schob  sich  weiter  nach  vorne.  Sie  drückten  gegen  die  vorderen  Reihen  oder bahnten sich einen Weg um diese herum und setzten ih‐ ren Weg ins Innere des Gebäudes fort.  Doch schließlich wurde  der  Vorwärtsdrang der  Masse  lang‐ samer, und Leia sah sich ersten Ansätzen eines aufmerksamen  Publikums  gegenüber.  Wenn  es  ihr  nun  gelang,  ihre  Stimme  zu  einer  ausreichenden  Anzahl  von  ihnen  durchdringen  zu  lassen, und wenn sie die richtigen Worte fand…  Sie  atmete  tief  durch,  griff  auf  ihre  Jedi‐Techniken  zurück,  mit  deren  Hilfe  sie  ihre  Kraft  verstärkte,  und  öffnete  den  Mund…  Im  gleichen  Moment  war  ein  Schrei  von  den  Bothan‐ Wächtern  am Fuß  der  Freitreppe zu  vernehmen, und ein hal‐ bes Dutzend Blasterblitze zuckte in die Menge.  Und dann  verwandelte sich die ganze Situation in ein hölli‐

sches Chaos.  Leia  hatte  geglaubt,  der  Aufmarsch  hätte  den  maximalen  Lärmpegel  bereits  erreicht  –  doch  sie  irrte.  Die  Schreie  der  Verwundeten gingen in einem allgemeinen Aufschrei der Wut  und  des  Schreckens  fast  unter,  der  so  laut  war,  daß  er  ihr  in  den  Ohren  weh  tat.  Die  erste  Reihe  der  Menge  brach  ausei‐ nander,  zahlreiche  Demonstranten  versuchten,  hinter  den  kleinen Zierpflanzen und Büschen Schutz zu finden oder has‐ teten wie im Taumel auf die Büros an den Flanken der Vorhal‐ le zu, um dort Deckung zu finden. Andere die weder sich ab‐ wenden und fliehen noch geradewegs in massives Blasterfeuer  marschieren wollten, erstarrten einfach auf der Stelle.  Die  Bothans  schossen  wieder,  und  neue  Schreie  ertönten.  Doch  dieses  Mal  wurde  das  Feuer  erwidert.  Von  einem  Dut‐ zend  Punkten  in  der  Menge  aus  krachten  Blaster,  und  sechs  Wächter sanken zu Boden.  »Vorwärts!« erhob sich eine Stimme aus der Masse über das  allgemeine Getöse. »Los – schnappt sie euch!«  »Wartet!« brüllte Leia. »Halt!«  Doch  es  war  zu  spät.  Die  Menge,  die  blind  war  vor  Wut,  wälzte  sich  vorwärts  wie  eine  Springflut,  die  Blaster  feuerten  ungehindert,  während  sich  die  Vorhalle  in  ein  Schlachtfeld  verwandelte. Sogar  jene, deren Vordringen beim  Anblick von  Leias  Lichtschwert  ins  Stocken  geraten  war,  hörten  ihr  jetzt  nicht  länger  zu.  Die  meisten  hatten  sie  bereits  einfach  stehen  lassen  oder  waren  vom  Mob  mitgerissen  worden.  Zweimal  mußte sie das Lichtschwert hoch über den Kopf heben, als das  allgemeine Wogen und Schieben um ein Haar jemanden in die  leuchtende Klinge gestoßen hätte. Irgendwo in der Masse hör‐

te  sie  3PO  leise  jammern,  doch  als  es  ihr  endlich  gelang,  sich  umzudrehen,  war  er  verschwunden.  Ein  Khil  sprang  auf  sie  zu,  pfiff  aufgeregt  durch  sein  Hullepi  und  winkte  mit  einem  Blaster in Richtung der Treppe – das Lichtschwert, auf das er  dabei unweigerlich zuhielt, nahm er überhaupt nicht wahr.  Mit der düsteren Einsicht in die Niederlage deaktivierte Leia  die  Waffe  und  hielt  den  Khil  mit  Hilfe  der  Macht  davon  ab,  mit ihr  zusammenzuprallen. Sie  konnte  hier nichts  mehr aus‐ richten. Jene, die noch immer schossen, befanden sich inmitten  der  Menge  und  waren  daher  für  sie  unmöglich  zu  erreichen,  und niemand in ihrer Nähe hatte irgend etwas getan, das Tod  oder  Verstümmelung  und  damit  die  einzige  Strafe  verdiente,  die ihr Lichtschwert zu vollstrecken vermochte. Es gab hier zu  viele Gemüter, die sie hätte beschwichtigen müssen – zu viele  umherirrende Leiber, die sie mit der Macht hätte aus dem Weg  schaffen müssen –, es blieb ihr nichts anderes übrig, als darauf  zu achten, daß sie nicht niedergetrampelt wurde.  Doch dann nahm sie in all dem Durcheinander, das sie um‐ gab,  die  leise  Ahnung  von  etwas  anderem  wahr.  Von  jeman‐ dem  ganz  in  ihrer  Nähe,  der  äußerst  besorgt  um  ihre  Sicher‐ heit war.  Han.  Sie strengte sich an, etwas zu erkennen, doch ohne das glei‐ ßende  Lichtschwert,  das  sie  in  Schach  hielt,  war  die  Masse  immer näher herangerückt und bedrängte sie nun so sehr, daß  sie unmöglich in eine andere Richtung blicken konnte als nach  oben.  Einen  Moment  lang  suchte  sie  die  leblosen  Fenster  ab,  die  in  die  Halle  blickten,  während  sie  gleichzeitig  um  ihr  Gleichgewicht rang, aber falls Han irgendwo dort oben war, so 

konnte sie ihn nirgends entdecken.  Doch da war etwas, fast genau über ihr: der dicke Strang ei‐ ner  Borsciiranke,  die  aus  der  Wand  des  Atriums  herausragte.  Sie schob sich durch die Menge, benutzte dabei die Macht, um  andere,  wenn  nötig,  sanft  zur  Seite  zu  schieben,  und  manöv‐ rierte  sich  so  unter  die  Ranke.  Dann  griff  sie  abermals  in  die  Macht hinaus, beugte die Knie und sprang.  Die  Ranke  befand  sich  kaum  mehr  als  zwei  Meter  über  ihr,  ein leichter Sprung für eine Jedi. Sie sprang noch einen halben  Meter  höher,  ergriff  die  Ranke  und  benutzte  sie,  um  sich  zu  dem  Hauptstrang  der  Borsciipflanze  zu  ziehen,  der  sich  ent‐ lang der Wand nach oben verzweigte. Von ihrem neuen Aus‐ sichtspunkt  konnte  sie  Han  sehen:  Er  kauerte  hinter  dem  Ge‐ länder  der  Galerie,  sein  Blaster  war  auf  die  Treppe  gerichtet,  und  seine Augen suchten voller  Sorge die Menge  nach seiner  Frau  ab.  Flankiert  wurde  er  von  Barkhimkh  und  Sakhisakh,  die  so  aussahen,  als  wären  sie  –  falls  nötig  –  jederzeit  bereit,  sich über den Rand der Terrasse in die Masse zu stürzen.  Wie  und  wann  es  den  beiden  Noghri  gelungen  war,  sich  in  das Gebäude zu schleichen, war Leia schleierhaft, aber im Au‐ genblick spielte das auch keine Rolle. Die Bothan‐Wächter am  Fuß  der  Freitreppe  lagen  niedergestreckt,  erschossen  oder  zermalmt, und das Gewicht des gesamten Aufmarschs schien  sich nunmehr gegen die statische Barriere ein paar Stufen wei‐ ter oben zu werfen.  Doch diese Sperre würde sie nicht lange aufhalten. Selbst aus  dieser  Entfernung  konnte  sie  das  leichte  Flimmern  erkennen,  das  anzeigte,  daß  die  Barriere  schon  bald  zusammenbrechen  würde… und wenn dies geschah, so würde es für alle eine Ka‐

tastrophe  bedeuten.  Wenn  Han  oder  irgendwelche  verborge‐ nen  Bothan‐Wächter  das  Feuer  auf  die  Menge  eröffneten,  die  über die Treppe nach oben stürmte, wäre das Resultat ein Ge‐ metzel an Dutzenden oder gar Hunderten von Lebewesen.  Doch wenn sie das Feuer nicht eröffneten, käme es zu einem  gleichermaßen  erbarmungslosen  Massaker  an  den  Bothans,  die sich in die beiden oberen Stockwerke geflüchtet hatten. So  oder so würde eine große Zahl von Lebewesen sterben.  Es sei denn…  Einer der Noghri hatte sie unterdessen entdeckt und machte  die anderen auf sie aufmerksam. Han erhob sich halb aus sei‐ ner kauernden Stellung, sein Mund bewegte sich, er rief offen‐ bar  Worte,  die  sie  nicht  verstand.  Es  geht  mir  gut,  dachte  sie  verzweifelt  in  seine  Richtung  und  riskierte  ihren  festen  Halt,  um ihm zuwinken zu können. Wenn er oder die Noghri sich in  das  allgemeine  Chaos  wagten,  würden  sie  wahrscheinlich  in  Stücke gerissen werden.  Doch nein – er verstand. Er ging wieder in die Hocke, winkte  die  Noghri  zurück,  während  seine  Augen  die  ihren  über  die  Vorhalle  hinweg  nicht  losließen.  Also  gut,  schien  dieser  Ge‐ sichtsausdruck zu sagen, wenn du nicht willst, daß wir dich holen  kommen, was willst du dann?  Hier,  dachte  sie,  riskierte  abermals  ihren  Halt  und  löste  das  Lichtschwert vom Gürtel. Einen Moment lang kämpfte sie ge‐ gen  die  fasrigen  Ranken  an,  in  denen  es  sich  zu  verheddern  drohte,  dann  befreite  sie  die  Waffe  und  hielt  sie  in  die  Höhe.  Sie  holte  weit  aus  und  katapultierte  das  Lichtschwert  quer  durch  die  Vorhalle,  packte  es  mitten  im  Flug  mit  der  Macht  und lenkte es den restlichen Weg, bis es genau in Hans Hand 

landete.  Es  dauerte  ein  paar  Herzschläge,  bis  sich  sein  Griff  um die Waffe gefestigt hatte, dann blickte er sie aus der Ferne  stirnrunzelnd  an.  Sie  gestikulierte  und  schickte  ihm  ihre  Ge‐ danken…  Und  im  nächsten  Augenblick  hatte  er  begriffen.  Er  nickte  zum  Zeichen  des  Verstehens,  zündete  die  Waffe,  richtete  die  Spitze der Klinge nach unten und machte sich daran, die Frei‐ treppe von der Galerie abzutrennen.  Doch  sein  Tun  blieb  nicht  unbemerkt.  Jemand  in  der  Masse  brüllte, und zwei Blasterblitze zuckten, die Han, der rechtzei‐ tig auswich, gerade mal um Zentimeter verfehlten. Der Noghri  an  seiner  Seite  –  der  zweite  Noghri,  so  bemerkte  Leia  mäßig  überrascht,  hatte  sich  irgendwie  in  Luft  aufgelöst  –  schossen  zurück, und der Blaster auf der anderen Seite verstummte.  Irgend etwas berührte Leia leicht am Hinterkopf. Sie fuhr he‐ rum,  während  ihr  plötzlich  die  tödlichen  Rankenschlangen  von Wayland in den Sinn kamen…  Aber es war keine Schlange oder irgendein anderes lebendes  Geschöpf, sondern ein langes synthetisches Seil, das aus einem  der Fenster direkt über ihr baumelte.  Und darüber blickte Barkhimkhs sorgenvolles Gesicht auf sie  herab.  Leia griff nach dem Seil und machte sich an den Aufstieg. Sie  hatte das Fenster beinahe erreicht, als unter ihr die Treppe zu‐ sammenbrach.    »Admiral Pellaeon?«  Pellaeon schreckte aus dem Schlaf auf, und sein verstörender 

Traum löste sich in der Dunkelheit des Quartiers auf. »Ja?« rief  er.  »Major  Tschel,  Sir«,  drang  die  Stimme  des  Brückenoffiziers  aus  dem  Interkom.  »Eben  kommt  eine  Nachricht  für  Sie  mit  Ihrem persönlichen Kode herein.«  »Verstanden«,  antwortete  Pellaeon,  stemmte  sich  müde  von  seinem Lager hoch und trottete zu seinem Computerterminal.  »Legen Sie sie auf mein Terminal, Major«, befahl er und sank  in den Sessel davor.  »Ja, Sir.«  Das  Komlicht,  das  die  Verbindung  bestätigte,  flammte  auf,  und Pellaeon machte sich daran, die entsprechende Entschlüs‐ selungssequenz  einzugeben.  Im  gesamten  Imperium  herum‐ zureisen  und  um  die  Bewilligung  seiner  Friedensinitiative  zu  bitten, zu streiten und zu ringen, war schon ermüdend genug,  aber  zu  allem  Übel  auch  noch  diese  Alpträume  ertragen  zu  müssen, machte seine Lage nur noch schlimmer. In der Versi‐ on der heutigen Nacht war Großadmiral Thrawn aufgetreten,  der ihn mit ruhiger, doch bitterer Stimme dafür tadelte, daß er  sich durch die Finger gleiten ließ, was Thrawn geschaffen hat‐ te…  Der Computer tat piepsend kund, daß er die Entschlüsselung  akzeptierte,  und  eine  auf  ein  Viertel  ihrer  Realgröße  verklei‐ nerte Gestalt erschien über dem Holoblock. »Amiral Pellaeon,  hier ist Commander Dreyf«, identifizierte sich die Gestalt. »Ich  habe  einen  vorläufigen  Bericht  über  meine  Nachforschungen  hinsichtlich der Vermögensverhältnisse von Lord Graemon für  Sie.«  »Sehr  schön«,  erwiderte  Pellaeon,  der  mit  einem  Mal  hell‐

wach war. »Fahren Sie fort.«  »Um es unverblümt zu sagen, Sir, der Mann ist eine Schlan‐ ge«,  erklärte  Dreyf,  ohne  auch  nur  den  Versuch  zu  unterneh‐ men, seine Verachtung zu verbergen. »Er scheint seine Finger  in  sämtliche  Fleischtöpfen  von  Muunilinst  bis  Coruscant  ste‐ cken  zu  haben.  Wir  haben  schon  jetzt  fünfzehn  verschieden  Verbindungen zu Finanz‐ und Wirtschaftsvertretern der Neu‐ en  Republik  aufgedeckt,  dabei  haben  wir  bisher  noch  nicht  einmal an der Oberfläche gekratzt.«  Pellaeon  nickte  düster.  Ja,  das  paßte  in  das  erwartete  Bild.  Damit Mufti Disra auf diese Weise vorgehen konnte, mußte es  einfach  entsprechende  dunkle  Gegenstücke  zu  Graemon  auf  der republikanischen Seite der politischen Grenze geben. »Wie  steht es mit Verbindungen zu bekannten Piratenbanden?«  »Bisher  keine  spezifischen  Erkenntnisse  über  Graemon«,  er‐ widerte Dreyf. »Aber es existiert eine ziemlich sichere Verbin‐ dung zwischen General Kyte und jemandem, der definitiv Be‐ ziehungen zu den Cavrilhu‐Piraten unterhält. Kyte hat unmit‐ telbar  im  Anschluß  an  Ihr  Treffen  mit  der  Defensivhierarchie  auf Muunilinst vor elf Tagen eine Nachricht an diesen Kontakt  abgesetzt. Wir gehen dem nach.«  »Ich verstehe.« Kyte gehörte also tatsächlich dazu. Ungeach‐ tet  aller  Hinweise  hatte  Pellaeon  gehofft,  daß  er  sich  irrte.  Wenn  Flottenoffiziere  in  verräterische  Aktivitäten  verwickelt  waren,  so  war  dies  doppelt  schmerzlich.  »Ist  es  Ihnen  gelun‐ gen, Graemons Kontakte in die andere Richtung zurückzuver‐ folgen?«  »Bisher noch nicht«, sagte Dreyf. »Er ist allerdings nicht die  Spitze der Pyramide – dessen bin ich mir jedenfalls sicher.« 

»Nein,  das  ist  er  sicher  nicht«,  stimmte  Pellaeon  zu.  Trotz‐ dem,  wer  auch  immer  das  fehlende  Glied  zwischen  ihm  und  Disra  sein  mochte,  es  würde  wohlweislich  im  verborgenen  bleiben.  Vielleicht  sogar  zu  gut  versteckt,  um  von  Dreyf  mit  dessen begrenzten Mitteln aufgespürt zu werden. »Bleiben Sie  dran«,  fuhr  er  fort.  »Ich  will  die  Fakten,  und  ich  will  die  Be‐ weise.«  »Ja, Sir«, gab Dreyf zurück. »Wenn ich einen Vorschlag ma‐ chen  darf,  Admiral,  diese  ganzen  Geschäftsverbindungen  zur  Neuen  Republik  müßten  bereits  genügen,  um  Lord  Graemon  ans Messer zu liefern, wenn es das ist, was Sie wollen.«  »Ich habe kein besonderes Interesse daran, irgendeine spezielle  Person  ans  Messer  zu  liefern«,  erwiderte  Pellaeon  nicht  ganz  wahrheitsgemäß.  »Der Handel mit der Neuen Republik mag strenggenommen  illegal  sein,  aber  wie  Sie  wissen,  brauchen  wir  diese  Ressour‐ cen  so  dringend,  daß  wir  uns  nicht  ernsthaft  darum  scheren  können, ob wir dem Gesetz Genüge tun.«  Abgesehen  davon  würde  sich,  so  fügte  er  insgeheim  hinzu,  dieser offizielle Isolationismus ohnehin ändern müssen, sobald  (und  falls)  seine  Friedensinitiative  von  Erfolg  gekrönt  sein  würde. Aber selbstverständlich hatte Dreyf nicht die geringste  Ahnung,  daß  etwas  Derartiges  überhaupt  im  Gange  war.  »Was  ich  will  –  und  alles,  was  ich  will  –,  ist  herauszufinden,  wer  Personal  und  Geldmittel  des  Imperiums  auf  diese  Weise  manipuliert  hat,  um  dies  zu  unterbinden«,  ergänzte  er  laut.  »Klar?«  »Vollkommen,  Admiral«,  nickte  Dreyf.  »Machen  Sie  sich  keine  Sorgen,  Sir.  Ganz  gleich,  wie  tief  sie  sich  eingegraben 

haben, wir werden alles ans Tageslicht bringen.«  »Da  bin  ich  ganz  sicher,  Commander«,  ermutigte  Pellaeon  den anderen. »War das alles?«  »Eigentlich schon, Sir, ja«, erwiderte Dreyf, während er einen  Datenblock  konsultierte.  »Ich  habe  allerdings  von  einem  mei‐ ner  Leute  auf  Bothawui,  der  einer  von  Lord  Graemons  Ver‐ bindungen dort nachging, einen Bericht erhalten, nach dem es  beim  Zentralgebäude  der  Vereinten  Clans  in  Drev’starn  zu  schweren  Ausschreitungen  gekommen  ist.  Offenbar  ging  es  dabei um dieses Caamas‐Dokument.«  Pellaeon runzelte die Stirn. »Gibt es weitere Einzelheiten?«  »Bloß  daß  es  zweifelsfrei  Opfer  gegeben  hat«,  antwortete  Dreyf.  »Wir  wissen  jedoch  noch  nicht,  wie  viele  Opfer.  An‐ scheinend  ist  es  gerade  erst  passiert  –  die Nachricht  hat  noch  nicht  einmal  die  Agenturen  erreicht.  Es  wird  wahrscheinlich  eine  Weile  dauern,  bis  alles  aufgeklärt  sein  wird,  aber  ich  dachte, Sie würden darüber Bescheid wissen wollen.«  »Ja, danke«, erwiderte Pellaeon. »Noch etwas?«  »Nein, Sir, im Augenblick nicht.«  »Sehr  gut«,  sagte  Pellaeon  nickend.  »Halten  Sie  mich  auf  dem laufenden, Commander. Ende.«  Er  blieb  noch  ein  paar  Minuten  vor  dem  Computerterminal  sitzen, starrte auf den leeren Bildschirm und ließ sich die letzte  Information durch den Kopf gehen. Die Neue Republik ist insta‐ bil, auf lange Sicht bleibt ihr nichts mehr als die Selbstzerstörung. Er  fragte  sich,  wie  oft  ihm  dieser  Gedanke  während  der  vergan‐ genen drei Wochen bereits entgegengehalten worden war, seit  er  seine  Kampagne  gestartet  hatte,  die  Führer  des  Imperiums  davon zu überzeugen, daß es an der Zeit war, ihre Niederlage 

endlich einzuräumen. Hundertmal, so schien es ihm, vielleicht  noch  häufiger;  und  jedesmal  hatte  er  sich  dem  gestellt  und  immer  und  immer  wieder  dieselbe  Liste  von  Argumenten  wiederholt,  bis  ihm  die  treffsicheren  und  abgeschliffenen  Phrasen  schon  automatisch  in  den  Sinn  und  über  die  Lippen  kamen.  Und doch…  Er hatte die Berichte über die Unruhen gelesen, die im Zuge  der  Enthüllungen  über  Caamas  und  die  anschließende  Kont‐ roverse  darüber  allenthalben  aufgeflammt  waren,  hatte  die  geheimdienstlichen  Zusammenfassungen  der zunehmend hit‐ zigeren  Debatten  im  Senat  der  Neuen  Republik  und  in  ver‐ schiedenen  Sektoren‐Versammlungen  überflogen,  hatte  die  Analysen  der  wachsenden  Kriegslust  zwischen  alten  Rivalen  in der gesamten Galaxis studiert.  Hatte er unrecht, und alle anderen recht? Stand die Neue Re‐ publik tatsächlich kurz vor der Selbstzerfleischung?  Und wenn dem so war, was, um alles im Imperium, richtete  er dann mit seinem Versuch an, Frieden zu schließen?  Er stemmte sich seufzend aus dem Sessel und kehrte zu sei‐ nem Bett zurück. Nein, sein Vorhaben erschien ihm jetzt alles  andere als vernünftig, andererseits mutete in der Stille der tie‐ fen  Nacht  nichts  jemals  vernünftig  an.  Er  wußte,  daß  er  gute  und richtige Gründe gehabt hatte, diesen Weg einzuschlagen,  und er konnte nur darauf setzen, daß diese Gründe auch dann  noch einleuchtend waren, wenn er sie im Licht des hellen Ta‐ ges  betrachtete.  Und  falls  ihm  dieser  Streit  um  das  Caamas‐ Dokument in die Quere kam…  Pellaeon  legte  in  der  Dunkelheit  die  Stirn  in  Falten,  als  ihm 

die  Erinnerung  an  eine  Bemerkung  durch  den  Kopf  spukte,  die  Thrawn  einmal  gemacht  hatte.  Prüfen  Sie  alle  Hindernisse  ganz  genau,  hatte der Großadmiral ihn ermahnt.  Mit  ein  wenig  Einfallsreichtum lassen sie sich häufig in Vorteile verwandeln.  Falls  das  Caamas‐Dokument  die  Neue  Republik  auseinan‐ derriß… wie mochte dann wohl ihr Angebot im Gegenzug für  die Hilfe des Imperiums bei der Entspannung der Kontroverse  lauten?  Pellaeon  langte  quer  über  das  Bett,  angelte  sich  seinen  Da‐ tenblock  und  rief  die  Liste  der  anstehenden  Treffen  auf.  Die  Rückkehr nach Bastion war gestrichen; abgesehen von der Stö‐ rung seiner weiteren Pläne, die dieser Besuch mit sich brachte,  würde jeder Versuch, der dortigen Imperialen Bibliothek eine  Kopie  des  Caamas‐Dokuments  zu  entnehmen,  ohne  Zweifel  direkt an Disra übermittelt werden; und er hatte kein Interesse  daran,  dem  Mufti  eine  verfrühte  Warnung  hinsichtlich  seiner  Absichten zukommen zu lassen.  Doch  es  gab  auch  eine  vollständige  Sammlung  aller  Auf‐ zeichnungen  des  Imperiums  in  der  Niederlassung  des  Allge‐ genwärtigkeitszentrums  auf  Yaga  Minor.  Das  würde  der  Ort  sein,  an  den  sich  die  Schimäre  nach  den  nächsten  vier  Treffen  begeben würde.  Er schaltete den Datenblock ab, plazierte ihn auf dem Nacht‐ tisch und legte sich wieder hin. Ja, genau das würde er tun. Er  würde  versuchen,  eine  Kopie  des  kompletten  Caamas‐ Dokuments  zu  finden,  und  es  dann  der  Neuen  Republik  im  Gegenzug für politische Zugeständnisse anbieten.  Immer vorausgesetzt, daß es tatsächlich zu einer Begegnung  kommen würde. 

Einen Moment lang dachte er daran, auf der Brücke nachzuf‐ ragen, ob es irgendwelche Nachrichten von Major Vermel gab.  Aber  die  Komoffiziere  hatten  bereits  die  ausdrückliche  Order  erhalten, ihn unverzüglich zu verständigen, sobald eine solche  Nachricht  einging. Wenn er sie  zweimal am Tag an  diese Or‐ der erinnerte, würden sie sich lediglich fragen, was los sei.  Außerdem war es jetzt erst elf Tage her, daß Vermels Raum‐ schiff  Morishim  erreicht  haben  konnte.  Und  so  wie  es derzeit  um die politische Lage auf Coruscant bestellt war, würde Ge‐ neral  Bel  Iblis  schon  allein  so  viel  Zeit  benötigen,  um  die  Mächtigen der Neuen Republik zur Annahme seines Friedens‐ angebots zu bewegen.  Nein,  Vermel  würde  sich  schließlich  melden.  Und  in  der  Zwischenzeit  standen  Pellaeon  noch  vier  Treffen  mit  beson‐ ders  feindseligen  Führungsoffizieren  der  Flotte  bevor  –  erst  dann konnte er nach Yaga Minor aufbrechen.  Die  erste  Zusammenkunft  würde  in  kaum  mehr  als  sechs  Stunden  stattfinden.  Er  rollte  sich  herum,  schloß  die  Augen,  schaltete ab und versuchte noch einmal Schlaf zu finden.    Han  schüttelte  den  Kopf.  »Nein«,  sagte  er  und  zuckte  leicht  zusammen, als Leia ihm behutsam Salbe auf die linke Schulter  tupfte.  »Ich  habe  nicht  geschossen.  Nicht  in  die  Menge  und  auch sonst auf nichts.«  »Diejenigen,  mit  denen  wir  gesprochen  haben,  behaupten  aber, Sie hätten«, beharrte Orou’cya. »Sie haben einen Blaster‐ schuß gesehen, der von Ihrem Balkon kam.«  »Hat  der  Clanführer  Rayl’skar  auch  geschossen?«  verlangte  Sakhisakh  zu  wissen.  »Das  sagen  die  Überlebenden  nämlich 

auch.«  »Was das angeht, irren sie sich«, antwortete Orou’cya; seine  beleidigte  Stimme  stand  in  einem  sonderbaren  Kontrast  zu  dem  Argwohn,  mit  dem  er  den  Noghri  beäugte.  »Clanführer  Rayl’skar hatte gar keinen Blaster.«  »Nun,  und  ich  habe  meinen  nicht  abgefeuert«,  insistierte  Han.  Das Fell des Bothan sträubte sich. »Wenn Sie das sagen, muß  ich  es  wohl  akzeptieren«,  seufzte  er.  »Aber  darauf  kommt  es  eigentlich auch gar nicht an.«  Han schnitt ein Gesicht. Nein, wahrscheinlich kam es darauf  wirklich  nicht  an.  Bei  vierundzwanzig  getöteten  Unruhestif‐ tern und  vielleicht  vierzig weiteren  Verletzten – und bei dem  Totalverlust  der  unteren  Etage  des  Zentralgebäudes  der  Ver‐ einten  Clans  –  war  es  kaum  mehr  von  Bedeutung,  wer  ange‐ fangen hatte.  Außer für die Reporter natürlich. Und die meisten gaben ihm  die Schuld.  Die  Tür  ging  auf,  und  zwei  Bothan‐Wächter  kamen  herein,  die  einige  verbogene  Stücke  Goldmetall  trugen.  »Das  ist  der  Rest,  Erster  Sekretär«,  meldete  einer  von  ihnen  und  streckte  Orou’cya  ihre  Ausbeute  hin.  »Wir  haben  die  Suche  abge‐ schlossen. Es wird nichts mehr zu finden sein.«  Han  sah  die  Bruchstücke  mit  düsterer  Miene  an.  Sie  hatten  jetzt  seit  einer  Stunde  in  jedem  nur  erdenklichen  Winkel  des  untersten Stockwerks Stücke von C‐3PO aufgesammelt. Es war  wie damals in Cloud City – bloß schlimmer.  »Er kommt schon wieder in Ordnung«, flüsterte Leia ihm zu.  »Es  sah  nicht  so  aus,  als  wären  irgendwelche  wichtigen  Teile 

ernsthaft  beschädigt  worden,  als  sie  mit  Fußtritten  traktiert  wurden. Das meiste sind nur Kratzer.«  »Wir  können  ihn  reparieren,  wenn  Sie  möchten«,  bot  Orou’cya an.  »Nein,  danke«,  sagte  Han  und  wünschte  sich,  Chewie  wäre  hier, anstatt auf Coruscant auf die Kinder aufzupassen.  Oder  vielleicht  auch  nicht.  Das  letzte  Mal,  als  Chewie  3PO  wieder zusammenbauen mußte, hatte der Droide nicht gerade  vor Dankbarkeit übergeschäumt. »Wir haben Leute auf Corus‐ cant, die das erledigen können.«  »Selbstverständlich.«  Orou’cya  zögerte.  »Da  wir  gerade  von  Coruscant  sprechen,  Rätin  Organa  Solo,  Clanführer  Rayl’skar  hat  Verbindung  mit  der  Regierung  der  Neuen  Republik  auf‐ genommen.  Präsident  Gavrisom  wünscht  mit  Ihnen  zu  spre‐ chen, sobald es Ihnen genehm ist.«  Han  blickte  zu  Leia  hoch.  »Möchtest  du,  daß  ich  zuvor  be‐ sonderer  Aufmerksamkeit  bedarf?«  murmelte  er,  gerade  laut  genug, daß sie ihn hören konnte.  Leia  verzog  das  Gesicht  und  schüttelte  dann  den  Kopf.  »Nein,  ich  schiebe  das  besser  nicht  auf  die  lange  Bank«,  ent‐ gegnete  sie  und  reichte  ihm  Verbandsstoff.  »Je  eher  wir  ihm  unsere  Version  der  Geschichte  mitteilen,  desto  besser.  Kann  ich  Ihren  Kommunikationsraum  benutzen,  Sekretär  Orou’cya?«  »Natürlich,  Rätin  Organa  Solo«,  erwiderte  der  Bothan  ge‐ messen und wies auf die Tür. »Folgen Sie mir, bitte.«  Sie  gingen  hinaus,  und  die  beiden  übrigen  Bothans  folgten,  während Sakhisakh sich ziemlich auffällig ungefragt anschloß.  Han schnitt abermals ein finsteres Gesicht und nutzte die neue 

Einsamkeit, um sich mit ein paar derben Worten Erleichterung  zu verschaffen. Er hatte gerade den Schulterverband angelegt,  als die Tür wieder aufging und Barkhimkh eintrat. »Leia ist in  den Komraum gegangen«, teilte er dem Noghri mit.  »Ich weiß«, gab Barkhimkh zurück, trat zu ihm und streckte  die  Hand  aus.  »Aber  ich  möchte,  daß  Sie  das  hier  zuerst  se‐ hen.«  Han  pflückte  das  verkohlte  und  verbogene  Gerät  aus  der  Hand des Noghri. »Was ist das?«  »Die  Überreste  eines  imperialen  Wahns«,  spie  Barkhimkh  aus.  Seine  Stimme  war  rauh  vor  Verachtung.  »Ein  Umlen‐ kungskristall  und  ein  mit  Tibannagas  gefülltes  Rohr  werden  auf  einem  Klumpen  Haftmaterial  befestigt  und  in  der  Nähe  von  jemandem  plaziert,  der  des  Mordes  bezichtigt  werden  soll; dann gibt ein Scharfschütze einen Schuß auf den Kristall  ab, der die Energie in das Rohr leitet.«  »Das dann wie ein ganz normaler Blaster funktioniert.« Han  nickte grimmig. Plötzlich wurde ihm die ganze Sache sonnen‐ klar. »Ein zufälliger Schuß in die Menge, und ich werde dafür  angeklagt.«  »Ja«,  sagte  Barkhimkh  düster.  »Wieder  einmal  werden  Sie  für etwas angeklagt, für das Sie nicht verantwortlich sind.«  »Ja,  aber  diesmal  haben  sie  dabei  wirklich  ganze  Arbeit  ge‐ leistet«,  meinte  Han.  »Sekunde  mal,  wie  kommt  es,  daß  nie‐ mand den Schuß des Scharfschützen gesehen hat?«  »Er  hatte  höchstwahrscheinlich  ein  Xerrol‐Nightstinger‐ Gewehr«,  entgegnete  Barkhimkh,  »das  einen  unsichtbaren  Blitz abfeuert.«  Han  zog  die  Stirn  kraus.  »Sie  machen  Witze.  Ich  habe  noch 

nie von einem Blaster gehört, der das kann.«  »Das  Imperium  hat  die  Existenz  einer  solchen  Waffe  auch  nicht  gerade  an  die  große  Glocke  gehängt«,  erwiderte  der  Noghri. »Und abgesehen von diesem einen Vorteil handelt es  sich  um  eine  ausgesprochen  minderwertige  Waffe.  Das  Blas‐ tergas verursacht regelmäßig Kosten von über tausend Credits  pro Kanister, kann ausschließlich in speziell dafür ausgerichte‐ ten  Blastern  eingesetzt  werden  und  erlaubt  nur  drei  bis  fünf  Schüsse, ehe nachgerüstet werden muß. Kaum eine Waffe für  den alltäglichen Gebrauch.«  »Ja«,  nickte  Hart.  »Andererseits  aber  auch  keine  Waffe,  die  irgendwer zufällig bei sich trägt.«  »Richtig«,  stimmte  Barkhimkh  zu.  »Womit  diese  Konfronta‐ tion  auch  begonnen  haben  mag,  es  besteht  überhaupt  kein  Zweifel, daß es Agenten des Imperiums waren, die daraus erst  einen Aufruhr gemacht haben.«  »Das  Problem  ist  nur,  wie  wir  das  beweisen«,  fiel  Han  ein  und  umschloß  die  Überreste  der  Vorrichtung  mit  der  Hand.  »Ich nehme nicht an, daß dies hier allein schon genügt.«  Der  Noghri  schüttelte  den  Kopf.  »Diese  Vorrichtung  ist  nur  eine einschüssige Waffe, die so gebaut ist, daß sie nach ihrem  Einsatz auseinanderfällt. Ich wußte bloß aufgrund Ihrer Schil‐ derung der Ereignisse, worum es sich handelte.«  Und weil Attentäterteams der Noghri diese Geräte selbst ge‐ legentlich benutzt hatten? Wahrscheinlich, aber es hatte keinen  Sinn, das jetzt zur  Sprache zu bringen. Sogar jetzt  noch,  zehn  Jahre  nachdem  sie  die  Wahrheit  erfahren  und  die  Seiten  ge‐ wechselt  hatten,  waren  die  Noghri  noch  immer  empfindlich,  wenn  es  um  ihre  lang  währenden  Dienste  für  das  Imperium 

ging.  »Na  ja,  wenigstens  wissen  wir  jetzt  Bescheid«,  sagte  er  statt dessen. »Wer kommandiert eigentlich zur Zeit die Impe‐ riale Flotte? Ich habe irgendwie den Überblick verloren.«  »Der Oberkommandierende ist Admiral Pellaeon«, antworte‐ te  Barkhimkh.  »Er  befehligt  den  imperialen  Sternzerstörer  Schimäre.«  Han  spürte,  daß  seine  Mundwinkel  zuckten.  »Einer  von  Thrawns Leuten, nicht wahr?«  »Pellaeon  hat unmittelbar unter dem Großadmiral gedient«,  bestätigte der Noghri. »Viele hielten ihn während jener Mona‐ te für Thrawns Lieblingsprotege.«  »Er  scheint  sich  die  Tricks  und  Kniffe  des  Gewerbes  jeden‐ falls ganz gut angeeignet zu haben«, grollte Han. »Wir müssen  einen Weg finden, ihn dafür bezahlen zu lassen.«  Er gab die Vorrichtung zurück. »Hier, sehen Sie zu, daß das,  was davon noch übrig ist, in einem Stück bleibt, bis wir es zum  Schiff  bringen  können.  Und  sagen  Sie  den  Bothans  nichts  da‐ von.«  »Zu Befehl, Han clan Solo«, erwiderte der Noghri und neigte  kurz den Kopf, während er das Gerät in einen Beutel an seiner  Seite  gleiten  ließ.  »Werden  Sie  diese  Information  verwenden  können?«  »Wir werden sie ganz sicher verwenden können«, versicher‐ te Han ihm und rieb sich den Ruß von den Händen. Fast sech‐ zig Menschen und Nichtmenschen waren tot oder verwundet,  der  Neuen  Republik  im  allgemeinen  und  ihm  besonders  gab  man  die  Schuld  daran,  und  den  Bodensatz  bildeten  Admiral  Pellaeon und seine imperialen Agenten. »Glauben Sie mir, wir  werden das verwenden.« 

Die  dunklen  Noghri‐Augen  blickten  ihn  unverwandt  an.  »Wie?«  Er schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Ahnung.« 

14. Kapitel    Die Sternlinien verwandelten sich in Sterne, und sie waren am  Ziel.  Wo auch immer im Weltraum dieses Ziel liegen mochte.  »Ich  erfasse  drei  Planeten  im  inneren  System«,  berichtete  Faughn.  Sie  verschluckte  die  letzte  Silbe,  als  sie  ein  Gähnen  unterdrückte. Bei normalem Schichtwechsel der Crew wäre sie  zum  Zeitpunkt  ihrer  Ankunft  im  Nirauan‐System  nicht  im  Dienst  gewesen,  doch  sie  hatte  darauf  bestanden,  am  Ende  ihrer Reise geweckt zu werden.  Während  Mara  den  trüben  roten  Stern  anstarrte,  fragte  sie  sich, ob er diese Reise wirklich lohnte.  »Der zweite Planet sieht bewohnbar aus«, meldete Torve. »Er  verfügt  über  eine  Atmosphäre…  die  Temperatur  scheint  in  Ordnung zu sein…«  »Da  draußen  bewegt  sich  was«,  schnappte  Elkin.  »Peilung  dreiundfünfzig zu siebzehn.«  Mara warf einen kurzen Blick auf die Instrumente. Ihrem Be‐ fehl gemäß war die Starry Ice im vollen Sensortarnmodus aus  dem  Hyperraum  gekommen,  und  es  gab  kein  Anzeichen  für  jene  Art  von  Hochleistungssonden,  die  nötig  gewesen  wären,  um  ihren  Schutz  zu  durchdringen.  Doch  wenn  man  in  Rech‐ nung  stellte,  daß  sie  es  hier  mit  fremder  Technologie  zu  tun  hatten,  mochte  das  absolut  nichts  bedeuten.  »Wohin  unter‐ wegs?« fragte sie Elkin. 

»Sicher  zum  zweiten  Planeten«,  antwortete  dieser  und  be‐ diente  seine  Konsole.  »Moment  mal  –  ich  will  sehen,  ob  ich  den genauen Zielpunkt berechnen kann.«  »Ist das dieselbe Art Schiff wie das, das um Terriks Sternzer‐ störer herumgeschwirrt ist?« erkundigte sich Faughn.  »Von der Seite sieht es so aus«, erwiderte Torve. »Aber ohne  Sensorerfassung kann ich das nicht so genau sagen.«  »Ich  bekomme  jetzt  den  Zielpunkt«,  meldete  Elkin.  »Es  ist  ein Ort auf der nördlichen Hemisphäre, tief am Boden.«  »Gibt es da irgend etwas?« fragte Faughn.  »Nichts  Offensichtliches«,  entgegnete  Torve.  »Zumindest  nichts mit einem meßbaren Energiespektrum.«  »Dieser  Ort  macht  mich  nervös«,  brummte  Elkin  und  trom‐ melte rastlos mit den Fingerspitzen auf den Rand seiner Kont‐ rollkonsole. »Wieso gibt es weder über den Planeten noch über  das  System  irgendwelche  Daten?  Es  hat  immerhin  einen  Na‐ men – also muß schon mal irgend jemand hier gewesen sein.«  »Oh, es ist bestimmt jemand hier gewesen«, stimmte Faughn  zu. »Aber wahrscheinlich nicht sehr lange. Damals, in den Ta‐ gen der Alten Republik konnte man im Grunde einfach in ein  unbekanntes  System fliegen, es rasch auf Lebensformen scan‐ nen  und  es  um  der  Entwicklungsrechte  willen  in  die  Grund‐ bücher  eintragen  lassen  –  das  war  das  sogenannte  Namen‐ gleich‐Haben‐Gesetz.  Es  gab  überall  im  Äußeren  Rand  Syste‐ me, die in die Sternkarten und Eigentumslisten aufgenommen  wurden, ohne daß irgendwer die geringste Vorstellung davon  gehabt hätte, was es dort eigentlich gab.«  »Ich  erinnere  mich,  darüber  gelesen  zu  haben«,  sagte  Mara.  »Besonders der Korporationssektor war dafür berüchtigt, die‐

ses  Vorrecht  zu  mißbrauchen,  und  wir  sind  gar  nicht  so  weit  von dort entfernt.«  »Richtig«,  nickte  Faughn.  »Trotzdem:  Wenn  das  hier  irgend  jemandes  Militärbasis  ist,  wo  ist  dann  die  Verteidigung?  Wo  die Basis selbst?«  »Niemand  hat  behauptet,  daß  es  sich  um  eine  militärische  Einrichtung  handelt«,  erinnerte  sie  Mara.  »Sie  benutzen  eine  fremde Technologie – das ist alles, was wir wissen.« Sie blickte  aus der Sichtluke. »Und mehr werden wir auch nicht erfahren,  solange wir bloß hier draußen herumhängen.«  »Ich weiß nicht«, warf Faughn ein. »Wir haben herausgefun‐ den,  daß  es  sich  um  dieses  System  handelt.  Vielleicht  sollten  wir zurückkehren und Verstärkung holen.«  »Unglücklicherweise wissen wir nicht genau, ob  es  wirklich  dieses  System  ist«,  stellte  Mara  klar.  »Es  könnte  ebenso  bloß  der  vereinbarte  Treffpunkt  in  diesem  Monat  sein.  Wenn  wir  jetzt  umdrehen,  sind  sie,  wenn  wir  zurückkommen,  vielleicht  längst verschwunden.«  »Könnte sein«, sagte Faughn widerwillig. »Tja… sieht so aus,  als würde sich die Zielzone von uns wegdrehen. Wir könnten  ihnen ein paar Stunden geben, um hinter dem Horizont abzu‐ tauchen, und das Schiff dann vorsichtig näher heranbringen.«  »Das setzt allerdings voraus, daß sie kein Netz von Sensoren  um den Planeten gespannt haben«, warf Torve ein. »Falls ja, ist  es  vollkommen  egal,  ob  der  Stützpunkt  im  Erfassungsbereich  unserer Sensoren liegt oder nicht.«  Faughn zuckte die Achseln. »Das ist ein kalkulierbares Risi‐ ko.«  »Aber keines, das unser ganzes Schiff eingehen muß«, sagte 

Mara und ging im Geist ihre Möglichkeiten durch. Die Starry  Ice  hatte  außer  ihren  Rettungskapseln  noch  drei  Raumer  von  der Größe einer Fähre an Bord: zwei Frachtdrohnen sowie ei‐ nen  illegalen  Defender‐Sternjäger  der  Neuen  Republik  für  den  Systemeinsatz, den Karrde irgendwie in seinen Besitz gebracht  hatte.  »Wie  steht  es  bei  dem  Defender  mit  einem  Sensortarn‐ modus?« wollte sie wissen.  »Minimal«, erwiderte Faughn. »Andererseits gibt es für den  Anfang  ein  ziemlich  schmales  Sensorenprofil,  und  natürlich  absolut  keine  Hyperantriebsemissionen.  Wenn  die  anderen  über  keine  allzu  gute  Ausrüstung  verfügen  und  man  es  ein  bißchen  vorsichtig  angeht,  stehen  die  Chancen  nicht  schlecht,  sich unbemerkt anzuschleichen.«  »Also  gut«,  nickte  Mara  und  griff  in  die  Macht  hinaus.  Sie  spürte  keine  besondere  Regung  ihres  Gefahrensinns.  Zumin‐ dest  jetzt  noch  nicht.  »Wir  machen  es,  wie  Sie  gesagt  haben,  und  geben  der  Zielzone  ein  paar  Stunden,  um  sich  von  uns  wegzudrehen. Vielleicht erweitern wir inzwischen den Sensor‐ tarnmodus  ein  wenig,  während  wir  warten.  Und  danach…  gehe ich runter und sehe mich mal um.«    Aus  der  Ferne  hatte  der  Planet  dunkel  und  abweisend  und  trostlos ausgesehen, und aus nächster Nähe, so entschied Ma‐ ra, machte er auch keinen viel besseren Eindruck.  Es  gab  Vegetation,  sicher,  alles  von  verkümmerten  Bäumen  mit  breiten  fächerförmigen  Blättern  bis  zu  am  Boden  kauern‐ den Pflanzen, die sie bei der Geschwindigkeit, mit der sie flog,  unmöglich deutlich erkennen konnte. Doch die übliche Vielfalt  an  Farben,  die  auf  den  meisten  Welten,  die  sie  besuchte,  die 

Norm  war,  schien  Nirauan  irgendwie  ausgelassen  zu  haben.  Alles hier war in Schattierungen von Braun und Grau erschaf‐ fen,  abgesehen  von  gelegentlichen  dunkelroten  oder  violetten  Tupfern,  die  die  Monotonie  unterbrachen.  Möglicherweise  war  dies  eine  Folge  des  trüben  roten  Lichts  der  Sonne  dieses  Planeten; vielleicht waren die Pflanzen im Infrarotbereich des  Spektrums  sogar  ausgesprochen  farbenfroh.  Doch  irgendwie  bezweifelte sie das.  »Ich  halte  jetzt  auf  einige  Hügel  zu«,  sprach  sie  in  das  Auf‐ zeichnungsgerät,  das  an  einer  der  Kontrollkonsolen  des  De‐ fender befestigt war. »Sie sehen ziemlich zerklüftet und blank  aus  –  was  immer  an  Erdreich  sie  bedeckt  haben  mag,  scheint  längst erodiert zu sein.« Sie warf einen Blick auf die Anzeigen.  »Noch immer kein Hinweis auf irgendwelche Sensoren.«  Sie  hob  den  Blick  wieder  von  der  Konsole  und  betrachtete  stirnrunzelnd die Landschaft, die vor ihr lag. Dort oben, zwi‐ schen zwei besonders schartigen Hügeln…? »Ich sehe da vor‐ ne so eine Art Rinne«, sagte sie. »Nein – schon eher eine aus‐ gewachsene Schlucht. Eigentlich…«  Sie berührte sanft den Steuerknüppel des Defender und wag‐ te sich ein Stück weiter hinauf, um besser sehen zu können. Ihr  erster Eindruck erwies sich als richtig: Der tiefe Einschnitt vor  ihr wies in die Richtung der Zielzone.  Und  falls  das  Terrain  ihr  keinen  Streich  spielte,  würde  die  Schlucht sie anscheinend genau dorthin führen.  »Ich schätze, ich habe meinen Kurs gefunden«, sagte sie und  drückte  eine  Taste,  um  die  navigatorischen  Informationen  in  den  Datenspeicher  des  Aufnahmegeräts  zu  laden.  »Sieht  so  aus, als würde ich direkt vor ihrer Tür landen.« 

Es  sei  denn,  die  unbekannten  Fremden  hatten  die  Schlucht  mit  Sensoren  gespickt,  dann  würde  sie  natürlich  direkt  in  ei‐ nem  Hinterhalt  landen.  Sie  mußte  sich  einfach  auf  ihren  Ge‐ fahrensinn verlassen, der sie hoffentlich warnen würde.  Die Schlucht war so beschaffen, wie sie bereits aus der Ferne  ausgesehen hatte: einigermaßen geradlinig, während sie in der  Breite  zwischen  fünfzig  und  hundert  Metern  variierte;  ihre  Tiefe betrug durchschnittlich etwa hundert Meter, wenngleich  sie  an  manchen  Stellen  bis  zu  dreihundert  Metern  abfiel.  Die  meisten ähnlichen Schluchten, die Mara gesehen hatte, waren  von  reißenden Flüssen  durchschnitten  gewesen, doch  der  Bo‐ den  dieser  Schlucht  war  trocken.  Die  Wände  bestanden  aus  schroffen  grauen  Felsen,  an  deren  Flanken  sich  kleine  Sträu‐ cher  und  zähe  Rankengewächse  klammerten.  »Immer  noch  kein Anzeichen für Sensoraktivität«, teilte sie dem Aufnahme‐ gerät  mit,  während  sie  sich  darauf  konzentrierte,  durch  die  enge  Passage  zu  fliegen.  Der  üblichen  militärischen  Vorge‐ hensweise zufolge, so wußte sie, würden ihre Gegner sie wäh‐ rend dieser ersten Kilometer angreifen, wenn ihre Bewegungs‐ freiheit eingeschränkt, sie aber noch nicht unnötig nahe an ihre  Basis herangekommen war. Sie griff in die Macht hinaus, und  während sie ein wachsames Auge auf den blaßblauen Himmel  über sich richtete, flog sie unbeirrt weiter.  Doch  es  erfolgte  kein  Angriff.  Die  Schlucht  wurde  breiter,  enger, dann wieder breiter und verwandelte sich an einer Stel‐ le,  wo  die  linke  Felswand  eingestürzt  war,  sogar  von  einem  tiefen  Felseinschnitt  in  einen  offenen  Hang  mit  einem  weiten  bewaldeten  Tal  dahinter.  Doch  im  nächsten  Moment  erhob  sich  zu  ihrer  Linken  wieder  die  Felswand,  und  sie  sauste  er‐ neut  durch  eine  geschlossene  Schlucht.  Aber  die  Vegetation 

war hier mit einem Mal dichter und vielfältiger. Sträucher und  Ranken bedeckten oftmals die gesamten felsigen Flanken.  Und  noch  etwas  war  neu.  »Ich  erkenne  jetzt  Löcher  in  den  Seiten  der  Schlucht«,  berichtete  sie  und  versuchte  im  Vorbei‐ flug in eines davon hineinzuspähen.  Aber  sie  war  zu  schnell  und  konnte  nur  erkennen,  daß  die  Löcher  zu  tief  waren,  um  das  Sonnenlicht  bis  an  ihr  Ende  dringen zu lassen. »Auf den ersten Blick würde ich sagen, sie  sind  nicht  natürlichen  Ursprungs«,  fuhr  sie  fort.  »Es  könnte  sich vielleicht um eine Vogelkolonie oder um Rankenkriecher  handeln  –  oder  um  den  Teil  einer  Sensorphalanx.  Ich  schlage  vor, der nächste, der hier hineinfliegt, bringt ein besseres Ab‐ tasterpaket mit… Sekunde mal.«  Sie drosselte behutsam das Tempo und blickte stirnrunzelnd  geradeaus. Die Schlucht wurde abermals breiter, und da oben  auf  ihrer  rechten  Seite…  »Ich  glaube,  ich  habe  vielleicht  den  Vordereingang  gefunden«,  teilte  sie  dem  Aufnahmegerät  knapp  mit.  »Das  da  oben  rechts  sieht  aus  wie  ein  Höhlenein‐ gang,  unmittelbar  vor  einer  leichten  Rechtskurve.  Ziemlich  große Öffnung – mit  ein paar  geschickten  Manövern  könnten  die  Raumschiffe,  die  wir  gesehen  haben,  durchaus  da  hin‐ durchpassen.«  Sie  kräuselte  die  Lippen.  »Ich  muß  mich  jetzt  entscheiden: Nehme ich den Defender – oder gehe ich zu Fuß  rein?«  Der  Defender  bremste  jetzt  bis  zum  völligen  Stillstand  ab,  und  sie  schaltete  auf  die  Repulsoren  um,  während  sie  nach‐ dachte.  Es  lag  natürlich  auf  der  Hand,  den  Defender  zu  neh‐ men, aber das bedeutete in diesem Fall nicht notwendigerwei‐ se, auch klug zu handeln. Bisher hatte es noch keine Reaktion 

seitens  ihres  Ziels  gegeben,  was  bedeutete,  daß  man  sie  ent‐ weder noch gar nicht bemerkt hatte oder keine Bedrohung in  ihr sah.  So  oder  so  würde  eine  einzelne  Person  zu  Fuß  vermutlich  weiter  gelangen,  bevor  sie  eine  Reaktion  hervorrief,  als  ein  Sternjäger der Neuen Republik, der mit geladenen und schuß‐ bereiten  Laserkanonen  heranbrauste.  »Ich  gehe  zu  Fuß  rein«,  sprach sie in das Aufnahmegerät, brachte den Defender neben  einem  Gebüsch  sanft  nach  unten  und  nahm  dann  einen  Bios‐ can  der  Luft  draußen  vor.  »Es  hat  bisher  keine  feindseligen  Handlungen gegen mich gegeben, und es wäre schön, wenn es  auch dabei bliebe.«  Sie  griff  nach  unten  in  das  kleine  Waffenfach  neben  ihrem  rechten Knie  und öffnete die Verkleidung. »Aber nur  für  den  Fall,  daß  das  nicht  so  bleibt,  nehme  ich  meine  BlasTech,  eine  Ärmelkanone  und  mein  Lichtschwert  mit«,  fügte  sie  hinzu.  »Das  sollte  mir,  ganz  gleich,  was  geschieht,  einen  gewissen  Vorteil geben.«  Sie schob den BlasTech‐Blaster in das Holster an ihrer Hüfte  und verstaute die kleinere Waffe in dem Unterarmhalfter, der  sich  unter  ihrem  linken  Ärmel  verbarg.  Dann  nahm  sie  das  Lichtschwert…  … hielt inne und blickte die Waffe an und spürte das kühle  Metall auf der Haut. Dies war einmal Luke Skywalkers Licht‐ schwert  gewesen,  sein  Vater  hatte  es  gebaut,  und  Obi‐Wan  Kenobi hatte es ihm auf Tatooine gegeben. Und Luke Skywal‐ ker  hatte  es,  nachdem  die  massive  Gegenoffensive  des  Impe‐ riums  unter  Großadmiral  Thrawn  glücklich  gestoppt  worden  war, wiederum an sie weitergereicht. 

Damals waren Luke und sie Verbündete gewesen. Und heu‐ te…  Sie verzog das Gesicht und hakte das Lichtschwert am Gür‐ tel fest. Heute war sie sich dessen nicht mehr so sicher.  Oder besser, sie war sich nicht sicher, was er war.  Der  Bioscanner  piepte.  Die  Luft  war  atembar;  es  gab  keine  toxischen Substanzen oder gefährlichen Mikroorganismen, die  dazu  fähig  waren,  ihre  Breitbandimmunisierung  zu  durch‐ dringen. »Scheint alles klar da draußen«, sagte sie und riß ihre  Gedanken von Skywalker los, um sich wieder den unmittelbar  anstehenden Aufgaben zu widmen. Sie drosselte die Repulso‐ ren  und  schaltete  die  Systeme  des  Defender  in  den  Bereit‐ schaftsmodus;  dann  prüfte  sie  zweimal,  ob  das  Aufnahmege‐ rät  seine  Daten  als  Impulsübertragung  an  die  Starry  Ice  über‐ mittelte. »Ich nehme mein Komlink mit und stelle eine ständi‐ ge Verbindung mit dem Recorder her.«  Sie  befestigte  das  Komlink  an  ihrem  Kragen,  damit  sie  die  Hände  frei  hatte,  dann  klappte  sie  die  Pilotenkanzel  auf.  Ni‐ rauans  kühle,  beißende  Luft  strömte  herein  und  brachte  die  unterschwelligen  exotischen  Gerüche  einer  neuen  Welt  mit.  Mara löste den Gurt, stand auf und zog den Überlebenstornis‐ ter  des  Defender  aus  dem  Stauraum.  Sie  legte  sich  die  Gurte  über  eine  Schulter,  sah  sich  ein  letztes  Mal  um,  schloß  und  versiegelte die Kanzel und machte sich auf den Weg zur Höh‐ le.  Die grasartigen Pflanzen unter ihren Füßen waren kurz, ihre  Halme  waren  breit  und  neigten  dazu,  sich  an  ihren  Stiefeln  festzusaugen,  hinderten  jedoch  nicht  ihren  Lauf.  Sie  lauschte  aufmerksam,  während  sie  ging,  aber  sie  hörte  nur  das  Ra‐

scheln  der  Vegetation  und  das  leise  Wispern  des  Windes  in  der Schlucht. Es gab keinerlei Laute von Tieren am Boden oder  in der Luft. Aber es gab sie, das wußte sie, als sie zu den klei‐ nen  Löchern  aufblickte,  mit  denen  die  Flanken  des  Felsein‐ schnitts  gespickt  waren.  Die  Tiere  waren  da,  in  den  Löchern,  nisteten  in  den  Sträuchern  oder  lauerten  unter  den  Kletter‐ pflanzen am Fels. Sie konnte ihre Gegenwart spüren.  Und wenigsten einige davon beobachteten sie…  »Ich  könnte  mich  getäuscht  haben«,  sprach  sie  in  das  Kom‐ link und zog den Blaster. »Das da oben könnte auch bloß eine  Höhle  sein.  Ich  schätze,  ich  werde  noch  früh  genug  dahinter‐ kommen.«  Vorsichtig bahnte sie sich einen Weg zur Höhle. Und ebenso  vorsichtig warf sie einen Blick um deren Rand.  Es  war  also  wirklich  eine  Höhle.  Eine  schmutzige,  muffige  Höhle mit rauhen Wänden, die sich schwarz in die Ferne ers‐ treckten; der Boden war am Eingang mit einer dicken Schicht  toter  Blätter  bedeckt,  Spinnweben  unbekannter  Art  bewegten  sich  unregelmäßig  im  Wind,  und  in  der  Luft  hing  der  anhal‐ tend feuchte Hauch eines ferne stehenden Gewässers.  Mara  ließ  den  Blaster  sinken,  sie  empfand  gleichermaßen  Enttäuschung  und  kam  sich  ein  wenig  dumm  vor.  »Ich  bin  jetzt da«, teilte sie dem Komlink mit, »und wenn das hier eine  getarnte Landebucht ist, dann hat hier jemand verdammt gute  Arbeit geleistet.«  Sie trat vom Höhleneingang zurück und schirmte ihre Augen  ab, um an der Felswand emporzublicken. Sie konnte nichts als  Felsen  erkennen.  Unmittelbar  hinter  der  Höhle  machte  die  Schlucht, wie sie bereits festgestellt hatte, eine sanfte Biegung 

nach  rechts.  Mehr  aus  Neugier  als  in  der  Erwartung,  irgend  etwas Interessantes zu entdecken, ging sie auf die gegenüber‐ liegende  Seite  des  Höhleneingangs  und  spähte  um  die  Bie‐ gung.  Sie hielt den Atem an. In gerader Linie vor ihr, in einer Ent‐ fernung  von  etwa  zehn  Kilometern,  war  die  Schlucht  an  der  Basis eines gewaltigen Felsvorsprungs plötzlich zu Ende. Und  oben  auf  diesem  Vorsprung  erhob  sich,  schwarz  gegen  den  fahlen Himmel, ein Gebäude.  Nein, nicht bloß ein Gebäude. Eine Festung.  Mara  holte  tief  Luft.  »Ich  habe  sie  gefunden«,  sagte  sie  und  bemühte sich, ihrer Stimme die übliche Festigkeit zu verleihen,  während sie das Nahsichtgerät aus seinem Futteral an der Sei‐ te ihres Überlebenstornisters zog. Beim Anblick des Bauwerks  überlief  sie  irgendwie  ein  Schauer.  »Am  Ende  der  Schlucht  steht auf einem Felsvorsprung eine Art Festung.«  Sie  aktivierte  das  Nahsichtgerät  und  stellte  es  auf  die  Fes‐ tung  ein.  »Scheint  aus  schwarzem  Stein  erbaut  zu  sein«,  be‐ richtete sie und holte das Bild näher heran. »Erinnert mich an  die  alte  aufgelassene  Festung  auf  Hijarna,  die  wir  manchmal  als Treffpunkt genutzt haben. Ich sehe… aus diesem Blickwin‐ kel  kann  ich  zwei  oder  drei  Türme  erkennen,  und  etwas,  das  über dem Sockel eingestürzt ist und ein weiterer Turm gewe‐ sen sein könnte. Genaugenommen…«  Sie  senkte  den  Blick  zum  Fuß  des  Felsvorsprungs,  wo  die  Schlucht anfing; die Schauer, die sie durchliefen, wurden noch  unbehaglicher.  »Der  Schuß«,  sagte  sie  langsam,  »der  diesen  Turm  umgelegt  hat,  muß  eine  ähnliche  Feuerkraft  besessen  haben wie der, der diese Schlucht in den Fels getrieben hat.« 

Und  wenn  ja,  so  hatte  es  sich  um  eine  wirklich  beeindru‐ ckende  Explosion  gehandelt.  Der  Todesstern  hätte  dies  ver‐ mocht – aber nicht viel mehr in den Arsenalen des Imperiums  oder  der  Neuen  Republik.  »Egal,  ich  schätze,  die  Festung  ist  mein nächstes Ziel«, beschloß sie und schob das Nahsichtgerät  in  das  Futteral  zurück.  Sie  warf  noch  einen  Blick  auf  die  Fes‐ tung, wandte sich ab und machte sich wieder auf den Weg zu  dem Defender. Sie ging zurück auf die andere Seite der Höh‐ le…  …  und  erstarrte.  Sie  preßte  die  Schulter  gegen  den  kühlen  Fels  neben  dem  Eingang.  Irgend  etwas  hatte  plötzlich  ihren  Gefahrensinn  ausgelöst…  und  während  sie  wartete,  hörte  sie  es wieder.  Das leise, noch weit entfernte Heulen eines Luftfahrzeugs.  »Ich  glaube,  ich  bekomme  gleich  Gesellschaft«,  sprach  sie  flüsternd in ihr Komlink und prüfte rasch den Himmel. Noch  war  nichts  zu  sehen,  aber  das  Geräusch  kam  ohne  Zweifel  immer  näher.  Während  sie  weiter  den  Himmel  beobachtete,  trat  sie  vorsichtig  ein  paar  Schritte  in  die  Schatten  der  Höhle  zurück.  Da flammte mit einem Mal ihr Gefahrensinn auf, doch noch  während  sie  herumfuhr,  wußte  sie,  daß  es  zu  spät  war.  Aus  den  Tiefen  der  Höhle  rechts  von  ihr  schoß  etwas  Dunkles  an  ihr  vorbei,  wehte  ihr  einen  Schwall  feuchter  Luft  ins  Gesicht,  während es an ihrem Kopf vorbeifegte und wieder pfeilschnell  in der Dunkelheit verschwand. Sie ließ sich in die Hocke fallen  und  zielte  mit  dem  Blaster  auf  den  fliegenden  Schatten,  aber  das Ding war bereits außer Sichtweite. Sie gab einen Schuß auf  die  Decke  ab;  der  Lichtblitz  gewährte  ihr  einen  kurzen  Blick 

auf rauhe Wände und von der Decke hängende Felsnadeln. Sie  entdeckte  den  fliegenden  Schatten  und  hob  warnend  das  Vi‐ sier ihrer Waffe…  Sie  erhaschte  nur  einen  flüchtigen  Blick  auf  den  zweiten  Schatten, als dieser auch schon von irgendwoher herabfiel und  ihr mit einer raschen Bewegung den Blaster aus der Hand riß.  Sie  unterdrückte  eine  Verwünschung,  zerrte  mit  der  Linken  das  Lichtschwert  aus  dem  Gürtel,  zündete  es  und  beförderte  es noch mit derselben Bewegung in ihre rechte Hand.  Im  nächsten  Moment  schien  die  ganze  Höhle  unter  einem  Kreischen  zu  erstarren  –  eine,  wie  Mara  zu  Bewußtsein  kam,  eher  bizarre  Charakterisierung  dessen,  was  geschehen  war.  Doch  der  Eindruck  hatte  gleichwohl  Bestand.  Worum  auch  immer es sich bei den flatternden Kreaturen handeln mochte,  sie beobachteten sie plötzlich mit neuen Augen.  Und sie sprachen mit einer neuen Stimme.  Mit einer neuen Stimme? Mara zog die Stirn kraus und lausch‐ te  angestrengt.  Kein  Irrtum  möglich:  Neue  Laute  füllten  rau‐ nend die Höhle.  Die Höhle… oder ihren Geist.  Sie wich in eine flache Vertiefung in der Höhlenwand zurück  und  griff,  so  weit  sie konnte,  in  die  Macht  hinaus.  Die  Beina‐ hestimmen schienen deutlicher zu werden, blieben jedoch wei‐ terhin  unverständlich.  »Unheimlich«,  murmelte  sie.  Ein  frem‐ des und womöglich feindliches Fluggerät befand sich auf dem  Weg hierher, und sie stand hier, festgenagelt von gleicherma‐ ßen  fremdartigen  Lebewesen,  die  schlau  genug  waren,  sich  ihren  Blaster  zu  schnappen.  Lebewesen,  mit  denen  sie  fast,  wenn  auch  nicht  richtig,  kommunizieren  konnte.  »Wo  steckt 

Skywalker mit seiner Trickkiste, wenn man sie braucht?«  Es war, als hätte eine emotionale seismische Verwerfung die  Höhle  wie  eine  Welle  durchlaufen.  Plötzlich  lärmten  die  Bei‐ nahestimmen  an  den  Rändern  ihres  Verstandes  noch  lauter.  »Skywalker?« erkundigte sich Mara. »Kennt ihr ihn?«  Wieder  wurden  die  Beinahestimmen  laut,  doch  diesmal  lag  ein Unterton von Enttäuschung in ihrem »Klang«. »Ja, ich bin  auch  enttäuscht«,  gab  Mara  spitz  zurück.  »Kommt  schon,  re‐ det! Oder was auch immer ihr da tut. Was hat Skywalker mit  euch zu schaffen?«  Falls sie ihr antworteten, so hörte sie die Antwort nicht mehr.  Vom  Höhleneingang  zu  ihrer  Linken  kam  das  Wispern  einer  Bewegung. Sie wirbelte herum und schwang das Lichtschwert,  um ihre Stellung zu verteidigen…  …  und  sperrte  vor  Erstauen  den  Mund  auf.  Eine  riesige  Wolke  dunkler,  an  Mynocks  erinnernder  Geschöpfe  bewegte  sich  unbeholfen  und  mit  wild  flatternden  Flügeln  durch  den  Zugang zur Höhle.  Und  im  Zentrum  der  Wolke,  auf  den  Rücken  der  Wesen  darunter  und getragen von  den  halb  verborgenen Klauen  de‐ rer darüber, sah sie ihr Raumschiff.  »Was, zur Hölle…?« japste sie und machte einen Satz.  Zu  schnell.  Maras  Fuß  traf  auf  einen  Haufen  toter  Blätter,  und  sie  verlor  das  Gleichgewicht.  Sie  drehte  sich,  versuchte  sich zu fangen und stürzte statt dessen in die andere Richtung.  Aus  den  Augenwinkeln  sah  sie  einen  scharfen,  aus  der  Höh‐ lenwand ragenden Stein rasch auf sich zukommen…   

Sie erwachte nach und nach, unter Schmerzen, mit einer Krus‐ te, die sich wie getrocknetes Blut an einer Seite ihres Schädels  und  einem  ihrer  Augen  anfühlte,  die  sich  anscheinend  nicht  öffnen wollten.  Es verging vielleicht eine weitere benommene Minute, bis sie  weit genug zu Bewußtsein gelangt war, um zu begreifen, daß  ihre Augen bereits offen waren. Es war einfach zu dunkel, um  irgend etwas erkennen zu können.  »Oh‐oh«,  brummte  sie.  Ihre  Stimme  zeitigte  ein  seltsames  Echo. War  sie  lange  genug ohne  Bewußtsein gewesen, daß es  bereits Nacht geworden sein konnte? Oder hatte man sie tiefer  ins Höhleninnere gezerrt oder getragen?  Der  Überlebenstornister  war  immer  noch  auf  ihren  Rücken  geschnallt. Sie zog den Glühstab aus seiner Hülle und knipste  ihn an.  Sie  war  tatsächlich  tiefer  in  die  Höhle  bewegt  worden,  und  obendrein war es draußen Nacht geworden.  »Schön  zu  wissen,  daß  ich  sie  immer  noch  rufen  kann«,  murmelte  sie  angewidert  und  starrte  auf  ihr  Chrono.  Sie  war  fast drei Stunden ohnmächtig gewesen, viel länger, als sie ge‐ dacht hätte. Entweder war sie härter mit der Höhlenwand zu‐ sammengestoßen, als ihr klar gewesen war, oder ihre Entfüh‐ rer hatten sie auf dem Weg hierher ein paar Mal fallen lassen.  Wo auch immer dieses Hier sein mochte.  Sie ließ den Strahl des Glühstabs einen Augenblick lang über  die Wände und die hohe Decke der Höhle wandern und ver‐ glich sie mit der Erinnerung an den kurzen Blick, den ihr Blas‐ terschuß ihr zuvor eröffnet hatte. Doch es gab keine Übereins‐ timmung.  Das  hieß,  so  schätzte  sie,  daß  sie  sich  mindestens 

dreißig  Meter  weiter  im  Innern  befand,  wahrscheinlich  sogar  mehr. Keine unmögliche Wegstrecke, vorausgesetzt, sie verirr‐ te  sich  nicht  in  einem  Labyrinth  aus  Seitenwegen.  Und  vor‐ ausgesetzt, der Defender wartete irgendwo auf dem Weg dar‐ auf, daß sie ihn fand.  Und  schließlich  vorausgesetzt,  daß  sie,  falls  die  Vorausset‐ zungen eins und zwei zutrafen, überhaupt irgendwo hingehen  konnte.  Sie  blickte  abermals  auf  ihr  Chrono.  Drei  Stunden.  Sie  hatte  ihr  Aufnahmegerät  so  eingestellt,  daß  es  eine  Impulsübertra‐ gung  an  die  Starry  Ice  sendete,  sobald  sie  entweder  ihr  Kom‐ link abschaltete oder fünfzehn Minuten lang stumm blieb. Was  bedeutete,  daß  Faughn  seit  zweieinhalb  Stunden  die  Auf‐ zeichnungen  ihres  Ausflugs  besaß,  einschließlich  des  letzten  erschrockenen Aufschreis, kurz bevor sie sich selbst außer Ge‐ fecht gesetzt hatte. Die Frage war bloß, was hatte Faughn da‐ mit anzufangen beschlossen?  Unglücklicherweise  gab  es  darauf  nur  eine  mögliche  Ant‐ wort:  Faughn  hatte  keine  weiteren  Jäger  an  Bord  und  damit  keine  Möglichkeit,  Mara  zu  Hilfe  zu  eilen,  es  sei  denn,  sie  brachte die Starry Ice selbst nach unten. Aber sie war zu klug,  ihr  Raumschiff  auf  diese  Weise  aufs  Spiel  zu  setzen  –  vor  al‐ lem, wenn sie die einzige war, die über die Informationen ver‐ fügte, die Mara übermittelt hatte.  Was wiederum bedeutete, daß die Starry Ice längst weg war.  Und  da  der  Defender  keinen  Hyperantrieb  besaß,  hieß  dies  wiederum, daß Mara hier festsaß.  »Ich schätze, ich könnte mich auf den Weg zur Festung ma‐ chen und sehen, ob man mir ein Zimmer vermietet«, brummte 

sie.  Aber  das  klang  ihr  nicht  wie  eine  gute  Idee;  und  noch  während sie es aussprach, konnte sie einen harschen Anklang  von Mißbilligung hören, der sich in die Beinahestimmen stahl,  die  an  den  Rändern  ihrer  Gedanken  kratzten.  »Keine  Sorge,  ich  gehe  nirgendwohin«,  knurrte  sie.  Immerhin  war  es  ihnen  zuzuschreiben, daß sie hier gestrandet war.  Andererseits war es, je nachdem, wer oder was in dem Flug‐ gerät gewesen war, das sie gehört hatte, auch gut möglich, daß  sie  ihr  das  Leben  gerettet  hatten.  Unter  den  gegebenen  Um‐ ständen, so nahm sie an, war dies ein fairer Tauschhandel.  Und  es  war  nicht  so,  daß  sie  hier  für  immer  ins  Exil  gehen  wollte, ein paar Tage – zwei Wochen höchstens –, und Karrde  würde eine ganze Flotte herschaffen, um sie hier herauszuho‐ len.  In der Zwischenzeit konnte sie sich um ihr Überleben sorgen.  Sie plazierte den Glühstab auf einer Felsnase, um ein Arbeits‐ licht  zu  haben,  schnallte  den  Rucksack  ab  und  machte  sich  daran, ein Lager aufzuschlagen. 

15. Kapitel    Lando  hob  den  Blick  von  seinem  Datenblock  zu  dem  ergrau‐ ten Mann, der ihm in dem Ausschank an einem Tisch gegenü‐ bersaß und dessen Gesicht halb hinter seinem Krug verborgen  war. »Sie machen wohl Witze«, sagte er und deutete mit einem  Wink auf den Datenblock. »Fünfzigtausend? Im Monat?«  Der  andere  zuckte  nur  die  Achseln.  »Nehmen  Sie  an  oder  lassen Sie es bleiben, Calrissian – mir ist das gleich. Aber wenn  Sie die Besten wollen, dann müssen Sie damit rechnen, daß Sie  das eine Stange Geld kostet.«  »Oh, kommen Sie«, brummte Lando. »Reggi, wir wissen bei‐ de, daß Soskin‐Wächter kaum die Besten sind.«  »Vielleicht  nicht«,  räumte  Reggi  ein  und  nahm  einen  weite‐ ren  Schluck  aus  dem  Krug.  »Aber  sie  sind  die  besten,  die  Sie  auf gut Glück anheuern können.«  »Schauen Sie, ich rede davon, die Sicherheit von Erzfrachtern  zu garantieren«, erwiderte Lando und kämpfte gegen das Ge‐ fühl  der  Niedergeschlagenheit  an,  das  ihn  während  der  ver‐ gangenen  zehn  Tage  immer  wieder  eingeholt  hatte.  »Nicht  darüber, Alion zu überfallen oder  einen Sternzerstörer  zu ka‐ pern oder so etwas.«  »Zu schade«, meinte Reggi und wischte sich mit dem Ärmel  über  den  Mund.  »Das  klingt  nach  mehr  Spaß  –  die  Soskins  würden  Ihnen  in  einem  dieser  Fälle  sicher  einen  Preisnachlaß  gewähren.«  »Mir geht es darum, daß wir hier nicht von einem Job reden, 

der  fünfzigtausend  wert  ist«,  hielt  Lando  weiter.  »Wir  reden  über eine Ladung Erz von Varn pro Monat plus einige wenige  Schiffsladungen  Kasinobesucher,  die  an‐  und  abfliegen.  Das  kann  nicht  mehr  als,  sagen  wir,  fünftausend  pro  Monat  kos‐ ten.«  Reggi  seufzte.  »Sehen  Sie,  Calrissian…«  Er  legte  eine  Pause  ein  und  ließ  den  Blick  durch  den  Ausschank  schweifen.  »Se‐ hen  Sie  mal  hier  herüber«,  fuhr  er  dann  fort  und  deutete  auf  eine Gruppe Nichtmenschen, die um einen Tisch hockten und  ihre hornigen Köpfe zusammensteckten. »Sehen Sie diese Cla‐ tear? Sie leben seit sechshundert Jahren mit den Nhoras in ei‐ ner  Fehde,  die  bereits  fünf  Generationen  von  Jedi  vergeblich  zu schlichten versucht haben. Schon mal davon gehört?«  Lando nickte. »Ja.«  »Gut«, entgegnete Reggi. »Die neue Nichteinmischungspoli‐ tik  von  Coruscant  läßt  sie  zu  dem  Schluß  kommen,  daß  sich  niemand  außerhalb  ihres  Sektors  mehr  darum  schert,  was  sie  einander  antun.  Also  ist  es  höchste  Zeit,  den  Kampf  wieder  aufzunehmen.  Nun,  die  Clatear  verfügen  über  ein  ziemlich  fähiges  Militär  –  sie  standen  eine  Zeitlang  unter  imperialem  Beschuß und sind deshalb ganz gut in Form. Die Nhoras hat‐ ten mehr Glück – oder vielleicht auch nicht, das hängt davon  ab,  aus  welchem  Blickwinkel  man  die  Sache  betrachtet.  Das  Imperium  schenkte  ihnen  keine  Beachtung,  also  gab  es  nicht  viel, wogegen sie hätten kämpfen können.«  Lando seufzte. Er erkannte, wohin dies führte. »Also heuern  sie Söldner an.«  »Sie  haben  es  erfaßt,  alter  Freund«,  rief  Reggi  beifällig.  »Sie  haben den Dhashaan‐Schild dafür gewonnen, ihre Systeme zu 

bewachen  –  haben  sogar  den  alten  Dharus  selbst  überredet,  aus  dem Ruhestand zu kommen, um  sich für  sie um Logistik  und Strategie zu kümmern. Und die Nhoras lassen dreißigtau‐ send  für  sie  springen.  Pro  Tag  wohlgemerkt.«  Er  schüttelte  ungläubig  den  Kopf.  »Da  draußen  blühen  die  Geschäfte  für  jeden, der Soldaten und Raumschiffe zu verkaufen hat, Calris‐ sian.  Jeder  denkt  plötzlich  daran,  alte  Rechnungen  zu  beglei‐ chen. Und wer da draußen hat nicht mit irgendwem eine oder  zwei Rechnungen offen?«  »Aber die Nhoras heuern Söldner an, um einen umfassenden  Krieg zu führen«, versuchte es Lando ein letztes Mal. »Ich will  bloß  jemanden,  der  mir  dabei  hilft,  die  Piraten  von  meinen  Schiffen fernzuhalten.«  Reggi zuckte wieder die Achseln. »Gegen einige dieser Pira‐ tenbanden  zu  kämpfen,  ist  schlimmer,  als  es  mit  den  Defen‐ sivkräften eines ganzen Systems aufzunehmen. Aber natürlich  hängt das vom System ab.«  Lando verzog das Gesicht. »Reggi, sehen Sie…«  »Falls  Sie  vorhaben,  jetzt  wieder  von  Taanab  anzufangen,  lassen Sie es«, fiel der andere ihm ins Wort. »Sie pressen jetzt  schon seit… oh, das müssen mittlerweile fünfzehn Jahre sein…  Gefälligkeiten aus mir heraus. Aber diesmal kommen Sie nicht  damit durch.«  »Es  ist immer wieder schön, echte Dankbarkeit  zu erleben«,  sagte Lando frostig und stand auf. »Wir sehen uns, Reggi. Viel  Spaß, welchen Krieg Sie auch immer anzetteln.«  Die  Nachmittagssonne  von  Cilparian  kam  ihm  nach  der  dämmrigen Kühle des Ausschanks besonders grell vor. Lando  blieb  eine  Minute  neben  dem  Eingang  stehen,  musterte  die 

Geschäftswimpel,  die  entlang  der  gesamten  Raumfahrermeile  flatterten,  und  fragte  sich,  ob  sich  die  Mühe  lohnen  mochte,  einen  Blick  auf  die  gegenwärtige  Kundschaft  der  Läden  zu  werfen.  Nein, Reggi hatte ja recht: Jede Söldnergruppe, die es derzeit  anzuwerben  lohnte,  war  auf  größere  Jobs  als  die  Bewachung  von  Raumfrachtern  aus.  Und  auf  höheren  Lohn,  als  Lando  aufbringen konnte.  Nach  beinahe  zwei  Dekaden  quälender  Auseinandersetzun‐ gen  hatte  die  Galaxis  endlich  Frieden  gefunden…  und  alles,  was diese Typen damit anzufangen wußten, war, sich wieder  ihren netten kleinen Kriegen zuzuwenden, die durch die Neue  Ordnung  des  Imperators  so  mutwillig  unterbrochen  worden  waren.  Mit  einem  erschöpften  Kopfschütteln  wandte  er  sich  dem  Raumhafen zu.  Der Lärm der Menge erreichte ihn, lange bevor diese in Sicht  kam. Es handelte sich um einen Mob von ansehnlicher Größe,  wie  das  bei  solchen  Ereignissen  stets  der  Fall  zu  sein  schien:  vielleicht dreihundert Menschen und Nichtmenschen, die sich  vor dem Tor zur Andockbucht 66 drängten. Doch dieser Auf‐ marsch war straffer organisiert als die meisten; außer den übli‐ chen  Sprechchören,  die  Gerechtigkeit  für  Caamas  verlangten,  gab es auch Schilder und Transparente.  In der Stimmung, in der er war, hätte er gerne die Gelegen‐ heit  beim  Schopfe  gepackt,  sich  ohne  Rücksicht  einen  Weg  durch  die  Menge  zu  bahnen  und  dabei  vielleicht  ein  wenig  Dampf  ablassen  zu  können.  Aber  das  Universum  würde  ihm  heute  nicht  einmal  so  weit  entgegenkommen;  die  Glücksdame 

stand zwei Hangars weiter in der Andockbucht 68. Er unterd‐ rückte eine Bemerkung über Leute, die nichts Besseres zu tun  hatten, als gegen etwas zu protestieren, das geschehen war, als  die meisten von ihnen noch nicht einmal geboren waren, stapf‐ te  an  der  Menge  vorbei  und  marschierte  auf  seine  Andock‐ bucht zu. Soweit es ihn betraf, war es das beste, so schnell wie  möglich von Cilpar zu verschwinden.  Er hatte gut zehn Meter am Rand des Aufmarschs zurückge‐ legt,  als  es  einer  Erkenntnis  gelang,  die  dichte  Wolkendecke  seines  griesgrämigen  Selbstmitleids  zu  durchdringen.  Diese  Proteste richteten sich ohne Ausnahme gegen die Bothans: ge‐ gen  Händler,  Diplomaten  und  Geschäftsleute.  Doch  auf  dem  Raumhafen  von  Mos  Tommro  gab  es  gar  keine  Bothans  –  sie  benutzten eine andere Einrichtung.  Was also taten die Demonstranten hier?  Er behielt  die  Menge im Auge, trat  in eine für sie nicht ein‐ sehbare Gasse und griff nach seinem Komlink. Er stellte es auf  das Komsystem der Glücksdame ein und nahm Verbindung mit  dem Kontrollzentrum des Raumhafens auf. »Hier spricht Lan‐ do  Calrissian  in  Hangar  68«,  gab  er  sich  gegenüber  der  gela‐ ngweilten Stimme zu erkennen, die ihm antwortete. »Ich hätte  gerne eine Aufstellung aller Schiffe in Hangar 66.«  »Das wird nicht nötig sein«, sagte hinter ihm in der Gasse ei‐ ne ruhige Stimme.  Lando fuhr herum, eine Hand zuckte mit geübter Geschmei‐ digkeit  zum  Saum  seines  Umhangs  und  landete  auf  dem  Knauf seines in einem Holster steckenden Blasters. Zwei Meter  vor  ihm  stand  ein  Paar  Diamala  mit  schlohweißen  Mähnen  und  Ledergesichtern  und  im  vollen  diplomatischen  Ornat. 

»Ja?«  fragte  Lando  vorsichtig.  »Kann  ich  Ihnen  behilflich  sein?«  »Ja,  ich  glaube,  das  können  Sie«,  sagte  der  größere  der  bei‐ den Nichtmenschen. »Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle. Ich  bin  Porolo  Miatamia,  Senator  der  Neuen  Republik.  Darf  ich  mich versichern, daß meine Ohren mich nicht getäuscht haben  und daß Sie General Lando Calrissian sind?«  »Ehemaliger General, ja«, nickte Lando, löste die Hand vom  Blaster  und  deaktivierte  das  Komlink.  Der  Protestaufmarsch  vor  dem  Hangar  66  ergab  allmählich  einen  Sinn.  »Darf  ich  mich im Gegenzug versichern, daß dies keine zufällige Begeg‐ nung ist?«  Miatamia lächelte dünn. Lando hatte noch nie einen Diamala  anders  lächeln  sehen.  »Sie  haben  recht«,  versicherte  ihm  der  Senator.  »Mein  Berater  hat  Sie  bereits  fünf  Straßen  von  hier  beim Näherkommen entdeckt.« Ein fächerförmiges Ohr zuckte  und  wies  auf  den  Diamala  neben  ihm.  »Wir  sind  Ihrem  Weg  bis hierher gefolgt, um uns nach Möglichkeit von Ihrer Identi‐ tät zu überzeugen.«  »Das haben Sie ja nun«, erwiderte Lando. Eine der besonders  ärgerlichen sozialen Verhaltensweisen der Diamala – auf jeden  Fall  für  Lando  –  war  die  Angewohnheit,  den  Boden  um  ein  Thema gründlich niederzutrampeln, ehe sie endlich zur Sache  kamen. »Kann ich Ihnen irgendeinen Dienst erweisen?«  Miatamias Ohr zuckte in Richtung der Menge. »Mein Raum‐ schiff  steht  in  Hangar  66«, antwortete er.  »Und es gibt… Per‐ sonen…  die  die  Haihang  meiner  Regierung  in  der  Bothan‐ Affäre mißbilligen.«  »Ja, davon habe ich gehört«, erklärte Lando. Jetzt war es also 

schon die Bothan‐Affäre, und nicht mehr nur die Caamas‐Affare.  Interessant.  »Ihre  Regierung  möchte  vergeben  und  vergessen  oder so etwas in der Art.«  Der Senator faßte ihn aufmerksam ins Auge. »Würden Sie es  denn vorziehen, wenn leichtfertig Rache an Unschuldigen ge‐ übt würde?«  Lando  spreizte  die  Hände.  »He,  hier  geht  es  um  Politik.  Ich  bin  bloß  ein  einfacher  Geschäftsmann,  der  versucht,  seinen  Schnitt zu machen.«  Miatamia  beäugte  ihn  noch  ein  wenig  länger.  Dann  zuckte  abermals  eines  seiner  Ohren.  »Wie  dem  auch  sein  mag«,  be‐ merkte er dann rätselhaft. »Auf jeden Fall haben die Demons‐ tranten ihren Standpunkt klargemacht. Ich habe mich deshalb  mit  der  Bitte  an  die  Raumhafenbehörde  gewandt,  sie  zu  ent‐ fernen, damit ich zu meinem Schiff zurückkehren kann.«  Lando  nickte.  Nach  den  Unruhen  mit  tödlichem  Ausgang,  die vor einer Woche auf Bothawui stattgefunden hatten, konn‐ te  er  verstehen,  daß  der  Senator  einen  gewissen  Widerwillen  dagegen  empfand, sich seinen Weg durch die Menge  zu bah‐ nen.  »Lassen  Sie  mich  raten.  Sie  haben  sich  geweigert,  auch  nur einen Finger zu rühren.«  »Es ist gar nicht notwendig zu raten: Ich kann positiv bestä‐ tigen, daß genau das ihre Reaktion war«, erwiderte Miatamia.  »Wir kamen gerade aus dem Büro der Behörde, als wir Sie sa‐ hen und uns Ihnen unverbindlich vorstellten.«  »Ich  verstehe«,  sagte  Lando.  »Womit  also  kann  ich  Ihnen  dienen?«  Miatamias  Ohr  zuckte.  »Ich  möchte  Sie  fragen,  ob  sie  Ihre  Stellung und Ihren Einfluß in der Neuen Republik geltend ma‐

chen können, um sich für mich zu verwenden?«  Seinen  Einfluß  in  der  Neuen  Republik?  Aber  klar.  »Ich  wünschte, ich könnte Ihnen helfen«, sagte er. »Aber bedauerli‐ cherweise fürchte ich, daß mein Einfluß heutzutage auf weni‐ ge  Freunde  und  Geschäftspartner  beschränkt  ist.  Und  keiner  von ihnen weilt derzeit auf Cilpar.«  »Ich  verstehe.«  Miatamia  schwieg  einen  Moment  lang.  »In  diesem  Fall erklären  Sie sich vielleicht bereit, Ihr Wort  an  die  Menge  zu  richten.  Als  Held  der  Rebellion  verfügen  Sie  wohl  über eine beschwichtigende Wirkung.«  Lando  schnaubte  verhalten.  »Ich  bezweifle,  daß  meine  ver‐ gangenen  Aktivitäten  mich  bei  denen  sehr  weit  kommen  las‐ sen  würden,  Senator.  Die  Leute sind  in  letzter  Zeit  wenig  ge‐ neigt, die Vergangenheit ruhen zu lassen.«  »Dann weigern Sie sich also, mir zu helfen?«  »Es ist ja nicht so, daß ich mich weigere«, entgegnete Lando  und  strengte  sich  an,  Geduld  zu  bewahren.  Dies  war  ein  Sprachproblem, ganz  klar;  unter  ihrer  ruhigen, von Logik be‐ stimmten  Politur  besaßen  die  Diamala  einen  fatalen  Hang,  Worte  auf  ungewöhnliche  Weise  zu  benutzen.  »Ich  weise  le‐ diglich darauf hin, daß ich nichts für Sie tun kann.«  Und  dann  kam  ihm  plötzlich  ein  Gedanke.  »Zumindest  nichts, um  Ihnen zu Ihrem Schiff zu verhelfen«, fuhr er rasch  fort,  ehe  Miatamia  etwas  entgegnen  konnte.  »Wenn  es  Ihnen  im  Augenblick  nur  darum  geht,  nach  Coruscant  zu  gelangen  oder  nach  Hause  zurückzukehren,  dann  ist  das  natürlich  et‐ was anderes.«  Diesmal zuckten beide Ohren. »Erklären Sie das.«  »Mein  Raumschiff  liegt  in  Hangar  68«,  gab  er  zurück.  »Es 

wäre  mir  eine  große  Ehre,  Sie  zu  jedem  gewünschten  Ort  in  der Neuen Republik zu bringen.«  »Einige  unserer  Besatzungsmitglieder  sind  noch  da  drau‐ ßen«,  stellte  der  Berater  fest.  »Durch  den  Aufmarsch  vom  Schiff getrennt. Bieten Sie denen auch an, sie mitzunehmen?«  »Ich  dachte  in  der  Hauptsache  an  Sie  und  Senator  Miata‐ mia«, antwortete  Lando und sah ihn  an. »Mein Schiff verfügt  außerdem nur über beschränkten Lebensraum.«  Er  ließ  den  Blick  zu  Miatamia  zurückwandern.  »Aber  die  Menge scheint mir sowieso nicht an Ihrer Crew interessiert zu  sein – sie hat es lediglich auf den Senator abgesehen. Wenn Sie  nicht  mehr  hier  sind,  um  ihre  Aufmerksamkeit  zu  erregen,  haben sie kaum noch einen Grund, sich noch länger hier auf‐ zuhalten.«  »Sie  reden  vernünftig«,  sagte  Miatamia.  »Reden  wir  jetzt  vom Preis.«  »Kein  Preis,  Senator«,  versicherte  Lando  und  winkte  einla‐ dend in Richtung seiner Andockbucht. »Es wäre mir eine Ehre,  eine solchermaßen hochrangige Person an Bord meines Raum‐ schiffs zu haben.«  Der  andere  bewegte  sich  nicht.  »Reden  Sie  bitte  vom  Preis.  Es gibt immer einen Preis.«  Soviel zu seiner Absicht, an Bord der Glücksdame unauffällig  auf  dieses  Thema  zu  sprechen  zu  kommen.  »Es  gibt  keinen  Preis«,  wiederholte  Lando.  »Allerdings  hat  meine  Unterwas‐ sermine Probleme mit Piratenüberfällen. Ich dachte, ich könn‐ te eventuell ein Abkommen mit dem Militär der Diamala tref‐ fen, meine Transporte mit zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen  auszustatten.« 

»Die  vordringlichste  Aufgabe  des  Militärs  der  Diamala  be‐ steht darin, die Interessen der Diamala zu schützen«, erwider‐ te Miatamia. »Aber da gibt es Spielraum für Gespräche.«  »Vielen  Dank,  Senator«,  sagte  Lando.  »Ein  ehrliches  Ge‐ spräch ist alles, worum ich bitte. Gehen wir?«  Der kurze Weg über die Straße bis zum Hangartor gestaltete  sich  nur  wenig  schlimmer,  als  Lando  erwartet  hatte.  Die  bei‐ den Diamala weigerten sich, die Beine in die Hand zu nehmen  oder  sich  auch  nur  ein  wenig  zu  beeilen  –  anscheinend  war  dies eine Frage der Würde –, und sie hatten gerade mal gut die  Hälfte des Weges bis zum Tor zurückgelegt, als die Menge, die  zwei  Hangars  weiter  wartete,  sie  entdeckte.  Da  Lando  zum  Glück keine Gewissensnöte hinsichtlich einer kleinen wohlbe‐ dachten  Hast  hegte,  hatte  er  die  andere  Seite  bereits  erreicht  und gab den entsprechenden Kode ein, um das Tor zu öffnen,  als  der  Mob  mit  leichter  Verspätung  in  ihre  Richtung  wogte.  Die  Diamala  schafften  es  rechtzeitig  ins  Innere  der  Andock‐ bucht,  und  ihnen  blieben  als  Reiseandenken  nur  ein  paar  un‐ bedeutende Obstflecken von ungenau gezielten Würfen.  »Das  sind  Barbaren«,  stellte  der  Berater  mit  eisiger  Stimme  fest,  während  Lando  hinter  ihnen  das  Tor  verriegelte.  »Kein  Lebewesen sollte das Recht haben, einem anderen eine derar‐ tige Schmach zuzufügen.«  »Friede«,  sagte  Miatamia  in  demselben  Tonfall,  während  er  mit  den  Fingerspitzen  ein  paar  Tropfen  Obstsaft  von  seinem  Ärmel  schnippte.  »Nur  wenige  andere  Wesen  besitzen  die  gleiche Weisheit und die Gabe, sich stets angemessen auszud‐ rücken, die charakteristisch ist für die Diamala. Anstatt sie als  Barbaren zu betrachten, die es zu scheuen gilt, oder als Übeltä‐

ter,  die  bestraft  werden  müssen,  sollte  man  Kinder  in  ihnen  sehen,  die  lediglich  der  Unterweisung  in  zivilisiertem  Beneh‐ men bedürfen.«  Er blickte Lando an. »Stimmen Sie nicht mit mir überein?«  »Ich denke, daß jede Diskussion darüber verschoben werden  sollte,  Senator«,  meinte  Lando,  der  keine  Lust  hatte,  sich  in  diese  Art  von Streitgespräch hineinziehen zu lassen.  »Zumin‐ dest bis wir Cilpar sicher verlassen haben.«  »Sie sprechen weise«, erwiderte Miatamia, dessen Ohren er‐ neut zuckten. »Bitte, gehen Sie vor!«    Tierce blickte von dem Bildschirm auf… und seine Miene ge‐ nügte,  um  Disra  zu  verraten,  daß  er  fündig  geworden  war.  »Haben Sie ein Ziel?« fragte er.  »Und ob ich eines habe«, antwortete Tierce. »Senator Porolo  Miatamia, der Repräsentant der Diamala im Senat der Neuen  Republik.« Er drehte den Schirm herum, damit der andere se‐ hen konnte. »Und Sie werden nie darauf kommen, bei wem er  zugestiegen ist.«  Disra überflog den Bericht und spürte, wie auch seine Augen  ein  wenig  größer  wurden.  »Sie  machen  wohl  Witze.  Lando  Calrissian?«  »Kein Witz«, versicherte Tierce ihm. »Und auch kein Irrtum.  Der  Berichterstatter  hat  das  mit  den  Startprotokollen  des  Raumhafens  von  Mos  Tommro  abgeglichen.  Calrissian,  der  Senator und der Berater des Senators sind alle zusammen mit  Calrissians Raumyacht gestartet.«  »Tatsächlich«,  murmelte  Disra.  Kein  Wunder,  daß  Tierce  so 

selbstzufrieden aussah. Die Diamala waren sogar noch stimm‐ gewaltigere Advokaten der Politik des Vergebens und Verges‐ sens als die Mon Calamari oder die Duros und damit die idea‐ le Besetzung für das kleine Drama, das Tierce im Sinn hatte.  Und  auch noch  einen  Freund  von  Han  Solo  im  Spiel  zu  ha‐ ben,  machte  die  Sache  geradezu  perfekt.  »Wohin  wollen  sie?  Ah, hier haben wir es ja… Coruscant.«  »Ja.«  Tierce  hatte  eine  Sternkarte  aufgerufen  und  legte  nun  die  Linien  möglicher  Reiserouten  darüber.  »Wenn  wir  davon  ausgehen,  daß  Calrissian ohne Umweg nach Coruscant fliegt,  sollte es uns keine Schwierigkeiten bereiten, sie an jeder belie‐ bigen Stelle entlang der Route abzufangen. Die Frage ist bloß,  ob  Flim  und  ich  bei  der  Relentless  eintreffen  können,  ehe  sie  sich die Yacht schnappen.«  »Es würde nicht gut aussehen, wenn sie erst warten müßten,  bis Sie auftauchen«, warnte Disra. »Es soll schließlich wie einer  von  Thrawns  gelegentlichen  Anfällen  von  Allwissenheit  aus‐ sehen.«  »Belehren Sie mich freundlicherweise nicht über die Feinhei‐ ten meiner eigenen Pläne«, gab Tierce kalt zurück, während er  die  Bewegungslinien  auf  der  Sternkarte  veränderte.  »Es  wird  ein bißchen eng, aber ich denke, wir können es schaffen.«  »Ja«, sagte Disra, als er die Zahlen selbst durchging. »Ich bin  trotzdem  nicht  besonders  begeistert  von  diesem  Plan,  Tierce.  Wir  haben  keine  Ahnung,  wie  die  Neue  Republik  reagieren  wird.«  »Aber  sicher  haben  wir  die«,  entgegnete  Tierce  geduldig.  »Ich habe Ihnen das doch bereits alles auseinandergesetzt.«  »Sie haben mir Ihre Vermutungen mitgeteilt«, korrigierte Dis‐

ra. »Um mehr handelt es sich nicht. Vermutungen.«  »Wenn  Sie  nicht  bereit  sind,  Risiken  einzugehen,  hätten  Sie  dieses Projekt gar nicht erst anfangen sollen«, versetzte Tierce,  dessen  Stimme  ein  paar  Grad  frostiger  wurde.  »Es  ist  noch  nicht zu spät für Sie auszusteigen, fall Sie die Nerven verloren  haben.«  Disra starrte ihn an. »Das ist keine Frage meiner Nerven, Ma‐ jor«, knurrte er. »Es geht vielmehr darum, bei der Verfolgung  unseres Ziels unnötige Risiken zu vermeiden.«  Tierce starrte unverwandt zurück. »Dies ist ein notwendiges  Risiko, Euer Exzellenz«, sagte er. »Vertrauen Sie mir. Nun, wir  brauchen  dazu  auch  noch  einen  Abfangkreuzer.«  Er  zog  die  Augenbrauen ein wenig in die Höhe. »Und die Zeit wird lang‐ sam ein bißchen knapp.«  Disra schluckte den Rest seiner Einwände mühsam herunter.  Tierce war ihm gegenüber erst nach seiner Rückkehr von Yaga  Minor mit diesem neuen Vorhaben herausgerückt, und er war  sich  immer  noch  nicht  sicher,  wie  der  Gardist  ihn  dazu  hatte  überreden  können.  Aber  wenn  sie  nun  so  vorgingen,  sollten  sie  es,  verdammt  noch  mal,  besser  richtig  machen.  »Schön«,  brummte er. »Stehen Sie von meinem Platz auf, und ich werde  die entsprechenden Befehle erteilen.« 

16. Kapitel    »Nun,  General«,  sagte  Admiral  Pellaeon  und  lehnte  sich  zu‐ rück,  nachdem  er  von  dem  anderen  ein  kleines  Glas  Kareas‐ Brandy  entgegengenommen  hatte,  »wie  stehen  die  Dinge  auf  Yaga Minor?«  »So  wie  immer,  Admiral«,  erwiderte  General  Hestiv  und  wies mit einem Wink auf den fernen Planeten, der in der Mitte  des Aussichtsfensters seines Büros stand,  während  er  ein we‐ nig Brandy in sein eigenes Glas goß und wieder hinter seinem  mit Datenkarten übersäten Schreibtisch Platz nahm. »Sehr be‐ schaulich.«  »Ich habe erfahren, daß es in jüngster Zeit ein wenig Unruhe  unter gewissen Segmenten der Bevölkerung von Yaga gegeben  hat«, sagte Pellaeon.  »Vollkommen unbedeutend«, gab Hestiv zurück und machte  eine  wegwerfende  Handbewegung.  »Da  die  überwältigende  Mehrheit  der  Planetenbewohner  absolut  loyal  ist,  nehmen  sie  sich  der  Handvoll  Dissidenten  selbst  an.  Wir  müssen  norma‐ lerweise nur dann drohend den Finger erheben, wenn wir Dis‐ sidenten vor übereifrigen Getreuen schützen müssen.«  »Was Ihnen erlaubt, Ihre Hände in Unschuld zu waschen.«  »Genau«, nickte Hestiv. »Das sorgt immerhin für einen erfri‐ schenden  Kontrast  zu  dem  Bild,  das  die  meisten  Nichtmen‐ schen von uns haben.«  »Ja«, murmelte Pellaeon und nippte an seinem Drink. »Eine  Schande, daß sich der Imperator vor zwanzig Jahren nicht in‐

tensiver mit dieser Art von Öffentlichkeitsarbeit befaßt hat.«  »Eine  Schande,  daß  nicht  jemand,  der  nicht  so  krankhaft  machtbesessen  war,  ihn  zu  Fall  gebracht  hat,  als  es  noch  Zeit  war«,  gab  Hestiv  mit  einem  Anflug  von  Bitterkeit  in  der  Stimme  zurück.  »Es  muß  Hunderte  kompetenter  Verwal‐ tungsbeamte oder Flottenoffiziere gegeben haben, die das Im‐ perium hätten am Leben erhalten können.«  Pellaeon spürte, wie ihm etwas die Kehle zuschnüren wollte.  »Es gab zumindest einen«, sagte er leise.  Hestivs Mundwinkel zuckten. »Ja, Großadmiral Thrawn. Ich  habe die Tatsache stets bedauert, daß ich niemals Gelegenheit  gefunden habe, ihn kennenzulernen.«  Einen  Moment  lang  saßen  die  beiden  Männer  schweigend  da.  Dann  räusperte  sich  Hestiv.  »Aber  vermutlich  bringt  es  uns nicht weiter, wenn wir aufzählen, was hätte sein können«,  sagte er. »Das ist Vergangenheit, aber wir leben in der Gegen‐ wart,  und  ich  nehme  an,  Admiral,  Sie  sind  hier,  um  über  die  Zukunft zu sprechen.«  Pellaeon  nahm  einen  weiteren  Schluck  von  seinem  Drink.  »Ja«,  antwortete  er  und  betrachtete  sein  Gegenüber  genau.  »Um  ganz  offen  zu  sein,  der  Krieg  gegen  die  Neue  Republik  ist  vorbei,  und  wir  haben  ihn  verloren.  Nach  meiner  profes‐ sionellen  militärischen  Meinung  ist  es  an  der  Zeit,  über  den  Frieden zu verhandeln.«  Die Muskeln um Hestivs Augen zogen sich zusammen. »Sie  meinen Kapitulation?«  »Ich  werde  Bedingungen  aushandeln«,  erwiderte  Pellaeon.  »Wenn ich gute Arbeit leiste, sollte es uns, denke ich, gelingen,  den größten Teil dessen, was wir haben, auch zu behalten.« 

Hestiv schnaubte. »Was nicht eben viel ist.«  »Wir kontrollieren immer noch über tausend bewohnte Sys‐ teme«, erinnerte Pellaeon ihn nachsichtig. »Würden Sie es vor‐ ziehen,  daß  wir  der  Neuen  Republik  gestatten,  diese  Anzahl  weiter  zu  reduzieren,  ehe  wir  uns  in  das  Unvermeidliche  fü‐ gen?«  »Die  Neue  Republik  ist  momentan  gar  nicht  in  der  Verfas‐ sung, allzuviel zu reduzieren«, meinte Hestiv. »Für mich sieht  es eher so aus, als stünden sie kurz davor, sich gegenseitig an  die Kehle zu fahren – und nicht uns.«  »Sicher,  sie  haben  Probleme«,  erwiderte  Pellaeon.  »Aber  wenn  Sie  erwarten,  daß  die  Republik  zusammenbricht  und  sich  wegen  Caamas  oder  sonst  was  in  einen  ausgewachsenen  Bürgerkrieg  stürzt,  dann  sind  Sie,  meiner  Auffassung  nach,  unrealistisch.«  »Ich  bitte  den  Admiral  um  Verzeihung,  aber  ich  widerspre‐ che respektvoll«, sagte Hestiv. »Vor allem, wenn wir selbst mit  Bedacht ein wenig nachhelfen.«  Pellaeon  unterdrückte  ein  Seufzen.  Noch  ein  Einwand,  den  er während seiner Rundreise immer und immer wieder gehört  hatte. »Also möchten Sie, daß wir sie in der Vernichtung ihrer  selbst  bestärken«,  entgegnete  er.  »Sie  wollen,  falls  nötig,  Ihre  Schiffswerften räumen und alles an Personal und Material von  Ihrer  Allgegenwärtigkeitsbasis  abziehen  und  dieses  System  jeder Verteidigung entblößen.«  »Wenn  es  erforderlich  ist,  so  weit  zu  gehen,  ja«,  erwiderte  Hestiv.  »Das  hier  ist  ein  militärischer  Stützpunkt,  Admiral,  dessen  Material  dazu  da  ist,  auf  diese  Weise  genutzt  zu  wer‐ den.« 

»Zugegeben«,  sagte  Pellaeon  mit  einem  Nicken.  »Und  was,  nehmen Sie an, wird wohl geschehen, wenn sie herausfinden,  daß wir sie reizen?«  »Es gibt keinen Grund, weshalb sie es herausfinden sollten«,  widersprach Hestiv. »Wir müssen ja nicht unsere Sternzerstö‐ rer  und  TIE‐Jäger  einsetzen  –  oder  irgend  etwas  anderes,  das  offensichtlich zum Imperium gehört.«  »Nein.«  Pellaeon schüttelte den Kopf.  »Wir können eine de‐ rartige Scharade eine ganze Weile durchhalten, aber am Ende  werden  sie  dahinterkommen.  Und  dann  schließen  sie  sich  abermals zusammen, zumindest so lange, bis sie uns vernich‐ tet haben.«  Hestiv blickte aus dem Fenster auf die blau‐grüne Kugel im  Hintergrund.  »Auf  diese  Weise  gehen  wir  wenigstens  kämp‐ fend unter«, sagte er mit unüberhörbarer Mühe. »Ihr Weg in‐ des… Es liegt nichts Ehrenvolles in einer Kapitulation, Admi‐ ral.«  »Es liegt auch keine Ehre darin, für nichts und wieder nichts  Leben zu opfern«, konterte Pellaeon.  Hestiv  lächelte  mokant.  »Ich  weiß.  Aber  wenn  man  tot  ist,  muß man wenigstens nicht mehr mit dieser Schande leben.«  »Es gibt wohl manche in der Flotte, die das als die noble Hal‐ tung  eines  Kriegsmanns  bezeichnen  würden«,  gab  Pellaeon  zurück. »Ich persönlich würde es als dumm bezeichnen. Wenn  wir  vernichtet  werden  –  wenn  wir  alle  sterben  –,  sterben  die  Vorstellungen  und  Ideale  der  Neuen  Ordnung  mit  uns.  Aber  wenn wir kapitulieren, können wir diese Ideale am Leben er‐ halten. Und wenn und falls die Neue Republik sich selbst zer‐ stört,  sind  wir  in  der  Position,  erneut  aufzusteigen.  Vielleicht 

wird die Galaxis dann endlich bereit für uns sein.«  Hestiv verzog das Gesicht. »Vielleicht.«  »Es ist nichts Schändliches daran, sich aus einer aussichtslo‐ sen  Lage  zurückzuziehen,  General«,  fuhr  Pellaeon  leise  fort.  »Ich  habe  dies  Großadmiral  Thrawn  mehr  als  einmal  tun  se‐ hen,  offen  und  ohne  jede  Scham,  anstatt  seine  Männer  und  Schiffe aufzureiben. Das ist nicht mehr, aber auch nicht weni‐ ger, als was ich vorschlage.«  Hestiv  schwenkte  rastlos  seinen  Drink  im  Glas.  »Ich  nehme  an, Sie haben sich darüber bereits mit den Muftis beraten.«  »Das  habe  ich«,  antwortete  Pellaeon.  »Und  am  Ende  haben  alle zugestimmt.«  »Widerwillig, nehme ich an.«  »Keiner  von  uns  ist  besonders  begeistert«,  sagte  Pellaeon.  »Wir anerkennen lediglich, daß es sein muß.«  Hestiv atmete tief ein und stieß die Luft aus. »Sie haben ver‐ mutlich recht. Ich wünschte allerdings, dem wäre nicht so.« Er  hob sein Glas und leerte es in einem Zug. »Nun gut, Admiral.  Sie  haben  meine  volle  Unterstützung,  was,  denke  ich,  der  wahre  Grund  für  Ihre  Reise  nach  Yaga  Minor  war.  Gibt  es  noch etwas, das ich für Sie tun kann?«  »Das gibt es in der Tat«, erwiderte Pellaeon, zog eine Daten‐ karte hervor und reichte sie über den Schreibtisch. »Zunächst  einmal  bitte  ich  Sie,  diese  Namensliste  durch  den  Computer  der Allgegenwärtigkeitsbasis laufen zu lassen.«  »Natürlich«,  nickte  Hestiv,  schob  die  Datenkarte  in  den  Schacht  und  aktivierte  das  Terminal.  »Suchen  Sie  etwas  Be‐ stimmtes?« 

»Nach  unveränderten  Informationen«,  erklärte  Pellaeon.  »Dies sind Personen, die ich dunkler geschäftlicher Beziehun‐ gen  zu  Mufti  Disra  verdächtige,  aber  es  ist  uns  bisher  nicht  gelungen, die Verbindungen zurückzuverfolgen.«  »Und  Disra  gewährt  Ihnen  keinen  Einblick  in  die  Aufzeich‐ nungen von Bastion?« vermutete Hestiv mit einem ironischen  Lächeln.  »Ich bin sicher, das hätte er«, entgegnete Pellaeon. »Ich glau‐ be  bloß  nicht,  daß  es  mir  ohne  weiteres  gelingen  würde,  den  Angaben in diesen Aufzeichnungen zu trauen.«  »Nun,  diesen  hier  können  Sie  vertrauen«,  versicherte  Hestiv  und  bediente  seine  Konsole.  »Niemand  dringt  ohne  gültige  und  zweifach  bestätigter  Autorisierung  in  meine  Daten  ein.  Dieser Major von der Obliterator – Tierce – hat das schnell he‐ rausgefunden, als er versuchte…«  »Major  Tierce?«  fiel  Pellaeon  ihm  ins  Wort.  »Major  Grodin  Tierce?«  »Ja, genau der«, erwiderte Hestiv stirnrunzelnd. »Er war im  Namen von Captain Trazzen hier, nur daß wir keinen Kontakt  mit  der  Obliterator  aufnehmen  konnten,  um  die  Bestätigung  seiner  Autorisierung  einzuholen.  Deshalb  konnten  wir  ihm  keinen Zugang zum System gewähren. Wieso – stimmt etwas  nicht?«  »So  ist  es«,  preßte  Pellaeon  zwischen  zusammengebissenen  Zähnen  hervor.  »Major Tierce ist  nicht  auf der  Obliterator  sta‐ tioniert. Er ist der Adjutant von Mufti Disra.«  Hestivs Miene wurde zu Stein. »Tatsächlich?«  Pellaeon deutete  auf das Terminal. »Gibt  es  einen Weg fest‐ zustellen,  in  welche  Dateien  er  sich  eingeschlichen  haben 

könnte?«  »Ich  habe  Ihnen  doch  gerade  gesagt,  daß  er  gar  keinen  Zu‐ griff hatte.«  »Oh, er hatte ganz sicher Zugriff«, widersprach Pellaeon düs‐ ter. »Über irgendein Terminal, an dem ihm niemand über die  Schulter  geschaut  hat,  oder  er  hatte  selbst  eines  mitgebracht  und  mit  einer  Schnittstelle  gekoppelt.  Aber  er  ist  ganz  be‐ stimmt  nicht  ohne  das,  was  ihn  hierhergeführt  hatte,  wieder  von hier verschwunden.«  Hestiv  machte  sich  wieder  an  seiner  Konsole  zu  schaffen.  »Sie  haben  natürlich  recht.  Ich  ordne  eine  Überprüfung  an,  und  während  wir  dabei sind, können wir  auch seine ID noch  einmal durchlaufen lassen.«  Die Überprüfung dauerte knapp eine Stunde, und schließlich  fanden sie, was Pellaeon insgeheim befürchtet hatte…  Nämlich nichts.  »Das ergibt überhaupt keinen Sinn«, grollte Hestiv und starr‐ te  das  Display  an.  »Wir  wissen,  daß  er  hier  war,  und  das,  so  steht zu vermuten, nicht allein seiner Gesundheit wegen. Aber  es  gibt  nicht  den  geringsten  Hinweis  auf  einen  Zugriff  oder  irgendwelche Manipulationen. Also was, zur Hölle, hat er hier  gemacht?«  »Haben Sie alle Aufzeichnungen überprüft?« fragte Pellaeon,  schwang den Bildschirm herum und überflog die Auflistung.  »Selbstverständlich«,  erwiderte  Hestiv  leicht  vergrätzt.  »Al‐ les von den Basisdateien für die Wartung bis hin zu…«  »Nein«, warf Pellaeon ein und starrte auf das Display, als ihn  plötzlich ein eisiger Gedanke durchfuhr. »Sie haben nicht alles 

überprüft. Das konnten Sie gar nicht.«  »Ich bitte den Admiral um Verzeihung…«  »Weil es Aufzeichnungen gibt, auf  die  Sie selbst  keinen  Zu‐ griff  haben«,  schnitt  Pellaeon  ihm  das  Wort  ab  und  rollte  die  Liste weiter. »Insbesondere die Sektion Sonderberichte.«  Hestiv  wölbte  die  Augenbrauen.  »Das  kann  nicht  Ihr  Ernst  sein«,  sagte  er.  »Wollen  Sie  damit  sagen,  ein  kleiner  Major  könnte  sich  Zugang  zu  den  vom  Imperator  eigenhändig  ver‐ siegelten Dateien verschaffen?«  »Ich  gebe  zu,  das  klingt  unglaublich«,  entgegnete  Pellaeon.  »Aber uns gehen die Optionen aus.«  »Aber ein Major?«  »Er  ist  immerhin  der  Adjutant  eines  aalglatten  Mufti«,  rief  Pellaeon  ihm  ins  Gedächtnis.  »Ich  würde  es  Disra  schon  zu‐ trauen,  einen  Zugang  zu  den  Sonderberichten  gefunden  zu  haben. Und wenn man zudem seinen Ehrgeiz sowie den Man‐ gel an irgendeiner erkennbaren Moral bedenkt, würde es mich  wahrscheinlich mehr überraschen, wenn ihm dies nicht gelun‐ gen wäre.«  »Ich  glaube  es  immer  noch  nicht«,  sagte  Hestiv  bedrückt.  »Aber wie Sie schon sagten, gehen uns die Optionen aus.« Er  zog  eine  Augenbraue  in  die  Höhe.  »Ich  nehme  nicht  an,  daß  Sie  uns  Zugang  zu  diesen  Berichten  verschaffen  können,  um  der Sache auf den Grund zu gehen?«  Pellaeon  schüttelte  den  Kopf.  »Die  Kodes  und  Verfahren  sind,  bereits  lange  bevor  ich  in  die  Position  gelangte,  um  in  ihren Gebrauch eingeweiht zu werden, verloren gegangen.«  »Bedauerlich«,  meinte  Hestiv.  »Wenn  wir  nicht  hineinkom‐

men,  wird  es  uns  auch  nicht  gelingen,  uns  ein  Bild  davon  zu  machen, was er darin gemacht hat.«  »Das  ist  die  große  Frage,  nicht  wahr?«  stimmte  Pellaeon  zu  und rieb sich in Gedanken das Kinn. »Er kann unmöglich bloß  nach  etwas  gesucht  haben  –  die  Aufzeichnungen  von  Bastion  sind  schließlich  Duplikate  der  hiesigen  Dateien.  Was  impli‐ ziert, daß er etwas hinzufügen, löschen oder ändern wollte.«  Hestiv murmelte etwas vor sich hin. »Was wiederum impli‐ ziert, daß die Namen, nach denen Sie forschen, mehr mit dem  Imperium zu schaffen haben, als Sie bisher geglaubt haben.«  »Vielleicht«, pflichtete Pellaeon schlicht bei, als ihm ein wei‐ terer  unerfreulicher  Gedanke  durch  den  Kopf  schoß.  »Es  gibt  noch eine andere Möglichkeit. Wenn ich Einzelheiten über den  Angriff in Erfahrung bringen wollte, bei dem Caamas zerstört  wurde, wo müßte ich nachsehen?«  Hestiv  hob  andeutungsweise  die  Schulter.  »Es  existieren  vermutlich Kopien aller Reportagen in den Medien sowie der  offiziellen  Berichte  in  den  regulären  Dateien  –  sowohl  aus  je‐ ner Zeit selbst als auch aus der späteren.«  »Und falls Palpatine persönlich darin verwickelt war, wie die  Gerüchte behaupten?«  Hestiv stieß hörbar Luft aus. »Alles dieser Art würde in den  Sonderberichten aufbewahrt werden, nicht wahr? Sie meinen,  das war es, worauf Tierce es in Wirklichkeit abgesehen hatte?«  »Oder  darauf  und  auf  die  Liste  von  Disras  Verbündeten«,  erwiderte  Pellaeon.  »Warum  sollte  er  nicht  beides  angehen,  wenn er ohnehin Zugriff auf die Berichte hatte?«  »Ja,  warum  nicht?«  nickte  Hestiv  und  trommelte  nachdenk‐ lich  mit  den  Fingerspitzen  auf  dem  Schreibtisch.  »Aber  was 

könnte Disra mit den Caamas‐Berichten wollen?«  »Was immer es ist, ich bezweifle stark, daß es dabei im Kern  um irgend etwas anderes als um Disras persönliche Bereiche‐ rung geht«, bemerkte Pellaeon säuerlich. »Und schon aus die‐ sem Grund möchte ich wissen, was es ist. Ich denke, wir beide,  General,  sollten  uns  im  stillen  auf  die  Suche  nach  jemandem  begeben,  der  sich  für  uns  Zugriff  auf  diese  Berichte  verschaf‐ fen kann.«  »Ich  werde  unverzüglich  mit  entsprechenden  Nachfor‐ schungen  beginnen«,  versprach  Hestiv.  »Wo  kann  ich  Sie  er‐ reichen, wenn ich Erfolg habe?«  »Ich  werde  eine  Zeitlang  nicht  erreichbar  sein«,  antwortete  Pellaeon  und  stand  auf.  »Ich  nehme  Kontakt  mit  Ihnen  auf,  sobald ich zurück bin. Und danke für Ihre Hilfe.«  »Jederzeit,  Admiral«,  sagte  Hestiv.  »Und  viel  Glück  bei…  wobei auch immer.«  Pellaeon wußte, daß es höchste Zeit war, als er den Korridor  vor Hestivs Büro durchquerte und die Andockbucht anstrebte,  in  der  seine  Raumfähre  festgemacht  hatte.  Die  Werften  von  Yaga Minor waren der letzte Halt auf seiner Rundreise zu den  spärlichen Verteidigungseinrichtungen des Imperiums, und er  hatte so viel Unterstützung von den Führungsoffizieren erhal‐ ten, wie er bekommen konnte.  Es war an der Zeit für seine einsame Reise nach Pesitiin.  Er verzog das Gesicht. Unterdessen waren drei Wochen ver‐ gangen.  Drei  Wochen,  seit  Major  Vermel  auf  Morishim  hätte  eintreffen müssen, um dort nach Möglichkeit Verbindung mit  General Bel Iblis aufzunehmen. Drei Wochen, seit er und seine  corellianische  Korvette  ohne  die  geringste  Spur  vom  Himmel 

verschwunden waren.  Der  immer  unausweichlicher  werdende  Schluß  daraus  war,  daß  er  irgendwo  auf  seinem  Weg  abgefangen  worden  war  –  entweder  zufällig  von  Piraten  oder  von  übereifrigen  Kräften  der Neuen Republik oder abtrünnigen Imperialen.  Vermel  war  ein  guter  Offizier,  sogar  ein  Freund,  und  Pel‐ laeon  würde  seinen  Verlust  betrauern  und  seine  Dienste  mis‐ sen,  doch  im  Moment  lautete  die  alles  entscheidende  Frage:  War es ihm, bevor er abgefangen worden war, noch gelungen,  seine Botschaft abzuliefern?  Pellaeon  konnte  diese  Frage  unmöglich  beantworten.  Er  würde  sich  einfach  bei  Pesitiin  zeigen  und  abwarten  müssen,  ob Bel Iblis das gleiche tat.  Und  wenn  der  andere  ausblieb…  nun,  er  würde  sich  damit  auseinandersetzen, wenn es soweit war. 

17. Kapitel    Der offizielle Name lautete Große Randpromenade, und selbst  für  eine  Welt,  die  sich  ihrer  technischen  Errungenschaften  so  sehr rühmte wie Cejansij, war diese Promenade eine wahrhaft  bemerkenswerte  Leistung.  An  der  Stelle  ihrer  größten  Aus‐ dehnung  dreißig  Meter  breit,  nahm  sie  etwa  zwei  Drittel  der  Höhe  der  gesamten  Ostseite  des  Canons  vom  Fuß  bis  zum  Rand  ein  und  erstreckte  sich  über  die  gesamte  Länge  –  über  zehn Kilometer – der Schlucht; kleine Verkaufs‐ und Automa‐ tenbuden waren entlang der Felswand errichtet; die kommer‐ ziellen  Bereiche  waren  von  Gesprächsstätten,  winzigen  abge‐ zirkelten  Meditationsgärten  oder  Skulpturengruppen  unterb‐ rochen.  An  anderen  Stellen  war  die  Felswand  in  natürlichem  Zustand belassen worden, um die Betrachtung der interessan‐ ten  natürlichen  Flora  oder  der  kleinen  Wasserfälle  zu  gestat‐ ten, die sanft zum Fuß des Canons hinabplätscherten.  Der  weitaus  interessantere  Anblick  bot  sich  dem  Betrachter  indes  auf  der  anderen  Seite  der  Promenade.  Jenseits  der  kunstvoll  gearbeiteten  Brustwehr  aus  Metallgeflecht  öffnete  sich der Blick in den Canon selbst und damit auf die Stadt, die  in  der  Sohle  und  an  den  Seiten  erbaut  worden  war.  In  regel‐ mäßigen  Intervallen  führten  Aussparungen  in  der  Brustwehr  auf die sogenannten Himmelsbögen, die sich anmutig über die  Schlucht  zu  den  selteneren  und  mehr  dem  Zweckmäßigen  dienenden  Gehwegen  auf  der  anderen  Seite  schwangen.  Die  Brücken  waren  in  diamantförmigen  Gruppen  zu  je  neun  Bö‐ gen  angeordnet:  Drei  verbanden  sich  mit  der  Promenade,  je 

zwei mit den Gehwegen darüber und darunter und je eine mit  den Wegen über und unter diesen.  Eine  eindrucksvolle  Leistung,  um  so  mehr,  da  die  gesamte  dreihundert  Jahre  alte  Konstruktion  ohne  jede  Unterstützung  durch  Repulsoren  an  Ort  und  Stelle  gehalten  wurde.  Luke  schlenderte über die Promenade, ließ den Blick durch die zu‐ nehmende  Dunkelheit  über  die  zahlreichen  Lichter  auf  der  anderen Seite der Schlucht und an deren Boden wandern und  fragte  sich,  ob  irgend  jemand  in  der  modernen  Zeit  über  den  Mut  und  das  Selbstvertrauen  verfügte,  etwas  von  diesen  Ausmaßen in Angriff zu nehmen.  R2‐D2, der neben ihm herrollte, trillerte unbehaglich. »Keine  Sorge, R2, ich werde schon nicht zu nah an den Rand treten«,  beruhigte  Luke  den  kleinen  Droiden  und  lockerte  die  Schul‐ tern unter dem Kapuzenmantel. »Es ist auch gar nicht gefähr‐ lich  –  in  der  Broschüre  stand,  daß  es  für  den  Notfall  Traktor‐ strahlen gibt, die jeden auffangen, der abstürzt.«  R2 nahm das mit einem nicht ganz überzeugten Zwitschern  zur  Kenntnis,  dann  drehte  er  den  Kuppelkopf,  um  sich  ver‐ stohlen umzublicken, und piepte eine Frage.  »Ja«, teilte Luke ihm schlicht mit. »Er folgt uns noch immer.«  Er  hatte  die  Verfolgung  bereits  aufgenommen,  kurz  nach‐ dem  sie  auf  der  Promenade  angekommen  waren:  ein  großer,  massiger Nichtmensch, der sich mit unerwarteter Gewandtheit  in  den  Strom  der  übrigen  Fußgänger  einfädelte  und  wieder  daraus löste. Luke war sich nicht ganz sicher, wann er und R2  entdeckt und erkannt worden waren; womöglich während der  Fahrt  mit  dem  Turbolift  vom  Raumhafen  nach  unten,  oder  vielleicht auch erst, nachdem sie die Promenade betreten hat‐

ten.  Im Grunde war es ebenso  denkbar,  daß sie  überhaupt nicht  erkannt  worden  waren.  Ihr  Schatten  konnte  auch  bloß  ein  ortsansässiger  Dieb  sein,  der  darauf  hoffte,  einem  hilflosen  Fremdling seinen Astromechdroiden zu stehlen.  Wenn dem so war, so würde er eine echte Überraschung er‐ leben.  R2 zwitscherte erneut. »Geduld«, beschied Luke ihm und sah  sich um. Sie waren nun an das Ende einer der an der Felswand  klebenden  Geschäftszonen  gelangt  und  betraten  eine  breite  Lücke,  in  der  es  lediglich  einen  Wasserfall  und  zwei  zur  Zeit  unbesetzte Gesprächsstätten gab. Hier war es so still, friedlich  und  privat,  wie  Luke  es  hier  oben  noch  nicht  gesehen  hatte.  Der ideale Ort für eine kleine Unterhaltung aus dem Stegreif.  Oder für einen Hinterhalt.  »Laß  uns  einen  Moment  hier  rasten«,  wandte  er  sich  an  R2  und  trat  an  den  äußeren  Rand  der  Promenade.  Sie  befanden  sich  nun  ziemlich  genau  in  der  Mitte  der  ruhigen  Fläche;  der  Wasserfall  hinter  ihnen  plätscherte  sanft.  Luke  suchte  sich  ei‐ nen  Abschnitt  der  Brustwehr  aus  und  blieb  stehen.  Er  stützte  die  Ellbogen  auf  das  Geländer  und  griff  in die  Macht  hinaus.  In den Emotionen ihres Verfolgers kam es in diesem Moment  zu  einer  kaum  merklichen  Veränderung:  eine  Veränderung,  die  Luke  annehmen  ließ,  daß  der  andere  zu  einem  Entschluß  gelangt war. »Er kommt«, flüsterte er R2 zu. »Ich glaube, er ist  allein.  Aber  es  könnte  trotzdem  Ärger  geben.  Du  hältst  also  besser Abstand, alles klar?«  Der  Droide  bestätigte  dies  mit  einem  nervösen  Zwitschern  und  rollte  darauf  einen  Meter  zurück.  Luke  änderte  die  Lage 

der  Ellbogen  auf  der  Brustwehr  und  starrte  in  den  Canon  hi‐ nab; ein sanfter Schauder rieselte ihm über den Rücken, als er  auf die leisen Schritte lauschte, die sich ihm von der Seite nä‐ herten. Soweit er das feststellen konnte, war dies dieselbe Stel‐ le, an der er sich während seiner Vision gesehen hatte…  Die  Schritte  verharrten.  »Verzeihung«,  sagte  eine  sanfte  Stimme, »aber sind Sie der Jedi‐Meister Luke Skywalker?«  Luke  drehte  sich  um  und  sah  das  Wesen,  das  ihnen  gefolgt  war, zum ersten Mal in aller Deutlichkeit vor sich. Er gehörte  einer ihm unbekannten Spezies an: groß, breit, dunkle Schup‐ pen,  die  unter  einem  mit  Pelz  verbrämten  Mantel  kaum  zu  erkennen waren. Er hatte einen großen Kopf, lebhafte schwar‐ ze  Augen  und  kurze  Stacheln  dort,  wo  bei  einem  Menschen  der  Mund  gesessen  hätte.  »Ich  bin  Skywalker,  ja«,  gab  Luke  zu. »Und Sie?«  »Ich  heiße  Moshene  Tre«,  antwortete  der  Nichtmensch.  »Un’Yala  des  Cas’ta‐Stamms  des  Volks  der  Rellarin  von  Rell‐ nas Minor.«  Er griff mit einer Hand, die die Größe einer Wookiee‐Pranke  hatte,  an  den  Kragen  seines  Mantels  und  klappte  den  Rand  um. An der Unterseite war eine unverwechselbare dünne gol‐ dene Nadel befestigt. »Ich bin außerdem Observator der Neu‐ en Republik. Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen, Sir.«  »Ganz  meinerseits«,  erwiderte  Luke  und  nickte  grüßend,  während  die  letzten  Spuren  der  Anspannung  von  ihm  abfie‐ len. Die Observatoren waren ein experimenteller, halb offiziel‐ ler Teil der Neuen Republik, der während der jüngsten Bemü‐ hungen  um  die  Reorganisation  der  Regierungspolitik  ins  Le‐ ben gerufen worden war. 

Sie  bewegten  sich  ungebunden  in  den  ihnen  zugewiesenen  Sektoren; ihre Aufgabe war es, den Hohen Rat und den Senat  über  alles,  was  sie  sahen  und  hörten,  direkt  zu  unterrichten.  Dabei hatten sie besonders auf ungehörige Aktivitäten seitens  der Regierungen zu achten, die von den lokalen oder sektora‐ len Behörden lieber unter Verschluß gehalten wurden.  Es  hatte  anfangs  Befürchtungen  gegeben,  die  Observatoren  könnten  sich  zu  jener  Sorte  geheimer  Sicherheitskräfte  entwi‐ ckeln, die das Imperium während seiner Schreckensherrschaft  mit  so  verheerender  Wirkung  eingesetzt  hatte.  Doch  bislang  schien  dies  nicht  zu  geschehen.  Die  verschiedenen  Regierun‐ gen,  die  es  unternommen  hatten,  die  Observatoren  mit  Geld‐ mitteln  auszustatten,  hatten  sich  ihre  Kandidaten  sorgfältig  ausgesucht und besonders darauf geachtet, ausschließlich We‐ sen  von  hoher  Moral  anzuwerben  und  die  Grenzen  ihres  Mandats strengstens zu definieren. Der Umstand, daß die Be‐ obachter  in  Sektoren  weit  von  ihrer  jeweiligen  Heimat  und  damit fern aller lokalen oder ethnischen Rivalitäten eingesetzt  wurden,  hatte  die  Geldgeber  ohne  Zweifel  dazu  ermutigt,  Kandidaten zu bestimmen, die so unbestechlich und unpartei‐ isch wie möglich waren.  In  der  Alten  Republik  war,  wie  Luke  wußte,  ein  ähnliches  System angewandt worden, wobei die Jedi‐Ritter die Rolle der  Beobachter  innegehabt  hatten.  Vielleicht  würden  die  Absol‐ venten seiner Akademie ja eines Tages zahlreich genug sein –  und  genug  Vertrauen  genießen  –,  um  diese  Pflicht  wieder  übernehmen zu können. »Womit kann ich Ihnen helfen?« frag‐ te Luke.  »Bitte vergeben Sie mir die Unverschämtheit, in Ihrem Schat‐ ten  gewandelt  zu  sein«,  fuhr  Tre  fort.  »Doch  ich  spürte  die 

Last,  mit  Ihnen  sprechen  zu  müssen,  und  mußte  mich  Ihrer  Identität versichern, ehe ich mich Ihnen näherte.«  »Ich verstehe«, sagte Luke. »Nichts für ungut. Wie kann ich  Ihnen helfen?«  Der Rellarin trat neben Luke an die Brustwehr und wies mit  seiner  breiten  Pranke  nach  unten.  »Ich  wollte,  daß  Sie  sehen,  was  heute  abend  in  der  Schlucht  geschieht.  Daß  Sie  es  sehen  und verstehen.«  Luke drehte sich wieder zur Brustwehr um und blickte nach  unten. Alles, was er sah, waren die Straßenbeleuchtung sowie  die Lichter der Fahrzeuge, die typisch waren für eine moderne  Stadt. »Wohin soll ich denn schauen?« wollte er wissen.  »Dorthin«,  antwortete  Tre  und  deutete  auf  ein  großes  Areal  in der Form eines Diamanten nahe der Mitte des Canons, das  ihrem Standort unmittelbar gegenüberlag. Obwohl es von der  normalen  Straßenbeleuchtung  begrenzt  wurde,  lag  dieses  Areal  fast  völlig  im  Dunkeln.  Nur  in  der  Nähe  des  Zentrums  waren ein paar winzige Lichter auszumachen.  »Sieht  aus  wie ein  Park«, wagte  Luke einen Tip und rief  im  Geiste den Übersichtsplan des Canons auf, den er sich auf dem  Weg  zum  Raumhafen  angesehen  hatte.  »Vielleicht  der  Frie‐ denspark?«  »Das  ist  korrekt«,  nickte  Tre.  »Sehen  Sie  die  Lichter  in  der  Mitte?«  »Ja«, entgegnete Luke. »Sie…«  Er  hielt  inne  und  zog  die  Stirn  kraus.  Während  der  letzten  Sekunden,  in  denen  er  und  Tre  miteinander  sprachen,  hatte  sich die Anzahl der Lichter scheinbar verdoppelt. Noch immer  lagen  sie  dicht  beieinander…  und  dann  legte  sich,  noch  wäh‐

rend  er  zusah,  ein  weiterer  leuchtender  Ring  um  die  bereits  vorhandenen Lichter. »Das sind Friedenslichter«, erklärte Tre.  »Das  Volk  von  Cejansij  kommt  heute  abend  zusammen,  um  für Gerechtigkeit zu demonstrieren.«  »Ja«, sagte Luke. Er erkannte nur zu gut, wohin dies rührte.  »Gerechtigkeit.«  »Ich  entnehme  dem  Tonfall  Ihrer  Stimme,  daß  Sie  es  noch  nicht  verstehen«,  widersprach  Tre,  in  dessen  Stimme  wiede‐ rum  ein  Unterton  milden  Tadels  lag.  »Der  Hohe  Rat  und  der  Senat  tun  alle  derartigen  Demonstrationen  wahlweise  als  Übergriffe  der  Gewalttätigen  und  Unwissenden  oder  als  Komplott  des  Imperiums  ab.  Aber  das  ist  nicht  überall  der  Fall.«  »Ich  glaube  nicht,  daß  der  Senat  die  Dinge  so  vereinfacht  sieht«, gab Luke zurück. Gleichwohl mußte er einräumen, daß  an Tres Worten etwas dran war. »Unter welche Kategorie fällt  denn die Demonstration dort unten?«  »Wie  ich  schon  sagte:  Sie  setzen  sich  für  Gerechtigkeit  ein«,  erwiderte der Rellarin. »Die weißen Lichter, die Sie dort unten  sehen, erinnern an das Volk von Caamas. Und bald… ja, jetzt.  Sehen Sie das?«  Luke nickte. Rund um das weiße Leuchten war ein Ring aus  blauen Lichtern erschienen. Während er zusah, kamen weitere  hinzu  und  bildeten  einen  ständig  wachsenden  blauen  Kreis  um die weißen Lichter in der Mitte. »Ich sehe sie.«  »Sie  stehen  für  die  Erinnerung  an  die  Opfer  des  Vrassh‐ Massakers«, teilte Tre ihm mit. »Das Land, das mit dieser Un‐ tat in den Besitz der Täter überging, hat diesen großen Reich‐ tum  eingetragen;  doch  weder  die  Pas’sic  noch  die  Neue  Re‐

publik  haben  jemals  darauf  bestanden,  daß  auch  nur  ein  Teil  dieses  Reichtums  an  die  Familien  der  Überlebenden  überge‐ ben wurde – was sowohl die Sitten als auch die uralten Geset‐ ze jener Welt verlangt hätten.«  »Einer  meiner  Jedi‐Schüler  kam  von  Vrassh«,  sagte  Luke,  dessen  Herz  bei  dieser  Erinnerung  einen  Satz  machte.  »Er  mußte  zunächst  einen  großen  Zorn  aufarbeiten,  ehe  seine  Ausbildung überhaupt beginnen konnte.«  »Ihr Zorn ist verständlich«, bemerkte Ire. »Noch hegen jene,  die  sich  dort  unten  versammelt  haben,  keinen  solchen  Zorn.«  Wieder  wies  er  auf  den  wachsenden  Lichtkreis.  »Jedenfalls  nicht  gemessen  an  dem  Begriff,  den  sich  Menschen  von  Zorn  machen.  Sie  verhalten  sich  ruhig  und  friedlich  und  bedrohen  niemanden. Aber sie werden jene, denen unrecht getan wurde,  nicht vergessen, noch werden sie zulassen, daß die vergessen,  welche die Macht haben.«  »Ja«,  murmelte  Luke.  »Es  gibt  Dinge,  die  niemals  vergessen  werden dürfen.«  Sie standen ein paar Minuten schweigend und beobachteten.  Der  Ring  aus  blauen  Lichtern  wurde  unentwegt  größer;  und  als das weiße Zentrum schließlich vollends von Blau umgeben  war, übernahm Gelb die Stelle von Blau. Rot trat zu Gelb und  kreiste  es  seinerseits  ein;  es  folgte  ein  blasses  Grün,  Violett,  und schließlich wieder ein äußerer Ring weißer Lichter. »Nun  sind alle versammelt«, erklärte Tre, als die Abfolge konzentri‐ scher  Ringe  komplett  war.  »Das  sind  alle,  die  ihre  Zeit  heute  abend dem Gedenken verschrieben haben; andere werden das  gleiche an anderen Abenden tun. Und jeder, der auf die Lich‐ ter blickt, wird sich ebenfalls erinnern. Alle Cejansiji werden in 

ihrer Entschlossenheit erstarken, die Stätten der Macht solange  mit ihrem Ansinnen zu konfrontieren, bis alles Unrecht wieder  gutgemacht worden ist.«  Luke  schüttelte  den  Kopf.  »Bloß  daß  kein  geschehenes  Un‐ recht wieder gutgemacht werden kann, un’Yala Tre«, entgegne‐ te er. »Nicht Caamas, und auch kein anderes.«  »Die  Cejansiji  wissen  das«,  sagte  der  Rellarin.  »Sie  wissen,  daß die Toten nicht ins Leben zurückgeholt und daß verwüste‐ te  Welten  nicht  einfach  wieder  aufgeräumt  werden  können.  Sie  wollen  lediglich  die  Art  von  Gerechtigkeit,  die  in  der  Macht der Sterblichen liegt.«  »Und  welche  Art  Gerechtigkeit  verlangen  sie  für  Caamas?«  fuhr  Luke  unbeirrt  fort.  »Die  Bestrafung  sämtlicher  Bothans  für das Verbrechen weniger?«  »Viele  würden  sagen,  das  wäre keine  wahre  Gerechtigkeit«,  stimmte  Tre  zu.  »Doch  andere  würden  diese  Meinung  wohl  nicht teilen, und auch deren Stimmen müssen gehört werden.«  Er deutete auf die Lichtkreise. »Aber sehen Sie nur: Sie zeigen,  daß Gerechtigkeit nicht einem Volk oder einem Ereignis vorbe‐ halten sein darf. Gerechtigkeit muß für alle gelten.«  Luke  runzelte  die Stirn.  Die  sauber gezogenen Kreise  lösten  sich jetzt auf, und die verschiedenen Farben begannen sich an  den Rändern zu vermischen. Sein erster Gedanke war, daß die  Demonstration  nun  vorbei  war  und  daß  die  Teilnehmer  den  Heimweg  antraten,  doch  die  Ballung aus  Lichtern schien  sich  nicht  auszudehnen,  die  Farben  flossen  gleichsam  weiter,  und  die Ringe wichen einer homogeneren Farbenmischung…  … und plötzlich verstand er. Die Demonstrationsteilnehmer  verließen  ihre  je  eigenen  Lichtkreise  des  Gedenkens  und 

mischten  sich  unter  die  Angehörigen  der  übrigen  Ringe.  Das  Ganze war eine stille und dennoch bewegende Demonstration  der Einheit.  »Einige  von  denen,  die  sich  heute  im  Park  eingefunden  ha‐ ben,  glauben  ernsthaft  daran,  daß  die  ganze  Bothan‐Spezies  für  das  Verbrechen  auf  Caamas  zur  Rechenschaft  gezogen  werden  sollte«,  sagte  Tre  leise.  »Zumindest  wo  es  um  Ent‐ schädigungen für die überlebenden Caamasi geht. Andere Ce‐ jansiji weisen dieses Argument zurück, stimmen jedoch trotz‐ dem mit ihnen darin überein, daß die Führer der Bothans jedes  Recht  darauf,  ihre  Unschuld  zu  beteuern,  mit  der  Unterdrü‐ ckung  von  Informationen  über  ihre  Beteiligung  an  dem  Ver‐ brechen verwirkt haben. Im Park sind vielleicht auch Besucher  von  außerhalb,  die  ebenfalls  Lichter  hochhalten  und  deren  Meinungen ähnlich unterschiedlich ausfallen.«  »Das klingt, als ginge es hier auch nicht anders zu als im Rest  der Galaxis«, stellte Luke fest.  »Richtig«,  nickte  Tre.  »Ich  möchte  lediglich  darauf  hinwei‐ sen, Master Skywalker, daß diese Differenzen keineswegs das  Ergebnis  feindlicher  Verschwörungen,  nicht  einmal  unter‐ schiedlicher  Positionen  politischer  Gegner  sind.  Es  handelt  sich vielmehr um die aufrichtigen und achtbaren Meinungsun‐ terschiede  der  zahlreichen  Fühlenden,  aus  denen  sich  die  Neue Republik zusammensetzt. Irgendeine dieser Meinungen  als unbedeutend oder unbedacht abzutun, hieße, die Ehre und  Integrität  dieser  Fühlenden  und  ihrer  jeweiligen  Kultur  mit  Füßen zu treten.«  »Ich weiß«, erwiderte Luke. »Und ich bin überzeugt, der Se‐ nat  weiß  es  auch.  Die  Frage  ist,  wie  versöhnen  wir  all  diese 

unterschiedlichen  Meinungen  miteinander.  Nicht  allein,  was  Caamas angeht, sondern auch in tausend anderen Angelegen‐ heiten.«  »Ich  weiß  nicht,  welcher  Weg  Sie  zum  Erfolg  führen  wird«,  versetzte  Tre.  »Ich  weiß  nur,  daß  es  getan  werden  muß  und  daß es rasch getan werden muß. Ich habe bereits das Rumoren  echten  Zorns  über  die  Untätigkeit  des  Senats  in  dieser  Sache  gehört. Und es gibt andere, noch beunruhigendere Regungen:  geflüsterte  Verdächtigungen,  die  Neue  Republik  schere  sich  nicht länger darum, was irgendeine Welt gegen ihre Nachbarn  oder  Widersacher  unternimmt.  Sogar  in  diesem  Augenblick  bereiten  sich  einige  darauf  vor,  alte  Rechnungen  zu  beglei‐ chen, während andere neue Allianzen zu ihrem Schutz einge‐ hen wollen.«  Luke seufzte. »Ich habe längst den Überblick darüber verlo‐ ren,  wie  oft  die  Regierung  der  Neuen  Republik  bereits  dafür  angeklagt  wurde,  während  der  einen  oder  anderen  Krise  der  vergangenen Jahre zu schwerfällig gewesen zu sein. Nun ver‐ sucht  man,  den  Sektoren  und  Systemen  mehr  Regierungsver‐ antwortung  zu  überlassen,  da  lautet  der  Vorwurf  natürlich  sofort, es würde überhaupt nichts getan.«  »Überrascht  Sie  das  etwa?«  fragte  Tre.  »Der  einzigen  unve‐ ränderlichen Binsenwahrheit in der Politik zufolge erhebt sich  gegen  jede  einmal  getroffene  Entscheidung  unverzüglich  lau‐ tes Geschrei.«  »Ja«,  sagte  Luke  und  blickte  auf  die  glitzernden  Lichter  hi‐ nab.  »Viele von denen, die dort demonstrieren,  werden sich spä‐ ter  im  Cafe  Gedankenfreiheit  wieder  begegnen«,  berichtete 

Tre,  »das  auf  der  anderen  Seite  des  Parks  an  der  westlichen  Ecke  des  Diamanten  liegt.  Fall  Sie  beschließen,  sich  dort  mit  ihnen zu treffen, werden sie sicher erfreut sein, Ihnen ihre Ge‐ danken mitzuteilen.«  »Da bin ich ganz sicher«, entgegnete Luke, der sorgsam ver‐ mied, das Gesicht zu verziehen. »Vielen Dank, daß Sie sich die  Zeit genommen haben, mir das hier zu zeigen.«  »Ich  bin  dazu  verpflichtet,  die  Führer  der  Neuen  Republik  mit Informationen zu beliefern«, erwiderte der Rellarin gravi‐ tätisch. »Eine Verpflichtung, die ich überaus ernst nehme.«  Er  legte  die  Fingerspitzen  aneinander  und  neigte  den  Kopf.  »Ich  danke Ihnen meinerseits für Ihre Zeit  und  Aufmerksam‐ keit, Master Skywalker, und ich bitte Sie, dem Cafe Gedanken‐ freiheit heute abend einen Besuch abzustatten. Sie werden dort  viel  Wissenswertes  erfahren.«  Wieder  neigte  er  den  Kopf,  wandte  sich  ab  und  machte  sich  auf  den  Rückweg  über  die  Promenade.  Hinter Luke ließ R2 ein leises Pfeifen hören. Luke drehte sich  um  und  sah,  daß  der  kleine  Droide  gewissermaßen  auf  me‐ chanischen  Zehenspitzen  stand  und  die  Lichter  unten  in  der  Schlucht betrachtete. »Ja, es ist beeindruckend«, stimmte Luke  ihm nüchtern zu. »Deshalb ist es ja so schwer, damit umzuge‐ hen.  Vieles  davon  ist  tatsächlich  bloß  redliche  Meinungsviel‐ falt.«  R2 trillerte abermals, sein Kuppelkopf drehte sich ostentativ  in Richtung des Himmelsbogens zu ihrer Linken, auf dem sie  den  Canon  überqueren  konnten  und  der  nach  unten  zu  dem  Cafe  führte,  von  dem  Tre  gesprochen  hatte.  »Ich  schätze,  wir  sollten  es  uns  mal  anschauen«,  sagte  Luke  widerstrebend. 

»Obwohl  ich  bezweifle,  daß  wir  dort  irgend  etwas  Neues  in  Erfahrung bringen. Außer neuen Meinungen.«  Er stieß sich von der Brustwehr ab und ging auf den Zugang  zu  dem  Himmelsbogen  zu.  »Wenn  du  echte  Neuigkeiten  willst, mußt du dich an jemanden wie Talon Karrde wenden«,  fuhr er fort, während  R2 neben ihm herrollte wie ein wohler‐ zogenes  Hündchen.  »Ich  habe  schon  ernsthaft  daran  gedacht,  ob  wir  nicht  lieber  versuchen  sollten,  Kontakt  mit  ihm  aufzu‐ nehmen.«  R2 gab einen unhöflich klingenden Laut von sich. »Ich hoffe,  das  bezieht  sich  auf  die  herrschende  Meinung  über  ihn  auf  Coruscant«, sagte Luke drohend, »und nicht auf Karrde selbst.  Er hat viel für die Neue Republik getan.«  Der Droide ließ ein vieldeutiges Trillern vernehmen, auf das  eine bemerkenswert gelungene Nachahmung eines klirrenden  Münzenstapels folgte. »Ja, ich weiß, daß er für seine Hilfe be‐ zahlt  wurde«,  bestätigte  Luke.  »Aber  vielleicht  erinnerst  du  dich daran, daß Geld der Grund war, warum Han damals mit  der  Rebellion  in  Kontakt  kam,  und  er  hat  sich  doch  nachher  ziemlich rausgemacht.«  Sie kamen zur Mündung des Himmelsbogens und traten auf  die  beschirmte,  von  einem  Geländer  gesäumte  Konstruktion.  Wie  die  Randpromenade  selbst,  so  waren  auch  die  Himmels‐ bögen über der Schlucht beachtliche Beispiele für die Fähigkei‐ ten  der  hiesigen  Ingenieure  und  Techniker;  sanft  und  voller  Anmut wölbten sie sich über den einen halben Kilometer brei‐ ten  Abgrund,  ohne  dabei  zusätzliche  Stützen  oder  Haltetaue  zu  benötigen.  Die  rechte  Seite  des  Gehwegs  endete  in  einer  einfachen rutschfesten Fläche, die ohne Frage für gelegentliche 

Spaziergänger oder für jene angelegt worden war, die hier an‐ halten und verweilen wollten, um die Aussicht in den Canon  zu  genießen.  Die  linke  Seite  dagegen  war  mit  einem  Paar  Gleitbänder  für  denjenigen  ausgestattet,  der  lediglich  von  ei‐ ner Seite auf die andere wechseln wollte.  Es hätte ein angenehmer Gang sein können, stellte Luke mit  einem  leisen  Anflug  von  Bedauern  fest,  aber  ihm  schien  in  letzter  Zeit  einfach  die  Muße  für  derartige  einfache  Vergnü‐ gungen  abzugehen.  »Es  kommt  doch  darauf  an,  daß  Karrde  mit  Neuigkeiten,  die  wir  gebrauchen  konnten,  immer  zuerst  zu  uns  gekommen  ist«,  fügte  er  an  R2  gewandt  hinzu,  schob  den Droiden auf das Laufband und trat dann hinter  ihn. »Ob  er es nun zugibt oder nicht, er ist wirklich auf unserer Seite.«  R2 drehte den Kuppelkopf, um Luke anzusehen, und gab ei‐ nen Das‐will‐ich‐meinen‐Laut von sich, dann rotierte die blaue  Kuppel  wieder,  um  sich  nach  vorne  auszurichten.  Das  Gleit‐ band  nahm  Geschwindigkeit  auf,  bemerkte  Luke  interessiert,  und  wurde  immer  schneller,  während  sie  sich  dem  Scheitel‐ punkt  des  Bogens  näherten.  Anscheinend  beschleunigte  das  Band  jedoch  nicht  auf  seiner  ganzen  Länge,  denn  sonst  wäre  jeder,  der  nun  hinter  ihm  hätte  aufsteigen  wollen,  vor  eine  ziemliche  Herausforderung  gestellt  geworden.  Er  vermutete,  es bestand aus einem pseudoflüssigen Material, mit dem  sich  entlang  der  Längsachse  gleichzeitig  verschiedene  Geschwin‐ digkeiten erzielen ließen.  Sie kamen zum Scheitelpunkt, und Luke dachte soeben dar‐ an, R2 darum zu bitten, daß er das Gleitband für ihn analysier‐ te,  als  er  eine  Erschütterung  der  Macht  spürte.  Es  war  nichts  Großes, kaum mehr als ein Zucken ganz in der Nähe. Aber es  genügte. 

Irgendwo in seiner unmittelbaren Nähe bereitete sich jemand  auf einen Mord vor.  Er trat vom Gleitband, kämpfte einen Moment lang mit dem  abrupten  Tempowechsel,  ehe  er  das  Gleichgewicht  wieder‐ fand.  R2,  der  ihn  plötzlich  vermißte,  kreischte  überrascht  –  dann  kreischte  er  gleich  noch  einmal,  als  Luke  in  die  Macht  hinausgriff  und  ihn  leibhaftig  in  die  Höhe  hob.  »Ruhig«,  er‐ mahnte ihn Luke, als er den Droiden auf dem stationären Ab‐ schnitt  des  Gehwegs  absetzte.  Dann  blickte  er  sich  um  und  griff abermals mit der Macht hinaus.  Die  mörderische  Absicht  war  noch  immer  da,  ganz  in  der  Nähe. Aber obwohl eine Handvoll anderer Fußgänger in Sicht  war,  vermochte  er  nichts  zu  sehen,  das  zu  seiner  Wahrneh‐ mung gepaßt hätte.  Zumindest nicht auf diesem Himmelsbogen.  Er  wandte  sich  um  und  spähte  nach  oben,  unter  dem  Rand  der  Überdachung  des  Himmelsbogens  hindurch  und  durch  das Geflecht der Brücke, die eine Ebene über ihm einen paral‐ lelen  Bogen  schlug.  Und  da  waren  sie,  ungefähr  zehn  Meter  weit  von  seinem  Standort  entfernt:  zwei  Gestalten  in  Kapu‐ zenmänteln, die mit dem Rücken gegen das Geländer standen,  wobei sich die kleinere, kindlich anmutende irgendwie an die  größere klammerte. Und hinter diesen konnte Luke die schat‐ tenhaften  Umrisse  von  drei  Angreifern  ausmachen,  die  sich  langsam  aber  sicher  in  ihre  Richtung  bewegten.  In  der  Hand  eines Angreifers erkannte er das Glitzern einer Klinge.  Es  galt,  keine  Zeit  zu  verschwenden,  und  es  gab  nur  einen  Weg, der Luke rechtzeitig zu ihnen bringen würde. Dazu war  schon  ein  gewaltiger  Satz  nötig,  den  aber  ein  Jedi‐Ritter,  der 

sich auf die Macht verließ, mit Leichtigkeit bewältigen würde.  Die einzige Unwägbarkeit war, ob die zur Sicherheit im Canon  installierten Traktorstrahlen so prompt reagieren würden, daß  sie  ihn  mitten  im  Flug  einfangen  und  aus  seiner  Bahn  reißen  würden.  Aber es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. »War‐ te hier, R2«, murmelte er. Er griff in die Macht hinaus, sprang  über das Laufband und auf das Geländer des Himmelsbogens.  Ein,  zwei  Herzschläge  lang  hockte  er  dort,  fand  sein  Gleich‐ gewicht, während er zum letzten Mal die Entfernung zu dem  Bogen über ihm und auf der anderen Seite maß. Dann atmete  er tief durch, schöpfte abermals aus der Macht und sprang.  Die  Notfallstrahlen  waren  offensichtlich  nicht  so  empfind‐ lich, wie er befürchtet hatte, und er erreichte die andere Seite,  ohne  auch  nur  einen  Stoß  zu  verspüren.  Er  bekam  den  Rand  der Brüstung des anderen Himmelsbogens zu fassen, schwang  die  Beine  durch  die  Lücke  zwischen  dem  Geländer  und  der  Überdachung und ging beim Aufprall auf dem unbeweglichen  Teil des Gehwegs leicht in die Knie.  Er erfaßte das Tableau, das sich ihm bot, mit einem Blick. Die  beiden  voraussichtlichen  Opfer  standen,  wie  er  bereits  zuvor  bemerkt  hatte,  ein  Stück  weiter  rechts  und  drückten  sich  mit  dem  Rücken  gegen  die  Brüstung.  Die  Kapuze  der  größeren  Gestalt  war  nach  hinten  gerutscht,  und  dadurch  waren  das  faltige  Gesicht  und  die  weißen  Haare  der  alten  Frau  gut  zu  erkennen.  Das  Gesicht  des  an  sie  geklammerten  Kindes  –  höchstwahrscheinlich  ihr  Enkel  oder  gar  Urenkel,  wenn  man  das  Alter  der  Frau  bedachte  –  lag  noch  immer  im  Schatten.  Doch  Luke  mußte  kein  Mienenspiel  sehen;  so  wie  das  Kind  sich in die Seite der Alten krallte, war dessen stiller Schrecken 

für jeden unzweifelhaft zu erkennen.  Und der Schrecken war wohlbegründet. Von dem Himmels‐ bogen  darunter  hatte  Luke  drei  messerschwingende  Männer  auf  die  beiden  zukommen  sehen;  von  seinem  neuen  Blick‐ punkt aus konnte er erkennen, daß diese drei Männer lediglich  den inneren Kreis einer weit größeren Gruppe von Angreifern  bildeten.  Neun  weitere  Männer  warteten  ein  paar  Schritte  im  Hintergrund und bildeten einen Halbkreis um ihre Beute. Alle  neun  besaßen  die  verhärteten  Gesichter  von  Männern,  deren  Leben  von  Gewalt  und  Brutalität  geprägt  war,  und  alle  neun  hielten schußbereite Blaster in den Händen.  Um im Augenblick waren alle neun Gesichter – und fünf der  Blaster – Luke zugewandt.  »Das  ist  genug«,  rief  Luke  und  richtete  sich  nach  der  Lan‐ dung auf. »Legen Sie Ihre Waffen hin!«  »Da hab’ ich ‘ne bessere Idee«, knurrte einer der Kerle, des‐ sen Stimme ebenso abscheulich war wie seine äußere Erschei‐ nung. »Warum drehen Sie sich nicht einfach um und machen  ‘nen Abgang. Solange Sie das noch können.«  »Lieber  nicht«,  sagte  Luke  und  versuchte,  siegessicherer  zu  klingen,  als  er  sich  fühlte.  Bei  fünf  –  mittlerweile  sechs  –  auf  ihn gerichteten Blastern, kam es auf die Sekunde an, ob es ihm  gelang,  schnell  genug  sein  Lichtschwert  zu  ziehen  und  die  Schüsse  abzuwehren,  die  in  dem  Moment  auf  ihn  abgegeben  würden, in dem er nach der Waffe griff.  Doch  links  von  ihm  lief  das  Gleitband.  Jeder  Abschnitt  be‐ wegte  sich  in  eine  andere  Richtung,  und  beide  Bänder  liefen  hier ziemlich schnell…  »Wir vergeuden bloß Zeit«, belferte einer der anderen Män‐

ner. »Verbrennt ihn zu Asche und dann…«  Und  in  diesem  Augenblick,  mitten  im  Satz,  kam  Bewegung  in das Kind.  Eine so lautlose und geschmeidige Bewegung, daß Luke zu‐ erst  gar  nicht  mitbekam,  was  geschah.  Das  Kind  drehte  sich  aus  der  von  Todesangst  diktierten  Umklammerung  der  alten  Frau und wirbelte auf den ihm nächsten Messerschwinger zu;  ein Arm fuhr über den Mann hinweg wie ein nur scheinbarer  Hieb gegen dessen Brust, der kurz vor dem Ziel innehielt. Die  Armbewegung schien das Kind wie einen abprallenden Kiesel  in  Richtung  des  zweiten  Angreifers  zurückzuwerfen.  Wieder  eine Geste wie ein Schlag, dann schoß der Kleine auf den drit‐ ten Mann zu…  Mit einem gurgelnden Ächzen brach der erste Mann auf dem  Boden zusammen.  Irgend jemand stieß in entsetzter Böswilligkeit eine Verwün‐ schung aus; die auf Luke gerichteten Blaster gerieten in Wan‐ ken,  als  plötzlich  Verwirrung  die  Situation  beherrschte,  die  zuvor  wie  eine  absolut  sichere  Sache  erschienen  war.  Köpfe  drehten sich nach dem Kind und seiner Großmutter um…  Und  dann  sackte  der  zweite  Mann  zusammen,  und  auch  Nummer  drei  knickte  bereits  ein,  sein  Messer  war  auf  unerk‐ lärliche Weise in der Hand des Kindes gelandet. Aber nur für  kurze  Zeit.  Im  nächsten  Augenblick  sauste  die  Klinge  nach  kaum mehr als einem Zucken des Handgelenks über die kurze  Distanz  hinweg  und  grub  sich  in  die  Brust  eines  der  übrigen  Angreifer.  Und  während  dies  geschah,  fiel  die  Kapuze  weit  genug  zu‐ rück, um endlich das Gesicht des Kindes zu offenbaren. 

Doch  unter  dem  Mantel  befand  sich  kein  Kind,  sondern  ein  Noghri.  Doch  dieses  flüchtige  Bild  war  alles,  was  man  von  dem  Nichtmenschen  zu  sehen  bekam.  Für  einige  war  es  sogar  das  letzte,  was  sie  überhaupt  zu  sehen  bekamen.  Noch  während  Luke  nach  dem  Lichtschwert  griff,  verwandelte  sich  der  Noghri  in  eine  einzige  verwischte  Bewegung:  er  tauchte  ab,  rollte  sich  herum,  ließ  beidhändig  Klingen  tanzen,  wich  mit  beiläufiger  Leichtigkeit  dem  verzweifelten  Prasseln  von  Blas‐ terfeuer  aus.  Eine  Granate  fiel  klappernd  auf  den  Weg,  rollte  der alten Frau vor die Füße und verschwand, als Luke mit der  Macht  nach  ihr  griff,  um  sie  durch  die  Lücke  zwischen  der  Brüstung und der Überdachung zu dirigieren und hoch in die  Luft zu schleudern. Als sie hoch über ihren Köpfen explodier‐ te, war die Schlacht bereits vorbei.  »Master  Skywalker«,  rief  der  Noghri  aus  dem  Zentrum  des  Blutbades und nickte ernst, während er die beiden Attentäter‐ dolche  in  ihre  Verstecke  zurückschob.  »Ich  fühle  mich  durch  Ihre Gegenwart geehrt und bin dankbar für Ihren Beistand.«  »Wenn man das so nennen kann«, erwiderte Luke und wieg‐ te  erstaunt  den  Kopf.  Er  hatte  Noghri  beim  Training  und  bei  Kampfübungen  beobachtet  und  geglaubt,  die  Grenzen  ihrer  Fähigkeiten  als  Kämpfer  zu  kennen.  Doch  so  etwas  hatte  er  bisher  noch  nicht  erlebt.  »Irgendwie  habe  ich  das  Gefühl,  Sie  wären auch ganz gut ohne mich zurechtgekommen.«  »Verzeihen Sie, aber das ist nicht wahr«, wandte der Noghri  ein, stieg über die Leichen hinweg und kam auf ihn zu. »Ihre  Ablenkung  kam  genau  zur  rechten  Zeit  und  verschaffte  mir  vier zusätzliche Sekunden, die ich sonst nicht gehabt hätte.« 

»Gar nicht zu reden von der Granate«, fügte die Alte hinzu.  Sie  war  neben  einem  der  Toten  in  die  Knie  gegangen  und  durchwühlte  mit  geübten  Fingern  seine  Taschen.  »Wenn  Sie  nicht  so  schnell  gehandelt  hätten,  wären  wir  womöglich  alle  ums Leben gekommen. Also vielen Dank.«  »Gern  geschehen«,  antwortete  Luke  und  betrachtete  sie  mit  wachsenden  Zweifeln,  während  sie  ihre  Suche  beendete  und  sich  die  nächste  Leiche  vornahm.  An  einen  Noghri‐Krieger  und  eine  Frau  mit  den  Gaben  einer  professionellen  Taschen‐ diebin  hatte  er  eigentlich  nicht  gedacht,  als  er  den  Sprung  zu  ihrer  Rettung  gewagt  hatte.  »Darf  ich  fragen,  wer  Sie  beide  sind?«  »Jedenfalls  bin  ich  nicht,  was  Sie  jetzt  wahrscheinlich  be‐ fürchten«, sagte die Frau und hielt in ihrer Suche inne, um ihm  ein kurzes Lächeln zukommen zu lassen. »Hier geht alles ganz  ehrlich und ziemlich respektabel zu. Mein Name ist Moranda  Savich;  und  Plakhmirakh  hier  ist  zur  Zeit  mein  Leibwächter.  Wir arbeiten für einen alten Bekannten von Ihnen: Talon Karr‐ de.«  »Tatsächlich«,  gab  Luke  zurück.  »Seltsam.  Ich  hatte  gerade  erst daran gedacht, Kontakt mit Karrde aufzunehmen.«  »Nun,  dann  haben  Sie  sich  den  richtigen  Ort  ausgesucht«,  erklärte  Moranda  und  richtete  sich  auf.  »Er  ist  kürzlich  auf  Cejansij gelandet.«  »Sie  scherzen«,  sagte  Luke  und  runzelte  die  Stirn.  »Was  macht er denn hier?«  »Wer  weiß  schon,  was  Karrde  irgendwo  macht?«  konterte  Moranda  philosophisch.  »Weshalb  kommen  Sie  nicht  einfach  mit uns und fragen ihn selbst?« 

Luke schaute durch das Geländer nach unten auf die Lichter  der Stadt. Einmal mehr war es ihm gelungen, zur rechten Zeit  am richtigen Ort zu erscheinen. Die Macht war ohne Frage mit  ihm.  »Danke«,  wandte  er  sich  an  Moranda.  »Ich  glaube,  das  werde ich.«    »Boß?«  Karrde blickte von seinem Schreibtisch hoch und sah Dankin  den Kopf durch die geöffnete Tür des Büros stecken. »Ja, was  gibt es?«  »Savich  und  ihr  Noghri‐Leibwächter  sind  hier«,  erwiderte  Dankin. »Sie hat die Datenreste, die Sie wollten.«  »Gut«, nickte Karrde und legte leicht die Stirn in Falten. Als  sich  die  Brückenmannschaft  der  Wild  Karrde  vor  einiger  Zeit  daranmachte, vor Booster Terriks Errant Venture zu erscheinen,  ohne  die  ahnungslose  H’sishi  zu  warnen,  hatte  Dankin  ein  halb  verstohlenes  Grinsen  aufgesetzt.  Und  jetzt  trug  er  das  gleiche Grinsen zur Schau. »Und?« soufflierte Karrde.  Das  Grinsen  kam  nun  zur  vollen  Entfaltung.  »Sie  haben  Ih‐ nen eine Überraschung mitgebracht.«  »Ah ja?« gab Karrde zurück und senkte die Temperatur sei‐ ner Stimme um ein paar Grad. »Ich hoffe, Sie wissen noch, wie  sehr ich Überraschungen liebe.«  »Diese  werden  Sie  lieben,  Boß«,  versicherte  Dankin,  trat  zur  Seite  und  machte  eine  Geste.  Plakhmirakh  und  Moranda  bo‐ gen  um  die  Ecke  und  betraten  das  Büro.  Letztere  hielt  einen  Datenzylinder in der Hand. Und hinter den beiden…  »Na,  da  will  ich  doch  auf  geradem  Weg  nach  Kessel«,  rief 

Karrde und sprang auf. »Das ist wirklich mal eine angenehme  Überraschung. Hallo, Skywalker.«  »Karrde.«  Luke  nickte  zur  Begrüßung.  »Ich  bin  meinerseits  überrascht, Sie hier zu treffen.«  »Das beruht auf Gegenseitigkeit«, stimmte Karrde zu. »Sind  Sie allein?«  »R2  ist  bei  mir«,  antwortete  Skywalker  und  deutete  mit  ei‐ nem  Nicken  über  die  Schulter.  »Er  hat  einen  G2‐9T‐ Reperaturdroiden entdeckt, der in Ihrem Frachtraum arbeitet,  und ist auf ein Schwätzchen dageblieben.«  »Ich hoffe, er kommt auf seine Kosten«, sagte Karrde, nahm  den Zylinder von Moranda entgegen und warf einen Blick auf  die Beschriftung. »Das ist der letzte G2, den ich jemals kaufen  werde. Irgendwelche Schwierigkeiten, Moranda?«  »Wir  wurden  auf  dem  Rückweg  angegriffen«,  teilte  sie  ihm  mit.  »Zwölf  Männer,  sehr  professionell,  kein  Hinweis  darauf,  für wen sie gearbeitet haben könnten.«  »Vermutlich für einen der Hutts«, meinte Karrde und drehte  den  Datenzylinder  in  der  Hand.  »Sie  waren  nicht  gerade  be‐ geistert, das hier loszuwerden.«  »Könnte  sein«,  erwiderte  Moranda.  »Wer  auch  immer  sie  waren, Plakhmirakh hat sich ihrer angenommen.«  »Mit  der  Unterstützung  von  Master  Skywalker«,  ergänzte  der  Noghri  mit  seiner  ernsten  Stimme.  »Er  tauchte  genau  im  richtigen Augenblick auf.«  »Jedi‐Meister  beherrschen  diesen  Kniff«,  meinte  Karrde  tro‐ cken  und  gab  den  Zylinder  Moranda  zurück.  »Fein.  Bringen  Sie das zu Odonnl, dann können Sie sich, während er den Zy‐

linder  checkt  und  Ihre  Bezahlung  regelt,  in  der  Mannschafts‐ lounge ausruhen. Wären Sie daran interessiert, einen weiteren  Auftrag zu übernehmen?«  »Nur wenn er mehr Spaß macht als Kurierdienste«, erwider‐ te Moranda. »Abgesehen von dem Überfall war das alles eher  langweilig.«  Sie  deutete  mit  einer  Handbewegung  auf  Luke  und Plakhmirakh. »Und mit diesen beiden im Bund war selbst  der Teil nicht sonderlich unterhaltsam.«  »Ich versuche mich zu bessern«, versprach Karrde. »Ich habe  tatsächlich einen Job zu vergeben, bei dem Ihre Talente sich als  nützlich  erweisen  könnten.  Kommen  Sie  noch  mal  hierher,  sobald Sie Ihr Geld erhalten haben, dann reden wir darüber, in  Ordnung?«  »Schön«, erwiderte Moranda nickend. Plakhmirakh ließ eine  knappe Noghri‐Verbeugung sehen, und gemeinsam verließen  sie das Büro.  Karrde  wölbte  eine  Braue  und  sah  Skywalker  an.  »Vielen  Dank für Ihre Hilfe. Ich schätze, jetzt schulde ich Ihnen etwas.«  »Kaum«,  sagte der andere. »Plakhmirakh  hat  meine  Unters‐ tützung dort maßlos überbewertet.«  »Ja, diese Burschen sind im allgemeinen nicht besonders auf  Hilfe  angewiesen,  nicht  wahr?«  stimmte  Karrde  zu.  »Ich  war  mit ihren Diensten sehr zufrieden. Aber was führt Sie, mal da‐ von  abgesehen,  Hutt‐Mietlingen  in  den  Arm  zu  fallen,  nach  Cejansij?«  Skywalker  zuckte  die  Achseln.  »Die  Macht,  um  genau  zu  sein«, antwortete er. »Ich habe nach einer Vision der Zukunft  gesucht, und dann sah ich mich selbst an diesem Ort. Also bin  ich hier.« 

»Ah«,  machte  Karrde.  »Keine  Art  der  Planung,  bei  der  ich  persönlich mich wohl fühlen würde.«  »Ich  bin  auch  nicht  gerade  daran  gewöhnt«,  gab  Skywalker  zurück.  »Andererseits  dachte  ich  gerade  dran,  Kontakt  mit  Ihnen  aufzunehmen,  und  hier  sind  Sie  –  also  scheint  es  doch  funktioniert  zu  haben.  Was  machen  Sie  eigentlich  hier,  wenn  ich fragen darf?«  »Das  ist  kein  Geheimnis«,  versicherte  Karrde.  »Jedenfalls  nicht,  was  Sie  angeht.  Ich  bin  der  Möglichkeit  nachgegangen,  daß Aufrührer von außen etwas mit den Protesten zu tun ha‐ ben  könnte,  die  überall  in  der  Neuen  Republik  ins  Kraut  schießen.  Da  Cejansij  über  eine  lange  Tradition  friedlicher  Demonstrationen  verfügt,  nahm  ich  an,  daß  diese  Welt  das  ideale Ziel für Subversion wäre.«  »Das  ergibt  Sinn«,  überlegte  Skywalker.  »Obwohl  es  viel‐ leicht ein bißchen zu offensichtlich ist.«  »Das  hängt  davon  ab,  wie  umsichtig  unsere  unbekannten  Agitatoren  zu  Werke  gehen  wollen«,  erwiderte  Karrde.  »Ich  war der Meinung, daß es allemal lohnen würde, das nachzup‐ rüfen. Sie sagten eben, daß Sie mich sprechen wollten?«  »Ja«,  nickte  Skywalker.  »Ich  habe  mich  gefragt,  ob  Sie  Fort‐ schritte bei unserer Jagd auf Klone gemacht haben.«  »Nicht  die  geringsten«,  gab  Karrde  zu.  »Keiner  meiner  In‐ formationsquellen  ist  auch  nur  das  leiseste  Gerücht  über  de‐ rartige Aktivitäten zu Ohren gekommen. Falls sie da draußen  sind, geht derjenige, der sie einsetzt, äußerst umsichtig vor.«  »Hm«, brummte Skywalker. »Und was ist mit den Cavrilhu‐ Piraten?«  Karrde  schüttelte  den Kopf. »Die scheinen untergetaucht zu 

sein.«  Er  wölbte  wieder  eine  Augenbraue.  »Nicht  daß  ich  ih‐ nen daraus einen Vorwurf mache. Von einem Jedi‐Meister aus  ihrem sichersten Bau verscheucht zu werden, muß eine ziem‐ lich beunruhigende Erfahrung gewesen sein.«  »Sie selbst wurden von Großadmiral Thrawn von Myrkr ver‐ trieben und sind auch nicht in Panik geraten«, rief Skywalker  ihm ins Gedächtnis.  Karrde zwang sich zu einem Lächeln. Die Erinnerung an jene  Zeit rief immer noch unbehagliche und schmerzvolle Gefühle  hervor.  »Vielleicht  bin  ich  aus  härterem  Material  gemacht.  Oder  vielleicht  gerate  ich  einfach  nicht  ganz  so  offensichtlich  in Panik.«  Das  Interkom  auf  dem  Schreibtisch  meldete  sich,  und  er  beugte sich vor, um die entsprechende Taste zu drücken. »Ja?«  Es  war  Dankin,  dessen  Miene  mit  einem  Mal  einen  untypi‐ schen  Zug  von  Entrüstung  zeigte.  »Da  kommt  gerade  eine  Nachricht  höchster  Dringlichkeit  von  der  Starry  Ice  herein«,  meldete er scharf. »Faughn sagt, daß Mara gefangen wurde.«  Karrde spürte, wie sich ihm der Magen zusammenzog, als er  sich  in  den  Sitz  vor  dem  Schreibtisch  zurückfallen  ließ.  »Ist  Faughn noch dran?«  »Meistens«,  entgegnete  Dankin.  »Das  Signal  ist  ein  bißchen  komisch  –  zu  viele  Relais  dazwischen  –,  aber  meistens  ist  es  klar und deutlich. Komkanal fünf.«  Karrde  wählte  den  Kanal;  er  war  sich  vage  bewußt,  daß  Skywalker um den Schreibtisch herum gekommen und an sei‐ ne Seite getreten war. »Hier ist Karrde. Faughn?«  »Ja, Sir«, kam Faughns Stimme, die aufgrund der Verzerrun‐ gen  zahlreicher  Hyperraumrelais  schwankte.  »Wir  kamen  in 

das  Nirauan‐System  und  beobachteten  ein  unidentifiziertes  Raumfahrzeug,  das  auf  dem  zweiten  Planeten  landete.  Jade  nahm  unseren  Defender  und  ging  runter.  Wir  haben  später  eine Impulsübertragung von ihrem Recorder aufgefangen, der  anzeigte,  daß  sie  in  Schwierigkeiten  geraten  war.  Gefangen  –  oder Schlimmeres.«  Karrde  konnte  das  Blut  in  seinen  Ohren  rauschen  hören.  »Dankin, haben wir eine Kopie dieser Aufnahme?«  »Schon da«, rief Dankins Stimme.  »Abspielen.«  Er lauschte aufmerksam, während die Aufzeichnung durch‐ lief: Flug und Landung, Maras Entdeckung der Höhle und der  Festung,  ihr  erschrockener  Ausruf  und  jener  letzte,  Übelkeit  erregende  dumpfe  Schlag.  »H’sishi  soll  das  sofort  noch  mal  gründlich  überprüfen«,  befahl  Karrde.  Dieser  dumpfe  Schlag  hatte  sich  viel  zu  sehr  nach  einem  Körper  angehört,  der  auf  harten  Boden  aufschlug…  »Ich  will  alles,  was  Sie  aus  dieser  Aufnahme herausholen können.«  »Wir sind schon dabei.«  »Wir  haben  auf  dem  Weg  hierher  selbst  ein  paar  Überprü‐ fungen  durchgeführt«,  erklärte  Faughn.  »Man  hört,  nachdem  sie verstummt ist, definitiv noch Atmung und die Herzschläge  eines Menschen. Also war sie zumindest zu diesem Zeitpunkt  noch  am  Leben.  In  der  Höhle  halten  sich  fünfzig  oder  mehr  fliegende Wesen auf – wir können das Schlagen mindestens so  vieler  Flügelpaare  herausfiltern.  Oh,  und  den  unterschiedli‐ chen Geschwindigkeiten, mit denen sich der Schall durch Luft  und  Knochen  fortsetzt,  nach  zu  urteilen,  ist  dieser  dumpfe  Schlag  auf  etwas  zurückzuführen,  das  ihre  Stirn  getroffen 

hat.«  Karrde verzog das Gesicht. »Ein Überfall.«  »Oder ein Unfall«, meinte Faughn. »Wir wissen, daß sie sich  bewegte,  kurz  bevor  es  geschah,  und  daß  sie  sich  im  Innern  einer Höhle befand. Sie könnte gegen eine Wand oder so was  gerannt sein.«  »Wir  könnten  es  mit  einer  Echoanalyse  versuchen«,  schlug  Dankin  vor.  »Um  herauszufinden,  wie  nah  sie  an  der  Wand  war, als sie getroffen wurde.«  »Ja.« Karrde blickte zu Skywalker hoch, der dumpf brütend  neben  ihm  stand,  der  besorgte  Blick  war  ins  Leere  gerichtet.  »Wissen Sie irgend etwas darüber?« fragte er den Jedi. »Über  den  Planeten  oder  darüber,  mit  wem  sie  dort  gesprochen  ha‐ ben könnte?«  Skywalker schüttelte langsam den Kopf. Sein Blick umflorte  sich  noch  mehr  mit  Sorge.  »Nein.  Aber  ich  hatte  eine  Vision  von  Mara,  als  ich  mich  an  diesem  Ort  hier  sah.  Und  wo  sie  war… könnte eine Höhle gewesen sein.«  »Ich hatte schwere Gewissensbisse, sie dort zurückzulassen«,  sagte  Faughn.  »Aber  ich  wollte  auch  nicht  riskieren,  daß  wir  alle einfach verschwinden, ohne daß jemand erfährt, was pas‐ siert ist. Vor allem nicht bei diesen Raumschiffen und der Fes‐ tung.«  »Nein,  Sie  haben  richtig  gehandelt«,  versicherte  Karrde  ihr.  »Die  Frage  ist  jetzt,  wie  wir  sie  wieder  da  herauskriegen.«  Er  sah  abermals  Skywalker  an.  »Oder  besser,  wen  wir  dorthin  schicken, um den Job zu erledigen.«  Skywalker mußte die Herausforderung in seiner Stimme ge‐ hört haben. Was auch immer er angestarrt haben mochte, seine 

Augen lösten sich davon und senkten sich auf Karrde. »Schla‐ gen Sie vor, daß ich gehen soll?«  »Irgend  jemand  dort  scheint  Sie  zu  kennen«,  stellte  Karrde  klar.  »Zumindest  glaubte  Mara  das.  Sie  könnten  der  einzige  sein, mit dem dieser Jemand – er, sie oder es – zu reden bereit  ist.«  »Ich  kann  nicht  fort«,  antwortete  Skywalker.  Die  Worte  ka‐ men  beinahe  mechanisch,  seine  Aufmerksamkeit  war  ohne  Zweifel auf etwas anderes gerichtet. »Ich habe hier Pflichten.«  »Sie  sind  auch  Mara  verpflichtet«,  widersprach  Karrde.  »Und da wir gerade dabei sind, Sie sind außerdem der gesam‐ ten Neuen Republik verpflichtet. Sie haben eines dieser Raum‐ schiffe gesehen – und Sie wissen, daß wir es hier mit einer un‐ bekannten  Kultur  zu  tun  haben.  Falls  die  Festung,  die  Mara  gesehen  hat,  aus  dem  gleichen  Material  besteht  wie  jene  auf  Hijarna,  sind  diese  Leute  dazu  in  der  Lage,  einfach  da  drin  sitzen zu bleiben und jeden unserer Angriffe mit einem Schul‐ terzucken abzuschütteln. Und…«  »Schon gut«, sagte Skywalker. »Ich gehe.«  Karrde  blinzelte,  da  ihn  die  Plötzlichkeit  der  Entscheidung  doch ein wenig in Erstaunen versetzte. Er hatte damit gerech‐ net,  sich  noch  mindestens  ein  paar  weitere  Minuten  herums‐ treiten und schließlich etwas wirklich Handfestes ins Feld füh‐ ren zu müssen, ehe der andere sich einverstanden erklärte.  Aber  er  war  klug  genug,  eine  Entscheidung  nicht  wieder  in  Frage zu stellen, die er hatte herbeiführen wollen. »Gut«, sagte  er  nur.  »Sagen  Sie  mir,  was  Sie  an  Ausrüstung  und  Vorräten  benötigen,  und  wir  beschaffen  alles  für  Sie.  Sie  werden  be‐ stimmt ein größeres Schiff wollen – Dankin, was haben wir im 

Angebot?«  »Dafür  haben  wir  keine  Zeit«,  stellte  Skywalker  fest,  bevor  Dankin antworten konnte. »Mein X‐Flügler wartet in der Lan‐ debox 16. Wenn Sie eine Kopie der Navdaten für R2 herunter‐ laden,  müssen  wir,  bevor  wir  uns  auf  den  Weg  machen,  nur  noch auftanken.«  »Sie  können  in  einem  X‐Flügler  keinen  Passagier  mitneh‐ men«, protestierte Faughn. »Wenn sie verletzt ist…«  »…  nehmen  wir  ihr  Raumschiff  und  lassen  den  X‐Flügler  dort stehen«, fiel Skywalker ihr ins Wort. »Wir verschwenden  hier bloß Zeit.«  »Sie  kommen  aber  nicht  sehr  weit  mit  einem  Defender«,  erinnerte  Karrde  ihn  und  bediente  auf  ein  vages  Gefühl  hin  seine  Kontrollkonsole.  Ja,  Timing  und  Entfernungen  kamen  hin. »Lassen Sie mich einen Kompromiß vorschlagen: Sie flie‐ gen  mit  Ihrem  X‐Flügler  los,  und  ich  sorge  dafür,  daß  die  Dawn Beat die Jades Feuer nach Duroon bringt, wo Sie sich mit  dem Schiff treffen. Der Droide an Bord dürfte nicht in Betrieb  sein,  aber  Sie  und  ihre  R2‐Einheit  müßten  das  Schiff  ohne  Probleme fliegen können.«  Skywalker  schüttelte  den  Kopf.  »Ich  will  mich  nicht  mit  ei‐ nem  Raumschiff  dieser  Größe  an  Nirauan  heranschleichen  müssen.«  »Dann  lassen  Sie  die  Feuer  doch  irgendwo  im  äußeren  Sys‐ tem  zurück  und  fliegen  mit  ihrem  Sternjäger  weiter«,  schlug  Faughn vor. »Der Bordhangar müßte einen X‐Flügler problem‐ los aufnehmen können.«  Skywalker  zögerte  einen  Herzschlag  lang,  dann  nickte  er.  »Also gut.« 

»Fein«, sagte Karrde. »Dankin, setzen Sie sich mit der Raum‐ hafenkontrolle  in  Verbindung  und  veranlassen  Sie,  daß  ein  Befehl zum Auftanken des X‐Flüglers rausgeht. Das hat Priori‐ tät,  und  Sie  können  bestechen  oder  unter  Druck  setzen,  wen  immer  Sie  wollen,  um  das  zu  erreichen.  Anschließend  stellen  Sie  die  umfangreichste  Überlebensausrüstung  zusammen,  die  in den Frachtbereich eines X‐Flüglers paßt. Zwei Kubikmeter,  einhundertundzehn  Kilogramm,  wenn  ich  mich  recht  erinne‐ re.«  »Alles klar«, erwiderte Dankin. »Welche Rückendeckung ge‐ ben wir ihm?«  »Soviel  wir  zusammenbringen  können«,  teilte  Karrde  ihm  mit  und  rief  eine  Liste  der  verfügbaren  Ressourcen  auf.  Die  Flotte  seiner  Organisation  war  beeindruckend  groß,  doch  da  sie  über  die  ganze  Neue  Republik  verstreut  war,  würde  es  wertvolle  Zeit  kosten,  eine  Angriffsstreitmacht  zusammenzu‐ ziehen…  »Ich  will  keine  Rückendeckung«,  unterbrach  Skywalker  sei‐ ne  Überlegungen.  »Die  Jades  Feuer  dort  zu  landen,  ist  schon  riskant  genug,  und  je  mehr  Schiffe  sich  im  System  aufhalten,  desto wahrscheinlicher ist es, daß eines  davon entdeckt wird.  Es wird  besser  sein,  wenn  ich  mich allein anzuschleichen  ver‐ suche.«  »Aber Sie können sie nicht allein von da wegbringen«, mein‐ te Faughn.  »Doch, das kann ich«, sagte Skywalker leise. »Ich muß es.«  »Das  schaffen  Sie  nicht«,  beharrte  Faughn.  »Karrde?  Sagen  Sie es ihm.«  Karrde  musterte  den  jüngeren  Mann  lange,  und  seine  Ge‐

danken wanderten kurz zu ihrer ersten Begegnung vor langer  Zeit  an  Bord  der  Wild  Karrde.  Nicht  einmal  damals  war  Sky‐ walker  das  gewesen,  was  er  naßforsch  genannt  haben  würde;  doch  als  er  ihn  jetzt  betrachtete,  fiel  ihm  die  gelassene  Reife  auf, die zehn Jahre seinem Gesicht hinzugefügt hatten. »Es ist  seine  Entscheidung,  Faughn«,  sagte  er  dann.  »Wenn  er  sagt,  daß er es schafft, dann ist das auch so.«  Skywalker nickte. »Danke«, entgegnete er.  »Ich schätze, es ist an uns anderen, uns zu bedanken«, stellte  Karrde fest und versuchte sich zu einem Lächeln zu zwingen.  »Also  schön:  Treibstoff  und  Vorräte  und  die  Jades  Feuer  vor  Duroon. Was können wir sonst noch für Sie tun?«  »Nur,  was  Sie  alle  bereits  tun«,  antwortete  Skywalker.  »Ge‐ hen Sie diesen Unruhen nach, und wenn Sie etwas finden, un‐ terrichten Sie Leia.«  »Schon geschehen«, nickte Karrde. »Noch etwas?«  »Ja«,  erwiderte  Skywalker,  und  ein  Schatten  huschte  über  sein  Gesicht.  »Könnten  Sie  mit  Leia  auf  Coruscant  sprechen  und ihr mitteilen, wohin ich unterwegs bin.«  »Das  erledige  ich  selbst«,  versprach  Karrde  und  stand  auf.  »Sobald Sie fort sind, brechen wir auf.«  »Vielen Dank«, sagte Skywalker. Er wandte sich ab und hielt  auf die Tür des Büros zu…  »Sie  sagten,  Sie  hätten  Mara  in  einer  Vision  gesehen«,  rief  Karrde ihm nach. »Was hat sie getan?«  Skywalker  verharrte  unter  der  Tür.  »Sie  befand  sich  an  ei‐ nem felsigen Ort und trieb im Wasser«, erwiderte er, ohne sich  umzudrehen. »Und sie sah tot aus.« 

Karrde nickte langsam. »Ich verstehe.«  Er  stand  noch  immer  da  und  starrte  die  offene  Tür  an,  als  Skywalker längst verschwunden war. 

18. Kapitel    Es  war  ziemlich  unfair,  aber  der  Kampfalarm  schrillte  mitten  während des Nachtischs.  Den Bruchteil einer Sekunde lang dachte Wedge daran, sich  die letzten drei Bissen Zitrusschneekuchen auf einmal in dem  Mund  zu  schaufeln,  entschied  dann  jedoch,  daß  mit  vollem  Mund  zu  den  Landebuchten  zu  eilen  nicht  angemessen  wür‐ devoll  war,  also  ließ  er  den  Kuchen  verwaist  auf  dem  Tisch  der Messe stehen.  »Sternjäger‐Piloten, bereitmachen«, rief der Jägerkoordinator  des  Wanderfalken,  als  Wedge  sich  den  Helm  aufsetzte  und  in  das  Cockpit  seines  X‐Flüglers  glitt.  »Renegaten‐Geschwader,  wo steckt ihr?«  »Hier,  Perris«,  antwortete  Wedge,  ließ  den  Blick  umher‐ schweifen,  um  sich  zu  vergewissern,  daß  der  Rest  des  Ge‐ schwaders  auch  wirklich  in  der  Bucht  angetreten  war.  »Was  liegt an?«  »Weiß  ich  nicht  genau«,  knurrte  Perris.  »Ich  weiß  bloß,  daß  wir einen Notruf aus dem Sif‘kric‐System aufgefangen haben.  General Bel Iblis hat vielleicht fünf Minuten mit ihnen gespro‐ chen,  und  im  nächsten  Moment  waren  wir  auch  schon  ein‐ satzbereit. Okay, ihr habt grünes Licht – startet, sobald ihr so‐ weit seid.«  »Verstanden. Alles klar, Renegaten, los geht’s!«  Zwanzig  Sekunden  später  waren  sie  im  Weltraum  und  schossen an der Flanke des Wanderfalken entlang, um die Füh‐

rungsposition einzunehmen. »Ich gehe nicht davon aus, daß es  sich  hierbei  um  eine  Übung  handelt«,  vermutete  Renegat  Sechs über die interne Frequenz.  »Tja,  falls  doch,  schuldet  mir  der  General  einen  Nachtisch«,  warf  Renegat  Zwölf  ein.  »Hat  irgendwer  die  lokale  Politik  in  diesem Sektor verfolgt?«  »Ich,  ein  bißchen«,  erwiderte  Renegat  Neun  düster.  »Mein  Schwiegervater hat hier ein paar Eisen im Feuer. Zehn zu eins,  es geht um die Frezhlix. Sie liegen mit den Sif’krics in Fehde,  seit wir das Imperium aus dieser Gegend vertrieben haben.«  »Vielleicht haben sie beschlossen, die Sache zu Ende zu brin‐ gen«, vermutete Renegat Zwei.  »Mit General Bel Iblis und einer Einsatzstreitmacht der Neu‐ en Republik vor ihrer Tür?« wandte Renegat Sechs ungläubig  ein. »Woraus bestehen denn ihre Gehirne? Aus Grütze?«  »An alle Schiffe, hier spricht General Bel Iblis«, ließ sich die  Stimme des Generals auf der Kommandofrequenz vernehmen  und unterbrach die Diskussion. »Wir wurden davon in Kenn‐ tnis  gesetzt,  daß  eine  starke  Streitmacht  der  Frezhlix  sich  der  Heimatwelt der Sif’kric nähert. Da dieses System nur ein paar  Flugminuten  entfernt  ist,  wurden  wir  gebeten,  uns  das  mal  anzusehen.«  Na  toll,  dachte  Wedge  säuerlich,  während  er  den  Blick  über  die  Einsatzkräfte  der  Neuen  Republik  schweifen  ließ:  eine  Dreadnaught  der  Katana‐Flotte,  zwei  Nebulon‐B‐ Eskortfregatten  und  drei  Sternjäger‐Geschwader  –  und  damit  sollten sie es mit einer Flotte aufnehmen, die groß genug war,  um einen ganzen Planeten anzugreifen?  Bel  Iblis  schien  seine  Gedanken  erraten  zu  haben.  »Wir  ha‐

ben  nicht  vor,  uns  ihnen  direkt  entgegenzustellen«,  fuhr  er  fort.  »Wir  müssen  im  Gegenteil  sehr  vorsichtig  sein,  daß  wir  hier  nicht  unsere  gesetzlichen  Grenzen  überschreiten.  Mehr  kann  ich  dazu  nicht  sagen,  bis  wir  ankommen  und  die  Lage  mit eigenen Augen beurteilen können.«  »An  alle  Schiffe«,  befahl  Perris.  »Halten  Sie  sich  bereit,  auf  mein Zeichen in die Lichtgeschwindigkeit zu springen.«  »Was  meint  er  mit  gesetzlichen  Grenzen?«  fragte  Renegat  Sechs, während die Flotte ihre Vorbereitungen traf.  »Ich würde sagen, wer auch immer Bel Iblis um Hilfe gebe‐ ten  hat,  konnte  die  Neue  Republik  nicht  offen  um  Unterstüt‐ zung  bitten«,  erklärte  Wedge.  »Ein  Beamter  aus  den  unteren  Rängen,  vielleicht  auch  bloß  ein  aufgescheuchter  Verkehrs‐ kontrolleur. Und wenn kein offizieller Hilferuf vorliegt…«  »Renegaten‐Geschwader – los!« befahl Perris.  »Verstanden«,  antwortete  Wedge.  Er  zog  die  Hebel  für  den  Hyperantrieb zurück, blinzelte, als die Sternlinien aufblitzten –  und weg waren sie.  Der Flug zum Sif’kric‐System dauerte zwölf Minuten. Wedge  brachte  die  Zeit  in  der  Einsamkeit  des  Weltraums  damit  zu,  eine  letzte  Überprüfung  der  Systeme  und  Waffen  seines  X‐ Flüglers  durchzuführen,  und  fragte  sich,  wie  der  legendäre  General Garm Bel Iblis hiermit fertig werden wollte.  Der  Zeitnehmer  tickte  runter  auf  null.  Wedge  entspannte  sich  und  legte  die  Hebel  um.  Wieder  leuchteten  die  Sternli‐ nien…  Er blinzelte. Was…?  Auf dem internen Kanal der Renegaten schnaubte jemand. 

»Soll  das  ein  Witz sein?«  fragte  Renegat  Zwei.  »Das  ist eine  Invasionsflotte?«  Wedge blickte auf die taktischen Anzeigen und schüttelte in  stiller  Übereinkunft  den  Kopf.  Zwei  vierzig  Jahre  alte  Kruk‐ Battlewagons,  fünf  Fregatten  der  Lancer‐Klasse,  die  wahr‐ scheinlich  halb  so  alt  waren,  außerdem  vielleicht  dreißig  mo‐ derne Jompers‐Zolljagdschiffe.  »Soviel zu der großen, bösen Bedrohung«, kommentierte Re‐ negat  Acht  geringschätzig.  »Die  können  wir  vermutlich  ganz  allein von hier verjagen.«  »Ich weiß nicht«, sagte Renegat Elf. »Irgendwer scheint sich  aber große Sorge um sie zu machen. Seht euch mal den plane‐ taren Rand an – das müssen so an die zwanzig Frachter sein,  die dort Schutz suchen.«  »Und noch mal hundert, die es nicht schaffen werden«, stell‐ te Renegat Sieben fest. »Da, an Backbord – die Frezhlix‐Flotte  hat ihnen den Weg abgeschnitten.«  »Ich  sehe  es«,  bestätigte  Renegat  Neun.  »Diese  gerissenen  kleinen  Mistkerle…  das  muß  die  jährliche  Schiffsladung  Pomm‐Womm‐Pflanzen sein.«  »Angriffsflotte der Frezhlix, hier spricht General Bel Iblis von  der Neuen Republik«, verkündete Bel Iblis’ Stimme. »Bitte er‐ klären Sie Ihre Absichten.«  »Ich bin Plarx«, schoß eine Stimme mit schwerem Akzent zu‐ rück.  »Ich  spreche  für  die  Frezhlix.  Unsere  Absichten  gehen  die  Neue  Republik  nichts  an.  Das  hier  ist  eine  Privatangele‐ genheit zwischen uns und den Sif’krics.«  »Ich fürchte, das kann ich nicht akzeptieren«, entgegnete Bel  Iblis. »Jede Aggression gegen ein Mitglied der Neuen Republik 

geht uns etwas an.«  »Dies  ist  keine  Aggression,  General  Bel  Iblis«,  konterte  der  Frezh.  »Wir  sind  eine  Delegation,  die  hierhergekommen  ist,  um das Wahlverhalten der Sif’krics hinsichtlich der Drashtine‐ Initiative zu erörtern.«  Es entstand eine Pause,  in  der  Bel  Iblis zweifellos  jemanden  nachsehen  ließ,  worum  es  sich  bei  der  Drashtine‐Initiative  handelte.  »Corran,  was  sind  das  für  Pomm‐Womm‐Pflanzen,  von denen Sie gesprochen haben?« fragte Wedge.  »Eine  Sorte  Heißwelt‐Sträucher,  die  auf  dem  inneren  Plane‐ ten des Systems wächst«, erwiderte Renegat Neun. »Man kann  daraus  ungefähr  acht  verschiedene  Arzneien  und  ungefähr  doppelt  so  viele  Nahrungsmittelaromen  gewinnen.  Das  Prob‐ lem  ist,  die  Pflanzen  müssen  binnen  dreißig  Stunden  nach  dem Abernten verarbeitet werden – sonst sind sie nutzlos.«  »Das  also  tun  die  Frezhlix«,  knurrte  Renegat  Sieben.  »Sie  müssen  nirgendwo  einmarschieren  oder  einen  langfristigen  Blockadering  etablieren.  Sie  müssen  lediglich  diese  Frachter  noch  ein  paar  Stunden  aufhalten  –  und  die  Sif’krics  verlieren  einen Haufen Geld.«  »Stellen  Sie  sich  ungefähr  zwanzig  Prozent  ihres  jährlichen  Bruttosozialprodukts  vor«,  warf  Renegat  Neun  ein.  »Wir  ha‐ ben  es  hier  mit  einem  ernsten  Wirtschaftskrieg  zu  tun.  Kein  Wunder, daß sie sich wie in Panik anhörten, als sie uns riefen.«  Der  Hauptkanal  erwachte  knisternd  wieder  zum  Leben.  »Sprecher Plarx, hier spricht General Bel Iblis. Ich habe mir die  Drashtine‐Initiative  angesehen,  und  ich  erkenne  darin  keinen  Anlaß für diese Art Konfrontation.«  »Dann  haben  Sie  nicht  genau  genug  hingesehen«,  brummte 

der  Frezh. »Die  Regierung der Sif’krics  hat die  entscheidende  Stimme abgegeben, die den Senator unseres Sektors daran ge‐ hindert hat, sich für die wachsende Verdammung der Bothan‐ Regierung sowie des Bothan‐Volkes auszusprechen.«  »Das war eine legale Abstimmung…«  »Die Entscheidung war falsch!« schnappte Plarx. »Wenn wir  zulassen, daß sich die Bothans ihrer angemessenen Bestrafung  entziehen,  werden  wir  damit  in  der  Zukunft  nur  weiteren  Greueltaten  wie  Caamas  Vorschub  leisten.  Der  Sif’kric‐ Regierung  muß  das  klargemacht  und  Gelegenheit  gegeben  werden, ihre Stimme zu ändern.«  »Eine  durchaus  praktische  Entschuldigung«,  murmelte  Re‐ negat Zwei.  »Gut  verpackt  in  Lokalpolitik  und  Erpressung,  aber  immer‐ hin ein Standpunkt«, murmelte Renegat Fünf.  »Ich habe Verständnis für Ihre Gefühle in dieser Sache«, sag‐ te Bel Iblis, »aber wir können auch nicht einfach zusehen und  ihnen  erlauben,  auf  diese  Weise  in  den  interstellaren  Handel  einzugreifen.«  »Stimmt nicht«, versetzte der Frezh. »Ich empfehle Ihnen, die  Bestimmungen der Neuen Republik für solche Fälle zu prüfen,  General Bel Iblis.«  Wieder  gab  es  eine  Pause.  »Er  hat  recht«,  sagte  Renegat  Zwölf  grimmig.  »Das  hier  ist  eine  innere  Angelegenheit  des  Systems, keine interstellare. Wir können nicht eingreifen, es sei  denn, wir werden offiziell dazu aufgefordert.«  »Was bedeutet, der Ball ist im Feld der hiesigen Regierung«,  knurrte  Renegat  Fünf.  »Was  denken  Sie,  Corran?  Sind  die  schnell genug, ihre Pflanzen zu retten?« 

»Keine Ahnung«, erwiderte Renegat Neun. »Aber ich wette,  die  Frezhlix  haben  sich  für  diese  Nummer  einen  Zeitpunkt  ausgesucht,  an  dem,  der  zuständige  Sif’kric‐Beamte  nicht  auf  dem Planeten weilt oder sonstwie unerreichbar ist.«  Der  interne  Kanal  klickte.  »Renegaten‐Geschwader,  hier  Bel  Iblis. Commander Horn?«  »Ja, Sir?« antwortete Renegat Neun.  »Man  hat  mir  zugetragen,  daß  Booster  Terrik  gewisse  Inter‐ essen in diesem Sektor verfolgt. Stimmt das?«  Es  entstand  eine  denkbar  kurze  Pause.  »Ja,  General,  so  ist  es.«  »Gehört  zu  diesen  Interessen  auch  gelegentlich  rechtmäßige  Schiffahrt? Sagen wir, wenn Bedarf besteht und die Bezahlung  hoch  genug  ist  –  so  wie  während  der  jährlichen  Pomm‐ Womm‐Transporte?«  Diesmal  fiel  das  Schweigen  länger  aus.  »Ich  habe  wirklich  keine  Ahnung«,  erwiderte  Renegat  Neun  dann,  offenbar  ver‐ wirrt.  »Ich  denke,  es  wäre  nur  vernünftig,  wenn  dem  so  wäre«,  fuhr  Bel  Iblis  fort.  »Wenn  wir  mal  davon  ausgehen,  glauben  Sie, daß einer der festgehaltenen Frachter da draußen ihm ge‐ hören könnte?«  Und  plötzlich  verstand  Wedge.  Der  legendäre  General  Bel  Iblis  würde  hiermit  fertig  werden.  Vielleicht.  »Haben  wir  IDs  von den Raumschiffen, General?« fragte er.  »Ich schicke Ihnen die Daten sofort rüber«, erwiderte Bel Ib‐ lis. »Commander Horn, sehen Sie sich das an, bitte.«  »Verstanden, Sir«, gab Renegat Neun zurück, dessen Stimme 

nicht länger verwirrt klang. Er hatte es also auch begriffen. »Ja,  der  Frachter,  der  als  Sycophant  Jolly  aufgerührt  ist  –  auf  der  anderen  Seite  des  Verbands  –,  ich  schätze,  das  könnte  die  Hoopsters Pranke sein, eines von Boosters Schiffen.«  »Verstehe«,  sagte  Bel  Iblis,  dessen  Stimme  unter  dem  Ge‐ wicht  seiner  offiziellen  Bedeutung  förmlich  bebte.  »Ich  aner‐ kenne  Ihre  vertraulichen  Umgang  mit  Captain  Terrik,  Com‐ mander, und ich bin mir der Tatsache bewußt, daß diese Sache  Ihnen persönlich peinlich ist. Aber Sie sind Offizier der Flotte  der Neuen Republik, und wir können und werden die Gesetze  gegen den Schmuggel für niemanden beugen.«  »Das verstehen wir, Sir«, sagte Wedge, der sich dem ernsten  Tonfall  anpaßte.  »Ich  bitte  um  Erlaubnis,  das  verdächtige  Raumschiff überprüfen zu dürfen.«  »Erlaubnis erteilt, Renegaten‐Geschwader«, erwiderte Bel Ib‐ lis.  »Achten  Sie  darauf,  nicht  aus  Versehen  mit  der  Frezhlix‐ Flotte aneinanderzugeraten.«  »Verstanden  Sir«,  antwortete  Wedge.  »Renegaten‐ Geschwader, schließen Sie sich mir in Formation an!«  Er  gab  Energie  auf  den  Antrieb  und  lenkte  den  X‐Flügler  vom Wanderfalken weg. »Sieht aus, als führte der direkte Weg  zur  Sycophant  Jolly  mitten  durch  die  Blockade‐Streitmacht  der  Frezhlix«, bemerkte Renegat Acht.  »Und  wir  wollen  denen  ganz  sicher  keine  Zeit  geben,  ir‐ gendwelche  Konterbande  abzuwerfen,  während  wir  einen  Umweg fliegen«, stimmte Renegat Neun zu.  »Ich  schätze,  dann  müssen  wir  durch  die  Blockade«,  schloß  Renegat  Zwei.  »Gebt  also  alle  acht,  daß  wir  niemanden  aus  Versehen beschießen.« 

»Paßt gut auf«, sagte Wedge. »Also los!«  Sie  hatten  sich  der  Frezhlix‐Flotte  bereits  bis  auf  halbe  Dis‐ tanz  genähert,  ehe  deren  nichtmenschlicher  Kommandant  plötzlich zu bemerken schien, was vorging. »General Bel Iblis,  was tun Ihre Sternjäger da?« wollte er wissen. »Sie haben kei‐ nerlei rechtliche Handhabe für einen Angriff auf meine Raum‐ schiffe.«  »Ihre Schiffe werden nicht angegriffen, Sprecher Plarx«, ver‐ sicherte  Bel  Iblis.  »Wir  haben  einen  der  Frachter,  die  hinter  ihrer  Delegation  warten,  als  Schmuggler  identifiziert,  der  un‐ ter falscher ID fliegt. Nach den Gesetzen der Neuen Republik  haben  wir  das  Recht,  jedes  derartige  Schiff  aufzubringen  und  die Ladung zu beschlagnahmen.«  Es  blieb  Wedge  unklar,  was  der  Frezhlix‐Kommandant  als  nächstes erwartete: Glaubte er, daß Bel Iblis vorhatte, die ver‐ derbliche  Ware  von  sämtlichen  hundert  Raumfrachtern  auf  den  Wanderfalken  zu  transferieren,  oder  daß  er  einfach  alle  Transporter  als  verdächtig  deklarieren  und  darauf  bestehen  würde,  sie  für  eine  angemessene  Durchsuchung  auf  den  Pla‐ neten  zu  eskortieren.  Aber  was  er  auch  erwarten  mochte,  er  griff mit  beiden  Händen nach der falschen Schlußfolgerung  –  und  damit  nach  dem  Köder.  »Nein!«  rief  Plarx.  »Sie  werden  nicht  näher  kommen.  Hören  Sie?  Sie  werden  nicht  näher  kommen…!«  »Sie  können  uns  nicht  aufhalten«,  warf  Wedge  ein.  »Gehen  Sie uns aus dem Weg – wir kommen jetzt durch.«  »Nein!«  brüllte  der  Frezh.  Dann  waren  die  Laute  einer  fau‐ chenden kehligen Sprache zu hören, und im nächsten Moment  brach  die  Komverbindung  ab.  Wedge  atmete  tief  durch  und 

machte sich bereit…  …  und  plötzlich  eröffneten  die  Battlewagons  der  Frezhlix  das Feuer.  »Ausweichmanöver!«  bellte  Wedge  und  drehte  den  X‐ Flügler hart nach steuerbord, als die Laserblitze vorüberzuck‐ ten.  Einer  der  Feuerstöße  riß  ihm  fast  das  obere  Backbord‐ triebwerk ab. Darauf folgten weitere gutturale Fauchlaute, und  eine  neue  Salve  Laserfeuer  schoß  vorüber.  »Renegaten!  Neu  formieren«, rief Wedge. »Zurück zur Flotte!« Er drehte die Na‐ se  seiner  Maschine,  tauchte  unter  einem  letzten  Aufblitzen  feindlicher Laser hindurch und flog zum Wanderfalken zurück.  Doch  die Dreadnaught war nicht  mehr da. Sie bewegte  sich  mit dem Rest der Flotte der Neuen Republik entschlossen auf  die Blockade‐Streitmacht der Frezhlix zu, wobei die Schiffe die  Lieblingsschlachtformation des Generals bildeten.  Etwas,  das  sich  wie  ein  heiserer  pfeifender  Schrei  anhörte,  drang  aus  dem  Komsystem.  »Flotte  der  Neuen  Republik«,  knurrte der Frezhlix‐Kommandant dann. »Was haben Sie vor?  Sie haben kein Recht, gegen mich vorzugehen.«  »Ganz  im  Gegenteil,  Sprecher  Plarx«,  entgegnete  Bel  Iblis,  dessen  Stimme  mit  einem  Mal  messerscharf  war.  »Ich  habe  jedes Recht dazu. Sie haben soeben das Feuer auf Raumschiffe  der  Neuen  Republik  eröffnet.  Kapitulieren  Sie  ohne  Verzug  oder bereiten Sie sich auf Ihre Vernichtung vor.«  »Ich  protestiere«,  ächzte  Plarx.  »Ihre  Schiffe  haben  unserer  Selbstverteidigung provoziert.«  »Letzte  Chance,  Sprecher«,  entgegnete  Bel  Iblis.  »Kapitulie‐ ren Sie. Oder stellen Sie sich den Konsequenzen.«  Wieder  gutturales  Palaver;  und  als  die  Renegaten  den  Wan‐

derfalken erreichten und  einen  Bogen schlugen, um  wieder  ih‐ ren  Platz  in  der  Schlachtordnung  einzunehmen,  sah  Wedge,  daß die Frezhlix‐Raumer die Blockade aufgaben und ihre Ge‐ schütze auf die sich nähernde Flotte der Neuen Republik rich‐ teten.  Wedge  fragte  sich  flüchtig,  ob  Bel  Iblis  wohl  so  gnädig  sein würde, sich in Zurückhaltung zu üben, da er die Blockade  gebrochen hatte, oder ob er darauf bestehen würde, die Frezh‐ lix für ihre Aktion bezahlen zu lassen.  Plarx  traf  selbst  die  Entscheidung.  Mit  einer  ehrfurchtgebie‐ tenden  Explosion  von  Laserfeuer  eröffneten  die  beiden  Kruk‐ Battlewagons  den  Kampf,  während  die  Jompers‐Jagdschiffe  einen  Satz  nach  vorne  machten,  um  den  heransausenden  X‐ Flüglern zu begegnen.  »Streitkräfte  der  Neuen  Republik«,  sagte  Bel  Iblis  kalt.  »Eröffnen Sie das Feuer nach eigenem Gutdünken!«    »Die  Regierung  der  Frezhlix  hat  mir  eine  scharfe  Protestnote  wegen  Ihrer  Handlungsweise  vor  wenigen  Stunden  zukom‐ men lassen«, drang Admiral Ackbars schroffe Stimme aus den  Lautsprechern  des  Wanderfalken.  »Sie  behaupten,  Sie  hätten  einen  unprovozierten  Angriff  auf  eine  friedfertige  Delegation  durchgeführt.«  Wedge,  der  in  respektvoller  Entfernung  vom  Sessel  des  Ge‐ nerals  stand,  suchte  und  fand  Corran  Horns Aufmerksamkeit  und  verdrehte  in  einer  stummen  Geste  des  Widerwillens  die  Augen. Der andere verzog zustimmend das Gesicht.  »Ganz im Gegenteil«, teilte Bel Iblis Ackbar mit. »Was sie ta‐ ten, war eine eindeutige Verletzung des freien Handels. Abge‐ sehen davon haben sie zuerst angegriffen.« 

»Die Frezhlix stellen es aber ganz anders dar«, kollerte Ack‐ bar. »Sie sagen, Sie hätten die Befugnisse der Neuen Republik  klar überschritten.«  »Sicher sagen die das«, erwiderte Bel Iblis. »Wollen Sie, daß  ich mich einem Verhör stelle?«  »Seien Sie nicht albern, General«, versetzte Ackbar, und zum  ersten  Mal  seit  Beginn  der  Unterredung  schien  es  Wedge,  als  hätte  sich  die  Stimme  des  Mon  Cal  ein  wenig  beruhigt.  »Wir  brauchen  alle  guten  Kommandeure,  die  wir  kriegen  können,  und ich bezweifle auch gar nicht, daß die Frezhlix diese Lekti‐ on verdient haben. Sie sagen, unter den übrigen Transportern  befand sich ein Schmugglerschiff?«  Bel Iblis warf Corran einen Blick zu, und der nickte. »Ja, Sir,  ohne Frage«, bestätigte der General. »Eines aus Booster Terriks  Armada.  Die  Sif‘kric‐Behörden  haben  das  Schiff  beschlag‐ nahmt und durchsuchen es gegenwärtig auf Konterbande.«  »Die Aussprache, die in der nächsten Zukunft auf der Errant  Venture stattfinden wird, kann ich mir lebhaft vorstellen«, sag‐ te  Ackbar,  dessen  Stimme  einen  etwas  sonderbaren  Tonfall  annahm.  Die  Mon  Calamari  hegten  einen  alten  Groll  gegen  den Schmuggel und die Schmuggler, und der Admiral konnte  dem,  was  vorgefallen  war,  ohne  Zweifel  eine  gewisse  poeti‐ sche  Ironie  abgewinnen.  »Wenngleich  die  Rechtmäßigkeit  Ih‐ res  Verhaltens  getrübt  wird,  falls  sich  keine  Konterbande  an  Bord findet.«  »Die Bestimmungen scheren sich nicht darum, ob die Durch‐ suchung  etwas  ergibt  oder  nicht«,  erinnerte  ihn  Bel  Iblis.  »Oder  wollen  Sie  damit  sagen,  daß  Präsident  Gavrisom  viel‐ leicht nicht zu demselben Schluß gelangen würde?« 

»Der  Präsident  ist  an  gewisse  diplomatische  und  politische  Zwänge gebunden«, entgegnete Ackbar. »Aber ich bin sicher,  er wird Ihren Bericht über diesen Zwischenfall lesen, bevor er  ein Urteil fällt. Trotzdem schlage ich vor, daß Sie Ihre Patrouil‐ le abkürzen und zurückkehren…«  Plötzlich  überlagerte  ein  Kreischen  die  Verbindung,  dann  brach sie ganz ab. »Komstation, was ist da los?« wollte Bel Ib‐ lis wissen.  »Das Problem liegt nicht auf unserer Seite, General«, meldete  eine neue Stimme. »Es scheint, daß der Träger des HoloNetzes  unterbrochen wurde.«  Bel Iblis warf Wedge und Corran einen Blick zu. »Schwierig‐ keiten auf Coruscant?« fragte er den Komoffizier.  »Ich  weiß  es  nicht,  Sir.  Ich  überprüfe  die  übrigen  Relais…  Nein, Sir, es ist nicht Coruscant. Sieht so aus, als wäre das Re‐ lais bei Mengjini ausgefallen.«  »Sir,  wir  fangen  einen  allgemeinen  Alarm  im  Sekundärnetz  auf«,  warf  eine  neue  Stimme  ein.  »Das  Relais  bei  Mengjini  wurde angeblich von einer kleinen Gruppe – Zitat, abtrünniger  Elemente, Zitat Ende – angegriffen.«  »Verstanden«,  sagte  Bel  Iblis.  »Navigation,  berechnen  Sie  den schnellsten Weg nach Mengjini; Komstation, leiten Sie den  Alarm an alle Streitkräfte und Stützpunkte der Neuen Repub‐ lik in der Umgebung weiter. Teilen Sie ihnen mit, daß wir dor‐ thin fliegen und um Verstärkung bitten.«  Er erhielt die Bestätigungen und wandte sich wieder Wedge  und Corran zu. »Anscheinend müssen Ihre Berichte noch war‐ ten«, sprach er. »Kehren Sie zu Ihrem Geschwader zurück und  bereiten Sie sich auf den Start vor.« 

»Nicht gut«, schnaufte Corran, während sie durch den unte‐ ren  Korridor  des  Wanderfalken  zu  ihren  Landebuchten  liefen.  »Wenn sie schon anfangen, mit der Langstreckenkommunika‐ tion herumzuspielen, weiß man, daß sie es ernst meinen.«  »Wir haben keine Beweise dafür, daß diese Gruppe namens  Vergeltung  dafür  verantwortlich  ist«,  machte  Wedge  deutlich  und bog um einen Dresselianer, der über eine geöffnete Schalt‐ tafel gebeugt stand.  »Vielleicht nicht«, gab der andere zurück. »Aber ich habe die  Vergeltung gar nicht erwähnt. Du hast selbst sofort an sie ge‐ dacht.«  Wedge  verzog  das  Gesicht.  »Ja«,  stimmte  er  zu.  »Das  habe  ich wohl, wie?«  »Ja«,  sagte  Corran.  »Und  du  glaubst  auch,  daß  tödliche  Un‐ ruhen, unverhohlene interplanetare Überfälle und neuerdings  Beschädigungen  der  Langstreckenkommunikation  weit  über  ein paar Fanatiker hinausgehen, die gegen die Beteiligung der  Bothans an dem Überfall auf Caamas protestieren.«  »Ja«, pflichtete Wedge ihm ohne Umschweife bei. »Ich kann  es kaum abwarten zu erleben, was als nächstes geschieht.« 

19. Kapitel    »Sehen Sie sich das an und weinen Sie«, sagte Lando und legte  seine  Sabacc‐Karten  auf  den  Tisch.  »Dreiundzwanzig  –  ein  astreiner Sabacc.«  »Interessant«,  murmelte  Senator  Miatamia,  dessen  lederarti‐ ges  diamalanisches  Gesicht  undurchschaubar  blieb,  während  er  das  eigene  Blatt  studierte.  »Ich  nehme  an,  Ihre  Bemerkung  über das Weinen bezieht sich nicht wörtlich auf einen Teil des  Spiels, so wie Sie es spielen. Ein astreiner Sabacc, sagen Sie?«  »Ja«, nickte Lando. Ein unbehagliches Kribbeln fuhr ihm ins  Genick. Der Senator hatte diese dramatische Pause angesichts  des  Sabacc‐Topfs  bei  genau  fünf  von  acht  kompletten  Durch‐ gängen  eingelegt,  die  sie  seit  dem  überstürzten  Abflug  der  Glücksdame von Cilpar gespielt hatten. Bei fünf Spielen, die der  Senator außerdem auch noch gewonnen hatte.  »Unglücklicherweise«, sagte Miatamia und legte seine Chip‐ karten beinahe anmutig auf den Tisch, »habe ich eine Narren‐ hand. Ich glaube, das ist höher?«  »Ja,  das  ist  höher«,  gab  Lando  zurück  und  schüttelte  ange‐ widert  den  Kopf.  Das  waren  jetzt  sechs  von  neun.  »Ich  kann  nicht  glauben,  daß  Sie  dieses  Spiel  noch  nie  professionell  ge‐ spielt haben«, grummelte er und machte sich daran, die Karten  aufzuheben.  Der  Diamala  schnippte  mit  den  Fingern  in  der  Luft.  »Sie  glauben  doch  nicht  wirklich,  daß  wir  Diamala  unser  gewalti‐ ges Finanz‐ und Wirtschaftsimperium allein mit dem Common 

sense und harter Arbeit aufgebaut haben. Oder doch?«  Lando  hielt  inne,  die  Hälfte  der  Karten  lag  noch  auf  dem  Tisch,  und  faßte  den  Senator  mißtrauisch  ins  Auge.  Wollte  er  damit andeuten…?  Nein, natürlich nicht. Lächerlich. »Das war ein Witz, nicht?«  »Selbstverständlich«,  antwortete  Miatamia  und  schnippte  abermals  mit  den  Fingern.  »Common  sense  und  harte  Arbeit  sind  schließlich  alles,  was  jedes  Wesen  oder  jede  Spezies  braucht,  um  erfolgreich  zu  sein.  Glück  ist  bloß  eine  Illusion,  auf  das  sich  die  Unwissenden  verlassen  und  dem  die  Narren  nachjagen.«  Lando unterdrückte mühsam einen Anflug von Ärger. Seine  Tage als Profispieler lagen lange zurück, doch die offensichtli‐ che  Geringschätzung  des  Diamala  wurmte  ihn  trotzdem  ein  wenig. »Mit anderen Worten, wenn man bloß clever genug ist,  kann niemals etwas geschehen, das nicht vorhersehbar wäre?«  »Natürlich  kann  etwas  Unvorhersehbares  geschehen«,  erwi‐ derte  Miatamia.  »Aber  wer  darauf  vorbereitet  ist,  wird  sich  stets darauf einstellen können.«  »Ganz  allein?«  Lando  ließ  nicht  locker.  »Ohne  jemals  Hilfe  zu brauchen?«  »Vielleicht  doch«,  antwortete  der  Diamala  unbewegt.  »Aber  das  Bedürfnis  nach  Hilfe  vorherzusehen,  ist  ja  auch  nur  ein  weiterer Bestandteil des Common sense.«  »Ah«, sagte Lando nickend. »Mit anderen Worten, die Tatsa‐ che,  daß  ich  die  Notwendigkeit  zusätzlicher  Bewachung  für  meine  Erztransporte  erkannt  habe,  bedeutet,  daß  ich  über  ei‐ nen gut funktionierenden Verstand verfüge?« 

»Kann  sein«,  stimmte  Miatamia  zu.  »Es  könnte  aber  auch  bedeuten…«  Und  im  nächsten  Augenblick  zerfaserte  der  gesprenkelte  Himmel  über  ihnen  mit  einem  lauten  Krachen  freigesetzter  Energie,  das  aus  der  Richtung  des  Hyperantriebs  der  Glücks‐ dame kam, zu Sternlinien.  Lando  hatte  das  obere  Ende  der  Wendeltreppe  bereits  er‐ reicht,  als  die  Sternlinien  zu  Sternen  zusammengeschrumpft  waren. »Was ist los?« wollte Miatamia hinter ihm wissen.  »Der Hyperantrieb hat versagt«, rief Lando über die Schulter  zurück,  während  er  die  Stufen  hinabrannte.  Wenn  eine  der  Kupplungen  ausgefallen  war,  mußte  er  die  Energie  umleiten,  ehe deren Fluß instabil wurde und alles andere in dem Schalt‐ kreis ausbrannte. Unter heraufziehenden Visionen von größe‐ ren Reparaturarbeiten hier draußen in der Mitte von nirgend‐ wo  –  Reparaturarbeiten,  die  ihn  bei  seinem  diamalanischen  Gast  auch  nicht  eben  beliebt  machen  würden  –  flitzte  Lando  quer  durch  den  Speisesaal,  vorbei  an  den  Kabinen  und  kam  vor den Kontrollkonsolen der Antriebssektion schlitternd zum  Stehen.  Er  runzelte  die  Stirn.  Keine  leuchtenden  roten  Lampen,  die  das  Versagen  wichtiger  Systeme  angezeigt  hätten,  nicht  mal  die blinkenden roten Statuslinien, die auf ausgefallene Subsys‐ teme hinwiesen. Den Anzeigen zufolge war der Sturz aus dem  Hyperraum  lediglich  die  automatische  Reaktion  auf  die  An‐ näherung  an  einen  Planeten.  Aber  es  gab  einen  entsprechen‐ den Eintrag im Logbuch, nach dem der ständige Abgleich ih‐ res  Kurses  mit  dem  Navcomputer  keinen  Hinweis  darauf  er‐ geben hatte, daß zur Zeit irgendwelche Planeten in Reichweite 

wären…  »Oh, nein«, japste Lando, sprang die paar Stufen hinauf und  schlug auf den Öffnungsmechanismus des Schotts zur Brücke.  Das Schott glitt zur Seite, und er trat ein.  Und da war er auch schon, schwebte stumm in der Dunkel‐ heit direkt vor ihm: der allzu vertraute Umriß eines imperialen  Sternzerstörers.  Er unterdrückte einen Fluch,  stürzte sich auf  die  Steuerkon‐ sole, wobei er en passant die Reihe Notschalter für die Zusatz‐ energie umlegte. Er ließ sich in den Pilotensitz fallen, gab volle  Kraft auf den Antrieb und schwenkte die Nase der Yacht hart  nach steuerbord.  Oder versuchte dies zumindest. Doch die Glücksdame beweg‐ te sich nicht mal bei voller Notfallenergie von der Stelle.  Oder besser, sie bewegte sich nicht dahin, wo Lando sie ha‐ ben wollte.  »Wir hängen an einem Traktorstrahl«, erklärte die unterkühl‐ te Stimme des Senators hinter ihm.  »Das  ist  mir  auch  schon  aufgefallen«,  sagte  Lando  knapp  und lenkte  das  Schiff  in ein scharfes  wippendes  Auf  und Ab.  Wenn  der  Operateur  am  Traktorstrahl  glaubte,  sein  Ziel  ver‐ suche  sich  vertikal  davonzumachen,  so  überkompensierte  er  vielleicht und erlaubte es der Yacht so, der Umklammerung zu  entschlüpfen.  Aber  so  viel  Glück  hatten  sie  nicht.  »Schnallen  Sie  sich  an«,  befahl Lando Miatamia, ließ den Traktor die letzten Schaukel‐ bewegungen  der  Yacht  ersticken  und  sah  sich  rasch  um.  Die  Imperialen mußten irgendwo hier draußen einen Kreuzer der  Abfang‐Klasse  haben…  ja,  da  war  er,  weit  draußen  an  Back‐

bord, seine Nase zeigte in Richtung der Glücksdame.  Doch  nicht  ganz  genau  in  ihre  Richtung.  Genaugenommen  wies  der  projizierte  Kegel  der  Gravitationswellen,  die  jeden  Hyperantrieb außer Kraft setzten, nicht einmal annähernd auf  das Zentrum des Tauziehens, das hier draußen stattfand. Falls  es Lando gelang, sich aus dem Traktorstrahl zu befreien, hatte  er auch eine Chance, an den Rand des Kegels zu gelangen und  zu  entkommen,  ehe  der  Sternzerstörer  die  Umklammerung  wieder schließen konnte.  Falls.  »Rufen  Sie  Ihren  Berater  über  Interkom  und  sagen  Sie  ihm, er soll sich anschnallen«, wandte er sich an den Senator.  Die Glücksdame hatte noch einen Trumpf im Ärmel, ein kleines  Extra,  zu  dessen  Einbau  Lando  eine  von  Lukes  Heldentaten  vor einigen Jahren inspiriert hatte. Er gab Energie auf den zu‐ sätzlichen Protonentorpedowerfer, rief einen Torpedo der Stu‐ fe drei auf und feuerte.  Der  Torpedo  schoß  unter  dem  Bug  der  Yacht  hervor,  be‐ schleunigte rasch, während der Traktorstrahl an dem Projektil  zerrte. Etwas an Landos Kontrollkonsole flackerte auf, als eine  der  Turbolaser‐Batterien  des  Sternzerstörers  den  Torpedo  ins  Fadenkreuz nahm…  Und  dann  explodierte  er  –  nicht  weiter  als  zwanzig  Meter  vor der Glücksdame.  Er explodierte nicht in einem zerstörerischen Feuerball, son‐ dern in einer funkelnden Wolke reflektierender Partikel. Parti‐ kel,  die  –  zumindest  in  der  Theorie  –  die  Sperre  des  Traktor‐ strahls durcheinanderbringen und den Strahl komplett binden  sollten, so daß er freikommen konnte.  Und es funktionierte. Die Raumyacht erschauerte einen Mo‐

ment und machte einen Satz, als der unsichtbare Griff sich mit  einem Mal löste. »Festhalten!« rief Lando und riß die Nase des  Schiffs  brutal  herum.  Falls  er  sich  auf  Lukes  Erfahrung  mit  dem  Verhüllungstrick  verlassen  konnte,  so  blieben  ihm  nur  Sekunden, um an den Rand des Masseschattenkegels des Ab‐ fangkreuzers  zu  gelangen,  ehe  die  Imperialen  wieder  zu  sich  kamen und zu schießen begannen.  Doch noch während die Glücksdame ihr Wendemanöver ein‐ leitete,  blitzte  hinter  der  Partikelwolke  zwischen  Lando  und  dem Sternzerstörer eine Explosion aus Licht auf. Er fand gera‐ de  genug  Zeit,  um  zu  erkennen,  wie  sich  die  glitzernden  ref‐ lektierenden Partikel in stumpfe, nicht reflektierende schwarze  verwandelten.  Und nach einem weiteren Aufblitzen war die Yacht abermals  in einem Traktorstrahl gefangen.  »Und was nun?« fragte Miatamia.  »Wir können nur noch eines tun«, teilte ihm Lando mit, des‐ sen  Magen  sich  zusammenzog,  als  er  den  Sublichtantrieb  der  Glücksdame drosselte. »Wir ergeben uns.«    Sechs  Sturmtruppler  gingen  vor  ihnen,  stapften  in  perfektem  Gleichschritt in drei Reihen zu je zwei Soldaten einher. Hinter  ihnen  schritten  Miatamia  und  sein  Berater,  die  nicht  einmal  versuchten, ihre leiseren Schritte dem Marschrhythmus anzu‐ passen. Lando, der auf eine dunkle Art froh darüber war, eine  weniger  auffällige  Position  im  Hintergrund  einzunehmen,  ging hinter den beiden Diamala.  Nicht, daß ihm diese Position irgend etwas eingebracht hät‐ te. Denn hinter ihm marschierten sechs weitere Sturmtruppler, 

die die Nachhut bildeten.  Abgesehen von einem knappen »Folgen Sie  uns!« des Kom‐ mandanten  der  Sturmtruppen  war  zwischen  den  Gefangenen  und  ihren  Häschern  kein  Wort  gefallen.  Aber  Lando  war  be‐ reits an Bord von mehr als nur einem Sternzerstörer gewesen,  daher brauchte er weder eine Einladung noch einen Lageplan,  um zu wissen, daß sie auf das Deck der Führungsoffiziere es‐ kortiert  wurden.  Womöglich  in  das  Nervenzentrum  der  Ge‐ heimdienstoffiziere; oder sogar in den Dienstbereich des Cap‐ tains höchstpersönlich.  Es war ihm nicht gelungen, die Kennung des Raumschiffs zu  entziffern, bevor die Glücksdame in den klaffenden Hangar ge‐ zogen  worden  war,  und  er  hoffte  gegen  jede  Vernunft,  daß  dies  alles  ein  einziger  großer  Streich  war,  der  ihm  mit  einem  der von der Neuen Republik erbeuteten Sternzerstörer gespielt  wurde. Doch mit jedem weiteren Schritt, mit jedem imperialen  Offizier  oder  Mannschaftsgrad,  der  respektvoll  beiseite  trat,  um  den  Sturmtruppen  Platz  zu  machen,  schmolz  diese  Hoff‐ nung weiter dahin.  Es  schien  eine  Ewigkeit  zu  dauern,  doch  schließlich  hielten  sie  vor  einer  Tür,  die  schlicht  mit  BÜRO  DES  ZWEITEN  OFFIZIERS gekennzeichnet war. »Sie werden erwartet«, sagte  der Commander hinter Lando, während die führenden Sturm‐ truppler einen Halbkreis um die Tür bildeten. »Treten Sie ein.«  »Danke«,  erwiderte  Miatamia,  dessen  Stimme  geradezu  un‐ möglich  gelassen  klang.  Die  Tür  ging  auf,  und  ohne  Zögern  marschierten  die  beiden  Diamala  hinein.  Lando  folgte  wider‐ strebend…  … und stieß beinahe gegen Miatamias Rücken, als die beiden 

Nichtmenschen  plötzlich  mit  einem  Ruck  stehenblieben.  Lan‐ do  fing  sich,  spähte  zwischen  ihnen  hindurch  und  versuchte  zu erkennen, was ihnen einen solchen Schrecken eingejagt hat‐ te.  Der  Raum  war nur spärlich eingerichtet;  es  gab  kaum  mehr  als  einige  taktische  Bildschirme  sowie  einen  Doppelring  aus  Repetierdisplays, die einen Kommandosessel in der Mitte um‐ gaben.  Neben  dem  Sessel  stand  ein  Mann  mit  harten  Ge‐ sichtszügen, der die Insignien eines Majors trug.  Und aus dem Sessel erhob sich in aller Ruhe…  Lando  spürte,  wie  sich  ihm  das  Herz  in  der  Brust  dehnte.  Nein. Nein, das war ganz unmöglich.  Aber das war es nicht.  »Guten Tag, meine Herren«, sagte Großadmiral Thrawn und  winkte  ihnen.  »Ich  entschuldige  mich  hiermit  für  die  etwas  informelle Art und Weise, wie man Sie hergebracht hat. Bitte,  treten Sie ein.«  Der  Moment  des  Schreckens  schien  nicht  enden  zu  wollen,  während Lando, vor Entsetzen wie gelähmt, weiter dieses Ge‐ sicht  anstarrte.  Das  konnte  nicht  sein.  Großadmiral  Thrawn  war tot. Er war tot. Er mußte einfach tot sein.  Und doch war er hier. Und sehr lebendig.  Niemand  hatte  sich  bisher  bewegt.  »Bitte,  treten  Sie  doch  ein«,  wiederholte  der  Großadmiral;  doch  diesmal  mit  einem  Unterton von Befehlsschärfe in der Stimme.  Miatamia  rührte  sich  und  trat  weiter  vor,  und  seine  Bewe‐ gung schien auch die Paralyse seines Beraters zu lösen. Lando  folgte  stumpf,  und  während  er  dies  tat,  bemerkte  er,  daß  die 

Sturmtruppler hinter ihnen nachrückten.  »Das ist weit genug«, rief der Major rauh, als Miatamia sich  dem  äußeren  Displayring  auf  drei  Meter  genähert  hatte.  »Wurden sie entwaffnet?«  »Niemand  von  ihnen  trug  irgendwelche  Waffen  bei  sich«,  meldete der Konimandant der Sturmtruppen. Drei von ihnen,  so  sah  Lando,  waren  näher  getreten,  um  eine  flankierende  Säule  entlang  ihrer  Rechten  zu  bilden;  ein  kurzer  Blick  über  die  Schulter  bestätigte  ihm,  daß  der  Kommandant  und  die  beiden  übrigen  Soldaten  sich  an  der  Wand  hinter  ihnen  ver‐ teilt hatten. Eine einfache und doch effektive Aufstellung, die  für perfekte Überwachung sorgte.  »Ja,  sie  behalten  Sie  genau  im  Auge,  Captain  Calrissian«,  nickte Thrawn. »Nach den unerfreulichen Ereignissen bei Bilb‐ ringi  habe  ich  besonderen  Vorsichtsmaßnahmen  zugestimmt.  Das  heißt  natürlich  nicht,  daß  ich  Schwierigkeiten  von  Ihrer  Seite erwarte.«  »Na klar«, sagte Lando und wandte sich zu ihm um. Das war  natürlich ein Trick. Es konnte gar nichts anderes sein. Thrawn  war tot. Das Imperiale Oberkommando hatte das selbst bestä‐ tigt.  Und doch…  »Sie  sehen  bemerkenswert  gut  aus,  Admiral«,  stellte  Miata‐ mia  fest. »Das  muß  ich angesichts der Überraschung, Sie hier  zu sehen, schon sagen.«  Thrawn  lächelte  dünn.  »Mein  Wiedererscheinen  hat  schon  viele andere überrascht, Senator Miatamia – und wird in naher  Zukunft noch viele mehr überraschen. Nun, ich habe Sie nicht  bloß  an  Bord  gebeten,  um  mit  mir  auf  meine  Gesundheit  an‐

zustoßen. Der eigentliche Grund…«  »Wie haben Sie das Gefecht bei den Bilbringi‐Schiffswerften  überlebt?«  platzte  Lando  heraus.  »Nach  den  imperialen  Be‐ richten wären Sie tot.«  »Sie werden den Großadmiral nicht unterbrechen«, schnapp‐ te der Major und machte einen Schritt auf Lando zu.  »Friede,  Major«,  sagte  Thrawn  ruhig  und  stoppte  den  Vor‐ stoß des anderen mit einer fast nachlässigen Geste. »Unter die‐ sen Umständen ist ein gewisses Maß an Erschrecken durchaus  verständlich.«  »Seine  Frage  haben  Sie  damit  noch  nicht  beantwortet«,  fiel  Miatamia ein.  Es kam Lando so vor, als würde der leise Hauch eines alten  Schmerzes  einen  Moment  lang  das  Gesicht  des  Großadmirals  berühren. »Mein Überleben habe ich der einzigartigen Kombi‐ nation  unterschiedlicher  Faktoren  zu  verdanken«,  erklärte  er  dann.  »Sie  werden  mir  vergeben,  wenn  ich  Ihnen  die  Einzel‐ heiten vorenthalte.«  »Aber  Ihre  eigenen  imperialen  Berichte…«,  wiederholte  Lando.  »In den imperialen Berichten stand nur, was ich für die Ver‐ öffentlichung freigab«, antwortete Thrawn, dessen Augen vor  Verärgerung zu blitzen begannen. »Es war notwendig, da ich  herausfand…«  Er  unterbrach  sich.  »Vielleicht  habe  ich  Sie  falsch eingeschätzt, Captain«, fuhr er dann fort. Seine Stimme  war  wieder  beherrscht.  »Und  Sie,  Senator…  ich  nahm  an,  wenn Sie einem Wesen begegnen, das aus dem Reich der To‐ ten zurückgekehrt ist, würden Sie sich mehr für das interessie‐ ren, was es zu sagen hat, als für die Einzelheiten seiner Reise. 

Mein  Fehler.«  Sein  Blick  ging  kurz  über  Landos  Schulter  hin‐ weg. »Commander, geleiten Sie sie auf ihr Raumschiff zurück.  Major,  lassen  Sie  den  Geheimdienst  den  gegenwärtigen  Auf‐ enthaltsort des Ishori‐Senators Dx’ono feststellen.«  »Wir  bitten  um  Verzeihung,  Großadmiral«,  sagte  Miatamia  eilig, als die Sturmtruppen herantraten. »Wie Sie schon sagten,  wir  waren  einen  Moment  schockiert.  Doch  jetzt  werden  wir  zuhören.«  Thrawn hob eine Hand, und die sich nähernden Sturmtrup‐ pen  hielten  inne.  »Sehr  schön«,  sagte  er.  »Meine  Botschaft  ist  denkbar einfach, Senator. Sie haben vor kurzem erfahren, daß  eine  Gruppe  Bothans  in  den  versuchten  Genozid  auf  Caamas  verwickelt  war.  Ich  bin  hier,  um  meine  Unterstützung  dabei  anzubieten, diese Schuld zu tilgen.«  Miatamia legte seinen Kopf schief, als lausche er auf ein fer‐ nes schwaches Geräusch. »Verzeihung?«  »Sie  haben  mich  schon  richtig  verstanden«,  versicherte  Thrawn ihm, und wieder spielte das dünne Lächeln um seine  Lippen. »Ich will helfen.«  Miatamia drehte den Kopf, um Lando einen Blick zuzuwer‐ fen, dann wandte er sich wieder um. »Wie?«  »Natürlich, indem  ich die Schuldigen  identifiziere«,  gab der  Großadmiral  zurück.  »Wenn  Präsident  Gavrisom  diese  Krise  wirklich  beilegen  will,  muß  er  mich  nur  um  Unterstützung  bitten. Ein Besuch auf Bothawui, ein paar Minuten mit jedem  der Bothan‐Clanführer, und ich kenne die Wahrheit.«  Miatamia  legte  abermals  den  Kopf  schief.  »Die  Bothan‐ Führer  behaupten,  Sie  wüßten  nicht,  wer  von  ihnen  in  das  Verbrechen verstrickt war.« 

»Oh, kommen Sie, Senator«, warf Thrawn mit düsterer, kal‐ ter  Stimme  ein.  »Erwarten  Sie  denn  wirklich,  daß  die  irgend  etwas anderes sagen?«  Miatamia schien verunsichert. »Und Sie glauben, Sie könnten  allein durch ein Gespräch mit Ihnen die Wahrheit erfahren?«  Die glühenden roten Augen funkelten. »Ja.«  Es entstand eine kurze Pause. »Wäre es denn nicht viel einfa‐ cher  für  Sie,  bloß  die  entsprechenden  imperialen  Aufzeich‐ nungen zu lokalisieren und diese an uns zu übergeben?«  »Selbstverständlich wäre es das«, entgegnete Thrawn.  »Und  eine solche Suche ist bereits im Gange, aber die imperiale Bib‐ liothek  auf  Bastion  ist  ziemlich  umfangreich,  und  es  könnte  Wochen oder sogar Monate dauern, bis wir soweit wären.« Er  zog  eine  blauschwarze  Braue  in  die  Höhe.  »Und  ich  glaube  nicht, daß Sie so viel Zeit haben.«  »Sie  scheinen  davon  überzeugt,  daß  die  Neue  Republik  vor  einer  ernsten  Krise  steht«,  sagte  Miatamia.  »Aber  wir  haben  bereits mehrere solcher Krisen überstanden.«  »Ihr Selbstvertrauen ist bewundernswert«, bemerkte Thrawn  und  lehnte  sich  weich  in  seinen  Sitz  zurück.  »Doch  ich  rate  Ihnen, mein Angebot an die Führer der Neuen Republik wei‐ terzuleiten, ehe sie es vorschnell und einseitig ablehnen.«  »Ich  habe  niemals  behauptet,  daß  ich  Ihr  Angebot  ablehne,  Großadmiral«, erwiderte Miatamia.  Thrawn lächelte. »Nein, natürlich haben Sie das nicht«, sagte  er;  sein  Ton  klang  weit  wissender,  als  Lando  angenehm  war.  »Ich wünsche nichts weiter, als diese Diskussion fortzusetzen,  Senator  –  es  ist  lange  her,  seit  ich  das  Vergnügen  hatte,  mit  einem ausgebildeten diamalanischen Verstand zu debattieren. 

Aber  es  gibt  andere  Angelegenheiten,  um  die  ich  mich  küm‐ mern muß, und Sie müssen eine Botschaft überbringen. Com‐ mander,  bringen  Sie  sie  zu  Ihrem  Schiff  zurück.  Auf  Wieder‐ sehen Senator, Captain.«  »Eine  Frage,  Admiral,  wenn  Sie  gestatten«,  warf  Lando  schnell  ein,  als  die  Sturmtruppen  sich  ihm  von  hinten  näher‐ ten.  Seine  Gehirnwindungen  tauten  endlich  wieder  auf;  und  falls das hier ein Trick war, so mochte sich ihnen hier die ein‐ zige  Chance  bieten,  ihn  aufzudecken.  »Ich  habe  Sie mal  gese‐ hen, aus einiger Entfernung – Sie befanden sich in Gesellschaft  des Schmugglers Talon Karrde. Können Sie mir sagen, wo das  war und weshalb Sie dort waren?«  Thrawns Gesicht verhärtete sich. »Falls dies ein Test ist, Cap‐ tain, so haben Sie die Bezugsperson unklug gewählt. Ich habe  während  meiner  Rekonvaleszenz  sehr  viel  Zeit  darauf  ver‐ wendet,  über  die  angemessene  Bezahlung  nachzudenken,  die  ich  von  Talon  Karrde  für  seinen  wiederholten  Verrat  einfor‐ dern werde. Ich mag es nicht, an ihn erinnert zu werden, es sei  denn,  es  geht  darum,  wie  kurz  seine  noch  verbleibende  Le‐ benszeit sein wird. Diese Botschaft dürfen Sie ihm gerne über‐ bringen.«  »Ich verstehe«, murmelte Lando und schloß den Mund. Der  Leichtsinn  seiner  Jugend  lag  lange  hinter  ihm,  und  der  Aus‐ druck auf Thrawns Gesicht war unzweifelhaft von der Art, die  jede weitere Frage unterband.  Doch  Miatamia  war  ein  weiteres  Mal  nicht  so  einfach  zum  Schweigen  zu  bringen.  »Aber  seine  Frage  haben  Sie  nicht  be‐ antwortet«, stellte er fest.  Die  glühenden  roten  Augen  wanderten  zu  dem  Diamala, 

und  einen  schrecklichen  Augenblick  lang  dachte  Lando,  der  Admiral würde sie alle drei auf der Stelle  niederschießen  las‐ sen. Doch zu seiner Erleichterung lächelte  Thrawn bloß. »Der  diamalanische  Verstand«,  sagte  er  mit  vollkommen  ruhiger  Stimme. »Ich entschuldige mich, Senator.«  Er  richtete  den  Blick  wieder  auf  Lando.  »Sie  sprachen  von  meiner Begegnung mit Karrde auf dessen Basis auf dem Plane‐ ten  Myrkr,  während  ich  mich  auf  der  Suche  nach  Luke  Sky‐ walker befand. Sie und noch jemand – General Solo, nehme ich  an – beobachteten unsere Landung aus dem Wald.«  Lando lief es kalt den Rücken hinunter. »Sie wußten, daß wir  dort waren?«  »Ich  wußte,  jemand  war  dort«,  gab  Thrawn  zurück.  »Ich  bin  sicher, Sie wissen, daß ausgewählte Sturmtruppler mit zusätz‐ lichen  Sensoren  in  ihren  Helmen  ausgerüstet  sind.  Und  einer  von ihnen erfaßte eine Reflexion, ein Aufblitzen der Nahsich‐ geräte, die Sie benutzten.«  »Trotzdem  unternahmen  Sie  nichts?«  wollte  Miatamia  wis‐ sen.  Thrawn zuckte leicht die Achseln. »Damals nahm ich an, daß  es sich lediglich um ein paar von Karrdes Leuten handelte, die  dort  saßen,  um  dafür  zu  sorgen,  daß  meine  Sturmtruppen  nicht zu, sagen wir, übereifrig wurden. Doch von dieser Posi‐ tion aus hätte selbst ein schwerer Blaster nichts gegen uns aus‐ richten können, daher befahl ich, die Beobachter in Frieden zu  lassen.«  Sein  Mund  wurde  ein  klein  wenig  härter.  »Die  folgenden  Ereignisse zeigten indes, daß die Situation anders geartet war.  Befriedigt dies Ihre Neugier, Captain?« 

Lando gelang ein Nicken. »Ja, Admiral, das tut es.«  »Gut«,  sagte  Thrawn  kalt.  »Ich  danke  Ihnen  für  Ihre  Zeit,  meine Herren, und bitte noch einmal für den unvorhergesehe‐ nen  Stopp  um  Entschuldigung.  Commander,  bringen  Sie  sie  zu ihrem Schiff.«  Dreißig Minuten später sah Lando von der Steuerkonsole der  Glücksdame aus zu, wie der Abfang‐Kreuzer und der Sternzer‐ störer  ihren  synchronen  Sprung  in  die  Lichtgeschwindigkeit  durchführten.  »Wie  Sie  schon  sagten,  Senator«,  murmelte  er.  »Bisweilen  geschieht  das  vollkommen  Unerwartete.  Ich  bin  bloß  froh,  daß  jene,  die  auf  alles  vorbereitet  sind,  immer  ir‐ gendwie durchkommen.«  Miatamia  sagte  nichts.  Vielleicht  hatte  er  dieses  eine  Mal  nichts zu sagen.  Lando  verzog  das  Gesicht,  bediente  die  Steuerkonsole  und  brachte  die  Glücksdame  zurück  auf  den  Kurs  nach  Coruscant.  Präsident  Gavrisom  würde  das  gar  nicht  gefallen.  Kein  biß‐ chen.  Und auch niemandem sonst.    Für diesen Punkt des Plans war keinerlei direkte Kommunika‐ tion vorgesehen. Und doch, hier war Major Tierce auf ein Vier‐ tel  seiner  Größe  verkleinertes  holographisches  Abbild,  das  leicht flimmernd über Mufti Disras privatem Holoblock stand.  »Die  Übertragung  wurde  gesichert«,  sagte  Disra;  der  kalte,  scharfe Stahl der Furcht bohrte sich in seine Eingeweide, als er  einen Blick auf  das Kodierungsdisplay  warf. Wenn  irgend et‐ was schiefgelaufen war… »Was gibt es?«  »Keinerlei  Schwierigkeiten,  falls  Sie  sich  darum  sorgen«, 

antwortete  Tierce.  »Die  gesamte  Operation  lief  wie  am  Schnürchen.«  »Ich bin erfreut, das zu hören«, knurrte Disra. »Weshalb also  riskieren Sie eine derartige offene Kommunikation?«  »Ich  wußte,  Sie  würden  besorgt  sein«,  erwiderte  Tierce  ver‐ bindlich.  »Ich  wollte  dazu  beitragen,  Ruhe  in  Ihre  Gedanken  einkehren zu lassen.«  Disra lächelte sardonisch, wenngleich er wußte, daß der Ge‐ sichtsausdruck  bei  einem  Holo  dieser  Größe  wahrscheinlich  vergeudet  war.  »Vielen,  vielen  Dank,  Major  –  ich  weiß  Ihre  Besorgnis außerordentlich zu schätzen. Unsere Marionette hat  also einen annehmbaren Auftritt absolviert?«  »Ich würde sogar weiter gehen und sagen, sein Auftritt war  meisterlich«,  entgegnete  Tierce.  »Er  hatte  sie  von  dem  Mo‐ ment,  als  sie  kamen,  bis  zu  dem  Augenblick,  als  sie  wieder  verschwanden, fest in der Hand.«  »Also keine Überraschungen?«  »Eigentlich  nicht.  Calrissian  versuchte  ihn  mit  einer  Frage  über  die  Zeit  hereinzulegen,  als  Thrawn  Talon  Karrde  auf  Myrkr aufsuchte. Zum Glück für uns hatte er den detaillierten  Bericht gelesen, den ich über meine Zeit mit Thrawn geschrie‐ ben habe, und kannte die richtige Antwort.«  »Zum  Glück  für  ihn,  meinen  Sie  wohl«,  gab  Disra  zurück  und  legte  einen  Anflug  von  Drohung  in  seine  Stimme.  »Wie  rasch werden Sie zurück sein?«  »Das ist der zweite Grund, warum ich Sie kontaktiert habe«,  erwiderte Tierce. »Da wir nun schon mal hier sind, denke ich,  werden wir noch eine Weile im Gebiet der Rebellion bleiben.« 

Disra runzelte die Stirn. Der kalte, scharfe Stahl begann wie‐ der zu bohren. »Wozu?«  »Ich möchte mich ein wenig umsehen«, sagte der andere mir  einer  beiläufigen  Handbewegung.  »Aktivierungssignale  an  einige der Schläfer‐Gruppen übermitteln, mit denen wir bisher  noch  keinen  Kontakt  aufgenommen  haben  –  es  gibt  ein  paar,  die wir bisher aufgrund der Entfernung oder der Position noch  nicht  erreichen  konnten.  Am  meisten  aber  verlangt  es  mich,  Coruscants Reaktion auf die Wiederkehr Thrawns zu sehen.«  »Wahrscheinlich werden Sie fünfzig Sternkreuzer auf Sie los‐ lassen«,  schnappte  Disra.  »Das  ist  doch  verrückt,  Tierce,  und  es gehört nicht zum Plan.«  »Militärische  Pläne  werden  stets  geändert,  Euer  Exzellenz«,  sagte Tierce gelassen.  »Das hier ist nicht, was ich mit Flim im Sinn hatte«, knurrte  Disra. »Und Sie wissen das.«  »Und  wie  Sie  wissen,  sagte  ich,  als  ich  zu  Ihnen  stieß,  wir  könnten etwas Besseres unternehmen, als Sie im Sinn hatten«,  konterte Tierce.  Disra knirschte hart mit den Zähnen. »Sie werden noch alles  ruinieren und dabei selbst umkommen.«  »Ganz im Gegenteil«, versetzte Tierce, und sogar die auf ein  Viertel seiner Größe verkleinerte Darstellung offenbarte Disra  das selbstzufriedene Lächeln des anderen. »Ich werde das Im‐ perium wieder auf den Weg zum Ruhm führen.«  »Tierce…«  »Ich muß los, Euer Exzellenz«, gab Tierce zurück. »Wir soll‐ ten nicht zu lange in Verbindung bleiben, nicht mal bei guter 

Verschlüsselung.  Keine  Sorge,  ich  habe  nicht  vor,  mit  der  Re‐ lentless  nach  Coruscant  zu  fliegen,  oder  irgend  etwas  ähnlich  Verrücktes.  Ich  will  bloß  noch  ein  wenig  länger  hier  blieben.  Nennen Sie es eine Ahnung.«  »Nach meiner Erfahrung begibt man sich auf dem kürzesten  Weg  in  die  Katastrophe,  wenn  man  sich  auf  Ahnungen  ver‐ läßt«,  grollte  Disra.  Aber  Tierce  war  ihm  über,  und  sie  beide  wußten  es.  Da  er  kaum  dazu  in  der  Lage  war,  die  Überreste  der Flotte des Braxant‐Sektors zu entsenden, um ihn zu jagen  und zu stellen, gab es für Disra nur herzlich wenig, was er zu  diesem  Zeitpunkt  tun  konnte,  um  ihn  aufzuhalten.  »Und  wie  lange haben Sie vor zu bleiben?«  Tierce zuckte die Achseln. »Ein paar Wochen. Vielleicht län‐ ger. Kommt darauf an.«  »Worauf?«  »Darauf,  ob  ich  die  Reaktion  erziele,  die  ich  anstrebe.  Ich  werde es Sie ganz sicher wissen lassen, ob und wann dies ge‐ schieht.«  »Gut«,  entgegnete  Disra  säuerlich.  »Wenn  die  Flotte  der  Neuen  Republik  über  Bastion  auftaucht,  werde  ich  Sie  das  ganz sicher wissen lassen.«  Tierce lächelte. »Danke, Euer Exzellenz. Ich wußte, Sie wür‐ den verstehen. Auf Wiedersehen.«  Das  Abbild  flackerte  und  löste  sich  auf.  Disra  lehnte  sich  in  einem Sessel zurück und starrte auf den Holoblock. Die Dinge  gerieten außer Kontrolle. Sie gerieten sogar völlig außer Kont‐ rolle. Er hatte Tierce zu viel Spielraum gelassen; es war an der  Zeit, den Gardisten ein wenig kürzer zu halten.  Und ihn daran zu erinnern, wer Herr und wer Knecht war. 

Im  Moment  war  Disra  sich  indes  nicht  ganz  sicher,  wie  er  das anstellen sollte. Aber ihm würde schon etwas einfallen. 

20. Kapitel    Der  Senator  der  Diamala  beendete  seinen  Bericht  und  nahm  wieder  auf  der  Beobachterbank  neben  Lando  Platz…  und  für  Leia war es im Hohen Rat mit einem Mal sehr kalt geworden.  Das  Unmögliche  war  geschehen.  Großadmiral  Thrawn  war  zurückgekehrt.  »Ich sehe das Problem nicht«, rief die likashanische Senatorin  aus;  ihre  schrille  Stimme  brachte  das  Lautsprechersystem  der  Kammer  zum  Klirren.  »Wir  sind  viele;  die  Imperialen  sind  wenige. Tun wir uns zusammen und gehen wir gegen sie vor.  Und laßt uns dieses Mal nicht aufhören, bevor wir sie vollstän‐ dig vernichtet haben.«  »Wenn  Sie  glauben,  daß  dies  noch  eine  Option  darstellt,  so  sind  Sie  eine  Närrin«,  widersprach  der  Sronk‐Senator.  »Ich  habe gesehen, was dieser Großadmiral Thrawn mit den Vertei‐ digungsanlagen  meiner  Welt  vor  zehn  Standardzyklen  getan  hat – und er war mit nicht mehr als sieben Dreadnaughts der  Katana‐Flotte  ausgerüstet.  Er  hätte  seine  Rückkehr  bestimmt  nicht  angekündigt,  wenn  er  nicht  bereits  darauf  vorbereitet  wäre, daß wir zuschlagen.«  »Sie haben nicht mehr als eintausend Welten«, warf ein Sena‐ tor, den  Leia  nicht identifizieren  konnte,  spöttisch ein. »Nicht  mehr  als  einhundert  Sternzerstörer  sowie  ein  paar  tausend  kleinere  Raumschiffe.  Wollen  Sie  andeuten,  daß  eine  derart  mitleiderregende  Flotte  dem  vollen  Donner  unserer  trom‐ melnden Hufe widerstehen könnte?« 

»Sie kennen diesen Thrawn nicht…«  »Bitte«,  schaltete  sich  Präsident  Gavrisom  ein.  »Beruhigen  Sie sich bitte alle. Wir vom Rat haben natürlich Verständnis für  Ihre Sorgen und Ängste. Aber wie dem auch sein mag, zu die‐ sem Zeitpunkt möchte ich Sie dringend bitten, diese Neuigkeit  zu bedenken, ohne entweder übereilte Schlüsse zu ziehen oder  sich in voreilige Aktionen zu stürzen.«  »Ein Präventivschlag wäre bestimmt keine voreilige Aktion«,  insistierte  eine  eingeschnappte  Stimme.  »Ich  stimme  mit  der  likashanischen Senatorin darin überein, daß wir unverzüglich  etwas gegen die Überreste des Imperiums unternehmen müs‐ sen.«  »Ja«,  kreischte  die  Likash.  »Großadmiral  Thrawn  hätte  uns  schon  einmal  fast  besiegt,  wir  dürfen  ihm  keinesfalls  die  Zeit  geben, die er braucht, um sich noch einmal zum Angriff gegen  uns zu formieren.«  »Er  hatte  bereits  alle  Zeit,  die  er  braucht«,  schoß  der  Sronk  zurück.  »Haben  Sie  mir  denn  nicht  zugehört?  Er  hätte  sich  niemals zu erkennen gegeben, wenn er nicht auf uns vorberei‐ tet wäre.«  »Aber  die  Situation  ist  doch  nicht  die  gleiche  wie  vor  zehn  Jahren«,  rief  Leia  ihnen  ins  Gedächtnis.  Sie  bemühte  sich  um  Festigkeit in ihrer Stimme und darum, der wachsenden Furcht  in der  Versammlung keinen Zutritt zu ihren eigenen Empfin‐ dungen  zu  gewähren.  »Damals  konnte  Thrawn  noch  mit  bei‐ nahe einem Viertel des alten Imperiums operieren. Wie bereits  festgestellt  wurde,  kann  er  heute  auf  fast  nichts  mehr  zurück‐ greifen.«  »Also sollten wir ihm den Rest auch noch nehmen«, rief eine 

Stimme. »Vernichten wir ihn jetzt!«  »Wir  können  ihn  nicht  vernichten«,  widersprach  Gavrisom.  »Selbst  wenn  wir  dies  wollten,  wäre  ich  nicht  überzeugt  da‐ von, daß dies die angemessene Antwort auf sein Angebot dar‐ stellt.«  »Warum  denn  nicht?«  wollte  die  Likash  wissen.  »Die  Neue  Republik besitzt weit mehr Kriegsschiffe als das Imperium.«  Der  maerdocianische  Senator  brüllte  etwas  in  seiner  Mut‐ tersprache.  »Wollen  Sie  damit  andeuten,  daß  Sie  ernsthaft  in  Erwägung  ziehen,  ihm  zu  gestatten,  offizielle  Vertreter  der  Neuen  Republik  zu  verhören?«  wisperte  die  Übersetzung  in  Leias Ohr. »Das ist doch Wahnsinn.«  »Er  will  ja  gar  nicht  uns  alle«,  stellte  der  Kian’thar‐Senator  fest. »Er will nur die Bothans.«  Wieder  erhob  sich  Gebrüll.  »Glauben  Sie  denn  wirklich,  es  würde  mit  den  Bothans  enden?«  lautete  die  Übersetzung  der  Frage.  »Falls ja, so befinden  Sie sich auf  dem  Weg  in  den  Irr‐ sinn.«  Gavrisom betätigte eine Taste an seiner Konsole und schalte‐ te  so  das  Lautsprechersystem  der  Halle  ab.  Das  Geschrei  ers‐ tarb widerwillig, und er aktivierte das System wieder. »Bitte«,  begann er sanft, »konzentrieren wir uns in dieser Debatte doch  auf ein eindeutiges Thema. Wir haben ganz bestimmt nicht die  Absicht,  einem  offiziellen  Vertreter  des  Imperiums  die  Befra‐ gung der Führer irgendeiner Mitgliedswelt der freuen Repub‐ lik zu gestatten. Gleichwohl ist es zur Zeit ebenso unvernünf‐ tig, einen konzertierten Angriff auf das Imperium vorzuschla‐ gen. Obwohl es wahr ist, daß technisch gesehen der Kriegszu‐ stand zwischen uns herrscht, ist  es in jüngster Zeit nur selten 

und  meistens  zufällig  zu  Feindseligkeiten  gekommen.  Aber  was  noch  wichtiger  ist:  Obwohl  unsere  Streitkräfte  den  ihren  zahlenmäßig  überlegen  sind,  so  sind  sie  gegenwärtig  doch  auch weit über die gesamte Galaxis verstreut.« Er schüttelte in  einer Geste milden Tadels seine Mähne. »Wie Sie alle wissen,  versucht die Flotte im Kampf gegen den Ausbruch Hunderter  bedrohlicher interner Kriege ein gewisses Maß an Stabilität in  der Neuen Republik zu gewährleisten.«  »Wie überaus vorteilhaft«, stieß der Garoosh‐Senator mit ei‐ nem halben Pfeifen aus. »Zumindest für das Imperium.«  »Wahrscheinlich  zetteln  die  Imperialen all  diese  Kriege an«,  vermutete jemand mit unüberhörbarer Verachtung. »Das wäre  ganz  Thrawns  Stil.  Die  Flammen  stupiden  Hasses  und  den  primitiven Irrsinn des Völkermords anfachen…«  »Nennen  Sie  unseren  lange  währenden  Kampf  nicht  stupi‐ de«,  grollte  die  Forshul‐Senatorin.  »Und  was  Völkermord  an‐ geht, ich finde es höchst aufschlußreich, daß unsere Unterdrü‐ cker, die Prosslee, die Aktionen der Bothans gegen die Camaa‐ si  allzu  bereitwillig  entschuldigen.  Es  ist  die  Pflicht  aller  rechtschaffen  denkenden  Wesen,  eine  solche  Haltung  als  ge‐ fährlich  nicht  nur  für  mein  Volk,  sondern  für  alle  Bewohner  des Yminis‐Sektors zu erachten.«  Gavrisom  berührte  wiederum  den  Aus‐Schalter,  und  die  Stimme  der  Forshul  verebbte  zu  einem  fernen  und  undeutli‐ chen  Geräusch,  das  aus  ihrem  Abschnitt  der  Versammlungs‐ halle  drang.  »Ich  danke  der  Senatorin  des  Yminis‐Sektors  für  ihre Bemerkungen«, sagte der  Präsident. »Ich möchte  sie dar‐ über  hinaus  daran  erinnern,  daß  dies  nicht  der  richtige  Zeit‐ punkt für derartige Reden ist.« 

»Präsident Gavrisom, ich bitte ums Wort«, dröhnte eine ver‐ traute Stimme, in der Zorn brodelte, durch die Halle. Sie füllte  den  Raum  auch  bei  abgeschaltetem  Lautsprechersystem  mü‐ helos.  Leia blickte in die Richtung. Ghic Dx’ono, der Senator der Is‐ hori,  war  aufgestanden,  sein  ganzer  Körper  bebte  unter  der  physischen  Aufwallung,  die  bei  seiner  Spezies  stets  mit  be‐ deutsamen Gedanken einherging.  »Sprechen  Sie«,  wandte  sich  Gavrisom  an  ihn  und  schaltete  die  Lautsprecheranlage  wieder  ein.  »Ich  möchte  Sie  jedoch  warnen,  daß  diese  Kammer  ebensowenig  eine  Tirade  gegen  die Prosslee zu hören geneigt ist wie eine gegen die Diamala.«  »Ich habe keine Tirade im Sinn«, bellte Dx’ono. »Ich möchte  die  Kammer  lediglich  daran  erinnern,  daß  wir  ausschließlich  das  Wort  des  diamalanischen  Senators  dafür  haben,  daß  er  diesen Thrawn tatsächlich gesehen hat. Ich möchte die Senato‐ ren  außerdem  daran  erinnern,  daß  er  seine  Aussage  erst  vor  wenigen  Augenblicken  mit  der  dringenden  Aufforderung  be‐ endet  hat,  die  Bothan‐Angelegenheit  hinter  uns  zu  lassen  –  ohne die Schuldigen zu bestrafen –, um uns dieser angeblichen  neuen Bedrohung zu stellen.«  »Das  Wiedererscheinen  von  Großadmiral  Thrawn  ist  wohl  kaum  eine  angebliche  Bedrohung,  Senator  Dx’ono«,  konterte  Miatamia  mit  der  charakteristischen  Ruhe  der  Diamala.  »Nur  weil  er  beim  letzten  Mal  aufgehalten  wurde,  ehe  er  eine  der  Ishori‐Welten  erreichte,  ist  Ihre  Sicherheit  keineswegs  garan‐ tiert,  sollte  ihm  die  Freiheit  gewährt  werden,  einen  erneuten  Vormarsch zu beginnen.«  »Beschuldigen Sie mich nicht,  nur an meine eigenen  Welten 

zu  denken«,  schoß  Dx’ono  zurück.  »Die  Ishori  streben  nach  Sicherheit für alle Völker der Neuen Republik. Doch zugleich  fordern wir auch Gerechtigkeit für diese Völker.«  »Die  Diamala  unterstützen  jede  Form  von  Gerechtigkeit«,  entgegnete Miatamia. »Wir betrachten aber blinde Rache nicht  als Gerechtigkeit.«  »Nur ein blinder Beobachter würde unsere Forderungen für  Rache  erachten«,  knurrte  Dx’ono.  »Aber  darum  geht  es  hier  nicht«,  fügte  er  rasch  hinzu,  als  Gavrisoms  Flügelspitze  sich  dem Aus‐Schalter näherte. »Das Thema ist, daß Sie vor dieser  Kammer  eine  Behauptung  aufgestellt  haben,  die  Ihrer  politi‐ schen  Seite  ein gewisses  Gewicht und Nachdruck  verleiht, je‐ doch von keiner unabhängigen Quelle untermauert wird.«  »Betrachten  Sie  den  ehemaligen  General  Lando  Calrissian  nicht als unabhängige Quelle?« fragte Miatamia.  »Ihrer eigenen Aussage zufolge hat er Sie aufgesucht, um Sie  um  militärische  Unterstützung  durch  die  Diamala  zu  bitten«,  bellte  Dx’ono.  »Erwarten  Sie  angesichts  dessen  wirklich  von  uns, daß wir seine Worte für unvoreingenommen halten?«  »Was  Captain  Calrissian  angeht,  so  nehme  ich  Ihnen  diese  Unterstellung übel, Senator«, sagte Leia, die sich dabei ertapp‐ te, daß sie aufgesprungen war. »Er war stets ein treuer Freund  und  Verbündeter  sowohl  der  Neuen  Republik  als  auch  der  Rebellen‐Allianz  zuvor.  Wenn  Lando  sagt,  er  hat  Thrawn  ge‐ sehen, dann hat er ihn gesehen.«  »Einst  war  er  ein  Freund  und  Verbündeter«,  gab  Dx’ono  scharf  zurück.  »Einst  war  er  aber  auch  ein  Schmuggler  und  Spieler,  erfahren  darin,  zu  lügen  und  zu  betrügen,  um  seine  Ziele  zu  erreichen.  Jetzt  ist  er  ein  Geschäftsmann,  der  ein 

Bergbauunternehmen  unterhält,  dessen  Gewinnspanne  von  eben  jener  bestehenden  diamalanischen  Unterstützung  ab‐ hängt.  Nun  sagen  Sie  uns,  Rätin  Organa  Solo:  Aus  welcher  seiner beiden Lebensgeschichten schöpft er hier?«  Leia warf einen Blick auf Lando, der mit finsterer Miene und  schweigend hinter Gavrisom saß. »Ich kenne Lando seit sech‐ zehn Jahren«, antwortete sie leise, »ich verbürge mich persön‐ lich für seinen Charakter.«  »Schön«, erwiderte Dx’ono schnaubend. »Sie können so lan‐ ge  für  ihn  bürgen,  wie  es  Ihnen  beliebt,  Rätin.  Nehmen  wir  also  rein  theoretisch  mal  an,  er  hat  jemanden  auf  diesem  Sternzerstörer  gesehen.  Aber  war  das  wirklich  Thrawn,  oder  war es jemand anderer?«  Leia  runzelte  die  Stirn  und  versuche  über  die  Halle  hinweg  seine Gedanken zu lesen. Doch alles, was sie empfing, war die  Wut,  die alles darunter verdeckte. »Wollen  Sie  andeuten,  daß  das Imperium die Begegnung fingiert hat?«  »Es  hätte  sehr  wohl  eine  Fälschung  sein  können«,  bemerkte  der  Ishori  und  starrte  Miatamia  finster  an.  »Aber  ich  mache  nicht  notwendigerweise  das  Imperium  dafür  verantwortlich.  Wir alle wissen, daß es innerhalb des Territoriums der Neuen  Republik zahlreiche Sternzerstörer gibt – einige davon sogar in  Privatbesitz,  wenn  man  den  Gerüchten  Glauben  schenken  darf. Und wie ich bereits aufgezeigt habe, unterstützt die Bot‐ schaft,  die  uns  angeblich  von  diesem  vermeintlichen  Thrawn  überbracht  wurde,  passenderweise  die  Haltung  der  Diamala  in der Bothan‐Frage. Zufall? Oder sorgfältige Manipulation?«  »Die  Fähigkeit,  seine  Feinde  zu  manipulieren,  war  eine  von  Thrawns größten Talenten«, warf Fey’lya ein. 

»Ein Talent, das nicht ihm allein vorbehalten war«, schnapp‐ te Dx’ono. »Die Bothans, um nur ein Beispiel zu nennen, sind  ebenfalls Meister dieser Kunst. Ebenso wie die Diamala.«  »Der  Mann  in  der  Uniform  des  Großadmirals  wußte  von  meinem  Besuch  auf  Myrkr  vor  zehn  Jahren«,  erklärte  Lando.  »Die einzigen Menschen, die sich damals dort aufhielten, war‐ en Thrawn und seine Sturmtruppen‐Eskorte.«  »Das  stimmt  nicht«,  schoß  Dx’ono  zurück.  »Ihrer  eigenen  Aussage zufolge war auch General Solo dort.«  Leia  spürte,  wie  plötzlich  Zorn  in  ihr  aufstieg.  »Wollen  Sie  damit sagen…?«  »Ebenso  wie«,  fuhr  Dx’ono  fort  und  schnitt  Leia  mit  einem  finsteren Blick das Wort ab, »der Schmuggler Talon Karrde.«  Leia warf Lando einen kurzen Blick zu. »Karrde würde sich  niemals auf so etwas einlassen«, beharrte sie.  »Würde er nicht?« wollte Dx’ono wissen. »Im Unterschied zu  Captain  Calrissian  hat  dieser  Karrde  zu  keinem  Zeitpunkt  auch  nur  behauptet,  loyal  zur  Neuen  Republik  zu  stehen.  Er  ist  ein  Schmuggler  und  verkauft  Informationen,  ein  Mann,  dessen  einzige  Sorge  und  Loyalität  seinem  Profit  und  Vorteil  gelten.«  Der  Ishori  streckte  sich,  bis  er  ein  kleines  Stück  größer  war,  und stieß anklagend einen Finger in Leias Richtung. »Und ein  Mann  überdies,  dessen  erstklassige  Verbindungen  nach  Co‐ ruscant seit jeher in solchen Leuten wie Captain Calrissian und  Ihnen selbst, Rätin Organa Solo, bestanden. Sagen Sie uns: Wo  genau stehen Sie eigentlich in der Bothan‐Frage?«  Die  Frage  überraschte  Leia  vollkommen.  »Was  soll  das  hei‐ ßen?« fragte sie und versuchte, Zeit zu gewinnen. 

»Sie  wissen genau, was das heißen soll«, schnaubte  Dx’ono.  »Erklären Sie uns, wo Sie stehen, Rätin Organa Solo. Glauben  Sie,  daß  volle  Wiedergutmachung  und  Gerechtigkeit  von  den  Bothans  verlangt  werden  sollte?  Oder  ziehen  Sie  es,  wie  der  Senator  der  Diamala  vor  zuzulassen,  daß  ihr  schreckliches  Verbrechen ungesühnt bleibt? Vielleicht sogar so sehr, um eine  Situation  herbeizuführen,  die  diese  Kammer  zu  dieser  Ent‐ scheidung zwingt?«  »Wir  wissen  doch,  wo  sie  steht«,  rief  eine  weitere  zornige  Stimme aus. »Hat nicht ihr Ehemann Han Solo auf eine friedli‐ che  Protestversammlung  vor  dem  Zentralgebäude  der  Clans  auf Bothawui geschossen?«  »Das  wurde  nie  bewiesen,  Senator  Shibatthi«,  unterbrach  Gavrisom streng, um Leia beizustehen. »Und Ihre Anschuldi‐ gungen,  Senator  Dx’ono,  sind  nicht  weniger  ungerechtfertigt.  Wie  ich  bereits  gesagt  habe,  dies  ist  weder  der  richtige  Zeit‐ punkt noch der rechte Ort für eine weitere Debatte über Caa‐ mas. Nehmen Sie bitte beide Ihre Plätze ein.«  Doch  der  Schaden  war  bereits  angerichtet,  stellte  Leia  fest,  als  sie  sich  wieder  setzte.  Mit  einem  einzigen  meisterlich  ge‐ führten Schlag hatte Dx’ono nicht allein ernsthafte Zweifel an  Miatamias  Geschichte  geschürt,  sondern  es  war  ihm  auch  ge‐ lungen, ihre eigene Glaubwürdigkeit zu untergraben. Von nun  an  würde  jeder  ihrer  Versuche,  Lando  oder  den  Senator  der  Diamala  zu  verteidigen,  lediglich  die  Verdächtigungen  meh‐ ren, die er in die Welt gesetzt hatte.  Machtkämpfe,  Verdächtigungen,  Uneinigkeit.  Ja,  das  war  wirklich Thrawns Stil.  »Dies  scheint  mir  ein  guter  Zeitpunkt,  uns  dem  Bericht  der 

Admiralität über die militärische Gesamtsituation in der Neu‐ en  Republik  zuzuwenden«,  fuhr  Gavrisom  fort.  »Admiral  Drayson?«  Der Admiral trat an das Podium neben Gavrisom; und wäh‐ rend er dies tat, traf Leias Blick ein dezentes flackerndes Licht.  Die kleine grüne Komanzeige an der Lehne ihres Sessels blink‐ te.  Sie  legte  die  Stirn  in  Falten  und  warf  einen  verstohlenen  Blick in das Rund der Halle. Niemand außer ihrer Familie und  ihren  engsten  Mitarbeitern  hatte  Zugang  zu  dieser  Komfre‐ quenz, und sie alle hatten die strikte Anweisung, diese nur im  äußersten  Notfall  zu  benutzen.  Für  diesen  Fall  waren  sie  au‐ ßerdem dazu angehalten, das Signal auf ein dreimaliges Blin‐ ken einzustellen; und im Moment flackerte es stetig und unun‐ terbrochen.  Sie  erstickte  die  aufflackernde  Verärgerung  und  aktivierte  das Sperrfeld ihres Sessels. Draysons Stimme erstarb zu einem  Zehntel ihrer normalen Lautstärke, als sie das Komdisplay an  der  Seite  der  Armlehne  nach  oben  schwenkte.  Falls  das  jetzt  Anakin war, der sie fragte, ob er ein frisches Paket Kekse auf‐ machen  dürfe,  so  würde  sie  ihm  eine  Woche  Hausarrest  auf‐ brummen. »Leia Organa Solo.«  Doch es war nicht Anakin. »Hallo, Leia«, sagte Talon Karrde  und nickte ihr höflich zu. »Ich hoffe, ich kontaktiere Sie in kei‐ nem allzu unpassenden Augenblick.«  Intuitiv zog Leia das Display so nahe wie irgend möglich an  sich heran. Von allen ungünstigen Momenten, in denen er sich  bei  ihr  meldete…  »Um  die  Wahrheit  zu  sagen,  es  ist  unpas‐ send«, erklärte sie ihm knapp. »Ich bin mitten in einer Senats‐

versammlung.«  »Dann  mache  ich’s  kurz«,  antwortete  er.  Seine  Augen  ver‐ engten sich ein wenig. Er war zu klug und kannte sie zu gut,  um nicht zu wissen, daß noch mehr dahinter steckte. »Ich muß  Ihnen  eine  persönliche  Nachricht  überbringen,  eine  die  ich  nicht  mal  einem  verschlüsselten  Kanal  anvertrauen  würde.  Unglücklicherweise  ist  einer  der  leitenden  Direktoren  der  Weltraumkontrolle von Coruscant der Meinung, daß ich keine  Landeerlaubnis erhalten sollte.«  Leia runzelte die Stirn. Dx’onos Anschuldigungen hallten in  ihrem  Kopf  wider.  Doch  wie  hätten  die  Neuigkeiten  so  rasch  nach außen dringen können? »Kennen Sie seinen Namen?«  »Bloß  seine  Identitätsnummer:  KTR‐44875«,  erwiderte  Karr‐ de. »Er wollte mir übrigens nicht mal die geben; ich mußte sie  von  seiner  Erkennungsmarke  ablesen.  Er  ist  ein  Ishori,  falls  Ihnen das weiterhilft.«  Leia  verzog  das  Gesicht.  Das  erklärte  natürlich,  wie  die  Neuigkeiten  so  rasch  nach  draußen  gelangen  konnten.  »Das  tut es«, erklärte sie Karrde. »Der Senator der Ishori ist soeben  damit  fertig  geworden,  Sie  und  Lando  der  Konspiration  mit  den  Diamala  anzuklagen,  mit  dem  Ziel,  die  Bothans  in  der  Caamas‐Angelegenheit davonkommen zu lassen. Er versuchte  mich auch hineinzuziehen, nur so für alle Fälle.«  »Ich verstehe«, nickte Karrde und zog die Lippen kraus. »Al‐ so  bin  ich  folgerichtig  hier  und  bitte  Sie  um  Hilfe.  Ich  ent‐ schuldige mich für das miese Timing.«  »Das ist nicht ihr Fehler«, gab Leia zurück und schielte über  den  Rand  des  Displays  in  die  Halle  und  auf  Hunderte  von  menschlichen  und  nichtmenschlichen  Gesichtern,  die  in  ihre 

Richtung  blickten.  Sie  hatte  nicht  vor,  sich  von  ihnen  vor‐ schreiben  zu  lassen,  wer  ihre  Freunde  und  Partner  sein  durf‐ ten.  »Sagen  Sie  diesem  Ishori,  diesem  leitenden  Direktor,  daß  ich  ihnen  die  Landeerlaubnis  erteile  –  ich  übermittle  den  Be‐ fehl,  sobald  Sie  aus  der  Leitung  sind.  Sind  Sie  auf  der  Wild  Karrde?«  »Ja«, antwortete Karrde. »Aber ich könnte in einer Fähre he‐ runterkommen, wenn Sie glauben, das sei klüger.«  Leia schnaubte. »Gekränkte Gefühle sind das letzte, um das  ich  mich  zur  Zeit  sorge.  Wissen  Sie,  wo  sich  das  Landefeld  West  Championne  befindet?  Es  liegt  etwa  zweihundert  Kilo‐ meter südlich des Imperialen Palastes, in der Nähe der Mana‐ rai‐Berge.«  »Ich hab’s auf meiner Karte«, bestätigte Karrde und faßte sie  aufmerksam ins Auge. »Geht es hier um etwas Neues, oder hat  die  Caamas‐Debatte  lediglich  bösartigere  Formen  angenom‐ men?«  »Das weiß ich selbst noch nicht«, räumte Leia ein. »Es könnte  beides ein, das hängt davon ab, wem man gerade zuhört. Wir  besitzen  eine  Wohnung  im  dreißigsten  Stockwerk  des  Oro‐ wood  Tower,  ungefähr  zwanzig  Kilometer  östlich  des  Lande‐ felds. Ich verständige die Noghri‐Wächter, die Sie dort einlas‐ sen  werden;  sobald  werden  dorthin  kommen,  wie  ich  mich  heute abend hier loseisen kann.«  »Klingt lauschig«, entgegnete er, während er sie noch immer  nachdenklich anstarrte. »Um nicht zu sagen abgelegen.«  »Das ist es auch«, stimmte Leia zu und zuckte ein wenig zu‐ sammen. Es war nicht schwer, seine Gedanken zu erraten: daß  sie es nämlich auf keinen Fall riskieren wollte, mit ihm in der 

Nähe des Imperialen Palastes gesehen zu werden. »Sie werden  verstehen,  wieso  ich  Sie  dort  treffen  will,  wenn  ich  Ihnen  er‐ zähle, was geschehen ist.«  »Selbstverständlich«, sagte er ohne besondere Betonung. »Ist  es  in  Ordnung,  wenn  ich  das  Kom  und  das  Equipment  zur  Datenabfrage  in  Ihrem  Schlupfwinkel  benutze,  bis  Sie  auf‐ kreuzen? Natürlich nur, um mich ein wenig zu unterhalten.«  Leia  lächelte.  »Und  um  herauszufinden,  was  Sie  in  den  Archiven der Regierung ausgraben können?«  Er  zuckte  die  Achseln.  »Vielleicht  lerne  ich  dabei  ja  etwas  Neues. Man kann nie wissen.«  »Ich bin sicher, es fällt Ihnen schwerer, irgend etwas zu ler‐ nen,  das  Sie  nicht  schon  längst  wußten,  als  den  meisten  von  uns«,  stellte  Leia  trocken  fest.  »Also  schön,  ich  kläre  das  mit  den Noghri.«  »Danke. Bis später dann. Wiedersehen.«  »Wiedersehen.«  Seufzend schaltete sie das Kom ab. Machkämpfe. Verdächti‐ gungen.  Uneinigkeit. Ja, das war  Thrawns Stil,  in der  Tat.  Ihr  blieb nur, sich zu fragen, was er als nächstes im Schilde führte.  Sie schaltete das Kom wieder ein und wählte die Weltraum‐ kontrolle von Coruscant an.    Dies  war,  dachte  Carib  Devist,  als  er  über  die  farbenfrohen  Felder  des  Hochkorns  blickte,  das  von  einer  Seite  des  Dor‐ chess‐Tals zur anderen wogte, alles in allem ein guter Tag ge‐ wesen.  Wirklich, so war es. Die drückende Sommersonne, die wäh‐

rend  der  Wachstumszeit  so  unerbittlich  auf  Pakrik  Minor  he‐ rabbrannte, hatte sich beinahe während des ganzen Tages ver‐ schämt hinter den Wolken versteckt und so Erleichterung von  der üblichen Hitze gebracht. Sie hatte die Wolken erst am spä‐ ten Nachmittag aufgelöst, kurz bevor sie für anderthalb Stun‐ den hinter Pakrik  Minors weitaus dichter besiedelter Schwes‐ terwelt  Pakrik  Major  verschwunden  war.  Als  sie  schließlich  wieder  auftauchte,  war  die  Zugabe  an  Wärme  beinahe  will‐ kommen.  Es  gab  natürlich  noch  Probleme  auf  den  Feldern,  aber  das  gehörte  eben  zum Leben  eines Farmers.  Carib und seine Brü‐ der  hatten  noch  eine  weitere  Kolonie  Würmer  rausfahren  müssen,  die  versucht  hatten,  sich  zwischen  den  ineinander  verschränkten Wurzeln des Hochkorns niederzulassen; außer‐ dem hatten sie mit einer von Weißfäule befallenen Stelle fertig  werden  müssen,  die  binnen  weniger  Tage  die  gesamte  Ernte  ausgelöscht hätte, wenn sie sie nicht entdeckt hätten. Doch sie  hatten  sie  entdeckt,  und  die  Würmer  waren  ausgerottet,  und  keiner  der  Droiden  hatte  den  Geist  aufgegeben  oder  war  durchgedreht,  und  das  Korn  wuchs  tatsächlich  zur  Abwech‐ slung mal nach Plan.  Ja,  dies  war  ein  guter  Tag  gewesen;  und  als  Carib  bei  Son‐ nenuntergang  einen  wohlverdienten  Schluck  von  dem  R’alla‐ Mineralwasser  nahm,  gelangte  er  zu  der  Erkenntnis,  daß  es  gut war, am Leben zu sein.  Eine  Bewegung  rechts  von  ihm  erregte  seine  Aufmerksam‐ keit:  Sein  Bruder  Sabmin  kam  in  seinem  verbeulten  alten  Landgleiter  auf  das  Haus  zu.  Lacy  hatte  Sabmin  und  seine  Familie wahrscheinlich zum Abendessen eingeladen – sie ver‐ gaß ständig, ihm solche Sachen mitzuteilen. 

Doch  nein.  Sabmin  saß  allein  in  dem  Vehikel…  und  als  der  Landgleiter  näher  kam,  konnte  Carib  den  Ausdruck  auf  dem  Gesicht seines Bruders erkennen…  Er erwartete ihn am Beginn des Weges, als Sabmin den Glei‐ ter in einer Staubwolke zum Stehen brachte.  »Was ist los?« fragte er ohne Einleitung.  »Es  ist  passiert«,  antwortete  Sabmin,  dessen  Stimme  nur  noch  ein  rauhes  Flüstern  war.  »Ich  war  oben  bei  der  Höhle,  und… na ja, es ist passiert!«  Carib warf einen Blick den Weg hinauf zum Haus. Lacy war  im  Küchenfenster  zu  sehen;  sie  holte  gerade  vorsichtig  den  Braten  zum  Abendessen  aus  dem  Fokuskocher.  »Komm  mit  mir«, sagte er.  Er  führte ihn  den  Weg entlang auf  den Rand der Felder zu.  »Hast  du  dich  davon  überzeugt,  daß  die  Nachricht  bewilligt  war?«  »Als erstes«, antwortete Sabmin nüchtern. »Sie enthielt sämt‐ liche entsprechenden imperialen Kodes.«  Carib zuckte zusammen. Es war lange her, daß das Wort im‐ perial in diesem Teil von Pakrik Minor ausgesprochen worden  war. »Dann schätze ich, es ist an der Zeit«, sagte er; ein seltsa‐ mes  Gefühl  nistete  sich  tief  in  seiner  Magengrube  ein.  Nach  zehn  Jahren  ruhigen  Wartens  wurden  sie  nun  einmal  mehr  zum  Dienst  gerufen.  »Hast  du  den  anderen  schon  irgendwas  gesagt?«  »Nein,  ich  bin  sofort  hergekommen«,  erwiderte  Sabmin.  »Aber da ist noch etwas.« Er ließ die Blicke schweifen, als habe  er  Angst,  irgend  jemand  könne  sie  zwischen  den  sauber  ste‐ henden  Reihen  des  Hochkorns  belauschen.  »Der  Aktivie‐

rungsbefehl erging im Namen von Großadmiral Thrawn.«  Carib spürte, wie ihm die Kinnlade herunterklappte. »Das ist  unmöglich«, stieß er hervor. »Thrawn ist tot.«  »Jedenfalls sagen das alle«, pflichtete Sabmin ihm schlicht bei.  »Ich weiß bloß, daß sein Name über dem Befehl steht.«  Sie  hatten  unterdessen  die  erste  Reihe  hoch  aufragender  Pflanzen  erreicht.  »Es  könnte  eine  Lüge  sein«,  meinte  Carib,  drehte  sich  seitwärts,  um  sich  leichter  durch  die  Getreiderei‐ hen bewegen zu können; er roch das vertraute saure, moschu‐ sartige  Aroma,  das  rings  um  ihn  aufstieg,  während  seine  ge‐ gerbte Lederweste über die Blätter streifte. »Oder ein Trick.«  »Ein Trick, mit dem sie kaum durchkommen würden«, stell‐ te  Sabmin  fest.  »Selbst  wenn  sie  bei  den  Übertragungen  alte  Holo‐Aufnahmen  von  ihm  verwendeten,  würden  sie  damit  niemanden lange an der Nase herumführen.«  »Stimmt«, gab Carib zu, blieb neben einer fast reifen Pflanze  stehen  und  berührte  mit  dem  Finger  eine  Frucht  des  Hoch‐ korns, die keck aus einer Lücke ihrer Hülse lugte. Großadmiral  Thrawn,  der  nach  fünf  Jahren  stetigen  Niedergangs  das  Blatt  gewendet  und  das  Imperium  in  Sichtweite  des  totalen  Sieges  geführt  hatte.  »Dir  ist  natürlich  klar,  daß  dies  alles  ändern  könnte.«  »Ich sehe nicht, auf welche Weise«, gab Sabmin zurück. »Die  Tatsache  bleibt  bestehen,  daß  wir  zu  dem  ausdrücklichen  Zweck hierherberufen wurden, um, wann immer man uns da‐ zu  auffordert,  Chaos  und  Verwüstung  anzuzetteln.«  Er  fuhr  sanft über die Hochkornreihe. »Nun, die Saat hat Wurzeln ge‐ schlagen,  das  Getreide  ist  reif…  und  nun  ruft  man  uns  zur  Ernte.« 

»Ja«, antwortete Carib und ließ die Hand zurück an die Seite  sinken. Eine Ernte des Schreckens, des plötzlichen Todes und  der Zerstörung – die vermutlich auf Pakrik Major eingebracht  wurde, wo soeben die jährlich stattfindende, den ganzen Sek‐ tor  betreffende  Konferenz  in  der  Hauptstadt  vorbereitet  wur‐ de. Ein lange hinausgezögerter Schlag gegen die Rebellion im  Namen  des  Imperiums.  »Aber  darum  geht  es  mir  gar  nicht«,  wandte  er  sich  wieder  an  Sabmin.  »Wenn  Thrawn  wirklich  wieder das Kommando übernommen hat, dann wird das, was  man  uns  zu  tun  befiehlt,  nicht  bloß  eine  große,  aber  bedeu‐ tungslose  Geste  selbstmörderischen  Starrsinns  sein.  Falls  Thrawn wieder da ist, dann könnte das Imperium triumphie‐ ren.«  Sabmin pfiff leise. »Du hast recht«, murmelte er. »Daran hat‐ te ich noch gar nicht gedacht.«  »Tja, du fängst besser an, daran zu denken«, warnte ihn Ca‐ rib.  »Und  wir  sorgen  besser  dafür,  daß  die  anderen  das  auch  tun.  Hast  du  eine  Ahnung,  wann  die  letzte  Wartung  an  den  TIEs durchgeführt wurde?«  »Das  ist  nicht  länger  als  einen  Monat  her«,  entgegnete  Sab‐ min. »Ich glaube, es war Dobrow, der das gemacht hat. Willst  du heute abend mit ihm sprechen?«  »Ich will heute abend mit absolut jedem sprechen«, gab Carib  zurück. Er schob sich aus den Hochkornreihen und setzte sich  zurück  in  Richtung  Haus  in  Bewegung.  »Bei  mir,  in  zwei  Stunden.«  »Wir  können  es  versuchen«,  meinte  Sabmin  und  fiel  neben  ihm  unbewußt  in  einen  militärischen  Trab.  »Tabric  und  Ho‐ varb werden es allerdings vielleicht nicht schaffen – drei ihrer 

Gornts sind heute nachmittag zur Feldarbeit raus.«  »Die  Gornts  können  sich  ihr  Stroh  auch  selbst  besorgen«,  sagte Carib knapp. »Das hier ist wichtig.«  Sabmin  sah  ihn  stirnrunzelnd  an.  »Oh,  komm  schon,  Carib,  übertreibst  du  nicht  ein  bißchen?  Wir  haben  einen  Aktivie‐ rungsbefehl erhalten, keinen ausgewachsenen Schlachtplan.«  »Falls Thrawn an der Spitze steht, wird zwischen dem einen  und  dem  anderen  nicht  viel  Zeit  vergehen«,  brummte  Carib.  »Was immer er vorhat, er hat seinen Zeitplan bis auf die halbe  Sekunde genau ausgearbeitet.«  Sie legten den Rest der Wegstrecke bis zu Sabmins Fahrzeug  schweigend  zurück.  »Also  schön,  ich  sage  allen  Bescheid«,  sagte  Sabmin  schließlich,  während  er  einstieg.  »Sie  werden  kommen.«  Carib seufzte. »Treffen wir uns doch lieber bei dir«, schlug er  dann  vor.  »Mit  dem  Landgleiter  braucht  man  von  dort  nur  drei  Minuten  bis  zu  ihrer  Scheune.  Falls  irgendwas  mit  der  Arbeit schiefläuft, können sie rechtzeitig zurückkehren.«  Sabmin lächelte dünn. »Danke, Carib. Wir sehen uns dort.« 

21. Kapitel    »Da  ist  Lando«,  sagte  Leia  und  deutete  aus  der  Kanzel,  wäh‐ rend  Han  den  Incom‐T‐81  auf  dem  Landefeld  für  Luftgleiter  auf  der  dritten  Ebene  des  Orowood  Tower  aufsetzte.  »Dort  drüben, beim Eingang, hinter dem roten Luftwagen.«  »Ja, ich sehe ihn«, grunzte Han und drosselte die Repulsoren.  »Ich meine noch immer, daß das hier eine blöde Idee ist, Leia.«  »Ich  weiß«,  erwiderte  Leia  und  blickte  einen  Moment  lang  über  den  beleuchteten  Landebezirk  hinaus  zu  der  dunklen,  von  Büschen  bestandenen  Grenzlinie  dahinter.  Es  war  sonst  niemand  zu  sehen.  »Und  ich  kann  nicht  gerade  behaupten,  daß  ich  vollkommen  anderer  Meinung  wäre  als  du.  Aber  er  bestand darauf, daß wir kommen.«  »Du  hoffst  besser  darauf,  daß  Dx’ono  keinen  Wind  davon  bekommen  und  jemanden  beauftragt  hat,  ihm  hierher  zu  fol‐ gen«,  knurrte  Han  und  öffnete  die  Kanzel.  »Es  braucht  bloß  jemand Geheimtreffen zu schreien, und wir haben’s alle hinter  uns.«  »Weiß  ich«,  gab  Leia  zurück,  kletterte  aus  dem  Luftgleiter  und  sah  sich  um.  Sie  konnte  am  Himmel  ringsum  die  Positi‐ onslichter  von  einigen  Luftgleitern  erkennen,  und  auf  den  zahlreichen Straßen, die das Gebiet rings um den Turm kreuz‐ ten,  verkehrte  die  übliche  Menge  Landgleiter.  Keines  der  Fahrzeuge schien sich in ihre Richtung zu bewegen.  Doch da waren die dunklen Fenster eines der fünf Cafes des  Towers, die aus dem vierten Stock auf sie herabschauten, ganz 

zu schweigen von all den Fenstern der Apartments. Wenn nun  eines dieser Fenster jemanden mit einem Nahsichtgerät barg…  Han hatte unübersehbar bereits an das gleiche gedacht. »Wir  gehen  besser  rein«,  sagte  er  leise  und  nahm  ihren  Arm.  »Komm schon, 3PO, beeile dich.«  »Jawohl,  Sir«,  erwiderte der goldhäutige  Droide  eilfertig. Er  stemmte sich unbeholfen aus dem rückwärtigen Teil des Luft‐ gleiters  und  trottete  rasch  hinter  ihnen  her.  Leia  fiel  plötzlich  auf,  daß  3PO  gerade  zum  ersten  Mal  etwas  gesagt  hatte,  seit  sie den Imperialen Palast verlassen hatten. Hatte er Hans Lau‐ ne aufgefangen und  versuchte nun, sich möglichst unsichtbar  zu  machen?  Oder  hing  er  seinen  eigenen  Erinnerungen  an  Thrawns letzten Versuch nach, die Macht an sich zu reißen?  Als sie sich ihm näherten, trat Lando hinter dem Wagen her‐ vor.  »Han,  Leia«,  nickte  er  ihnen  zu.  Sein  übliches  Begrü‐ ßungslächeln,  bemerkte  Leia,  blieb  auffällig  abwesend.  »Wo  steckt Karrde?«  »Er  ist  bereits  hier«,  erklärte  Leia,  während  Han  das  Schloß  des Eingangs öffnete. »Die Noghri haben ihn hineingelassen.«  »Gut.«  Er  krümmte  unter  dem  Umhang  die  Schultern,  warf  einen letzten Blick hinter sich in die Finsternis und folgte Leia  hinein.  Der  achtunddreißig  Stockwerke  hohe  Orowood  Tower  war  ursprünglich als Kernstück einer ausgefeilten und ausgedehn‐ ten Kolonie für die Alderaaner geplant gewesen, die sich nicht  auf ihrer Heimatwelt befunden hatten, als der erste Todesstern  ihren  Planeten  vernichtete.  Doch  obwohl  die  Architekten  ge‐ wissenhaft  jede  Facette  des  Turms  dem  alderaanischen  Stil  nachempfunden  hatten,  erwiesen  sich  die  Menschenmengen 

auf  Coruscant  sowie  die  nahezu  allumfassende  Landerschlie‐ ßung als schlicht zu fremdartig für die Lebensweise der meis‐ ten Flüchtlinge, um sich dort wohl zu fühlen.  Obwohl der Rest des Projektes aufgegeben worden war, hat‐ te  man  darauf  gehofft,  daß  wenigstens  genügend  Alderaaner  auf Coruscant bleiben würden, um den Tower permanent be‐ wohnt  zu  halten,  vor  allem  in  Anbetracht  der  spektakulären  Aussicht  auf  die  Manarai‐Berge.  Doch  auch  dieser  letzte  Traum  war  unter  des  Großadmirals  kurzlebiger,  gleichwohl  furchtbarer Belagerung des Planeten zerplatzt. Als diese Bela‐ gerung schließlich aufgehoben wurde, hatten praktisch sämtli‐ che  Alderaaner  Coruscant  verlassen,  waren  nach  Neu  Alde‐ raan  gegangen  oder  hatten  sich  zwischen  den  Sternen  zer‐ streut. Wie einer von ihnen Leia einmal erklärt hatte, hatten sie  Glück  gehabt,  der  Zerstörung  einer  Welt  zu  entkommen;  da‐ her  hegten  sie  nicht  den  Wunsch,  sich  auf  einem  noch  verlo‐ ckenderen Ziel niederzulassen.  Also wurde aus dem einstmals großen Experiment ein weite‐ rer der Wohnblocks, die sich am Fuß der Berge drängten und  zum  größten  Teil  Zweit‐  oder  Ferienwohnungen  für  reiche  Industrielle oder Regierungsbeamte beherbergten. Hier lebten  Bewohner anderer Welten oder Nichtmenschen, von denen die  meisten noch nie zuvor von den berühmten Oro‐Wäldern auf  Alderaan gehört hatten, geschweige denn in ihnen gewandert  waren.  Im  Laufe  der  Jahre  war  der  Schmerz  dieser  Ironie  fast  ganz  aus Leias Herz gewichen. Fast.  Der  Turbolift funktionierte  mit der  charakteristischen  stillen  Effizienz alderaanischer Bauweise und lieferte sie in der üppi‐

gen  Gartenszenerie  ab,  aus  der  die  Lobby  des  dreißigsten  Stockwerks bestand. Zwischen den Farnwedeln und über Fel‐ sen hüpfenden Rinnsalen war niemand zu sehen, aber das war  schließlich  auch  nicht  zu  erwarten.  »Barkhimkh?«  rief  Leia  leise.  »Hier  bin  ich,  Lady  Vader«,  kam  Barkhimkhs  Stimme  von  der  anderen  Seite  der  Lobby.  Es  raschelte  im  Farn,  und  der  Noghri‐Krieger kam neben dem Torbogen in Sicht, der sich zu  dem Gang öffnete, der zu ihrem Apartment führte. »Alles ru‐ hig.«  »Danke«, nickte Leia.  »Sorgen Sie dafür, daß das so bleibt«, fügte Han hinzu, wäh‐ rend sie die Lobby durchquerten.  Barkhimkh beugte den Kopf. »Ich gehorche, Han clan Solo.«  Als  Han  die  Tür  öffnete,  sah  er,  daß  sich  Karrde  in  einem  sich  selbst  verformenden  Plash‐Kontursessel  im  Gesprächs‐ rund des Apartments niedergelassen hatte; in einer Hand hielt  er  einen  Datenblock,  in  der  anderen  ein  Glas  mit  einer  bern‐ steinfarbenen  Flüssigkeit.  »Ah,  da  sind  Sie  ja  alle«,  rief  der  Schmuggler,  schloß  den  Datenblock  und  stemmte  sich  aus  dem Sessel, während sie einer nach dem anderen eintraten.  »Ich hatte gerade daran gedacht, Sakhisakh darum zu bitten,  Sie ausfindig zu machen.«  »Wir  sind  später  weggekommen,  als  ich  dachte«,  erklärte  Leia. »Tut mir leid.«  »Kein  Grund  für  Entschuldigungen«,  versicherte  Karrde.  »Die Kinder sind nicht bei Ihnen?«  »Sie sind heute morgen mit Chewie aufgebrochen, um seine 

Familie  auf  Kashyyyk  zu  besuchen«,  teilte  ihm  Leia  mit.  »Bei  allem, was in letzter Zeit passiert ist, dachte ich, sie wären dort  besser aufgehoben.«  »Es  fällt  schwer,  sich  einen  sichereren  Ort  vorzustellen«,  stimmte Karrde zu. »Hallo, Calrissian, schön, Sie wiederzuse‐ hen.«  »Ja«, gab Lando zurück. »Obwohl Sie nicht mehr so denken  werden, wenn wir Ihnen sagen, weshalb Sie hier sind.«  Karrdes  Miene  blieb  unverändert,  doch  Leia  spürte,  wie  er  sich  anspannte.  »Wirklich?«  erwiderte  er  leichthin.  »Lassen  wir die Formalitäten beiseite. Setzen Sie sich, und berichten Sie  mir alles.«    »Tut mir leid«, tönte das Kontrollsystem am anderen Ende des  Kom  mit  seiner  unerträglich  angenehmen  mechanischen  Stimme.  »Die  Kommunikation  mit  dem  erwünschten  Teil‐ nehmer unterliegt gewissen Einschränkungen. Ohne angemes‐ senen Autorisierungskode kann ich Sie nicht verbinden.«  »Teilen Sie Rätin Organa Solo mit, daß es sich um einen Not‐ fall  handelt«,  sagte  Shada  und  legte  den  einschüchterndsten  offiziellen Ton in ihre Stimme, den sie hinbekam, während sie  aus  dem  Fenster  des  Cafes  auf  Solos  Incom‐T‐81  starrte,  der  auf  dem  Landeplatz  im  dritten  Stock  des  Orowood  Tower  parkte.  »Mein Anruf erfolgt unter  der  Autorisierung  von Ad‐ miral Drayson vom Geheimdienst der Neuen Republik.«  Das Kontrollsystem ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Es  tut mir leid, aber ohne den entsprechenden Autorisierungsko‐ de  kann  ich  Sie  unmöglich  verbinden«,  wiederholte  die  Stim‐ me. 

Shada  verzog  das  Gesicht  und  deaktivierte  das  Kom.  Das  war der letzte verbale Schachzug in ihrem Repertoire gewesen,  und  er  hatte  ihr  nichts  eingebracht.  Bei  jedem  Versuch  das  gleiche, und allmählich machte sie das sehr müde.  Zuerst hatte sie es auf dem offiziellen Weg versucht: Sie hatte  Rätin Organa Solos Büro im Imperialen Palast angerufen und  – als sie die Kontrolleure dort auch nicht durchlassen wollten –  anschließend  versucht,  in  das  gewaltige  Regierungsgebäude  selbst hineinzugelangen. Aber ohne offiziellen Status oder Ge‐ schäfte  oder  Beziehungen,  auf  die  sie  sich  berufen  konnte,  stieß  sie  bei  jedem  neuen  Versuch  auf  mehrere  Meter  dicke  Mauern aus Transparistahl. Als nächstes hatte sie versucht, die  wichtigste  private  Niederlassung  der  Solos außerhalb des  Pa‐ lastes  anzurufen  –  mit  dem  gleichen  Ergebnis.  Und  nun  ver‐ suchte  sie  zu  ihrer  Zuflucht  in  den  Manarai‐Bergen  durchzu‐ kommen. Wieder ohne Glück.  Und  mit  jeder  Abfuhr  hatte  ihre  offensichtlich  idealisierte  Vorstellung der Neuen Republik ein wenig mehr Schaden ge‐ nommen.  Sie  hatte  gehofft,  dort  hätte  man  ihr  mehr  bieten  können als das Leben bei den Mistryl, dem sie gerade erst den  Rücken  gekehrt  hatte.  Jetzt  sah  es  mehr  und  mehr  so  aus,  als  hätte sie sich geirrt.  Also gut. Sie hatte es auf die höfliche Art versucht und war  damit  nicht  weitergekommen.  Jetzt  würde  sie  es  auf  Mistryl‐ Art angehen.  Das Einkaufszentrum des Tower im zweiten Stock war ziem‐ lich  ausgedehnt,  doch  sie  brauchte  nicht  mehr  als  fünf  Minu‐ ten, um sich die drei Gegenstände zu beschaffen, die sie benö‐ tigte. Eine Minute darauf befand sie sich, bewaffnet mit einer 

beträchtlichen Menge weißen Brokatbands, einem billigen Da‐ tenblock sowie einer Flasche ebenso billigen, jedoch ehrfurcht‐ gebietenden  starken  Dodbri‐Whiskey,  in  einem  Turbolift  auf  dem Weg nach oben.  Sie  wußte,  es  würde  nur  eine  kurze  Fahrt  werden,  aber  sie  hatte  sich  in  Gedanken  bereits  alle  Einzelheiten  zurechtgelegt  und  machte  sich  daher  ohne  überflüssige  Bewegung  an  die  Arbeit. Sie drehte den Verschluß von der Whiskeyflasche und  spritzte  etwas  von  dem  starken  Gebräu  auf  den  Kragen  ihres  ein  wenig  ungepflegten  knöchellangen  Kleides,  anschließend  goß sie sich ein bißchen davon in den Mund. Sie zuckte unter  dem Brennen zusammen, schwenkte die Flüssigkeit im Mund  herum, während sie den Rest des Flascheninhalts in die deko‐ rativen Blumenkästen kippte, die den oberen Rand der Kabine  zierten. Froh, das Zeug loszuwerden, spukte sie den Mundvoll  zurück  in  die  Flasche,  dann  richtete  sie  ihre  Aufmerksamkeit  auf das Band. Die traditionelle Hochzeitshaarschleife von Co‐ ruscant  war  nur  unter  großem  Aufwand  zu  binden,  doch  sie  kannte eine Variante, die schnell und einfach war und so sehr  wie die echte Schleife aussah, daß man damit jedermann außer  einem wirklich erfahrenen Betrachter hereinlegen konnte.  Als  sich  die  Lifttüren  zur  Aussichtsplattform  auf  dem  Dach  des Tower öffneten, war sie bereit für ihren Auftritt. Mit einer  Hand  umklammerte  sie  die  Flasche,  in  der  anderen  hielt  sie  den Datenblock; so trat sie aus der Liftkabine und warf einen  flüchtigen  und  kalkuliert  unsteten  Blick  in  die  Runde.  Nie‐ mand  war  zu  sehen  zwischen  den  verwaisten  Tischen  und  Stühlen  und  dem  dekorativen  Gestrüpp.  Doch  die  Gruppe  persönlicher Leibwächter, die Rätin Organa Solo stets umgab,  ließ sich selten sehen. Sie packte ihre Flasche fester und mach‐

te  sich  schwankenden  Schrittes  auf  den  Weg  zum  Rand  des  Daches.  Der Wächter, von dem sie sicher wußte, daß er da sein muß‐ te,  hatte  sich  allerdings  noch  nicht  sehen  lassen,  als  sie  das  kinnhohe  Schutzgeländer  aus  Gitterwerk  erreichte,  das  in  ei‐ ner soliden kniehohen Basis verankert war. »Echt toll, Ravis«,  murmelte sie mit undeutlicher und mutloser Stimme, während  sie  die  Flasche  und  den  Datenblock  neben  dem  Schutzgitter  auf  das  Dach  fallen  ließ.  »Du  willst  also  nicht,  wie?  Fein.  Ich  kann  aus  deinem  Leben  verschwinden,  wenn  es  das  ist,  was  du willst. Ich kann den ganzen Weg…«  Sie  brach  mit  einem  verhaltenem  Schluchzen  ab,  grub  die  Finger  in  die  Zwischenräume  des  Gitterwerks,  drückte  sich  gegen die Barriere und drehte den Kopf zur Seite, um über das  Geländer auf den Boden unter sich zu blicken; alle ihre Sinne  waren  wachsam.  Sie  vernahm  ein  einzelnes  flüsterndes  Ge‐ räusch hinter sich, dann nichts mehr.  Also  brauchten  sie  eine  drastischere  Vorstellung,  bevor  sie  sich regten. Schön, den Gefallen konnte sie ihnen tun. Sie löste  die  Finger  von  dem  Schutzgitter,  gab  weiter  leise  Schluchzer  von sich, hob den Datenblock wieder auf und lehnte das Gerät  so  gegen  die  Rückenlehne  eines  Sessels  in  der  Nähe,  daß  es  deutlich  zu  erkennen  war.  Mit  ein  wenig  ungeschickt  tasten‐ den Fingern zog sie sich die Hochzeitsschleife aus dem Haar,  küßte  sie  theatralisch  und  legte  sie  vor  dem  Datenblock  auf  den  Stuhl.  Sie  verwendete  einen  weiteren  Augenblick  darauf,  die  beiden  Gegenstände  sorgfältig  zu  arrangieren,  dann  zog  sie  kantig  die  Schultern  hoch,  atmete  tief  durch  und  trat  zu‐ rück  an  den  Rand  des  Dachs.  Wieder  griff  sie  in  das  Gitter‐ werk,  stieg  auf  die  Basis  und  schwang  ein  Bein  über  das 

Schutzgeländer.  Oder versuchte es vielmehr. Noch als sie mit dem Bein aus‐ holte,  hörte  sie  ein  erneutes  flüsterndes  Geräusch;  eine  Hand  ergriff unversehens die Schärpe, die sie um die Hüfte trug, zog  sie  daran  zurück  und  zwang  sie  dazu,  ihr  Bein  wieder  nach  unten zu bewegen, um ihr Gleichgewicht zu wahren. »Tun Sie  das nicht«, mauzte hinter ihr leise eine ernsthafte katzenartige  Stimme.  »Lassen  Sie  mich«,  stöhnte  Shada,  ließ  mit  der  linken  Hand  das Gitterwerk los und schlug wirkungslos nach dem Arm des  Wesens.  »Lassen  Sie  mich  gehen.  Ich  bin  ihm  doch  vollkom‐ men  egal  –  das  hat  er  gesagt.  Er  will  mich  nicht  mehr.  Also  lassen Sie mich gehen.«  »Das  ist  nicht  der  richtige  Weg«,  sagte  der  Noghri  und  zog  sie sanft, aber bestimmt zurück. »Kommen Sie herein, und wir  reden darüber.«  »Genug geredet«, lallte Shada, drehte sich halb um, damit sie  auf ihn hinunterblicken konnte, wobei sie sich versicherte, daß  er  den  Whiskey  in  ihrem  Atem  riechen  konnte,  während  sie  einen  raschen  Blick  über  das  Dach  warf.  Niemand  sonst  war  zu  sehen.  »Bitte…  lassen  Sie  mich  gehen«,  flehte  sie,  griff  abermals  mit  der  linken  Hand  nach  dem  Gitterwerk  und  zog  sich gegen seinen Griff nach oben. »Bitte.«  »Nein«,  wiederholte  der  Noghri  und  zog  sie  mit  größerer  Kraft zurück, als es einem Geschöpf dieser Größe zuzutrauen  gewesen wäre. Ihre Finger spannten sich gegen sein Ziehen…  …  und  ohne  jede  Vorwarnung  ließ  sie  plötzlich  los,  drehte  sich halb um die eigene Achse und fiel genau auf ihn.  Der  Noghri  war  schnell.  Als  sie sich  weit  genug  herumged‐

reht  hatte,  um  ihn  sehen  zu  können,  hatte  er  bereits  einen  Schritt zur Seite getan, um ihr auszuweichen. Sein freier Arm  schoß  nach  oben,  um  jederzeit  ihre  Schultern  zu  packen  und  ihren Sturz aufzuhalten…  Und  als  sie  in  den  drahtigen  Griff  fiel,  stieß  sie  ihm  eine  Hand  hart  seitlich  gegen  die  Kehle.  Ohne  einen  Laut  gaben  seine  Beine  unter  ihm  nach,  und  sie  stürzten  zusammen  auf  das Dach.  Ein  paar  Sekunden  lag  sie  nur  da,  schluchzte  immer  noch  wie  eine  Betrunkene,  während  sie  ihre  Blicke  auf  der  Suche  nach  Verstärkung  wie  Pfeile  über  das  Dach  schießen  ließ.  Doch der Noghri war anscheinend allein hier oben.  Was  nicht  unbedingt  bedeutete,  daß  er  nicht  Meldung  ge‐ macht  hatte,  ehe  er  losgerannt  war,  um  die  deprimierte  Be‐ trunkene zu retten, die drauf und dran war, sich selbst zu zer‐ stören. Wenn er das getan hatte, blieb ihr nicht viel Zeit. Und  wenn nicht, hätte sie auch nicht viel mehr.  Sie  streifte  das  Kleid  ab,  das  ihren  Kampfoverall  verborgen  hatte,  behielt  mit  einem  Auge  die  Turbolifttür  im  Auge  und  machte sich an die Arbeit.    Karrde drehte das Glas in der Hand und betrachtete die Über‐ reste seines Drinks, die als Reaktion auf die Bewegung auf ei‐ ner  Seite  in  die  Höhe  schwappten.  »Sind  Sie  sich  all  dessen  sicher?« fragte er.  »Ich bin mir sicher«, erwiderte Lando mit Bestimmtheit. »Ich  bin  alles  durchgegangen,  was  uns  von  den  alten  imperialen  Archiven  geblieben  ist,  und  habe  absolut  jede  Aufzeichnung  ausfindig  gemacht,  die  sie  über  Thrawn  angelegt  hatten.  Das 

war  nicht  viel,  aber  alles  hat  absolut  so  ausgesehen  und  sich  angehört wie der Mann, den ich gesehen habe.«  »Was  nicht  bedeutet,  daß  es  kein  Trick  gewesen  sein  könn‐ te«,  warf  Han  ein  und  warf  Leia  einen  heimlichen  Blick  zu.  Falls Karrdes Haltung nichts als Theater war – wenn er insge‐ heim  hinter  Landos  Begegnung  mit  Thrawn  steckte  –,  dann  müßte sie den Beweis dafür zu diesem Zeitpunkt längst in sei‐ nen Gedanken gelesen haben.  Doch ihre Miene zeigte den gleichen finsteren Ausdruck, der  schon dagewesen war, als Lando mit seiner Erzählung begon‐ nen hatte. Und während er sie noch betrachtete, wanderte ihr  Blick zu ihm, und sie schüttelte kaum merklich den Kopf, um  auf seine unausgesprochene Frage zu antworten.  Han  hatte  angenommen,  sie  hätten  sich  unauffällig  genug  verhalten.  Aber  anscheinend  war  dem  nicht  so.  »So  wie  ich  das  sehe,  stehe  ich  hier  unter  irgendeinem  Verdacht«,  fuhr  Karrde  fort,  der  immer  noch  sein  Glas  studierte.  »Und  das  nicht  nur  von  seiten  der  Ishori  und  ihrer  Verbündeten.  Habe  ich den Test bestanden?«  Han  sah  wiederum  Leia  an,  gerade  rechtzeitig,  um  ihre  Mundwinkel  zucken  zu  sehen.  »Es  tut  mir  leid«,  versicherte  sie. »Ich hatte von vornherein keinerlei Zweifel.«  »Vielen Dank.« Karrde lächelte Han und Lando vage zu. »Ich  möchte niemanden von Ihnen beiden in Verlegenheit bringen,  indem ich Sie frage, ob Sie das Vertrauen der Rätin teilen.«  »Ich  mag es  nicht, irgend etwas als  selbstverständlich  anzu‐ sehen«, teilte Han ihm mit. »Es ist ja nicht so, daß Sie der Neu‐ en Republik irgendwann mal ewige Treue geschworen hätten  oder so.« 

Karrde neigte den Kopf. »Damit haben Sie natürlich recht. Es  tut mir leid.«  Er ließ den Blick zu Lando wandern. »Also schön, beginnen  wir  mit  der  Annahme,  von  der  wir  alle  hoffen,  daß  sie  wahr  ist: nämlich, daß Sie das Opfer eines raffinierten Tricks waren.  Frage eins: Wie wurde er bewerkstelligt?«  »Das  dürfte  nicht  allzu  schwer  sein«,  erwiderte  Han.  »Ein  bißchen Gesichtschirurgie, um diesen Typen wie Thrawn aus‐ sehen zu lassen; dann fügt man noch Haut, Haar und Augen‐ farbe hinzu.«  »Gesichtschirurgie hinterläßt in der Regel ziemlich auffällige  Spuren«,  bedeutete  Lando  den  anderen.  »Ich  weiß,  wonach  man  Ausschau  halten  muß,  und  er  hatte  keine  Narben.  Übri‐ gens, was ist mit der Stimme?«  »Was  mit  der  Stimme  ist?«  fragte  Han  zurück.  »Stimmen  kann  man  fälschen.  Wir  haben  das  selbst  mal  mit  3PO  ge‐ macht, wißt Ihr noch?«  »Wenn  die  Stimme  wirklich  so  naturgetreu  war,  könnte  es  sich  um  einen  menschlichen  Replikantendroiden  gehandelt  haben«,  schlug  Karrde  vor.  »So  wie  der,  den  Prinz  Xizor  von  der Schwarzen Sonne hatte.«  Lando  schüttelte  den  Kopf.  »Es  war  nicht  nur  die  Stimme,  Karrde; oder das Gesicht oder sonst irgend etwas Äußerliches.  Es war…  ich weiß es nicht. Da  war eine  Präsenz,  eine  verbor‐ gene  Kraft  und  Zuversicht,  die,  glaube  ich,  kein  Droide  na‐ chahmen könnte. Er war es. Er muß es gewesen sein.«  »Hätte  er  denn  ein  Klon  sein  können?«  hakte  Karrde  nach.  »Thrawn  hätte  leicht  einen  oder  mehrere  der  Klontanks  aus  dem  Mount  Tantiss  rausschaffen  können,  bevor  dieser  ver‐

nichtet wurde.«  »Das habe ich mich auch bereits gefragt«, meinte Leia. »Das  würde  auch  erklären,  woher  die  Klone  kamen,  die  Luke  bei  Iphigin gespürt hat.«  »Ein  Klon  von  Thrawn  wäre  gefährlich  genug«,  stimmte  Lando  knapp  zu.  »Aber  seht  es  mal  kurz  von  einer  anderen  Seite. Hätte dann nicht ebenso leicht bei Bilbringi ein Klon auf  der  Brücke  der  Schimäre  sitzen  können?  Was,  wenn  Thrawn,  alles,  was  geschehen  würde,  vorhergesehen  hat  –  alles  –  und  die notwendigen Arrangements getroffen hat?«  Karrde  schwenkte  seinen  Drink  etwas  heftiger  in  seinem  Glas. »Aber weshalb hat er sich dann zurückgelehnt und zuge‐ lassen,  daß  das  Imperium  untergeht,  wenn  seine  Führung  es  höchstwahrscheinlich  hätte  retten  können?«  fragte  er.  »Nein.  Wenn er wirklich noch am Leben war, so muß er durch seine  Verwundung  behindert  gewesen  und  irgendwohin  gegangen  sein, um zu genesen.«  »Das ist ziemlich genau das, was er Miatamia und mir gege‐ nüber angedeutet hat«, pflichtete Lando bei. »Er sprach davon,  weit weg gewesen zu sein, um sich zu erholen.«  »Es  sei  denn,  das  wollte  er  Sie  beide  lediglich  glauben  ma‐ chen«,  warnte  Leia.  »Vielleicht  war  er  einfach  weit  weg,  um  irgend etwas anderes zu tun.«  »Etwas  anderes,  als  das  Imperium  zu  schützen?«  wandte  Han ein. »Das ergibt keinen Sinn.«  Karrde  setzte  abrupt  sein  Glas  auf  dem  niedrigen  Tisch  ne‐ ben  seinem  Sessel  ab.  »Also  schön«,  begann  er,  »nehmen  wir  mal  den  schlimmsten  Fall  an:  daß  dies  wirklich  Thrawn  war,  den Sie gesehen haben, und daß er wieder da und auf Blut aus 

ist. Warum taucht er gerade jetzt auf? Und wieso zeigt er sich  bloß Ihnen und Senator Miatamia statt ganz Coruscant?«  »Wahrscheinlich  um  genau  die  Situation  herbeizuführen,  in  der wir uns jetzt befinden«, versetzte Leia. »Die Spannung im  Senat wuchs bedrohlich; dabei gab es ein erstaunliches Maß an  gegen  die  Diamala  gerichteten  Animositäten  und  Verdächti‐ gungen. Und darüber hinaus gegen jeden, der in der Caamas‐ Angelegenheit auf deren Seite steht.«  »Außerdem tauchte der Vorwurf auf, daß Gavrisom die Kri‐ se  möglicherweise  gar  nicht  beilegen  will  –  um  das  Ganze  noch ein bißchen mehr zum Kochen zu bringen«, fügte Lando  hinzu. »Wie ich höre, beschweren sich bereits einige Senatoren  darüber, daß er angeblich die ganze Frage nach Wiedergutma‐ chung für die Caamasi verschleppt.«  Han  verzog  das  Gesicht.  Die  Finanzkrise  der  Bothans…  »Er  tut, was er kann«, teilte er Lando mit.  »Kann sein«, erwiderte dieser düster. »Mir kommt es bloß so  vor,  daß  es  eine  Reihe  anderer  Möglichkeiten  für  Thrawn  ge‐ geben hätte, die Regierung in Aufruhr zu versetzen, wenn das  alles war, was er im Sinn hatte.«  »Was  sonst  könnte  er  wollen«,  erkundigte  sich  Karrde.  »Er  wäre  mit  Sicherheit  nicht  dumm  genug,  es  gleich  mit  der  ge‐ samten Neuen Republik aufzunehmen. Nicht, wenn er nur die  Ressourcen von acht Sektoren zur Verfügung hat.«  »Vielleicht  hat  er  irgendeine  neue  Superwaffe  ausgegraben,  die der Imperator irgendwo versteckt hatte«, schlug Lando mit  bedrohlichem  Unterton  vor.  »Ein  neuer  Todesstern  –  ein  fer‐ tiggestellter  diesmal  –  oder  vielleicht  ein  neuer  Sonnenham‐ mer. Oder etwas noch viel Gefährlicheres.« 

Karrde schüttelte den Kopf. »Ziemlich weit hergeholt. Fall es  da  draußen  irgend  so  etwas  gäbe,  hätten  wir  mit  Sicherheit  längst davon gehört.«  »Wir müssen hier noch über etwas anderes reden«, warf Leia  ein.  »Ihr  habt  davon  gesprochen,  daß  er  es  mit  der  gesamten  Neuen  Republik  aufnehmen  könnte  –  davon  kann  aber  nur  dann die Rede sein, wenn wir die gesamte neue Republik zu‐ sammenbekommen,  um  gegen  ihn  zu  kämpfen.  Da  die  Caa‐ mas‐Frage  uns  so  sehr  entzweit  –  und  da  das  Imperium  so  schwach ist, daß die meisten es nicht einmal mehr für eine Be‐ drohung  halten  –,  besteht  diese  Möglichkeit  praktisch  nicht  mehr.«  »Wenn es sie je gab«, warf Han säuerlich ein. »Es hat immer  nur ein kleiner Bruchteil der Galaxis wirklich gegen das Impe‐ rium gekämpft.«  »Und  nur  ein  Bruchteil  des  Imperiums  hat  gegen  uns  ge‐ kämpft«, stellte Lando klar und richtete den Blick auf Karrde.  »Ich schätze, wir waren uns damals gar nicht darüber im kla‐ ren,  wieviel  ihrer  Energie  sie  darauf  verwendeten,  all  jene  kleinen planetaren Rachefeldzüge und Rivalitäten unter Kont‐ rolle zu halten. Heute sind wir in dieser Situation, und meiner  Meinung nach verfügen wir einfach nicht über genügend Mit‐ tel, um es mit Thrawns Plänen aufzunehmen.«  »Das  hängt  natürlich  davon  ab,  was  er  plant«,  meinte  Karr‐ de. Han bemerkte plötzlich, daß er Lando nicht aus den Augen  ließ.  Ebensowenig  wie  Lando  ihn  aus  den  Augen  ließ.  »Was  also schlagen Sie als Ihren nächsten Schritt vor?«  »Unser  nächster  Schritt«,  entgegnete  Lando  und  griff  das  Wort  auf,  »ist,  diese  verdammte  Caamas‐Sache  loszuwerden, 

damit  wir  uns  ganz  auf  Thrawn  konzentrieren  können.  Und  das  bedeutet,  genau  herauszufinden,  wer  die  schuldigen  Bo‐ thans waren.«  »Das  könnte  ein  Problem  sein«,  warf  Karrde  mit  betont  ge‐ lassener Stimme ein. »Soweit ich weiß, besitzen die Imperialen  nur noch zwei komplette Sätze  Aufzeichnungen:  einen in  der  Allgegenwärtigkeitsbasis auf Yaga Minor, der andere befindet  sich im gegenwärtigen Imperialen Zentrum auf Bastion.«  »Ich  nehme  nicht  an,  daß  Sie  zufällig  wissen,  wo  Bastion  liegt«, sagte Leia.  »Ich  fürchte,  nein«,  gab  Karrde  zurück,  blickte  sie  an  und  richtete  seine  Aufmerksamkeit  dann  wieder  auf  Lando.  »Bas‐ tions eigentlicher Name ist eines der Geheimnisse, die das Im‐ perium bewahren konnte.«  »Ich habe nicht unbedingt über die Imperialen gesprochen«,  sagte Lando. »Ich dachte, jemand anders könnte die Aufzeich‐ nungen besitzen, die wir suchen.«  Han zwinkerte Lando zu. Mit einem Mal gewann Calrissians  dringender Wunsch, an dieser Unterredung mit Karrde teilzu‐ nehmen,  eine  völlig  neue  Dimension.  »Du  meinst,  daß  Karr‐ de…«  »Ich  habe  diese  Aufzeichnungen  nicht,  Calrissian«,  wider‐ sprach  Karrde,  »und  wenn  ich  sie  besäße,  hätte  ich  sie  Ihnen  schon lange vorher angeboten.«  »Das  weiß  ich«,  erwiderte  Lando  mit  bedeutungsschwange‐ rer Stimme. »Ich dachte an eine ganz und gar andere Quelle.«  »Die  sie  wahrscheinlich  auch  nicht  hat«,  bemerkte  Karrde  kalt. 

Landes Miene blieb unverändert. »Aber haben könnte.«  Ein  paar  Herzschläge  lang  fuhren  die  beiden  Männer  fort,  einander  anzustarren.  Han  blickte  Leia  kurz  stirnrunzelnd  an  und entdeckte die eigene Verwirrung im Spiegel ihres Gesich‐ tes. »Gibt es hier etwas, worüber wir Bescheid wissen sollten?«  erkundigte er sich vorsichtig.  »Nein«,  antwortete  Lando.  »Oder  ich  sollte  vielleicht  besser  sagen, noch nicht.«  »Calrissian und ich müssen uns mal kurz unterhalten«, ver‐ kündete Karrde und stand abrupt auf. »Leia, gibt es hier einen  Ort, wo wir unter uns sein können?«  »Ihr könnt das Schlafzimmer der Jungs benutzen«, erwiderte  Leia und deutete den Flur entlang. »Die letzte Tür links.«  »Vielen  Dank.«  Karrde  dirigierte  Lando  in  den  Korridor.  »Nach Ihnen, Calrissian.«    Shada  hatte  ihrer  Sicherheitsleine  ungefähr  zwei  Meter  über  ihrem  Kopf  einen  zusätzlichen  Anker  hinzugefügt,  da  sie  da‐ von  ausging,  daß  die  Noghri,  falls  sie  Verstärkung  auf  dem  Dach besaßen, einfach das Seil kappen würden, ohne sich lan‐ ge damit aufzuhalten, sie zuerst nach oben zu ziehen, um den  Formalitäten einer Befragung zu genügen. Nun, da sie hundert  Meter  über  dem  Boden  baumelte,  schob  sie  ihr  wenig  Licht  abgebendes Okular sachte um den Rand des dunklen Fensters  neben sich und spähte hinein.  Das Schlafzimmer eines Kindes – zweier Kinder, verbesserte  sie sich, als sie das zweite Bett entdeckte, das gegen die Wand  gegenüber  geschoben  war.  Der  Raum  war  zur  Zeit  unbe‐ wohnt;  und  da  keines  der  drei  Solo‐Kinder  ihren  Eltern  aus 

dem  Luftgleiter  gefolgt  war,  lag  es  nahe,  daß  der  Raum  auch  weiterhin bleiben würde.  Sie  schob  das  Okular  in  die  dafür  vorgesehene  Tasche  ihres  Overalls  zurück,  zückte  eines  ihrer  drei  Zana‐M6W‐9‐ Molekularstiletts und fuhr dessen schlanke unsichtbare Klinge  aus.  Gleich  einem  Lichtschwert  durchdrang  ein  Molekularsti‐ lett nahezu alles. Anders als bei einem Lichtschwert indes war  die Klinge des Zana unglaublich fein. Ein rascher Vorstoß ge‐ gen  einen  Angreifer  endete  beinahe  immer  mit  einer  zerbro‐ chenen Klinge – und mit einem toten Angreifer selbstverständ‐ lich  –,  und  selbst  der  gewissenhafteste,  sorgfältigste  Schnitt  führte meistens dazu, daß das Werkzeug ruiniert wurde.  Zum  Glück  war  die  Aufgabe,  die  vor  ihr  lag,  nicht  so  ans‐ pruchsvoll, daß sie damit ihr Glück herausfordern mußte. Bei  den  meisten  Gebäuden  auf  Coruscant  würde  sie  ein  ganzes  Fenster  herausschneiden  müssen,  um  ins  Innere  zu  gelangen,  aber  die  Architekten  des  Orowood  hatten  traditionelle,  nach  außen  sich  öffnende  Fenster  von  Alderaan  eingebaut,  um  fri‐ sche  Luft  einzulassen.  Sie  mußte  nichts  weiter  tun,  als  die  Klinge des Stiletts zwischen die Rahmen zu manövrieren und  den Riegel zu durchtrennen – und schon wäre sie drin.  Natürlich  nachdem  sie  sämtliche  Alarmanlagen  gefunden  und  unbrauchbar  gemacht  hatte,  die  von  den  Noghri  instal‐ liert worden waren.  Die Aufgabe erwies sich als einfacher, als sie erwartet hatte.  Das  Fenster  war  nur  mit  einer  einzigen  Alarmanlage  ausges‐ tattet,  die  darauf  ausgerichtet  war,  sich  nähernde  Luftgleiter  zu beobachten. Es war den Noghri offenbar nicht in den Sinn  gekommen,  daß  jemand  verrückt  genug  sein  könnte,  sich  so 

wie  sie  vom  Dach  abzuseilen.  Schließlich  hatten  sie  eine  Wa‐ che dort oben aufgestellt.  Zwei  Minuten  später  stand  sie  in  dem  dunklen  Raum,  zog  das  Fenster  hinter  sich  zu  und  lauschte  angestrengt.  Sie  ver‐ nahm  die  üblichen  leisen  mechanischen  Geräusche  jeder  mo‐ dernen Wohnung, dazu die gedämpften Laute einer Unterhal‐ tung aus einem anderen Teil des Apartments. Die Worte war‐ en  durch  die  geschlossene  Tür  unmöglich  zu  verstehen,  aber  sie  vermochte  mindestens  vier  verschiedene  Stimmen  zu  un‐ terscheiden.  Sie  stand  im  Türrahmen  und  legte  in  plötzlicher  Unent‐ schlossenheit die Stirn in Falten. Sie hatte Solo und Leia sowie  ihren  Droiden  in  ihrem  T‐81  ankommen  sehen,  und  sie  hatte  Calrissian entdeckt, der auf sie wartete. Aber wem gehörte die  vierte  Stimme?  Irgendein  beliebiger  Freund,  der  zufällig  vor‐ beischaute? Wohl kaum. Ein Geschäftspartner von Calrissian?  Vielleicht,  wenn  man  davon  absah,  daß  er  sich  allein  in  den  Schatten herumgedrückt hatte, ehe die Solos auftauchten.  Eines  war  sicher:  Wenn  man  bedachte,  wie  verstohlen  sie  sich alle drei draußen aufgeführt hatten, so war dies eindeutig  eine  Begegnung,  auf  deren  Geheimhaltung  sie  größten  Wert  legten.  Sie  bezweifelte,  daß  irgendeiner  von  ihnen  es  beson‐ ders schätzen würde, wenn diese Begegnung von einem voll‐ kommen Fremden gesprengt würde.  Plötzlich  straffte  sie  sich.  Die  Unterhaltung  war  unterbro‐ chen, und an ihre Stelle trat ein neues Geräusch.  Schritte. Sie kamen in ihre Richtung.  Sie durchquerte den Raum mit vier raschen langen Schritten  und kniete sich neben das Bett an der hinteren Wand. Das Bett 

hatte  die  Form  eines  Raumschiffs,  mit  Stauräumen  unter  der  Matratze.  Aber  sie  hatte  ohnehin  nicht  vorgehabt,  sich  unter  dem Bett zu verstecken. Sie packte die Griffe der Schubfächer  und zog daran.  Es  mußte  eine  Menge  Gerumpel  in  jenen  Schubfächern  ste‐ cken,  denn  sogar  als  mistrylgestärkte  Muskeln  daran  zogen,  bewegte  sich  das  Bett  kaum  fünfundzwanzig  Zentimeter  von  der  Wand.  Doch  das  würde  reichen;  und  da  die  Schritte  vor  der  Tür  innegehalten  hatten,  mußte  es  das  auf  jeden  Fall.  Sie  schoß aus ihrer knienden Position in die Höhe, rollte quer über  das Bett und glitt schließlich lautlos seitwärts in die  enge Lü‐ cke.  Sie hatte es geschafft. Gerade als ihre Schulter und Hüfte den  kühlen  Boden  berührten,  ging  die  Schlafzimmertür  auf,  und  die  Schritte  zweier  Personen  kamen  näher.  Das  Leuchtpaneel  flammte auf, und die Tür schloß sich wieder.  »Wir hatten eine Abmachung, Calrissian«, sagte eine männli‐ che  Stimme, die ihr vertraut schien. Shada  durchforschte ihre  Erinnerung…  »An die ich mich gehalten habe«, antwortete Calrissian. Sei‐ ne Stimme klang ein wenig defensiv.  »Wirklich?« fragte die andere Stimme kalt. »Sie haben ihnen  praktisch verraten, daß es hier ein Geheimnis gibt. Glauben Sie  etwa, die beiden brauchen mehr als das, um ihre kleinen Spa‐ ten auszupacken und mit dem Graben zu beginnen?«  …  und  plötzlich  rastete  die  Erinnerung  ein.  Das  war  der  Schmugglerboß, Talon Karrde.  »Ehrlich,  Karrde,  ich  schätze,  die  beiden  haben  im  Moment  größere Sorgen«, meinte Calrissian spitz. »Und um ehrlich zu 

sein, ich habe nie verstanden, warum Sie gerade in dieser Sa‐ che so versessen auf Geheimhaltung waren. Also Jori Car’das  war mal ein Konkurrent von Ihnen…«  »Senken  Sie  Ihre  Stimme«,  knurrte  Karrde.  »Ich  will  nicht,  daß die anderen diesen Namen hören. Und Car’das war auch  kein Konkurrent. Er war etwas vollkommen anderes.«  »Fein«, entgegnete Calrissian. »Wie dem auch sein mag. Der  springende Punkt ist, daß wir uns den Luxus dummer kleiner  Spielchen nicht länger leisten können. Nicht…«  »Dumme kleine Spielchen?« fiel Karrde ihm ins Wort. »Cal‐ rissian, Sie haben keine Ahnung, wovon Sie reden.«  »Ich weiß ganz genau, wovon ich rede«, erwiderte Calrissian  scharf.  »Ich  rede  über  das  Genie,  das  vor  zehn  Jahren  so  nah  dran  war,  die  gesamte  Neue  Republik  aus  dem  Weg  zu  räu‐ men. Was auch immer Thrawn geplant haben mag, er muß auf  die  Caamas‐Frage  zählen,  um  weiterhin  einen  Keil  zwischen  uns zu treiben.«  Shada  spürte,  wie  ihr  der  Atem  stockte.  Was  auch  immer  Thrawn geplant haben mag? Aber Thrawn war doch tot.  Oder etwa nicht?  »Vielen  Dank  für  die  historische  Nachhilfe«,  sagte  Karrde.  »Ich  war  dabei,  falls  Sie  sich  erinnern.  Führen  wir  uns  nicht  auf,  als  stünde  die  gesamte  Neue  Republik  am  Rande  des  Elends und des Untergangs. In Ordnung?«  »Sind  Sie  sicher,  daß  wir  nicht  genau  da  stehen?«  konterte  Calrissian. »Denken Sie denn wirklich, Thrawn hätte sich nach  all der Zeit gezeigt, wenn er nicht zum Handeln bereit wäre?«  »Falls er überhaupt vorhat zu handeln«, argumentierte Karr‐

de.  »Er  könnte  eine  Menge  anderer  Dinge  im  Sinn  haben  als  einen offenen Angriff.«  »Oh, wie beruhigend«, brummte Calrissian. »Und ein Grund  mehr,  das  Caamas‐Problem  so  schnell  wie  möglich  zu  lösen.  Wenn es nur den Hauch einer Chance gibt, daß Car’das dabei  helfen kann, dann muß jemand ihn aufsuchen.«  »Und Sie schlagen vor, daß ich dieser Jemand sein soll?«  »Sie haben ihn gekannt«, stellte Calrissian fest.  »Das  reicht  vielleicht  nicht  auf  der  Habenseite«,  meinte  Karrde. »Es könnte eigentlich eher zum Nachteil werden.«  Das  leise  Geräusch  eines  gedämpft  ausgestoßenen  Seufzers  war  zu  hören.  »Schauen  Sie,  Karrde,  ich  habe  keine  Ahnung,  was  zwischen  Ihnen  und  Car’das  vorgefallen  ist.  Was  ich  je‐ doch weiß, ist, daß wir es hier mit Großadmiral Thrawn zu tun  haben. Und nicht bloß wir – auch Sie müssen mit ihm rechnen.  Vergessen Sie nicht, er hat gesagt, daß er speziell hinter Ihnen  her sein wird.«  »Einschüchterungen«, murmelte Karrde.  »Ich kann mich nicht entsinnen, daß Thrawn sich beim letz‐ ten Mal jemals auf Einschüchterungen verlassen hat«, erwider‐ te  Calrissian.  »Auf  alles,  was  er  sagte,  folgten  Taten.  Aber  da  Sie das Thema Einschüchterung schon mal aufgebracht haben,  wovor haben Sie eigentlich solche Angst?«  Man hörte Schritte, die sich dem Fenster näherten. »Sie sind  Car’das  niemals  begegnet,  Lando«,  entgegnete  Karrde  leise.  »Wenn  Sie  es  wären,  würden  Sie  verstehen.  Auf  seine  Weise  war er sogar skrupelloser als Jabba der Hutt.«  »Und trotzdem haben Sie Mara und mich gebeten, ihn zu ja‐

gen.«  »Ich  habe  Sie  um  gar  nichts  gebeten«,  gab  Karrde  zurück.  »Wenn  Sie  sich  erinnern  wollen,  so  habe  ich  Sie  dazu  zu  be‐ wegen versucht, mir diese Aufgabe zu überlassen.«  »Sie haben mir außerdem weiszumachen versucht, es hande‐ le sich dabei lediglich um eine nutzlose Kuriosität aus der Zeit  vor  den  Klon‐Kriegen«,  erinnerte  ihn  Calrissian  trocken.  »Sie  wußten ganz genau, daß ich auf eine Geschichte wie diese he‐ reinfallen  würde.  Aber  darum  geht  es  hier  nicht.  Wir  haben  ihn  aufgespürt  und  sind  gut  aus  der  Sache  wieder  herausge‐ kommen.«  »Sie  haben  ihn  lediglich  bis  zu  einem  in  Frage  kommenden  System  aufgespürt«,  erwiderte  Karrde.  »Und  von  mir  verlan‐ gen Sie, daß ich in jede nur denkbare Festung marschiere, die  er dort errichtet hat, und ihm von Angesicht zu Angesicht ge‐ genübertrete.«  »Wenn  Thrawn  nicht  aufgehalten  wird,  dann  wird  er  derje‐ nige  sein,  der  schließlich  an  die  Pforte  von  Car’das’  letztem  Refugium klopft«, erklärte Calrissian. »Wenn Car’das über ein  Minimum an Verstand verfügt, wird er Ihnen für die Warnung  dankbar sein.«  »Car’das war noch niemals im Leben irgendwem für irgend  etwas  dankbar«,  antwortete  Karrde  freiheraus.  »Und  er  hat  sich  mit  größter  Wahrscheinlichkeit  auch  nicht  zur  Ruhe  ge‐ setzt. Er wird irgend etwas aushecken oder planen – das ist die  Natur  dieses  Mannes.  Und  er  will  keinesfalls  gefunden  wer‐ den. Besonders nicht von mir.«  Calrissian  stieß  ein  Zischen  zwischen  den  Zähnen  hervor.  »Na  schön«,  sagte  er  scharf.  »Wenn  Sie  sich  also  in  irgendei‐

nem  Loch  vergraben  und  darauf  warten  wollen,  daß  Thrawn  Sie wieder ausbuddelt, nur zu. Geben Sie mir eine Kopie von  Maras  Route  zum  Exocron‐System,  und  ich  werde  ihn  selbst  finden.«  »Seien  Sie  nicht  albern«,  versetzte  Karrde.  »Sie  und  Ihre  Glücksdame  würden  im  Kathol‐Sektor  allein  keine  zwei  Tage  bestehen.«  »Wer sagt, daß ich allein fliege?« gab Calrissian zurück. »Ich  dachte, ich frage General Bel Iblis, ob er mich mit dem Wander‐ falken, begleitet.«  »Das wäre allerdings das Schlimmste, was Sie tun könnten«,  sagte Karrde; ein Unterton von Verzweiflung färbte allmählich  seine  Stimme.  »Wenn  Sie  ein  Großkampfschiff  ins  Exocron‐ System  schicken,  wird  Car’das  entweder  vollkommen  unter‐ tauchen  oder  Ihr  Schiff  vom  Himmel  blasen.  Sie  kennen  ihn  nicht so gut wie ich.«  »Nein«,  pflichtete  ihm  Calrissian  leise  bei.  »Das  tue  ich  nicht.«  Es  entstand  ein  langes  Schweigen.  Ein  langes,  erwartungs‐ volles Schweigen. »Sie hätten sich niemals von Ihrer Tätigkeit  als Schwindler verabschieden sollen, Calrissian«, sagte Karrde  schließlich. »Sie sind viel zu gut darin. Also schön. Ich fliege.«  »Danke«, entgegnete Calrissian. »Sie werden es nicht bereu‐ en.«  »Machen  Sie  keine  Versprechungen,  die  Sie  nicht  halten  können«,  warnte  Karrde.  Die  charakteristische  Heiterkeit  war  in  seine  Stimme  zurückgekehrt.  »Ich  schätze,  wir  sollten  jetzt  den anderen die Neuigkeiten überbringen.«  Die  Tür  öffnete  sich  wispernd,  und  die  Leuchtpaneele  erlo‐

schen;  und  als  der  Raum  sich  wieder  verdunkelte,  stemmte  sich  Shada  aus  ihrem  Versteck.  Sie  rollte  sich  abermals  über  das Bett und sprang auf die Füße. Sie durchquerte den Raum  und glitt hinaus, ehe die Tür sich wieder schloß.  Die  beiden  Männer,  Calrissian  voran,  gingen  den  Flur  ent‐ lang auf etwas zu, das wie ein Gesprächsrund nach alderaani‐ scher  Art  aussah.  Beide  waren  sich  Shadas  Gegenwart  hinter  ihnen nicht bewußt. Sie kam näher und hielt lautlos mit Karr‐ de Schritt.    »Also  schön,  ich  gebe  es  auf«,  sagte  Han,  der  verwirrt  drein‐ schaute. »Was war das denn gerade?«  Leia schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht«, gab sie zu und  spielte  den  letzten  Wortwechsel  zwischen  Lando  und  Karrde  im Geiste noch mal durch, während sie in den Korridor starrte,  wo die beiden in Richtung Kinderzimmer verschwunden war‐ en.  »Irgendein  Geheimnis,  von  dem  sie  nicht  wollen,  daß  wir  darüber Bescheid wissen.«  »Ja, das hab’ ich mir auch schon zusammengereimt«, meinte  Han. »Aber was ist das für ein Geheimnis?«  Leia  warf  ihm  einen  ihrer  geduldigen  Blicke  zu,  eine  Fähig‐ keit,  die  während  eines  Lebens  im  diplomatischen  Dienst  er‐ worben  und  in  zehn  Jahren  des  Umgangs  mit  drei  übermüti‐ gen  Kindern  zur  Kunst  geformt  worden  war.  »Du  weißt,  daß  ich nicht einfach da hineingehen und alles in ihren Gedanken  lesen kann«, rief sie ihm ins Gedächtnis. »Das ist nicht mal bei  Feinden moralisch gerechtfertigt, geschweige denn bei Freun‐ den.«  »Ihr  Jedi  seid  manchmal  wirklich  kein  Vergnügen«,  entgeg‐

nete Han. Er schlug einen scherzhaften Ton an, aber seine Au‐ gen  und  seine  Stimme  verrieten  ihr,  daß  ihm  die  Situation  noch immer nicht behagte.  »Wir  sind  auch  nicht  im  Vergnügungsgewerbe«,  stellte  sie  klar.  »Aber  du  könntest  doch  irgendwie,  äh,  hinausgreifen  und  einen  Eindruck  davon  bekommen,  worüber  die  da  drin  spre‐ chen.«  Leia  lächelte  ironisch.  »Ich  wünschte,  du  würdest  das  las‐ sen«, ermahnte sie ihn.  Er  zauberte  einen  unschuldigen  Blick  aus  seinem  eigenen  Repertoire hervor. »Was lassen?«  »Genau  in  dem  Moment  vorschlagen,  daß  ich  etwas  Unmo‐ ralisches tue, wenn ich mich gerade davon zu überzeugen ver‐ suche,  daß  es  niemandem  weh  tun  würde«,  erklärte  sie.  »Ich  finde das sehr irritierend.«  »Vor  allem  dann,  wenn  der  Vorschlag  von  einem  Kerl  kommt,  der  nicht  annähernd  ein  so  reines  Gewissen  wie  du  haben mußt?« brachte Han liebenswürdig vor.  Leia verdrehte die Augen. »Ich schwöre, Han, ich glaube, du  kannst  meine  Gedanken  ohne  Jedi‐Sinne  besser  lesen  als  ich  deine mit ihnen.«  Er winkte  ab. »Berufsgeheimnis. Das gehört zu den Dingen,  die man als Schurke lernt.«  »Natürlich«, erwiderte Leia und sah wieder in Richtung Flur.  »Ich  frage  mich,  wie  unmoralisch  es  wäre,  3PO  hineinzuschi‐ cken, um Notizen für sie zu machen…«  »Lady Vader«, unterbrach sie eine ernste Stimme. 

Leia  fuhr  hoch.  Wie  stets  hatte  sie  die  Annäherung  des  Noghri weder gehört noch gespürt. »Was gibt es, Gharakh?«  »Vielleicht  Ärger«,  knurrte  Gharakh.  »Der  Posten  auf  dem  Dach reagiert nicht auf sein Komlink.«  Aus dem Augenwinkel  sah  Leia,  wie  Han  sich  ein wenig in  seinem  Sessel herumdrehte, um den  Blaster  im Holster zu  lo‐ ckern. »Haben Sie ein Team nach oben geschickt, um nach ihm  zu sehen?«  »Sie sind unterwegs«, antwortete der Noghri. »Doch ehe wir  es  besser  wissen,  müssen  wir  davon  ausgehen,  daß  ein  Ein‐ dringling  versucht,  sich  Zugang  zu  verschaffen.  Wo  sind  die  anderen?«  »Den Flur entlang«, erwiderte Leia. Noch als sie in die Rich‐ tung  deutete,  empfand  sie  die  feine  Veränderung  des  Luft‐ drucks, als die Schlafzimmertür sich öffnete. »Das müssen sie  sein«,  fügte  sie  hinzu,  während  der  Klang  sich  nähernder  Schritte dies bestätigte.  »Ich möchte Sie bitten, daß Sie für den Augenblick in diesem  Raum  bleiben«,  riet  Gharakh.  Während  er  noch  sprach,  trat  Lando  um  die  Ecke,  gefolgt  von  Karrde…  »Wenn  es  einen  Eindringling gibt, müssen wir ihn aufspüren.«  …  dem  wiederum  eine  hochgewachsene,  schlanke  Frau  in  einer dunkelgrauen Kampfkombination folgte.  »Keine Sorge«, sagte die Frau ruhig. »Hier bin ich.« 

22. Kapitel    Ihre  Reaktionen –  wie alle  unmittelbaren  Reaktionen  –  waren  prompt  und  wirkungsvoll.  Doch  zugleich,  so  mußte  Shada  einräumen, waren sie merkwürdig komisch anzuschauen.  Der Schock der unerwarteten Stimme in seinem Rücken ließ  Calrissian  einen  halben  Meter  in  die  Luft  springen,  seine  Schußhand  verhedderte  sich  für  Augenblicke  in  seinem  Um‐ hang,  ehe  er  den  Blaster  zu  fassen  bekam.  Der  Noghri  hatte  seine  Waffe  indes  bereits  gezogen  und  auf  Shada  gerichtet,  und  Solo  lag  nur ein  kleines Stück  hinter  ihm. Karrde  sprang  nicht annähernd so weit wie Calrissian, doch anstatt selbst zur  Waffe zu greifen, machte er bloß einen langen Schritt zur Seite,  um Solo und dem Noghri ein freies Schußfeld zu verschaffen.  Ein  kluger  Zug,  aber  Shada  hätte  von  jemandem  mit  seinem  Ruf auch nichts anderes erwartet.  Rätin  Organa  Solo  bewegte  sich  im  Unterschied  zu  den  an‐ deren überhaupt nicht.  Shada  bewegte  sich  jedoch  auch  nicht.  Sie  stand,  wo  sie  stand,  ließ  die  leeren  Hände  an  den  Seiten  des  Körpers  bau‐ meln  und  fragte  sich  am  Rande,  ob  die  gepriesenen  und  höchstwahrscheinlich überschätzten Kampfreflexe der Noghri  es mehr oder minder wahrscheinlich machten, daß der Wäch‐ ter  auf  ihr  unerwartetes  Auftauchen  überreagieren  und  sie  niederschießen würde.  Sie hoffte fast darauf. In vielerlei Hinsicht wäre das die ein‐ fachste Art, den Dingen ein Ende zu setzen. 

Doch  der  Noghri  schoß  nicht.  Auch  Solo  und  Calrissian  feuerten nicht, und mit halbem Bedauern erkannte Shada, daß  sie nicht auf die einfache Art aus allem herauskommen würde.  Es war Organa Solo, die das zermürbende Schweigen brach.  »Wer  sind  Sie?«  fragte  sie;  ihre  Stimme  war  ebenso  gelassen  wie ihre Miene.  »Mein  Name  ist  Shada  D’ukal«,  antwortete  Shada.  »Ich  bin  nicht hier, um irgend jemandem von Ihnen weh zu tun.«  Organa Solo nickte. »Ich weiß.«  Solo warf ihr einen raschen Seitenblick zu. »Du weißt?«  »Andererseits  hätte  mein  Gefahrensinn  reagiert«,  erklärte  Organa Solo ihm. »Lange bevor sie diesen Raum erreicht hät‐ te.«  »Was haben  Sie  mit dem Wächter  auf dem Dach  gemacht?«  knurrte der Noghri.  »Ich  habe  ihm  beigebracht,  daß  er  nicht  sorglos  mitfühlend  sein  sollte«,  gab  Shada  zurück.  »Er  ist  nicht  verletzt,  außer  vielleicht in seinem Stolz.«  Aus dem Komlink, das am Kragen des Noghri befestigt war,  hörte  man  das  leise  Krächzen  einer  nichtmenschlichen  Spra‐ che. »Gharakh?« fragte Organa Solo leise.  »Er  ist  unverletzt«,  berichtete  der  Noghri.  Sein  Blaster  war  immer  noch  auf  Shada  gerichtet,  doch  seine  Augen  wirkten  nicht mehr ganz so bösartig. »Er wird gerade von seinen Fes‐ seln befreit…«  Im  Korridor  hinter  Shada  war  das  Flüstern  einer  Bewegung  zu hören. Sie wollte den Kopf drehen…  »Rühren Sie sich nicht von der Stelle«, befahl die Stimme ei‐

nes Noghri hinter ihr. »Heben Sie die Arme.«  Shada  tat,  wie  man  ihr  befahl;  sie  spreizte  die  Arme  vom  Körper ab, während nichtmenschliche Hände über ihren Kör‐ per  huschten,  und  fragte  sich  dabei,  wo  sich  diese  andere  Gruppe verborgen haben mochte.  Sie  lächelte  in  sich  hinein.  Natürlich:  Sie  waren  vom  Dach  gekommen,  waren  ihrem  Weg  entlang  der  Sicherheitsleine  und durch das Schlafzimmerfenster gefolgt.  Und sie hatten dies mit einer Geschwindigkeit und einer Ef‐ fizienz  getan,  die  mit  den  besten  Leistungen  konkurrieren  konnte, welche die Mistryl anzubieten hatten. Vielleicht waren  die Noghri ja doch nicht so überschätzt, wie sie gedacht hatte.  Eine  Minute  später  waren  die  forschenden  Hände  ver‐ schwunden  und  nahmen  ihre  Hüfttasche  sowie  ihr  Kletterge‐ schirr mit. »Setzen«, befahl der Noghri, der am dichtesten bei  Organa  Solo  stand,  und  deutete  auf  einen  der  Sessel  im  Ge‐ sprächsrund.  »Und  halten  Sie  Ihre  Hände  da,  wo  man  sie  se‐ hen kann.«  »Trauen  Sie  etwa  Ihren  Kontrolleuren  nicht?«  wollte  Shada  wissen  und  nahm  in  dem  ihr  zugewiesenen  Sessel  Platz.  »Oder Ihrer Herrin, was das anbetrifft? Rätin Organa Solo hat  Ihnen  doch  bereits  mitgeteilt,  daß  ich  nicht  hier  bin,  um  je‐ mandem weh zu tun.«  Die Augen des Noghri schienen förmlich zu explodieren.  »Weshalb sind Sie dann hier?« fragte Organa Solo ruhig, ehe  der Nichtmensch etwas sagen konnte.  »Ich wollte mit Ihnen sprechen«, teilte Shada ihr mit und leg‐ te  die  Unterarme  auf  die  Armlehnen  des  Sessels.  »Und  dies  war der einzige Weg, das zu erreichen.« 

Sie  hatte  mit  einem  entrüsteten  Vorwurf  gerechnet,  die  Un‐ wahrheit  zu  sagen,  oder  zumindest  mit  einem  höhnischen  Schnauben. Doch die andere Frau hob bloß ein wenig die Au‐ genbrauen.  Solo war da schon weniger eine Enttäuschung. »Was soll das  denn heißen?« verlangte er zu wissen. Sein Blaster, registrierte  Shada,  ruhte  in  seinem  Schoß  und  war  nicht  mehr  direkt  auf  sie gerichtet. Doch er hielt den Griff noch immer umfaßt.  »Das  heißt,  daß  einem  die  Korridore  der  Bedeutenden  und  Mächtigen  verschlossen  bleiben  –  es  sei  denn,  man  besitzt  selbst Macht oder Geld«, setzte Shada ihm auseinander, ohne  sich  sonderlich  darum  zu  scheren,  ob  sie  sich  bitter  anhörte  oder nicht. »Ich habe während der vergangenen drei Tage ver‐ sucht,  Kontakt  aufzunehmen,  und  niemand  wollte  mich  durchstellen.  Soviel  zu  der  großen  und  wunderbaren  Neuen  Republik, der Freundin aller einfachen Leute.«  »Haben Sie noch nie davon gehört, eine Nachricht zu hinter‐ lassen?« grollte Solo.  »Eine  Nachricht,  die  was  besagt?«  konterte  Shada.  »Daß  ein  Niemand  ohne  Referenzen  oder  besonderen  Status  mit  einer  großartigen  und  ruhmreichen  Hohen  Rätin  zu  sprechen  wünscht?  Die  wäre  von  der  nächsten  Reinigungskolonne  hi‐ nausbefördert worden.«  »Sie  sprechen  jetzt  mit  mir«,  sagte  Organa  Solo  sanft.  »Was  haben Sie mir zu sagen?«  Shada richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf sie; die sorg‐ fältig einstudierten Worte schienen ihr in der Kehle steckenb‐ leiben zu wollen. Worte, die ihre letzten Verbindungen zu den  Mistryl durchtrennen würden, und zu ihrem Volk und ihrem 

Leben.  »Ich  will  mich  Ihnen  anschließen«,  sagte  sie.  Ihre  Stimme  klang  hohl  und  weit  weg  in  ihren  Ohren.  »Ich  will  mich der Neuen Republik anschließen.«  Einen  langen,  qualvollen  Moment  lang  war  das  einzige  Ge‐ räusch  im  Raum  das  Pochen  ihres  eigenen  Herzens.  Es  war,  wie  zu  erwarten,  Solo,  der  das  Schweigen  brach.  »Sie  wollen  was?« fragte er.  »Ich will mich der Neuen Republik anschließen«, wiederhol‐ te  Shada.  Der  zweite  Versuch  war  kein  bißchen  einfacher  als  der  erste.  »Ich  besitze  zahlreiche  Fähigkeiten,  die  Sie  nützlich  finden  werden:  Auf  den  Gebieten  Kampf,  Überwachung,  Be‐ gleitschutz und Sicherheit…«  »Warum  fragen  Sie  uns  danach«,  unterbrach  Solo  sie,  der  sich  verwundert  anhörte.  »Die  Neue  Republik  verfügt  über  Rekrutierungszentren auf ganz Coruscant.«  »Ich denke, Sie begreifen die Situation hier nicht so ganz, So‐ lo«,  ergriff  Karrde  das  Wort,  bevor  Shada  etwas  erwidern  konnte. »Shada ist nicht einfach so von der Straße hier herein‐ spaziert  –  oder  besser,  vom  Dach  aus.  Sie  ist  die  erste  Leib‐ wächterin unseres Schmugglerfreundes Mazzic.«  Eine  Welle  der  Überraschung  überlief  die  Gesichter  der  an‐ deren.  »Ehemalige  Leibwächterin«,  verbesserte  Shada.  »Ich  habe vor drei Wochen gekündigt.«  Karrde zog eine Augenbraue in die Höhe. »Ihre Idee?«  Shada  fühlte,  wie  sich  ihr  die  Kehle  zuschnürte.  »Nicht  ganz.«  »Ich verstehe nicht, was es für einen Unterschied macht, wo  sie hergekommen ist«, ließ Solo nicht locker. »Trotzdem heuert  keiner von uns Leibwächter an.« 

»Han  hat  recht,  Shada«,  warf  Organa  Solo  ein;  ihre  Augen  musterten  Shadas  Gesicht  mit  unangenehmer  Intensität.  Hat‐ ten  ihre  Jedi‐Techniken  bereits  die  geheime  Mistryl‐ Verbindung aus ihrem Geist herausgeholt. »Wir können wirk‐ lich nichts für Sie tun.«  »Ich bitte nicht um Wohltätigkeit«, gab Shada scharf zurück.  »Offen gestanden brauchen Sie mich mehr, als ich Sie brauche.  Vor allem jetzt, da Thrawn wieder losgelassen ist…«  »Was wissen Sie über Thrawn?« fragte Solo scharf.  »Ich  war  vorhin  im  Hinterzimmer«,  antwortete  Shada.  Sie  warf  Karrde  einen  Blick  zu  und  sah  die  plötzliche  Anspan‐ nung  seines  Gesichtsausdrucks.  »Calrissian  deutete  an,  er  sei  wieder da.«  Sie richtete den Blick wieder auf Organa Solo. »Ich weiß au‐ ßerdem  über  das  Caamas‐Dokument  Bescheid«,  eröffnete  sie  der anderen Frau. »Und ich weiß, daß der einzige Weg, der Sie  aus  dem  Chaos  führt,  in  dem  Sie  gegenwärtig  stecken,  darin  besteht, an eine intakte Kopie davon heranzukommen.«  Aus  dem  Augenwinkel  sah  sie,  wie  Calrissian  Karrde  einen  vielsagenden  Blick  zuwarf,  einen  Blick,  den  der  Schmuggler‐ boß  sorgfältig  ignorierte.  »Das  würde  bestimmt  helfen«,  gab  Organa Solo zu. »Aber was hat das mit Ihnen zu tun?«  »Sie  werden Hilfe brauchen«, teilte Shada ihr mit. »Und ich  kann sie Ihnen bieten.«  »Ganz alleine?« murmelte Karrde.  »Ja, ganz alleine«, gab Shada bissig zurück. »Sie haben mich  in Aktion gesehen. Sie wissen, was ich draufhabe.«  Sie  wandte  sich  wieder  Solo  zu.  »Das  gleiche  gilt  für  Ihre 

Leute,  auch  wenn  Sie  das  vielleicht  nicht  wissen«,  sagte  sie.  »Vor  neunzehn  Jahren  habe  ich  Ihnen  auf  Tatooine  geholfen,  an die technischen Pläne des Prototyps einer Komponente des  Superlasers zu gelangen, der in den zweiten Todesstern einge‐ baut werden sollte.«  Eine  weitere  Welle  der  Überraschung  durchlief  den  Raum.  Eine Welle, die Solo, zu Shadas eigener gelinder Verblüffung,  allerdings nicht zu berühren schien. »Tatsächlich?« entgegnete  er. »Erzählen Sie uns davon.«  »Eine  Freundin  und  ich  stahlen  die  Komponente  aus  einer  imperialen Forschungsniederlassung«, antwortete sie und ver‐ suchte,  seine  Züge  zu  deuten.  Plötzlich  schien  derjenige,  der  ihr am meisten zugesetzt hatte, beinahe auf ihrer Seite zu sein.  »Der Kodename war Hammerstab. Wir flogen das Raumschiff,  an dessen Bord das Teil verschraubt war, nach Tatooine.«  »Was für ein Schiff war das?« unterbrach Solo sie.  »Ein  Loronar‐Angriffskreuzer«,  erwiderte  Shada.  »Umfas‐ send modifiziert – das Innere war komplett ausgeweidet wor‐ den,  damit  das  Ding  überhaupt  hineinpaßte.  Wir  vergruben  das  Schiff  halb  in  einer  Düne  und  marschierten  in  die  Mos‐ Eisley‐Bar,  um  einen  Frachterpiloten  samt  Raumschiff  ausfin‐ dig zu machen, der ein Segment davon für uns transportieren  sollte.«  Sie  deutete  auf  Solo.  »Meine  Partnerin  und  ich  haben  gese‐ hen, wie Sie da drin Greedo über den Haufen geschossen ha‐ ben«, fuhr sie fort. »Wir haben versucht, Sie anzuheuern, aber  wir  wurden  von  den  Imperialen  aufgegriffen,  bevor  wir  zu  Ihnen durchkamen.«  »Weshalb?«  wollte  Solo  wissen.  »Ich  meine,  weshalb  haben 

die Sie geschnappt.«  »Karoly und ich hatten uns als Brea und Senni Tonnika ver‐ kleidet.  Unsere  Tarnung…  na  ja,  wir  haben  gehört,  daß  wir  ihnen  sehr  ähnlich  sahen«,  korrigierte  sie  sich  so  unauffällig,  wie sie konnte. Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, die Ca‐ mouflagearchive  der  Mistryl  zu  erwähnen.  »Wir  hatten  keine  Ahnung, daß irgendein Mufti einen Haftbefehl auf die beiden  ausgestellt hatte. Wie auch immer, ein Rebellen‐Sympathisant  hat  uns  aus  unserer  Zelle  befreit  und  uns  einen  Frachter  be‐ sorgt. Wir flogen ein Segment der Superlaser‐Komponente aus  und gaben ihm dafür einen Droiden, der die technischen Pläne  gespeichert hatte.«  »Wie hieß dieser Sympathisant?« fragte Solo.  Shada  mußte  ihre  Erinnerungen  durchforsten.  »Winward«,  antwortete sie dann. »Riij Winward.«  Solo nickte langsam. »Also das waren Sie, wie?«  Organa Solo zwinkerte ihm zu. »Du weißt davon?«  »Ich  habe  Winwards  Bericht  gelesen«,  erklärte  Solo  ihr.  »Er  befand sich unter den Instruktionen, die uns Madine gegeben  hat, bevor wir nach Endor aufbrachen.«  Seine Frau schüttelte den Kopf. »Das muß ich übersehen ha‐ ben.«  »Na ja, es gab da ein paar kleine Abweichungen«, sagte Solo  trocken.  »Winward  zufolge  hatten  die  beiden  ihm  dafür,  daß  er sie rausholte, sein eigenes Segment des Superlasers verspro‐ chen.«  »Es  zog  ein  Sandsturm  auf«,  protestierte  Shada.  »Es  blieb  keine Zeit, noch ein Segment auszubauen und zu verladen.« 

»Und  sie  überließen  ihm  auch  nicht  die  technischen  Pläne«,  fügte Solo hinzu. »Er mußte sich ihren Droiden sozusagen bor‐ gen, um sie zu bekommen.«  Shada  spürte,  daß  sich  ihr  Gesicht  erhitzte.  »Ja,  Sie  haben  recht«, gab sie zu. »Ich hatte das vergessen.«  »Charmant«, brummte Calrissian kaum hörbar.  Shada  warf  ihm  einen  bösen  Blick  zu.  »Meine  Partner  mei‐ nen, wir hätten ihn eher töten sollen, als irgend jemanden wis‐ sen zu lassen, was wir getan hatten«, spie sie aus. »Ich habe sie  davon abgehalten.«  Wieder  Schweigen.  Ein  hartes,  gespanntes,  unangenehmes  Schweigen.  Shada  ließ  die  Augen  nicht  von  Organa  Solo  und  versuchte ihre Miene zu ergründen. Als beherrschende politi‐ sche Macht innerhalb der Gruppe lag es bei ihr, die letzte Ent‐ scheidung zu treffen…  »Ich habe eine Idee«, ergriff Calrissian das Wort. »Sie hat ge‐ sagt, Karrde weiß, was sie kann. Warum schicken wir sie dann  nicht mit ihm?«  Shada sah Karrde an; die spontane Weigerung ließ ihre Keh‐ le  gefrieren.  Sie  hatte  zwölf  Jahre  mit  einer  Gruppe  von  Schmugglern  vergeudet,  und  sie  war  nicht  nach  Coruscant  gekommen, um sich der nächsten anzuschließen.  Aber da war etwas in Karrdes Miene…  »Und wo genau geht Karrde hin?« fragte Solo.  »Auf  eine  Sondermission«,  erwiderte  dieser.  Sein  Blick  war  noch  immer  auf  Shada  gerichtet,  und  sein  Gesicht  zeigte  im‐ mer noch jenen gewissen Ausdruck. »Etwas, um das Calrissian  mich gebeten hat.« 

»Erfahren  wir  auch  etwas?«  wollte  Organa  Solo  wissen;  um  ihre Lippen spielte ein schmales Lächeln.  Karrde erwiderte das Lächeln nicht. »Es kann sein, daß es ei‐ ne Kopie des vollständigen Caamas‐Dokuments gibt, die nicht  in den Händen des Imperiums ist«, erklärte er. »Ich will versu‐ chen, ob ich da herankomme.«  Solo und Organa Solo wechselten alarmierte Blicke. »Warum  haben Sie uns das nicht schon vorher gesagt?« wollte Organa  Solo  wissen.  Die  geduldige  Heiterkeit  war  von  ihrem  Gesicht  gewichen.  »Weil bis zu diesem Zeitpunkt nichts davon mich irgend et‐ was  anging«,  antwortete  Karrde  kühl.  »Politische  Streitigkei‐ ten fallen absolut nicht in mein Fach, es sei denn, allgemeines  planetares  Hauen  und  Stechen  führt  dazu,  daß  Informations‐ händler ihren Vorteil daraus schlagen.«  Er  sah  Calrissian  an.  »Aber  jetzt  ist  der  Mixtur  eine  weitere  Zutat  beigemischt  worden;  eine,  die  nach  meiner  Meinung  nicht länger ignoriert werden kann.«  Organa  Solo  zog  die  Schultern  hoch,  als  wäre  soeben  ein  plötzlicher  kalter  Hauch  über  ihren  Rücken  gefahren.  »Thrawn.«  Karrde  nickte  ernüchtert.  »Thrawn.«  Er  blickte  Shada  an.  »Und, ja, ich wäre äußerst erfreut, wenn ich Shadas Unterstüt‐ zung hätte. Natürlich nur, wenn sie will.«  Shada verzog das Gesicht; die Ironie hinterließ einen bitteren  Geschmack  in  ihrem  Mund.  Neunzehn  Jahre  zu  spät  traf  sie  die  alles  verändernde  Entscheidung,  ihrem  eigenen  Volk  die  Loyalität  zu  entziehen  und  sich  der  Neuen  Republik  zu  ver‐ schreiben…  und  fand  dabei  lediglich  heraus,  daß  die  Neue 

Republik sie nicht wollte. Und der einzige, der sie akzeptierte,  war  ebenso  sehr  ein  Gesetzloser  in  den  Augen  dieser  großen  und wunderbaren neuen Gesellschaft wie sie selbst.  »Sicher«, wandte sie sich an Karrde. »Warum nicht?«  »Glauben  Sie  mir,  Shada,  Karrde  bekommt  all  seine  besten  Leute auf diese Art«, meinte Calrissian trocken. »Wenn Sie an  Bord  der  Wild  Karrde  gehen,  fragen  Sie  Mara  Jade,  wie  er  sie  angeheuert hat.«  Etwas  zuckte  in  Karrdes  Gesicht.  »Mara  wird  nicht  bei  uns  sein«, erklärte er. »Das ist einer der Gründe, warum ich heute  abend mit Ihnen sprechen wollte, Leia. Mara hatte eine Art…  Unfall.«  Calrissians  verschmitztes  Grinsen  verschwand,  und  die  an‐ deren  richteten  sich  auf.  »Was  für  ein  Unfall?«  fragte  Organa  Solo.  »Ein  ziemlich  verwirrender«, antwortete Karrde  und  schnitt  eine Grimasse. »Sie verfolgte mit der Starry Ice eines jener uni‐ dentifizierten  Raumschiffe,  die  Ihr  Bruder  bereits  im  Kauron‐ System gesichtet hatte…«  »Einen  Augenblick  mal«,  unterbrach  ihn  Solo.  »Um  was  für  unidentifizierte Raumschiffe geht es hier?«  »Er und Mara haben eines davon um die Basis der Cavrilhu‐ Piraten  herumschwirren  sehen«,  erklärte  Karrde.  »Hat  er  Ih‐ nen keinen Bericht geschickt?«  »Doch, aber bloß einen sehr bruchstückhaften«, sagte Organa  Solo. »Er erklärte nur, er hätte nichts von den Piraten in Erfah‐ rung  gebracht  und  würde  uns  alle  Einzelheiten  berichten,  so‐ bald er  nach  Coruscant  zurückkehrte.  Nichts über irgendwel‐ che unidentifizierten Raumschiffe.« 

»Er wollte sicher nichts über einen offenen Kanal mitteilen«,  vermutete  Karrde.  »Ich  besitze  eine  Kopie  der  Aufzeichnun‐ gen  der  beiden  von  ihrer  Sichtung,  dazu  noch  die  Daten,  die  wir  gesammelt  haben,  als  ein  weiteres  dieser  Schiffe  an  der  Errant  Venture  vorbeigesaust  ist.  Ich  lasse  Ihnen  Kopien  zu‐ kommen, ehe ich abfliege.«  »Vergeßt diese Schiffe mal für eine Minute«, warf Calrissian  ungeduldig ein. »Was ist mit Mara?«  »Die Starry Ice verfolgte das Schiff bis zu einer kleinen Welt  im Gradilis‐Sektor«, berichtete Karrde. »Mara ging runter, um  sich die Gegend aus der Nähe anzusehen, und entdeckte eine  Festung, betrat eine Höhle, wo sie eine einseitige Unterhaltung  mit unbekannten Wesen führte, erwähnte Skywalkers Namen  in Erwiderung  auf irgendwas,  das die Wesen  gesagt  oder  ge‐ tan haben, und verstummte dann ganz plötzlich.«  Calrissians Züge waren mit einem Mal erstarrt. »Sie meinen,  sie wurde…«  »Nein,  sie  wurde  nicht  getötet«,  beeilte  Karrde  sich,  ihm  zu  versichern. »Zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Man kann  sie  der  Aufzeichnung,  die  zur  Starry  Ice  impulsübertragen  wurde, atmen hören.«  »Und  diese  Wesen  kannten  Luke?«  fragte  Organa  Solo  und  runzelte  die  Stirn.  Ob  sie  nachdachte  oder  Furcht  empfand,  wußte Shada nicht zu sagen.  »Kannten  ihn  oder  wußten  von  ihm«,  teilte  Karrde  ihr  mit.  »Es gab keinen ausreichenden Bezugsrahmen für uns, um das  unterscheiden zu können.«  »Wir  müssen  sehen,  daß  wir  ihn  schnellstens  auftreiben«,  wandte  sich  Solo  an  seine  Frau.  »Vielleicht  kann  er  uns 

schlauer machen.«  Karrde räusperte sich selbstbewußt. »Ich habe schon mit ihm  gesprochen.  Er  konnte  aber  auch  kein  Licht  in  diese  Angele‐ genheit bringen.«  Organa Solo beobachtete ihn mißtrauisch. »Und?« soufflierte  sie.  »Das  war  die  andere  Sache,  die  ich  Ihnen  mitteilen  wollte«,  erklärte  Karrde,  dessen  weltmännisches  Auftreten  einen  klei‐ nen Riß erhielt. »Er ist los, um sie zu finden.«  Organa Solos Miene veränderte sich keine Spur, doch plötz‐ lich  schien  die  Temperatur  in  diesem  Teil  des  Raums  um  ein  paar  Grad  zu  fallen.  »Er  ist  was?«  fragte  sie.  Ihr  Ton  war  un‐ heilverkündend.  »Sie ist in Gefahr, Leia«, sagte Karrde. »Luke war der einzi‐ ge,  der  schnell  genug  dorthin  gelangen  konnte,  um  etwas  zu  erreichen.  Der  einzige,  der  eine  reelle  Chance  hatte,  mit  den  Wesen  klarzukommen,  auf  die  Mara  getroffen  ist.  Und  mit  wem  oder  was  auch  immer  sie  in  dieser  Festung  sitzt.  Hier  geht  es  nicht  allein  um  Mara,  hier  geht  es  um  die  gesamte  Neue Republik.«  »Glauben  Sie  etwa,  bei  diesem  Bothan‐Schlamassel  ginge  es  nicht darum?« knurrte Solo. Er war aufgesprungen und starrte  Karrde  über  das  Gesprächsrund  hinweg  an.  »Da  draußen  flammen  einhundert  kleine  Kriege  auf;  die  Hälfte  davon  be‐ nutzt  Caamas  als  Entschuldigung  loszuschlagen,  um  alte  Rechnungen  zu  begleichen.  Wir  haben  bereits  das  diplomati‐ sche  Korps  der  Neuen  Republik  und  die  Jedi‐Akademie  leer‐ gefegt, in dem Versuch, genügend Vermittler aufzutreiben, die  durch  die  Weltgeschichte  reisen,  und  wir  haben  immer  noch 

nicht genug. Wir brauchen Luke hier.«  »Ich  habe  ihn  nicht  dazu  gezwungen,  ihr  nachzulaufen«,  konterte  Karrde,  der  das  Starren  nicht  ganz  so  ungestüm  er‐ widerte.  »Er  hat  alle  Faktoren  abgewogen  und  seine  eigene  Entscheidung getroffen.«  »Mal davon abgesehen, daß er nichts von Thrawns Rückkehr  wußte«, gab Solo zurück. »Oder doch?«  »Laß  gut  sein,  Han«,  sagte  Organa  Solo  leise  und  legte  eine  Hand  auf  den Arm ihres  Mannes.  »Was geschehen  ist, ist  ge‐ schehen.  Karrde  hat  ja  recht:  Es  war  Lukes  Entscheidung.  Er  hat sie getroffen, und wir müssen eben ohne ihn auskommen,  bis er wiederkommt.«  »Falls Ihnen dies eine Hilfe ist, so können Sie meine Dienste  als  Ersatz  für  die  seinen  betrachten«,  erklärte  Karrde.  »Es  tut  mir  leid,  daß  ich  solch  schlechte  Nachrichten  gebracht  habe,  aber ich habe wirklich geglaubt, Sie hätten mehr Verständnis.«  Solo atmete tief ein und stieß die Luft rauh wieder aus. »Ja‐ ah«, begann er. »Und, wann brechen Sie auf?«  »Unverzüglich«,  entgegnete  Karrde,  ging  hinüber  zu  Shada  und  bot  ihr  eine  Hand.  »Vorausgesetzt,  meine  neue  Assisten‐ tin hat zuvor keine anderen Besorgungen zu erledigen.«  »Ich  bin  bereit,  wann  immer  Sie  es  sind«,  teilte  Shada  ihm  mit,  mißachtete  die  angebotene  Hand  und  stand  ohne  Hilfe  auf.  »Vorausgesetzt,  Rätin  Organa  Solos  Leibwächter  sind  damit  fertig,  meine  Tasche  und  meine  Kletterausrüstung  durchzusieben.«  »Sie  erwarten  Sie  an  der  Tür«,  erwiderte  der  Noghri  neben  Organa Solo humorlos. 

»Fein«, rief Karrde und nickte Organa Solo zu, als er auf den  Eingang zuging. »Vielen Dank für Ihre Gastfreundschaft, Leia.  Ich nehme Kontakt mit Ihnen auf, sobald ich etwas finde.«  »Noch  zwei  Dinge,  bevor  Sie  gehen,  Karrde«,  hielt  Organa  Solo  ihn  zurück.  »Eigentlich  drei.  Erstens:  Benötigen  Sie  für  Ihre Reise einen Dolmetscherdroiden?«  »Eine gute Frage«, räumte Karrde ein. »Die Organisation be‐ sitzt  natürlich  mehrere,  aber  zur  Zeit  befindet  sich  keiner  an  Bord  der  Wild  Karrde.  Es  sollte  allerdings  nicht  allzu  schwer  sein, während der Reise einen aufzunehmen.«  »Das  kostet  nur  zusätzliche  Zeit«,  gab  Organa  Solo  zurück.  »Wenn Sie wollen, leihen wir Ihnen 3PO.«  Solo gab ein Schnauben von sich.  »Das  ist  ein  überaus  großzügiges  Angebot.«  Karrde  wölbte  eine  Augenbraue.  »Das  hätte  aber  nichts  mit  dem  Hinterge‐ danken  zu  tun,  einen  unvoreingenommenen  Bericht  über  un‐ sere  kleine Reise von ihm zu  erhalten, sobald wir zurückkeh‐ ren, oder doch?«  »Selbstverständlich  nicht«,  entgegnete  Organa  Solo  und  zog  ihrerseits die Brauen ein wenig in die Höhe. »Es verletzt mich,  daß Sie dergleichen auch nur in Erwägung ziehen.«  »Ich  bitte  um  Vergebung«,  bat  Karrde.  »In  diesem  Fall  neh‐ me ich dankbar an.«  »Wir  sollten  zuerst  ein  paar Minuten  allein mit ihm reden«,  sagte Organa Solo. »Wir können ihn zum Raumhafen bringen,  wenn  wir  jene  Raumschiffaufzeichnungen  von  Ihnen  über‐ nehmen. Zweitens: Ich konnte es Ihnen nicht früher mitteilen,  aber  unter  den  gegebenen  Umständen  könnte  es  etwas  sein,  das Sie wissen müssen. Eine der anderen Datenkarten, die der 

Devaronianer  im  Mount  Tantiss  gefunden  hat,  trug  die  Auf‐ schrift Die Hand von Thrawn.«  Karrde nickte. »Ja, ich habe davon gehört.«  Organa Solos Augenbrauen fuhren in die Höhe. »Wie konn‐ ten Sie…? Na, was solls? Ich will es gar nicht wissen.«  »Meine  Quelle  und  ich  danken  Ihnen  für  Ihre  Diskretion«,  entgegnete Karrde. »Da ist allerdings noch etwas, das Sie wis‐ sen sollten. Bevor Mara sich auf die Jagd nach dem unbekann‐ ten Schiff begab, haben wir eine Übertragung von dort aufge‐ fangen, die eindeutig an die Errant Venture gerichtet war. Es ist  uns  bislang  noch  nicht  gelungen,  die  Nachricht  zu  dechiffrie‐ ren, aber sie enthielt ohne Frage Thrawns Namen. Seinen vol‐ len Namen, nicht bloß den Kernnamen Thrawn.«  Solo runzelte die Stirn. »Ich wußte nicht mal, daß er mehr als  diesen Namen hatte.«  »Das  wissen  die  meisten  Leute  nicht«,  stimmte  Karrde  zu.  »Mara schon. Und derjenige an Bord jenes Schiffs.«  »Und was bedeutet das Ihrer Meinung nach?« wollte Organa  Solo wissen.  »Ich habe keine Ahnung«, antwortete Karrde. »Vielleicht er‐ halten  wir  ein  paar  Antworten,  wenn  Skywalker  und  Mara  zurück  sind.  Auf  jeden  Fall  füge  ich  eine  Kopie  dieser  Auf‐ nahmen den übrigen hinzu. Sie sagten, es gäbe drei Punkte?«  Organa  Solo  lächelte.  Ein  Lächeln,  das  von  Anspannung  überschattet  war,  aber  immerhin  ein  Lächeln.  »Möge  die  Macht mit Ihnen sein«, sagte sie leise.  Fast  unwillkürlich,  dachte  Shada,  erwiderte  Karrde  das  Lä‐ cheln. »Und mit Ihnen auch«, gab er zurück. Sein Blick husch‐

te  zu  Solo  und  Calrissian.  »Mit  Ihnen  allen«,  fügte  er  hinzu.  »Auf Wiedersehen.«    »Nette  Rede,  die  Sie  da  drin  gehalten  haben«,  kommentierte  Shada, als Karrde den Luftgleiter von der Landeplattform des  Orowood Tower aufsteigen ließ und die Nase in Richtung des  Landefelds  West  Championne  wandte,  wo  die  Wild  Karrde  wartete. »Vielleicht ein bißchen zu sehr einstudiert, aber trotz‐ dem nicht übel.«  »Sie  sind  zu  freundlich«,  erwiderte  Karrde  und  betrachtete  sie aus den Augenwinkeln. Doch sie blickte stur geradeaus auf  das nächtliche Weichbild von Coruscant. Ihr Gesicht war vom  Glühen der Instrumentenkonsole schwach erleuchtet. Bei bes‐ serem Licht, so befand er, wäre ihr Gesichtsausdruck vermut‐ lich immer noch unmöglich zu deuten gewesen. »Darf ich fra‐ gen,  welcher  Teil  der  Diskussion  Ihnen  wie  eine  Rede  vor‐ kam?«  »Der  Teil,  in  dem  es  darum  ging,  weshalb  es  ausgerechnet  Skywalker sein mußte, der loszieht, um Mara Jade zu retten«,  sagte  sie.  »Sie  haben  gar  nicht  erwartet,  daß  sie  diese  Nach‐ richt mit Freudengeheul aufnehmen würden, nicht wahr?«  Karrde  zog  die  Schultern  hoch.  »Ich  hatte  aber  auch  nicht  erwartet,  daß  sie  sich  so  sehr  darüber  aufregen  würden«,  er‐ widerte er. »Um ehrlich zu sein, ich hatte bis zu diesem Abend  keine Ahnung von Thrawn.«  Shada schüttelte den Kopf. »Es ist schwer zu glauben, daß er  überlebt hat.«  »Genau«, nickte Karrde. »Andererseits ist es genauso schwer  zu glauben, daß das Imperium etwas derart Gefährliches bloß 

als  Bluff  inszeniert.  Entweder  ist  Thrawn  wirklich  wieder  da,  oder irgendwo hat irgend jemand eine unverfälschte Dreiund‐ zwanzig im Ärmel.«  Shada  schien  darüber  nachzudenken.  »Nehmen  wir  mal  an,  dieser  Thrawn  ist  nur  ein  Klon«,  sagte  sie,  »wäre  der  ebenso  gewieft wie das Original?«  »Ich vermute, das hängt davon ab, wieviel von seinen takti‐ schen  Fähigkeiten  angeboren  und  wieviel  erlernt  war«,  über‐ legte Karrde. »Auch davon, ob sie ein superschnelles Lernimp‐ rint von Thrawns eigenem Geist verwendet haben, und davon,  wie gut das Muster war. Ich habe einfach keine Ahnung.«  »Und  wenn  sie  einen  Klon  von  Thrawn  besitzen,  warum  nicht  fünfzig?«  sprach  Shada  weiter.  »Und  wenn  sie  fünfzig  Klone von Thrawn besitzen, weshalb dann nicht auch einhun‐ dert  von  diesem  durchgeknallten  Dunklen  Jedi  Joruus  C’baoth?«  Karrde  zuckte  zusammen.  Die  letzte  Möglichkeit  war  ihm  noch  gar  nicht  in  den  Sinn  gekommen.  »Warum  eigentlich  nicht?«  Shada  griff  seine  rhetorische  Frage  nicht  auf,  und  düsteres  Schweigen  herrschte  in  dem  Luftgleiter.  Karrde  flog  mecha‐ nisch  und  nahm  die  großartigen  Lichter  Coruscants,  die  sich  von einem Horizont zum anderen erstreckten, kaum wahr.  Statt dessen legte sich das Bild der totalen Zerstörung all die‐ ser  Lichter  über  seinen  Blick.  Thrawn  hatte  während  seines  letzten  Überfalls  auf  den  Planeten  mit  derartigen  Zerstörun‐ gen gedroht. Dieses Mal würde er es vielleicht wirklich tun.  Sie näherten sich den beruhigenden Umrissen der Wild Karr‐ de, als Shada wieder das Wort ergriff. »Und wer ist dieser Jorj 

Car’das, nach dem wir suchen?«  Mühevoll  schüttelte  Karrde  die  Vision  eines  Rings  von  Sternzerstörern  ab,  die  ihn  umzingelten.  »Jemand,  der  früher  im  selben  Geschäft  tätig  war  wie  ich«,  erklärte  er.  »Wahr‐ scheinlich ist er das noch immer.«  »Aber kein Konkurrent?« half Shada nach.  »Sie haben da drin wirklich gut aufgepaßt«, schmeichelte er  ihr.  »Übrigens,  nur  so  aus  Neugier,  wo  im Schlafzimmer  hat‐ ten Sie sich versteckt? Mir ist kein Platz aufgefallen, wo irgend  jemand,  der  größer  ist  als  ein  Noghri,  Unterschlupf  finden  könnte.«  »Ich lag auf dem Boden, zwischen dem hinteren Teil des Bet‐ tes  und  der  Wand«,  antwortete  sie.  »So  ein  Zwischenraum  sieht  meistens  kleiner  aus,  als  er  in  Wirklichkeit  ist.  Wenn  Car’das kein Konkurrent war, was war er dann?«  Karrde schenkte ihr ein Lächeln. »Auch noch hartnäckig. Das  gefällt mir an meinen Leuten.«  »Ich  bin  erfreut,  das  zu  hören«,  gab  sie  zurück.  »Wenn  er  kein Konkurrent war, was war er dann?«  Vor  ihnen  glitt  das  Hangartor  der  Wild  Karrde  auf,  um  sie  aufzunehmen.  »Fragen  Sie  mich  das  auf  dem  Weg  ins  Exoc‐ ron‐System«,  beschied  er  ihr.  »Vorausgesetzt,  wir  schaffen  es  überhaupt so weit.«  Shada schnaubte leise. »Wie, Sie verlangen von mir, daß ich  mein Leben allein auf Ihr Wort hin riskiere?«  »Sie  müssen  ja  nicht  mitkommen«,  versetzte  Karrde  weich.  »Falls  Sie  jetzt  noch  aussteigen  möchten,  tun  Sie  sich  keinen  Zwang an.« 

Sie  wandte  den  Blick  von  ihm  ab.  »Danke  für  die  Einwilli‐ gung. Ich bleibe.«  Der  Luftgleiter  setzte  mit  einem  gedämpften  metallischen  Geräusch  in  der  ihm  vorbehaltenen  Nische  im  Hangar  der  Wild  Karrde  auf.  »Wie  Sie  wollen«,  sagte  Karrde,  während  er  die  Maschinen  drosselte.  »Nur  so  aus  Neugier,  wieso  genau  haben Sie Mazzic verlassen?«  Sie  drehte  die  Schultern  aus  den  Gurten.  »Fragen  Sie  mich  das  auf  dem  Weg  aus  dem  Exocron‐System.«,  antwortete  sie  sardonisch. »Vorausgesetzt, wir kommen so weit.«  Ohne  eine  Antwort  abzuwarten,  öffnete  sie  ihre  Tür  und  sprang  mit  den  Füßen  voran  auf  Deck.  »Ich  bin  ganz  sicher,  ein paar von uns werden es schaffen«, murmelte Karrde, wäh‐ rend er zusah, wie sie sich durch die übrigen Fahrzeuge zum  Ausgang durchschlängelte.  Die Frage war bloß, wer dies sein würde. 

23. Kapitel    Dieses Mal kam der  Alarm nicht während  des Nachtischs.  Er  kam statt dessen mitten in der Nacht.  Wedge  fuhr  aus  dem  Schlaf  hoch,  seine  Hand  tastete  wild  nach dem Aus‐Schalter, der allerdings nicht da war, wo er ihn  vermutete.  Sein  Knie  zuckte  zur  Seite  und  stieß  gegen  etwas  Hartes;  und  während  der  kurze,  stechende  Schmerz  ihn  vol‐ lends weckte, erinnerte er sich, wo er sich befand. Auf beson‐ deren Befehl – und aufgrund einer der Vorahnungen von Ge‐ neral  Bel  Iblis  –  schliefen  sie  in  ihren  X‐Flüglern.  Wenn  man  dem  Klang  des  Alarms  vertraute,  der  immer  noch  plärrte,  so  hatte sich die Ahnung des Generals bestätigt.  Wedge  hieb  auf  den  Alarmschalter,  traf  ihn  beim  zweiten  Versuch und aktivierte das Kom. »Antilles«, schnappte er.  »Höchste  Alarmstufe«,  bellte  die  Stimme  von  Commander  Perris zurück. »Wir haben einen dringenden Hilferuf von Bo‐ thawui!«  »Na großartig«, murmelte Wedge und schlug auf den Schal‐ ter  für  das  Warmlaufen  der  Triebwerke.  Ist  doch  klar,  daß  die  Bothans  einen  aus  dem  tiefsten  Schlaf  reißen.  »Okay,  Renegaten,  ihr habt den Mann gehört. Bringen wir sie also nach oben.«  Es erscholl ein Chor von Bestätigungen, und das Heulen der  Maschinen  füllte  ihren  Winkel  des  Diplomaten‐Landekreises  der  Di’tai’ni.  Irgendwer  in  einem  Mechanikeroverall  –  ein  Trintic  vermutlich,  obwohl  das  im  Zwielicht  nur  schwer  zu  erkennen war – schlurfte über das Landefeld auf die X‐Flügler 

zu und machte sich mit Gesten über diesen ganz ohne Zweifel  unerlaubten  Lärm Luft.  Wedge gestikulierte  zurück und akti‐ vierte seine Repulsoren. »Was ist denn los? Noch ein Aufstand  vor den Clangebäude?«  »Schnall  deinen  Helm  gut  fest«,  erwiderte  Perris  grimmig.  »Den  Bothans  zufolge  nähert  sich  ihnen  eine  Leresen‐ Angriffsflotte.«  Wedge blinzelte. »Eine Angriffsflotte von Leresen?«  »Das  behaupten  sie  zumindest«,  bestätigte  der  Kampfkoor‐ dinator.  »Eine  vollständige  Kriegsflotte,  und  frag  mich  nicht,  was für ein Problem sie haben.«  »Such dir was aus«, grummelte Renegat Drei. »Es gibt heut‐ zutage jede Menge Gründe, die Bothans zu hassen.«  »Lassen wir uns hier nicht zu Spekulationen herab«, warnte  Wedge. Die X‐Flügler waren unterdessen alle in der Luft und  formierten sich um Wedge, während sie auf den offenen Welt‐ raum zuhielten. »Perris, wo ist der General?«  »Er ist auf dem Weg«, entgegnete Perris. »C’taunmar und ih‐ re  A‐Flügler  bilden  die  Eskorte  für  seine  Fähre,  für  alle  Fälle.  Wir werden ein paar Minuten hinter Ihnen liegen, aber er hat  gesagt, Sie sollten trotzdem voranfliegen.«  »Um was zu tun?« fragte Renegat Fünf. »Die Leresai an der  Nase herumführen, bis Sie dort eintreffen?«  »Genau«,  sagte  Perris  trocken.  »Es  sei  denn,  der  glänzende  Ruf  des  Renegaten‐Geschwaders  schlägt  sie  schon  vorher  ge‐ schlossen in die Flucht.«  »Oh, ja‐ah,  klar«, meldete sich Renegat Fünf ebenso trocken  wieder  zu  Wort.  »Ist  es  nicht  ein  Glück  für  die  Bothans,  daß 

wir  mitsamt  unserem  glänzenden  Ruf  zufällig  nur  zwei  Sys‐ teme von ihnen entfernt sind?«  Wedge  legte  die  Stirn  in  Falten.  Es  war  ein  Glück,  bei  nähe‐ rem  Nachdenken.  Sogar  ein  sehr  verdächtiges  Glück.  »Perris,  haben  Sie  Zugriff  auf  den  Originalbefehl,  der  uns  hierherge‐ führt hat?« erkundigte er sich.  »Habe Zugriff«, gab Perris zurück. »Laut Corruscant hat die  Regierung  der  Di’tai’ni  ausdrücklich  General  Bel  Iblis  darum  gebeten,  in  dem  Streit  zwischen  ihnen  und  den  bei  ihnen  an‐ sässigen Nicht‐Tai’ni‐Arbeitern zu vermitteln.«  »Irgendeine  Idee,  ob  die  Regierung  der  Di’tai’ni  der  Regie‐ rung  der  Bothans  irgendwelche  Gefallen  oder  große  Geld‐ summen schuldet?« fragte Renegat Neun.  »Das  ist  eine  gute  Frage«,  entgegnete  Perris  in  Gedanken.  »Sogar eine sehr gute Frage.«  »Das  ist  mein  altes  CorSec‐Training«,  behauptete  Renegat  Neun.  »Dort  hat  man  uns beigebracht, stets dem Geld zu fol‐ gen.«  »Nun, im Augenblick spielt Geld keine Rolle«, sagte Wedge.  Sie  waren  in  die  tiefere  Schwärze  des  Weltraums  eingedrun‐ gen, fast weit genug, um den Sprung in die Lichtgeschwindig‐ keit  auszuführen.  »Wir  wurden  gerufen,  um  ein  Mitglied  der  Neuen  Republik  gegen  eine  Aggression  zu  verteidigen,  und  genau das werden wir auch tun.«  »Viel  Glück«,  wünschte  Perris.  »Wir  werden  so  schnell  wie  möglich zu Ihnen stoßen.«  An der Konsole piepste es; der Kurs war gesetzt. »Also gut,  Renegaten«, rief Wedge. »Los geht’s!« 

Der  Flug  nach  Bothawui  währte  ein  wenig  länger  als  der  Notfalleinsatz vor  einer Woche, bei  dem  sie  den  Sif’krics  und  ihren Pomm‐Womm‐Schiffsladungen aus der Patsche geholfen  hatten. Gleichwohl kam er ihnen irgendwie kürzer vor. Wedge  ertappte  sich  dabei,  daß  seine  Gedanken  zwischen  Fragen  nach  bevorstehenden  Leresen‐Aggressionen,  möglicher  Dop‐ pelzüngigkeit  der  Bothans,  den  allgemeinen  Spannungen  in  der Galaxis und vor allem der, was zur Hölle sein Geschwader  mitten in alledem verloren hatte, hin und her wanderten.  Und allzu bald waren sie dort.  »Formation  bilden«,  befahl  er,  während  der  Rest  der  X‐ Flügler  rings  um  ihn  aus  dem  Hyperraum  trat.  »Schalten  Sie  Ihre Fernbereichscanner ein.«  »Ich glaube«, sagte Renegat Zwei knapp, »das wird nicht nö‐ tig sein.«  Wedge  verzog  das  Gesicht.  »Nein«,  stimmte  er  zu,  »ich  schätze nicht.«  Sie  sahen  ohne  Frage  eine  Leresen‐Angriffsflotte.  Und  aus‐ nahmsweise schienen die Bothans nicht übertrieben zu haben.  Unmittelbar vor den sich nähernden X‐Flüglern verteilten sich  sechs Schlachtschiffe über den Himmel, alle nichtmenschlicher  Bauart  und  Herkunft,  doch  jedes  beinahe  so  groß  wie  eine  Angriffsfregatte der Neuen Republik. Weitere zwanzig kleine‐ re  Raumschiffe  füllten  die  Lücken  zwischen  ihnen;  und  min‐ destens  fünf  Geschwader  Sternjäger  bildeten  einen  Verteidi‐ gungsring um die gesamte Armada.  »Unser  Ruf  sollte  heute  besser  besonders  glänzend  sein«,  murmelte Renegat Zwölf.  »Hören Sie auf zu schwatzen«, wies Wedge ihn zurecht, der 

die  Versammlung  da  draußen  musterte.  Sie  hielten  sich  au‐ ßerhalb  von  Bothawuis  planetarem  Schutzschirm  und  außer  Reichweite  jedweder  bodengestützter  Waffen,  über  die  die  Verteidiger vermutlich  verfügten. Er  konnte  sich  nicht  darauf  besinnen,  ob  die  Bothans  irgendwelche  orbitalen  Kampfplatt‐ formen  besaßen,  die  ihre  Heimatwelt  umkreisten.  Wenn  sie  welche besaßen, so befand sich gegenwärtig nicht eine davon  auf dieser Seite des Planeten.  Wodurch das Renegaten‐Geschwader hier draußen so ziem‐ lich auf sich selbst gestellt war. Zwölf X‐Flügler und ihr Ruf.  Er  räusperte  sich  und  stellte  das  Kom  auf  eine  allgemeine  Breitbandfrequenz  ein.  »Hier  spricht  General  Wedge  Antilles  vom Renegaten‐Geschwader der Neuen Republik. Ich rufe die  Leresen‐Streitkräfte«, lautete die Durchsage. »Sie dringen ohne  Erlaubnis in das Gebiet der Bothans ein. Bitte, erklären Sie Ihre  Absichten.«  »Diese  Angelegenheit  geht  Sie  nichts  an,  Renegaten‐ Geschwader«,  erwiderte  eine  erstaunlich  melodische  Stimme.  »Dies  ist  ein  privater  Disput  zwischen  den  Regierungen  der  Leresai und der Bothans.«  Wedge  warf  einen  Blick  auf  seine  Scanner.  Noch  kein  Zei‐ chen von Bel Iblis und dem Wanderfalken. »Darf ich nach dem  Gegenstand dieses Disputs fragen?«  »Tod  und  Auflösung«,  antwortete  die  melodische  Stimme.  »Der Tod von zwei Leresai durch die Hände der Bothans und  die Weigerung der Bothans, sie aufzulösen.«  Wedge verzog das Gesicht und schaltete auf die interne Fre‐ quenz  der  Renegaten  um.  Hier  lag  eindeutig  ein  terminologi‐ sches Problem vor; irgendeine spezifische Vorstellung der Le‐

resai  oder  eine  Wendung,  die  sich  nicht  angemessen  in  Basic  übertragen  ließ.  Doch  darüber  hinaus  gab  es  da  noch  etwas  anderes, das er hier nicht ganz verstand.  »Hat jemand eine Ahnung, wovon der redet?« fragte er.  »Bleiben Sie dran, ich gehe die Aufzeichnungen durch«, gab  Renegat Elf zurück. »Ich hab’ da so eine Ahnung… ja, da ha‐ ben wir’s schon. Während der Unruhen um das Zentralgebäu‐ de  der  Vereinten  Clans  wurden  zwei  Leresai  getötet.  Beide  wurden erschossen, einer, kurz bevor der Mob in das Gebäude  eindrang.«  »Danke«,  sagte  Wedge  und  schaltete  um.  »Leresen‐ Commander,  ich  verstehe  den  Zorn  über  Ihren  Verlust.  Was  verlangen Sie von den Bothans als Entschädigung?«  »Das leresenische Gesetz ist überaus präzise«, entgegnete der  Nichtmensch.  »Klaue  um  Klaue,  Horn  um  Horn,  Leben  um  Leben. Einer, der schuldig ist – oder zehn Unschuldige seines  Stammes.«  Ein  kalter  Schauer  rieselte  Wedge  über  den  Rücken.  »Was  meinen Sie mit zehn Unschuldigen?« fragte er vorsichtig.  »Die  Bothans  haben  sich  geweigert,  uns  Angehörige  jener  Clans  auszuliefern, die zwei unbewaffnete Leresai getötet ha‐ ben«, erwiderte die Stimme gleichmütig. »Daher müssen zwei  Leben mit zwanzig bezahlt werden.«  Diese mathematische Genauigkeit, dachte Wedge. Aber wie ge‐ nau dachten sie wohl, einen solchen Coup mit sämtlichen Bo‐ thans  durchzuführen,  die  sich  sicher  unter  ihrem  planetaren  Schutzschirm zusammendrängten…  »Oh‐oh«,  sagte  Renegat  Vier  leise.  »Vektor  drei‐sechs  zu  vier‐eins.« 

Wedge sah hin. Hinter und unterhalb von ihnen kam soeben  um  die  Krümmung  des  planetaren  Horizonts  eine  kleine  Raumstation in Sicht.  »Eine  in  niedriger  Umlaufbahn  stationierte  Null‐G‐ Kristallverarbeitungsanlage«,  fuhr  Renegat  Vier  düster  fort.  »Mon‐Cal‐Bauart.  Wenn  ich  mich  recht  erinnere,  besteht  die  übliche  Besatzung  aus  fünfzehn  bis  zweiundzwanzig  Arbei‐ tern.«  Wedge  verkniff  sich  einen  Fluch  und  stellte  die  interne  Fre‐ quenz ein. »Abfangkurs«, befahl er. »Ich will uns zwischen der  Station und den Leresai haben.«  Er  schaltete  das  Kom  wieder  um,  als  er  Energie  in  den  An‐ trieb  leitete.  »Ich  verstehe  Ihren  Zorn  und  Ihre  Enttäuschung  über  die  Bothan‐Regierung«,  teilte  er  dem  nichtmenschlichen  Commander  mit.  »Aber  Sie  müssen  auch  verstehen,  daß  wir  nicht  einfach  tatenlos  zusehen  können,  wie  Sie  Unschuldige  umbringen. General Garm Bel Iblis wird in Kürze hier eintref‐ fen. Möglicherweise kann er vermitteln…«  »Es kann keine Vermittlung geben«, sagte der Leresai mit ei‐ nem  Anklang  von  Endgültigkeit  in  der  Stimme.  »Das  Gesetz  ist das Gesetz, und seine Forderungen müssen erfüllt werden.  Weder Sie noch sonst jemand wird uns aufhalten.«  Ein  Klicken  war  zu  hören,  und  das  Gespräch  war  zu  Ende.  »Vielleicht  nicht«,  brummte  Wedge  vor  sich  hin,  während  er  wieder  auf  die  Renegaten‐Frequenz  umschaltete.  »Aber  wir  können  es  ganz  sicher  versuchen.  Alles  klar,  Renegaten,  jetzt  wird es ernst. S‐Flügel in Angriffsposition.« Er griff nach dem  Schalter…  »Nein!«  schnappte  Renegat  Neun  plötzlich.  »Nicht  die  S‐

Flügel schließen.«  Wedge  hielt  inne;  seine  Hand  schwebte  über  dem  Schalter.  »Warum nicht?«  »Ich  weiß  nicht«,  antwortete  Renegat  Neun,  dessen  Stimme  vor  Anspannung  tonlos  war.  »Irgendwas  stimmt  nicht.  Ich  kann  nicht  genau…  aber  irgend  etwas  ist  definitiv  nicht  in  Ordnung.«  »Renegaten‐Führer«, fragte Renegat Acht.  »Dranbleiben«,  entgegnete  Wedge  und  stellte  sein  Kom  auf  die Frequenz von Renegat Neun ein. »Corran? Was ist los?«  »Wie  ich  schon  sagte,  ich  weiß  es  nicht«,  wiederholte  Rene‐ gat Neun. »Ich weiß nur, daß ich eine Gefahr gespürt habe, als  du  befohlen  hast,  die  S‐Flügel  zu  schließen.  Ich  habe  eine  Diagnose  durchgeführt,  aber  bisher  bin  ich  auf  nichts  gesto‐ ßen.«  »Ist das eine von deinen…?« Wedge zögerte, da er sich nicht  einmal  über  einen  sicheren  Kanal  nach  den  Jedi‐Fähigkeiten  des anderen erkundigen wollte.  »Ich schätze schon, ja«, beantwortete Renegat Neun die Fra‐ ge trotzdem.  Wedge warf einen Blick auf die Leresen‐Streitkräfte. Sie hat‐ ten  sich  nicht  von  ihrer  Position  fortbewegt.  Sie  warteten  ge‐ duldig  darauf,  daß  ihr  Ziel  auf  seiner  Umlaufbahn  zu  ihnen  kam.  Und offenbar erwarteten sie keinerlei Schwierigkeiten durch  das Renegaten‐Geschwader…  Er  wechselte  wieder  zu  der  allgemeinen  Renegaten‐ Frequenz. »Alle Kurs halten«, befahl er und steuerte seinen X‐

Flügler  auf  Renegat  Neun  zu.  »Vor  allem  Sie,  Renegat  Neun.  Ich fliege dicht an Sie heran.«  Eine Minute  später flogen sie  in  einer  engen Paradeformati‐ on; die Zwillingslaser an Wedge’ Flügelspitzen auf der Steuer‐ bordseite berührten beinahe die Unterseite von Renegat Neuns  Rumpf.  »Also  schön«,  sagte  er  und  kam  behutsam  noch  ein  paar Zentimeter näher. »Sie sehen meine Steuerbordflanke; ich  habe Sie an Backbord. Jetzt schauen Sie sich mal rasch um und  stellen  Sie  fest,  ob  Sie  irgend  etwas  entdecken  können,  das  nicht hier sein sollte. Falls nicht, wechseln wir die Seiten.«  »Nicht  nötig«,  entgegnete  Renegat  Neun  mit  angespannter  Stimme.  »Da  ist  es:  ein  schmaler  Zylinder,  der  vertikal  zwi‐ schen den S‐Flügel liegt, unmittelbar vor den Energieleitungen  der Laser.«  »Sie  haben  auch  so  ein  Ding«,  knurrte  Wedge.  Nun,  da  er  wußte, wo er hinschauen mußte, war das zusätzliche Teil nicht  mehr zu übersehen. »Zehn zu eins, daß das ganze Geschwader  mit so einer hinterhältigen Falle bestückt wurde.«  »Na gut, dann schließen wir die S‐Flügel eben nicht«, meinte  Renegat zwei. »Wir können doch trotzdem feuern, oder?«  »Ich  glaube  nicht,  daß  wir  es  versuchen  sollten«,  warnte  Wedge,  warf  dem  unschuldig  anmutenden  Zylinder  einen  ernsten  Blick  zu  und  legte  die  Stirn  in  Falten.  »Genaugenom‐ men…  Corran,  legen  Sie  sich  mal  ein  paar  Grad  nach  steuer‐ bord, ja?«  Der Rumpf von Renegat Neun rollte langsam von ihm weg.  »Ich  hatte  recht«,  spie  Wedge  zutiefst  angewidert  aus.  »Die  Oberseite  des  Zylinders  verzweigt  sich  in  zwei  Richtungen;  eine führt in die Servoleitung des Flügels, die andere sieht aus, 

als stecke sie genau in der Energieleitung des Lasers. Ich ver‐ mute, das Schließen der S‐Flügel und das folgende Feuern set‐ zen die Laser außer Kraft. Oder Schlimmeres.«  Renegat Zwölf fluchte inbrünstig. »Das müssen diese beiden  Leresai  in  der  Di’tai’ni‐Mechanikercrew  gewesen  sein,  die  ständig  da  herumhingen«,  meinte  er.  »Also,  was  machen  wir  jetzt? Versuchen wir sie zu bluffen?«  Wedge  blickte  zu  den  Raumschiffen  der  Leresai  hinaus.  Sie  hatten  sich  unterdessen  in  Bewegung  gesetzt  und  begannen,  rund  um  die  Verarbeitungsstation  Stellung  zu  beziehen,  die  ohnmächtig  auf  sie  zuraste.  »Keine  Chance«,  sagte  er  leise.  »Die wissen längst, daß wir aus dem Rennen sind.«  Und so sahen sie also hilflos zu, wie die Leresai sich daran‐ machten,  die  Station  schnell,  wirkungsvoll  und  systematisch  zu  zerstören.  Dabei  nahmen  sie  zwanzig  unschuldige  Leben  als Gegenleistung für die Schuldigen.  Als  der  Rest  der  Einsatzkräfte  des  Wanderfalken  eintraf,  war  bereits alles vorbei…  … oder, um genauer zu sein, es hatte gerade erst begonnen.    »Es  hat  angefangen«,  verkündete  Leia  trostlos,  nachdem  sie  die  Tür  des  Apartments  hinter  sich  abgeschlossen  und  sich  neben Han auf die Couch hatte sinken lassen. »Die Schießerei  hat angefangen.«  »Ja, hab’ ich gehört«,  erwiderte Han düster und wirkte sehr  besorgt, als er den Arm um sie legte. »Was wird der Senat da‐ gegen unternehmen?«  »Die  meiste  Zeit  herauszufinden  versuchen,  was  er  unter‐

nehmen kann«, erklärte Leia.  »Was gibt es da groß herauszufinden?« fragte Han. »Die Le‐ resai haben einundzwanzig Bothans niedergemetzelt, ganz zu  schweigen  davon,  daß  sie  auch  noch  eine  funktionstüchtige  Raumstation  auseinandergenommen  haben.  Kann  Gavrisom  nicht  einfach  befehlen,  Anklage  gegen  die  Leresen‐Regierung  zu erheben?«  »Ich  wünschte,  es  wäre  so  einfach«,  sagte  Leia.  »Bedauerli‐ cherweise ist es das aber nicht. Drei der Räte haben bereits be‐ kanntgegeben,  daß  sie  gegen  eine  derartige  Resolution  stim‐ men werden, mit der Begründung, daß wir gegen die Bothans  keine ähnlichen Forderungen nach Wiedergutmachung wegen  der Zerstörung von Caamas erhoben hätten.«  »Aber  das  ist  nicht  das  gleiche«,  beharrte  Han.  »Eigentlich  sind  die  beiden  Fälle  genau  entgegengesetzt.  Die  Leresai  ha‐ ben Unschuldige getötet; bei der Caamas‐Sache geht es jedoch  darum, keine Unschuldigen zu bestrafen.«  »Wir  haben  aber  auch  nicht  verlangt,  daß  die  Bothans  die  Wächter  bestrafen,  die  auf  die  Unruhestifter  geschossen  ha‐ ben«, erinnerte Leia ihn.  Sie spürte das Aufflackern herber Verlegenheit bei ihm. »Ja‐ ah«, grollte er. »Wegen mir.«  Leia  drückte  ermutigend  sein  Knie.  »Nicht  bloß  wegen  dir,  Lieber«, entgegnete sie. »Die Position des Rats ist die, daß die  Handlungsweise der Wächter als Selbstverteidigung zu sehen  ist. Zu unserem Unglück sieht das nicht jeder so.«  Han rümpfte die Nase. »Clandenken.«  »Ja,  ich  weiß«,  gab  Leia  zurück.  »Für  mich  ergibt  es  auch  keinen  Sinn,  einen  Verwandten  oder  einen  Angehörigen  des 

Clans  für  die  Handlungen  von  jemand  anderem  verantwort‐ lich  zu  machen.  Aber  die  Realität  ist,  daß  Verantwortlichkeit  der Familie oder dem Clan gegenüber zu den zentralen Glau‐ benssätzen zahlreicher Kulturen da draußen zählen.«  »Kann sein«, räumte Han ein. »Aber du mußt trotzdem den  Leresai eine Lektion erteilen. Wenn du es nicht tust, wird das  jeden  anderen  ermutigen,  der  einen  Groll  gegen  die  Bothans  hegt.«  »Das  ist  bereits  geschehen«,  erklärte  Leia,  und  ein  Schauer  überlief  sie.  »Ein  Dutzend  weitere  Regierungen  haben  beim  Senat  die  schriftliche  Ankündigung  eingereicht,  daß  sie  ihre  eigenen Listen mit Forderungen an die Bothans vorlegen wer‐ den.«  Han  gab  einen  rauhen,  schnaubenden  Laut  von  sich.  »Du  weißt  sehr  gut,  wie  sehr  ich  die  Bothans  schätze,  Süße,  aber  das hier wird allmählich lächerlich. Ich nehme an, Fey’lya for‐ dert lautstark Schutz von Gavrisom.«  »Das  muß  er  gar  nicht«,  teilte  Leia  ihm  mit.  »Die  Diamala  und die Mom Calamari haben verkündet, daß sie Raumschiffe  nach Bothawui entsenden wollen, um jede weitere Aggression  zu unterbinden.«  Han pfiff verhalten. »Du machst Witze. Was für Raumschif‐ fe?«  »Große«, gab Leia zurück. »Sternkreuzer der Mon Cal, einige  Schlachtschiffe  der  Nebula‐  und  Endurance‐Klasse  von  den  Diamala. Sie behaupten, die Rechte der Unschuldigen zu ver‐ teidigen. Andere meinen, sie seien lediglich die jüngsten Opfer  der Manipulationen durch die Bothans.«  »Dafür  würde  ich  auch  stimmen«,  sagte  Han.  »Hat  Bel  Iblis 

eigentlich  schon  bewiesen,  daß  die  Bothans  hinter  dieser  er‐ fundenen Bitte um Vermittlung durch die Di’tai’ni stecken?«  »Nicht  bewiesen,  aber  er  selbst  hat  keinen  Zweifel,  daß  die  ganze  Sache  eine  List  war,  um  ihn  und  seine  Einsatzkräfte  in  der Nähe von Bothawui zu binden, damit er schnell eingreifen  konnte«, sagte Leia und schnitt ein Gesicht. »Zwischen dieser  Sache und der Sabotage der Laser des Renegaten‐Geschwaders  durch die Leresai…«  »Was, haben die das etwa zugegeben?«  »Nicht  bloß  zugegeben,  sie  waren  auch  noch  stolz  darauf«,  entgegnete Leia. »Sie halten es für ein Höchstmaß an Ehre zu  verhindern,  daß  Außenseiter  in  einer  ihrer  Streitigkeiten  zu  Schaden kommen.«  Han schnaubte. »Ich wette, Wedge war echt begeistert.«  »Er und Garm stehen kurz davor, Blasterblitze zu spucken«,  sagte  Leia.  »Garm  hat  Gavrisom  rundheraus  erklärt,  daß  die  Neue Republik nicht den Fußabtreter bei irgend jemandes po‐ litischen Spielen abgeben wird.«  »Klingt  wie  ein  Zitat  aus  erster  Hand«,  meinte  Han.  »Hier,  dreh dich mal ein Stück herum.« Er zog den Arm hinter ihrem  Nacken hervor und begann, ihre Schultern zu massieren.  »Das  war  es  auch«,  erwiderte  Leia,  die  spürte,  wie  ihre  an‐ gespannten  Muskeln  unter  dem  Druck  von  Hans  Fingerspit‐ zen  widerstrebend  nachgaben.  »Das  fühlt  sich  hervorragend  an.«  »Gut.  Das soll  es  nämlich  auch«,  antwortete  Han  mit  einem  Anflug erzwungenen Humors. »Weißt du, sich mit jemandem  wie  Bel  Iblis  anzulegen,  war  nicht  sehr  schlau  von  den  Bo‐ thans.« 

»Ich  bin  sicher,  sie  wissen  das«,  pflichtete  Leia  ihm  bei.  »Es  zeigt, wie verzweifelt sie allmählich werden.«  Sie  spürte  die  Seitwärtsbewegung,  als  Han  den  Kopf  schüt‐ telte.  »Das  ist  doch  verrückt,  Leia.  Macht  sich  denn  niemand  Sorgen darüber, daß Thrawn zurück ist?«  »Natürlich  nicht«,  antwortete  Leia.  »Die  Hälfte  von  ihnen  glaubt  kein  Wort  von  alledem  –  sie  denken,  die  Diamala  hät‐ ten  die  ganze  Sache  zum  Kochen  gebracht,  damit  jedermann  genug Furcht bekommt, um die Bothans vom Haken zu lassen.  Und  die  andere  Hälfte  räumt  ein,  es  könnte  was  dran  sein,  sieht  aber  keine  Gefahr,  daß  das  Imperium  zu  einer  Bedro‐ hung für sie werden könnte.«  »Dann  sind  sie  alle  miteinander  Narren«,  brummte  Han.  »Thrawn führt irgend etwas im Schilde. Ich wette den Falken,  daß es so ist.«  »Da stimme ich dir zu«, erwiderte Leia seufzend. »Anderer‐ seits muß er in dieser Situation fast gar nichts mehr unterneh‐ men. Die Neue Republik löst sich rapide in hundert verschie‐ dene  bewaffnete  Lager  auf,  und  alle  stehen  sich  wegen  des  Caamas‐Themas kampfbereit gegenüber.«  »Können  die  Caamasi  nicht  irgend  etwas  tun,  um  damit  Schluß  zu  machen?«  erkundigte  sich  Han.  »Sie  können  das  doch nicht wollen.«  »Natürlich  nicht«,  antwortete  Leia.  »Aber  du  mußt  verste‐ hen,  daß  Caamas  mittlerweile  mehr  zu  einem  Vorwand  ge‐ worden  ist.  Alle  behaupten,  ihnen  lägen  die  Interessen  von  Caamas  und  die  Gerechtigkeit  am  Herzen,  doch  viele  benut‐ zen  dies  bloß  als  eine  Art  Kriegsgeschrei,  während  sie  alte  Rechnungen begleichen.« 

»Ja«, sagte Han säuerlich. »Was also unternehmen wir?«  »Wir  können  nur  eines  tun«,  entgegnete  Leia.  »Wir  müssen  ihnen  den  Vorwand  nehmen;  und  das  bedeutet,  daß  wir  die  Namen  jener  Bothans  erfahren,  die  wirklich  beteiligt  waren,  und sie vor Gericht stellen.«  In  Hans  Gefühlen  vollzog  sich  eine  kaum  merkliche  Verän‐ derung. »Ja«, sagte er. »Nun… Karrde versucht genau das.«  Leia runzelte die Stirn. »Hast du heute mit ihm gesprochen?  Ich dachte, er hätte Coruscant bereits verlassen.«  »Soweit ich weiß, hat er das auch«, gab Han zurück. »Nein,  ich habe bloß unter einer Handvoll Schmugglern, die ich ken‐ ne, die Nachricht ausgestreut, daß ich mit Mazzic reden will.«  »Und worüber?«  »Ich  will  herausfinden,  ob  diese  Shada  D’ukal  wirklich  für  ihn  gearbeitet  hat«,  erklärte  er.  »Und  aus  welchem  Grund  sie  gegangen ist.«  Leia lächelte. »Du machst dir doch keine Sorgen um Karrde,  oder?«  »Nein«,  protestierte  Han.  »Natürlich  nicht.  Der  kann  schon  auf sich selbst aufpassen.«  »Schon  gut,  Liebling«,  besänftigte  sie  ihn  und  tätschelte  abermals sein Bein. »Ich mag ihn auch.«  »Ich mag ihn eigentlich gar nicht so recht«, widersprach Han  erneut.  »Ich  finde,  er  kann  einem  manchmal  ganz  schön  auf  die Nerven gehen.«  »Das  konntest  du  früher  auch,  Lieber«,  erinnerte  Leia  ihn.  »Eigentlich  kannst  du  es  immer  noch.  Weißt  du,  manchmal  denke  ich,  Karrde  ist  so,  wie  du  sein  würdest,  wenn  du  dich 

nicht der Rebellion angeschlossen hättest.«  »Kann sein«, meinte Han. »Abgesehen von dem Bart.«  »Der  Macht  sei  Dank  für  die  kleinen  Annehmlichkeiten«,  kommentierte Leia trocken. »Wie dem auch sein mag, so habe  ich den Tag verbracht. Was hast du den ganzen Tag getrieben,  mal  davon  abgesehen,  daß  du  mit  Schmugglern  geplaudert  hast?«  »Größtenteils  mit  Nachdenken«,  antwortete  er.  »Ich  habe  darüber nachgedacht, daß es höchste Zeit ist, daß wir mal für  eine Weile verschwinden.«  »Das ist ein schöner Gedanke«, sagte Leia leise, »aber Gavri‐ som  würde  einen  Anfall  bekommen,  wenn  ich  versuchen  würde, ausgerechnet jetzt zu verschwinden.«  »Das  allein  wäre  es  ja  vielleicht  wert«,  meinte  Han.  »Ich  glaube nicht, schon mal erlebt zu haben, daß Puffers einen An‐ fall bekommt.«  Leia  lächelte.  »Ich  weiß  den  Vorschlag  zu  schätzen,  Han,  wirklich. Aber du weißt, es geht nicht.«  »Du gibst zu leicht auf«, tadelte er sie ungerührt. »Ich wette  mit dir, daß ich etwas arrangieren könnte.«  Leia zog sich von der Massage zurück und wandte sich ihm  mit einem Stirnrunzeln zu. Gerade hatte sich wieder eine Ver‐ änderung in seinen Gefühlen vollzogen.  »Mal  angenommen,  ich  nehme  die  Wette  an«,  begann  sie  mißtrauisch,  »würdest  du  mir  dann  erzählen,  was  du  heute  noch gemacht hast?«  Er  bedachte  sie  mit  einem  seiner  unschuldigen  Blicke.  »Ich?  Oh, nicht viel. Nimmst du die Wette an oder nicht?« 

»Hör  auf  damit,  Han«,  entgegnete  sie  und  verlieh  ihrem  Blick  einen  einschüchternden  Ausdruck.  »Wohin  hast  du  uns  einen Flug gebucht?«  Wie immer prallte ihr einschüchternder Blick ohne merkliche  Wirkung von ihm ab. »An keinen besonderen Ort«, antwortete  er; unter all der Unschuld lauerte jetzt ein Grinsen. »Ich dachte  bloß,  wir  könnten  eine  kleine  Spritztour  in  den  Kanchen‐ Sektor unternehmen. Nach Pakrik Major, um genau zu sein.«  Leia  kramte  in  ihrem  Gedächtnis.  Sie  hatte  vom  Kanchen‐ Sektor  gehört  und  erinnerte  sich  dunkel  an  Pakrik  Major  als  das  Zentrum  des  Sektors.  Aber  das  war  es  auch  schon.  »Was  gibt es da draußen, das uns interessiert«, fragte sie.  »Absolut  nichts«,  versicherte  Han  ihr.  »Nun,  ich  meine,  au‐ ßer  einer  jährlichen  Sektoren‐Konferenz,  der  eine  hohe  Amts‐ trägerin der Neuen Republik unbedingt beiwohnen sollte. Du  weißt schon – diplomatische Höflichkeit und das alles.«  Sie  seufzte.  »Und  welche  Krise  durchleben  sie  gegenwärtig,  in der ich vermitteln soll?«  »Das ist ja das Schöne daran«, gab Han zurück, der jetzt un‐ verhohlen grinste. »Es gibt keine. Da draußen ist es echt fried‐ lich. Wir sitzen ein paar langweilige Versammlungen aus, und  anschließend  machen  wir uns auf in die Stille  und  ruhen uns  aus.«  »Du meinst, es gibt irgendwo dort Stille für uns?«  »Die  gibt  es«,  erwiderte  Han.  »Pakrik  Major  besitzt  einen  Zwillingsplaneten, Pakrik Minor, wo es nichts gibt außer Far‐ men,  einer  Handvoll  Ferienorte  und  jeder  Menge  nicht  kulti‐ vierter Landschaft.«  Das hörte sich immer besser an. »Farmen, sagst du?« 

»Obst und Hochkorn  zumeist«, erklärte  Han nickend.  »Und  Wälder  und  Berge  und  soviel  Stille,  wie  du  willst.  Und  hier  muß ja niemand wissen, daß wir verreisen.«  Leia  seufzte.  »Außer  Gavrisom«,  sagte  sie  und  spürte  einen  Anflug von Bedauern. »Und der wird niemals einwilligen.«  Hans Grinsen wurde selbstgefällig. »Klar wird er. Es ist näm‐ lich so, ich habe ihn heute nachmittag angerufen und alles mit  ihm abgesprochen. Ihm gefällt die Idee.«  Sie blinzelte. »Ihm gefällt die Idee?«  »Na ja, vielleicht gefällt sie ihm nicht gerade«, schränkte Han  ein. »Aber er läßt uns reisen, und darauf kommt es schließlich  an. Richtig?«  »Richtig«,  entgegnete  Leia  und  betrachtete  ihn  genau.  »Das  war aber noch nicht alles, oder?«  Han zuckte die Achseln. »So direkt und geradeheraus hat er  das  nicht  gesagt«,  gab  er  widerwillig  zu,  »aber  ich  hatte  den  Eindruck,  daß  er  nichts  dagegen  hätte,  wenn  wir  beide  eine  Zeitlang von der Bildfläche verschwinden würden.«  »Obwohl Thrawn im Anmarsch ist?«  Han  schnitt  ein  Gesicht.  »Vor  allem,  weil  Thrawn  im  An‐ marsch ist.«  Leia seufzte abermals und schlang die Arme um seinen Hals.  Sie hätte wissen müssen, daß etwas in der Art dahintersteckte.  Die Kontroverse um die Schüsse auf Bothawui, die Han immer  noch anhafteten, sowie ihre eigene Unterstützung von Landos  unbewiesener Behauptung, Thrawn gesehen zu haben, hatten  sie  beide  zu  einer  politischen  Peinlichkeit  gemacht.  Kein  Wunder  also,  daß  Gavrisom  sich  auf  die  Chance  stürzte,  sie 

eine  Weile  der  Aufmerksamkeit  der  Öffentlichkeit  zu  entzie‐ hen. »Es tut mir leid, Han«, sagte sie entschuldigend. »Ich stel‐ le immer eine Frage zuviel, wie?«  »Schon  gut,  Süße«,  antwortete  er  und  zog  sie  fest  an  sich.  »Wir müssen ja niemanden daran kratzen lassen, weißt du? Es  war unsere Idee, Ferien zu machen, ganz gleich, wie die ande‐ ren darüber denken.«  Leia lächelte dünn. »Du kannst mich nicht raus werfen, also  ziehe ich aus«, zitierte sie ein altes Scherzwort.  »So  ungefähr«,  sagte  er.  »Ich  habe  mit  Chewie  gesprochen,  und es ist  absolut kein Problem, die Kinder  noch ein  bißchen  länger auf Kashyyyk zu lassen. So haben wir beide ein wenig  mehr Zeit.«  Leia  lächelte  erneut.  »Weißt  du,  das  habe  ich  mir  auch  ge‐ sagt,  als  Gavrisom  uns  nach  Bothawui  geschickt  hat«,  sagte  sie. »Du weißt ja selbst, was daraus wurde.«  »Na ja, aber diesmal wird es klappen«, erwiderte Han zuver‐ sichtlich.  »Keine  Bothans,  keine  Unruhen,  niemand,  der  auf  uns schießt. Versprochen.«  »Ich nehme dich beim Wort«, warnte sie ihn und befreite sich  für einen kurzen Kuß aus der Umarmung. »Wann reisen wir?«  »Sobald  du  gepackt  hast«,  antwortete  er  und  drückte  ihren  Arm. »Und beeile dich – ich habe schon seit Stunden gepackt.«  »Jawohl, Sir«, gab Leia in gespieltem Ernst zurück, als sie be‐ reits aufstand und zu ihrem Schlafzimmer lief. Ein wenig Zeit  fernab von allen Problemen und Streitigkeiten. Ja, das war ge‐ nau das, was sie brauchte.  Die  Hochkorn‐Farmen  von  Pakrik  Minor.  Sie  konnte  es 

kaum erwarten. 

24. Kapitel    Die  Scouts  hatten  die  vergangenen  achtundzwanzig  Stunden  damit  zugebracht,  das  System  zu  durchkämmen;  und  als  sie  zurückkehrten, erstatteten sie genau den Bericht, den Admiral  Pellaeon  erwartet  hatte.  Abgesehen  von  der  Schimäre  selbst  war  das  Pesitiin‐System  so  verlassen,  wie  eine  Region  im  Weltraum nur sein konnte.  »Ich  würde  ohne  weitere  Überlegung  sagen,  Sir,  er  hat  Ihr  Angebot  abgelehnt«,  sagte  Captain  Ardiff,  der  auf  der  Kom‐ mandogalerie des Sternzerstörers neben Pellaeon trat.  »Vielleicht«, erwiderte dieser und blickte aus der Aussichts‐ luke  auf  die  Sterne.  »Es  ist  aber  auch  gut  möglich,  daß  mein  Zeitplan  ein  wenig  zu  optimistisch  war.  General  Bel  Iblis  hat  vielleicht Probleme, die Hierarchie der Neuen Republik davon  zu  überzeugen,  daß  es  zu  ihrem  eigenen  Wohl  wäre,  mit  mir  zu reden.«  »Oder  er  hat  Schwierigkeiten,  eine  genügend  große  Streit‐ macht  zusammenzubringen,  um  es  mit  einem  imperialen  Sternzerstörer  aufzunehmen«,  meinte  Ardiff  unheilverkün‐ dend.  »Es  kommt  mir  vor,  als  könnte  das  alles  ein  riesiges  Rachnid‐Netz sein, und wir lassen uns bequem in dessen Mitte  nieder.«  »Entspannen Sie sich, Captain«, beruhigte Pellaeon den jün‐ geren  Mann.  Ungeachtet  all  seiner  glänzenden  militärischen  Fähigkeiten  besaß  Ardiff  die  fatale  Neigung,  unzusammen‐ hängendes  Zeug  zu  reden,  wenn  er  nervös  war.  »Bel  Iblis  ist 

ein  Ehrenmann.  Er  würde  meine  Einladung  nicht  auf  diese  Weise verraten.«  »Ich meine mich zu erinnern, daß er einst ebenso ein außer‐ gewöhnlich ehrgeiziger Mann war«, konterte Ardiff. »Und im  Moment  scheint  er  unter  der  Plage  all  der  anderen  Generäle  und  Admirale,  die  das  Militär  der  Neuen  Republik  heimsu‐ chen,  ein  wenig  unterzugehen.  Es  könnte  einem  ehrgeizigen  Mann leicht in den Sinn kommen, daß Sie zu fangen seine Po‐ sition dramatisch erhöhen würde.«  Pellaeon lächelte. »Ich würde gerne glauben, daß ich nach all  den Jahren immer noch ein so wertvoller Fang bin«, entgegne‐ te er. »Aber ich glaube kaum, daß dies noch der Fall ist.«  »Sie können sich so bescheiden geben, wie Sie wollen, Admi‐ ral«, sagte Ardiff und blickte unbehaglich in den von Sternen  erleuchteten Himmel. »Aber im Augenblick sind Sie der einzi‐ ge Faktor, der das Imperium noch zusammenhält.«  Auch  Pellaeon  betrachtete  die  Sterne.  »Oder  die  einzige  Chance, die wir haben zu überleben«, fügte er leise hinzu.  »Wie auch immer Sie darüber denken mögen, Sir«, fuhr Ar‐ diff fort, und ein scharfer Unterton schlich sich in seine Stim‐ me.  »Die  Tatsache  bleibt,  daß  Colonel  Vermel  aufgebrochen  ist, um Ihre Botschaft zu überbringen, und daß er nie zurück‐ gekehrt ist. Warum?«  »Ich weiß es nicht«, mußte Pellaeon zugeben. »Ich nehme an,  Sie haben eine Theorie?«  »Ja, Sir, dieselbe Theorie, die ich bereits hatte, bevor wir Ya‐ ga  Minor  verließen«,  antwortete  Ardiff.  »Ich  denke,  Vermel  hat etwas in Erfahrung gebracht, entweder von Bel Iblis selbst  oder er hat etwas mit angehört, das jemand anderer gesagt hat. 

Und was immer er gehört hat, machte es für Bel Iblis notwen‐ dig, ihn irgendwo einzusperren, von wo aus er nicht mit Ihnen  kommunizieren kann. Das würde bedeuten, daß wir im besten  Fall unsere Zeit vergeuden, und im schlimmsten in eine Falle  gehen.«  »Immer  noch  ein  lohnendes  Spiel,  Captain«,  erwiderte  Pel‐ laeon  leise.  »Wir  geben  Bel  Iblis  noch  ein  paar  Tage,  sich  zu  zeigen. Danach…«  »Admiral  Pallaeon?«  rief  der  Sensoroffizier  aus  dem  Mann‐ schaftsschacht  an  Steuerbord.  »Schiffe  nähern  sich,  Sir.  Es  scheinen  acht  zu  sein;  sie  nähern  sich  auf  dem  Vektor  eins‐ sechs‐vier zu fünfzig‐drei.«  Pellaeon spürte, wie sich ihm die Kehle zusammenschnürte.  »Identifizierung?« fragte er, wobei er versuchte, seine Stimme  gelassen klingen zu lassen.  »Vier  sind  corellianische  Kanonenboote«,  rief  eine  andere  Stimme. »Das große ist ein Kaloth‐Schlachtkreuzer – sieht aus,  als  wäre  das  Schiff  gründlich  umgebaut  worden.  Drei  sind  Telgorn‐Angriffsboote  der  Friedensstifter‐Klasse.  IDs…  unbes‐ timmt.«  »Was meinen Sie mit unbestimmt?« wollte Ardiff wissen.  »Ihre IDs passen zu nichts in den Registern«, antwortete der  Offizier.  »Ich  führe  eine  Überprüfung  der  Überlagerungen  durch. Mal sehen, ob ich sie kenntlich machen kann.«  »Getarnte Raumschiffe«, stellte Ardiff düster fest.  »Schmuggler  benutzen  ebenfalls  ID‐Überlagerungen«,  erin‐ nerte  Pellaeon  ihn.  »Außerdem  Piraten  sowie  einige  Söldner‐ gruppen.« 

»Ich weiß das, Sir«, gab Ardiff zurück. »Ich weiß aber auch,  daß es in diesem System herzlich wenig gibt, was diese Leute  wollen könnten.«  »Das  ist  ein  Argument«,  gab  Pellaeon  zu.  »Kommunikati‐ onsoffizier,  übermitteln  Sie  unsere  Identifikation  und  bitten  Sie um die ihre.«  »Identifikation  übermittelt«,  meldete  der  andere.  »Keine  Antwort.«  »Die sich nähernden Raumschiffe haben den Kurs geändert«,  rief  der  Sensoroffizier.  »Sie  befinden  sich  jetzt  auf  Abfang‐ kurs.«  Ardiff  ließ  ein  angespanntes  Zischen  zwischen  den  Zähnen  entweichen. »Ruhig, Captain«, riet Pellaeon ihm. »Lieutenant,  geben Sie mir einen vollständigen Sensorscan der näher kom‐ menden  Raumschiffe.  Besonders  Waffenkapazitäten  und  Rumpfmarkierungen.«  »Verstanden, Sir…«  »Admiral!«  unterbrach  ihn  eine  andere  Stimme.  »Die  sich  nähernden  Raumschiffe  haben  eine  Angriffsformation  gebil‐ det.«  »Ich  glaube,  Admiral«,  sagte  Ardiff  mit  schroffer  Stimme,  »da haben wir Bel Iblis’ Antwort.«  Pellaeon  ballte  an  seiner  Seite  die  Linke  zur  Faust.  »Irgend‐ welche Kennzeichen am Rumpf, Lieutenant?« rief er.  »Das Ergebnis kommt jetzt, Sir… ja, Sir. Es gibt welche. Die  Kanonenboote  tragen  die  Insignien  der  Corellianischen  Ver‐ teidigungsflotte. Die anderen… auch, Sir.«  »Danke«,  murmelte Pellaeon.  Er  konnte Ardiffs Augen spü‐

ren  –  und  die  Hitze,  die  der  Zorn  des  anderen  ausstrahlte.  »Captain, Sie bereiten die Schimäre besser auf den Kampf vor.«  »Ja, Sir.« Ardiff drehte sich halb zum Mannschaftsschacht an  Backbord um. »Alle Piloten zu ihren Jägern«, befahl  er. »Hal‐ ten Sie sich bereit, auf mein Kommando zu starten. Deflektor‐ schilde  aktivieren;  Energie  auf  alle  Turbolaser  und  fertig  ma‐ chen.«  »Und Traktorstrahlen«, fügte Pellaeon leise hinzu.  Ardiff warf ihm einen verwirrten Blick zu. »Sir?«  »Vielleicht,  wollen  wir  eines  oder  mehrere  dieser  Schiffe  an  Bord holen«, erläuterte Pellaeon. »Oder Teile der Trümmer.«  Ardiffs  Mundwinkel  zuckten.  »Ja,  Sir.  Sämtliche  Traktor‐ strahlen aktivieren.«  Pellaeon  trat  ein  paar  Schritte  näher  an  die  vordere  Aus‐ sichtsluke  heran  und  bewegte  sich  damit  von  dem  anschwel‐ lenden Summen der Aktivitäten in den Mannschaftsschächten  und  der  Achterbrücke  weg.  Konnte  das  da  draußen  wirklich  Bel Iblis sein, der sich in voller Schlachtordnung auf die Schi‐ märe stürzte?  Nein. Lächerlich.  Er  war Bel Iblis niemals persönlich  begeg‐ net,  aber  alles,  was  er  jemals  über  den  Mann  gelesen  hatte,  wies auf einen ausgeprägten Sinn für Ehre und Würde hin. Ein  solcher  Mann  würde  keine  feige  und  hinterhältige  Attacke  durchführen – nicht als Entgegnung auf eine ehrliche Bitte um  Verhandlungen.  Sogar  in  den  Schlachten,  in  denen  Bel  Iblis  gegen Großadmiral Thrawn unterlegen war, hatte er sich diese  Würde bewahrt.  Seine Schlachten gegen Thrawn… 

Pellaeon  lächelte  dünn.  Ja,  das  war  es.  Ein  Weg,  vielleicht,  um  herauszufinden,  ob  es  wirklich  Bel  Iblis  war,  der  diese  bunt gemischte Angriffsflotte da draußen anführte.  Er  spürte  einen  Lufthauch  an  seiner  Seite.  »Möglicherweise  ist  er  bloß  vorsichtig«,  meinte  Ardiff.  Die  Worte  drangen  mit  unverkennbarem Widerstreben aus seinem Mund. »Die Über‐ lappung  der  Schutzschilde,  die  eine  Angriffsformation  wie  diese  mit  sich  bringt,  dient  gleichzeitig  deren  Verteidigung.  Außerdem will er vielleicht einfach seine Identität nicht preis‐ geben, bis er näher herangekommen ist.«  Pellaeon betrachtete den jungen Captain mit milder Verblüf‐ fung.  »Sie  beeindrucken  mich,  Captain«,  sagte  er.  »Eines  der  wichtigsten Attribute eines guten Kommandeurs ist die Fähig‐ keit, über die eigenen Erwartungen hinaus zu denken.«  »Ich  will  nur  fair  sein,  Sir«,  erwiderte  Ardiff  steif.  »Aber  nicht um das  Risiko  Ihres Schiffes willen. Wollen Sie,  daß ich  TIEs oder Preybirds aussetze?«  »Noch  nicht«,  sagte  Pellaeon  und  blickte  wieder  aus  der  Sichtluke.  Die  fremden  Raumschiffe  waren  jetzt  zu  sehen,  winzige Punkte, die rasend schnell größer wurden. »Was auch  immer  hier  geschehen  mag,  ich  möchte  klarstellen,  daß  wir  keinerlei Feindseligkeiten provoziert haben.«  Eine  lange  Minute  standen  sie  schweigend  nebeneinander  und  warteten.  Die  sich  nähernden  Raumschiffe  wurden  unentwegt größer…  Und  dann  schossen  sie  in  niedriger  Höhe  über  die  Schimäre  hinweg und bestrichen die Oberfläche des Sternzerstörers mit  einem Hagel aus Turbolaser‐Feuer. Sie zogen hoch und kamen  direkt  auf  die  Brücke  zu  –  irgendwer  in  einem  der  Mann‐

schaftsschächte  hinter  Pellaeon  schrie  vor  Überraschung  oder  Furcht auf.  Und  dann  waren  sie  verschwunden,  schwärmten  zu  beiden  Seiten um die Aufbauten herum aus und suchten das Weite.  Ardiff stieß zischend den Atem aus. »Ich denke, das beweist  ihre  Absichten,  Admiral«,  sagte  er;  seine  frühere  Nervosität  war  eiskalter  Professionalität  gewichen.  »Ich  bitte  um  die  Er‐ laubnis, sie anzugreifen.«  »Erlaubnis  erteilt«,  entgegnete  Pellaeon.  »Aber  nur  mit  Tur‐ bolasern.«  Ardiff warf ihm einen scharfen Blick zu. »Keine Jäger?«  »Noch nicht«, teilte Pellaeon ihm mit, der den Himmel nach  den  Angreifern  absuchte.  Wahrscheinlich  flogen  sie  nach  ih‐ rem verrückten Sturzflug achtern immer noch eine weite Keh‐ re. »Ich habe mit den Preybirds etwas anderes vor.«  Ardiff  sah  sich  rasch  um.  »Admiral,  bei  allem  schuldigen  Respekt,  ich  bitte  Sie  dringend,  das  noch  einmal  zu  überden‐ ken«,  sagte  er  dann  mit  einer  Stimme,  die  kaum  laut  genug  war, daß Pellaeon sie verstehen konnte. »Dieser Schlachtkreu‐ zer ist mit ernstzunehmenden Waffen vollgestopft. Er ist beim  ersten Mal zu schnell geflogen, um uns größere Schäden zuzu‐ fügen,  aber  diese  Art  Übermut  hält  meistens  nicht  lange  vor.  Wenn wir nicht die Jäger einsetzen, um sie auf Distanz zu hal‐ ten, dann fordern wir den Ärger geradezu heraus.«  »Ich verstehe Ihre Besorgnis, Captain«, erklärte Pellaeon. Die  Angreifer waren mittlerweile wieder in Sicht gekommen; ferne  Punkte, die beinahe lässig zu ihrem zweiten Anlauf wendeten.  »Aber  ich  habe  meine  Gründe.  Befehlen  Sie  den  Turbolaser‐ Batterien, sich bereitzuhalten.« 

Er  konnte  sehen,  wie  Ardiffs  Halsmuskeln  arbeiteten,  doch  der  Captain  reagierte  bloß  mit  einem  knappen  Nicken.  »Tur‐ bolaser‐Crews, bereithalten«, rief er barsch.  »Vertrauen  Sie  mir,  Captain«,  sagte  Pellaeon  leise.  Er  gab  sich Mühe, nicht zu lächeln, als seine Gedanken zehn Jahre in  die Vergangenheit zurückgingen. Damals war er der ernsthaf‐ te  Captain  gewesen,  der  auf  demselben  Deck  gestanden  und  auf  die  denkbar  diplomatischste  Weise  versucht  hatte,  seinen  Vorgesetzten  mitten  in  einer  angespannten  Gefechtssituation  zur  Vernunft  zu  bringen.  Er  hatte  natürlich  weit  mehr  Erfah‐ rung  als  Ardiff  gehabt,  aber  das  hatte  seine  Frustration  nur  beträchtlich verstärkt, als er hilflos dabeigestanden und zuge‐ sehen hatte, wie die Schimäre in die sichere Katastrophe steuer‐ te.  Und doch hatte Thrawn ihm nie einen Verweis für seine Un‐ verschämtheit  oder  seinen  Mangel  an  Verständnis  erteilt.  Er  hatte  lediglich  in  aller  Ruhe  weiter  seine  Pläne  verfolgt  und  die Ergebnisse für sich selbst sprechen lassen.  Pellaeon  konnte  nur  hoffen,  daß  die  Resultate  seiner  Pläne  auch nur halb so beredt sein würden.  Die Angreifer hatten ihre Kehre vollendet und wandten sich  wieder der Schimäre zu. »Da kommen sie«, rief der Sensoroffi‐ zier. »Es scheint, als würden sie dieses Mal von der Seite ang‐ reifen.«  »Sie  fürchten,  in  die  Kommandoaufbauten  zu  rasen«,  be‐ merkte Pellaeon. »Das muß bedeuten, daß eines oder mehrere  ihrer  Schiffe  beim  letzten  Mal  nicht  rechtzeitig  ausweichen  konnte.«  »Oder  sie  suchen  einfach  die  Abwechslung«,  brummte  Ar‐

diff; Enttäuschung brodelte unter den Worten.  Wieder  flackerten  Erinnerungen  auf,  und  wieder  unterd‐ rückte Pellaeon sorgsam ein Lächeln. Zu diesem Zeitpunkt, in  der  Hitze  des  Gefechts,  wäre  ein  Lächeln  etwas,  das  Ardiff  ganz gewiß nicht verstehen würde. »Turbolaser, bereit«, sagte  er. »Feuern Sie nach eigenem Ermessen.«  Die Angreifer sausten mit feuerspeienden Waffen auf sie zu.  Die  Turbolaser  der  Schimäre  erwiderten  das  Feuer,  und  ein  paar  Sekunden  lang  verwandelte  sich  der  Himmel  vor  der  Brücke in ein grelles Tableau aus grünem und rotem Feuer.  Und  dann  waren  die  Angreifer  verschwunden,  suchten  abermals das Weite, und die ehrfurchtgebietenden Waffen des  Sternzerstörers  schwiegen.  »Schadensmeldungen?«  rief  Pel‐ laeon.  »Nur  geringe  Schäden«,  drang  der  Bericht  aus  dem  Mann‐ schaftsschacht  an  Steuerbord.  »Drei  Zielerfassungssysteme  von Turbolasern in Quadrant eins wurden ausgeschaltet, und  wir  haben  einige  minimale  Hüllenbrüche  am  Bugkamm,  die  bereits versiegelt wurden.«  »Sie  versuchen,  sämtliche  Turbolaser  in  Quadrant  eins  aus‐ zuschalten«, murmelte Ardiff. »Sobald sie das geschafft haben,  kann  sich  der  Schlachtkreuzer  über  den  Bug  setzen  und  den  Rumpf unter Beschuß nehmen.«  »Das  scheint  ihre  Absicht  zu  sein«,  stimmte  Pellaeon  zu.  »Feindschäden?«  »Unbekannt,  aber  wahrscheinlich  minimal«,  meldete  der  Sensoroffizier. »Die überlappende Konfiguration ihrer Schutz‐ schilde ist ziemlich robust – es ist nicht leicht, da durchzusto‐ ßen.« 

»Aber  es  handelt  sich  in  erster  Linie  um  Strahlenschilde?«  wollte Pellaeon wissen.  »Ja,  Sir,  zumindest  bei  dem  Schlachtkreuzer«,  bestätigte  der  Offizier.  »Die  Kanonenboote  verfügen  außerdem  über  einige  schwache Partikelschilde.«  »Wir  werden  keine  große  Chance  haben,  sie  mit  Protonen‐ torpedos zu treffen, falls es das ist, woran Sie denken«, warnte  Ardiff.  »Im  Nahkampf  ist  ihre  Wendegeschwindigkeit  zu  hoch,  die  Torpedos  können  ihnen  nicht  mehr  folgen;  und  bei  jeder  größeren  Entfernung  haben  sie  alle  Zeit,  die  sie  brau‐ chen, um sie anzuvisieren und zu vernichten.«  »Ich weiß um die dazugehörige Taktik«, sagte Pellaeon mil‐ de. »Wir wollen doch mal sehen, ob wir das Manuskript nicht  ein  wenig  umschreiben  können.  Colonel  Bas,  befehlen  Sie  ei‐ nem  Preybird‐Geschwader,  auf  meinen  Befehl  zu  starten.  Ihr  Angriffsvektor…«   Er  verstummte  und  folgte  den  Angreifern  mit  den  Augen.  Sie hatten unterdessen den fernsten Punkt ihrer Kehre erreicht  und  wendeten  nun,  zu  einem  weiteren  Anflug.  »Angriffsvek‐ tor zwo‐drei zu sieben«, entschied er. »Sie werden diesen Kurs  in enger Paradeformation bis auf weitere Befehle beibehalten.«  Er konnte Ardiffs Blick spüren. »Paradeformation, Sir?« wie‐ derholte der Captain, der fraglos seinen Ohren nicht traute.  »Die  Überlappung  der  Schutzschilde  wird  dazu  beitragen,  sie vor feindlichem Feuer zu schützen«, erklärte Pellaeon.  »Aber  nicht  gut  genug«,  widersprach  Ardiff.  »Nicht  gegen  einen Kaloth‐Schlachtkreuzer auf Nahkampfdistanz.«  »Mit  ein  wenig  Glück  müssen  sie  gar  nicht  so  nah  heran«,  erwiderte Pellaeon. Genau wie bei ihren letzten beiden Anfra‐

gen, kamen die Angreifer genau auf sie zu. Perfekt. »Colonel,  setzen Sie das Jäger‐Geschwader in Marsch.«  »Verstanden«, antwortete Colonel Bas. »Jäger sind gestartet.«  Pellaeon wandte sich wieder der Aussichtsluke zu. Ein paar  Sekunden später erschienen die Preybirds unter dem Rand des  Schiffsrumpfs,  ein  Bündel  in  enger  Formation  angeordneter  Antriebsschweife,  das  pfeilgerade  auf  die  näher  kommenden  Angreifer  zuraste.  »Protonentorpedo‐Gruppe  acht,  bereithal‐ ten«,  rief  er.  »Alle  fünfzehn  Torpedos  in  einer  Sequenz  drei/fünf abfeuern, Kurs zwo‐drei zu sieben.«  Die  permanenten  Hintergrundgeräusche  auf  der  Brücke  schienen  plötzlich  zu  stocken.  »Sir?«  fragte  der  Feuerleitoffi‐ zier zögerlich. »Das ist derselbe Vektor…«  »Wie der unserer Preybirds«, beendete Pellaeon den Satz für  ihn. »Ja, ich weiß, Lieutenant. Sie haben Ihre Befehle.«  »Jawohl, Sir.«  »Feuern Sie die Torpedos erst auf mein Kommando ab«, fuhr  Pellaeon  unbeirrt  fort  und  beobachtete,  wie  die  Preybirds  ge‐ radewegs auf die sich nähernden Angreifer zurasten. Sie war‐ en fast da…  »Colonel  Bas,  befehlen  Sie  den  Preybirds,  bei  voller  Ge‐ schwindigkeit  auf  mein  Kommando  ein  Saggery‐Blüten‐ Manöver durchzuführen. Lieutenant, feuern Sie die Protonen‐ torpedos ab.«  »Torpedos abgefeuert«, bestätigte der andere, und unter dem  Bug  der  Schimäre  erschien  eine  Kolonne  enggeschnürter  Tor‐ bedoschweife, fünf Gruppen von je drei Torpedos, die mit ho‐ her Geschwindigkeit direkt auf die jetzt fernen Antriebsstrah‐ len der Preybirds zuhielten. 

Plötzlich tat Ardiff mit einem leisen Schnauben kund, daß er  verstanden hatte. »Ah ja, natürlich.«  »Natürlich«, pflichtete Pellaeon ihm bei und ließ die sich ent‐ fernenden Torpedos nicht aus den Augen. Er war sich des auf  Bruchteile von Sekunden beruhenden Timings, das hier erfor‐ derlich war, wohl bewußt.  »Colonel Bas… jetzt!«  Einen  einzigen  qualvollen  Augenblick  lang  geschah  über‐ haupt  nichts.  Dann  brachen  die  Preybirds  mit  der  Präzision  eines  Paradeflugs  aus  der  eng  gestaffelten  Formation  aus.  In  scharfen Kurven entfernten sie sich von ihrem ursprünglichen  Kurs  und  bildeten  kurz  die  stilisierte  Form  einer  Saggery‐ Blume,  während  sie  wendeten  und  wieder  auf  die  Schimäre  zuflogen.  Das  feindliche  Turbolaser‐Feuer,  das  auf  ihre  über‐ lappenden  Schilde  eingehämmert  hatte,  löste  sich  auf  und  nahm jetzt die einzelnen Jäger ins Visier…  Und  mit  einem  Aufblitzen strahlenden  Lichts prasselten  die  ersten  drei  Torpedos  in  die  ungedeckte  Mitte  des  Feindes,  brannten sich gleichsam ihren Weg zwischen den beiden füh‐ renden  Kanonenbooten  hindurch  und  prallten  genau  auf  den  Bug des Schlachtkreuzers.  Sogar  von  der  weit  entfernten  Schimäre  aus  war  die  Bestür‐ zung unter den angreifenden Schiffen augenblicklich deutlich  erkennbar.  Deutlich  erkennbar  –  und  vollkommen  nutzlos.  Noch  als  die  dicht  beieinander  fliegenden  Raumschiffe  sich  verzweifelt  bemühten,  einigen  Abstand  voneinander  zu  ge‐ winnen, schlug die zweite Gruppe Torpedos zu und blies eine  beeindruckende  Wolke  aus  zerschmetterten  Rumpfteilen  und  Transparistahl  ins  All.  Die  dritte  Gruppe  mußte  mit  einem 

Trümmerstück dieser zweiten Detonation zusammengestoßen  sein: Alle drei Torpedos explodierten verfrüht und ließen eines  der  ausweichenden  Kanonenboote  mit  aufgebrochenem  Rumpf wild in die Nacht trudeln.  Als die letzten drei Torpedos ihre Feuerkraft verbraucht hat‐ ten, war die Schlacht vorüber. Der große Schlachtkreuzer war  nur  noch  Schrott,  und  die  übrigen  Raumer  flohen  um  ihr  Le‐ ben.  »Brillant,  Admiral«,  sagte  Ardiff,  in  dessen  Stimme  sich  Be‐ wunderung  und  Verlegenheit  mischten.  »Ich,  äh,  es  tut  mir  leid, wenn…«  »Ich  verstehe,  Captain«,  versicherte  Pellaeon  ihm.  »Glauben  Sie es oder nicht, ich war auch schon mal an Ihrer Stelle.«  »Vielen  Dank,  Sir.«  Ardiff  deutete  auf  die  glühende  Wolke  brennender  Wrackteile.  »Soll  ich  ein  Team  rausschicken,  um  ein paar Trümmerteile einzusammeln? Auf diese Weise könn‐ ten wir vielleicht erfahren, wer das war.«  »Tun  Sie  das,  schicken  Sie  Ihr  Team  raus«,  entgegnete  Pel‐ laeon.  »Aber  ich  kann  Ihnen  jetzt  schon  sagen,  daß  es  nicht  General Bel Iblis war.«  »Wirklich?«  gab  Ardiff  zurück,  der  den  Blick  nicht  von  Pel‐ laeon  ließ,  während  er  den  Befehl  an  die  Crew  im  Mann‐ schaftsschacht  weiterleitete.  »Wie  können  Sie  da  so  sicher  sein?«  »Zunächst  einmal«,  begann  Pellaeon.  »Während  Ihr  Team  die  Trümmer  einsammelt,  möchte  ich,  daß  Sie  die  Aufzeich‐ nung  der  Schlacht  durch  den  Predictor  laufen  lassen.  Er  ist  doch noch immer online, oder?«  »Ja,  Sir«,  antwortete  Ardiff  und  lächelte  ein  dünnes,  ver‐

ständnisvolles Lächeln. »Deshalb haben Sie zugelassen, daß sie  ein  zweites  Mal  angeflogen  sind,  nicht  wahr?  Damit  wir  aus‐ reichend Daten bekamen, die der Predictor analysieren kann.«  »Genau«, erwiderte Pellaeon. »Das Gerät funktionierte nicht  besonders zuverlässig, als es darum ging, die Taktik eines bloß  angenommenen  Feindes  zu  berechnen;  stellen  wir  fest,  ob  es  umgekehrt  dazu  taugt,  aus  der  vorgegebenen  Taktik  Rück‐ schlüsse auf den Feind zu ziehen. Wenn wir Glück haben, gibt  er uns wenigstens einen Hinweis darauf, wer da draußen die‐ sen speziellen Kampfstil bevorzugt.«  »Und Sie sind sich sicher, daß es nicht Bel Iblis war?«  Pellaeon blickte hinaus auf die glühende Wolke. »Haben Sie  jemals von einem A‐Flügler‐Streich gehört, Captain?«  »Ich glaube nicht, Sir.«  »Das  ist  eine  Kampftechnik  der  Neuen  Republik«,  erklärte  Pellaeon  und  wandte  sich  ihm  wieder  zu.  »Sie  erfördert  ein  Höchstmaß an Präzision, aus diesem Grund wird sie auch nur  äußerst selten eingesetzt. Eine Gruppe Sternjäger, meistens X‐ Flügler,  fliegt  direkt  auf  die  Verteidigungslinie  zu,  die  ein  Großkampfschiff schützt. Erst in letzter Sekunde ändern die X‐ Flügler den Kurs, drehen ab und fliegen davon.«  »Ziemlich genau das, was unsere Preybirds gemacht haben.«  »Genau  das,  was  unsere  Preybirds  gemacht  haben«,  nickte  Pellaeon.  »Die  natürliche  Reaktion  der  Verteidiger  besteht  selbstverständlich  in  der  Annahme,  die  Angreifer  versuchten  ein  Umgehungsmanöver;  sie  wenden  und  verfolgen  den  Ge‐ gner. Aber was sie erst erkennen,  wenn es  bereits  zu  spät ist:  Unmittelbar  hinter  den  X‐Flüglern  fliegt  eine  Gruppe  A‐ Flügler, die von den X‐Flüglern und ihrem Antriebsstrahl ver‐

deckt wurde. Wenn sie diese zweite Welle entdecken, sind sie  schon viel zu weit ausgeschwärmt, um sie aufzuhalten; die A‐ Flügler  kommen  ohne  Probleme  zu  dem  jetzt  ungeschützten  Raumschiff durch.«  »Ziemlich schlau«, meinte Ardiff. »Ich verstehe, weshalb Sie  diese  Taktik  nicht  allzuoft  anwenden  würden,  obwohl  es  mit  Protonentorpedos  in  der  Rolle  der  A‐Flügler  doch  recht  gut  geklappt hat. Aber was hat das mit Bel Iblis zu tun?«  Pellaeon lächelte vage. »Ich habe in der Schlacht gekämpft, in  der er diesen Streich erfunden hat.«  Ardiff blinzelte überrascht, dann lächelte auch er. »Mit ande‐ ren Worten: Das ist keine Taktik, auf die er hereingefallen wä‐ re?«  »Um  keinen  Preis  in  der  Galaxis«,  stimmte  Pellaeon  zu.  »Aber  aufgrund  dieser  corellianischen  Kennzeichnungen  würde  ich  sagen,  da  gibt  sich  jemand  sehr  viel  Mühe,  uns  glauben zu machen, er wäre es.«  Ardiff wirkte ernüchtert. »Jemand vom Imperium?«  »Oder  jemand  von  der  Neuen  Republik«,  gab  Pellaeon  zu‐ rück. »Wir wissen, daß es auf unserer Seite Fraktionen gibt, die  den Frieden nicht wollen. Ich könnte mir denken, daß sie auf  der anderen Seite ihre Gegenstücke haben.«  »Wahrscheinlich«, erwiderte Ardiff. »Was also unternehmen  wir jetzt?«  »Wer  immer  diesen  Angriff  befohlen  hat,  wollte,  daß  wir  denken, Bel Iblis steckt dahinter«, sagte Pellaeon. »Die geringe  Stärke  dieser  Streitmacht  sowie  der  schnelle  und  schamlose  Rückzug  legen  nahe,  daß  es  dem  Verantwortlichen  eigentlich  gleichgültig war, ob  er wirklich  irgendwelche Schäden verur‐

sacht.  Es  muß  daher  sein  Ziel  gewesen  sein,  uns  von  hier  zu  vertreiben, bevor Bel Iblis eintreffen konnte.«  »Also bleiben wir?«  »Also  bleiben  wir«,  stimmte  Pellaeon  zu.  »Zumindest  noch  eine Weile.«  »Ja, Sir.« Ardiff zog eine Schnute. »Es ist Ihnen natürlich klar,  daß unser unbekannter Gegner vielleicht nicht so einfach auf‐ gibt. Er greift möglicherweise noch einmal an.«  Pellaeon wandte sich in Richtung der glühenden Trümmer.  »Soll er es doch versuchen.«      Fortsetzung folgt